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„Die Wurmlinger Kapelle“ – Nikolaus Lenau

„Freundlich schmiegt des Herbstes Ruh“ (Lenau) sich an die Wurmlinger Kapelle

„Freundlich schmiegt des Herbstes Ruh“ sich an die Wurmlinger Kapelle

Lenaus Weltschmerz

Vor zwei Wochen hatten wir in einem Beitrag eine Zeile aus Nikolaus Lenaus Gedicht über die Wurmlinger Kapelle drin. Auf Wunsch bringen wir deshalb heute das ganze Gedicht Lenaus.

Ich bin sicher, dass wir in der Schule Lenau durchgenommen haben, die Erinnerungen daran sind aber leider bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Bei Wikipedia lesen wir, dass der Österreicher Nikolaus Lenau (13. August 1802 – 22. August 1850) als wichtigster deutschsprachiger Dichter des Weltschmerzes und des Pessimismus gilt – was man in seinem Gedicht über die Wurmlinger Kapelle auch deutlich anmerken kann. Lenau, der jung an den Folgen eines Schlaganfalls starb, hat, wie auch Ludwig Uhland, mit seinem Gedicht zur Bekanntheit der Wurmlinger St. Remigius Kapelle beigetragen.

Die Wurmlinger Kapelle

Luftig, wie ein leichter Kahn,
Auf des Hügels grüner Welle
Schwebt sie lächelnd himmelan,
Dort die friedliche Kapelle.

Einst bei Sonnenuntergang
Schritt ich durch die öden Räume,
Priesterwort und Festgesang
Säuselten um mich wie Träume.

Und Marias schönes Bild
Schien vom Altar sich zu senken,
Schien in Trauer, heilig mild,
Alter Tage zu gedenken.

Rötlich kommt der Morgenschein,
Und es kehrt der Abendschimmer
Treulich bei dem Bilde ein;
Doch die Menschen kommen nimmer.

Leise werd ich hier umweht
Von geheimen, frohen Schauern,
Gleich als hätt ein fromm Gebet
Sich verspätet in den Mauern.

Scheidend grüßet hell und klar
Noch die Sonn in die Kapelle,
Und der Gräber stille Schar
Liegt so traulich vor der Schwelle.

Freundlich schmiegt des Herbstes Ruh
Sich an die verlaßnen Grüfte;
Dort, dem fernen Süden zu,
Wandern Vögel durch die Lüfte.

Alles schlummert, alles schweigt,
Mancher Hügel ist versunken,
Und die Kreuze stehn geneigt
Auf den Gräbern – schlafestrunken.

Und der Baum im Abendwind
Läßt sein Laub zu Boden wallen,
Wie ein schlafergriffnes Kind
Läßt sein buntes Spielzeug fallen. –

Hier ist all mein Erdenleid
Wie ein trüber Duft zerflossen;
Süße Todesmüdigkeit
Hält die Seele hier umschlossen.

NK | CK

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Dürre Zeiten für die Gießkanne

Es gibt Gießkannen, und es gibt die schöne Schneiderkanne

Es gibt Gießkannen aus Plastik, und es gibt die verzinkte Schneiderkanne

Hält fast ewig: Schneiderkanne

Viel liest man in diesen Tagen über das sogenannte Gießkannenprinzip. Bei diesem nimmt der Staat Entlastungen oder Subventionen ohne Prüfung des tatsächlichen Bedarfs an die Empfänger vor. Aus verfahrenstechnischen Gründen mag das einfacher sein, ob es sinnvoll ist, sei dahingestellt.

Sinnvoll und optisch wohltuend ist es auf jeden Fall, mit einer guten Gießkanne zu wässern und dabei zu bedenken, welche Pflanze wann wieviel Wasser braucht. Mit zu den schönsten und langlebigsten Gießkannen zählen ganz ohne Zweifel die legendären Schneiderkannen. Das Unternehmen Schneider hat diese vollverzinkten Kannen ab 1876 in Stuttgart-Feuerbach in verschiedenen Größen und Formen hergestellt.

