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Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz

An Neuffer

Im März 1794

Noch kehrt in mich der süße Frühling wieder,
Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz,
Noch rinnt vom Auge mir der Tau der Liebe nieder
Noch lebt in mir der Hoffnung Lust und Schmerz.

Noch tröstet mich mit süßer Augenweide
Der blaue Himmel und die grüne Flur,
Mir reicht die Göttliche den Taumelkelch der Freude,
Die jugendliche freundliche Natur.

Getrost! es ist der Schmerzen wert, dies Leben,
So lang uns Armen Gottes Sonne scheint,
Und Bilder beßrer Zeit um unsre Seele schweben,
Und ach! mit uns ein freundlich Auge weint.

Friedrich Hölderlin

Neuffer, an den Hölderlin diese Verse richtet, war ein Freund und Studienkollege am Evangelischen Stift in Tübingen. Sehr anschaulich schildert Peter Härtling diese Freundschaft in seinem Roman „Hölderlin“. Dabei schreibt Härtling keine Biographie, wie er gleich zu Anfang seines Buches erklärt.

„Ich schreibe vielleicht eine Annäherung. Ich schreibe von jemandem, den ich nur aus seinen Gedichten, Briefen, aus seiner Prosa, aus vielen anderen Zeugnissen kenne. Und von Bildnissen, die mit Sätzen zu beleben versuche. Er ist in meiner Schilderung sicher ein anderer. Denn ich kann seine Gedanken nicht nachdenken.“

(aus: Peter Härtling. Hölderlin. Ein Roman)

Wie Peter Härtling sich tastend und dabei sich immer wieder in Frage stellend diesem Hölderlin annähert, ist lesenswert und bringt einem den Tübinger Turmbewohner sehr nahe.

Information zum Buch

Peter Härtling
Hölderlin. Ein Roman
dtv Verlag, 1993
ISBN 978-3-423-11828-6

Wir wünschen Frohe Ostern und möglichst oft ein kindischfröhlich Herz!

N.K. / C.K.

Schöne Postkarte Nr. 217 · Hölderlinturm in Tübingen im Neckar gespiegelt © 2018

Schöne Postkarte Nr. 217 · Hölderlinturm in Tübingen im Neckar gespiegelt © 2018

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Von Pflanzen, Tieren und einer Wiese

Kein schwarzes Schaf, sondern ein ausgelassener Bouvier auf einer Wiese in den Cotswolds

Kein schwarzes Schaf, sondern ein ausgelassener Bouvier auf einer Wiese in den Cotswolds

Das Glück liegt in der Wiese

„Le Bonheur est dans le pré“, so heißt es in einem Gedicht des Franzosen Paul Fort: das Glück liegt in der Wiese. Das mag sein, möchte man erwidern, allerdings: wo gibt es denn noch richtige Wiesen? „97 Prozent der traditionellen Wiesen sind verschwunden“, schreibt der englische Historiker, Autor und Farmer John Lewis-Stempel in seinem Buch „Meadowland. The Private Life of an English Field“, das 2014 erschien und von Lesern und Kritikern gleichermaßen gelobt wurde.

Mir wurde das Buch von unserer Leserin Frau F. aus Dietzenbach empfohlen, die unserem Blog seit Jahren gewogen ist. Und was soll ich sagen? Ich habe gerade die englische Fassung von „Meadowland“, das seit 2017 bei Dumont in der deutschen Fassung „Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren“ zu haben ist, beendet, und mich hat das Buch sehr angesprochen. Auch wenn ich, was ich gerne zugebe, immer wieder die Wiesenpflanzen nachschlagen musste, die der Autor sehr anschaulich beschreibt.

800 Jahre alte Hecken

Dem 52jährigen Lewis-Stempel gelingt es, ein lebendiges Portrait einer Wiese zu zeichnen. Diese ist Teil des Bauernhofs in Herefordshire an der Grenze zu Wales, auf dem seine Familie seit rund 700 Jahren lebt. In 12 Monatskapiteln nimmt uns der belesene Farmer an die Hand und zeigt uns, wie viel Leben, wie viel Schönheit, aber auch wie viel Drama ein paar Hektar traditionelle Wiese zu bieten haben. Lewis-Stempel verknüpft gekonnt exakte Naturbeobachtungen mit gleichermaßen lehrreichen wie unterhaltsamen historischen oder literarischen Abschweifungen. Wenn er etwa vom Leben erzählt, das in einer 800 (!) Jahre alten Hecke am Wiesenrand herrscht, meint man, es fast summen und vibrieren zu hören und möchte sich beim Lesen zwischendurch kratzen. Es könnte ja sein, dass ein Käfer aus dem Buch rauskrabbelt.

