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„Die Stunde, in der Europa erwachte“: Kammerspiel im wüsten Land

Zerstörtes Lazarett in Craonelle am Chemin des Dames | Photo: VestPocket Kodak Marius Vasse 1891-1987 | (CC BY 2.0)

Zerstörtes Lazarett in Craonelle am Chemin des Dames | Photo: VestPocket Kodak Marius Vasse 1891-1987 | (CC BY 2.0)

„Das erste Gebäude auf dem ehemaligen Schlachtfeld war ein roh gezimmertes, schlichtes Holzhaus, das vor allem als Trink- und Aufwärmstube diente und den Namen À l’héroine des ruines – Zur Heldin der Ruinen trug.“

Zu einer Zeit, da uns die Europäische Union gerade um die Ohren fliegt, ja gleichsam in alle Himmelsrichtungen auseinanderzufliegen droht, legt der in Tübingen lebende Autor Kurt Oesterle seinen neuen Roman mit einem programmatischen Titel vor:

„Die Stunde, in der Europa erwachte“

Oesterle, der sich in seinem letzten Buch, „Die Erbschaft der Gewalt. Über nahe und ferne Folgen des Krieges“ mit den traumatischen Folgen des Ersten Weltkriegs auseinandergesetzt hat, kehrt mit seinem neuen Werk auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs zurück.

Die Handlung setzt ein im Sommer 1919. Während die Tinte des Versailler Vertrags, den die Deutschen am 28. Juni 1919 widerwillig unterzeichnet haben, gerade mal trocken ist, bieten die riesigen Schlachtfelder der Westfront ein furchtbares Bild der Verheerung. Städte, Dörfer, Häuser, ja auch die Natur, sind zerstört. Es wird, wie wir heute wissen, Jahrzehnte dauern, bis wieder Bäume dort wachsen, wo alles zerbombt, vermint oder verseucht ist:

„Die Natur bot keinerlei Trost, wer welchen brauchte, musste woanders nach ihm suchen.“

Nach hundert Jahren sind die Verwüstungen des Erstes Weltkrieges in der Natur nach wie vor zu sehen

Nach hundert Jahren sind die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs in der Natur nach wie vor zu sehen

In diese trostlose Landschaft setzt Oesterle den zentralen Ort der Handlung, eine provisorische Kneipe mit dem etwas ungewöhnlichen Namen „Zur Heldin der Ruinen“. Estaminet nennt man im Norden Frankreichs diese Mischung aus Bistro, Kneipe und Restaurant, und es gab von diesen Estaminets, so der Autor in einem Radiointerview, etliche auf den Schlachtfeldern. Es trafen sich dort Metallsammler, Knochensammler, Vertriebene, die in ihre Heimat zurückkehrten, und mitunter auch Kriegsgefangene, die als Frontabräumer ihr Leben riskieren mussten.

Rückkehr in das, was mal Heimat war

Einer dieser Heimkehrer im Roman ist Minot,

„ein sechzehnjähriger Junge, der auf einem der Einödhöfe dieser Gegend geboren und groß geworden war. Viereinhalb Jahre zuvor, nach den ersten Kämpfen am Chemin des Dames hatte man Minot und seine Familie mit anderen Zivilisten von Haus und Hof vertrieben.“

Minots Vater ist gleich zu Anfang des Krieges 1914 gefallen, und der Junge soll nun die Lage sondieren für Mutter und Geschwister, ob und wann die Familie wieder heimkehren kann in die Gegend am Chemin des Dames. Der sogenannte Damenweg ist ein Höhenzug zwischen Laon, Soissons und Reims im Norden Frankreichs, wo eine der brutalsten Materialschlachten des Ersten Weltkriegs stattfand.

„Wo immer er hinsah, Minot erkannte das Land seiner Herkunft nicht mehr, und zwar vor allem mit dem inneren Auge und in jeder Vertrautheit, die ihn seit der Kindheit begleitete. Allein die Ortsnamen! Wenn er nur an sie dachte, kamen ihm die Tränen: Berry-au-Bac, etwa, sein Schulort, oder Sapigneul, wohin er mit seinem Vater einst gegangen war, um ihre Ziege decken zu lassen.“

Minot lässt sich vom trostlosen Anblick nicht entmutigen. Sein Antrieb sind Neugier, Trotz, Pflichtgefühl gegenüber der Familie, Mitmenschlichkeit und reichlich Optimismus. Letzteren braucht er auch: der Junge soll die Schlachtfeldkneipe Zur Heldin übernehmen, die seit dem plötzlichen Verschwinden der früheren Besitzerin verwaist ist. So bedeuten es ihm Pablo und Jan, ein Spanier und ein Pole, zwei Todesmutige, die auf dem Schlachtfeld Metall und allerhand anderes Verwertbares sammeln, um Geld zu verdienen.

Auch der Bauer Gustave, eine weitere Figur in diesem dichten, glänzend komponierten Roman empfiehlt Minot, die Heldin zu übernehmen, bis er irgendwann wieder zu seinem Hof kann, der im Moment noch in der Roten Zone liegt, in jener Zone Rouge, die als todgefährliches Gelände nicht begehbar ist. Auch Pablo, Jan und Gustave haben an den Folgen des Krieges zu leiden. Wie Minot versuchen sie, das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Minot wird also Gastwirt, und der feine Stilist Oesterle macht aus dem Bistro die zentrale Bühne für sein Kammerspiel im wüsten Land. Nachdem sich Minot, die Haupt- und Hoffnungsfigur eingerichtet hat, lässt der Autor gekonnt die weiteren Darsteller auftreten:

Die Eltern aus Esslingen

Das Ehepaar Max und Magda Krüger aus dem Württembergischen: ihr Sohn Felix ist kurz vor Kriegsende gefallen und liegt auf einem Soldatenfriedhof namens Moscou, tief in der französischen Provinz, rund zwanzig Kilometer hinter Reims. Die Krügers, erschüttert und sprachlos, jeder allein mit seinem Schmerz, beschließen den Leichnam des Sohnes in die schwäbische Erde heimzuholen. Ein schwieriges, weil illegales Unterfangen.

