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Neckar, deine Wellen umspielten mich

„deine Wellen umspielten mich“ – Schwimmerin im Neckar in Tübingen. Foto: www.schoenepostkarten.de

„deine Wellen umspielten mich“ – Schwimmerin im Neckar in Tübingen. Foto: Norbert Kraas | Schöne Postkarten

Der Neckar

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal,
Wie Leben aus dem Freudebecher,
Glänzte die bläuliche Silberwelle.

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,
Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit,
Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen
Städten hinunter und lustgen Inseln.

Noch dünkt die Welt mir schön, und das Aug entflieht
Verlangend nach den Reizen der Erde mir,
Zum goldenen Paktol, zu Smyrnas
Ufer, zu Ilions Wald. Auch möcht ich

Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad
Nach deinen Säulen fragen, Olympion!
Noch eh der Sturmwind und das Alter
Hin in den Schutt der Athenertempel

Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt,
Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,
Die nicht mehr ist. Und o ihr schönen
Inseln Ioniens! wo die Meerluft

Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald
Durchsäuselt, wenn die Sonne den Weinstock wärmt,
Ach! wo ein goldner Herbst dem armen
Volk in Gesänge die Seufzer wandelt,

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht
Die Pomeranze blinkt, und der Mastixbaum
Von Harze träuft und Pauk und Cymbel
Zum labyrinthischen Tanze klingen.

Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch
Mein Schutzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
Auch da mein Neckar nicht mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

Hölderlin und der Neckar

Die Ode „Der Neckar“ von Friedrich Hölderlin wurde im Jahr 1801 erstmals veröffentlicht. Für Hölderlin, dessen 250. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, hatte der Neckar, bei aller Griechenland-Schwärmerei, zeitlebens eine wichtige Bedeutung. Am 20. März 1770 wird er in Lauffen am Neckar geboren, wo man jetzt wieder sein Geburtshaus besichtigen kann. Im Alter von vier Jahren erfolgte der Umzug nach Nürtingen am Neckar. Nach dem Tod ihres ersten Mannes hat Hölderlins Mutter dorthin geheiratet. Hölderlins Stiefvater Johann Christoph Gok, Weinhändler und Bürgermeister, starb leider bereits fünf Jahre später. In Tübingen am Neckar schließlich hat Hölderlin studiert, und dort lebte er auch im Turmzimmer, liebevoll gepflegt von der Familie des Schreinermeisters Zimmer von 1807 bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843.

Wer sich diesem nicht immer einfachen Dichter annähern möchte, dem empfehlen wir das Hölderlin-Buch des in Tübingen lebenden Autors Kurt Oesterle „Wir & Hölderlin? Was der größte Dichter der Deutschen uns 250 Jahre nach seiner Geburt noch zu sagen hat“. Alex Rühle hat Oesterles Buch in der Süddeutschen Zeitung einen „Lesegenuss“ genannt:

(…) Kurt Oesterle verzahnt kunstvoll Leben und Werk, wandert permanent von den Texten in die Biografie und zurück: Hölderlin, der bereits im Alter von neun Jahren Vater und Stiefvater verloren hat und in dessen Werk dann eine „maskuline Überlast“ auffällt, alles voller Heroen, Halbgötter, „Männerjubel“, „Männerkraft“.

Den Artikel von Alex Rühle kann man hier nachlesen.

Buchinformation

Kurt Oesterle
Wir & Hölderlin? Was der größte Dichter der Deutschen uns 250 Jahre nach seiner Geburt noch zu sagen hat.
Klöpfer, Narr Verlag, Tübingen 2020.
Hardcover, 177 Seiten, 22 Euro
ISBN-13: 9783749610297

Weitere Links

Hoelderlin2020.de
Lauffen am Neckar
Hölderlinturm Tübingen
Hölderlinmuseum Nürtingen

Stocherkahn auf den Neckar am Hölderlinturm · © Schöne Postkarten, Nr. 198, www.schoenepostkarten.de

„Zu euch, ihr Inseln!“ Stocherkahn auf dem Neckar am Hölderlinturm · © Schöne Postkarten, Nr. 198

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Freitagsfoto: Blütenblatt der Waldrebe

Blütenblatt der Waldrebe (Clematis) „The President“

Blütenblatt der Waldrebe (Clematis) „The President“

Zertreten
das Blatt der Clematis –
Frühlingsmelancholie

Scrunched
the petal of the clematis –
spring melancholy

– NK

Verwoben
das herabgefallene
Clematisblatt im Relief
der Holzterrasse noch immer
schön

– Elfchen von CK

The President

Jedes Jahr freue ich mich auf die Blüte unserer Clematis-Pflanzen im Garten. Besonders eindrucksvoll ist die Waldrebe „The President“. Die haben wir mal vor Jahren in der netten Staudengärtnerei von Erika Jantzen in der Tübinger Weststadt gekauft. Die Gärtnerinnen dort kennen sich nicht nur mit Stauden und Kräutern aus, sondern auch mit Waldreben. Die Clematis gehörten zur Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Es gibt ungefähr 300 Arten davon, sagt Wikipedia, und nicht jede passt an jeden Standort. Da ist Beratung und fachgerechte Auswahl sehr hilfreich.

Die Blüten der Sorte „The President“ sind groß; sie können bis zu 16 Zentimeter Durchmesser erreichen und leuchten selbst in der Dämmerung noch kräftig. Gezüchtet wurde „The President“ im Jahr 1876 dem Engländer Charles Noble, und so wirkt sie auch: ausgeprochen nobel. Dabei gilt sie als relativ unkompliziert und robust, immer vorausgesetzt, es kommt kein Fußball in ihre Nähe.

The President, ein Klassiker unter den Waldreben verzaubert mit großen, dunkel leuchtenden Blüten.

The President, ein Klassiker unter den Waldreben verzaubert mit großen, dunkel leuchtenden Blüten.

Ein paar Tage später, nachdem wir unsere Haiku über die zertretene Blüte geschrieben hatte, bin ich auf ein Haiku von Takahama Kyoshi gestoßen:

Einem fallenden
Blütenblatt sehe ich nach –
welch eine Stille!