Mädesüß und Aspirin

Ich habe viel gelernt bei der Lektüre dieses Buches, zum Beispiel, dass der Deutsche Felix Hoffmann im Jahr 1897 eine synthetische Version von Acetylsalicylsäure geschaffen hat, die wir heute als Aspirin kennen. Der Name Aspirin leitet sich von Spiraea ulmaria ab, dem Mädesüß, einer Pflanze, die bis zu 2 Meter hoch werden kann und auf nährstoffreichen, feuchten Wiesen zu Hause ist. Auf Englisch heißt die Pflanze Meadowsweet und wurde in vergangenen Jahrhunderten zur Aromatisierung von Honigwein verwendet. Bei Lewis-Stempel lesen wir, dass Mädesüß schon im Bronzezeitalter bekannt war und dort als heiliges Kraut galt, dessen Genuss kein Kopfweh verursacht – wegen des salicylathaltigen Blütenkopfes. Dieses Wissen war wohl der Ausgangspunkt für Hoffmanns wissenschaftliche Arbeit und damit die Grundlage für den Weltruf des Unternehmens Bayer. Einen Ruf, den der aktuelle Bayer-Vorstandsvorsitzende gerade mit der Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto sehenden Auges an die Wand fährt. Aber das nur am Rande.

Als Zugabe schenkt uns der Autor noch ein reichhaltiges Literatur- und Musikverzeichnis rund um das Thema Wiese. Die Kritikerin von der Frankfurter Rundschau schrieb, man müsse Lewis-Stempel schon alleine dafür umarmen. Wie recht sie hat.

Information zum Buch

John-Lewis Stempel
Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren
Dumont Verlag, 2017
ISBN 978-3-8321-9863-3
erscheint als Taschenbuch im Juni 2019

Infos zur englischen Ausgabe gibt’s hier.

Wir wünschen schöne Stunden – beim Lesen und auf der Wiese

N.K. / C.K.

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Freitagsfoto: Bärlauch – Wild Garlic

Bärlauch im Schönbuch bei Tübingen. Foto: Norbert Kraas

Bärlauch im Schönbuch bei Tübingen. Foto: Norbert Kraas

The wild garlic
stands high. Oh my,
the year flashes by

Der Bärlauch
steht hoch. Ach,
das Jahr rast dahin

For Jack Ridl, poet and friend and Dumbledore of Creative Writing, whose new poetry volume “Saint Peter and The Goldfinch” is out since April 1 (no joke!) and will be celebrated today in Douglas, Michigan. Those who know Jack Ridl’s poems know that they fall into that special category Garrison Keillor once called “Good Poems for Hard Times”.

A detailed review (in German, though) will follow here.

#SupportYourLocalBookstore

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Die Alb, ein quer durchs Land gebautes Riff

Schwäbische Alb mit dem Hohenzollern, einem dem Albtrauf vorgelagerten Zeugenberg

Schwäbische Alb mit dem Hohenzollern, einem dem Albtrauf vorgelagerten Zeugenberg

An meine Schwester

Übernacht’ ich im Dorf

Albluft

Straße hinunter

Haus     Wiedersehn.     Sonne der Heimath

Kahnfahrt,

Freunde          Männer und Mutter.

Schlummer

Friedrich Hölderlin

Letzte Woche war Frühlingsanfang, am 20. März, dem Geburtstag  Hölderlins. Am 21. wurde der Welttag der Poesie begangen. Weil ich diese beiden Dinge, Hölderlins Geburtstag und den Welttag der Poesie, unbedingt mit der Schwäbischen Alb in einem Text unterbringen wollte, bin in auf der Suche nach einem Gedicht Hölderlins über die Alb auf dieses Buch gestoßen:

„Albgeschichten“

Dieser Band bewohnt schon seit längerer Zeit unser Bücherregal, immer mal wieder ziehe ich ihn raus und lese darin. Die Herausgeber Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger und Hermann Bausinger haben auf gut 300 Seiten eine bemerkenswerte Sammlung klassischer und moderner Texte rund um die Schwäbische Alb zusammengetragen: Gedichte, Geschichten, Reiseberichte und manches mehr. Das Buch ist in neun Abteilungen gegliedert, so dass man sich als Leser den literarischen Aufstieg zur Alb selbst wählen kann.