Aus den Feldern der Ehre sind riesige Felder der Trauer geworden. Soldatenfriedhof bei Verdun.

Aus den Feldern der Ehre sind riesige Felder der Trauer geworden. Soldatenfriedhof bei Verdun.

Die Engländerin Elsie

Sodann lernen wir die Engländerin Elsie Norton kennen. Ihr Mann James hat die Schlachten an der Somme, in Flandern und schließlich am Chemin des Dames überlebt. Äußerlich unverletzt kehrt er nach Devon heim, aber für das Paar ist nichts mehr wie es war. Jim ist zutiefst traumatisiert, eingeschlossen in seinem Kopfkino, das er „picturedome“ nennt. Elsie ist verzweifelt, findet keinen Zugang zu ihm, kann ihm nicht helfen. Hoffnung keimt bei der Krankenschwester erst auf, als ihr ein junger Arzt einen Artikel über das Phänomen „shell shock“ und seine mögliche Heilung in die Hand drückt. Als James sich endlich in Behandlung begibt, unternimmt Elsie eine Pilgerreise zu den Orten des Grauens in Frankreich. Eine schmerzliche Tour de Force.

Kriegsgefangener Nummer 2341

Ein unregelmäßiger Stammgast in Minots Schlachtfeldbistro ist Franz, der deutsche Kriegsgefangene: „einer unter dreihunderttausend im Land“, ein hochbegabter Physiker vor dem Krieg, technikgläubig, der den Krieg als adäquate Möglichkeit sah, neue Technologien auszuprobieren. Ein junger Mann mit den allerbesten Aussichten, dessen Hoffnungen sich samt und sonders in Nichts auflösen sollten.

Gorm, der Hund

Gorm schließlich ist ein ganz besonderer Protagonist in diesem sprachlich mitreißenden Episodenroman, den man sich auch sehr gut als Theater- oder Filmfassung vorstellen kann. Gorm, die deutsche Dogge, soll zur Ehre seiner bürgerlichen Besitzer als Kriegshund ins Feld ziehen. Gorm wird Rettungshund wie mehr als 30.000 andere Artgenossen, von denen nur 10 Prozent an ihre Besitzer zurückgegeben werden konnten. An der Front trifft Gorm mit seinem Hundeführer

„auf Soldaten mit blutenden Schuß- oder Stichwunden, mit abgerissenen oder aufgeschlitzten Gliedmaßen, mit heraushängendem Gedärm, verbrannten Gesichtern, blinden Augen, und je weiter man nach vorne kam, desto schlimmer wurden die Wunden und ihr Geruch.“

Kurz vor Kriegsende wird Gorms Hundeführer tödlich verletzt, das kluge Tier bleibt seinem Schicksal überlassen. Der Hund verwildert, irrt abgemagert und misstrauisch über die verbrannte Erde, bis auch er „im wüsten Land“ in der Nähe von Minots Kneipenhütte auftaucht und sich mit seiner eigenen Hoffnungslosigkeit in das Ensemble einreiht.

Wie sich Kurt Oesterle in den Kopf dieses Hundes hineinversetzt und den Leser mittels eines klaren stimmigen Tons einlädt, mitzufühlen mit dieser dürren Dogge, ebenso wie mit der geschundenen Natur und den menschlichen Figuren, ist meisterhaft.

Europäische Welten treffen aufeinander

Gekonnt ist auch, wie der Autor die Fäden der Handlung und seine Figuren harmonisch miteinander verwebt und die Erzählperspektiven wechselt. Klasse der Griff mit dem Bistro im Niemandsland, wo ganz gezielt europäische Welten aufeinander treffen: der Pole auf den Spanier, die Deutschen auf die Franzosen, die Franzosen auf die Engländerin, die Engländerin auf die Deutschen.

„Heimatabend im Niemandsland“

So heißt eines der eindrücklichsten Kapitel gegen Ende des Buches. Das Bistro ist gut besucht, der junge Minot zur hoffnungsvollen Attraktion auf dem Schlachtfeld geworden. Da sitzen sie also alle in dieser engen, rauchigen Kneipe, mit ihrem Schmerz und ihrer Sprachlosigkeit. Der einzig sprachmächtige unter ihnen ist Jan, ein polyglotter Pole vom Rand Europas, der Französisch, Deutsch und Englisch spricht. Als Leser sitzen wir ganz leise und gebannt in einer Ecke:

„Nicht selten hockten die anwesenden Gäste nur mit versiegelten Mündern beieinander und träumten dem Tabakrauch hinterher, der durch ein geöffnetes Fenster ins Weite zog. Mancher nippte an seinem Weinglas, Minuten inniger Stille gehörten wie selbstverständlich zu den Genüssen, die hier, in diesem Dorfwirtshaus ohne Dorf, geschätzt wurden. […] So wie überall in Europa herrschte auch hier draußen seit dem Krieg das Schweigen der Verwundeten.“

Spätestens in diesem Kapitel dieses besonderen Europa-Buches wird klar, was Europa wirklich braucht, heute so sehr wie damals 1919, und was sich der Autor für Europa wünscht: Menschlichkeit und Respekt voreinander. Es braucht, so der Autor in einem Interview, ein Europa der Emotionen und nicht nur der Institutionen.

