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I hope you don’t mind · Weihnachten mit Elton John

Ein Klavier zu Weihnachten

Die Werbespots der Kaufhauskette John Lewis zu Weihnachten sind bei unseren britischen Nachbarn Kult, und mindestens die halbe Insel ist schon Tage vor der Veröffentlichung aus dem Häuschen. In diesem Jahr nun erzählt der John-Lewis-Spot eine besondere Weihnachtsgeschichte. Es ist die Geschichte von Elton John, dessen Karriere, so sagt dieser begnadete Musiker, an Weihnachten mit einem geschenkten Klavier begann.

Man stelle sich mal vor, Elton John hätte eine Spielkonsole zu Weihnachten bekommen. Ein Alptraum, oder? Wie viele wunderbare Lieder hätten wir nie zu hören bekommen, so wie „Your Song“, Elton Johns ersten großen Hit:

Euch allen einen schönen zweiten Advent.

NK / CK

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Bücher lesen – warum eigentlich?

Gute Leser, geheimnisvolle Vögel. Jorge Luis Borges © Schöne Postkarten Nr. 54, Tübingen, 2018

Zwei souveräne Leserinnen in der Hängematte. © Schöne Postkarten Nr. 54, Tübingen, 2018

Lob des Lesens

So ist ein kluger Artikel von Paul Ingendaay in der FAZ vom 17.10.2018 überschrieben. Ingendaay denkt in seinem Text darüber nach, wie unsere Bücherwelt in zwanzig Jahren aussehen wird. Trotz aller Unkenrufe ist er sich sicher, dass es immer eine Gemeinschaft von Lesern geben wird. Warum? Weil man beim Lesen „immer und überall eine andere Gedankenwelt betreten“ kann. Weil Bücher „uns helfen in einer Zeit, in der andere Hilfe nicht zu haben gewesen wäre.“ Und auch weil Leser*innen einander finden und sich verbunden fühlen. Und schließlich weil Leser*innen das bessere Leben haben, behauptet Ingedaay. Hier ein Zitat aus dem Text, den man hier nachlesen kann.

„Die verlesene Zeit erlebt in der Erinnerung oft einen wundersamen Wertzuwachs, wie Aktien, die lange in der Truhe lagen und unbemerkt gestiegen sind.“ (Quelle: FAZ, 17.10.2918)

Und wenn wir das richtige Lesen verlernen?

Ebenfalls in der FAZ fragt sich der bekannte Hirnforscher Wolf Singer in einem interessanten Interview mit Joachim Müller-Jung, was passiert, wenn wir das richtige Lesen verlernen. Mit dem „richtigen Lesen“ meint Singer das Lesen von richtigen, bevorzugt gedruckten Büchern. Singer betont, wie wichtig es ist, dass ein Mensch in seiner Entwicklung lernt,

„sich eine halbe Stunde lang mit reinem Text zu befassen und der eigenen Phantasie und Vorstellungskraft Raum zu geben. Lesen ist ein kreativer Akt, der trainiert werden muss.“ (Quelle: FAZ 13.10.2018)

Singer deutet an, dass der Konsum von digitalen Medien mit diesem permanenten Informationsfluss und den vielen Zusatzinformationen großes Ablenkungspotential birgt und der Phantasie eher abträglich ist. Das ganze Interview kann man hier nachlesen.

Souveräne Leserinnen in der Hängematte

Der britische Autor Alan Bennett hat vor rund 10 Jahren eine bezaubernde Liebeserklärung an die Literaratur und an die englische Queen geschrieben. „Die souveräne Leserin“ heißt sein schmales Buch, das 2008 auf deutsch erschienen ist. Ich nehme an, dass es einige Leser*innen hier gibt, die dieses in rotes Leinen gebundene Büchlein schon kennen. Allen anderen verspreche ich hiermit 120 unterhaltsame Seiten gefüllt mit feinster Britishness und einigen anrührenden Momenten in dieser zarten Geschichte, in der aus einer pflichtbewussten Königin eine begeisterte Leserin wird. Prädikat: Must read! Die souveräne Leserin, die auf unserer Postkarte da oben in der Hängematte liegt, hat das Buch jedenfalls sehr genossen.

Buchinformation

Alan Bennett
Die souveräne Leserin
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
ISBN 978-3-8031-1254-5

Schöne Postkarten

Die Postkarte mit der souveränen Leserin in der Hängematte ist neu im Programm unseres Projekts Schöne Postkarten. Auf unserer Website gibt’s noch andere Postkarten zum Thema Literatur, Lesen und Natur, dazu besondere Postkarten aus Tübingen und Region. Vielleicht einfach mal reinschauen hier.

Euch allen ein schönes Wochenende!

NK/CK

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Druckabnahme für Schöne Postkarten aus Tübingen

Jede Druckform von Schöne Postkarten wird genau geprüft, bevor die gesamte Auflage gedruckt wird.

Jede Druckform von Schöne Postkarten wird genau geprüft, bevor die gesamte Auflage gedruckt wird.

Rorschachtest bei der Druckabnahme für Schöne PostkartenSchöne Postkarten mit neuen Motiven

Letzten Freitag waren wir in der Druckerei Enssle in Metzingen zur Druckabnahme für die neuen Motive von Schöne Postkarten. 30 neue Karten gingen auf die Druckmaschine, dazu mussten wir etliche Postkarten nachdrucken, weil sie bereits ausgehen. Wir werden alle neuen Motive zügig auf die Homepage von Schöne Postkarten einstellen. Parallel arbeiten wir an einer neuen Website mit komfortabler Such- und Sortierfunktion nach Themen. Sobald die neue Seite steht, gibt’s es hier die Infos dazu.