  • Annäherung
  • Vorzeit
  • Wandern
  • Leute
  • Natur
  • Höhlen
  • Burgen und Berge
  • Brüche
  • Übergang

Es würde zu weit führen, hier alle Autorinnen und Autoren mit ihren Texten aufzuführen, ein paar seien aber doch genannt: Peter Härtling ist dabei; Mörike natürlich; HAP Grieshaber und seine Lebensgefährtin Margarete Hannsmann; Uwe Zellmer vom Theater Lindenhof in Melchingen; David Friedrich Weinland, Schöpfer des großartigen „Rulaman“; aber auch feine Dichter wie Walle Sayer aus Bieringen oder Bernd Storz aus Ravensburg, letzterer mit einem sehr nachdenklich machenden Gedicht über den Ort Buttenhausen an der Großen Lauter, in dem es bis ins 19. Jahrhundert eine sehr große jüdische Gemeinde gab. 1870 zählte diese 442 Mitglieder und stellte mehr als 50 Prozent der Einwohner des Dorfes. 97 Juden lebten laut Wikipedia 1933 noch in Buttenhausen, von ihnen wurden 24 in Riga und Theresienstadt ermordet.

Buttenhausen

Die bemoosten Grabsteine. An der Auffahrt
stand die Synagoge.

Judenkinder, Christenkinder
Himmel und Hölle
und an Ostern
Eierrollen.

An der Lauter das Haus
flatternde Wäsche
dunkelhäutige Kinder

Aus- und Einblicke

Die bei Klöpfer & Meyer erschienenen „Albgeschichten“ sind ein literarisches Schatzkästlein, und wenn noch Platz im Rucksack ist, ein bereicherndes Vademedum bei der nächsten Wanderung auf der Schwäbischen Alb. Besondere Aus- und Einblicke garantiert. Wie heißt es so schön am Ende von Peter Härtlings Gedicht „Die Alb“, dem ersten Beitrag im Buch:

Schön geht der Blick
hinunter ins Land,
wenn er fliegen lernt
und schwindelnd stürzt
von diesem quer
durchs Land gebauten Riff

Buchinformationen

Albgeschichten
Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger, Hermann Bausinger (Hg.)
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 2008, 2. Auflage
ISBN 978-3-940086-13-6
zur Zeit nur noch antiquarisch erhältlich

Der Verlag macht mich gerade darauf aufmerksam, dass die dritte, überarbeitete und erweiterte Auflage der „Albgeschichten“ 2017 unter dem Titel „Wundersame blaue Mauer!“ erschienen und noch lieferbar ist.

Wundersame blaue Mauer!
Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger, Hermann Bausinger (Hg.)
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 2017
ISBN 978-3-86351-460-0

Wundersame rötliche Mauer! Tübinger Österberg vor dem Albtrauf, gesehen vom Steinenberg in winterlicher Frühe.

Wundersame rötliche Mauer! Tübinger Österberg vor dem Albtrauf, gesehen vom Steinenberg in winterlicher Frühe.

Wanderer Hölderlin

Hölderlin soll in besseren Zeiten fünfzig Kilometer am Tag gewandert sein und dabei teils mit Händen, teils mit Füßen Metrum und Rhythmus neuer Verse erprobt haben. So schreibt Kurt Oesterle in seinem Hölderlin-Aufsatz „Die Linien des Lebens sind verschieden“. Der Text ist in dem Band „Heimatsplitter im Weltgebäude“ enthalten, den man auf der Seite des Autors als pdf oder E-Book herunterladen kann. Wäre es nicht schön, lieber Klöpfer & Meyer Verlag, wenn man daraus ein schönes, ein richtiges Buch machen würde?

Allseits sicheren Tritt wünschen wir Euch!

N.K. / C.K.

P.S. Vor ein paar Monaten habe ich übrigens eine nützliche App entdeckt, die einem die Namen all’ der vielen großen und kleinen Kuppen der Schwäbischen Alb zuverlässig anzeigt. Peak Finder heißt das Programm; es funktioniert.

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Der Frühlingsanfang riecht nach Erde

Bei Issa sind es Holzschuhe. Meine Frau liebt ihre Gummistiefel und den Geruch von Erde.