Eine echte Schneiderkanne erkennt man entweder an der eingeprägten Messingmarke (sehr alt!) oder an dem eingeprägten Schriftzug. Früher hat man Schneiderkannen auf jedem Friedhof gesehen, eben weil sie fast ewig halten, was ja irgendwie zu dem Ort passt. Heute hängen auch auf Friedhöfen diese grässlichen, bunten Plastikkannen an Schlössern rum. Weil es Leute gibt, die selbst dort noch Dinge entwenden. Anstand gehört wohl definitiv heute zu den Fremdwörtern… Schneider hat die Produktion der Schneiderkanne übrigens seit Ende der 1980er Jahre eingestellt. Die Plastikonkurrenz war zu stark. Schade!

Hält nicht ewig: Gletschereis

Letzte Woche hat die ARD eine Themenwoche zum Thema Wasser ausgerufen. Anlass war die extreme Dürre in diesem Jahr, die Grund zu großer Sorge gibt. Ein Blick auf den Dürremonitor zeigt das. Zum Auftakt wurde der SWR-Dokumentarfilm „Die große Dürre“ von Daniel Harich gezeigt. Der Film ist eine Bestandsaufnahme in Sachen Wasser in Deutschland und befasst sich mit den Folgen der Klimakrise für den Wasserhaushalt.

Der Film ist unbedingt sehenswert, exzellent recherchiert und gespickt mit Fakten, von denen viele bisher nur Expertinnen und Experten geläufig waren. Wir wussten zum Beispiel nicht, dass der Rhein sich zu rund 60 Prozent aus Gletscherwasser aus den Alpen speist. Was aus dem Rhein, einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt, wird, wenn die Gletscher endgültig abgeschmolzen sind, mag man sich gar nicht vorstellen.

Wie manche Politker, die wir Bürgerinnen und Bürgern ernst nehmen sollen, angesichts dieser dramatischen Situation noch Witze über Duschgewohnheiten oder über Waschlappen machen können, ist uns absolut schleierhaft.

NK | CK

Gießkannen-Kunst in der Staudengärtnerei Erika Jantzen, wo man auch unter der Dürre leidet

Gießkannen-Kunst in der Staudengärtnerei Erika Jantzen, wo man auch unter der Dürre leidet

 

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Bewahrt das Licht

„Luftig, wie ein leichter Kahn“ (Lenau) schält sich die Wurmlinger Kapelle aus einem der ersten Herbstnebel im Ammertal

„Luftig, wie ein leichter Kahn“ (Nikolaus Lenau) schält sich die Wurmlinger Kapelle aus dem Frühnebel

Bewahr’ das Licht aus diesem Sommertag
Für den Wintertag, der getrost kommen mag

Diese Zeilen singt Reinhard Mey in seinem schönen Lied „So viele Sommer“, das man hier auf Youtube anhören kann. Den ganzen Text mit Noten findet man auf der Seite von Reinhard Mey.

Ja, dieser Sommer war nicht nur sehr groß, sondern auch sehr heiß und sehr trocken. Aber jetzt wird es ein wenig kühler, und diese Woche gab es die ersten Frühnebel im Ammertal. Gut, dass wir nicht nur den Hund, sondern auch die Kamera auf der Runde dabei hatten.

Genießt die kühleren Tage, die frühen Nebel und bewahrt das Licht und, ganz wichtig, den Humor.