Am Steuerpult wird die farbliche Feinabstimmung für Schöne Postkarten vorgenommen. Dazu braucht es ein geübtes Auge.

Am Steuerpult wird die farbliche Feinabstimmung vorgenommen. Dazu braucht es Erfahrung und ein geübtes Auge.

Jetzt zeigen wir Euch noch ein paar Motive aus der neuen Serie, die wir letzten Freitag gedruckt haben. Die Karten selbst müssen noch trocknen, anschließend werden sie geschnitten, und erst dann sind sie bereit für alle, die ihre Mitmenschen gerne mit einer schönen Postkarte erfreuen.

Schöne Postkarte Nr. 4 · Der Sommer, der geht. Victor Hugo. © 2018

Schöne Postkarte Nr. 4 · Der Sommer, der geht… Victor Hugo. © Tübingen, 2018

Schöne Postkarte Nr. 228 · Kahle Äste greifen nach den bunten Häusern am Neckar. © 2018

Schöne Postkarte Nr. 228 · Kahle Äste greifen nach den bunten Häusern am Neckar. © Tübingen, 2018

Schöne Postkarte Nr. 193 · So schön, werden wir ihn diesen Winter nicht sehen, den Hölderinturm am Neckar. © 2018

Schöne Postkarte Nr. 193 · So schön werden wir ihn diesen Winter nicht sehen, den Hölderinturm am Neckar. © Tübingen, 2018

Schöne Postkarte Nr. 231 · Ehemaliges Zisterzienserkloster in Bebenhausen bei Tübingen. © 2018

Schöne Postkarte Nr. 231 · Ehemaliges Zisterzienserkloster in Bebenhausen am Schönbuchrand. © Tübingen, 2018

Euch allen eine gute Woche!

Corinna Kern · Norbert Kraas

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Tee: Jasmin, Assam, Earl Grey, Ceylon?

Tee ist nicht nur ein Getränk, sondern ein Kulturgut? Welche Sorte seht Ihr auf dem Foto?

Tee ist nicht nur ein Getränk, sondern ein Kulturgut. Welche Sorte seht Ihr auf dem Foto?

Was ist dran am Wundermittel Tee? Dieser Frage ging neulich auf SWR 2 der Journalist Gábor Paál in einer interessanten Sendung nach. Ja, da wurden auch ein paar Mythen entzaubert. Aber es gibt eine gute Nachricht: als gesichert gilt eine positive Wirkung von Tee (schwarz oder grün) auf die Blutgefäße, sofern er ohne Milch getrunken wird. Den Beitrag kann man hier noch nachhören.

Seit 1979 die Tübinger Adresse rund um den Tee: Hinrichts Teehus

Seit 1979 die Tübinger Tee-Institution: Hinrichs Teehus

Man muss aber Tee nicht aus gesundheitlichen Gründen trinken. Man kann eine schöne Tasse Tee auch einfach so genießen, dazu ein Buch lesen oder aus dem Fenster schauen. Wer sich in Sachen Tee kundig und überaus freundlich beraten lassen möchte, dem empfehle ich einen Besuch in Hinrichs Teehus in der Tübinger Froschgasse. Dort gibt’s Tee aus aller Damen Länder, für jeden Geschmack und jeden Anlass. Und demnächst finden Tee-Liebhaber*innen bei Hinrichs auch diese schöne Postkarte mit den Zeilen aus dem wunderbaren Gedicht „Tea“ von Carol Ann Duffy.

Schöne Postkarte Nr. 221 · I like pouring your tea, lifting the heavy pot... © 2018

Schöne Postkarte Nr. 221 · I like pouring your tea, lifting the heavy pot… © 2018

Tea

von Carol Ann Duffy

I like pouring your tea, lifting
the heavy pot, and tipping it up,
so the fragrant liquid streams in your china cup.

Or when you’re away, or at work,
I like to think of your cupped hands as you sip,
as you sip, of the faint half-smile of your lips.

I like the questions – sugar? – milk? –
and the answers I don’t know by heart, yet,
for I see your soul in your eyes, and I forget.

Jasmine, Gunpowder, Assam, Earl Grey, Ceylon,
I love tea’s names. Which tea would you like? I say
but it’s any tea for you, please, any time of day,

as the women harvest the slopes
for the sweetest leaves, on Mount Wu-Yi,
and I am your lover, smitten, straining your tea.

Buchinformation

Love Poems
Carol Ann Duffy
Picador, 2010
ISBN: 978-0330512725

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Was ist was am Albtrauf?

Albtrauf fotografiert vom Steinenberg in Tübingen. Foto: Norbert Kraas

Albtrauf fotografiert vom Steinenberg in Tübingen. Foto: Norbert Kraas

Die Schwäbische Alb ist wunderschön, ich weiß, aber noch schöner wäre sie für mich, wenn ich beim Bestimmen der Gipfel nicht immer so rumeiern oder gar passen müsste.

Meine Frage an alle Alb-Fans hier: Wer kann mir eine gute Landkarte Schwäbische Alb / Albtrauf empfehlen, mit der ich die ganzen Gipfel, die zum Beispiel auf dem Foto zu sehen sind (vom Steinenberg in Tübingen aus fotografiert), bestimmen kann?

Vielen Dank!