Bei Issa sind es Holzschuhe. Meine Frau liebt ihre Gummistiefel und den Geruch von Erde.

Für alle Türen
Ist der Dreck der Holzschuhe
Der Frühlingsanfang.

Issa

Haiku zum Frühling

Auf dieses schöne Haiku von Kobayashi Issa (1763 – 1828) bin ich in der 2018 bei Reclam erschienenen Anthologie „Das Buch der klassischen Haiku“ gestoßen. Jan Ulenbrook (1909 – 2000) hat die Auswahl der Haiku zu den Themen Neujahr, Frühling, Sommer, Herbst, Winter vorgenommen. Die schönen, klaren, schnörkellosen Übersetzungen sind auch von Ulenbrook, ebenso das kundige Nachwort zum Haiku als literarische Gattung. Ein handlicher schöner Band mit mehr als eintausend Haiku, den man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

Nach Erde riechen

Margret Atwood, die kanadische Schriftstellerin, die 2017 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat auch etwas Schönes zum Thema Gärtnern geschrieben:

“Gardening is not a rational act. What matters is the immersion of the hands in the earth, that ancient ceremony of which the Pope kissing the tarmac is merely a pallid vestigial remnant. In the spring, at the end of the day, you should smell like dirt.”

„Gärtnern ist kein rationaler Akt. Worauf es ankommt, ist das Eintauchen der Hände in die Erde, jene alte Zeremonie, von der das päpstliche Küssen des Bodens nur ein fader, kümmerlicher Überbleibsel ist. Am Ende eines Tages im Frühjahr solltest du nach Erde riechen.“

Klingt gut, nicht wahr? Morgen hat übrigens in der Tübinger Staudengärnterei von Erika Jantzen erstmals das Gartencafé geöffnet. Also, Gummistiefel raus, graben und pflanzen und in der Pause ein paar Haiku zur Erholung lesen!

Information zum Buch

Das Buch der klassischen Haiku
Auswahl, Übersetzung, Nachwort von Jan Ulenbrook
Reclam, 2018, aktualisierte, gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-15-011175-8

Schöne Postkarten Nr. 237. © 2018 Schöne Postkarten

Schöne Postkarte Nr. 237. Bezugsquellen hier: © 2018 Schöne Postkarten

Schönes Wochenende!

N.K. / C.K.

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„Martha und ihre Söhne“ – ein besonderer Heimatroman

„Am wohlsten fühlte sie sich mit ihren Söhnen im Wald.“ aus: Martha und ihre Söhne

„Am wohlsten fühlte sie sich mit ihren Söhnen im Wald.“ aus: „Martha und ihre Söhne“

„Zuerst zerstört der Krieg fremder Leute Heimat, doch schließlich auch die eigene, ja zumindest bürgert er in ihr eine unerhörte Fremde ein, die bei genauem Hinsehen nicht wieder weicht.“

Diesen tiefgründigen Satz des in Tübingen lebenden Autors Kurt Oesterle habe ich vor ein paar Wochen in seinem Aufsatz zum Thema Heimat gelesen. Ein Zitat, das nicht nur gut zur aktuellen Heimat-Diskussion passt, sondern auch zu dem Roman, den wir heute vorstellen.

Ein besonderer Heimatroman

„Martha und ihre Söhne“ heißt dieser Heimat- und Nachkriegsroman, den Oesterle 2016 veröffentlicht hat. Die Geschichte spielt in einem Dorf in Süddeutschland und setzt unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Ein Krieg, in dem die Deutschen nicht nur die Heimat zahlreicher fremder Völker in Europa zerstört und verwüstet haben. Auch die Heimat von Martha, der Hauptfigur des Romans, liegt in Trümmern – gleich in mehrfachem Sinn. All das, wofür Martha gelebt hat, was sie bewundert, ja verehrt hat, ist auf einmal wertlos.

