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Laub rechen: Pflicht oder meditative Übung?

Laub rechen im Herbst, lästige Pflicht oder meditative Übung?

Laubrechen im Herbst: lästige Pflicht oder meditative Übung? Egal, Hauptsache ohne Laubbläser!

Raking leaves
with my father watching –
in heaven

Laub rechen
mein Vater schaut zu –
im Himmel

Haiku für meinen Vater

Vor mehr als einem Jahr ist mein Vater gestorben, einfach so an einem Sonntagabend ins Bett gegangen und nicht mehr aufgewacht. Am nächsten Tag wollte er den Rasen mähen, er hatte schon alles vorbereitet. Denn Rasenmähen war für ihn eine wichtige Sache. Fast so wichtig wie Laubrechen im Herbst. Beides hat er stets mit großer Hingabe betrieben. Vor allem Laubrechen hatte bei meinem Vater immer etwas von einer meditativen Bewegungstherapie. Da wollte er sich weder reinreden, noch helfen lassen, auch wenn sein lädiertes Fußballerknie und die alte Tennisschulter ihm noch so große Probleme bereitet haben.

Mittlerweile kümmere ich mich um den großen Garten meiner Eltern, schneide Sträucher und Bäume, mähe den Rasen, reche das Laub und hoffe, dass er zufrieden ist, wenn er vielleicht doch von irgendwo da oben zuschaut. Manchmal gelingt es mir sogar, dabei abzuschalten und das Gedankenkarussel für eine Weile anzuhalten. Ich verstehe jetzt auch, warum mein Vater diese Dinge ganz alleine machen wollte.

Das Haiku ist mir vor ein paar Tagen beim Laubrechen zugeflogen, die ersten beiden Worte nehmen Bezug auf ein Gedicht meines Freundes Jack Ridl: „Raking Leaves with the Gods in July“. Da geht es auch ums Laubrechen und um den Versuch, diese Tätigkeit als eine Art Zen-Übung zu sehen. Ein schönes, meditatives Gedicht: wer mag kann’s hier im Original nachlesen.

Passt auf euch auf!

NK | CK

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2021: Neustart mit dem Klima Kalender

Gedeiht in unserem Garten leider prächtig: unser Olivenbäumchen trug dieses Jahr zum ersten Mal Früchte.

Gedeiht in unserem Garten leider prächtig: Unser Olivenbäumchen trug dieses Jahr zum ersten Mal Früchte.

Gefahr im Verzug: das Klima ändert sich

Der Klima Kalender 2021. edition momenteDie Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass Politiker im Stande sind, schnelle und weitreichende Entscheidungen zu treffen, wenn Gefahr im Verzug ist. Leider macht sich die Gefahr, in der sich unser Planet befindet, nicht ganz so aufdringlich bemerkbar wie der Corona-Virus. Für viele – privilegierte – Menschen ist die Gefahr des Klimawandels immer noch zu weit weg und deshalb abstrakt, obwohl sich die Nachrichten über die weltweiten Brandkatastrophen und Überschwemmungen eigentlich nicht mehr ignorieren lassen.

Dabei ist es höchste Zeit, sich mit dem gleichen Elan für die Einhaltung der Klimaziele einzusetzen, zumal die sogenannten Kipppunkte beim Klima, anders als bei der Pandemie, nicht mal soeben durch einen Lockdown rückgängig machen lassen.

Impulsgeber: der Klima Kalender 2021

Einen wunderbaren Impulsgeber für sich und andere kann man sich für das nächste Jahr zulegen: den von Hermann Vinke herausgegebene und in der edition momente erschienene Klima Kalender 2021.

„Wir gehen mit dieser Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum.“

Mit diesem Zitat von Jane Fonda beginnt der Kalender für das kommende Jahr 2021. Auf insgesamt 53 „Merkblättern“ stellt der Klima Kalender verschiedene Aspekte der Klimaveränderung dar – und zeigt uns gleichzeitig die unendliche Schönheit unseres Planeten.

