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Verkehrungen erkennen und benennen

„Krieg bedeutet Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“ Verkehrungen in George Orwells Klassiker 1984.

„Krieg bedeutet Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“ Verkehrungen ins Gegenteil in George Orwells Klassiker 1984.

Am 8. März 2026 wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Noch ist genügend Zeit, die Unterlagen für die Briefwahl zu beantragen, damit man die Frage, ob man wählen geht, nicht von einer Befindlichkeit oder gar vom Wetter abhängig macht.

Wählen ist wichtiger denn je

Wir schreiben diesen Beitrag für diejenigen unter uns, die sich ernsthaft fragen, ob sie überhaupt noch wählen sollen. Weil sie den Glauben an die Stärke der Demokratie allmählich als naiv empfinden. Weil sie sich ständig überreizt fühlen oder in Folge nur noch müde von der Überflutung von Nachrichten, kaum unterteilt in Tatsachenmeldungen und Meinungen. Oder von den Fake News, die es zu erkennen und auszublenden gilt. (Früher sagte man zu Fake News übrigens Lügen, was weniger verharmlosend klang.)

Wenn Opfer zu Tätern gemacht werden, Aggressoren unverhohlen bewundert und hofiert werden, und der größte Bullshit in einer Rede mit Standing Ovations der Zuhörer belohnt wird, wie unlängst in Davos beim Weltwirtschaftsforum geschehen, erfasst einen der Ekel und ein unerträglicher Schwindel. Und weil man von diesem Karussell Erde nicht einfach hinuntersteigen kann, scheint zuweilen nur noch der komplette Rückzug Abhilfe zu verschaffen. Zwar gab es – anlässlich Trumps unverhohlener Besitzansprüche auf Grönland – endlich eine Welle der Empörung von Seiten der europäischen PolitikerInnen, aber diese verebbt leider auch schon wieder. Es gibt viele nachvollziehbare Gründe, von der Politik enttäuscht zu sein. Man kann sich in der Tat also fragen, ob die eigene Wahlstimme überhaupt noch von Belang ist. Uns geht es da nicht anders.

Verkehrungen ins Gegenteil

Gleichzeitig nisten sich die Verkehrungen ins Gegenteil wie alle anderen Methoden der Desinformation unmerklich ein. Eine wissenschaftlich fundierte Analyse subversiver Machttechniken legt Sylvia Sasse mit ihrem klugen Buch „Verkehrungen ins Gegenteil“ vor. Wir hatten das Glück, den sehr anschaulichen Vortrag der Autorin im Sommer letzten Jahres bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg Außenstelle Tübingen hören zu können. Es war eine Wohltat, die vielen Verrücktheiten dieser Welt, die durch die Verkehrung ins Gegenteil entstehen, analysiert, erklärt und eingeordnet zu bekommen.

Sasse lehrt als Professorin für Literaturwissenschaft und Slawistik an der Universität Zürich und zeigt in ihrem Buch anhand vieler Beispiele (einige aus der russischen Geschichte), dass die Technik der Verkehrung ins Gegenteil alles andere als neu ist. Der amtierende amerikanische Präsident, ein Meister der Verdrehung und Verkehrung, bewegt sich hier sicher auf den Spuren von Ivan dem Schrecklichen, Josef Stalin, Adolf Hitler und Wladimir Putin. Die Russen, so Sasse, seien übrigens besessen von George Orwells Klassiker 1984. Die Propagandaexperten im Kreml interpretieren diesen Klassiker, und jetzt wird’s ganz verrückt, als Warnung vor der westlichen Demokratie. Sasse schreibt:

„Was wir also historisch beobachten können, ist, so meine These, dass totalitäre Systeme mit Umkehrungen arbeiten, dass, mit anderen Worten, die Umkehrung ein Kennzeichen totalitärer Systeme und autokratischer Praktiken ist.“

Beispiel: Putin rechtfertigte seinen völkerrechtswidrigen Einmarsch in die Ukraine mit der Begründung, er müsse die Ukraine „entnazifizieren“. Das ist eine Verkehrung ins Gegenteil, denn ein faschistoides Regime in Moskau rühmt sich der „Entnazifizierung“ der demokratischen Ukraine, deren Präsident Wolodymyr Selenskyj in eine jüdische Familie geboren wurde.

