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Graureiher an der Tübinger Steinlach

Graureiher sind Fischliebhaber, weshalb sie auch Fischreiher heißen und bei Anglern nicht beliebt sind

Graureiher sind Fischliebhaber, weshalb sie auch Fischreiher heißen und bei Anglern nicht beliebt sind

This Is Just to Say

I have eaten
the fish
who swam in
the cold brook

and who
would have probably
liked
to live longer

Forgive me
he was so delicious
so tasty
and so cold

Norbert Kraas

Bei diesem Gedicht, in dem ein Graureiher die Hauptrolle spielt, handelt sich um ein Pastiche (französisch = Nachahmung) des bekannten Gedichtes „This Is Just to Say“ des US-amerikanischen Dichters und Arztes William Carlos Williams (17. September 1883 – 4. März 1963). Williams ist neben T. S. Eliot und Ezra Pound der bedeutendste Lyriker der amerikanischen Moderne. Etliche seiner Gedichte gehören zum amerikanischen Kanon. Das Gedicht vom roten Schubkarren (The Red Wheelbarrow) konnte in den USA – zumindest früher – jedes Schulkind auswendig. Hier das Original, auf das sich das Pastiche bezieht:

This Is Just to Say

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

William Carlos Williams

Hans Magnus Enzensberger hat dieses Gedicht für die rororo-Anthologie „William Carlos Williams, Gedichte“ so übersetzt:

Nur damit du Bescheid weißt

Ich habe die Pflaumen
gegessen
die im Eisschrank
waren

du wolltest
sie sicher
fürs Frühstück
aufheben

Verzeih mir
sie waren herrlich
so süß
und so kalt

Die flüchtigen Augenblicke

Der Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Lyriker Heinrich Detering schrieb in der Frankfurter Anthologie der FAZ über dieses Gedicht: „Es ist eigentlich nur ein Zettel auf dem Küchentisch. Doch je länger man sich auf seine einfache Botschaft einlässt, desto weitläufiger werden die Zusammenhänge. Und am Ende sieht man eine fast perfekte Ehe vor sich.“ Die ganze, lesenswerte Besprechung findet man hier online.

Der Arzt William Carlos Williams, der sein ganzes Leben in Rutherford, New Jersey praktiziert hat, war ein großer Dichter des poetischen Moments im Alltag. Und: Williams will uns, seine Leserinnen und Leser, ermutigen,  „die flüchtigen Augenblicke des eigenen Lebens als potentielle Kristallisationen wahr- und ernstzunehmen, die als nebensächlich unterschätzten, inoffiziellen Momentereignisse (…)“, wie die Schriftstellerin Brigitte Kronauer in einer Rezension von Williams’ Autobiographie (FAZ 21.11.1994) treffend schrieb.

Das wäre doch mal ein Vorsatz für 2022: mehr auf die unterschätzten, eher beiläufigen Momente zu achten und diese wahrzunehmen.

NK & CK

Buchinformation

William Carlos Williams
Gedichte
 – Der harte Kern der Schönheit
Herausgeber: Joachim Sartorius
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2001
ISBN 3-499-22840-8
nur noch antiquarisch erhältlich

Graureiher (Ardea cinerea) können bis zu einem Meter lang werden, wiegen aber nur ein bis zwei Kilo

Graureiher (Ardea cinerea) können bis zu einem Meter lang werden, wiegen aber nur ein bis zwei Kilo

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Rohheit, Realität, Kunst

Tübingen ist nicht nur Neckarfront und Hölderlinturm, sondern hat auch seine Schmuddelecken

Tübingen ist nicht nur Neckarfront und Hölderlinturm, sondern hat auch seine Schmuddelecken

 

Rohheit, Realität, Kunst

„Ohne Kunst würde die Rohheit der Realität die Welt unerträglich machen“, hat der irische Dramatiker, Politiker und Nobelpreisträger George Bernard Shaw (26.7.1856 – 2.11.1950) mal gesagt. Und irgendwie passt dieses Zitat ziemlich gut in unsere Zeit, nicht?