Die von dem Grafiker Max Bartholl sehr stilvoll gestalteten Seiten sind darüber hinaus sehr informativ: Jede Kalenderwoche enthält Informationen zu weiterführenden Webseiten. Dr. Kira Vinke vom renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat die Arbeiten am Kalender von der wissenschaftlichen Seite begleitet.

Die Kostbarkeit erkennen

MaDer Klima Kalender 2021. edition momentenche Fotos lösen beim Betrachten des Kalenderblattes widersprüchliche Gefühle aus: So sehen wir beispielsweise in der dritten Januarwoche aus dem Weltall auf die nächtliche, an sich dunkle Erdkugel. Durch das enorme elektrisch erzeugte Licht sind die Kontinente Europa und Afrika und Teile Asiens samt deren Metropolen bestens zu erkennen. Wunderschön und erschreckend zugleich. Das Paradoxe dieser Ästhetik ist gewünscht: Nur wer die Schönheit unserer Natur, unserer Welt erkennt, ist hoffentlich bereit, eigene persönliche Interessen für den Erhalt dieser Welt hinten anzustellen. Denn darum geht es. Egal, ob es um die Reduzierung unseres Ressourcenverbrauchs geht, um Müllvermeidung, um Zerstörung der Umwelt oder um Ungleichheit: ohne globales Umdenken und ohne persönlichen Verzicht wird es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gelingen, den Klimawandel zu verlangsamen. Leider sagen uns das die Politikerinnen und Politiker beim Klimawandel nicht in dieser Deutlichkeit, es würde wohl zu viele Wählerstimmen kosten.

Wissen und Gerechtigkeitsempfinden

Der Klima Kalender 2021. edition momenteDie meisten Menschen empfinden das als gerecht, was ihren eigenen Interessen entspricht. Im Laufe eines langen Lebens kann man deshalb erstaunt beobachten, vielleicht auch an sich selbst, wie sehr sich die politische Haltung ein- und desselben Menschen verändern kann. Zugleich leben wir in einer Welt, in der wir überflutet werden von bedeutungslosen Informationen. Diese beiden Umstände machen es uns so unglaublich leicht zu verdrängen – auch den Klimawandel. Tag für Tag. Und weil immer wieder eine Katastrophe die nächste in den Medien ablöst, sind die furchtbaren Waldbrände in diesem Jahr oder die Rodung der Regenwälder medial längst wieder nach hinten gerutscht.

Dieser Kalender kann helfen, uns diese Verdrängung immer wieder bewusst zu machen!

CK | NK

Informationen zum Kalender:

Der Klima Kalender 2021. edition momenteDer Klima Kalender 2021
Unser blauer Planet – Schönheit und Gefahren
Herausgeber: Hermann Vinke
edition momente
ISBN-13 : 978-3036080215
60 Seiten; 24,5 cm breit x 33,9 cm hoch
Preis: 22,00 EUR
Abbildung der Kalenderblätter mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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Tübinger Stolpersteine und ein Wankheimer Licht

Stolpersteine in Tübingen, Ecke Holzmarkt / Neue Straße zum Gedenken an die Familie Oppenheim

Stolpersteine in Tübingen, Ecke Holzmarkt / Neue Straße zum Gedenken an die Familie Oppenheim

Wir sind im Lockdown, reisen ist zur Zeit nicht angesagt. Wie wäre es, mal die allernächste Umgebung zu erkunden und sich auf die Suche nach Stolpersteinen zu begeben. Die Tage um den 9.11. bieten sich für einen solchen Erinnerungsspaziergang an, gedenken wir doch zu dieser Zeit der Novemberpogrome unter den Nazis. In der sogenannten Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten diese Pogrome ihren Höhepunkt. Zahllose jüdische Geschäfte, Einrichtungen und Synagogen wurden geplündert und zerstört.