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Kristallnacht – „Spätes Tagebuch“ von Max Mannheimer

Am 10.11.1938 wurde auch die Synagoge in Baisingen im Landkreis Tübingen verwüstet. Foto: Norbert Kraas

Am 10.11.1938 wurde auch die Synagoge in Baisingen im Landkreis Tübingen verwüstet. Foto: Norbert Kraas

10. November 1938: Kristallnacht

Gestern brannten die Synagogen. Sie brannten in Deutschland. Sie brannten in einem Teil der Tschechoslowakei. Bestand auch die Gefahr der Ausdehnung des Feuers, wurden sie durch Sprengungen zerstört. Die meisten jüdischen Geschäfte wurden demoliert. »Meine« Synagoge wurde geplündert. Feuer oder Sprengung wären wegen des schräg gegenüberliegenden Gaskessels gefährlich gewesen. Gebetbücher, Thorarollen und Gebetschals lagen zerfetzt auf der Straße. Das Buch, das die Juden seit zwei Jahrtausenden in der Zerstreuung zusammenhielt, wurde mit Stiefeln getreten.“

Diese Sätze schreibt der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer über die Reichskristallnacht in seinen Erinnerungen, die er 1964 für seine Tochter zu Papier brachte. Der schmale Band „Spätes Tagebuch: Theresienstadt – Auschwitz – Warschau – Dachau“ erschien erstmals im Jahr 2000 im Piper Verlag.

Tagebuch des Grauens

Auf gerade mal 115 Seiten schildert der 1920 in Neutitschein (Nordmähren, heute Tschechien) geborene Mannheimer die Zeit zwischen den Novemberpogromen 1938 und dem 30. April 1945. An diesem Tag  befreien sich Mannheimer, sein Bruder Edgar und andere überlebende Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau (Außenstelle Mühldorf) aus einem Güterwagon, der in der Nähe von München von seinen deutschen Bewachern auf offener Strecke verlassen wird.

„Unsere Bewacher sind verschwunden. Wir öffnen die Wagons. Das Tor zur Freiheit. Einige hundert Meter von uns fährt eine amerikanische Militärkolonne. Wir sind frei. Wir können es noch nicht fassen. Ich bin zu schwach, um den Wagon zu verlassen.“

Max Mannheimer und sein Bruder Edgar sind die einzigen Überlebenden der Familie. Die Mutter Margarethe wird im Februar 1943 an der Rampe in Auschwitz-Birkenau von dem damals 23jährigen getrennt. Sie wird wie der Vater, die Schwester und Mannheimers erste Frau Eva von den Nazis vergast. Seine Brüder Erich und Ernst werden ebenfalls von den Nationalsozialisten ermordet.

Max Mannheimer: Spätes Tagebuch. Foto: Norbert KraasEin wichtiges Buch

Der Zeitzeuge Max Mannheimer, der am 23. September 2016 im Alter von 96 Jahren in München gestorben ist, beschreibt die Jahre der Hölle in den Lagern Theresienstadt, Auschwitz, Warschau, Dachau in unaufgeregten, schnörkellosen Sätzen. Es ist dieser sachliche Tagebuchstil, der diesem schmalen, unbedingt lesenswerten Buch eine ganz besondere Wirkung verschafft. Als Leser ist man dicht am Geschehen, liest gebannt, um am Ende sprachlos zurückzubleiben. Max Mannheimer hat bis zu seinem Tod vor vielen tausend Jugendlichen und Erwachsenen über den Holocaust, die Naziherrschschaft im Dritten Reich und über seine eigene Zeit in den Konzentrationslagern gesprochen. Diese Aufklärung war ihm ein sehr wichtiges Anliegen. Dabei sagte er einmal in einer Diskussion zu Schülern:

„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber daß es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

Buchinformation

Max Mannheimer
Spätes Tagebuch. Theresienstadt – Auschwitz – Warschau – Dachau
Piper Verlag, München
ISBN: 978-3-492-26386-3

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Sackgasse Brexit / Buchbesprechung

Brexit for a brighter future? Dover Castle hat schon vielen Stürmen getrotzt. Foto: Norbert Kraas

Brexit for a brighter future? Dover Castle hat schon vielen Stürmen getrotzt. Foto: Norbert Kraas

Fast jeden Morgen kurz vor 7 höre ich auf BBC Radio 4 die Sendung „Farming Today“, während ich für meine Familie das Frühstück mit Porridge mache. Bei dieser Beschäftigung fühle ich mich England und seinen Bewohnern auf sehr angenehme Weise verbunden. „Farming Today“ beschäftigt sich in Reportagen und Interviews mit der britischen Landwirtschaft, dem Alltag der Bauern, ihren Freuden, aber auch ihren Sorgen und Nöten. Das alles dominierende Thema dieser Tage ist, wer hätte es gedacht, der Brexit. Die Unsicherheit der englischen Farmer und Naturschützer ist ob der Folgen des Brexits und der unfassbaren Planlosigkeit der Regierung in Westminster riesengroß. Und das Chaos ist mit Händen zu greifen.

LEAVE

Dabei ist das Brexit-Referendum jetzt mehr als zwei Jahre her. Am 23. Juni 2016 haben 17,4 Millionen Wahlberechtige (51,89 %) in Großbritannien für LEAVE gestimmt. Ab dem 30. März 2019 wird Großbritannien nicht mehr der Europäischen Union angehören. Und wenn in den nächsten Wochen nicht ein Wunder geschieht, wird dieser Austritt ohne einen sogenannten Deal (ich mag dieses Trump’sche Wort überhaupt nicht!), also ohne formalen Scheidungsvertrag über die Bühne gehen. Man mag es kaum glauben und fasst sich an Kopf – wie konnte es so weit kommen? Wo liegen die Wurzeln dieser Entscheidung? Wie kann es sein, dass dieses Land mit seinen höflichen Bewohnern in zwei unversöhnliche Hälften auseinanderfällt?