Da haben wir auf der einen Seite die zunehmende Rohheit in den sozialen Medien und auch teilweise im sozialen Miteinander. Zum anderen fallen einem die städtischen Schmuddelecken ein, die es natürlich auch im schönen Tübingen gibt. Auf unserer Hunderunde laufen wir oben in Waldhausen regelmäßig an dieser verlassenen Gaststätte vorbei. Seit zwei, drei Jahren steht das Ding leer und verkommt mehr oder weniger dekorativ. Wobei, ganz ehrlich, die Architektur dieses Kastens war schon vor dem Verfall ziemlich fragwürdig. Wer wollte eigentlich in einem Gebäude speisen, dass den Charme einer 60er-Jahre-Raststätte auf der A5 versprüht?

Ausstellung

Eigentlich würde das Foto auch in unsere Serie „Kein schöner Land“ passen, die wir vor ein paar Wochen hier gestartet haben. Aber, es passt auch gut zum Stichwort „Kunst“. Warum? Weil uns gerade eine Einladung zur Jahresausstellung des Künstlerbundes Tübingen per Mail ins Haus geflattert ist, die noch bis Samstag, den 8. Januar 2022 zu sehen ist: alle Infos hier.

Dort stellt auch die Tübinger Künstlerin Ava Smitmans aus, die wir hier im Blog vor einer Weile vorgestellt haben. Ava Smitmans hat, wie sie selbst schreibt, ein besonderes Verhältnis zu den Ecken in Dörfern und Städten, die eher weniger beachtet werden und häufig vom Verfall und Abriss bedroht sind. Eine solche Ecke ist das verlassene Areal an der Tübinger Waldhäuser Straße ohne Zweifel. Und wir sind sicher, dass Ava Smitmans mit ihrer Kunst die Hässlichkeit dieses Gebäudes erträglich und das Besondere sichtbar machen könnte. Beispiele zum Thema „Urbane Landschaften“ kann man auf der Homepage der Künstlerin anschauen. Prädikat sehr sehenswert!

Wir wünschen Ihnen / Euch ein guten Start ins neue Jahr!

NK & CK

PS: Wer es bis 8.1.2022 nicht nach Tübingen zur Ausstellung des Künstlerbundes schafft: hier ein absolut virensicherer Video-Rundgang.

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Zum Jahresausklang – The End of This Year

„Lesen stärkt die Seele.“ Voltaire (21. November 1694 – 30. Mai 1778)

„Lesen stärkt die Seele.“ Voltaire (21.11.1694 – 30.5.1778)

The End of This Year

The best place to be is here,
at home, the two of us, while

others ski or eat out. It will be
quiet. We won’t watch the ball

fall, the crowd in Times Square.
They will celebrate while here

there is this night. Tomorrow
some will start over, or vow

to stop something; maybe try
again. Here the snow will

fall through the light over
the back door and gather

on the steps. We will hope
our daughter will be safe.

She will wonder what
the year will bring. Maybe

we will say a prayer.

A poem by Jack Ridl, used here with kind permission of the poet.

“Maybe we will say a prayer.”

Wir haben lange überlegt, wie unser Beitrag zu Weihnachten und zum Jahresausklang aussehen könnte und sind uns dann einig gewesen, dass dieses Gedicht wohl am ehesten unserer Stimmung entspricht.

Weit weg von Lärm, Konsum und Glitzer genießt ein Paar die Ruhe, den Schnee auf der Treppe, den Einfall des Lichts an der Tür. Sie hoffen, dass ihre Tochter in Sicherheit ist. Und vielleicht sprechen sie ein Gebet.

Wir bedanken uns bei allen Leserinnen und Lesern für die Treue und die motivierenden Kommentare und wünschen entspannte Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

Genießt die Ruhe und haltet zusammen!

NK & CK

Buchinformation

Practicing to Walk Like a Heron
Poems by Jack Ridl
Paperback, 176 Seiten
Wayne State University Press, 2013
ISBN: 9780814334539


“The best place to be is here, / at home, the two of us (...)” Jack Ridl

“The best place to be is here, / at home, the two of us (…)” Jack Ridl

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Bashôs Wanderung: Sommergras und Sommerträume

Kein Sommergras, sondern Maisstauden im Winterlicht am Schönbuchrand bei Waldhausen

Kein Sommergras, sondern Maisstauden im November-Licht am Schönbuchrand bei Waldhausen

Erfroren
der letzte Mais –
wie die Sommerträume

Kranō

Haiku, gewidmet dem großen Bashô, der auf seiner Pilgerschaft durch das nördliche Japan im Jahr 1689 eines seiner berühmtesten Haiku schrieb:

Sommergras …!
von all den Ruhmesträumen
die letzte Spur

Bashô, in der Übersetzung G. S. Dombrady

Meisterwerk der Weltliteratur

Matsuo Bashô (1644 – 1694) hat dieses Haiku auf seiner Reise durch das nördliche Hinterland Japans im Jahr 1689 gedichtet, wie man in seinem literarischen Reisebericht „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“ nachlesen kann. Das Sommergras-Haiku entstand in Hiraizumi, einem Schlachtfeld, das zu den berühmtesten Japans gehört. An diesem Ort, dem Bashô ein literarisches Denkmal setzt, ging nach einer verlorenen Schlacht die einst mächtigste Sippe der japanischen Nordlande unter, „und mit ihr fanden Japans gefeierte Helden Yoshitsune und Benkei mit vielen Tausenden von Kriegern den Tod.“ So schreibt G. S. Dombrady, der das Buch mit allen Prosatexten und den 62 Haiku übersetzt und mit klugen, hilfreichen Kommentaren und Ergänzungen versehen hat.

Wie viele Orte, die Bashô auf seiner Pilgerschaft besucht, ist auch das Schlachtfeld in Hiraizumi ein „uta-makura“, ein sogenanntes Gedichtskopfkissen, wie man solche Orte in Japan bezeichnet. „Dieser ungewöhnliche Begriff besagt, daß ein Ort, eine auffällige Landschaft als „Kissen“ (oder vielmehr Kopfstütze!) benutzt werden kann, weil es schon vielen als „Stütze“ oder Thema gedient hat.“ (Dombrady). Sprich: Es haben schon Dichter:innen zuvor Verse an dem berühmten Ort verfasst, die dann wiederum von anderen, hier Bashô, zitiert werden. Gebildeten Japaner:innen waren diese Orte bekannt und die Anspielungen sofort geläufig. Wir haben glücklicherweise G. S. Dombrady, der uns mit seinen verständlichen Erläuterungen auf die Sprünge hilft.

Fünf Monate ist Bashô mit seinem Gefährten Sora 1689 durch die Nordprovinzen der Hauptinsel gewandert.

2400 Kilometer ist Bashô im Jahr 1689 durch die Nordprovinzen der Hauptinsel gewandert.

In seiner Einführung bezeichnet Dombrady das „Oku no hosomichi“ als eines der bedeutendsten Werke des wohl bekanntesten Haiku-Dichters überhaupt. Für Dombrady ist dieses Reisetagebuch „eine verschlüsselte Apotheose, ein Hohelied von Traum und Vergänglichkeit und somit ein Meisterwerk der Weltliteratur.“

Um die Blüten trauere ich
und die flüchtige Welt. – Vor mir:
nur trüber Wein und schwarzer Reis

Traumhaftigkeit und Vergänglichkeit

Aber warum sollte man im Jahr 2021 dieses schmale, schöne Buch über eine entbehrungsreiche Wanderung von fünf Monaten Dauer lesen, die Bashô mit seinem Gefährten Sora vor mehr als 300 Jahren unternommen hat? Zum einen, weil Lesen eine der besten, ja vielleicht die schönste aller Möglichkeiten ist, dem Alltag zu entfliehen. Zum anderen aber, weil uns Bashô immer wieder, mal mehr, mal weniger direkt, auf die Traumhaftigkeit und die Vergänglichkeit unseres eigenen Daseins hinweist. Und das passt dann doch gut in unsere mutantengeschüttelte Zeit.

„In der Traumhaftigkeit und in der Vergänglichkeit das Wesen des menschlichen Daseins zu erkennen, durch ständiges tätiges Bewußtsein das Unfaßbare des endgültigen Vergehens faßbar zu machen – darin lag Bashôs Anliegen.“ (Dombrady)

Das eigentliche Reisetagebuch besteht aus 55 kurzen Kapiteln. Einem knappen einleitenden Prosatext von Bashô folgt meist ein Haiku des Meisters, manchmal auch zwei, drei, in denen er seine Gefühle oder Erlebtes zum Ausdruck bringt. Das Buch ist so aufgebaut, dass auf den rechten Seiten die Übersetzung des Reisetagebuchs, Bilder und Kalligraphien stehen, auf der linken Seite finden wir die Anmerkungen. Im Anhang stehen weitere Erläuterungen und Interpretationen zu den Haiku.