75000 Stolpersteine, ein Mahnmal

Der Künstler Gunter Demnig erinnert seit 1996 mit seinen Stolpersteinen an das Schicksal der Opfer, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine, die immer noch manchen ein Dorn im Auge sind, tragen auf der Oberseite Messingplatten mit den Namen der Opfer. Demnig verlegt diese Steine vor deren einstigen Wohnungen im Straßen- oder Gehwegpflaster. Mit mehr als 75.000 Steinen in über 1200 deutschen Kommunen und in 24 Staaten Europas sind die Stolpersteine laut Wikipedia das größte dezentrale Holocaust-Mahnmal der Welt. Auch in Tübingen leuchten etliche Stolpersteine aus dem Pflaster. Eine Liste mit allen Tübinger Stolpersteinen und Informationen zu den Opfern des Naziterrors gibt es hier nebst exakter Ortsangabe.

Licht im deutschen Dunkel

Der erste Stolperstein in der Tübinger Innenstadt wurde in der Stiftskirche verlegt und erinnert an den protestantischen Pfarrer und Kirchenmusiker Richard Gölz (1887 – 1975). Im Wankheimer Pfarrhaus des Ehepaars Gölz wurden untergetauchte Jüdinnnen und Juden vor ihren Verfolgern versteckt.

Der in Tübingen lebende Autor Kurt Oesterle hat eine kleine, lesenswerte Schrift über diesen mutigen Mann geschrieben: „Richard Gölz: Ein Wankheimer Licht im deutschen Dunkel“.

Es sind „Momentaufnahmen aus dem Leben eines Mannes, dem das Politiche angeblich nicht lag“. Oesterle beleuchtet darin verschiedene Episoden aus dem Leben von Gölz und lässt am Ende in einer Schlussbetrachtung den Philosophen und Totalitarismus-Forscher Tzvetan Todorov zu Wort kommen:

„Die Geschichte von Rettungsaktionen, so positiv sie sind, geben letzlich wenig Anlass zu Optimismus – zeigen sie doch, dass sich nur selten Menschen finden, die dazu imstande sind, ja sie sind so selten wie große Helden oder Heilige (wenn auch sympathischer als sie); und niemand kann im voraus sagen, wie er sich verhalten würde.“

Information zum Buch

Kurt Oesterle
Richard Gölz – Ein Wankheimer Licht im deutschen Dunkel
Theologischer Verlag Tübingen
2. neu bearbeitete und erweiterte Auflage
28 Seiten, 4 Euro
ISBN: 978 -3-929128-50-5

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Freitagsfoto: Nur eine Rose als Stütze

Seit mehr als 2000 Jahren wird die Rose als Zierpflanze gezüchtet und in Gedichten besungen

Seit mehr als 2000 Jahren wird die Rose als Zierpflanze gezüchtet und in Gedichten besungen

Nur eine Rose als Stütze

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

Hilde Domin, 1959

Dies ist eines der bekanntesten Gedichte von Hilde Domin, das 1959 erstmals in dem gleichnamigen Band „Nur eine Rose als Stütze“ im S. Fischer Verlag erschien. Walter Jens sprach in seiner Kritik in der ZEIT damals von der „Vollkommenheit des Einfachen“ und nannte den Band sein Buch des Monats.

In seinem Nachruf auf die große Dichterin Domin, die am 22. Februar 2006 im Alter von 97 Jahren starb, schrieb Harald Hartung in der FAZ

„Vor allem aber wird uns ihre noble wie zarte Gestalt in Erinnerung bleiben. Hilde Domin war eine große Mutmacherin. In einem ihrer späten Gedichte beschwört sie sich und uns zugleich, nicht müde zu werden.“

Nicht müde werden

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten

Hilde Domin, 1992

Viellleicht hilft uns dieser poetische Ratschlag ja über diesen Winter: nicht müde werden, sondern staunen, uns erfreuen an den schönen Dingen, die uns umgeben. Und vielleicht, wenn wir es zulassen, kann dann ja in diesen verunsichernden Zeiten die Schönheit einer dornenbewehrten Rose zur Stütze werden.

Passt auf euch auf!