NK | CK

Auch Wegrandschönheiten wie die Lampionblume (Physalis alkekengi) wollen bewundert sein

Auch Wegrandschönheiten wie die Lampionblume (Physalis alkekengi) wollen bewundert sein

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Kind of Blue – Blaugrau

Kind of Blue: Blaugraue Stimmung auf der Halbinsel Crozon in der Bretagne

Kind of Blue: Blaugraue Stimmung auf der Halbinsel Crozon in der Bretagne

Blaugrau

Immer mal wieder durchkämmen wir unser Bildarchiv und stoßen dabei auf Fotos, die eine Schönheit oder eine bestimmte Stimmung ausdrücken, die einem beim Fotografieren gar nicht aufgefallen ist. So ging’s uns bei diesem Foto, das an einem wolkenverhangenen, blaugrauen Tag auf der Halbinsel Crozon in der Bretagne entstand. Und wie das so geht, fällt einem zum blaugrauen Meer Miles Davis und seine Platte „Kind of Blue“ ein.

Kind of Blue: ein sehnsüchtiges Leuchten

Das wohl bekannteste und laut Wikipedia kommerziell erfolgreichste Jazzalbum aller Zeiten ist „Kind of Blue“. Es war das 22. Studioalbum der Trompeterlegende Miles Davis (26. Mai 1926 – 28. September 1991) und entstand im Frühjahr 1959. Vor vielen Jahren hat uns der Freund und Jazzkenner F. auf dieses großartige Album aufmerksam gemacht, das auch Menschen begeistert, die sonst nicht viel mit Jazz am Hut haben.

„Das wohl ist ein Hauptgrund für den anhaltenden Erfolg von ‚Kind of Blue‘: der melodische Erfindungsreichtum der Musiker, Miles Davis‘ Fähigkeit vor allem, mit einer Hand voll Tönen, wie aus dem Nichts heraus, ein sehnsüchtiges Leuchten zu schaffen.“

So schrieb Tobias Lehmkuhl am 17. Mai 2010 in der Süddeutschen Zeitung anlässlich des 50. Jahrestags des Erscheinens von „Kind of Blue“. Der Artikel ist interessant, man kann ihn hier noch nachlesen. Welche Jazz-Giganten, außer Miles Davis, an dem Album mitgewirkt haben, steht hier ausführlich.

So what

So heißt das erste Stück auf der Platte, und dies ist das offizielle Video. Das ganze Album selbst ist unbedingt hörenswert!

Genießt die schönen Dinge!

NK | CK

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Zusammenstehen mit Schiller

Friedrich Schiller, geboren am 10. November 1759 in Marbach am Neckar, gestorben am 9. Mai 1805 in Weimar

Friedrich Schiller, geboren am 10. November 1759 in Marbach am Neckar, gestorben am 9. Mai 1805 in Weimar

„Wir könnten viel, wenn wir zusammen stünden.“

Seit mir dieses Zitat aus dem „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller vor ein paar Tagen im Internet begegnet ist, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Es klingt wie eine schöne Utopie angesichts einer Gesellschaft, die sich in immer mehr Interessengruppen aufspaltet. Interessengruppen, die sich nicht selten unversöhnlich gegenüberstehen, zu keinem Dialog mehr bereit sind, stur auf der eigenen Sichtweise beharrend und gerne den eigenen Opferstatus wie eine Monstranz vor sich her tragend.

Was für eine beschämende Situation angesichts der gewaltigen Herausforderungen, die wir als Land und als Weltgemeinschaft endlich energisch angehen müssten: Klimakatastrophe, Kriege, Hunger, Pandemien, Armut (auch im reichen Deutschland), und nicht zu vergessen, die Demokratiefeinde, die das gesellschaftliche Klima (online und analog) mit ihrem Hass und Falschnachrichten vergiften, sehr zur Freude autokratischer Regime.

Und jetzt? Vielleicht wieder mal die Klassiker lesen, statt atemlos Horrornachrichten in hektischen Häppchen konsumieren? Den Tell zum Beispiel oder Montaigne oder Marc Aurel…

Was lest ihr gerade?

NK | CK

Schillers Schreibtisch im Wohnhaus an der Esplanade in Weimar: hier schrieb er den Tell

Schillers Schreibtisch im Wohnhaus an der Esplanade in Weimar: hier schrieb er den Tell

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Was bleibt? Stoppeln!