Kyoshis Haiku trifft ziemlich genau die Stimmung, wenn ich an einem Frühlingsabend am Tisch sitze und unsere „President“ im Garten anschaue. Das Haiku habe ich in den Buch von Inahata Teiko, einer Enkelin von Takahama Kyoshi gefunden. „Welch eine Stille: Die Haiku-Lehre des Takahama Kyoshi“ heißt der schmale Band. In sieben Kapiteln auf etwas mehr als 80 Seiten legt Inahata Teiko sieben Lehrsätze von Kyoshi (1874 – 1959) aus, der als strenger Bewahrer des traditionellen Haiku gilt.

Volker Friebel aus Tübingen, selbst Haiku-Dichter und -Kenner, hat das Buch auf seiner Website rezensiert und spart dabei nicht mit Kritik am streng-traditionellen Haiku-Bild Kyoshis. Ich fand das Buch trotzdem lehrreich und anregend für das eigene Verfassen von Haiku. Ich denke, dass für das Haiku-Schreiben dasselbe gilt, wie für vieles andere auch: Wer neue Wege gehen möchte, vielleicht bewusst die Regeln brechen will, dem steht es gut an, die Regeln zu kennen und zu beherrschen. Und: neben Kyoshis Haiku-Maximen findet man in dem Buch lesenswerte Haiku von Kyoshi, Inahata Teiko und anderen Haiku-Könnern.

Buchinformation

Inahata Teiko
Welche eine Stille! Die Haiku-Lehre des Takahama Kyoshi
ISBN-13: 978-3-7431-4966-3
erhältich bei Haiku24.de

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Durch Europa mit Henri Cartier-Bresson

Hommage an Cartier-Bresson. Foto: Norbert Kraas | Schöne Postkarten

Hommage an Henri Cartier-Bresson. Foto: Norbert Kraas | © Schöne Postkarten Nr. 122

Als diese Zeit anfing, an die wir uns irgendwann mal als „Corona-Zeit“ erinnern werden, hat die Süddeutsche Zeitung eine Serie mit dem Titel „Überlebenskunst“ gestartet. Die Autor*innen gaben dort Kulturtipps im weitesten Sinn: mal wurde ein Buch empfohlen, mal eine CD, mal eine neue TV-Serie und auch mal eine besondere Internet-Seite. Und weil die Corona-Zeit auch als die Zeit in die Geschichte eingehen wird, in der wir nicht reisen durften oder aus Vorsicht weniger reisten, wurden in der Serie auch Fotobände empfohlen. Reisen zwischen zwei Buchdeckeln gewissermaßen.

Zu Recht, denn in Fotobänden kann man sich verlieren, innerlich auf Reisen gehen. Und mal ehrlich, wer möchte sich dieser Tage in einen Ferienflieger setzen, dicht an dicht mit anderen Reisenden, wo wir doch gerade erst die Bedeutung des Wortes „Aerosol“ gelernt haben?

Das Flüchtige beim Schopf packen

Zum Verreisen empfehlen wir heute einen Fotobuch-Klassiker mit dem aktuellen Titel „Les Européens“. Die Europäer, so hieß das großformatige Buch mit Schwarzweißfotografien, das der legendäre Henri Cartier-Bresson 1955 veröffentlicht hat. Das Cover des Buches hat kein geringerer als Juan Miró gestaltet. Der deutsche Verlag Schirmer/Mosel hat anlässlich einer Cartier-Bresson-Ausstellung in Düsseldorf im Herbst 1998 den Ausstellungsband „Europäer“ rausgebracht, der noch mehr Fotos enthält als das Originalbuch.

Abbildung aus dem besprochenen Bildband „Les Européens“ von Henri Cartier-Bresson

Abbildung aus dem besprochenen Bildband „Les Européens“ von Henri Cartier-Bresson

„Les Européens“ führt uns durch ein Europa, das es so heute nicht mehr gibt. Cartier-Bresson hat alle Fotografien des Buches zwischen 1950 und 1955 mit seiner geliebten Leica M gemacht. Diese Kleinbildkamera war kompakt, klein und unauffällig. Und auffallen wollte Cartier-Bresson als Fotograf auf keinen Fall. Er wollte schnell sein. Und er war schnell und gesegnet mit einer traumwandlerischen, beneidenswerten Sicherheit beim Erfassen und Festhalten einer Szene.

„In der Fotografie ist das Schöpferische die Suche eines Augenblicks, ein Wurf, ein blitzschnelles Reagieren. Der Apparat wird auf die Ziellinie des Auges angehoben und mit dem bescheidenen Kästchen wird ohne Tricks eingefangen, was überrascht hat, um das Flüchtige beim Schopf zu packen.“

So schreibt Cartier-Bresson im Vorwort zu „Les Européens“. Mit dieser Haltung zeigt er uns Szenen aus Griechenland, Spanien, Deutschland, England, Österreich, der Schweiz, Irland, der Sowjetunion, Italien und aus seiner Heimat Frankreich. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vermittelt uns Cartier-Bresson die Vielfalt europäischer Lebensformen. Es sind meist einfache Bürgerinnen und Bürger, die wir in Städten und Landschaften sehen. Jede dieser 114 Fotografien, viele davon heute Klassiker der Fotografie, erzählt eine Geschichte.

Wir sehen in Russland eine Näherin bei der Arbeit, Iren im Pub, Franzosen am Strand, Stierkämpfer in der Arena, Kriegsversehrte und Arbeitslose im Rheinland und auf der letzten Seite den kleinen französischen Jungen in der Pariser Rue Mouffetard mit den beiden Weinflaschen in den Armen. Wer „Cartier-Bresson“ und „Vin“ googelt, bekommt das Foto gezeigt, das die meisten von uns im Kopf gespeichert haben.

Trailer zu einem Film von Pierre Assouline über Cartier-Bresson

Als Ergänzung zu diesem Fotobuch bietet sich der kleine Band „Auf der Suche nach dem rechten Augenblick: Aufsätze und Erinnnerungen“ an. In einer Zeit, in der jeden Tag Millionen von Fotos ins Internet hochgeladen werden, ist es vielleicht eine gute Idee, sich mit Cartier-Bressons Lehre vom Rhythmus, dem Einklang der Bewegungen und dem Erspüren des entscheidenden Augenblicks (le moment décisif) zu beschäftigen.

