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Unsere Welt neu denken – Eine Einladung

Wie lange wachsen die Ladebäume der Globalisierung noch in den Himmel? Im Hafen von Harwich in Suffolk

Wie lange wachsen die Ladebäume der Globalisierung noch in den Himmel? Im Hafen von Harwich in Suffolk

„Wia heat des auf, wia wird des weidagehn?“, so lautet der Refrain eines Songs von Wolfgang Ambros, den die Älteren hier noch kennen werden.

Wie wird das weitergehen?

Diese Frage stellen sich zur Zeit viele Menschen, nach mehreren Wochen Corona-Lockdown. Licht am Ende des Tunnels? Fehlanzeige. Wir sollten hoffen, dass uns die zweite Welle dieser Pandemie gar nicht oder aber nicht so hart erwischt, wie es manche Virologen und Epidemiologen befürchten. Dabei sind wir in Deutschland – statistisch gesehen – bisher noch ganz gut weggekommen.

Trotzdem: für die Wirtschaft ist dieser Zustand eine Katastrophe, und zwar eine so große, dass selbst die, die immer sagen, der Markt würde alles richten, nach dem Staat rufen. Die Autoindustrie hat sogar so laut geschrien, dass die Kanzlerin schnell zum Autogipfel ins Kanzleramt laden musste. Viel rausgekommen ist nicht, mal abgesehen von der wirklich ganz außergewöhnlichen Idee einer Kaufprämie.

Weiter wie bisher?

Weiter wie vor Corona, geht das überhaupt? Die nächste Pandemie steht vielleicht schon in den Startlöchern; Stichwort: Zoonosen. Und die Klimakrise? Die hat gerade nur eine mediale Zwangspause eingelegt! Die Folgen des Klimawandels, so mutmaßen auch zurückhaltende Expert*innen, werden dramatischer sein, als die der Corona-Pandemie.

Vielleicht ist das ja ein guter Zeitpunkt, über die Zukunft der Welt nachzudenken. Ich habe dazu die Einladung von Prof. Dr. Maja Göpel angenommen, die vor ein paar Wochen ihr neues Buch „Unsere Welt neu denken“ vorgestellt hat:

Unsere Welt neu denken

Maja Göpel ist Politökonomin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und unter anderem Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderung. Sie gehört zu den Gründer*innen von Scientists for Future, einer Bewegung mit mehr als 26 000 Wissenschaftler*innen, die die Forderungen der Fridays-for-Future-Bewegung unterstützen.

Göpels Buch ist keine ganz einfache Lektüre, aber sehr anregend. Die Autorin erklärt wirtschaftliche Zusammenhänge und bringt historische Fakten zur Wirtschaftstheorie.  Vor diesem Hintergrund hinterfragt sie die Art, wie wir wirtschaften und leben. Und wundert sie sich, wie es sein kann, dass wir immer noch nach wirtschaftlichen Prinzipien und Theorien agieren, die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Mit Blick auf die weltweiten wirtschaftlichen und anderen Krisen fordert sie uns auf, „uns die Regeln bewusst zu machen, nach denen wir unser Wirtschaftssystem aufgebaut haben.“ Denn es ist, so Göpel, offensichtlich, dass eine Wirtschaft, die ausschließlich auf Wachstum setzt, nicht unbegrenzt  funktionieren kann, wenn die Ressourcen begrenzt sind.

152 Millionen 20-Fuß-Container wurden im Jahr 2019 per Containerschiff transportiert, so statista.de

152 Millionen 20-Fuß-Container wurden im Jahr 2019 per Containerschiff transportiert, so statista.de

Fossile Brennstoffe, seltene Rohstoffe, Ackerland, sauberes Trinkwasser: überall stoßen wir an Ressourcengrenzen. Und das mit einer Weltbevölkerung von aktuell 7,7 Milliarden Menschen. Immer mehr Menschen, immer knappere Ressourcen: das geht nicht.

Nachhaltige Entwicklung

„Dauerhaltige (nachhaltige) Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Göpel zitiert hier den Bericht der Brundtland-Kommission aus dem Jahr 1983. Gro Harlem Brundtland ist die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin, die mit ihrer Kommssion im Auftrag der Vereinten Nationen darüber nachgedacht hat, „wie sich unser Wirtschaften mit den Grenzen des Planeten vereinbaren lässt.“ Schon damals war klar: so kann es nicht weiter gehen, weil die natürlichen Ressourcen endlich sind. Trotzdem hat 1987 der US-amerikanische Ökonom Robert Solow den Wirtschaftsnobelpreis für seine Wachstumstheorie bekommen, bei der unter anderem natürliche Ressourcen keine Rolle mehr spielen, weil sie ersetzbar seien. In Solows Worten:

Die Welt kann praktisch ohne natürliche Ressourcen auskommen, daher ist Erschöpfung nur ein Ereignis, keine Katastrophe.