Seit Wochen kaum Regen, seit Wochen blauer Himmel: dürre Stoppeln bei Waldhausen

Seit Wochen kaum Regen, seit Wochen blauer Himmel: dürre Stoppeln bei Waldhausen

Auch dem Weizenfeld
bleibt nur die Erinnerung –
und dürre Stoppeln

Haiku inspiriert von Bashō, der 1689 schrieb:

Sommergras –
der Kriegshelden
letzte Traumspur

Natsukusa ya / tsuwanono-doma ga / yume no ato

In diesem Haiku thematisiert Bashō (1644 – 1694) wieder einmal „Vergänglichkeit und die Nichtigkeit des menschlichen Strebens“, so Eduard Klopfenstein, der das Haiku auch übersetzt hat. Bashō schrieb dieses berühmte Haiku, nachdem er Hiraizumi erreicht hatte, ein legendärer Ort, an dem Ende des 12. Jahrhunderts der mittelalterliche Kriegsheld Minamoto no Yoshitsune mit seinen Männern fiel. Das Buch von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller haben wir vor ein paar Wochen hier vorgestellt.

NK | CK

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Hennen im Hitzestress

Hühner können nicht schwitzen, sie geben bei Hitzestress mit offenem Schnabel Hitze ab

Hühner können nicht schwitzen, sie geben bei Hitzestress mit offenem Schnabel Hitze ab

Schnäbel offen
gefiederte Skulpturen
Hennen im Hitzestress

beaks open
feathered sculptures
hens in heat stress

Kranō | Kō

Bleibt im Schatten!

NK | CK

PS: Wer rausfinden möchte, wie sich das Wetter an seinem Wohnort verändert hat, kann dies mit dem Wetter-Dashboard der Süddeutschen Zeitung tun. Angezeigt werden Temperatur, Sonnenschein, Niederschlag, Trockenheit. Hier kann man seinen Wohnort eingeben.

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Vom Verrinnen der Zeit

Mit dem Verrinnen der Zeit geht meist das Verblassen der Erinnerungen einher. Foto: Norbert Kraas

Mit dem Verrinnen der Zeit geht meist das Verblassen der Erinnerungen einher. Foto: Norbert Kraas

Von der Erinnerung

„Doch wenn von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr exisitiert, nach dem Tod der Menschen und dem Untergang der Dinge, dann verharren als einzige, zarter, aber dauerhafter, substanzloser, beständiger und treuer der Geruch und der Geschmack, um sich wie Seelen noch lange zu erinnern, um zu warten, zu hoffen, um über den Trümmern alles übrigen auf ihrem beinahe unfaßbaren Tröpfchen, ohne nachzugeben, das unermeßliche Gebäude der Erinnerung zu tragen.“

Diese Gedanken über die Vergangenheit, die Vergänglichkeit und die Erinnerung legt Marcel Proust dem Ich-Erzähler seiner „Recherche“ ziemlich am Anfang des ersten Bands des Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in den Mund. Ein paar Abschnitte zuvor lesen wir in der berühmten „Madeleine-Episode“, wie ein kleines Gebäckstück, das der Erzähler in seinen Lindenblütentee taucht, eine ganze Kaskade von Erinnerungen auslöst.

Solche Madeleine-Momente kennen wir alle. Ausgelöst durch einen vergessen geglaubten Geruch oder Geschmack. Das können die Abgase eines Zweitaktmopeds sein, die einen blitzschnell in die eigene Jugend zurückversetzen, oder der besondere Duft eines Gartenschuppens, wo es nach Rasenmäher, Gras, Werkzeug, Öl und Holz riecht, und wo man plötzlich das Gefühl hat, der Opa, dem der Schuppen gehört hat, müsste jeden Moment zur Tür reinkommen.