Buchinformation

Henri Cartier-Bresson: Les Européens, erschienen 1955Henri Cartier-Bresson
Les Européens – Photographies
Éditions Verve, Paris 1955
114 Seiten, gebunden, 27 x 35 cm (BxH) in der Originalausgabe
nur noch antiquarisch erhältlich

Europäer
Taschenbuch 232 Seiten, englisch
Verlag Schirmer/Mosel
ISBN: 3-88814-887-1
nur noch antiquarisch erhältlich

Auf der Suche nach dem rechten Augenblick
83 Seiten, broschiert
ISBN: 3-928942-57-3
Verlag Edition Christian Pixis
nur noch antiquarisch erhältlich

Bei Schirmer/Mosel gibt es natürlich auch die noch lieferbaren Fotobücher von Cartier-Bresson, der am 3. August 2004 im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Fotografiert hat er da schon lange nicht mehr, sondern wieder mit zeichnen angefangen. Das Studium der Malerei hatte er, der als Schüler dreimal durchs Abitur fiel, nach der Schulzeit absolviert. Dieses Studium hat ihn sehen gelehrt.

NK | CK

P.S. Ich stelle mir gerade vor, Cartier-Bresson hätte den niederländischen Autor Geert Mak auf seiner Reportagereise kreuz und quer Europa im Jahr 1999 begleitet. Es wäre interessant zu sehen gewesen, wie der Fotograf dieses Europa gesehen hätte, das Geert Mak in seinem Buch „In Europa“ auf mehr als 900 Seiten beschreibt.

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Wissenschaft und Echsen

Ist das Merkel, Obama, Gates oder vielleicht doch nur eine Kröte? Was sagt die Wissenschaft?

Ist das Merkel, Obama, Gates oder vielleicht doch nur eine Kröte? Was sagt die Wissenschaft?

80 Millionen Hobbyvirologen

Ist Euch das auch aufgefallen? Seit der Fußball coronabedingt in die zweite Reihe getreten ist, hört man gar nichts mehr von den 80 Millionen Bundestrainer, die ansonsten eine feste Meinung zu jedem Grashalm im Stadion haben und diese über alle Kanäle hinauskrakelen.

Statt dessen haben wir in Deutschland jetzt 80 Millionen Hobbyvirologen, von denen ganz viele genau wissen, dass Corona halb so schlimm ist. Ja vielleicht ist diese ganze Pandemie, von der wir alle genug haben, nur eine Erfindung von Bill Gates, schließlich hat er uns auch Windows angetan, nicht wahr? Und überhaubt, Gates gehört, wie erfahrene Verschwörungstheoretiker wissen, zur Klasse der Reptilien, Unterordnung Echsen, wie im übrigen auch Angela Merkel und Barack Obama. Ja, die Echsen sind womöglich gerade dabei, die Weltherrschaft zu übernehmen, und nur ganz wenige Schlaue unter uns merken es.

Mit anderen Worten: es läuft nicht gut für die Wissenschaft in diesem Land. Dabei sollten wir uns glücklich schätzen, so exzellente, weltweit anerkannte Wissenschaftler wie den Virologen Professor Dr. Christian Drosten zu haben, der uns sachlich und geduldig seit Wochen rund um das Corona-Virus aufklärt. Drosten trifft übrigens keine politischen Entscheidungen, wie manche meinen, und er macht das, was alle seriösen Wissenschaftler*innen machen, er korrigiert sich, wenn neue Erkenntnisse dies erfordern. Mit dabei beim Corona-Podcast ist Korinna Hennig vom NDR, eine sehr kompetente Wissenschaftsjournalistin. Die beiden haben jetzt völlig zu Recht den Grimmepreis bekommen.

Wissenschaft und Gefühle?

Aber was zeichnet eigentlich eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler aus? Zu diesem Thema hat sich die promovierte Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim ein paar Gedanken macht, die sie uns in einem Video mitteilt. Dr. Nguyen-Kim, die vor wenigen Tagen in den Senat der Max-Planck-Gesellschaft berufen wurde, ist eine Expertin, wenn es um das Erklären von komplexen Sachverhalten geht, wie das Magazin brandeins neulich schrieb. Ihre Videobeiträge auf ihrem Kanal Mai lab sind extrem gut recherchiert und sehr gut präsentiert. Und Humor hat sie auch, wie man hier sehen kann:

Schönes Wochenende!

NK | CK

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Freitagsfoto: Eichhörnchen und ein Gedicht

Eichhörnchen sind Akrobaten und wissen, was schmeckt

Eichhörnchen sind Akrobaten und wissen, was schmeckt

Vor einer Weile habe ich auf einer Birdwatcher-Seite im Internet von einem Birder in England gelesen, der pro Jahr fast eine Tonne Vogelfutter an die Wildvögel in seinem Garten verfüttert. Eine Tonne! Da sind wir noch weit von entfernt. Wenn es sich allerdings unter den Eichhörnchen in der Nachbarschaft weiter rumspricht, wie lecker Vogelfutter auch im Sommer schmeckt, dann wird der Verbrauch bei uns deutlich steigen, fürchte ich. Tröstlich zu wissen, dass es anderen Vogelfreunden ähnlich geht.

Auf der Homepage des Dichters und Freundes Jack Ridl bin ich auf ein Gedicht gestoßen, dass perfekt zu unserem Foto passt. Darin haben ein paar Eichhörnchen einen Auftritt am Futterspender für die Vögel: sie lenken den Erzähler von seiner morgendlichen Meditation ab. Schnell wird klar, dass dies nicht die einzige Ablenkung des Tages bleiben wird – allen Hoffnungen zum Trotz.

Wir kennen das alle. Ständig ist irgendwas: ein unerwarteter Anruf, der Hund will raus, die Nachrichten wollen gecheckt werden, das Smartphone piepst, der Nachbar wirft zur Unzeit den Rasenmäher an. So geht das manchmal den lieben langen Tag. Die ersehnte Ruhe stellt sich dann oft erst am Abend ein, wenn man sich mit einem Buch ins Bett legt – in der Hoffnung nicht nach fünf Minuten einzunicken. Das mit dem Einnicken passiert mir übrigens öfter, sehr zum Amusement meiner Frau. Aber jetzt zurück zu den Eichhörnchen im Gedicht:

Again the Squirrels

The squirrels are hanging
from the feeder meant
for the morning
arrival of grosbeaks, finches,

chickadees, the assertive
jays. The feeder clangs
dangling,
and I try to sit
zazen, feel

the startled
beat
of my silly heart
wanting to slam
the door
sending
black tails, gray tails
sailing

from their clutch
of the ebony-oiled sunflower seeds.
“Only for the birds,” I chant. “Only
for the birds,” my mantra mocking
myself, my morning, my

monotonous hope
that the day will unfold into
something other
than its inevitable
chatter, its necessary way
of forcing us
to interrupt.