Der wahren Poesie
Uranfänge – das sind die Pflanzerlieder
Eurer Hinterlande!

Das Foto zeigt eine ältere Ausgabe

Das Foto zeigt eine ältere Ausgabe

Alles in allem bietet dieser kleine, schön gestaltete, handliche Band einen faszinierenden Einblick in eine längst vergangene Kultur, die uns aber noch einiges zu sagen hat. Aber: dies ist kein Buch zum Runterlesen, sondern zum In-Etappen-Genießen.

Nichts als Flöhe und Läuse!
Und nah an meinem Kopfkissen
pisst auch noch ein Pferd!

Ja, auch weltberühmte Dichter haben bisweilen mit den Widrigkeiten und Entbehrungen des Alltags zu kämpfen, und seien es Läuse und Flöhe.

Haltet zusammen!

NK & CK

Buchinformation

Matusuo Bashô
Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland
Aus dem Japanischen übertragen, mit einer Einführung und Annotationen von G. S. Dombrady. Nachwort von Ekkehard May.
7. Auflage, Oktober 2021, 352 Seiten, Leinen
Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz
ISBN: 978-3-87162-075-1

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Erinnerungen: Der Literaturkalender 2022

Die Madeleine als Schlüssel zu einer ganze Kaskade von Erinnerungen

Die Madeleine als Schlüssel zu einer ganzen Kaskade von Erinnerungen

Diese kleine Muschel aus Kuchenteig

„Und mit einem Mal war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jenes kleinen Stücks einer Madeleine, das mir am Sonntagmorgen in Combray (weil ich an diesem Tag vor dem Hochamt nicht aus dem Hause ging), sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie es in ihrem schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte.

Meister der Erinnerungen: Marcel Proust

Meister der Erinnerungen: Marcel Proust

Der Anblick jener Madeleine hatte mir nichts gesagt, bevor ich davon gekostet hatte; vielleicht kam das daher, daß ich dieses Gebäck, ohne davon zu essen, oft in den Auslagen der Bäcker gesehen hatte und daß dadurch sein Bild sich von jenen Tagen in Combray losgelöst und mit anderen, späteren verbunden hatte; vielleicht auch daher, daß von jenen so lange aus dem Gedächtnis entschwundenen Erinnerungen nichts mehr da war, alles sich in nichts aufgelöst hatte; die Formen – darunter auch die dieser kleinen Muschel aus Kuchenteig, die füllig und sinnlich wirkt unter ihrem strengen frommen Faltenkleid –  waren vergangen, oder sie hatten, in tiefen Schlummer versenkt, jenen Auftrieb verloren, durch den sie ins Bewußtsein hätten emporsteigen können.“

(zitiert aus: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit I, Unterwegs zu Swann. Suhrkamp, 5. Auflage 2003)

Freibad-Erinnerungen: Der Duft von Freiheit

Auch Simon de Beauvoir teilt ihre Erinnerungen

Auch Simon de Beauvoir teilt ihre Erinnerungen

Die berühmte Madeleine-Episode zählt wahrscheinlich zu den meist zitierten Stellen aus Proust überwältigendem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Und man muss Proust nicht gelesen haben, um zu wissen, was ein Madeleine-Moment ist. Denn wir alle verbinden mit bestimmten Düften, Gerüchen, oder Geschmackserlebnissen Erinnerungen, bewusst oder unbewusst. Und wenn wir dann diesem Duft irgendwann wieder begegnen, kann es sein, dass das Ursprungserlebnis plötzlich aus den verschütteten Tiefen unseres Gedächtnisses auftaucht. Wer erinnert sich zum Beispiel nicht an diese besondere Mischung von Gerüchen in den Freibädern unserer Jugend: Sonnenöl, chloriertes Wasser, Pommes, die heißen Steinplatten am Beckenrand – eine betörende Mischung, die zum Träumen anregt. Oder zum wehmütigen Bedauern verpasster Chancen …