NK | CK

Buchinformation

Hilde Domin
Sämtliche Gedichte
Hg. Nikola Herweg und Melanie Reinhold
Nachwort von Ruth Klüger
S. Fischer Verlage 2015
ISBN: 978-3-596-52068-8

P.S.
Gestern habe ich in der Süddeutschen gelesen, wie man dieses Gefühl der Unsicherheit und Desorientierung nennt, das viele von uns gerade immer wieder plagt: Zozobra. Das ist Spanisch für Not, Besorgnis, ein bewegtes Meer, das einem Angst einjagt. Den Artikel von Mareen Linnartz kann man hier nachlesen.

 

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Woche der Unabhängigen Buchhandlungen 2020

„So ziehe ich mir sehr jung, ohne es zu merken und zufällig, die unheilbare Krankheit des Lesens zu.“ Agota Kristof, Die Analphabetin

„So ziehe ich mir sehr jung, ohne es zu merken und zufällig, die unheilbare Krankheit des Lesens zu.“ Ágota Kristóf, Die Analphabetin

Lesen hilft!

Ich weiß, es ist Montag, und ich bin spät dran mit dem Freitagsbeitrag. Aber am Freitag hat mich die Hexe erwischt, genauer ein Hexenschuss: ziemlich unangenehme Schmerzen in der unteren Lendenwirbelsäule. Heute geht’s schon wieder besser. Ich mache diszipliniert meine Übungen, habe mich am Wochenende in Zuversicht geübt (nicht ganz einfach in diesen Zeiten) und viel gelesen. Denn lesen hilft!

Gestern zum Beispiel hat mich ein schmales Buch von Ágota Kristóf sehr beeindruckt: Die Analphabetin. Die 1935 in Csikvánd in Ungarn geborene Kristóf hat ihr Heimatland 1956 während der bürgerlich-demokratischen Revolution verlassen und ist nach ihrer Flucht mit Mann und Tochter in der französischen Schweiz gelandet. Die als Kind Lesesüchtige beginnt in einer Uhrenfabrik zu arbeiten. Sie spricht kein Wort Französisch und muss eine komplett neue Sprache lernen. Sie fühlt sich als Analphabetin.

Auf knapp 80 eindrücklichen Seiten beschreibt Kristóf in einer verdichteten Sprache ihren harten, entbehrungsreichen Weg vom behüteten Kind eines Lehrers zur Arbeiterin in einem fremden Land, die schließlich in einer neuen Sprache Bücher schreibt und damit auch noch Erfolg hat. Am 27. Juli 2011 ist Ágota Kristóf in Neuenburg in der Schweiz gestorben. Unbedingte Lesempfehlung!

„Ich lese. Das ist wie eine Krankheit. Ich lese alles, was mir in die Hände, vor die Augen kommt: Zeitungen, Schulbücher, Plakate, auf der Straße gefundene Zettel, Kochrezepte, Kinderbücher. Alles, was gedruckt ist.“

Ágota Kristóf, Die Analphabetin

Lesen! Schöne Postkarte Nr. 45 · © www.schoenepostkarten.de · Tübingen

Lesen! Schöne Postkarte Nr. 45 · © Schoene Postkarten, Tübingen

Buchhandlungen sind Begegnungsstätten – auch im Lockdown

Heute beginnen ja wieder vier Wochen der Einschränkung für uns alle. Theater, Restaurants, Kneipen: vieles muss dicht bleiben. Nicht jedoch die Buchhandlungen und die Bibliotheken. Die bleiben unter Einhaltung der Hygienevorschriften auf.

Da trifft es sich gut, dass aktuell vom 31.10.2020 bis zum 7.11.2020 die Woche der unabhängigen Buchhandlungen gefeiert wird. Diese sogenannten Indies sind inhabergeführte Buchhandlungen, in denen kluge, freundliche Menschen sich um das Kulturgut Buch kümmern. Es lohnt sich darum, gerade jetzt die unabhängigen Buchhandlungen in der eigenen Stadt, im eigenen Viertel zu unterstützen. Was die unabhängigen Buchhandlungen ausmacht, bringt Roma Maria Mukherjee im Blog der Hamburger Buchhandlung Lesesaal auf den Punkt:

„Ein Buch ist für uns keine Ware, sondern ein Kulturgut, dass jeder nach der Lektüre verinnerlicht und welches einen bestenfalls für immer begleitet. Die unabhängigen Buchhandlungen zeichnet aus, dass jede ihr eigenes Konzept, ihre eigene Philosophie und ihr eigenes Herz hat. Das Viertel und der Ort, an dem sie wirken, wird durch sie belebt und inspiriert. Unabhängige Buchhandlungen sind Begegnungsstätten: von Menschen untereinander, von Ideen, von Menschen und ihren Lieblingsbüchern und manchmal auch von wunderbaren Freundschaften, die vor einem Buchregal entstehen.“

Schreiben macht Freude

Lesen und schreiben gehören zusammen. Und gerade im Lockdown freut man sich besonders, wenn man mal keine WhatsApp oder SMS bekommt, sondern eine handgeschriebene Postkarte oder gar einen Brief. Deshalb empfehlen wir heute unsere literarischen Postkarten mit Zitaten zu Büchern und zum Lesen. Alles selbst fotografiert und produziert. Alle Motive gibt’s auf Schöne Postkarten zu sehen. Dort steht auch, wo man die Postkarten kaufen kann. Ja, es sind auch einige Indie-Buchhandlungen in Tübingen, Mössingen und Hechingen dabei.

Schöne Postkarte Nr. 54 · © www.schoenepostkarten.de · Tübingen

Schöne Postkarte Nr. 54 · © Schöne Postkarten, Tübingen

Und wenn Sie Buchhändlerin oder Buchhändler sind und unsere Postkarten gerne Ihren Kundinnen und Kunden anbieten möchten, dann freuen wir uns auf Ihre Anfrage. Einfach eine kurze Mail schreiben, wir melden uns bei Ihnen.

Euch allen eine gute Woche und passt auch euch auf!

NK | CK

#SupportYourLocalBookstore

Schöne Postkarte Nr. 9 · © www.schoenepostkarten.de · Tübingen

Schöne Postkarte Nr. 9 · © Schöne Postkarten, Tübingen

Buchinformation

Ágota Kristóf
Die Analphabetin
Piper Verlag, 2007 80 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3492249027

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Freitagsfoto: Flechten im Alter

Flechten zählen zu den längstlebigen Lebewesen überhaupt und können ein Alter von mehreren hundert Jahren, in Einzelfällen sogar von über 4.500 Jahren

Flechten können mehrere hundert, in Einzelfällen über 4.500 Jahre alt werden

So schön
wie die Flechten im Herbst
möchte ich altern

So beautiful
like the lichens in autumn
I want to age

Ein Haiku für die kluge Freundin K. aus Hamburg, die vom Alter noch weit entfernt ist, aber dem Haiku und anderen schönen Dingen zugewandt ist.

NK | CK

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Wie mag’s dem Nachbarn gehn?

Wie mag’s dem Nachbarn gehen?

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Tiefer Herbst.
Mein Nachbar –
wie mag’s ihm gehn?

Bashō | Übersetzung von Dietrich Krusche

Als der große japanische Haiku-Dichter Matsuo Bashō dieses Haiku schrieb, war er bereits schwer krank und sollte sich von dieser Krankheit nicht mehr erholen. Er starb am 28. November 1694 im Alter von nur 50 Jahren.

Der amerikanische Autor und Zen-Lehrer Robert Aitken schreibt in seinem Buch „the river of heaven: The Haiku of Bashō, Buson, Issa and Shiki“, dass Bashō dieses Herbst-Haiku als Grußwort für einen Dichterabend verfasste. Er selbst konnte aufgrund seines sich verschlechternden Gesundheitszustands an diesem Treffen nicht mehr teilnehmen. Aitken betont in seiner Interpretation, dass es dem Dichter in seinem Haiku trotz allem nicht darum ging, von sich oder seiner Krankheit zu schreiben oder gar darüber zu klagen. Dazu war dieser dichtende Wandermönch viel zu bescheiden; sein Lebensziel war es stets, alle persönlichen Interessen an sich selbst aufzugeben. Statt dessen liegt Bashō also auf dem Krankenlager in seiner ärmlichen Hütte und fragt sich, wie es wohl dem Nachbar gehe. Welche Größe, welche Anteilnahme!