Reise durch ein zerrissenes Königreich

Der Schweizer Journalist und Autor Peter Stäuber, der seit 2010 in London lebt und unter anderem für die ZEIT schreibt, hat sich auf eine Reise kreuz und quer durch Großbritannien begeben, um herauszufinden, wie es zum Brexit kommen konnte. „Sackgasse Brexit – Reportagen aus einem gespaltenen Land“ heißt sein Buch, das vor ein paar Wochen im Rotpunkt-Verlag in Zürich erschienen ist.

Um es gleich vorweg zu sagen: Wer sich für Großbritannien interessiert und dieses Land besser verstehen möchte, sollte dieses spannende, faktenreiche Buch lesen. Aber: die Lektüre lohnt auch aus deutscher Sicht, weil Stäuber aufzeigt, wie leicht Menschen in wirtschaftlich abgehängten Regionen mittels geschickt gesteuerter Kampagnen, die nicht selten mit Lügen gespickt sind, zu manipulieren sind.

Stäubers Recherche beginnt im Herbst 2017 in der Finanzmetropole London und endet im Frühjahr 2018 mit einem Kapitel über den Aufstieg des Labour-Chefs Jeremy Corbyn (mein Lesetipp für SPD-Politiker). Der Autor besucht Great Yarmouth an der Ostküste, wo er den Aufstieg der fremdenfeindlichen UKIP (United Kingdom Independence Party) analysiert. Von dort geht es nach Merthyr Tydfil im südlichen Wales, einst Hochburg der britischen Kohleindustrie, in der die heute arbeitslosen Bergleute alles verloren haben, auch ihren Stolz und ihr Selbstwertgefühl. In Aberdeen und Glasgow beleuchtet Stäuber die Haltung der Schotten zum Brexit und untersucht die Entwicklung der schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen vor dem Hintergrund des Leave-Votums. Zwischen seine Reportagen schiebt Stäuber informative Kapitel über das Verhältnis der Briten zur EU (keine Wunschhochzeit), das Erbe des Empire (absurde Sehnsucht nach alter, weltumspannender Größe gepaart mit latentem Rassismus), und er erklärt die Rolle der britischen Boulevardpresse, die, wenn es der Auflage dient, hemmungslos Fremdenfeindlichkeit schürt, Lügen über die EU verbreitet und ein neoliberales, reaktionäres Weltbild feiert.

Nicht nur wegen der Scones würden wir sie vermissen, unsere Freunde von der Insel. Foto: Norbert Kraas

Nicht nur wegen der Scones würden wir sie vermissen, unsere Freunde von der Insel. Foto: Norbert Kraas

Brexit: Kein Links-rechts-Schema

„Der Brexit lässt sich nicht so einfach in das Links-rechts-Schema einfügen: Er hat eine starke rechtsnationale Komponente, aber auch eine weniger regressive Dimension, nämlich den Protest gegen die antidemokratischen wirtschaftsliberalen Tendenzen in London und Brüssel. Auf jeden Fall ist der Brexit ein Votum gegen das Establishment, das mit allen Mitteln versucht hatte, diesen Ausgang zu verhindern.“

So schreibt Stäuber im Vorwort von „Sackgasse Brexit“, und wenn wir jetzt London gegen Berlin austauschen…, aber lassen wir das, zurück zum Brexit und in die britische Finanzmetropole. Diese zieht aufgrund der attraktiven Gehälter, die sich dort verdienen lassen, nicht nur die besten Köpfe aller britischen Regionen an. London hat sich „in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren immer weiter vom Rest des Landes entfernt, eine Insel des Wohlstands, die vom darniederliegenden Festland abdriftet“. In London, lesen wir, „bestimmt die Zentralregierung über 91 % des Geldes, das der Staat über die Steuern einnimmt.“ Zentralisierter geht’s kaum noch! Man muss sich nicht wundern, wenn in den abgehängten Regionen Familien, „in denen mittlerweile die dritte oder vierte Generation arbeitslos ist“, vom Londoner Establishment die Schnauze voll haben.

Deindustrialisierung und Deregulierung

Leute, denen es reicht, trifft Stäuber während seiner gründlichen Recherche überall. Besonders traf es die Menschen im südlichen Wales, wo mit dem Niedergang der Kohleindustrie im Zuge einer politisch gesteuerten Deindustrialisierung seit den 60er Jahren einer kompletten Region die Lebensgrundlage entzogen wurde. Und zwar ohne wirtschaftliche Alternativen aufzubauen. Stäuber legt kenntnisreich dar, wie Margret Thatcher 1984 nicht nur die einst mächtige Gewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers) in die Knie zwang, sondern praktisch fast die komplette produzierende Industrie Großbritanniens ihrer neoliberalen Finanzmarktpolitik opferte.

„Zwischen 1979 und 1993 sank die Beschäftigung im herstellenden Gewerbe, diesem einstigen Kraftwerk des Landes, von 7,1 auf 4,4 Millionen.“ […] Wer nach den Wurzeln des Brexit sucht, findet hier eine der tiefsten. Der Zusammenbruch der fertigen Industrie veränderte das Gesicht Großbritanniens nachhaltig. Die Veränderungen waren durchgreifend und dauerhaft. Ehemals prosperierende Landstriche waren plötzlich von den Symptomen des sozialen Elends gekennzeichnet, die Menschen verloren ihr Einkommen, ihre Würde und ihren Glauben an die Zukunft.“

„We are not racists“

Die Filmemacherin Sheena Sumaria, mit der Stäuber in South Yorkshire unterwegs war, hat einen sehenswerten, elfminütigen Dokumentarfilm über das Bergarbeiterdorf Stainforth gemacht. Der Film lohnt sich, auch wenn das English nicht immer einfach zu verstehen ist:

Why we voted leave: voices from northern England from Guerrera Films on Vimeo.