Die Logik hinter dem Ansatz der Substituierbarkeit sieht, sehr vereinfacht gesagt, so aus: Durch die Art, wie wir Landwirtschaft betreiben (Monokultur, Massentierhaltung, Pestizideinsatz usw.), gefährden wir das Überleben der Bienen. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil wir das Bestäuben der Pflanzen, wenn es irgendwann keine Bienen mehr gibt, von Minidrohnen erledigen lassen.

Im März 2018 erhält die amerikanische Patentbehörde den Antrag zur Patentierung einer neuen Technik, mit der Pflanzen künstlich bestäubt werden können.

Beantragt hat dieses Patent übrigens nicht etwa ein einsamler Tüftler, sondern der weltweit größte Einzelhändler: Walmart. Ein Unternehmen, das bekannt ist für seine aggressive Preispolitik und seinen gnadenlosen Wachstums- und Verdrängungskurs.

Anmaßung des Wirtschaftens

Für Göpel zeigt sich an diesem Beispiel „die ganze Anmaßung menschlichen Wirtschaftens.“ Denn wir glauben, dass es immer so weitergeht. Tut es aber nicht, so die Autorin. Dies zeigt sie an zahlreichen Beispielen, versehen mit Fußnoten, Quellenangaben und weiterführenden Links im Anhang. Nebenbei macht sie die Leser*innen noch mit einigen wichtigen Fachbegriffen der Wirtschaftswissenschaften bekannt. Theoretisches Rüstzeug ist schließlich nie schlecht, wenn man die Welt neu denken will.

Welche Rolle spielt der Mensch noch in der globalisierten Welt? Hafenarbeiter in Harwich, Suffolk.

Welche Rolle spielt der Mensch noch in der globalisierten Welt? Hafenarbeiter in Harwich, Suffolk.

Göpels Thesen leuchten ein. Denn die Gesetze und Modelle nach denen der homo oeconomicus (der ausschließlich wirtschaftlich denkene Mensch) agiert, funktionieren nicht mehr angesichts der großen Herausforderungen, denen sich die Weltgemeinschaft zu stellen hat: Endlichkeit der Ressourcen, Klimawandel, Bevölkerungswachstum. Es ist daher nur konsequent, wenn die Autorin vorschlägt, über die vermeintlich unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten unseres Wirtschaftssystems nachzudenken.

Ausbeutung mitten in Deutschland

Wie sehr dieses System in einzelnen Bereichen krankt, sehen wir gerade an den Zuständen in deutschen Schlachthöfen. Leiharbeiter aus Osteuropa arbeiten zu niedrigen Löhnen und hausen beengt in erbärmlichen Unterkünften, nur damit das Nackensteak möglichst billig ins Regal des Discounters kommt. Von den Bedingungen, unter denen die Tiere in diesem Agrarsystem gehalten werden, ganz zu schweigen. Warum ist das so?

Es liegt daran, dass der Agrarmarkt, so wie er heute organisiert ist, nicht-nachhaltiges Verhalten eher belohnt und nachhaltiges Verhalten eher erschwert.

Dazu kommt, dass die Preise vieler Produkte die wahren Herstellungskosten, inklusive aller Folgen für die Umwelt usw., nicht beinhalten. Und das, so die Autorin, ist weder nachhaltig noch gerecht.

Gerechtigkeit ist der Schlüssel für eine nachhaltige Wirtschaftsweise, wenn sie global funktionieren soll. (…) Für diese neue Art der Gerechtigkeit müssen wir ein paar heilige Kühe der Wachstumserzählung schlachten und andere Wege gehen.