Was aber, wenn es selbst diese Madeleine-Momente nicht mehr gibt? Wenn die Erinnerungen mit dem Verrinnen der Zeit immer schwächer werden und schließlich ganz verschwinden? Und was, wenn dieser Vorgang des Verrinnens und Vergessens durch eine tückische Demenzerkrankung beschleunigt wird? Was bleibt dann noch?

Vom Verrinnen

Mit dem Thema Verrinnen und Zeit beschäftigt sich aktuell eine sehenswerte Ausstellung im Kunstmuseum Reutlingen | konkret, die wir sehr empfehlen können. „Vom Verrinnen. Zeitkonzepte der Gegenwart“ heißt die Schau, die noch bis zum 28. August 2022 in den Wandelhallen des Kunstmuseums zu sehen ist. Informationen hier.

Gezeigt werden Arbeiten von 13 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die sich intensiv und auf verschiedene Art mit dem Phänomen Zeit und ihrer Wahrnehmung auseinandergesetzt haben.

Besonders beeindruckend, vielleicht auch weil es einen an die eigene Kindheit und Jugend, die Großeltern und die Eltern erinnert, ist die Rauminstallation „Komm’ Heinz, wir gehen“ des Künstlers Timo Klos. Klos, Jahrgang 1983, hat zwei Wände im rechten Winkel gestellt und diese mit einer altmodischen Mustertapete aus den 1950ern oder 1960ern tapeziert. An diese beiden Wände hat er Fotografien in alten Rahmen in unterschiedlicher Größe gehängt. Klos schreibt dazu:

„Die Motive könnten alle aus dem Familienalbum eines verstorbenen Ehepaares stammen und zeigen, wie dieses auf ganz unterschiedliche Weise aus den Bildern verschwindet. Die Foto­grafien scheinen den Moment nicht festhalten zu können“

„Komm’ Heinz, wir gehen“ (Timo Klos), Ausstellungsdetail. Foto: Norbert Kraas

„Komm’ Heinz, wir gehen“ (Timo Klos), Ausstellungsdetail. Foto: Norbert Kraas

Die Fotos in den Bilderrahmen sind handwerklich bewusst nicht perfekt. Sie sind unscharf, über-, unter- oder mehrfach belichtet. Der ausgebleichte, verschwommene Effekt gibt dem Leben etwas Vages. Die Individualität des Menschen löst sich auf. Der Moment, das Abgelichtete, scheint flüchtig; die Arbeiten konterkarieren die eigentliche Intention des Fotografierens, nämlich den Augenblick festzuhalten. Nichts lässt sich auf ewig festhalten.

Was sieht ein Demenzkranker?

Während unseres Besuchs in der Ausstellung fragte ich mich, ob diese Aufnahmen wohl den Bildern im Gedächtnis meiner demenzkranken Mutter ähneln. Mal erkennt sie mich, mal sieht sie andere Personen in mir, mal vergisst sie während eines Besuchs ganz, dass ich da bin. Offensichtlich (und schmerzhaft für mich) verinnt mit der Zeit und dem Fortschreiten der Krankheit ganz langsam die Erinnerung an Personen, Ereignisse, Erlebnisse. Zuerst verschwindet das unmittelbar, ganz frisch Erlebte und nach und nach auch frühere Geschehnisse. Bleicht die Erinnerung schließlich so aus, dass man nur noch helle weiße Flecke hat? Wer öfter mit Menschen zu tun hat, die an Demenz erkrankt sind, kann diesen Eindruck durchaus gewinnen. Ob der Künstler bei der Konzeption an die Krankheit Demenz gedacht hat, die allein in Deutschland 900 Mal pro Tag diagnostiziert wird?