Wer jetzt glaubt, die Deindustrialisierung und hemmunglose Förderung der Finanzmarkt- und Dienstleistungsindustrie hätte mit dem Sieg des Labour-Politikers Tony Blair im Jahr 1997 ein Ende gehabt, wird von Stäuber eines Besseren belehrt. Im Gegenteil: Blair hat den Financial District in London erst richtig von der Leine gelassen. Entsprechend hart traf die Finanzmarktkrise 2007/08 Großbritannien. Die Folgen waren drastische Kürzungen der Staatsausgaben (Austerity), die vor allem – natürlich – die ärmeren Regionen trafen. Der Finanzsektor zeigte ein bisschen Pseudo-Demut und machte dann unter Blairs Labour-Nachfolger Gordon Brown und dann unter dem glatten David Cameron weiter wie bisher.

Der britische Filmemacher Ken Loach zeigt in seinem preisgekrönten Spielfilm die Unmenschlichkeit des britischen Sozialsystems am Beispiel des Schreiners Daniel Blake, der nach einen Herzinfarkt in den Mühlen der Bürokratie untergeht. Hier der Trailer:

Leave trotz EU-Subventionen

Stäuber geht in seinem faktengespickten Buch auch der Frage nach, warum gerade die ärmsten Regionen, die mit den meisten Fördergeldern aus Brüssel unterstützt werden, in der Mehrzahl Leave gewählt haben. Und er hört von seinen Interviewpartnern, dass zum einen der Effekt der EU-Gelder bei den betroffenen Menschen nicht wirklich ankam oder erkennbar war. Zum anderen, dass die starke Zunahme von Arbeitsmigranten, zum Beispiel aus Polen oder Portugal, die Menschen zusätzlich misstrauisch und neidisch gemacht habe. Vor allem die als unkontrolliert wahrgenommene Einwanderung wurde und wird als Problem angesehen. Die populistische, fremdenfeindliche UKIP-Partei hat es geschickt verstanden, Unzufriedenheit, Unsicherheit und Ängste in den abgehängten Regionen für ihre Zwecke zu nutzen. Ihre Kampagne für den Brexit war hemmungslos und funktionierte auch dank tatkräftiger Unterstützung der berüchtigten englischen Regenbogenpresse.

EU-Austritt: die Lösung?

Dabei sind die Probleme der britischen Wirtschaft, so Stäuber im Abschnitt über den Labour-Führer Jeremy Corbyn, nicht auf „Einwanderung zurückzuführen, sondern auf systemische Ursachen.“ Im Schlusswort seines mit vielen Anmerkungen versehenen Buches fasst er nochmals die Gründe zusammen, die er als zentral für die folgenschwere Brexit-Entscheidung sieht. Er zeigt glaubhaft auf, dass die Motive der Brexit-Befürworter sehr vielschichtig und oft widersprüchlich sind. Einig sind sich alle, Leave- und Remain-Wähler, dass es so mit Großbritannien nicht weiter gehen kann.

Die Menschen in Großbritannien wollen die Kontrolle zurück, und das bedeutet viel mehr, also nur die Einwanderung zu beschränken. Es bedeutet, so Stäuber: sichere Arbeitsplätze, ein ausreichendes soziales Netz, das Gefühl lokal und regional wieder mitbestimmen zu können, die Verringerung der Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft und der Regionen, Schluss mit der Abhängigkeit vom Finanzsektor der City.

Der Autor sieht große Herausforderungen und Aufgaben auf die britische Politik und Gesellschaft zukommen. Allein der Austritt aus der EU wird die vielfältigen Probleme Großbritanniens nicht lösen. So wenig übrigens, wie die Probleme Italiens, Ungarns oder Polens mit einer xenophoben Abschottungspolitik gelöst werden.

„Was für eine Gesellschaft streben wir an?“

Mit dieser Frage, so Peter Stäuber am Ende dieses wirklich lesenswerten Buches, sollte die Brexit-Strategie beginnen. Eine wichtige Frage, die wir alle uns immer wieder stellen sollten.

NK / CK

Buchinformation

Peter Stäuber
Sackgasse Brexit: Reportagen aus einem gespaltenen Land
Rotpunktverlag Zürich, 2018
ISBN: 978-3-85869-798-1

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Buchbesprechung: „Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt“

Entscheiden wir selbst, welchen Weg wir gehen, oder entscheiden Algorithmen? Foto: Norbert Kraas

Entscheiden wir selbst, welchen Weg wir gehen, oder entscheiden Algorithmen? Foto: Norbert Kraas

Willkommen im Instagram-Hotel

Waren Sie schon mal in einem instagramtauglichen Hotel? Das sind Hotels, die ihre Räumlichkeiten so gestalten oder umgestalten, dass Besucher, die nichts Besseres zu tun haben, als ihr Leben auf Instagram auszustellen, optimale Bedingungen vorfinden, um instagramtaugliche Fotos zu posten. Klingt verrückt, ist für immer mehr Reisende aber ein wichtiges Kriterium bei der Entscheidung für eine Unterkunft.

„Mensch 4.0 – digital überfordert?

Fühlen Sie sich auch oft überfordert, wenn Sie lesen, wie die Digitalisierung unser Leben und das unserer Kinder und Enkel verändert? Wie soll man sich zurechtfinden in dieser digitalen Vollgaswelt? Und wie können wir in einer durchdigitalisierten Welt frei bleiben? Zum Beispiel, indem wir ganz analog ein Buch lesen, das uns einen kritischen Überblick und einen aktuellen Kenntnisstand verschafft:

„Noch nie zuvor war der Mensch so vernetzt, so sehr Teil eines Rädchens in der Weltmaschine, und noch nie hat er sich dabei so autonom gefühlt. Während er noch denkt, er sei in seinem Cockpick der Kapitän, hat schon längst der Autopilot übernommen.“

Das schreibt Alexandra Borchardt in ihrem neuen Buch „Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt“. Die promovierte Politikwissenschaftlerin hat viele Jahre als Journalistin gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Süddeutschen Zeitung. Seit Sommer 2017 ist Borchardt am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford.