Wenn sie sich zum Nachdenken zwang, fand sie wenig Grund zur Hoffnung: ihr Vater war in Gefangenschaft, ihr älterer Bruder noch im Krieg, ihr zweitältester vermißt seit der Schlacht um Stalingrad, und ihre Mutter schien allmählich dem Wahnsinn zu verfallen.“

In den Frieden hineingeworfen

Martha, die mit großer Begeisterung dem Regime anhing, fühlt sich hilflos hineingeworfen in den neuen Frieden, die Freiheit und die Demokratie, die die einstigen Feinde, die Amerikaner, den Deutschen beibringen wollen. Die einst vom Führerstaat überzeugte Martha will aber von Freiheit und Demokratie nichts wissen, denn:

„Wie hatte sie, Martha, sich zusammen mit ihresgleichen doch geborgen gefühlt in diesem Staat: geborgen in wohliger Unmündigkeit, grad wie ein Kind!“

Beim Pflicht-Demokratieunterricht der amerikanischen Besatzer verachtet sie den amerikanischen Offizier, der den Unterricht hält, insgeheim für seine freundliche, von ihr als überheblich empfundene Art. Und ihre Angst vor Bestrafung wegen ihrer jahrelangen Regimetreue lässt ihr keine Ruhe:

„Die Zeit schien auf der Stelle zu treten, es gab weder Vergangenheit noch Zukunft. Es gab nur die immergleiche Gegenwart der Besatzung und die Straferwartung.“

Um der Strafe durch die Besatzer zu entgehen, beseitigt Martha, bei Kriegsende noch keine 20 Jahre alt, alles, was auch nur entfernt auf die Nähe ihrer Familie zum alten Regime hindeuten könnte: angefangen beim Portrait des Führers, das in der Küche hing, ja selbst die Zöpfe „schnitt Martha sich ab und legte sie auf den Haufen mit den verräterischen Dingen.“

Weil ihr das noch immer nicht genug erscheint, und weil ihre Tante Kätter wie eine Seherin unaufhörlich von der fürchterlichen Strafe spricht, die über dieses Volk kommen werde, das so hoch hinaus wollte, beschließt Martha in ihrer Verzweiflung so schnell wie möglich, Zuflucht im vermeintlich sicheren Hafen von Ehe und Mutterschaft zu suchen. Sie entscheidet sich für den erstbesten Verehrer, einen ehemaligen Soldaten aus dem Osten des untergegangenen Reichs.

„Der ist der Richtige, sagte sie sich, von dem weiß ich nichts, und der will bestimmt auch von mir nur das Nötigste wissen.“

Ohne Führer führungslos

Wie Oesterle in dichten Szenen und mit seiner schnörkellosen Sprache diese Atmosphäre der Führer- und Führungslosigkeit, des Mißtrauens und Nichtmehrwissenwollens unter den Dorfbewohnern schildert, ist packend und überzeugend. Martha jedenfalls leidet unter dieser Atmosphäre und unter ihrer Angst. Zwei in kurzem Abstand geborene Söhne, Helmut und Alfred, sollen sie ein für alle Mal vor der Strafe der Besatzer bewahren. Die beiden sollen sie auf dem Weg in die neue Zeit führen, und Martha beginnt „wenn auch nur schwach an die Zukunft zu glauben.“ Mit der Protagonistin glaubt auch der Leser für einen Moment an eine bessere Zukunft, um sogleich von dem feinen Stilisten Oesterle knallhart auf den Boden der Tatsachen geholt zu werden.

„Ihr Glaube an das untergegangene Regime indes war nur betäubt und sank hinunter ins Unbewußte, von wo er mit langen Schattenfingern kaum merklich auf ihr Denken, Fühlen und Handeln einwirkte.“

Die Geschichte Marthas, ihrer Familie und ihres Dorfes lässt keinen Zweifel daran, dass es mit der erfolgreichen Entnazifizierung und dem moralischen Neuanfang nach dem 8. Mai 1945 nicht weit her war. Ein ums andere Mal schildert Oesterle in diesem gelungenen Panorama der unmittelbaren Nachkriegszeit, wie sehr die Traumata in den Dorfbewohnern und in den hinzugezogenen Flüchtlingen nachwirken; und wie diese Traumata von Martha und ihrer Generation an deren Kinder weitergegeben wurden.

Große Leere, tiefe Verunsicherung

Marthas Söhne leiden jeder auf seine Art unter den von Ängsten, Verwirrung und einer unglaublichen Leere geprägten Erziehungsversuchen. Es ist bewegend zu lesen, wie Oesterle an Martha, dem Kind einer Diktatur, zeigt, dass sie „nichts besaß, was des Weitergebens wert gewesen wäre, nur das Wissen der Diktatur eben, das von den Siegern verfemt und verboten worden war, unwiderruflich.“ Man muss kein Mitleid mit Martha haben, aber als Leser fühlt man dennoch mit ihr. Und damit verändert sich auch der Blick auf die eigenen Eltern und Großeltern.