Momente der Erinnerung 2022

So lautet das Thema des Literaturkalender 2022 der edition momente. Jede Woche begegnen wir dem Textauszug einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers, der sich mit dem Thema Erinnerung befasst. Dazu gibt es ein Foto und die Litereraturangaben zum jeweiligen Zitat. Der Kalender ist wie jedes Jahr schön gestaltet und gut gedruckt, und wir sind sicher, dass er beim Betrachter die eine oder andere Erinnerung hervorrufen wird. In der Woche vom 13. bis 19. Juni sehen wir zum Beispiel Judith Kerr mit einem Zitat aus ihrem Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Und natürlich sind die Kalenderblätter auch schöne Anregungen, sich mal wieder oder zum ersten Mal mit einer Autorin oder einem Autor zu befassen. Und vielleicht sogar, wer weiß, mal Prousts „Recherche“ in Angriff zu nehmen.

NK & CK

Information

Der Literaturkalender 2022
Momente der Erinnerung: Texte und Bilder aus der Weltliteratur
Hg: Elisabeth Raabe
Gestaltung: Max Bartholl
60 Blätter, 53 Fotos, 32,5 x 24 cm
edition momente
ISBN 978-3-0360-2022-
ausgezeichnet mit dem Kalenderpreis 2021 des deutschen Buchhandelns

„Momente der Erinnerung“ – Der Literaturkalender 2022

„Momente der Erinnerung“ – Der Literaturkalender 2022

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Nichts gelernt: Corona-Winter II

Wieder treiben wir durch einen Corona-Winter

Wieder treiben wir durch einen Corona-Winter

Wieder treiben wir
durch einen Corona-Winter –
nichts gelernt

Again we are drifting
through a Corona winter –
nothing learned

Haiku für all die engagierten Menschen (wie unseren alten Freund T.), die sich in diesem zweiten Corona-Winter wieder Tag für Tag in den Kliniken – auch für die Corona-Patienten – den Hintern aufreißen und seit fast zwei Jahren psychisch und physisch am Anschlag arbeiten.

Freiheit und Pflicht

Und weil das Thema Impfpflicht gerade viele Menschen bewegt, empfehlen wir unbedingt ein 3sat-Interview mit der Philosophie-Professorin Sabine Döring, die an der Universtität Tübingen lehrt.

„In keinem Fall bedeutet Freiheit tun und lassen zu können, was und wie man gerade will.“

Euch eine schöne Adventszeit!

NK & CK

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James Rebanks erzählt sein englisches Bauernleben

Keine Herdwickschafe, aber auf jeden Fall englische Schafe

Keine Herdwicks, aber auf jeden Fall Schafe, die wir in England fotografiert haben

Ein Land wie ein Gedicht

„Unser Land ist wie ein Gedicht, eingebettet in den Flickenteppich anderer Landschaftsgedichte, die von Hunderten von Menschen geschrieben worden sind, Menschen, die jetzt hier leben, und Menschen, die vor uns kamen. Jede Generation fügt neue Bedeutungsschichten, neue Erfahrungen hinzu. Und so enthüllt uns das Gedicht, wenn wir es lesen können, eine komplexe Wahrheit. Es enthält Momente großer Schönheit, aber auch herzzerreißendes Leid.“

Das schreibt James Rebanks, Jahrgang 1974, dessen Familie im Lake District im Norden Englands zuhause ist, in seinem neuen Buch „Mein englisches Bauerleben“. Rebanks ist wie seine Vorfahren seit sechs Jahrhunderten mit der herben Landschaft und den kargen Hügeln, die sie dort „fells“ nennen, fest verwurzelt. Daran hat auch sein Studium, das er in Oxford absolvierte, nichts geändert. Wer das erste Buch von James Rebanks „Mein Leben als Schäfer“ gelesen hat, weiß, wie sehr er dieses Land und seine Arbeit auf der 75-Hektar-Farm seiner Familie liebt.

Wie soll man das neue Buch dieses klugen und bodenständigen Mannes nennen? Autobiographie, Sachbuch, Roman, alles zusammen? Vielleicht autobiographischer Entwicklungsroman mit Sachbuchcharakter.

Nostalgie

Da ist zum einen die Lebens- und Entwicklungsgeschichte des Autors, der als Junge von seinem Großvater alles über das Land und die anstrengende, aber auch beglückende Arbeit eines Farmers in den Fells lernt.