Aufklärend, nicht alarmistisch

„Mensch 4.0“ bietet auf gut 250 Seiten einen fundiert recherchierten, flüssig geschriebenen Überblick über die Risiken, Gefahren und Chancen der Digitalisierung. Im Gegensatz zu alarmistischen Mahnern wie etwa Manfred Spitzer, der nicht müde wird, in der Digitalisierung den Untergang des Abendlandes zu sehen (und damit gutes Geld verdient), schlägt Borchardt einen sachlichen, aufklärerischen, aber auch warnenden Ton an.

Borchardt hat intensiv recherchiert und Material aus den verschiedensten Disziplinen gesichtet. Sie hat sich mit Erkenntnissen von Hirnforscherinnen, Psychologen, Philosophinnen, Programmierern und Politikwissenschaftlern befasst. Diese Erkenntnisse und ihre eigenen Schlussfolgerungen legt sie in acht Kapiteln dar. Jedes Kapitel beleuchtet dabei einen anderen Aspekt dessen, was wir Digitalisierung nennen.

„Digitalisierung verstehen“

So heißt das erste Kapitel des Buchs. Darin lesen wir, wie sehr das Internet mittlerweile unseren Alltag bestimmt und wie großzügig oder unwissend wir ständig Daten über uns preisgeben. Eine nicht unerhebliche Gefahr sieht Borchardt in der zunehmenden Individualisierung unserer Gesellschaft, die durch die Digitalisierung mit hoher Geschwindigkeit vorangetrieben wird. Jeder kann sich selbst zum Online-Superstar stilisieren und sich als solcher fühlen. Die eigene Bedeutung wird überhöht, durch Likes und Sternchen von Followern bestätigt.

Fragt man Jugendliche nach ihrem Berufswunsch, dann fällt schon mal der Begriff Youtuber. Das sind Leute, die auf Youtube Filme zu einem bestimmen Thema, z. B. Beauty-Tipps, einstellen und damit ihre Follower erfreuen. Je mehr Follower, desto lukrativer wird das und desto mehr wächst das Online-Selbstbewusstsein. Es gibt „Youtube-Stars“, die eine halbe Million Dollar pro Monat damit verdienen, dass ihnen möglichst viele Leute dabei zuschauen, wie sie Ballerspiele zocken. Ist es verwunderlich, wenn Jugendliche auch so sein wollen, weil die Welt dann um sie kreist?

„Was aber geschieht, wenn die Sache kippt? Wenn es nur noch um den Einzelnen geht und nicht mehr um die Gemeinschaft? Und entsteht da nicht unter den am Smartphone klebenden Händen eine Gesellschaft voller Narzissten? […] Doch sie verkennen: Die Freiheit des Einen kann zum Gefängnis der anderen werden.“

Effizienz und Nutzen

Weitere kritische Aspekte der Digitalisierung sind für Borchardt:

  • die Atemlosigkeit der Konsumenten
  • der unstillbare Drang, ständig etwas zu teilen oder kommentieren zu müssen
  • das gnadenlose Diktat der Effizienz und Ökonomisierung, dem wir uns freiwillig unterwerfen

Viele von uns sind permanent auf der Suche nach dem besten Deal im Netz: für den Urlaub, den neuen Job oder den neuen Partner. Unablässig wird getindert, gegoogelt, verglichen, auf Nutzen und Effizienz gecheckt. Evolution jedoch, so Borchardt, war und ist nicht effizient. Und Innovationen sind, so zeigt sie am Beispiel der Erfindung des Penicillin, häufig eben keine Frage von Effizienz, sondern von Zufall. Wenn alles über Logik und Effizienz zu lösen wäre, dann würden wir längst in der besten aller Welten leben: mit Autos, die keine Abgase ausstoßen und keine Batterien benötigen. Tun wir aber nicht!

Algorithmus heißt Kontrolle

„Facebook ist legales Crack“, sagt der ehemalige Facebook-Manager Antonio Martínez. Ich vermute, dass Martínez, wie viele andere Silicon-Valley-Stars auch, den Internet- und Smartphone-Konsum seiner Kinder massiv einschränkt. Auch vom Apple-Chef Tim Cook ist bekannt, dass er seinen Nichten und Neffen das Smartphone verbietet. Warum ist Cook so streng mit seinen Neffen, wo er doch mit Hard- und Software Milliarden verdient? Nun, der Apple-Chef Cook weiß, wie gut die Algorithmen programmiert sind, die unser Leben schon heute sehr stark bestimmen. Und Algorithmen sind, so erklärt Borchardt, die Gehirnströme jeder Hard- und Software. Algorithmen bestimmen, was wir in unserer Twitter- oder Facebook-Timeline sehen, welchen Weg unser Navi von A nach B vorschlägt, welche Suchergebnisse wir gezeigt bekommen und welche eben nicht. Wie mächtig Algorithmen sind, warum Effizienz vor Fairness und Nutzen vor Moral kommen, erläutert Borchardt an etlichen Beispielen ausführlich und gut verständlich. Auf die Politik bezogen bedeutet das: „Wer den Algorithmus kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft“. Wer seine Anhänger ständig in der Filterblase hält und sie mit Fake-News über den politischen Gegner bombardiert, dem steht auch der Weg ins Weiße Haus offen. Welche Möglichkeit das Internet erst Diktaturen bietet, kann man sich ausmalen.