Die junge Mutter nimmt ihre Ängste und ihre tiefe Verunsicherung als Gewusel im Kopf wahr, und sie fragt sich, was denn „ihre wahre Denkungsart“ ist. „Hing ihr Herz immer noch am alten Regime und dessen Führern? Auch das konnte sie nicht erkennen. Und wo waren ihre Überzeugungen geblieben? Hatte sie überhaupt je welche besessen?“

Aber während Martha immerhin zweifelt und – vergeblich – nach ihren innersten Überzeugungen forscht, führt uns Oesterle gegen Ende dieses sehr lesenswerten Romans vor, wie wenig die Entnazifizierung gewirkt hat. Marthas Schwager, „ein zweitrangiger Führer während des Regimes“, prahlt nach den ersten freien Wahlen (!) beim sonntäglichen Kaffeetisch damit, wie

„man Gefangene im Sommer ins Erdreich eingrub und ihre Schädel von der Sonne dörren ließ, wie man sie im Winter an Bäume fesselte und mit Wasser beschoß, bis sie wie lebende Eiszapfen an den Ästen hingen und in diesem Leben nicht wieder auftauten.“

Hinsehen statt Wegsehen

Vor ein paar Wochen lief im Fernsehen ein sehenswerter Spielfilm über die ersten Auschwitzprozesse, die nach 1963 in Deutschland zur Aufarbeitung des Holocausts geführt wurden. Von den Gegnern dieser Verfahren wird im Film immer wieder das Argument vorgebracht, man müsse diese „Sachen“ um der Zukunft Willen ruhen lassen, weil das Land sonst nicht heilen könne. „Martha und ihre Söhne“ beweist das Gegenteil. Das Land und die Menschen kommen eben nicht zur Ruhe, wenn man die Gräueltaten ohne jede Einsicht und Reue totschweigt.

„Ihr schämt euch nicht genug für eure Dummheit, eure Mitschuld, eure Zustimmung und euer Wegsehen unter dem alten Regime!“

So schreit Kätter, Marthas Tante, gegen Ende der Umerziehungskurse, die man nach der Lektüre dieses Romans als naive demokratische Schnellbleiche bezeichnen darf.

„Martha und ihre Söhne“ ist kein Wohlfühlroman. Kurt Oesterle hat in seiner klaren, deutlichen Sprache ein wichtiges, lehrreiches Buch geschrieben, das uns das Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit und die lange nachwirkenden Traumata des Naziregimes in vielen dichten, einprägsamen Szenen nahebringt. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt!

Information zum Buch

Kurt Oesterle
Martha und ihre Söhne
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen, 2016
ISBN 978-3-86351-414-3

Wer sich über Kurt Oesterle und seine Bücher und Aufsätze informieren möchte, kann dies auf seiner Homepage tun.

N.K. / C.K.

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Das geheime Leben der Kühe

„Jeder der selbst ein oder mehrere Tiere hat, sieht sie fraglos als Individuen und wird mit großem Verständnis auch über kleinere Unterschiede und Eigenheiten ihres Wesens sprechen. Nutztiere werden gewöhnlich in größeren Gruppen gehalten, was jedoch nicht bedeutet, dass sie keine Individuen wären. Sie unterscheiden sich genauso, und auch ihre Intelligenz variiert.“

„Kühe sind so unterschiedlich wie Menschen.“ Und immer neugierig!

„Kühe sind so unterschiedlich wie Menschen.“ Und immer neugierig!

Geschichten über Kühe

„Das geheime Leben der Kühe“ heißt das Buch der Engländerin Rosamund Young, das erstmal im Jahr 2003 in England in einem kleinen landwirtschaftlichen Verlag erschien. Es hätte wahrscheinlich nie größere Beachtung gefunden, wenn nicht der britische Erfolgsautor Alan Bennett das Buch in seinem Tagebuch erwähnt hätte. Schön, dass ein Lektor bei Faber & Faber Bennetts Tagebuch aufmerksam gelesen hat, so erschien „The Secret Life of Cows“ 2017 in einer überarbeiteten Auflage, die deutsche Ausgabe ist 2018 im btb Verlag erschienen, als Hardcover mit rotem Lesebändchen. Der schmale, schön gestaltete Band hat 176 Seiten, die sich unterhaltsam lesen.