I will wait for night,
for the moon’s light
draping across our eyes, for

a rainfall that mutes it all.

Poem used here with kind permission of the author.

Mehr Gedichte von Jack Ridl gibt’s auf seiner Homepage und natürlich in seinen Gedichtbänden. Den aktuellen Gedichtband haben wir hier vorgestellt. Jack Ridl liest jeden Donnerstag live um 15.00 Uhr MEZ (9 am US Eastern Time) auf seiner Facebook-Seite. Kann man auch ohne Facebook-Account anschauen.

Bis bald, passt auf euch auf!

NK | CK

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Haiku im Platzregen

Bei einem Platzregen sind die Regentropfen größer als normal und können bis zu 40 km/h erreichen

Bei einem Platzregen sind die Regentropfen größer als normal und können bis zu 40 km/h erreichen

Platzregen
jeden Tropfen preise ich –
Klimawandel

Downpour
every drop I praise –
climate change

Wieder ein Dürrejahr?

Es hat viel geregnet in den letzten Tagen. Unser Messglas im Garten ist voll und zeigt mehr als 50 Liter pro Quadratmeter für letzte Woche. Aber reicht das? Nein, sagen die Expert*innen vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Sie fürchten einen weiteren Dürresommer nach 2018 und 2019. Den Dürremonitor vom Helmholtz-Zentrum kann man hier anschauen und sich auch in einem Video erläutern lassen. Der Dürremonitor misst die Feuchte im Boden und gibt Auskunft über dessen Zustand.

Freuen wir uns über jeden Tropfen Regen!

NK | CK

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London Calling – ein Buch von Annette Dittert

Very English: Bowls, ein englisches Kugelspiel, das schon Sir Francis Drake gespielt haben soll.

Bowls, ein englisches Kugelspiel, das schon Sir Francis Drake gespielt haben soll

Schon seit Längerem verfolge ich den Twitter-Kanal der Journalistin Annette Dittert, die seit 2008 für die ARD aus London berichtet. Ich schätze ihre klaren Worte, ihren Humor und ihre fundierte Brexit-Berichterstattung. Erstaunt war ich, als ich vor ein paar Tagen zum wiederholten Mal unter einem Tweet von Dittert den beleidigten Kommentar eines englischen Parlamentariers las, der sich weinerlich beschwerte, ihre Berichterstattung sei unfair. Ich glaube, er sprach sogar von „rant“, was übersetzt so viel heißt wie Hass- oder Schimpftirade. Dabei macht Dittert das, was man von einer guten Journalistin erwartet: sie widmet sich dem Gegenstand ihrer Berichterstattung mit Verstand und Herzblut, aber der gebotenen Distanz. Seit dem Brexit-Votum wird ihre Liebe zu England allerdings auf eine harte Probe gestellt wird. Wer ihr Buch „London Calling – Als Deutsche auf der Brexit-Insel“ liest, spürt das.

Reiseführer, Kulturgeschichte, Reportage

London Calling ist 2017 in der Originalausgabe erschienen, rund ein Jahr nach der Brexit-Abstimmung. Wir haben die erweiterte Taschenbuchausgabe gelesen, die Anfang 2020 in die Buchhandlungen kam. Und die beginnt so:

„Ich bin immer noch hier. Auf Emilia, meinem kleinen Kanalboot, mitten in London. Noch immer hier zu Hause und verwurzelt, so gut das auf einem schwimmenden Domizil eben geht. Wenn auch mit zunehmend schwerem Herzen. Hope dies last, diesen Spruch gibt es nicht nur auf Deutsch: Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Ja, was ist das für ein Buch? Reiseführer? Kleine Kulturgeschichte? Eine Reportage in Episoden aus einem Land, in dem einige aus Nostalgie irr geworden sind? Alles zusammen kann man sagen; aber vor allem ist dieses Buch gut recherchiert und so geschrieben, dass man es nicht aus der Hand legen möchte. Wer außergewöhnliche Charaktere kennenlernen möchte und die komplizierte Entwicklung in England besser verstehen will: Here is your book!

In 14 Kapiteln sitzen wir bei Annette Dittert und ihren Gesprächspartner*innen: in einem Café im East End, beim Whiskey auf ihrem Hausboot, in einem retro-verkitschten Bonbon-Laden im Peak District, am Schreibtisch von Michael Bond, um nur ein paar Beispiele aufzuführen. Bond ist übrigens nicht 007, sondern der Mann, der den weltberühmten Bären Paddington erfunden hat. Zufällig wohnte er in der Nähe von Ditterts in Little Venice.

Von Paddington zur Politik

Wie die Autorin in dem Kapitel über den 91jährigen Paddington-Erfinder dessen Lebensgeschichte und nostalgischen Tagträume von einer besseren Vergangenheit mit einer klugen Analyse des fremdenfeindlichen Bodensatzes der britischen Gesellschaft verknüpft, ist gekonnt: Nach dem Brexit gefragt, antwortet Bond, dass er diesen nicht wollte, auch wenn er manchmal denkt, es gäbe zu viele Immigranten in Großbritannien. Dittert nimmt diesen Ball auf und legt dar, welche Entwicklung die englische Politik schon vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016 genommen hat.

„David Cameron und seine Tories hatten schon früh die Haltung und das Vokabular der Ukip-Partei übernommen und sich seit dem überraschenden Aufstieg dieser bis dahin marginalen Partei ab 2013 tief in deren fremdenfeindliche Rhetorik verwickeln lassen.“

Nach dem Exkurs über die Sprache der Tories, Stichwort: Fremdenfeindlichkeit, nimmt uns die Autorin mit in eines der weltweit umfangreichsten Holocaust-Archive, „wo vor den Nazis geflüchtete Juden und deren Nachkommen die Geschichte ihrer Vorfahren zurückverfolgen können.“ Sie überlässt es ihrem Gesprächspartner mit dem Klischee der englischen Lebensretter aufzuräumen. Ben Barkow, Direktor des Holocaust-Archive am Londoner Russell Square erklärt: „die Kindertransporte sind kein Beleg für Großbritanniens Humänität, sie sind das Gegenteil. Ein Alibi.“ Denn es waren, so Barkow, Privatinitiativen jüdischer Organisation, die den Steuerzahler nichts kosteten, und deren Ziel nur die Kinder waren. Und die Eltern, fragt sich der Leser? „Die ließ die britische Regierung, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Konzentrationslager fahren.“

Jenseits von Nostalgia

Dieses Beispiel macht deutlich, warum sich die Lektüre von London Calling lohnt. Die Autorin nimmt uns mit auf eine Tour durch London und England abseits der mit Klischees gepflasterten Touristenpfade. Die Menschen, die sie trifft, sind ganz besondere Tourguides, die wir so nie kennengelernt hätten.