Europa ist viel mehr als nur ein Binnenmarkt, es ist ein großes Friedensprojekt, das Emotionen ebenso wie Institutionen braucht. Grafik: Europäische Kommission

Europa ist viel mehr als nur ein Binnenmarkt, es ist ein großes Friedensprojekt, das Emotionen ebenso wie Institutionen braucht. Grafik: Europäische Kommission

Gegen Ende des Buches bringt Minot, dessen Name übrigens ein altes französisches Volumenmaß ist, die Engländerin Elsie mit dem Pferdekarren zum Bahnhof. Sie spricht kein Französisch, er kein Englisch, und doch verstehen sie sich irgendwie. Auf dem Heimweg sinnt Minot über diese Begegnung mit der fremden Engländerin nach:

„Dennoch erhielt sich von solch einer Begegnung noch lange und deutlich das Gefühl, mit einem fremden Menschen da draußen irgendwie verbunden zu sein und an ihm zum ersten Mal die Erfahrung gemacht zu haben, daß man in größeren Einheiten existierte als bloß in Familie, engerer Heimat oder Nation. Ein seltsames, ein abenteuerliches Gefühl, vor allem für einen Jungen wie Minot: das Europagefühl.“

Verneigung vor den War Poets

 

Kurt Oesterle: ein guter Zuhörer, genauer Beobachter und sprachmächtiger Erzähler

Kurt Oesterle: ein guter Zuhörer, genauer Beobachter und sprachmächtiger Erzähler

Kurt Oesterle hat, wie er selbst sagt, keinen historischen Roman, geschrieben. Im Epilog lässt er aber dann doch noch eine historische Person auftreten. Die fiktive Elsie trifft auf Mary Borden, eine Amerikanerin, die nicht nur ein Frontlazarett finanziert und als angelernte Krankenschwester dort gearbeitet hat. Mary Borden gehört zu den sogenannten englischsprachigen War Poets, die ihre teils furchtbaren Kriegserfahrungen in großartigen und bewegenden Gedichten verewigt haben. Der Epilog ist ein schöner Kunstgriff, mit dem sich Oesterle, vor den War Poets verneigt. Mary Bordens Gedicht „The Song of the Mud“ hat er selbst übersetzt. Man sollte dieses Gedicht laut lesen, damit sich dessen Wirkung voll entfaltet.

Diesem wunderbar erzählten, beeindruckenden Roman sind viele Leserinnen und Leser in Europa zu wünschen, denn dieses Europa kann jede Menge Europagefühl brauchen!

Kurt Oesterle: Die Stunde, in der Europa erwachte, Klöpfer, Narr, Tübingen 2019Buchinformation

Kurt Oesterle
Die Stunde, in der Europa erwachte
Klöpfer, Narr GmbH, Tübingen, 2019
ISBN 978-3-7496-1004-4
261 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, 22 Euro

Weitere Informationen

Das Tübinger Radio Wüste Welle hat Kurt Oesterle zu seinem neuen Buch interviewt. Kann man online hier nachhören.

Hier gibt es ein Mémorial Chemin des Dames, nur in französischer Sprache.

Zur Geschichte des Sanitätshundewesens gibt es hier einen Artikel online.

Kurt Oesterle unterhält eine informative Internetseite hier. Der Autor liest auch gerne an Schulen.

Unsere Rezension von „Die Erbschaft der Gewalt“ finden Sie hier.

N.K. | C.K.

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Wir schrieben Postkarten in Nizza

Am Strand verliebten wir uns in bezaubernde Französinnen, die uns nicht beachteten, und am Abend ertränkten wir unsere Sehnsucht in billigem Landwein, schrieben Postkarten an die daheim, die uns nicht vermissten.

Sommerferien 1977, Nizza

Unanständige Form der Mitteilung

Vor 150 Jahren, am 1. Oktober 1869, wurde die erste Postkarte verschickt. Sie wurde, wie das Museum für Kommunikation Berlin anlässlich einer Sonderausstellung „150 Jahre Postkartengrüße“ schreibt, zunächst als „unanständige Form der Mitteilung auf offenem Postblatt“ kritisiert. Aber die neuen Postkarten trafen den Nerv der Zeit und wurden sehr schnell sehr beliebt.

Die schönste Art, hallo zu sagen

Beliebt ist die Postkarte übrigens immer noch. 2017 wurden allein in Deutschland 195 Millionen Karten verschickt. OK, zum Ende des 19. Jahrhunderts schrieben die Deutschen noch jährlich eine Milliarde Ansichtskarten, aber das ist lange her. Diese Informationen habe ich übrigens aus einem lesenswerten Artikel von Lara Fritzsche, der Anfang September im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Titel: Gute Karten!

am Strand von Bochum

Wohl aus Anlass dieses Postkarten-Geburtstags hat sich der Suhrkamp-Verlag Berlin entschieden, das wunderbare Postkarten-Buch von Jurek Becker „am Strand von Bochum ist allerhand los“ als Taschenbuch rauszubringen. Wir haben das Buch hier im Reklamekasper letzten Sommer ausführlich vorgestellt. Wir versichern Euch: mit Jurek Beckers ebenso originellen wie anrührenden Postkartengrüßen kann keine WhatsApp oder SMS mithalten!

am Strand von Nizza

Man muss übrigens nicht erst nach Bochum reisen wie Jurek Becker, oder als 16-jähriger nach Nizza, um jemandem, den man mag, eine Postkarte zu schreiben. Warum nicht mal dem Nachbar eine Postkarte mit ein paar netten Worten schenken oder der sympathischen Verkäuferin am Gemüsestand auf dem Wochenmarkt?

Schöne Postkarten

Weder am Strand von Bochum noch am Strand von Nizza ist dieses Motiv entstanden. Es ist Teil unserer Serie Schöne Postkarten, die in verschiedenen Geschäften in Tübingen, Mössingen, Hechingen und jetzt auch in der Stadtbücherei Ravensburg erhältlich sind: wo genau steht hier. Unser Webshop ist im Aufbau, über Anfragen per E-Mail freuen wir uns.