Leidenschaftliche Bäuerin, genaue Beobachterin

Nun könnte man bei dem Titel vielleicht meinen, das Buch wäre von einer militanten Tierschützerin verfasst, die vom Dasein als Bäuerin keinen blassen Schimmer hat. Weit gefehlt. Rosamund Young ist eine englische Bio-Bäuerin der ersten Stunde. Ihre Eltern haben 1953 eine Farm übernommen und von Beginn an so naturnah wie möglich geführt. Das Tierwohl stand bei den Youngs ganz oben zu einer Zeit, als es das Wort Bio-Bauer noch nicht gab. Die kleine Rosamund war damals 12, ihr Bruder Richard drei Jahre alt. Gemeinsam mit Rosamunds Partner betreiben sie seit Jahrzehnten den 150-Hektor-Hof Kite’s Farm in den Cotswolds. Und selbstverständlich halten die Youngs ihre Tiere nicht aus reiner Tierliebe, sondern sie verkaufen sie und schlachten sie –  auch für den Eigengebrauch.

Rosamund Young schildert uns ihre Erfahrungen und ihre genauen, unprätentiös geschilderten Beobachtungen, die sie in vielen Jahren bei der täglichen Arbeit mit ihren Tieren gemacht hat. In kleinen Geschichten und Anekdoten schafft sie es, uns Leser zu überzeugen, dass Tiere sehr wohl Individuen sind, wie wir Menschen auch.

Kühe brauchen frische Luft, frisches Gras und Platz zum Toben. Aubrac-Rinder in Burgund.

Kühe brauchen frische Luft, frisches Gras und Platz zum Toben. Aubrac-Rinder in Burgund.

„Kühe sind so unterschiedlich wie Menschen. Sie können höchst intelligent sein oder auch schwer von Begriff. Freundlich, umsichtig, aggressiv, gelehrig, erfindungsreich, langweilig, stolz oder schüchtern. Ist eine Herd groß genug, finden sich all diese Eigenschaften, und wir halten seit langen Jahren unverbrüchlich daran fest, unsere Tiere als Individuen zu halten.“

So erzählt Young an einer Stelle über eine besondere Mutter-Tochter-Beziehung zwischen zwei Kühen: Dolly und Dolly II. Letzte wurde als fünftes Kalb von Dolly geboren. Als nun Dolly II bei der Geburt ihres ersten Kalbes ein viel zu großes Bullenkalb tot auf die Welt brachte, hat sie Trost bei ihrer Kuh-Mutter gesucht und bekommen; dies obwohl die beiden Kühe seit langem keinen Kontakt mehr miteinander hatten.

Auch an der Tatsache, dass Kühe untereinander kommunizieren, lässt Young keinen Zweifel. Kühe teilen sich über Muhlaute mit, aber auch über ihre Körpersprache. Jeder Tierverhaltensforscher wird die Beobachtungen Youngs heute bestätigen.

„Mit dem Kopf wird unerwünschte Aufmerksamkeit ausgedrückt, aber auch Liebe und Fürsorge. Gegenseitige Fellpflege ist eine wichtige Aktivität, und es ist faszinierend zu beobachten, wie verschieden Kühe andere Herdenmitglieder darum bitten.“

Ein Charolais-Stier senkt entspannt den Kopf – und will gestreichelt werden.

Ein Charolais-Stier senkt entspannt den Kopf – und will gestreichelt werden.

Auch Stiere wollen Zärtlichkeit

Ich hatte selbst vor ein paar Jahren mal das Vergnügen, von einem ausgewachsenen Charolais-Bullen um ein paar Streicheleinheiten gebeten zu werden. Der Stier, der um die 1000 Kilo wog, stand auf anderen Seite eines bedenklich dünnen Gatters, hielt den Kopf gesenkt und pochte mit seinen Hörnen sanft aber bestimmt an das Holz. Ich verstand die Aufforderung und machte mich zügig daran, seine lockige Stirn kräftig zu kratzen. Als ich nach ein paar Minuten aufhörte, forderte er eine Zugabe, die ich ihm gerne gab. Auch die nächsten Tage kam er wieder ans Gatter, als ich dastand, immer dasselbe Spiel. Das kannte ich bisher nur von unserem Hund!