Very English II: Wie aus der Zeit gefallen, das Postamt in Nayland, Suffolk

Wie aus der Zeit gefallen: das Postamt in Nayland, Suffolk

Wir treffen einen bankrotten Baron in seinem ganz persönlichen Nostalgia-Land in Derbyshire; in Birmingham lernen wir Gisela Stuart kennen, die aus Bayern stammt, für Labour im Parlament sitzt und den Brexit so vehement wie platt verteidigt; in Hull erklärt ein trotziger Rentner, warum er für den Brexit gestimmt hat, auch wenn dieser ziemlich sicher Arbeitsplätze kosten wird.

„Weil die in London eine Abreibung verdient haben. Weil seit Jahren hier oben nichts passiert ist. Wir aus dem Norden sind einfach nur stinkende Fischköpfe, und da haben wir es ihnen jetzt eben mal gezeigt.“

Wer den total versnobten Brexiteer und Tory Jacob William Rees-Mogg vor Augen hat, kann den Rentner aus Hull gut verstehen.

Aber in London Calling werden nicht nur die Abgründe der englischen Politik und die gesellschaftlichen Gräben analysiert, die dieses Land durchziehen. Die Autorin gewährt auch Einblicke in ihr überaus interessantes Leben auf der Insel. Allein die Geschichte, wie sie ihr maßangefertigtes 13 Meter langes Kanalboot Emilia die letzten Meilen auf dem Wasser nach Little Venice steuert. Quite amusing!

Über Sex wird in England nicht geredet oder nur indirekt: zum Beispiel, wie es die Kröten so treiben

Über Sex wird in England nicht geredet oder nur indirekt: zum Beispiel, wie es die Kröten so treiben

„Kröten, Sex und Wärmflaschen“

Sehr amüsant ist auch das Kapitel über Kröten, Sex und Wärmflaschen, in dem wir lernen, dass die Engländer sich nur äußerst ungern direkt über Sex unterhalten. Stattdessen wählen sie zum Beispiel den verbalen Umweg über das außergewöhnliche Paarungsverhalten der Kröten.

„Die britische Verklemmtheit, wenn es um Sex geht, ist geradezu sprichwörtlich.“

Dieser Satz hat mich an ein Erlebnis vor ein paar Jahren erinnert. Es war in Uppark House, einem dieser schönen Herrenhäuser im Süden Englands. Wir haben diesen Landsitz besucht, weil es dort eine Verbindung zu Admiral Nelson gibt, den unser Sohn zu dieser Zeit sehr bewunderte. Man erzählt sich, dass Nelsons spätere Geliebte Emma Hamilton in Uppark nackt auf dem Tisch getanzt haben soll. Nun, während der Besichtigung habe ich mir erlaubt, im großen Salon, auf einen riesigen Tisch deutend, die Aufsicht zu fragen, ob dies der Tisch sei, auf dem Lady Hamilton getanzt hat. „I am afraid so, Sir“, flüsterte mit einem schmallippigen Lächeln die ältere Dame, sichtlich bemüht, nicht zu erröten.

Sehnsucht nach gestern

Die vom National Trust gut erhaltenen Landhäuser und Schlösser zeigen, wie sehr die Engländer an ihrem geschichtlichen Erbe hängen, und wie liebevoll sie dieses pflegen – Verklärung mitunter inklusive. Dass diese englische Geschichtsbesessenheit häufig in Geschichtsvergessenheit und verlogene Nostalgie umschlägt, ist für Dittert nach so vielen Jahren auf der Insel kein „niedlicher Spleen“ mehr.

„Denn wo die Vergangenheit zur sentimentalen Phantasie verschwimmt, wird auch der Blick auf die Gegenwart, der man auf diese Weise entkommen will, unscharf und nebulös.“

HAPPY is England! So dichtete Keats. Wehrturm der Kirche von Stoke by Nayland, Suffolk

HAPPY is England! So dichtete Keats. Wehrturm der Kirche von Stoke by Nayland, Suffolk

Man darf davon ausgehen, dass der enorme Erfolg der gut gemachten englischen Serie Downton Abbey mit der „unterschütterlichen Sehnsucht nach der heilen Welt von gestern“ zusammenhängt. Eine Sehnsucht, die diese Serie wunderbar befriedigt, und die es nicht nur in England gibt. Auch wir haben die DVDs im Regal stehen. Man sollte halt wissen, dass das Leben Downstairs nur halb so lustig war und ist wie Upstairs.

Allen, die ihren Blick über den Ärmelkanal auf kluge und amüsante Art weiten möchten, sei London Calling empfohlen. Es ist ein Buch, in dem auch England-Fans viele neue Dinge erfahren. Uns hat die Lektüre Freude bereitet, und vielleicht gibt es ja einen zweiten Band mit besonderen Geschichten von der Insel. Auf den letzten Seiten deutet Annette Dittert an, dass sie England noch nicht den Rücken kehren will. Denn:

„Die Engländer sind besser als das, was wir derzeit von ihnen erleben. (…) Die Insel bleibt das Land, in dem ein George Orwell den Roman 1984 schrieb, nicht zufällig, sondern aus der tiefen Tradition eines skeptisch-pragmatischen Liberalismus.“

Cheers!

NK | CK

Buchinformation

Annette Dittert
London Calling – Als Deutsche auf der Brexit-Insel
Erweiterte Taschenbuchausgabe 2020
Atlantik Bücher im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
ISBN: 978-3-455-00692-6

Very English: „The Glory of the Garden“ heißt Kiplings Gedicht für alle Gärtner*innen. © Schöne Postkarten, Nr. 240

„The Glory of the Garden“ heißt Kiplings Gedicht für alle Gärtner*innen. © Schöne Postkarten, Nr. 240

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Freitagsfoto: Was blüht denn da?