Schöne Postkarte Nr. 187 · One’s not half of two – E.E. Cummings © Schöne Postkarten

Schöne Postkarte Nr. 187 · One’s not half of two – E.E. Cummings © Schöne Postkarten

NK | CK

P.S. Wissen Sie noch, wo Sie die Sommerferien 1977 verbracht haben?

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Freitagsfoto: Bärenpanther in Frankreich

Ist äußerst scheu und legt auf seinen Wanderungen lange Strecken zurück: der Bärenpanther

Ist äußerst scheu und legt auf seinen Wanderungen lange Strecken zurück: der Bärenpanther

Im Norden des französischen Departments Ardèche ist vor wenigen Wochen ein Bärenpanther gesichtet worden. Das scheue Tier lief einem Tübinger Fotografen am frühen Morgen des 29. August 2019 vor die Linse. Es wird vermutet, dass es sich um dasselbe Tier handelt, das im Januar 2018 im Naturpark Schönbuch bei Tübingen gesehen wurde. Dass Bärenpanther mitunter sehr lange Strecken zurücklegen ist keine Seltenheit.

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Einladung: Herbstfest bei Erika Jantzen

Lampionblume, Physalis alkekengi, aus der Familie der Nachtschattengewächse

Lampionblume, Physalis alkekengi, aus der Familie der Nachtschattengewächse

Kennen Sie auch dieses Gefühl, heimlich etwas erleichtert zu sein, wenn sich das Gartenjahr dem Ende zuneigt? Nichts mehr zu mähen, zu schneiden, zu jäten, nur noch ein bisschen Laub rechen? Ich geb’ zu, meiner Frau und mir geht’s manchmal so, vor allem wenn sich der Garten, wie in diesem Jahr, von seiner sehr wüchsigen Seite gezeigt hat. Der von mir verehrte amerikanische Dichter Jack Ridl, selbst ein begeisterter Hobbygärtner, hat über die letzten Arbeiten im Herbst übrigens ein schönes Gedicht geschrieben: „The Last Chores of the Fall“. Aber dazu später.

Bevor wir nämlich bald das Gartenwerkzeug sauber machen und aufräumen, könnten wir ja, müder Rücken hin oder her, noch ein paar Dinge neu pflanzen, bienenfreundliche Stauden zum Beispiel oder Gräser. Überhaupt weden Gräser in ihrer gestalterischen Wirkung häufig unterschätzt, dabei geben diese filigranen Gewächse auch im Winter Struktur und eine graphische Anmutung. Gräser, mag meine Frau, deren Hilfsgärntner ich sein darf, sehr. Ich auch.

Herbstfest in Erika Jantzens Gärtnerei: 21. + 22.9.

Also liebe Gärtnerinnen und Gärtnerinnen, schaufeln Sie sich am Wochenende ein paar Stunden frei und machen Sie einen Abstecher zum Herbstfest in die schöne Staudengärtnerei von Erika Jantzen im Ammertal am Ortsausgang von Tübingen.

Gräser sind filigrane Schönheiten zu jeder Jahreszeit

Gräser sind filigrane Schönheiten zu jeder Jahreszeit

In Sachen Stauden, Astern, Gräsern, Clematis, Kräuter sind die kundigen Tübinger Staudenmädle nicht zu schlagen. Am Samstag und Sonntag (21. + 22.9.2019)  ist die Staudengärtnerei mit dem reizenden Gartencafé von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Infos und Anfahrtsskizze hier.

Schöne Postkarten beim Herbstfest

Neben den Pflanzen gibt es beim Herbstfest auch allerlei Kunsthandwerkliches – und in diesem Herbst wieder einen Stand von Schöne Postkarten. Wenn Sie also immer mal sehen wollten, wer eigentlich hinter Schöne Postkarten steckt und fotografiert, dann laden wir Sie herzlich ein.

Wer fotografiert eigentlich bei Schöne Postkarten?

Wer fotografiert eigentlich bei Schöne Postkarten?

Wir freuen uns auf Sie! Und natürlich haben wir auch alle aktuellen Postkartenmotive dabei. Ein paar davon sind, wie manche vielleicht wissen, in der Staudengärtnerei entstanden:

Schöne Postkarten · Nr. 3 · Blumen und Gläser. © www.schoenepostkarten.de

Schöne Postkarten · Nr. 3 · Blumen und Gläser. © www.schoenepostkarten.de

Sinfonie in Grün-Dur. Schöne Postkarte Nr. 12 · © www.schoenepostkarten.de

Sinfonie in Grün-Dur. Schöne Postkarte Nr. 12 · © www.schoenepostkarten.de

Winterfest

So, wie versprochen jetzt noch das Herbst-Gedicht von Jack Ridl. Es heißt The Last Chores of Fall (Die letzten Pflichten im Herbst) und der Dichter beschreibt, wie er seinen Garten winterfest macht, wenn es Zeit wird, sich einem langsameren Rhythmus hinzugeben. Er gräbt die Einjährigen aus, trägt die Pflanztöpfe ins Gartenhaus, holt die Geranien rein und schneidet sie runter, reinigt die alte Pflanzkelle, mit der sein Vater 30 Jahre im Garten gearbeitet hat. All diese kleinen Arbeiten werden in meditativer Ruhe ausgeführt; immer unter der Beobachtung der Hunde, die ihre feinen Nasen in die kühler werdende Luft strecken, die vielleicht schon den Schnee riechen, der irgendwann kommen wird. Dies also ist mein Lieblings-Herbstgedicht:

Last Chores of Fall

The trace of November lingering
along the ridge behind our house,
the exhale of yellow-gold
within the stagger of oaks.
tells us it is time to move inside,
let our blood return to its quiet
wander, the year now browning
toward a sudden frost. This
afternoon I will slowly uproot
the impatiens, tossing
their gasps of pink, white,
and salmon into the dark
of the compost pile. Remembering
to bend at the knees, I’ll carry
the cracked and chipped pots
back to the garden’s shed,
stack them, letting the clay
of one pot settle into the dirt
in another. I’ll bring in
the geraniums, their twisted,
leggy stems nearly leafless
and cut them down to hopeful
nubs, then set them on the sill.
The dogs will watch as I wash
and dry the trowel my father
used for thirty years. Each
year he added another row
or two of flowers. I’ll hang
the trowel on its rusty nail.
The dogs will lift their mysterious
noses into the changing air, into
the smells of mud, moldering
leaves, the scent of approaching
snow along the stream below
the barren ridge. Then I will
turn back to the house, the sun
burning down early into its setting.

Jack Ridl

Used here with kind permisson of the author.

Buchinformation

Jack Ridl
broken symmetry
Wayne State University Press, Detroit, USA
ISBN: 9780814335208

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N.K | C.K.

Das letzte Wort hat heute Victor Hugo:

Der Sommer, der geht. Victor Hugo · Schöne Postkarte · Nr. 4 · © www.schoenepostkarten.de

Der Sommer, der geht. Victor Hugo · Schöne Postkarte · Nr. 4 · © www.schoenepostkarten.de

 

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Napoleon 1812

Napoleon fasziniert – so auch unseren Sohn, der dieses Gewehr nach der Lektüre von „1812“ geschnitzt hat.

Napoleon fasziniert – so auch unseren Sohn, der dieses Gewehr nach der Lektüre von „1812“ geschnitzt hat.

„Am meisten im Leben bedaure ich, daß ich 1812 kein Mann war.“ Dies sagte Katharina, die Schwester Zar Alexanders, nach dem gescheiterten Russlandfeldzug Napoleons. Ich bin ziemlich froh, 1812 nicht als Mann gelebt zu haben. Das damalige Königreich Württemberg war nämlich von 1806 bis 1813 als Teil des Rheinbundes dem Einfluss französischer Interessen unterworfen. Als Wehrfähiger in dieser Zeit bedeutete dies mit großer Wahrscheinlichkeit eine Teilnahme am Russlandfeldzug Napoleon Bonapartes und damit womöglich auch einen erbärmlichen Tod.

1812 – Napoleons Feldzug in Russland

Ich will es gleich vorweg sagen, ich habe selten ein so spannendes und zugleich so lehrreiches Buch gelesen wie 1812, das 720 Seiten starke Werk des amerikanisch-polnischen Historikers Adam Zamoyski. Ich habe das Buch im Urlaub atemlos verschlungen, litt allerdings bisweilen auch an Alpträumen.

Dabei ging es mir mit dem Russlandfeldzug Napoloens wie wahrscheinlich vielen Menschen. Man hat davon gehört, erinnert sich vielleicht an ein, zwei Details, und das war’s auch schon. Dabei war Napoleons russischer Feldzug im Jahr 1812

eine der eindruckvollsten Episoden in der Geschichte Europas, ein Ereignis mit epischen Dimensionen, das sich tief in die Vorstellungswelt der Völker eingegraben hat.

So schreibt Zamoyski im Vorwort. Dabei erhebt er nicht den Anspruch, alle historischen Fragen erschöpfend zu beantworten. Wie sollte das auch gehen?! Was die Lektüre dieses Buches so besonders macht, ist die Tatsache, dass der Autor es schafft, die großen historischen Zusammenhänge mit zahlreichen persönlichen, häufig dramatischen Erlebnissen der Menschen zu verweben, die an diesem gewaltigen Feldzug teilgenommen haben. Für Zamoyski ist der Russlandfeldzug

eine menschliche Geschichte schlechthin, von Hybris und Nemensis, von Triumph und Katastrophe, von Ruhm und Elend, von Freude und Leid.

Menschliche Katastrophen

Der Autor hat enorme Recherchearbeit geleistet, und er erdet die historischen Fakten immer wieder auf einer menschlichen Ebene, indem er Briefe, Tagebücher, Skizzen von einfachen Soldaten, Offizieren, Ärzten, Politikern, aber auch von Händlern, die die Grande Armée begleiteten (Marketender), in seine Erzählung einflicht.

So schreibt Karl von Suckow, Leutnant in einer württembergischen Einheit auf Seiten der Franzosen, nach der dramatischen Überquerung der Beresina auf dem Rückzug:

Der Boden war mit Tieren und Menschen übersät, lebendigen und toten … Jeden Augenblick fühlte ich, wie ich über Leichen stolperte; zugegeben, ich fiel nicht, aber nur, weil ich nicht konnte, nur weil mich die Menge, die mich von allen Seiten einquetschte, aufrecht erhielt. Ich habe in meinem Leben nie etwas Grausigeres erlebt als das Gefühl, über lebende Kreaturen hinwegzugehen, die versuchten, sich an meinen Beinen festzuklammern, und die sich in ihrem Bemühen, sich wieder zu erheben, meine Bewegungen lähmten.

Innerhalb von nur drei Tagen verlor Napoleon bei der Schlacht an der Beresina Ende November 1812 bis zu 25 000 Menschen, die russische Armee Alexanders hatte ungefähr 15 000 Tote zu beklagen.