Vom User zum mündigen Bürger

Leider ist den meisten Internet-Nutzern die Gefahr der permanenten Manipulation und des Missbrauchs unserer Daten nicht wirklich bewusst, oder aber man hört Sätze wie: „Ich hab’ doch nichts zu verbergen, es wird schon nichts Schlimmes mit meinen Daten passieren.“ Ein Satz, der die eigene Bequemlichkeit nur schlecht kaschiert und von naiver Gutgläubigkeit zeugt.

Gefährlich ist diese Haltung, das wird bei der Lektüre von „Mensch 4.0“ immer wieder deutlich. Borchardt fordert uns eindringlich zu einem mündigen, aufgeklärten Umgang mit Smartphone und Internet auf. Gefordert sind aber auch die Politikerinnen und staatlichen Institutionen. Diese haben die Aufgabe, uns vor Macht und Missbrauch der Internetmonoplisten zu schützen. Leider sieht es im Moment so aus:

„Staatliche Institutionen, die eigentlich das Gewalt- und Kontrollmonopol haben, sind dem Entwicklungstempo der digitalen Welt nicht mehr gewachsen.“

Eine bedenkliche Situation, die Borchardt in ihrem Buch beschreibt, aber nicht ohne Hoffnung. Wir, die Bürger und der Staat müssen uns jedoch mächtig anstrengen, um in Sachen digitaler Bildung und Digitalisierung die Oberhand gegenüber den Internet-Giganten wiederzugewinnen. Borchardt ist trotz allem optimistisch, dass dies noch machbar ist. Andere Experten, die sie zitiert, sind sich da nicht mehr so sicher. „Ich glaube, das Internet ist kaputt“, sagt etwa Evan Williams, einer der Gründer von Twitter. Und das ist das Medium, mit dem der Narzisst im Weißen Haus die Welt das Fürchten lehrt und seine Anhänger „informiert“.

Freiheit verteidigen

Aber wie kann es aussehen, das selbstbestimmte digitale Leben? Im letzten Kapitel von „Mensch 4.0“ setzt sich Borchardt mit dem Thema individuelle Freiheit versus algorithmisch bestimmte Welt auseinander.

„Freiheit muss immer ausgehandelt werden, sie ist ein Prozess, in dem es um das Respektieren von Wünschen und der Grenzen anderer und ums Lernen geht. […] Das Besondere an der Freiheit ist aber, dass man sie nicht messen kann.“

Borchardt fordert, dass wir unsere Freiheit und Selbstbestimmtheit in der digitalen Welt verteidigen. Ich verstehe es so: Wir müssen aufhören, passive, ahnungslose Datenproduzenten für Konzerne oder Parteien zu sein. Wir müssen aufhören, uns dem Effizienzdiktat zu unterwerfen, ganz gleich was die Internetgurus uns als Belohnung für diese Unterwerfung versprechen. Wir müssen digital erwachsen werden und erkennen:

„Die Freiheit des Bürgers ist eine andere als die des Konsumenten. Bei den bürgerlichen Freiheiten geht es immer um etwas Größeres als um einen selbst. Es geht um Mitsprache, Ideen, die Arbeit an einer besseren Welt, das Basteln an einer für alle erträglichen Gesellschaftsordnung.“

Sich zwischen Amazon Prime und Netflix, zwischen Spotify und Deezer entscheiden zu können, ist nicht die Freiheit, die Borchardt meint. Ihre Freiheit hat mit Denken, mit Anstrengung, mit Unsicherheit, Pflichten und auch Ängsten zu tun. Dafür, so Borchardt, und für die Empathie, die im Zuge der Digitalisierung auch unter die Räder zu kommen droht, lohnt es sich zu kämpfen.

Kein digitales Weiter so

Ich bin mir nicht so sicher, ob sich Amazon, Google, Facebook & Co, die Kontrolle und damit ihre gewaltigen Profite noch aus der Hand nehmen lassen. Ganz sicher bin ich aber, dass „Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt“ ein wichtiges, kluges Buch zur rechten Zeit ist. Es sollte Pflichtlektüre in allen weiterführenden Schulen sein.

NK / CK

Informationen zum Buch

Dr. Alexandra Borchardt
Mensch 4.0 Frei bleiben in einer digitalen Welt
ISBN: 978-3-579-08692-7
Gütersloher Verlagshaus, 2018
256 Seiten, gebunden, 20,00 Euro

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Buchbesprechung: Was bleibt, wenn ein Mensch stirbt?

Schreibtisch von Charles Darwin mit persönlichen Gegenständen in seinem Haus in Kent. Foto: Norbert Kraas

Schreibtisch von Charles Darwin mit persönlichen Gegenständen. Foto: Norbert Kraas

„Vater ist tot. Nicht mehr da. Das konnte, durfte nicht sein.“

Mit der Nachricht über den Tod des Vaters beginnt Rainer Moritz sein neues Buch „Mein Vater, die Dinge und der Tod“, das vor ein paar Wochen im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist. Rainer Moritz, geboren 1958 in Heilbronn, Studium der Germanistik, Philosophie und Romanistik in Tübingen, leitet seit 2005 das Literaturhaus Hamburg. Dort erreicht ihn der Anruf der Mutter, die ihm in wenigen Worten mitteilt, dass der Vater gestorben ist. Der Sohn kann und will sich mit dem plötzlichen Einbruch des Nichts, wie Gustave Flaubert den Tod beschrieben hat, nicht abfinden und macht sich auf die Suche nach tröstenden Erinnerungen. Es gibt wenige Fotografien, aber kein Tagebuch oder Briefe vom Vater: „Er wollte sein Leben nicht schriftlich festhalten. Das wäre ihm wichtigtuerisch vorgekommen.“

So anachronistisch dies in Zeiten der permanenten Selbstdarstellung erscheint, wo alles Erleben via Facebook, Instagram und Whats App umgehend geteilt wird, so nimmt es den Leser doch gleich für den 1926 geborenen Vater ein. In den folgenden, gut 20 kurzgehaltenen Kapiteln zeichnet der Autor ein sehr anschauliches, lebendiges Portrait seines Vaters, das die Trauer – für den Leser – in den Hintergrund treten lässt.