Anderes Beispiel: Der Vizepräsident der USA beklagt seit der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 immer wieder, dass in Europa und vor allem in Deutschland die Meinungsfreiheit nicht mehr gelte. Was für eine perfide Verkehrung, bedenkt man, dass in den USA aktuell Medien und freie Bürger*innen bedroht und verklagt werden, wenn sie ihre Meinung zu der immer autoritärer werdenden Politik ihres Landes äußern.

Ein letztes Beispiel: Politikerinnen und andere Personen des öffentlichen Lebens in Deutschland, die ständig in Talkshows die große Bühne bekommen, beklagen sich mit weinerlicher Opfermiene, man dürfe in diesem Land nicht mehr alles sagen, weil die bösen Woken die Macht übernommen hätten. Geht’s noch lächerlicher? Man darf in diesem Land so ziemlich alles sagen, auch den größten Blödsinn, nur halt nicht ohne Widerspruch.

Machttechniken aufdecken

Was aber tun gegen diese strategischen Verkehrungen, Verdrehungen und Lügen? Ein Patentrezept gegen diese subversiven Machttechniken hat auch Sylvia Sasse nicht. Aber sie betont, wie wichtig der erste Schritt ist: nämlich die Verkehrungen aufzuschlüsseln und als solche zu benennen. Eine weitere Strategie ist es laut Sasse, den Blick vom Empfänger auf den Sender zu richten. Für die Wissenschaftlerin ist

„die Verkehrung ins Gegenteil im Grunde die verräterische Selbstadressierung.“

Mit anderen Worten: Wer dem politischen Gegner die Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit vorwirft, der plant womöglich selbst die Abschaffung derselben.

Ein weiterer Rat der Autorin: sich an Fakten zu orientieren und nicht drumherum zu reden. Wenn der Kaiser nackt ist, dann muss man seine Nacktheit benennen. So wie es Kanadas Premierminister Mark Carney in seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar 2026 in Davos gemacht hat. Er sagte:

„Die Macht der weniger Mächtigen beginnt mit Ehrlichkeit.“

Entscheidet Euch!

„Entscheidet Euch!“, so heißt die 2025 im Verlag Metropol erschienene Flugschrift des Journalisten Hermann Vinke, der sich aufgrund der aktuellen Wahlprognosen große Sorgen macht um unsere Demokratie. In seiner aufrüttelnden, unbedingt empfehlenswerten Streitschrift ruft der 86jährige, erfahrene Journalist auf:

„Keiner von uns hat das Recht, aus einer momentanen oder auch länger aufgestauten Protesthaltung heraus grundlegende Freiheiten infrage zu stellen und einer demokratiefeindlichen Partei die Stimme zu geben. Vielmehr ist es unsere Pflicht, für unser freiheitliches demokratisches System mit aller Kraft einzutreten.

Das sind wir den Freiheitskämpfern unserer Geschichte schuldig, den Widerstandskämpfern im Dritten Reich, den Bürgerrechtlern in der DDR, ebenso den von Diktaturen Verfolgten und Ermordeten.

Das sind wir auch denen schuldig, die heute in den Haftanstalten ausharren, drangsaliert und gefoltert werden, weil sie sich für Freiheit und Demokratie in ihren Ländern eingesetzt haben.“

Hermann Vinke, der in seinem Journalistenleben als Augenzeuge viel erlebt hat, hofft auf die Macht der Vernunft. Er appeliert an uns, die Zivilgesellschaft, aber auch an unsere Politiker*innen, die er unmissverständlich auffordert, alles für einen handlungsfähigen, funktionierenden Staat zu tun. Denn nur so, schreibt Vinke, lässt sich rechtsextremen Rattenfängern, die nur Hetze und Spaltung im Programm haben, der Nährboden entziehen.