Bis heute sehen die Franzosen Napoleon lieber als Sieger: Sondermarke zur Schlacht von Austerlitz

Bis heute sehen die Franzosen Napoleon lieber als Sieger: Sondermarke zur Schlacht von Austerlitz

Historisches Wimmelbuch

Die gekonnte Verknüpfung historischer Fakten mit den persönlichen Erzählungen der Zeitzeugen machen aus 1812 ein beeindruckendes historisches Wimmelbuch, das entlang des chronologischen Verlaufs erzählt wird. Adam Zamoyski, der in heute in England lebt, zeigt sich dabei nicht nur als exzellenter Historiker, sondern auch als brillianter Stilist. Die Übersetzer Ruth Keen und Erhart Stöltling haben auch ganze Arbeit geleistet: einmal angefangen, will man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Zum Verständnis tragen 24 Karten sowie 60 historische Abbildungen (meist Zeichnungen und Skizzen, auch vom Kriegsgeschehen) bei.

Besonders eindrucksvoll war für mich, wie der Autor aufzeigt, wie Frankreich und Russland – Napoleon und Alexander – in diese Katastrophe mehr oder weniger unbeabsichtig, ja halbherzig, aber unaufhaltsam hineinschlittern. Dazu brauchte es als Zutaten auf beiden Seiten: Ehrgeiz, Misstrauen, Intrigen, Ruhmsucht und Hybris. Von allen haben die Protagonisten Napoleon und Alexander reichlich im Tornister.

„Der Wein ist eingeschenkt“

„Der Wein ist eingeschenkt, er muß getrunken werden“, entgegnet Napoleon nach der Schlacht von Smolensk (August 1812) seinen Generälen, die der Überzeugung sind, die Grande Armée solle nicht mehr weiter nach Russland vordringen, es seien für einen einzigen Feldzug genügend Strapazen ertragen worden. Für Napoleon, den einstmals strahlenden Strategen, ist Rückzug jedoch keine Option. Er will weiter, immer weiter und damit der Katastrophe entgegen.

Adam Zamoyski, 1812. Napoleons Feldzug in Russland. Von den 550 000 bis 600 000 Mann, die auf französischer Seite für Napoleon kämpften, kehrten im Dezember 1812 nur rund 120 000 zurück. Auf russischer Seite fielen bis zu 400 000 Soldaten in einem Krieg, der die Menschen bis heute bewegt und „für politsche Zwecke vereinnahmt“ wird. Zamoyskis Verdienst ist es, dass er mit zahlreichen Mythen, Fehleinschätzungen und propagandistischen Interprationen aufräumt und zeigt, dass ein Krieg vor allem Opfer und kaum Helden hervorbringt.

Wer glaubt, Geschichte sei eine trockene Angelegenheit, lese 1812. Dieses Buch ist ein spannendes und bewegendes Meisterwerk über eine große menschliche Katastrophe!

Buchinformation

Adam Zamoyski
1812. Napoleons Feldzug in Russland
aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting
Verlag C.H. Beck, München, 2012
ISBN: 978-3-406-63170-2

Zum 250sten Geburtstag von Napoleon Bonaparte erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Aufsatz über „Frankreichs Nationalmythos – und was ihn mit Emmanuel Macron verbindet“. Kann man hier online nachlesen.

N.K. | C.K.

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Freitagsfoto: Frosch mit Issa

Was sieht der Frosch, wenn er uns ansieht? Man würd’s gerne wissen. Foto: Norbert Kraas

Was sieht der Frosch, wenn er uns ansieht? Man würd’s gerne wissen. Foto: Norbert Kraas

Er sieht mich an, der Frosch –
Aber was macht er
Für ein Gesicht?

Kobayashi Issa (15.6.1763 – 5.1.1828)

Mensch, Frosch!
Ist Dir auch so heiß
diesen Sommer?

N.K.

Es sieht leider so aus, dass es derzeit keine deutschsprachige Sammlung der wunderbar einfühlsamen Haiku von Issa gibt. Das ist sehr bedauerlich. Sowohl „Die letzten Tage meines Vaters“ als auch „Mein Frühling“ von Issa sind nur noch antiquarisch erhältlich.

Schreiben wie Issa

Lesens- und damit empfehlenswert für alle, die Issa mögen und sich vielleicht selbst mal an einem Haiku versuchen möchten, ist auf jeden Fall das Buch „Schreiben wie Issa“ von David G. Lanoue, dem ehemaligen Präsidenten der Haiku Society of America. Darin findet man etliche Haiku von Issa, aber auch von zeitgenössischen Haiku-Künstlern, die sich in der Tradition von Issa sehen und so dichten. Der profunde Issa-Kenner und Professor für Englisch Lanoue zeigt uns in seinem Buch, was das Besondere an Issas einfühlsamer Kunst ist.

Zu schreiben wie Issa heißt, liebevoll über alle seine Mitgeschöpfe zu schreiben, sowohl über Menschen als auch über Tiere. Das heißt, mit einer Haltung kindlicher Wahrnehmung zu schreiben, Herz und Verstand weit für das Universum und seine unendlichen Überraschungen offen zu halten. Das bedeutet, mit einer Bereitschaft zum Lachen über die dem Leben innewohnenden Absurditäten zu schreiben. Das heißt, mit kühner Subjektivität zu schreiben, allen Lehrern und Gelehrten zu widerstehen, die von notwendiger „Objektivität“ im Haiku faseln. Und schreiben wie Issa heißt, mit einer Art unbändiger Fantasie zu schreiben, die beeindruckend erfrischende Juxtapositionen und Offenbarungen entdeckt.

Das Buch ist in sechs Lektionen gegliedert. In jedem Kapitel zeigt Lanoue an konkreten Haiku von Issa und anderen Dichtern, wie sich genau diesem Haiku die Haltung Issas zeigt. Am Ende der verständlich geschriebenen Lektionen ermuntert der Autor seine Leser selbst ein oder mehrere Haiku zu schreiben.