Old Spice, Muhammad Ali, Ragoût Fin

Es sind vor allem die Alltagsdinge in der Wohnung der Eltern, die mit Erinnerungen behaftet sind: der Fernsehsessel, die Musikanlage, der Aschenbecher, die Armbanduhr oder das Rasierwasser, Marke Old Spice. Sie erzählen von den Lebensgewohnheiten des Vaters und seiner Einstellung zum Leben. An den Gegenständen legt der Autor aber auch geschickt die Familienstrukturen und die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander offen. Dies alles geschieht vor dem historisch-kulturellen Hintergrund der 60er- und 70er-Jahre. Da tauchen zum Beispiel die legendären Boxkämpfe von Muhammad Ali auf, der damals noch Cassius Clay hieß, und zu dessen Kämpfen Väter ihre Söhne mitten in der Nacht geweckt haben – nicht nur in Heilbronn. Wir erinnern uns mit dem Autor an längst vergangene Fernsehsendungen, die man gemeinsam ansah: Komödienstadl, Der Blaue Bock, Häberle und Pfleiderer. Wir lesen von der Begeisterung des Vaters für Asterix-Hefte und von den obligatorischen sonntäglichen Familienausflügen. Der Leser wundert sich über das sorglose Zigarettenrauchen: Ernte 23 hieß die Marke des Vaters, sie stand für Solidität und Zuverlässigkeit. Marken waren wichtig und gaben Orientierung im wirtschaftlichen Aufschwung dieser Zeit. Ein Aufschwung, an dem auch die Familie Moritz teilhat, dank der guten Position des Familienoberhaupts als Einkaufsleiter eines Bauunternehmens.

Besonders stark und anschaulich schildert Moritz Erinnerungen, die mit sinnlichen Eindrücken verbunden sind, etwa den immer gleichen Speiseplan an Heiligabend mit der – auch für andere Kinder – unaussprechbaren Soße:

„Vater wurde nie müde, die Kochkünste seiner Frau zu loben. Es mit einer Frau ohne diese Fähigkeiten auszuhalten wäre wohl unmöglich für ihn gewesen. So wie Pasteten mit Ragoût Fin ohne Zitrone und ohne ein paar Spritzer Worcestersoße undenkbar gewesen wären. Eine rätselhafte Tinktur, die aus England kam und deren Aussprache meinen Bruder überforderte. Wotschestersoße.“

Die Erzählperspektive wechselt, mal erinnert sich das Kind, mal der Jugendliche, mal der erwachsene Sohn. Das erlaubt Rainer Moritz, auch mit rigideren Haltungen des Vaters insgesamt verständnisvoll umzugehen, ohne unglaubwürdig zu werden: mit über 50 empfindet man vieles anders als mit 16 oder 30.

Was wissen wir voneinander?

Gut ist auch, dass manche Fragen unbeantwortet bleiben, beispielsweise wenn Moritz das künstlerische Talent seines Vaters anhand eines Ölbildes, einer Kopie des Gemäldes „Pferde im Gewitter“ von Alfred Roloff, untersucht: „Was hat Vater in diesem Bild gesehen? (…) Ahnte er, dass andere dieses Bild gerade wegen seiner Dynamik, seiner kraftstrotzenden Körper schätzten? Wie Adolf Hitler.“ Der Sohn bedauert, den Vater nie malend erlebt zu haben, erkennt hierin aber auch starke Eigenanteile: „Gern wäre ich stolz auf ihn als Künstler gewesen (…) Eine Wunschvorstellung.“

Ein paar Mal muss der Sohn feststellen, Wesentliches über den Vater nicht zu wissen. Er beschreibt das Schweigen zwischen Eltern und Kindern, das gerade in den 50er- und 60er-Jahren nicht ungewöhnlich war. „Der pragmatische Realitätssinn meiner Eltern blockierte Gespräche über Existenzielles.“

Rainer Moritz Mein Vater, die Dinge und der TodImmer wieder verwebt der Autor sprachlich gekonnt seine Familienerinnerungen mit Zeitgeschichte. So bietet er dem Leser viele Möglichkeiten zur Identifikation. Das geht bis hin zu den inneren Konflikten bezüglich geerbter Kleidungsstücke: tadellos erhalten, aber nicht wirklich den eigenen Geschmack treffend. Dennoch bringt man es nicht übers Herz, sie in die Altkleidersammlung zu geben. Nicht nur des stillen Vorwurfs wegen, nein, zu sehr steht die „helle, fast weiße Windjacke von C&A“ für die geliebte Person.

Ein gelungenes Portrait

Moritz ist mit seinem Text ein persönliches, oft anrührendes Portrait seines Vaters gelungen. Indem der Autor seine Trauer und den Verlust verarbeitet, bringt er den Leser mit leiser Melancholie zum Nachdenken über das Leben, die Menschen und Dinge, die uns prägen, und über die Frage, was von uns bleibt.

Informationen zum Buch

Rainer Moritz
Mein Vater, die Dinge und der Tod
Verlag Antje Kunstmann GmbH, München
ISBN 978-3-95614-257-4
EUR 20,00

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