Endlich

Ausstellungsdetail aus der Serie „Good Old Germany“ des Künstlers Gosbert Gottmann. Foto: Norbert Kraas

Aus der Serie „Good Old Germany“ des Künstlers Gosbert Gottmann. Foto: Norbert Kraas

Mit dem Verrrinnen der Zeit werden wir älter, und mit dem Älterwerden zwickt es nicht nur überall, sondern auch unsere Handschrift wird undeutlicher und schlechter lesbar. Gosbert Gottmann, geboren 1955 im Schwarzwald, hat sich mit dem Phänomen der Handschrift alter Menschen befasst und aus vielen Schriftproben ein digitales Alphabet geschaffen, eine eigene Schrift mit einzelnen Buchstaben von A bis Z. Und mit diesen teils krakeligen, teils verkünstelten Buchstaben hat er dann geschrieben. Das Wort „endlich“ zum Beispiel, das unsere ganze kleine menschliche Existenz in nur sieben Buchstaben zusammenfasst. Ein hingekrakeltes Memento Mori, das einen besonders berührt, weil man um die Herkunft der Buchstaben weiß.

Das hätte auch Lucius Annaeus Seneca, dem großen römischen Stoiker gefallen. Wie alle Stoiker legte er großen Wert darauf, sich der eigenen Sterblichkeit immer bewusst zu sein und aus diesem Grund möglichst wenig Lebenszeit zu verschwenden. Er schrieb:

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“

NK | CK

Informationen

Vom Verrinnen. Zeitkonzepte der Gegenwartskunst
Kunstmuseum Reutlingen | konkret
Eberhardstraße 14
Wandel-Hallen
72764 Reutlingen
noch bis zum 28. August 2022

Demenz

Wer sich dem Thema Demenz literarisch näher möchte, dem empfehlen wir zwei Romane:

Arno Geiger
Der alte König in seinem Exil
Hanser Verlag, 2011

David Wagner
Der vergessliche Riese
Rowohlt Verlag, 2019

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Gute Vorsätze mit Goethe

Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm war 1776 sein erster eigener Wohnsitz in Weimar.

Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm, 1776 sein erster eigener Wohnsitz in Weimar

Nicht nur zum Jahreswechsel werden unzählige gute Vorsätze gefasst; auch für den Urlaub nehmen sich die Menschen gerne mal viel vor. Viel sehen, viel laufen, viel schwimmen, viel lesen, viel wandern und so weiter.

Wir sind letztes Jahr in Weimar auf diese Textstelle von Goethe gestoßen:

„Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“

Johann Wolfgang Goethe (28. August 1749 – 22. März 1832)

So schreibt Goethe in seinem Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, der 1795/96 erstmals erschien. Dieser maßvollen Orientierung wollen wir nicht widersprechen!

Schöne Ferien!

NK | CK

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Freitagsfoto: Wasser

Wasser ist ein Menschenrecht!

Wasser ist ein Menschenrecht!

„Rund 2,2 Milliarden Menschen weltweit haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. Eine unfassbare Zahl. Rund 785 Millionen Menschen haben noch nicht einmal eine Grundversorgung mit Trinkwasser. Im Jahr 2040 werden Schätzungen zufolge fast 600 Millionen Kinder in Gegenden ohne ausreichenden Zugang zu Wasser leben.“

Streit ums Wasser

Das schrieb UNICEF anlässlich des Weltwassertags am 22. März 2022 in dem Artikel „10 Fakten über Wasser“. Bisher hat man Wassermangel ja immer mit afrikanischen Ländern in Verbindung gebracht, wo die Situation für viele Menschen, vor allem die Kinder, dramatisch und lebensbedrohlich ist. Aber wie gesagt, das war immer weit weg. Und jetzt?

Jetzt wird Wasser auch in Europa, ja sogar in Deutschland, zu einem begehrten Gut. Fast überall sinken die Grundwasserspiegel, Flüsse führen viel zu wenig oder, wie in Italien, gar kein Wasser mehr. Auch deutsche Wasserwerke machen sich große Sorgen um die geringer werdenden Wassermengen, um die sich verschiedene Parteien streiten. Die Rechercheplattform Correctiv hat festgestellt, dass gerichtliche Auseinandersetzungen um Wasser in den letzten 10 Jahren deutllich zugenommen haben. Sorge und Streit ums Wasser haben auch bei uns längst begonnen. Der Blick auf den Dürremonitor ist erschreckend.