Ich will jetzt nicht darüber spekulieren, was uns in diesem Herbst und Winter noch bevorsteht, das machen andere schon genug. Aber wäre es nicht schön, wenn wir uns an einem Dichter, der vor mehr als 300 Jahren gelebt hat, ein Beispiel nähmen? Wenn wir uns einfach öfter mal fragen würden, wie es dem Nachbarn, der Kollegin, der Lehrerin unserer Kinder, dem Regalauffüller im Supermarkt oder dem Paketboten gerade geht?

Passt auf euch und aufeinander auf!

N.K. | C.K.

Buchinformation

Haiku – Japanische Gedichte
Ausgewählt, übersetzt und mit einem Essay herausgegeben von Dietrich Krusche
Deutscher Taschenbuch Verlag, 5. Auflage Februar 1999
ISBN: 978-3423124782

Robert Aitken
the river of heaven. The Haiku of Bashō, Buson, Issa, and Shiki
Counterpoint Press, Berkeley, 2011
ISBN 978-1582437101

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Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten

Spätes Sonnenlicht im Wald lässt das Moos hell aufleuchten

Spätes Sonnenlicht im Wald lässt das Moos hell aufleuchten

Vor ein paar Wochen bekamen wir von Freund S. ein Buch geschenkt. „Es gehe um ein einziges Gedicht und neunzehn Übersetzungen von diesem“, fügte dieser sehr belesene und kluge Mann hinzu. Ich nahm es mit zu meinem letzten Friseurbesuch; es passte, weil es schmal und klein ist, wunderbar in die Handtasche. Und der Titel „Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten“ hatte mich neugierig gemacht.

Nun ist die Friseursalon-Atmosphäre mit Scherengeklapper, lauten Haarföhnen und nicht zuletzt mit den aufgenötigten Gesprächen von rechts und links wahrlich keine ideale Atmosphäre, um sich in ein Buch, geschweige denn in ein Gedicht, zu vertiefen. Noch dazu, wenn man wie ich, sich das Buch, weil ohne Brille, im 15 cm-Abstand vor die Augen halten muss, um lesen zu können. Um es vorweg zu nehmen: ich bin zwei Stunden lang abgetaucht, so intensiv fand ich die Lektüre.

Ein Gedicht, vor 1200 Jahren geschrieben

Worum geht es? Es geht um ein sehr altes, nur vier Zeilen langes Gedicht, des chinesischen Dichters Wang Wei, einem Meister aus der Tang-Zeit, der ca. von 700–761 gelebt hat. Die Bildrolle, auf der sich das Originalgedicht befand, ging verloren, die älteste erhaltene Kopie stammt aus dem 17. Jahrhundert. Man geht davon aus, dass schon diese Kopie das ursprüngliche Gedicht verwandelt hat. Und dass sich dieses Gedicht seitdem, in vielen Übersetzungen, immer wieder neuen Verwandlungen unterzogen hat.

Damit sind wir beim Thema:

„Große Dichtung lebt im Zusammenhang beständigen Wandels, beständiger Übersetzung: Kann es nirgendwo hin, stirbt das Gedicht.“

So schreibt Eliot Weinberger, der Autor von „Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten“. Die Übersetzungen, so Weinberger, „nehmen ein eigenes Leben an und ziehen selbst ihrer Wege.“ Weinberger muss es wissen, den der US-amerikanische Schriftsteller und renommierte Essayist ist selbst Übersetzer.