„Als ich damals auf dem Traktor saß und die Möwen beobachtete, hatte ich das Gefühl, als gehörten Granddad und die Möwen hinter seinem Pflug zu ein und demselben großen Ganzen, in dem die Möwen genauso zählten wie er. Beide hatten einen zeitlosen Anspruch an den Boden, beide gehörten in dieser Landschaft demselben Zyklus an. Sie brauchten einander. (…) Zu Beginn jenes Frühlings hatte mein Großvater beschlossen, es sei Zeit für für meine landwirtschaftliche »Ausbildung«.“

Nostalgie heißt dieses erste von drei Kapiteln des Buches, in dem der Großvater ihn die traditionelle Art der Landwirtschaft in dieser alten Kulturlandschaft lehrt.

Parallel dazu erfahren wir von den Schwierigkeiten des Autors mit seinem Vater, der seine Farm gepachtet hat und sich mit dem Modernisierungsdruck – und allen negativen Konsequenzen – auseinandersetzen muss. Während also der Großvater noch in der alten bäuerlichen Welt verhaftet ist und seine traditionelle Farm über alles stellt, kämpft der Vater, wie viele andere Bauern, mit dem dramatischen Wandel, der sich in der britischen Landwirtschaft vollzieht.

Fortschritt

„Er war mit wachsenden Schulden konfrontiert und schien gefangen zwischen den alten bäuerlichen Werten und der neuen wirtschaftlichen Realität.“

Wie diese Realität aussieht? Immer größere Höfe, wachsende Viehbestände auf kleiner Fläche, Kunstdünger, der den Bauern als Wundermittel angepriesen wird, dazu neue große Maschinen, für die sich die Bauern bei den Banken verschulden müssen. Das zwingt sie wiederum, mehr zu produzieren und sich noch mehr dem Diktat der Abnehmer ihrer landwirtschaftlichen Produkte zu unterwerfen. Kein gesunder Kreislauf.

Rebanks skizziert diese Entwicklung, die wir auch von Deutschland kennen, mit klaren Worten, bringt viele Zahlen und Fakten, erklärt nebenbei, wie der Stickstoffdünger in die Welt kam, und beschönigt nichts. Für den Autor wird klar: es sind die Supermarktketten und Nahrungsmittelhersteller und damit letzten Endes wir Verbraucher, die den Bauern diktieren, wie sie zu arbeiten haben. Denn wenn die Kunden superbilliges Lammfleisch wollen, wird es eben aus Neuseeland oder Australien importiert, auch wenn der englische Schafzüchter gleich nebenan seine Herde hält. Mit welchen Kosten für Mensch, Tier und Umwelt dies verbunden ist, spielt für den Verbraucher an der Fleischtheke häufig eine untergeordnete Rolle.

Zwei Erlebnisse haben Rebanks die Konsequenzen des Fortschrittsgedankens einer maximal intensivierten Landwirtschaft deutlich gemacht. Da ist zum einen seine Erfahrung in Australien auf einer riesigen industriell betriebenen Farm. Rebanks arbeitet dort als Farmhelfer, fühlt sich aber eher als Maschinist und kommt fast um vor Heimweh nach den überschaubaren Strukturen seiner heimatlichen Hügel.

Noch drastischer ist das, was er von einer Reise in den Mittelwesten der USA berichtet. Was er dort in Kentucky und Iowa gesehen hat, war für ihn und seine Frau

„Das Effizienz-Endspiel der Agrarindustrie. Meine landwirtschaftliche Lehre endete damit, dass ich mir die Zukunft der Agrarindustrie in Reinkultur ansah.“

Wie in England und Deutschland beobachtet man auch in den USA einen drastischen Rückgang der Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel. Seine Gastgeber erzählen ihm, dass die vermaiste Landschaft Iowas von den Verbrauchern an der Supermarktkasse erschaffen wurde, die heute nur noch 6,4 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, gegenüber 22 Prozent im Jahr 1950. Klar ist: für den Bauern werden die Margen damit auch immer geringer. Gerade mal 15 Cent erhalten amerikanische Bauern im Durchschnitt von jedem Dollar, der für Nahrungsmittel ausgegeben wird. Den Rest teilen sich Nahrungsmittel-Konzerne, Groß- und Einzelhandel.

„Hier gibt es keine Gewinner mehr.“

So lautet das Fazit des Autors nach dieser Reise, an deren Ende er auch die Entfremdung der Verbraucher von der landwirtschaftlichen Produktion beklagt.