Was blüht denn da?

Was blüht denn da?

Flora Incognita

Vor ein paar Tagen habe ich in unserem Garten diese schöne Blume entdeckt und gerätselt, wie sie wohl heißt. Alle Leserinnen und Leser hier mit grünem Daumen kennen sie natürlich, die …

Ich habe das Bild zum Bestimmen auf Twitter hochgeladen und habe, neben dem botanischen Namen, auch eine App empfohlen bekommen: Flora Incognita.

Mit der Flora Incognita App lassen sich rund 4.800 Pflanzen Mitteleuropas schnell, einfach und genau bestimmen. Das Ganze ist ein Projekt der TU Ilmenau und wurde realisiert vom Max Planck Institute for Biogeochemistry. Auf der Homepage Pflanzenforschung.de wird die Technik der App, die mit Künstlicher Intelligenz arbeitet, genau erklärt.

Mehr Informationen und Links zum Runterladen der App gibt es hier.

So, jetzt möchten wir von euch wissen, wie die Pflanze da oben heißt.

Schönes Wochenende!

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Altes Eisen – WEISSE ROSE

„Die Frage ist nicht, was man betrachtet, sondern was man sieht.“ Henry David Thoreau. Foto: Schrottplatz in Südfrankreich

„Die Frage ist nicht, was man betrachtet, sondern was man sieht.“ Henry David Thoreau.

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder im Botanischen Garten der Universität Tübingen und kam auf meinem Rundgang am Denkmal DIE WEISSE ROSE vorbei. Es liegt ein wenig abseits von einem der Hauptwege. Beim Anblick der drei Marmorsteine musste ich daran denken, wie wir den Künstler dieses Epigramms vor vielen Jahren in Südfrankreich zufällig kennengelernt haben.

Altes Eisen

Die meisten Menschen denken beim Stichwort Provence in erster Linie an alte Dörfer, knorrige Olivenbäume, Rosé und leuchtende Lavendelfelder. Seit dem Tag, an dem wir Karl Poralla und seine Frau Gundi in einem provençalischen Dorf abseits der Touristenströme kennengelernt haben, mehr als 20 Jahre ist das jetzt her, denke ich bei Provence immer auch an Schrottplätze und halb verfallene Bauernhöfe.

Denn auf Schrottplätzen und Bauerhöfen rostet viel altes Eisen vor sich hin. Und dieser Eisenschrott war das Objekt von Karl Porallas Begierde. Da konnten ihn weder knurrende Schrottplatzköter noch Verständigungsschwierigkeiten mit misstrauischen Provençalen abhalten. Aber natürlich hat er nicht wahllos rostiges Zeug in den Kofferraum gepackt.

Professor Dr. Karl Poralla, leidenschaftlicher Mikrobiologe mit Faible für altes Eisen

Karl Poralla (30.5.1938 – 21.10.2016): Mikrobiologe mit Faible für altes Eisen

Für den Künstler Karl Poralla, im Hauptberuf Professor für Mikrobiologie an der Universität Tübingen, war schon das Suchen und Finden seines Rohmaterials ein genussvoller, bedeutender Akt. Zurück in Entringen, ging es in der nächsten Phase des künstlerischen Prozesses um die Komposition der einzelnen Eisenteile. Aus einzelnen Teilen ein neues Ganzes werden lassen, dem ein Rest von Geheimnis anhaftet. Darauf kam es ihm an. Zu klar und eindeutig mochte er es nicht.

Ohne Titel. Eisenplastik von Karl Poralla

Ohne Titel. Eisenplastik von Karl Poralla

Eines seiner künstlerischen Vorbilder, der Amerikaner David Smith, der ebenfalls mit altem Eisen arbeitete, legte seine Fundstücke auf dem Boden seines Ateliers aus und schob sie dann immer mal wieder mit dem Fuß hin und her. Bei den Porallas standen die Eisencollagen während ihrer Entstehung nicht selten im Wohnzimmer, so dass Poralla die Wirkung seiner Komposition immer wieder prüfen konnte. Erst wenn er zufrieden war, ließ er die Teile zusammenschweißen.

Zu seiner kreativen Schöpfungskraft kam, wie mir die heute in Wien tätige Galeristin Susanne Padberg vor Jahren schrieb, „eine fast kindliche Unbefangenheit und Begeisterung, die er sich auch durch Rückschläge und Enttäuschungen hat nicht nehmen lassen“.

„Gehalten‟ · Eisenplastik von Karl Poralla

„Gehalten‟ · Eisenplastik von Karl Poralla

Karl Poralla war nicht verbissen, aber beharrlich: als Wissenschaftler, Hochschullehrer und Künstler. Er verfolgte seine künstlerischen Ziele mit Konsequenz und Ernsthaftigkeit, ohne dabei die Leichtigkeit und einen fast spielerischen Zugang zu verlieren. Dies zeigt sich übrigens nicht nur in den Eisenplastiken, sondern auch in seinen in Stein gemeißelten Epigrammen.

DIE WEISSE ROSE

„Die weiße Rose“ von Karl Poralla, in Stein gemeißeltes Epigramm im Botanischen Garten in Tübingen

„Die weiße Rose“ von Karl Poralla, in Stein gemeißeltes Epigramm im Botanischen Garten in Tübingen

Eines dieser Epigramme steht in Tübingen im Botanischen Garten. Ein paar Jahre vor seinem Tod hat Karl Poralla mir einen Text zu diesem Denkmal gegeben. Darin schreibt er, der Anstoß für dieses Projekt sei im August 1989 gewesen, als in Tübingen um die Gestaltung des zentralen Platzes vor dem Hauptgebäude der Universität gestritten wurde. Geschwister-Scholl-Platz heißt der Platz vor der Neuen Aula, und er diente den dort lehrenden Jura-Professoren als Parkplatz. Und so sollte es auch bleiben, meinten die, die dort ihren sicheren Stellplatz hatten. Diese Haltung hat Poralla sehr enttäuscht, und er überlegte, wie man den Tübingerinnen und Tübingern zeigen könne, wie wichtig die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ für uns noch heute ist. Ich zitiere aus Porallas Text:

„Mein Labor liegt direkt neben dem Botanischen Garten, und ich schaue fast täglich auf ihn hinunter. So kam mir eines Tages die Idee, in Kombination mit der Pflanze weiße Rose für die Gruppe „Weiße Rose“ etwas zu gestalten. Die Grundidee war folgende: Die Pflanzen im Botanischen Garten besitzen immer ein Etikett mit ihrem deutschen und lateinischen Namen. Die weiße Rose sollte jedoch ein ganz spezielles Etikett erhalten. Auf drei Steinen aus griechischem Marmor aus Tasos sollten die drei Worte DIE WEISSE ROSE in Antiqua einmeißelt werden. Als Besucher wird man durch diese Marmorsteine vor eine Frage gestellt. Vielen wird den Sinn einfallen, und andere werden vielleicht einen der Gärtner danach fragen. Für viele wird die Begegnung mit einer Nachdenklichkeit enden. So wird der Besuch des Botanischen Gartens verbunden mit einer Erinnerung an deutsche Geschichte.“

Am 2. November 1990 wurde das Denkmal schließlich aufgestellt. Ausgeführt hat es der Bildhauer Egon Baur aus Wendelsheim bei Rottenburg am Neckar. Die drei Steine sind 50, 95 und 78 Zentimeter lang, 21 Zentimeter hoch und 45 Zentimeter breit. Die Schrift ist 20 Zentimeter hoch. Als Spender konnte Poralla nach längerer Suche die Kunststiftung der Württembergischen Hypothekenbank Stuttgart gewinnen, die dem Bildhauer Baur die entstandenen Kosten ersetzte. Poralla wollte für seine konzeptionelle Arbeit kein Honorar.

Schönheit und Schrecken

Karl Poralla wollte mit seiner in Stein gemeißelten Weißen Rose das Schöne mit dem Schrecklichen verbinden. Diese Verbindung war auch ein Lieblingsthema des schottischen Künstler Ian Hamilton Finlay, den er bewunderte, und in dessen berühmtem Landschaftsgarten Little Sparta in der Nähe von Edinburgh einige solcher Bildhauerarbeiten in Schrift zu sehen sind.

Wenn Sie also das nächste Mal in den Botanischen Garten in Tübingen gehen, dann machen Sie einen Abstecher zur Weißen Rose. Und wer weiß, vielleicht werden die weißen Marmorsteine ja mal wieder richtig zum Strahlen gebracht und um eine erklärende Tafel ergänzt? Zwei neue weiße Rosen „Hella“ wurden erst letztes Jahr gepflanzt. Sie blühen gerade.

NK | CK

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Unsere Welt neu denken – Eine Einladung

Wie lange wachsen die Ladebäume der Globalisierung noch in den Himmel? Im Hafen von Harwich in Suffolk

Wie lange wachsen die Ladebäume der Globalisierung noch in den Himmel? Im Hafen von Harwich in Suffolk

„Wia heat des auf, wia wird des weidagehn?“, so lautet der Refrain eines Songs von Wolfgang Ambros, den die Älteren hier noch kennen werden.

Wie wird das weitergehen?

Diese Frage stellen sich zur Zeit viele Menschen, nach mehreren Wochen Corona-Lockdown. Licht am Ende des Tunnels? Fehlanzeige. Wir sollten hoffen, dass uns die zweite Welle dieser Pandemie gar nicht oder aber nicht so hart erwischt, wie es manche Virologen und Epidemiologen befürchten. Dabei sind wir in Deutschland – statistisch gesehen – bisher noch ganz gut weggekommen.

Trotzdem: für die Wirtschaft ist dieser Zustand eine Katastrophe, und zwar eine so große, dass selbst die, die immer sagen, der Markt würde alles richten, nach dem Staat rufen. Die Autoindustrie hat sogar so laut geschrien, dass die Kanzlerin schnell zum Autogipfel ins Kanzleramt laden musste. Viel rausgekommen ist nicht, mal abgesehen von der wirklich ganz außergewöhnlichen Idee einer Kaufprämie.

Weiter wie bisher?

Weiter wie vor Corona, geht das überhaupt? Die nächste Pandemie steht vielleicht schon in den Startlöchern; Stichwort: Zoonosen. Und die Klimakrise? Die hat gerade nur eine mediale Zwangspause eingelegt! Die Folgen des Klimawandels, so mutmaßen auch zurückhaltende Expert*innen, werden dramatischer sein, als die der Corona-Pandemie.

Vielleicht ist das ja ein guter Zeitpunkt, über die Zukunft der Welt nachzudenken. Ich habe dazu die Einladung von Prof. Dr. Maja Göpel angenommen, die vor ein paar Wochen ihr neues Buch „Unsere Welt neu denken“ vorgestellt hat:

Unsere Welt neu denken

Maja Göpel ist Politökonomin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und unter anderem Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderung. Sie gehört zu den Gründer*innen von Scientists for Future, einer Bewegung mit mehr als 26 000 Wissenschaftler*innen, die die Forderungen der Fridays-for-Future-Bewegung unterstützen.

Göpels Buch ist keine ganz einfache Lektüre, aber sehr anregend. Die Autorin erklärt wirtschaftliche Zusammenhänge und bringt historische Fakten zur Wirtschaftstheorie.  Vor diesem Hintergrund hinterfragt sie die Art, wie wir wirtschaften und leben. Und wundert sie sich, wie es sein kann, dass wir immer noch nach wirtschaftlichen Prinzipien und Theorien agieren, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Mit Blick auf die weltweiten wirtschaftlichen und anderen Krisen fordert sie uns auf, „uns die Regeln bewusst zu machen, nach denen wir unser Wirtschaftssystem aufgebaut haben.“ Denn es ist, so Göpel, offensichtlich, dass eine Wirtschaft, die ausschließlich auf Wachstum setzt, nicht unbegrenzt  funktionieren kann, wenn die Ressourcen begrenzt sind.

152 Millionen 20-Fuß-Container wurden im Jahr 2019 per Containerschiff transportiert, so statista.de

152 Millionen 20-Fuß-Container wurden im Jahr 2019 per Containerschiff transportiert, so statista.de

Fossile Brennstoffe, seltene Rohstoffe, Ackerland, sauberes Trinkwasser: überall stoßen wir an Ressourcengrenzen. Und das mit einer Weltbevölkerung von aktuell 7,7 Milliarden Menschen. Immer mehr Menschen, immer knappere Ressourcen: das geht nicht.