Eliot Weinberger: Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten. Buchbesprechung

Zu Beginn übersetzt uns Weinberger die vier Gedichtzeilen Zeichen für Zeichen. (Denen vorangestellt ist die Überschrift, die vage mit Hirschhain übersetzt werden kann.) Schon hier erkennt man, wie unterschiedlich Sprachen sein können:

„Ein einzelnes Zeichen kann (im Chinesischen) Substantiv, Verb und Adjektiv sein. Es kann sogar widersprüchliche Bedeutungen haben. … Für westliche Übersetzer stellt das nicht vorhandene Tempus der Verben eine besondere Hürde dar: Was im Gedicht geschieht, ist geschehen und wird geschehen. Ebenso haben Substantive keine Numerus: Rose ist eine Rose ist alle Rosen.“

Weinbergers Zeichen-für-Zeichen-Übersetzung

  1. Leer | Berg(e) | (negativ) | sehen | Mensch(en)
  2. Aber | hören | Mensch(en) | Worte / Gespräch | Klang | echoen
  3. Wiederkehren | Hell(igkeit) / Schatten (Sg / Pl) | eindringen | tief | Wald
  4. Wiederkehren / Wieder | leuchten / reflektieren | grün / blau / schwarz | Moos / Flechten | oben / auf / Spitze

Es lohnt, einen Moment innezuhalten und den Bildern, die unweigerlich im Kopf entstehen, zu folgen, vielleicht gar selbst einen Versuch zu unternehmen, diese in eigene Worte zu fassen. Es vergrößert den Genuss der weiteren Lektüre!

Die Kunst des Übersetzens

Sodann führt uns Eliot Weinberger und seine Übersetzerin aus dem Englischen, Beatrice Faßbender, durch neunzehn Übersetzungen dieses 1200 Jahre alten Gedichts, englischen, französischen, spanischen, und man ist beim Lesen dieser „neuen“ Gedichte immer wieder erstaunt, wie sehr neben der individuellen Rezeption eines Gedichts auch die jeweilige Kultur und ihre Auswirkungen auf Sprache eine Rolle bei der Übersetzung gespielt haben mögen.

Hilde Domin hat das Gedicht mal als „magischen Gebrauchsartikel“ bezeichnet, was mir sehr entgegenkommt, weil es die Hemmschwelle, sich überhaupt mit Gedichten zu befassen, herabsetzt.

Eliot Weinberger: Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten. BuchbesprechungIn diesem wunderbaren Band wird man von Eliot Weinberger sozusagen an die Hand genommen, erfährt den ebenso interessanten wie unterschiedlichen Gebrauch eines Gedichts durch andere (Übersetzer und Dichter) und kommt so womöglich am Ende zu einem eigenen.

Anzumerken wäre noch, dass dieses Buch außergewöhnlich schön gestaltet und produziert ist, wie alle Bücher aus dem feinen Berenberg-Verlag, die bei uns im Regal stehen.

Wang Wei, mein Versuch einer Übersetzung

Menschenleer die Berge
Aber ist nicht das Echo von Stimmen zu hören?
Späte Sonnenstrahlen im Wald
lassen das Moos grün aufleuchten

CK | NK

Buchinformation

Eliot Weinberger
Neunzehn Arten Wang Wei zu betrachten
Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Mit einem Nachwort von Octavio Paz
112 Seiten · flexibler Leinenband · fadengeheftet · 125 × 188 mm
Berenberg Verlag, Herbst 2019
ISBN 978-3-946334-58-3

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Zur Einheit in die „stumpfe Ecke“

1976 waren 47 Prozent aller PKW auf den Straßen Ostdeutschlands Trabant. Gebaut wurde das Auto bis 1991.

1976 waren 47 Prozent aller PKW auf den Straßen Ostdeutschlands Trabants, auch Trabbis genannt. Gebaut wurde das Auto bis 1991.

„Kohlen-Kalle, Willy, Conny, Kurt und der Heizer vom Kino UT verbringen die ersten Stunden des Tages in der alten Oberschöneweider Kneipe »Stumpfe Ecke« – Und manchmal bleiben sie auch länger.“

Mit diesem Vorspann lädt der preisgekrönte Reporter Alexander Osang seine Leser zu einer Reise durch den ostdeutschen Alltag nach 1989 ein. Osang, 1962 in Ost-Berlin geboren, hat in Leipzig in Journalistik studiert und nach der Wende zunächst für die Berliner Zeitung gearbeitet. Drei Mal erhielt er den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis für seine Reportagen. Später erschienen seine Berichte unter anderem im Spiegel. In Osangs Buch „Die stumpfe Ecke: Alltag in Deutschland – 25 Porträts und ein Interview“ geben uns 25 Reportagen, die zwischen Dezember 1992 und Dezember 1993 erstmals veröffentlicht wurden, tiefe Einblicke in das Leben der Menschen Ostdeutschlands kurz nach der Wiedereinigung.