Wir haben die Wahl

Die Selbstverständlichkeit der Demokratie, wie wir sie seit Jahrzehnten erleben durften, ist heute bereits verschwunden. Das muss wirklich jeder inzwischen begriffen haben. Jeder, der die Demokratie für wert erachtet, sollte an ihr mitwirken, und sei es nur, dass er oder sie wählen geht.

In diesem Sinne: Geht wählen. Es kommt auf jede unserer Stimmen an.

CK I NK

Buchinformation

Sylvia Sasse
Verkehrungen ins Gegenteil
Fröhliche Wissenschaft 220
Matthes & Seitz, Berlin, 2023
ISBN: 978-3-7518-0566-7
188 Seiten, Klappenbroschur, 15,00 Euro

Hermann Vinke
Entscheidet Euch! Eine Flugschrift
Metropol Verlag, Berlin, 2025
ISBN: 978-3-86331-821-5
96 Seiten, Broschur, 9,90 Euro

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Vom Glück des Genießens

„Der Genuss ist es, der uns glücklich macht.“ Michel de Montaigne

„Der Genuss ist es, der uns glücklich macht.“ Für Lisbeth, das Terrier-Mädchen keine Frage.

„Der Genuss ist es, der uns glücklich macht.“

Michel de Montaigne, geboren am 28. Februar 1533 auf Schloss Montaigne im Südwesten Frankreichs im Périgord, gestorben am 13. September 1592 auf Schloss Montaigne.

Wer sich für den klugen, dem Humor und den Sinnesfreuden nicht abgeneigten französischen Essayisten und Philosophen interessiert, dem sei zum Einstieg das Buch von Hans Stilett Von der Lust, auf dieser Erde zu leben: „Wanderungen durch Montaignes Welten“ (ISBN 978-3847740315) empfohlen. Stilett, der vor mehr als 20 Jahren die Essais von Montaigne in modernes, hervorragendes Deutsch übertragen hat, führt in 19 Kapiteln durch Leben und Gedankenwelt Montaignes. Das ist wunderbar klug und anregend. Ein wissenschaftlicher Kommentar, der sich mit Lust lesen lässt und dennoch auf dem neusten Forschungsstand ist“, hieß es in einer Rezension im Deutschlandfunk.

Die Gesamtausgabe der Essais in der Übersetzung von Hans Stilett ist als dtv Taschenbuch in drei Bänden (ISBN 978-3423590822) aktuell nur noch antiquarisch erhältlich.

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U2P: Ukraine to Power – Krieg und Kälte

Ausgebombte, ausgekühlte Wohnungen sind in der Ukraine an der Tagesordnung

Ausgebombte, ausgekühlte Wohnungen sind in der Ukraine an der Tagesordnung

Vor gut einem Monat hatten wir im leer stehenden Haus meiner verstorbenen Eltern ein Heizungsproblem: das Öl war fast aus, und der Brenner nach über 40 Jahren am Ende. Die Temperatur im Haus betrug nur noch wenige Grad über dem Gefrierpunkt, bei entsprechend hoher Luftfeuchtigkeit. Die Außentemperaturen lagen auch tagsüber unter Null. Das Problem konnte mit technischem Aufwand schnell gelöst werden. Es war ärgerlich und ungemütlich, mehr nicht.

Krieg und Kälte

Wesentlich dramatischer stellt sich die Situation in diesem kalten Winter in der Ukraine dar. Denn der russische Aggressor hat sich zum Ziel gesetzt, die Ukrainerinnen und Ukrainer zu zermürben. Unablässig lässt er zivilie Infrastruktur wie Heizkraft-, Strom- und Wasserwerke, usw. bombardieren. Die Menschen in der Ukraine sollen frieren, sie sollen im Dunkeln sitzen, sie sollen Angst haben, sie sollen reif für eine Kapitulation geschossen werden. Es ist widerwärtig! Aber es wird dem russischen Aggressor nicht gelingen, die Menschen in der Ukraine zu brechen.

