So viele Füße, so viele Geschichten
Die mittleren Jahre, in denen du weder jung noch alt bist, sind verschwommene Jahre. Du kannst das Ufer nicht mehr sehen, von dem du einst gestartet bist, und jenes Ufer, auf das du zusteuerst, erkennst du noch nicht deutlich genug.
So beginnt „Marzahn, mon amour – Geschichten einer Fußpflegerin“, ein Buch, das wir vor zwei, drei Wochen auf einem Verschenk-Tisch in der Nachbarschaft entdeckt haben. Verschenk-Tische oder Bücherschränke sind überhaupt eine tolle Erfindung, man entdeckt da immer wieder Bücher, nach denen man nicht gesucht hat. Und manchmal sind echte Perlen darunter. „Marzahn, mon amour“ ist so eine Perle!
Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin in den mittleren Jahren, ist etwas verzweifelt ob ihrer aktuellen Lebenssituation. Der Mann ist krank, das Kind aus dem Haus, und die Verlage sind nicht mehr interessiert an ihren Manuskripten. Sie entschließt sich, etwas ganz Neues zu machen, weg vom Literaturbetrieb, weg von Köpfen, bekannten Gesichtern, gut gemeinten Ratschlägen. Sie macht eine Ausbildung zur Fußpflegerin. Alleine diese Entscheidung nötigt Respekt ab!
Nach mehreren Wochen Ausbildung besteht sie die Prüfung und fängt in einem Fußpflegestudio im Berliner Ortsteil Marzahn an. Marzahn war einst das größte Plattenbaugebiet der DDR, eine riesige Siedlung, die heute mehr als 200.000 Einwohner zählt. Über Marzahn kursieren wahrscheinlich mehr Klischees als es dort Hochhäuser gibt.
Als ich im Kosmetikstudio anfing, gehörte Herr Paulke zu meinen ersten Kunden. Während der ersten Behandlung fragte er mich lachend: »Wissense wo Se hier sind? Uff de Scheiße von Berlin. Dit warn früher allet Rieselfelder, und denn hamse Hochhäuser hinjeklotzt. Wo de Erde umffjebuddelt ist, könnset noch riechen.«
So sammelt die Erzählerin nicht nur immer mehr Erfahrungen im Umgang mit Füßen, Zehen, Hornhaut, Hühneraugen oder eingewachsenen Nägeln, sondern auch die Lebensläufe und Geschichten ihrer Kundinnen und Kunden.
Nägel feilen, Hornhaut hobeln, genau zuhören
Es sind diese Geschichten und Dialoge, die dieses schmale Buch zu einem Schatz voller Menschlichkeit machen. Denn während die Fußpflegerin sorgsam Nägel feilt, Hornhaut abhobelt oder mal wieder die Füße eines schlecht gelaunten ehemaligen DDR-Funktionärs massiert, hört sie mit Empathie zu, wenn die Kundinnen auf dem sogenannten Thron ihr Herz ausschütten. Was sie zu hören bekommt, ist interessant, amüsant, traurig, witzig, warmherzig, melancholisch, mitunter bitter und hart, aber auch oft Mut machend.
So wie die Geschichte von Gerlinde Bonkat, Jahrgang 1938, geboren in Königsberg, Vertreibung und Flucht über die Ostsee, Flüchtlingslager in Dänemark, später Auffanglager in der DDR:
Heute ist Gerlinde Bonkat achtzig Jahre alt. Sie wohnt in der zehnten Etage eines Marzahner Elfgeschossers in der Nähe unseres Studios. Frau Bonkat und ich haben eine Sonderregelung: Alle zwei Wochen kommt sie für eine halbe Stunde zu mir.
Die Erzählerin montiert die präzise erzählte, berührende Lebensgeschichte von Gerlinde Bonkat zwischen die detaillierte Schilderung der fußpflegerischen Tätigkeiten, die sie der alten Frau mit großer Vorsicht und gar etwas Zärtlichkeit angedeihen lässt.
Es ist sprachlich und inhaltich überzeugend, wie Katja Oskamp in diesem Buch den Menschen eine Stimme gibt, die sonst nicht gehört und (nicht nur von Politikern) einfach übersehen werden. Sie tut dies mit Zugewandtheit und Respekt, aber niemals anbiedernd.
Ich verneige mich vor der Lebensleistung von Gerlinde Bonkat, weil es sonst niemand tut. Sie hat jede Chance ergriffen, um den verpfuschten Start ins Leben auszugleichen. Sie hat nie einem Staat auf der Tasche gelegen und verteidigt ihre Selbstständigkeit bis zum heutigen Tag. Sie ist ein Flüchtling, der in der aktuellen Statistik nicht vorkommt und der in seinem Leben sehr wenige Paar Schuhe besessen hat. Erst aus Armut, dann aus Sparsamkeit und jetzt, weil ein eingetragenes Paar Schuhe Gold wert ist.
Wir haben beide das Lesen genossen!
NK | CK
Buchinformation
Katja Oskamp
Marzahn, mon Amour
Suhrkamp Taschenbuch, 2025
ISBN 978-3-518-47131-9
Katja Oskamp liest aus ihrem Buch
Interview mit Katja Oskamp
