Teil der Veränderung sein

Aber ist unsere Welt nicht viel zu kompliziert, weil alles mit allem verzahnt ist? Haben wir als einzelne Bürgerinnen und Bürger überhaupt eine Chance, durch unser Verhalten etwas zu ändern? Nach der Lektüre dieses Buches stellen sich solche Fragen unweigerlich. Die Autorin hat mit dieser Reaktion ihrer Leser gerechnet:

Wir sind alle ein Teil vernetzter Systeme, in denen nichts ohne Effekt ist, ob wir wollen oder nicht. Das bedeutet aber auch, dass wir die Chance haben, den Veränderungen eine bewusste Richtung zu geben. Genau genommen haben wir nicht nur die Chance, sondern auch die Verantwortung dazu. Wir alle können jeden Tag Teil der Veränderung sein, die wir uns für die Welt wünschen, auch wenn sich diese Veränderung erst mal klein und wenig anfühlt.

 

Maja Göpel, Unsere Welt neu denken: Eine Einladung. Ullstein 2020Maja Göpel hat mit „Die Welt neu zu denken“ ein anregendes, informatives Buch geschrieben, das zur richtigen Zeit auf dem Markt kommt. Denn gibt es einen besseren Zeitpunkt, über die Zukunft nachzudenken, als in diesen Wochen und Monaten, wo unsere bisherige Art zu leben von einem unsichtbaren Virus aus der Bahn geworfen wird?

Buchinformation

Prof. Dr. Maja Göpel
Unsere Welt neu denken – Eine Einladung
Ullstein Buchverlage, Berlin, 2020
Hardcover, 208 Seiten
ISBN: 9783550200793

Gibt’s in jedem guten Buchladen vor Ort.

#SupportYourLocalBookstore #KaufDeinBuchvorOrt

N.K. | C.K.

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367.000 Kilometer zum Supermond

Der Mond am 8. Mai 2020 um 3 Uhr war nur 356.910 Kilometer von uns entfernt: ein Supermond

Der Mond am 8. Mai 2020 um 3 Uhr war nur 356.910 Kilometer von uns entfernt: ein Supermond

Vollmond

Hundert Schäfchen
tummeln sich vorm
Vollmond

A hundred sheep
cavorting in front of the
Full Moon

百匹の羊
前を歩く
満月

Frühlingsmond

Ob die Schafe
nachts Wolken zählen?
Frühlingsmond

Do the sheep
count the clouds at night?
Spring Moon

ヒツジかどうか
夜の雲を数える
春の月

Kranō

Supermond

Schlaflosigkeit, unter der wir wohl alle von Zeit und Zeit mehr oder weniger heftig leiden, hat manchmal auch etwas Gutes. Wäre ich nicht letzte Woche in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai morgens um drei aufgewacht, hätte ich glatt den Supermond verpasst. Unter einem „Supermond“ verstehen Astronomen einen Vollmond, der sich auf mindestens 367.000 Kilometer der Erde nähert. Zum Greifen quasi für Astronomen, die sonst in ganz anderen Entfernungsdimensionen denken.

Das Entfernungsmaß im Sonnensystem ist die Astronomische Einheit (AE). Diese entspricht dem mittleren Abstand der Erde von der Sonne: 150 Millionen Kilometer. Ein Lichtstrahl benötigt für diesen Weg 8,33 Minuten. Sprich, die Sonne ist rund acht Lichtminuten von der Erde entfernt. Ein Katzensprung, bedenkt man, dass die Raumsonde Voyager 1 seit September 1977 mehr als 120 AE zurückgelegt hat und sich im Übergang zum interstellaren Raum befindet. 120 AE sind übrigens 1,8 x 1010; Kilometer. (Quelle: Spektrum.de)

Den Begriff Supermond hat der amerikanische Astrologe Richard Nolle im Jahr 1979 geprägt. Vier Mal im Jahr ist dieses Phänomen zu beobachten, das nächste Mal im Mai 2021, so das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Ein Supermond wirkt auf die Betrachterin heller und größer als ein normaler Vollmond und vielleicht inspiriert er deswegen ganz besonders, zum Beispiel zum Haiku dichten.

Beam Me Up!

NK | CK

P.S.: Über eure Mond-Haiku freuen wir uns: schreibt sie einfach in den Kommentar!

P.P.S.: Japanische Übersetzung mit Deepl.com erstellt.

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8. Mai: Tag der Befreiung

Soldatenfriedhof im Elsass in der Nähe von Schirmeck: Nécropole Nationale au Donon Alsace

Soldatenfriedhof im Elsass in der Nähe von Schirmeck: Nécropole Nationale au Donon Alsace

Bei all denen, die mit ihrem Einsatz und ihrem Opfer dazu beigetragen haben, Nazi-Deutschland zu befreien, hätte man sich einzeln per Handschlag bedanken müssen.