Der Wille und die Widerstandskraft der Ukrainerinnen und Ukrainer können nur als heroisch beschrieben werden. Was man leider von der Entschlossenheit der sogenannten Koalition der Willigen (Deutschland gehört auch dazu) nicht behaupten kann. Wann werden endlich wirksame Sanktionen gegen Russland durchgesetzt? Wann wird die Schattenflotte aufs Trockene gelegt? Wann erhält die Ukraine von der NATO und der EU endlich die militärische Unterstützung, die sie braucht? Was ist mit dem Taurus, den der Bundeskanzler so vollmundig versprochen hatte, als er noch nicht Kanzler war?

U2P – Ukraine to Power

Und wie können wir den Menschen in der Ukraine gerade helfen? Der Politikwissenschaftler Carlo Masala hat online auf eine Initiative hingewiesen, mit der wir die Menschen in der Ukraine unterstützen können. U2P – Ukraine to Power ist eine gemeinnnützige Organisation, die Gemeinden in der Ukraine beim Wiederaufbau der Energieinfrastruktur unterstützt. In Deutschland wird U2P von der gemeinnützigen Organisation WeAid vertreten. Aktuell läuft dort der Nothilfe-Aufruf Winter 2026. Für 80 Euro stellt U2P Wärme- und Überlebenspakete zusammen und bringt diese dorthin, wo sie in der Ukraine gebraucht werden. Hier die Beschreibung:

„Derzeit erleben viele Menschen in Kyjiw und anderen Städten eine extreme humanitäre Situation. Tausende Haushalte haben keinen Strom, keine Heizung und oft kein Wasser. Die Temperaturen in den Wohnungen liegen teilweise nur bei neun bis zwölf Grad. Draußen herrscht starke Kälte.

Ukraine2Power reagiert auf diese akute Lage mit schneller, pragmatischer Nothilfe für Wohnhäuser, in denen Menschen besonders gefährdet sind. Wir stellen Wärme- und Überlebenssets für Wohnungen bereit. Diese bestehen aus einem Camping-Gaskocher für warme Getränke, einer elektrischen Heizdecke, Powerbanks, chemischen Handwärmern und einer großen Thermoskanne.

Ein Set kostet rund 80 Euro und kann einer Wohnung helfen, diese kritische Phase zu überstehen.“ (Quelle: https://www.we-aid.org/de/project-details/50/)

Wer die Menschen in der Ukraine mit einem Nothilfepaket unterstützen möchte, kann hier spenden. Die Abwicklung erfolgt durch die Zahlungsplattform Stripe, Zuwendungen per Kreditkarte, Sepa-Lastschrift und andere gängige Zahlungsdienstleister sind möglich. Es ist unkompliziert. Man kann aber auch seine Spende ganz normal überweisen:

Begünstigter: WE AID gGmbH
IBAN (Spendenkonto): DE 52 3702 0500 0001 8388 01
BIC: BFSWDEXXX
Verwendungszweck: Ukraine2Power
Name der Bank: SozialBank
Bankadresse: SozialBank AG, Konrad-Adenauer-Ufer 85, 50668 Köln

„Kein Strom, keine Wärme, kein Wasser. Was für meine Familie, Freunde und Kolleg:innen in Deutschland unvorstellbar ist – für die Menschen in der Ukraine eine neue Realität. Russlands Krieg ist besonders brutal, weil er vor allem die Schwächsten trifft.“ (Vassili Golod, Studioleiter & Korrespondent ARD Kyjiw auf BlueSky, 28.1.2026)

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Kaltes Krematorium | József Debreczeni

Albtraumhafte Welt der Vernichtungslager. Foto: KZ Natzweiler-Struthof

Albtraumhafte Welt der Vernichtungslager. Foto: KZ Natzweiler-Struthof

Der lange Zug bestand aus niedrigen Güterwagen der Deutschen Reichsbahn. Als er bremste, raunten die benommenen, apathischen Menschen einander zu: »Wir halten an«.