Ausgangspunkt ist, wie gesagt, die Kneipe Stumpfe Ecke. Osang schreibt hier über eine legendäre Institution im ehemaligen Berliner Industriebezirk Oberschöneweide, wo die AEG 1890 ihr erstes Werk eröffnete. Nach 1945 war Oberschöneweide der wichtigste Industriestandort Ost-Berlins mit den Kabelwerken Oberspree KWO, dem Transformatorenwerk Oberspree TRO und dem Werk für Fernsehelektronik WF. In der Wilheminenhofstraße war die Kneipe Stumpfe Ecke die erste Anlaufstation für die Arbeiter nach ihren Schichten. Getrunken wurde hier schon in aller Herrgottsfrühe, nach der Nachtschicht. Das ist alles passé:

Um sechs duscht die Nachtschicht des Kabelwerks, um sechs leiert Jörg Wietrychowski die grauen Rollos seiner Kneipe hoch. Früher, als im KWO noch fast sechstausend Leute gearbeitet haben, drängte sich um diese Zeit schon eine geduschte Menschentraube vor der Tür. Heute steht da niemand anders als die dunkle Nacht. Viertel sieben kommen die ersten. Drei Hände voll abgekämpfter Nachtschichtler und zwei, drei Leute, die nicht mehr schlafen können.

Zuhören, reden lassen

Neun Seiten umfasst die erste Reportage dieses lesenswerten Buches, und auf diesen neun Seiten habe ich ständig das Gefühl gehabt, am Tresen dieser Kneipe zu stehen, vor mir ein kaltes Bier, neben mir Menschen, für die Helmut Kohls Schlagwort von den blühenden Landschaften wie blanker Hohn in den Ohren geklungen haben muss. Diesen Menschen widmet Osang seine Zeit, er hört ihnen genau zu, lässt sie reden und gibt ihnen die Chance, für ein Mal ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Wie Osang das macht, ist große Klasse und hat mich, als ich das Buch vor ein paar Jahren zum ersten Mal gelesen habe, begeistert und bedrückt zugleich. message, die Internationale Fachzeitschrift für Journalismus hat über Osangs Buch geschrieben:

Die Texte zeigen bedrückende, mit stiller Sympathie und Sensibilität aufgenommene Lebensbilder. Osang besticht durch seine journalistische Kultur der Genauigkeit, er erweist sich als exzellenter Beobachter und verantwortungsbewusster Treuhänder der menschlichen Würde der von ihm Porträtierten. Osang wechselt zwischen Nähe und Distanz und versucht, was er an Kisch so bewundert: Im Einzelnen das Wesentliche zu erkennen. Das gelingt ihm.

Dem kann ich nichts hinzufügen, außer den Rat, dieses Buch gerade jetzt zu lesen, wo wir 30 Jahre Deutsche Einheit feiern. Diese Lektüre ist aus meiner Sicht lohnender als jede Talkshow zu diesem Thema, von denen es jetzt wahrscheinlich wieder etliche mit den immer gleichen Gästen geben wird. Die Leute aus der Stumpfen Ecke treten dort leider nicht auf.

Lesenswert fand ich übrigens auch das Interview am Ende des Buchs, das der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge mit Alexander Osang über dessen Arbeit geführt hat. Da gibt der Reporter unter anderem Einblick in seine Arbeitsweise und seine Vorbilder aus der Literatur.

NK | CK

Buchinformation

Alexander Osang
Die stumpfe Ecke. Alltag in Deutschland – 25 Porträts und ein Interview
3. erweiterte Auflage, März 2002, 208 Seiten
Christoph Links Verlag
ISBN: 978-3-86153-259-0
nur noch antiquarisch oder als E-Book beim Verlag erhältlich