Buchinformation

David G. Lanoue
Schreiben wie Issa: Ein Haiku-Ratgeber
aus dem Amerikanischen von Martina Sylvia Khamphasith
ISBN: 978-3-749435-68-5
erschienen und erhältlich bei Stefan Wolfschütz Haiku 24

Und wer jetzt selbst ein Haiku zu dem Foto da oben schreiben möchte, darf dies gerne im Kommentar tun. Wir würden uns freuen!

N.K. | C.K.

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Freitagsfoto: Der Spaziergang · Hölderlin

Schwärzlocher Hof bei Tübingen, im Hintergrund die Burg Hohenzollern. Vertraute Landschaft für Friedrich Hölderlin

Schwärzlocher Hof bei Tübingen, im Hintergrund die Burg Hohenzollern. Hier ist Friedrich Hölderlin gewandert.

Der Spaziergang

Ihr Wälder schön an der Seite,
Am grünen Abhang gemalt,
Wo ich umher mich leite,
Durch süße Ruhe bezahlt
Für jeden Stachel im Herzen,
Wenn dunkel mir ist der Sinn,
Den Kunst und Sinnen hat Schmerzen
Gekostet von Anbeginn.
Ihr lieblichen Bilder im Tale,
Zum Beispiel Gärten und Baum,
Und dann der Steg, der schmale,
Der Bach zu sehen kaum,
Wie schön aus heiterer Ferne
Glänzt einem das herrliche Bild
Der Landschaft, die ich gerne
Besuch in Witterung mild.
Die Gottheit freundlich geleitet
Uns erstlich mit Blau,
Hernach mit Wolken bereitet,
Gebildet wölbig und grau,
Mit sengenden Blitzen und Rollen
Des Donners, mit Reiz des Gefilds,
Mit Schönheit, die gequollen
Vom Quell ursprünglichen Bilds.

Friedrich Hölderlin (20.3.1770 – 7.6.1843)

zitiert aus:

Friedrich Hölderlin
Und voll mit wilden Rosen – 33 Gedichte mit Interpretationen
Hg. Marcel Reich-Ranicki
Insel Verlag, Frankfurt, 2009
ISBN: 3458174427
nur noch antiquarisch erhältlich

Hölderlinturm, ausnahmsweise mal im Neckar. © Schoene Postkarten, Tübingen, Nr. 217

Hölderlinturm, ausnahmsweise mal im Neckar. © Schoene Postkarten, Tübingen, Nr. 217

Hölderlin 2020

Zum Hölderlin-Jahr 2020 wird es im Hölderlin-Turm in Tübingen auch eine neue Dauerausstellung geben. Derzeit wird der Turm noch renoviert. Alle Informationen dazu hier.

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Schwimmen

Schwimmen ist also ein Übergangsritus, das Überschreiten einer Grenze: der Küstenlinie, des Flussufers, des Beckenrandes, der Wasseroberfläche selbst. Im Moment des Eintauchens vollzieht sich eine Art Metamorphose. Wir lassen das Land hinter uns, gehen durch den Spiegel und betreten eine neue Welt, in der das erste Ziel das Überleben ist, nicht Lust oder Ehrgeiz.

Roger Deakin, Logbuch eines Schwimmers, Naturkunden, Berlin 2015. Das lesenswerte Buch haben wir hier besprochen.

Dieser sehenswerte Film von Blaise Hayward zeigt den 90jährigen Amerikaner Walter Strohmeyer, der täglich vor Long Island im Atlantik schwimmt. Beeindruckend!

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Freitagsfoto: La France profonde

Hügellandschaft im Burgund, weit ab vom Schuss: La France Profonde

Hügellandschaft im Burgund, weit ab vom Schuss: La France profonde

Sturz ins Leben

Sylvain Tesson, Jahrgang 1972, in Frankreich als Schriftsteller, Journalist und reisender Autor bekannt, überlebt schwer verletzt einen selbst verschuldeten Sturz aus acht Metern Höhe von einem Dach. Nach vier Monaten im Krankenhaus, wo ihn kundige Ärztinnen und Ärzte wieder einigermaßen hergestellt haben, wird ihm dringend ein medizinisches Reha-Programm empfohlen. Tesson, dessen Wirbelsäule verschraubt und dessen Gesicht infolge des Sturzes leicht schief ist, entscheidet sich dagegen. Statt dessen will er sich gesund wandern.

Sein Ziel: „Auf versunkenen Wegen“ (so der Titel seines Buches) quer durch Frankreich, von der französisch-italienischen Grenze bis zur Halbinsel Cotentin in der Normandie. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein Bericht der französischen Regierung über die ländlichen Gebiete Frankreichs, den sogenannten „Hyperländlichen Raum“.

Ein Trupp von Experten, also Spezialisten des Unüberprüfbaren, gelangte zu der Auffassung, dass etwa dreißig französische Départements extrem ländliche Strukturen aufwiesen. Für diese Experten war Ländlichkeit keine Gnade, sondern ein Fluch: […] Was wir armselige, romantische Dussel für einen Schlüssel zum Paradies auf Erden hielten, – die Verwilderung, die Erhaltung der Natur, die Abgeschiedenheit –, wurde auf diesen Seiten zum Kriterium für die Unterentwicklung.

La France hyper-rurale

Tesson entscheidet sich, exakt diese hyperländlichen, in der Karte der Regierung dunkel markierten Regionen zu durchmessen. Dabei nutzt er nicht die bekannten Wanderrouten, sondern läuft auf den alten Wegen und Triften der Schäfer, Händler, Schmuggler, Widerstandskämpfer und Landstreicher. Die sehr genauen Karten des Nationalen Geografischen Instituts Frankreichs (IGN France) im Maßstab 1: 25000 helfen ihm dabei. Denn: Diese Generalstabskarten waren Wunderwerke, man konnte sich freuen, solche exakten Darstellungen des Geländes zu besitzen. In diesen Karten findet der wandernde Rekonvaleszent seine versunkenen Wege abseits des großen Gedränges. Wege auch zu sich selbst.