Das Land namens Auschwitz

So beginnt einer der beeindruckendsten und erschütterndsten Berichte eines Überlebenden des Holocaust. „Kaltes Krematorium. Bericht aus dem Land namens Auschwitz“ heißt das Buch, dessen 250 Seiten nach der Lektüre noch lange nachhallen. József Debreczeni (1905 – 1978) war ein ungarischer Journalist und Schriftsteller, stammte aus einer jüdischen Familie und lebte die meiste Zeit seines Lebens in Jugoslawien. Als Jude wurde Debreczeni Ende April 1944 nach Auschwitz deportiert. Bis zu seiner Befreiung musste er das Grauen des Holocaust in verschiedenen Lagern erleiden. Das letzte dieser Lager war das »Kalte Krematorium«, wie man die Krankenbaracke des Zwangsarbeiterlagers Dörnhau in der Nähe von Auschwitz nannte.

Besonders das Putzen wäre wichtig. Der Jauchebach zwischen den Pritschen steht bereits in Kniehöhe. Die ohnehin primitiven Sicherheitsmaßnahmen gegen das Fleckfieber werden nicht mehr eingehalten.

Das Buch ist 1950 erstmals erschienen und wurde 70 Jahre nach seiner Wiederentdeckung erstmals ins Deutsche übersetzt. Eine Sensation! Die Times nannte »Kaltes Krematorium« einen literarischen Diamanten, scharfkantig und kristallklar. Das trifft es sehr gut. Debreczeni war von Beruf Journalist, das spürt man von der ersten Seite dieses Buches an. Seinem genauen Blick entgeht auch in größter Gefahr nichts, sein Erinnerungsvermögen ist bestechend. Mit gnadenloser Präzision konfrontiert er uns Seite um Seite mit dem unmenschlichen, schon beim Lesen kaum aushaltbaren Innenleben dieses Landes namens Auschwitz. Dabei setzt Debreczeni auch auf das Stilmittel der Ironie und schreckt bisweilen vor beißendem Spott nicht zurück.

Humanisten und Schwerverbrecher

Es gibt viele bewegende Berichte von Holocaust-Überlebenden, darunter Weltliteratur von Überlebenden wie Ruth Klüger, Primo Levi, Elie Wiesel oder Imre Kertész. »Kaltes Krematorium« ist dabei einzigartig in seinem ganz besonderen journalistischen Stil. Debreczeni beschreibt die organisatorischen Verästelungen des Systems Konzentrationslager, das die Deutschen mit deutscher Gründlichkeit aufgebaut haben, bis ins Detail.

Die Adelszweige der Ärzte und Pfleger sind nur zwei des unendlich wuchernden Hierarchiegeflechts. Ein dritter, dicht belaubter Zweig, ist der der Ältesten, Leichenkapos, Revierkapos, Wirtschaftskapos, und Schreiber, angeführt von dem Lagerältesten mit dem seltsamen Namen Muky Grosz.

Seine Beschreibungen sind nüchtern und präzise. Wir lesen unter anderem erschütternde Schilderungen der hygienischen Bedingungen in den Krankenlagern, wo sich die Kranken zwischen den Sterbenden fast stapeln und auf den Böden undefinierbare Flüssigkeiten stehen. Dass dieses System von Menschen geplant und erschaffen wurde, ist bis heute kaum zu fassen. Und auch Debreczeni wundert sich über die Deutschen:

Ein seltsames Volk, das der Welt nicht nur Robert Koch, sondern auch Ilse Koch geschenkt hat, die Hexe von Buchenwald, die perverseste Massenmörderin aller Zeiten, nicht nur Keppler, sondern auch Himmler. Die Besessenen der Erkenntnins und die Totengräber der Zivilisation. Abwechselnd Humanisten und Schwerverbrecher. Napoleons Soldaten trugen den Marschallstab in der Tasche, Hitlers Kleinbürger tragen das Kastriermesser bei sich.