Utopie

So heißt das letzte große Kapitel dieses lesenswerten Buches. James Rebanks entschließt sich zum Umbau seiner eigenen Farm, denn für ihn lautet eine der zentralen Fragen, die sich Landwirte und wir Verbraucher zu stellen haben:

„Wie können wir das Land so bewirtschaften, dass seine Fruchtbarkeit dauerhaft erhalten bleibt, wie fügen wir ihm den geringsten Schaden zu? Und welche Nahrungsmittel produziert die Landwirtschaft vor Ort für uns?“

Der Autor erzählt, wie er die 75-Hektar-Farm seines Großvaters Stück für Stück in Richtung naturverträglicher Bewirtschaftung umgestaltet. Das ist für ihn und seine Familie anstrengend und entspricht ganz und gar nicht dem Klischee, das wir Städter uns gerne vom glücklichen Farmer auf seinem Land machen.

Die Umstellung bedeutet vor allem harte körperliche Arbeit und viele finanzielle Sorgen, die dem Familienvater schlaflöse Nächte bereiten. Aber Rebanks ist sympathisch stur, pragmatisch und vor allem sehr offen für neue Ideen. Er holt sich Berater, wie etwa eine Expertin für Gewässerschutz, die ihn überzeugt, die Bachläufe auf seinen Weiden zu renaturieren. Er verzichet auf Kunstdünger, gönnt den Wiesen und Weiden Ruhephasen, lernt von einem Bodenexperten und freut sich zwischendurch, dass auch seine Kinder die Veränderungen bemerken und mittragen.

Es ist vor allem dieses letzte Kapitel, das den Leserinnen und Lesern Hoffnung macht und gleichzeitig mit schönen Nature-Writing-Passagen überzeugt.

„Ob wir Wildblumen, Insekten, Vögel und Bäume auf unserem Land haben und wie viele davon, ob die Hecken buschig wachsen oder ihren dicht verflochtenen Kern verlieren; ob die Bäche in den Feuchtgebieten Kurven und Schlieren ziehen oder gerade fließen. Diese Entscheidungen addieren sich in einer Region und prägen die Landschaft. Sie bestimmen darüber, ob die Natur, ob Menschen darin einen Raum haben. Von diesen sehr speziellen Entscheidungen wird kaum gesprochen, und außerhalb der Welt der Landwirtschaft sind sie selten bekannt und werden nur unzureichend in ihrer Bedeutung erfasst.“

Gerade eben ist der Klimagipfel in Glasgow zu Ende gegangen. Mit viel Tamtam und ohne beeindruckende Resultate. Es wäre wichtig, dass auf solchen Foren mehr Menschen wie James Rebanks Gehör fänden. Praktiker, die tagtäglich verantwortungsbewusst mit und in der Natur arbeiten.

Mein engliches Bauernleben. Ein Buch von James Rebanks„Mein Englisches Bauernleben“ ist kein verträumtes Buch für Städter, wie ein Kritiker meinte, sondern zeigt konkret, was machbar ist. James Rebanks ist kein Träumer, sondern ein Realist, der sein Land und seine Tradition liebt. Er weiß, worauf es ankommt und fordert konsequent einen „New Deal“, mit dem Landwirtschaft und Ökologie wieder zusammengebracht werden:

„Das erfordert einen Dialog, Realismus, Vertrauen und eine Änderung des Verhaltens sowohl bei den Bauern als auch bei den Verbrauchern, dazu die Bereitschaft, in den Läden oder über Steuern den echten Preis von Nahrungsmitteln und einer verträglichen Landwirtschaft zu bezahlen, damit die Dinge wieder ins Lot kommen.“

Fazit: Dieses kluge Buch ist ein Augen öffnender Seelentröster für dunkle Wintermonate.

NK & CK

Buchinformation

James Rebanks
Mein englisches Bauernleben: Die Farm meiner Familie und das Verschwinden einer alten Welt
Penguin Verlag, München, 2021
Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3-328-60174-6

Englische Ausgabe

English Pastoral – An Inheritance
Allen Lane Imprint of Penguin Books, 2020
ISBN: 9780241245729

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James Rebanks twittert regelmäßig über seine Arbeit: zu finden hier

TV-Interview mit James Rebanks