Tiere sind fühlende Wesen

Auch bei Schafen, Schweinen und Hühnern, die auf Kite’s Nest leben, macht Rosamund Young erstaunliche Beobachtungen. Zum Beispiel wird sie eines Tages bei einem kleinen Teich Zeuge wie Lucy, eines der beiden Schweine auf der Farm, sich

„vor meinen Augen anmutig ins Wasser stürzte, zwei Runden schwamm, lächelte, zurück an Land stieg, sich schüttelte und weiter in der Erde buddelte.“

Young war bis dato der Meinung (wie ich auch), dass Schweine sich zwar im Schlamm suhlen aber zum Schwimmen viel zu schwer sind und daher tieferes Wasser meiden. Individuelle Persönlichkeiten beobachtet Young auch bei ihren Hühnern. Hühner sind gesellig, verspielt, sie lieben die Gesellschaft von Menschen, und sie trauern sogar um ihre Artgenossen wie Young schildert. Verhaltensweisen, die wir als Fernsehzuschauer in aufwendig produzierten Tierdokumentationen bei Elefanten in Afrika mit feuchten Augen beobachten:

„Staunend verfolgen die Leute eine Fernsehsendung über das soziale Miteinander von Elefanten, ihre Familienverbände, ihre Gefühle, die Art, wie sich gegenseitig helfen, und ihren Sinn für Humor  – ohne zu begreifen, dass unser eigenes Vieh ganz ähnlich lebt, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt“

Gerne würde man den Verantwortlichen im Berliner Landwirtschaftsministerium ein Exemplar in die Hand drücken, in der Hoffnung, dass dem Wohl unserer heimischen Nutztiere – von den Kühen bis zu den Bienen – endlich angemessen Rechnung getragen wird.

Was wir als Verbraucher für das Tierwohl tun können? Wann immer möglich durch unser Einkaufsverhalten Bäuerinnen und Bauern unterstützen, die ihre Tiere artgerecht halten und für die das Wort Tierwohl nicht nur eine Worthülse im Wahlkampf ist.

Rosamund Young. Das geheime Leben der Kühe. btb VerlagBuchinformation

Rosamund Young
Das geheime Leben der Kühe
btb Verlag, München
ISBN: 978-3-442-75792-3
Hardcover, 176 Seiten, mit Lesenbändchen und einem handgezeichneten Stammbaum.

Wir wünschen schöne Lesestunden, und wenn Sie das nächste Mal an einer Weide vorbeikommen, schauen Sie genau hin.

NK / CK

Hier noch ein kleiner Film über Rosamund Young

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Freitagsfoto: Huhn mit Reis

Reis ohne Huhn für Joséphine und Chloé. Im nächsten Leben möchte ich Huhn bei meiner Liebsten sein.

Reis ohne Huhn für Joséphine und Chloé. Im nächsten Leben möchte ich Huhn bei meiner Liebsten sein.

Zum Huhn hat die Journalistin Anja Rützel vor einer Weile einen lesenswerten Artikel geschrieben. Sie berichtet darin über ihre Erfahrungen bei der Hühnerdressur. Seither geht’s ihr wie meiner Frau und mir: sie sieht Hühner mit ganz anderen Augen.  Den Artikel gibt’s online im SZ-Magazin.

Schönes Wochenende!

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150 Jahre Postkarte: Eine Geschichte mit Zukunft

Seit 150 Jahren gibt es die Postkarte, und sie hat eine bewegte Geschichte hinter sich und noch viel Zukunft vor sich. Die Medienwissenschaftlerin Anett Holzheid vom ZKM in Karlsruhe hat sich in ihrer Doktorarbeit intensiv mit der Postkarte beschäftigt. Das SWR-Fernsehen hat dazu einen kleinen, sehenswerten Beitrag gebracht:

Die Postkarte ist, da sind wir ganz sicher, auch im 21. Jahrhundert nicht unterzukriegen. Warum? Weil sie analog und persönlich ist und der Empfängerin oder dem Empfänger eine ganz besondere Wertschätzung signalisiert. Außerdem: schon mal versucht, eine WhatsApp-Nachricht an die Wand zu pinnen?

Postkarten schreiben entschleunigt übrigens auch. Weil man in einen ganz anderen Modus kommt, sagt die Medienwissenschaftlerin Holzheid. Dazu passt, finden wir, das entschleunigende Zitat von Franz Kafka, das es bei Schöne Postkarten als Motiv gibt:

Schöne Postkarte Nr. 168 · Warum erster sein? Franz Kafka © 2018 Schöne Postkarten

Schöne Postkarte Nr. 168 · Warum erster sein? Franz Kafka © 2018 Schöne Postkarten

Schönes Wochenende!