»Kaltes Krematorium« ist ein anstrengendes Buch, eine Zumutung für seine Leserinnen und Leser, wie könnte es anders sein. Eine Zumutung, der wir uns stellen müssen, grade jetzt mit den aktuellen politischen Entwicklungen. Dies betont auch die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke in ihrem klugen Nachwort:

»Kaltes Krematorium« und die Erfahrung von Auschwitz bleibt einzigartig. Sie muss verstehen und begreifen, wer in der Gegenwart sich orientieren will. Das ist nicht leicht. Das ist unerträglich und muss ertragen werden.

Es wäre wünschenswert, dass dieses Buch zumindest in Auszügen und in Begleitung kluger Lehrerinnen und Lehrer auch an Schulen gelesen wird.

NK | CK

PS: Am 27. Januar ist Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Buchinformation

József Debreczeni
Kaltes Krematorium. Bericht aus dem Land namens Auschwitz
Übertragung aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Nachwort von Carolin Emcke
S. Fischer Verlag, 2024

Interview mit Carolin Emcke im Deutschlandfunk

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Zwischen Zwei und Drei – Schlafstörungen

Ob der Mond etwas mit unseren Schlafstörungen zu tun hat?

Ob der Mond etwas mit unseren Schlafstörungen zu tun hat?

ZWISCHEN ZWEI UND DREI

Oftmals erwache ich
in der Nacht, geweckt
von umfassender Stille. Wo
bin ich, fragt mein anderes Ich
und vernimmt keinen Laut. Das Zimmer
dämmert im Widerschein
eines verhüllten Mondes. Wozu
bin ich hier? Nur Schweigen
meldet sich, aber das
ist auch eine Antwort,
und eine sonderbar endgültige
dazu.

Günter Kunert

Zwischen 20 und 35 Prozent der Bevölkerung haben mit chronischen Schlafstörungen zu kämpfen. Im Alter sind es sogar mehr als 50 Prozent der Menschen, die an Schlafstörungen leiden – mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Das haben Wissenschaftler*innen des Forschungszentrum Jülich in einer Metastudie rausgefunden. Welche Folgen das hat, und wo im Gehirn die unterschiedlichen Formen von Schlafstörungen angesiedelt sind, kann man hier nachlesen.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts konnten in einer Untersuchung aus dem Jahr 2014 übrigens keinen Einfluss des Erdtrabanten auf unseren Schlaf nachweisen.

Was hilft euch bei Schlafproblemen?

NK | CK

Buchinformation

Günter Kunert
Zu Gast im Labyrinth
Hanser Verlag, München
Fester Einband, 112 Seiten
ISBN 978-3-446-26463-2

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Winterpause

Dank ihres Winterfells und der Thermoregulation vertragen Pferde Kälte bis – 15°C meist ohne Probleme

Dank Winterfell und Thermoregulation vertragen Pferde Kälte bis – 15°C meist ohne Probleme

Im Hippodrom
nur leises Schnauben –
Winterpause

Das neue Jahr ist grade mal ein paar Tage alt, und schon möchte man in einen tiefen Winterschlaf verfallen, bis die Welt wieder ordentlicher ist, und der autokratische Alptraum im Weißen Haus ein Ende hat. Nun können Menschen leider nicht in einen Winterschlaf verfallen. Was tun also?

Was hilft euch in diesen irren Zeiten, um nicht irre zu werden? Wie stabilisiert ihr euren emotionelen Haushalt. Welche Bücher, Musik, Kunstwerke spenden euch Trost?