Manche Menschen hofften darauf, in die Geschichte einzugehen. Ich gehörte zu den wenigen, die es vorzogen, im Gelände unterzutauchen. Die versunkenen Pfade waren auch verborgene Verbindungswege, sie skizzierten die Fußwege eines vergessenen Frankreichs, das Wegenetz eines ehemals bäuerlichen Landes.

Gehen, essen, trinken, beobachten

Natürlich muss Tesson immer mal wieder auf seiner Tour Kompromisse machen, sich den ungeliebten, dicht besiedelten Zonen nähern oder diese samt Schnellstraßen durchqueren. Im Großen und Ganzen jedoch bewältigt er seine beeindruckend langen, zu Beginn schmerzhaften Tagesmärsche fernab von dem, was wir Zivilisation nennen, und was ihn immer wieder melancholisch stimmt. Tesson marschiert, isst, trinkt, schläft, letzteres meist ohne Zelt unter freiem Himmel. Vor allem jedoch beobachtet der Autor mit stetig wachsender Aufmerksamkeit: Pflanzen, Tiere, Landschaft, manchmal andere Menschen. Und er denkt darüber nach, was sein Land und dessen Regierung bereitwillig dem Fortschritt geopfert haben, und was jetzt durch noch mehr Fortschritt (hyperschnelles Internet in jedem Kuhstall) wieder repariert werden soll. Tesson hat große Zweifel und zitiert Jean Cocteau: Möglicherweise ist der Fortschritt nur die Weiterentwicklung eines Irrtums.

Die hyperländlichen Regionen Frankreichs (dunkel markiert), rechts Tessons Route

Die hyperländlichen Regionen Frankreichs (dunkel markiert), rechts Tessons Route

 

Samthäutige Blüten des Aubrac

Tesson ist nicht gut auf die blutleeren Verwaltungsbeamten in Paris zu sprechen, keine Frage.

Die Abdecker des alten Lebensraumes kümmerten sich darum, den Kadaver des ländlichen Frankreichs wieder zusammenzuflicken, zu dessen Ableben sie beigetragen hatten.

Doch bei aller Melancholie und Wut, die ihn bisweilen überkommt, überrascht er den Leser immer wieder mit poetischen Naturschilderungen, so zum Beispiel, als er das dünn besiedelte Aubrac durchwandert:

Selbst die Samthaut der Kühe fing das Licht anmutig ein. Im Aubrac fasste man diese Tiere unter einer Bezeichnung zusammen, die, so dachte ich, den Völkern Zentralasiens vorbehalten war, und unter die ich zu meinem Bedauern nicht fiel: die »Rasse der großen Weiten«. Ich grüßte diese »Blüten des Aubrac« mit begeisterten Gesten.

Mit samtener Haut: Aubrac-Rinder, fotografiert im Burgund

Mit samtener Haut: Aubrac-Rinder, fotografiert im Burgund

Es gibt Zwischenräume

Man musste sie suchen, es gab Zwischenräume. Es gab noch die versunkenen Pfade. So beendet Sylvain Tesson dieses besondere Frankreich-Buch, das man Lesern und Wanderern in den Rucksack legen möchte, die sich für die Schönheiten, aber auch für das Absonderliche abseits der Trampelpfade der Menge begeistern können.

Buchinformation

Sylvain Tesson
Auf versunkenen Wegen
Deutsche Übersetzung: Holger Fock, Sabine Müller
Knaus Verlag, München, 2017
ISBN: 978-3-8135-0775-1

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Freitagsfoto: When the weather changes

Wetterwechsel in Bildstein, Vorarlberg. Wer kann mir sagen, welche Berge ich da fotografiert habe?

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Wechselhafte Zeiten

Zur Zeit ist viel von Wetter und Klima die Rede. Letzten Mittwoch hat es hier in Tübingen wie aus Kübeln geschüttet. Gestern war es wieder sonnig und warm. Heute, so der Deutsche Wetterdienst, „greift das Frontensystem eines Sturmtiefs südwestlich von Irland auf Deutschland über.“ Wechselhaftes Wetter also und immer mal wieder ein sogenannter Luftmassenaustausch. Letzteres ist eines meiner Lieblingswörter aus der Meteorologie.

Vergiss’ nicht, den Hund zu streicheln

Der amerikanische Dichter Jack Ridl thematisiert den Wetterwechsel zu Anfang seines wunderbar lakonischen Gedichts „Over in That Corner, the Puppets“ und erinnert uns daran, dass Veränderungen zum Wetter ebenso gehören wie zu unserem gesamten Leben. Was tun also, wenn sich das Wetter ändert, wenn es auch sonst ziemlich turbulent zugeht in der Welt? Wie wär’s damit: den Hund streicheln, die Katze zum Schnurren bringen, schauen, was sich vor dem Fenster tut?

Over in That Corner, the Puppets

–for Naomi Shihab Nye

Even when the weather changes,
remember to pet the dog, make
the cat purr, watch whatever

comes to the window. If you
stand there long enough,
someone will come by,

a stranger perhaps, one who
could be more, but needs
to keep walking. Hello

is likely all you can say.

–Jack Ridl

Jack Ridl, Saint Peter and the Goldfinch, Poems, 2019. Published by Wayne State University Press. Buchinformation

Jack Ridl
Saint Peter and the Goldfinch
Wayne State University Presse, 2019
ISBN: 9780814346464

Das Gedicht bringen hier wir mit Genehmigung des Autors, die Buchbesprechung folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

Wir wünschen schöne Sommertage, egal wie oft sich das Wetter ändert.

N. / C.