Wer sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs interessiert, dem sei Antony Beevor empfohlen: Der Zweite Weltkrieg. Erschienen bei Bertelsmann/Randomhouse, 976 Seiten, ein gewaltiges detailreiches Werk. Unser Sohn hat’s gebannt verschlungen. Antony Beevor, ein englischer Historiker, kann sehr gut erzählen. Hier beschreibt er in einem Interview die Arbeit an diesem Buch:

Wer’s etwas kürzer mag: auch lesenswert ist das schmale Buch von Gerhard Schreiber: Der Zweite Weltkrieg, erschienen bei C.H. Beck, 128 Seiten.

Schönes Wochenende euch allen!

N. | C.

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Die Pest in Tübingen zwingt die Universität ins Exil

Zwischen 1480 und 1680 brach die Pest vierzehnmal über Tübingen herein und forderte rund 10 000 Opfer

Zwischen 1480 und 1680 brach die Pest vierzehnmal über Tübingen herein | Foto: www.schoenepostkarten.de

Grade eben habe ich bei einer Recherche für diesen Artikel in die Suchmaske die Begriffe „Corona ist“ eingegeben. Google hat dann blitzschnell meine Suchanfrage ergänzt. Die ersten vier Ergänzungen, die Google vorschlug, waren:

Corona ist ungefährlich
Corona ist vorbei
Corona ist nur eine Grippe
Corona ist nur eine Inszenierung

Es gibt offensichtlich immer noch viele Menschen, die das Virus Sars-COV2 nicht wirklich ernst nehmen. Das ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.

Corona ist nicht die Pest

Aber so gefährlich Corona ist, man kann die aktuelle Pandemie nicht mit der Pest vergleichen. Man könnte es freilich meinen, sieht man sich die Absatzzahlen für Albert Camus’ berühmten Roman „Die Pest“ an. Rowohlt ließ angesichts der großen Nachfrage die 90. Auflage drucken. Für Camus stand die Pest, die er in der algerischen Stadt Oran ausbrechen lässt, symbolisch für das Böse, den Nationalsozialismus, um es mal sehr verkürzt auszudrücken.

Die Pest übt offenbar eine große Anziehung auf die Menschen aus in diesen Tagen. Orhan Pamuk schreibt in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung vom 30.4.2020, dass man beim Schreiben über die Pest zwangsläufig Parallelen entdecke. Zwei Reaktionen der Menschen fallen Pamuk beim Ausbruch einer Pandemie auf: zum einen das Leugnen der Pandemie, zum anderen das Erfinden und Verbreiten von Gerüchten und haltlosen Behauptungen, etwa über den Ursprung der Seuche.

Yersinia pestis

Der Pesterreger wütete furchtbar unter den Menschen, die diesem unsichtbaren Gegner wehrlos gegenüber standen. Allein im 14. Jahrhundert starben an der Pest ein Drittel aller Menschen in Europa. Ursache der Seuche war das Bakterium „Yersinia pestis“ wie die Tübinger Forscherin Verena Schünemann und die kanadische Paläoanthropologin Kirsten Bos im Jahr 2011 zeigen konnten, das Schwäbische Tagblatt berichtete.

Pestexil hieß der Shutdown im Mittelalter

Übrigens waren auch die Quarantänemaßnahmen, die im Mittelalter gegen die Pest erlassen wurden, von einer ganz anderen Dimension als der aktuelle Corona-Shutdown. Vierzehnmal musste die Universität Tübingen wegen der Pest ins Exil umziehen, wie der in Tübingen lebende Schriftsteller, Essayist und Journalist Kurt Oesterle schreibt. Oesterle hat vor ein paar Tagen einen lesenswerten Text zur Pest in Tübingen im Schwäbischen Tagblatt veröffentlicht, den wir hier in voller Länge mit freundlicher Genehmigung des Autors bringen.

***

Pestzeit in Tübingen

von Kurt Oesterle

Zwischen 1480 und 1680 brach die Pest vierzehnmal über Tübingen herein. Bei sämtlichen Epidemien dürfte die Stadt rund 10 000 Menschen verloren haben. Am schlimmsten grassierte die Seuche vermutlich in den Jahren 1482 und 83, kurz nach der Universitätsgründung. Viele Bauleute hielten sich damals hier auf, dazu kamen Studenten, Händler und fahrendes Volk. Einheimische und Gäste auf engstem Raum – so fand der Pestbazillus schnell Ausbreitung. In wenigen Monaten starben in der 5000-Einwohner-Stadt mehr als 1300 Menschen jeden Alters. „Unter den württembergischen Städten scheint Tübingen am meisten gelitten zu haben“, schrieb später der Historiker Max Eifert. Nur ein einziges Mittel half wirklich gegen die drohende Erkrankung: zeitige Flucht. Das wußten auch die führenden Köpfe der jungen Universität und veranlaßten mehrmals den geschlossenen Abzug der Hochschule. 1594 etwa führte das Pestexil die Universität in die Nachbarstädte Herrenberg und Calw. Zurück blieben in der Regel nur Kranke, Arme und ein paar Lebensmüde.