NK | CK

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Neujahrsmorgen

Die Natur zeigte sich am Neujahrsmorgen in frostiger Schönheit

Die Natur zeigte sich am Neujahrsmorgen in frostiger Schönheit

Neujahrsmorgen
die Heizung streikt –
auch ein erstes Mal

Das „erste Mal“ (O-shogatsu) hat in Japan zu Beginn des neuen Jahres eine große Bedeutung. Wichtige erste Male sind zum Beispiel:

  • der erste Besuch eines Shinto-Schreins oder buddhistischen Tempels
  • der erste Sonnenaufgang des Jahres, der Glück bringen soll
  • das erste Lachen des Jahres, um Glück anzuziehen
  • der erste Beischlaf des Jahres

In diesem Sinn wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein gutes, gesundes neues Jahr mit vielen schönen ersten Malen. Es dürfen übrigens auch die ersten Kässpätzle des Jahres sein, die man besonders würdigt – oder halt die erste Heizungsstörung an einem frostigen Neujahrsmorgen.

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Die Hirtenstrophe – Peter Huchel

Am 21. Dezember 2025 werden die Tage wieder länger. Wenigstens ein Lichtblick!

Am 21. Dezember 2025 werden die Tage wieder länger. Ein Lichtblick!

Die Hirtenstrophe

Wir gingen nachts gen Bethlehem
und suchten übers Feld
den schiefen Stall aus Stroh und Lehm,
von Hunden fern umbellt.

Und drängten auf die morsche Schwell
und sahen an das Kind.
Der Schnee trieb durch die Luke hell
und draußen Eis und Wind.

Ein Ochs nur blies die Krippe warm,
der nah der Mutter stand.
Wie war ihr Kleid, ihr Kopftuch arm,
wie mager ihre Hand.

Ein Esel hielt sein Maul ins Heu,
fraß Dorn und Diestel sacht.
Er rupfte weich die Krippenstreu,
o bitterkalte Nacht.

Wir hatten nichts als unsern Stock,
kein Schaf, kein eigen Land,
geflickt und fasrig war der Rock,
nachts keine warme Wand.

Wir standen scheu und stummen Munds:
Die Hirten, Kind, sind hier.
Und beteten und wünschten uns
Gerät und Pflug und Stier.

Und standen lang und schluckten Zorn,
weil uns das Kind nicht sah.
Griff nicht das Kind dem Ochs ans Horn
und lag dem Esel nah?

Es brannte ab der Span aus Kien.
Das Kind schrie und schlief ein.
Wir rührten uns, feldein zu ziehn.
wie waren wir allein!

Daß diese Welt nun besser wird, so sprach der
Mann der Frau,
für Zimmermann und Knecht und Hirt,
das wisse er genau.

Ungläubig hörten wir’s – doch gern.
Viel Jammer trug die Welt.
Es schneite stark. Und ohne Stern
ging es durch Busch und Feld.

Gras, Vogel, Lamm und Netz und Hecht,
Gott gab es uns zu Lehn.
Die Erde aufgeteilt gerecht,
wir hättens gern gesehn.

Peter Huchel (1948)

Mit diesem Gedicht von Peter Huchel (* 3. April 1903 in Groß-Lichterfelde bei Berlin; † 30. April 1981 in Staufen im Breisgau) verabschieden wir uns in eine kurze Winterpause. Huchel hat diese Zeilen wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Es war eine Zeit der Unsicherheit, der Not, des Hungers, der Kälte, der Armut, und Hoffnung gab es auch nicht viel, wie man aus diesem Gedicht unschwer rauslesen kann. Weihnachtsmärkte, wenn es sie denn überhaupt gab, schwammen damals noch nicht in Glühwein, und kein Politiker wäre wohl auf die Idee gekommen, sich ständig beim Vertilgen von Rostbratwürsten und Leberkäse fotografieren zu lassen.

Wir wünschen euch / Ihnen Frohe Weihnachten, entspannte Feiertage sowie Zeit und Muße für die Dinge, die das ganze Jahr über zu kurz kommen. Für das neue Jahr wünschen wir euch / Ihnen alles Gute, Gesundheit und Zufriedenheit.