Nachhaltige Entwicklung

„Dauerhaltige (nachhaltige) Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Göpel zitiert hier den Bericht der Brundtland-Kommission aus dem Jahr 1983. Gro Harlem Brundtland ist die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin, die mit ihrer Kommssion im Auftrag der Vereinten Nationen darüber nachgedacht hat, „wie sich unser Wirtschaften mit den Grenzen des Planeten vereinbaren lässt.“ Schon damals war klar: so kann es nicht weiter gehen, weil die natürlichen Ressourcen endlich sind. Trotzdem hat 1987 der US-amerikanische Ökonom Robert Solow den Wirtschaftsnobelpreis für seine Wachstumstheorie bekommen, bei der unter anderem natürliche Ressourcen keine Rolle mehr spielen, weil sie ersetzbar seien. In Solows Worten:

Die Welt kann praktisch ohne natürliche Ressourcen auskommen, daher ist Erschöpfung nur ein Ereignis, keine Katastrophe.

Die Logik hinter dem Ansatz der Substituierbarkeit sieht, sehr vereinfacht gesagt, so aus: Durch die Art, wie wir Landwirtschaft betreiben (Monokultur, Massentierhaltung, Pestizideinsatz usw.), gefährden wir das Überleben der Bienen. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil wir das Bestäuben der Pflanzen, wenn es irgendwann keine Bienen mehr gibt, von Minidrohnen erledigen lassen.

Im März 2018 erhält die amerikanische Patentbehörde den Antrag zur Patentierung einer neuen Technik, mit der Pflanzen künstlich bestäubt werden können.

Beantragt hat dieses Patent übrigens nicht etwa ein einsamler Tüftler, sondern der weltweit größte Einzelhändler: Walmart. Ein Unternehmen, das bekannt ist für seine aggressive Preispolitik und seinen gnadenlosen Wachstums- und Verdrängungskurs.

Anmaßung des Wirtschaftens

Für Göpel zeigt sich an diesem Beispiel „die ganze Anmaßung menschlichen Wirtschaftens.“ Denn wir glauben, dass es immer so weitergeht. Tut es aber nicht, so die Autorin. Dies zeigt sie an zahlreichen Beispielen, versehen mit Fußnoten, Quellenangaben und weiterführenden Links im Anhang. Nebenbei macht sie die Leser*innen noch mit einigen wichtigen Fachbegriffen der Wirtschaftswissenschaften bekannt. Theoretisches Rüstzeug ist schließlich nie schlecht, wenn man die Welt neu denken will.

Welche Rolle spielt der Mensch noch in der globalisierten Welt? Hafenarbeiter in Harwich, Suffolk.

Welche Rolle spielt der Mensch noch in der globalisierten Welt? Hafenarbeiter in Harwich, Suffolk.

Göpels Thesen leuchten ein. Denn die Gesetze und Modelle nach denen der homo oeconomicus (der ausschließlich wirtschaftlich denkene Mensch) agiert, funktionieren nicht mehr angesichts der großen Herausforderungen, denen sich die Weltgemeinschaft zu stellen hat: Endlichkeit der Ressourcen, Klimawandel, Bevölkerungswachstum. Es ist daher nur konsequent, wenn die Autorin vorschlägt, über die vermeintlich unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten unseres Wirtschaftssystems nachzudenken.

Ausbeutung mitten in Deutschland

Wie sehr dieses System in einzelnen Bereichen krankt, sehen wir gerade an den Zuständen in deutschen Schlachthöfen. Leiharbeiter aus Osteuropa arbeiten zu niedrigen Löhnen und hausen beengt in erbärmlichen Unterkünften, nur damit das Nackensteak möglichst billig ins Regal des Discounters kommt. Von den Bedingungen, unter denen die Tiere in diesem Agrarsystem gehalten werden, ganz zu schweigen. Warum ist das so?

Es liegt daran, dass der Agrarmarkt, so wie er heute organisiert ist, nicht-nachhaltiges Verhalten eher belohnt und nachhaltiges Verhalten eher erschwert.

Dazu kommt, dass die Preise vieler Produkte die wahren Herstellungskosten, inklusive aller Folgen für die Umwelt usw., nicht beinhalten. Und das, so die Autorin, ist weder nachhaltig noch gerecht.

Gerechtigkeit ist der Schlüssel für eine nachhaltige Wirtschaftsweise, wenn sie global funktionieren soll. (…) Für diese neue Art der Gerechtigkeit müssen wir ein paar heilige Kühe der Wachstumserzählung schlachten und andere Wege gehen.

Teil der Veränderung sein

Aber ist unsere Welt nicht viel zu kompliziert, weil alles mit allem verzahnt ist? Haben wir als einzelne Bürgerinnen und Bürger überhaupt eine Chance, durch unser Verhalten etwas zu ändern? Nach der Lektüre dieses Buches stellen sich solche Fragen unweigerlich. Die Autorin hat mit dieser Reaktion ihrer Leser gerechnet:

Wir sind alle ein Teil vernetzter Systeme, in denen nichts ohne Effekt ist, ob wir wollen oder nicht. Das bedeutet aber auch, dass wir die Chance haben, den Veränderungen eine bewusste Richtung zu geben. Genau genommen haben wir nicht nur die Chance, sondern auch die Verantwortung dazu. Wir alle können jeden Tag Teil der Veränderung sein, die wir uns für die Welt wünschen, auch wenn sich diese Veränderung erst mal klein und wenig anfühlt.

 

Maja Göpel, Unsere Welt neu denken: Eine Einladung. Ullstein 2020Maja Göpel hat mit „Die Welt neu zu denken“ ein anregendes, informatives Buch geschrieben, das zur richtigen Zeit auf dem Markt kommt. Denn gibt es einen besseren Zeitpunkt, über die Zukunft nachzudenken, als in diesen Wochen und Monaten, wo unsere bisherige Art zu leben von einem unsichtbaren Virus aus der Bahn geworfen wird?

Buchinformation

Prof. Dr. Maja Göpel
Unsere Welt neu denken – Eine Einladung
Ullstein Buchverlage, Berlin, 2020
Hardcover, 208 Seiten
ISBN: 9783550200793

Gibt’s in jedem guten Buchladen vor Ort.

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N.K. | C.K.