Die einzige Rettung hieß Flucht

Hatte die Pest die Menschen abgestumpft? Unvermeidlich wie Blitz und Donner erscheint die einst so gefürchtete Seuche in den Annalen des Martin Crusius. Routiniert setzte Deutschlands damals berühmtester Universitätslehrer seinen Bericht über das immer wiederkehrende Ereignis aufs Papier, in lateinischer Sprache, versteht sich. Seine Worte suggerieren kaum Gefahr. Crusius, 68, war das akademische Pestszenarium schon viele Jahre vertraut, als in Tübingen Ende August 1594 der Kanzler und die Professorenschaft berieten, was jetzt zu tun sei. Die Zeichen waren eindeutig. In der Stadt wurden die ersten Toten beklagt. Die Leichen wiesen die typischen Hautverfärbungen auf. Auch Stuttgart meldete den Ausbruch der Seuche. Der Hof, so hieß es, befinde sich bereits auf dem Weg ins Pestexil, und die Alma mater Tubingensis, dieser Augapfel des Landesherrn, solle sich ebenfalls dorthin begeben.

1547 wurde die Alte Aula in Tübingen gebaut. 24 Jahre später musste die Universität wieder vor der Pest flüchten: nach Esslingen

1547 wurde die Alte Aula in Tübingen gebaut. 24 Jahre später musste die Universität wieder vor der Pest flüchten: nach Esslingen | Foto: www.schoenepostkarten.de

Bereits mehr als ein halbes Dutzend mal war die Universität seit ihrem Bestehen dem Schwarzen Tod ausgewichen. 1502 hatte die Hochschule in Nagold ein rettendes Domizil gefunden, 1520 in Rottenburg, 1530 in Blaubeuren und während der Jahre 1571 und 76 in Esslingen. Niemand wußte, wie lange man in der Fremde würde ausharren müssen. Das kürzeste Pestexil soll ein paar Wochen gedauert haben, das längste sechs Jahre. Meist war postwendend der Umzugsbefehl des Herzogs eingetroffen. Nicht zögern, hieß es da, und keinen falschen Stolz an den Tag legen! Alle wußten nur zu gut, wie die europäischen Universitäten von der Großen Pest des Jahres 1348 in eine Todeskrise gestürzt worden waren. Das berühmte Oxford – zwei Drittel seiner Studenten binnen kurzem von der Pest ausgelöscht; in Montpellier waren es gar vier Fünftel gewesen. Rom, Siena und Neapel hatten den Lehrbetrieb für viele Jahre einstellen müssen.

Jeder dritte Europäer ein Opfer der Pest

Von der Pest ist im 14. Jahrhundert jeder dritte Europäer dahingerafft worden – insgesamt 25 Millionen Menschen. Endgültig erlosch sie erst rund vierhundert Jahre später wieder. Ursprünglich eine Krankheit wildlebender Nagetiere, drang diese Seuche mit der Hausratte in menschliche Siedlungen ein, meist übertragen von deren Floh. Aber auch durch „Tröpfchen“, genau wie ein Schnupfen, ließ sie sich weitergeben. Und die engen mittelalterlichen Städte begünstigten die Ausbreitung noch. Infektionen über die Haut führten zur Beulenpest. Ließen dabei die angeschwollenen Lymphknoten sich stechen oder brachen von selbst auf, bestand eine Überlebenschance. Infektionen über den Nasen-Rachen-Raum riefen die Lungenpest hervor, die fast immer und meist sehr schnell tödlich verlief.