Danke für euer / Ihr Interesse an unserem Reklamekasper!

Bis bald.

NK | CK

Buchinformation

Peter Huchel
Die Gedichte
Suhrkamp Taschenbuch, 1997
ISBN 3518391658
nur noch antiquarisch erhältlich

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Bistro am Meer

Leuchtet verheissungsvoll: Bar à Vin Les Affiches in Trouville-sur-Mer, Foto: Corinna Kern

Leuchtet verheißungsvoll: Bar à Vin Les Affiches in Trouville-sur-Mer, Foto: Corinna Kern

Es dunkelt früh!
Das Bistro am Meer leuchtet –
schön wie die Sterne

Kranō

Es dunkelt früh!
Schon leuchten die Sterne
über dem Ödland…

Yosa Buson (1716 – 1783)
Übertragung aus dem Japanischen von G.S. Dombrady

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PS: Noch mehr Fotos und Haiku zum Thema Meer gibt’s in Corinnas Fotoprojekt „Und immer wieder das Meer“. 24 Fenster, 2 x 24 Fotos, dazu Haiku, Gedichte, Aphorismen

„Und immer wieder das Meer“ 2 x 24 Fotos mit Haiku, Gedichten, Zitaten | © www.schoenepostkarten.de

„Und immer wieder das Meer“ 2 x 24 Fotos mit Haiku, Gedichten, Zitaten © www.schoenepostkarten.de

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Palliativpflege für Verbrenner

Boxautos oder Autoscooter waren schon immer elektrisch

Boxautos, auch Autoscooter genannt, waren schon immer elektrisch: ziemlich effizient!

Was ist ein hocheffizienter Verbrenner?

Wie ahnungslos manche Politiker derzeit in Sachen Verbrennermotor daherschwafeln, konnte man in den letzten Tagen wieder beobachten. Da hat der Bundeskanzler mal die Worte „hocheffiziente Verbrenner“ fallen lassen, aber selbst sein eloquenter Pressesprecher Stefan Kornelius konnte in der Bundespressekonferenz keine Antwort auf die Frage geben, was denn nun ein hocheffizienter Verbrenner sei. Seine Antwort: „Ein Verbrenner ist hocheffizient, wenn er hocheffizient ist.“ Es war eine absurde, wenn nicht zynische Vorstellung!

Der hocheffiziente Verbrenner ist ein Märchen, das uns die Autoindustrie seit vielen Jahren erzählt. Und zwar wider besseres Wissen, da wir davon ausgehen können, dass bestens ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure in Zuffenhausen, Feuerbach, Wolfsburg oder München genau wissen, wo die physikalischen Grenzen für die Effizienz eines Verbrennermotors sind.

Physik, Ökonomie, Verdrängung und das Carnot-Limit

Im Zuge der Hysterie zum Aus vom Verbrenneraus hat der international anerkannte Wissenschaftler und Klimaforscher Prof. Dr. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung auf einen hervorragenden Text hingewiesen. Darin wird verständlich erklärt, warum das Märchen vom hocheffizienten Verbrenner nichts mit der Realität zu tun hat. Die Physik gibt es schlicht nicht her.

»Es ist Zeit, drei Dinge zusammenzubringen, die in der politischen Debatte meist getrennt werden: die Physik, die Ökonomie und die Soziologie der Verdrängung.«

So schreibt der Autor und rechnet exakt vor, warum ein E-Auto um so vieles effizienter ist als ein Auto mit Verbrennermotor. Das hat mit Physik tun, mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik und mit der Carnot-Formel für den Wirkungsgrad. Hier geht’s zu diesem wirklich lesenswerten Text.

Der deutsche Bundeskanzler wirkt nach der Lektüre dieses Textes wie der Palliativpfleger der deutschen Automobilindustrie, die in Sachen E-Auto sträflich den Markt verschlafen und damit China zur Poleposition verholfen hat.

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