Streit ums V-Wort

Wasser sparen wäre angesagt, ist aber schrecklich unpopulär und klingt für viele Politiker:innen, vor allem von der FDP, nach Planwirtschaft und staatlich verordnetem Verzicht. Bei den Liberalen scheinen sie das V-Wort so zu hassen, dass Wolfgang Kubicki, seines Zeichens Vizepräsident des Deutschen Bundestags, schon mal in vorauseilendem Trotz dies verkündet hat: „Robert Habeck darf gerne so kurz duschen, wie er es für richtig hält. Ich schaue jedenfalls nicht auf die Uhr, wenn ich in der Dusche stehe. Ich dusche so lange, bis ich fertig bin.“

Was für eine unwürdige Vorstellung eines deutschen Spitzenpolitikers. Und welche Idee eines Liberalismus steckt hinter so einer Haltung? Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht darüber nachdenken möchte, womit er eigentlich fertig sein will …

Pilgerbrunnen in Saint-Guilhem-le-Désert in Südfrankreich. Dort ist Wasser schon immer ein kostbar.

Pilgerbrunnen in Saint-Guilhem-le-Désert in Südfrankreich. Dort ist Wasser schon immer ein kostbar.

Was ist eigentlich so schlimm daran, Verzicht zu üben, mit Ressourcen sparsam umzugehen? Ich verstehe es nicht. Sollte es doch so sein, wie Christian Kullmann, Präsident des Chemieverbandes VCI, vor zwei Tagen im Interview mit der SZ gesagt hat: „Dieses Land ist nicht darauf vorbereitet, Verzicht zu üben.“? Dabei verlangt niemand, dass wir uns gar nicht mehr waschen oder im Winter die Wohnung nur auf 10 Grad heizen. Aber außergewöhnliche Zeiten erfordern halt außergewöhnliche Maßnahmen.

Licht aus!

Ich habe viele Jahre Tür an Tür mit meiner Oma gelebt. Meine Oma, Jahrgang 1905, hat zwei Weltkriege mitgemacht, einen Bruder im Krieg verloren, ein anderer kam kriegsversehrt zurück. Sie musste drei Töchter ohne den Ehemann, der auch im Krieg war, durchbringen. Die Oma hatte, neben vielen guten Eigenschaften, die Angewohnheit, immer und überall das Licht auszumachen, um Strom zu sparen. Es war wie ein Zwang, der auch vor einer geschlossenen Zimmertür nicht halt machte. Es kam daher regelmäßig vor, dass meine Zimmertür am Abend plötzlich ganz leise aufging, sich eine Hand reinschob und das Licht ausknipste. Tür zu, Spuk vorbei, ich saß im Dunkeln. Mag sein, dass der Krieg mit seiner Verdunkelungsanordnung bei der Oma auch noch reingespielt hat. Ich habe jedenfalls die Lektion nicht vergessen. Und mal ehrlich, wem schadet das: ein Licht weniger an, kürzer und weniger heiß duschen, spritsparender fahren? Eben.

Acht Stunden für ein paar Liter Wasser

Wie das ist, wenn frisches Trinkwasser nicht in beliebiger Menge aus dem Hahn kommt, zeigt das Beispiel von Aysha aus Äthiopien. Dieses Mädchen verbringt täglich viele Stunden damit, frisches Wasser zu besorgen. Dieser Film zeigt in dreieinhalb Minuten einen Tag in ihrem Leben:

Bleibt im Schatten!

NK | CK

PS: Es gibt übrigens Menschen in unserem Land, für die ist Verzicht Alltag. Es sind Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind. Der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge hat dazu einen sehr lesenswerten Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung verfasst.

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