1594 beschloß die Tübinger Universität, nach Herrenberg und Calw umzuziehen. Auch dort hatte sie, vierzig Jahre zuvor, schon einmal ihr Notlager errichtet – man kannte sich. Rasch wurden Fuhrleute aus Tübingen und Umgebung herbei beordert, ihre Wagen mit Lehrmitteln, unverzichtbaren Akten und persönlichen Habseligkeiten beladen. „Wunderbar beweglich“ sei die damalige Universität noch gewesen, spottete verständnislos ein nachmaliger Chronist. Die Emigranten hatten sich pünktlich bei den Fuhrwerken einzufinden. Doch allein Professoren genossen das Recht, ihre Familien mitzunehmen. Vom Pestexilort Esslingen schreibt Crusius 1571, die noble Reichsstadt sei den Professorenfrauen weit besser bekommen als das ländliche Tübingen: „Das Frauenzimmer lernte daselbst mehr Feinheit in Sitten und mehr Zierlichkeit in Kleidung.“

Enge Gassen, kleine Kanäle: ideale Bedingungen für die Pest in Tübingen | Foto: www.schoenepostkarten.de

Enge Gassen, kleine Kanäle: ideale Bedingungen für die Pest in Tübingen | Foto: www.schoenepostkarten.de

Und derselbe Crusius schildert ein Vierteljahrhundert später, wie die Universität in geschlossener Formation durchs Ammertal in Richtung Gäu zog. Die Marschordnung scheint ein präzises Abbild der Tübinger Hochschul-Hierarchie gewesen zu sein: vornweg ritten die meist 14- bis 17-jährigen Schüler des Collegium illustre, 160 an der Zahl und allesamt Abkömmlinge des deutschen und europäischen, doch in jedem Fall evangelischen Hochadels. Diese der Universität vorrangige Ritterschule – heute beherbergt sie das Wilhelmsstift -, in der sowohl Fechten und Reiten wie auch die Juristerei und die schönen Künste gelehrt wurden, war erst im Jahr davor eröffnet worden und eines der ehrgeizigsten Projekte der reformierten Landesfürsten.

Auch Johann Friedrich von Württemberg, der spätere Herzog und zu dieser Zeit ein Knabe von zwölf Jahren, ritt frohgelaunt im Zug der Pestflüchtigen mit. Gnade Gott den Tübinger Universitätslenkern, wenn den „Herzogsbuben“ oder einen der anderen hohen Herrn die Krankheit angefallen hätte! Deshalb waren die ritterlichen Kollegiaten stets auch die letzten, die ihr Exil wieder verlassen durften. Sie kehrten erst im Juli 1595 nach Tübingen heim, während der normalsterbliche Teil der Hochschule ihnen bereits um Monate vorausgeeilt war.

Nichts durfte an den kritischen Zustand der Universität erinnern

Führte die Pest bei den Zeitgenossen zu Fatalismus oder moralischer Verrohung? Unter der glatten Oberfläche des Humanistenlateins verbarg sich womöglich das blanke Entsetzen. Sei es in Prosa, sei es in Gedichten: Pestzeugen wie Crusius oder der Rhetoriker Nikodemus Frischlin hielten sich vermutlich an Sprachregelungen. Nichts durfte an den kritischen Zustand der Universität erinnern. Nie und nimmer durfte zugegeben werden, daß man „aus Tübingen vor den Sterbend“ geflohen war, wie ein Calwer Kirchenschreiber, der die Geflohenen ankommen sah, umstandslos vermerkte. Viel lieber besangen die Chronisten auf blumige Art die dahinziehende „grex“, also die „Herde“ aus Magnifizenzen, Baccalaureaten, Studenten und Pedellen. Begeistert zählten sie alle Professoren namentlich auf und gaben ihnen klangvolle Beiwörter wie „der süß Singende“ oder „der sanft Zügelnde“. Sie priesen Gott, den Herzog und ihre Gastgeber. Auch in Frischlins Pestelegie auf den Umzug von 1566 ist das Motiv des prozessionsartigen Zugs der Auswanderer unübersehbar. Ein Bild, das den Eindruck erweckt, Gegenbild zu den mittelalterlichen Kolonnen von über Land ziehenden Pestverbannten zu sein. Erst Jahrzehnte darauf sollte die Pest in der deutschen Dichtung ihr wahres Gesicht zurückerhalten, etwa bei Martin Opitz, der sie im Vers die „wilde Fresserin der Erden“ nennt.

In solicher dunkle, not und angst

Im Herrenberger Pestexil von 1594 angekommen, mußten allein die Fakultäten der Mediziner und Juristen für zweihundert Angehörige Quartier schaffen. Von den hiesigen Rechtskoryphäen waren unter anderem die Herren Varnbüler, Aichmann und Entzlin mit von der Partie. Eben jener Matthäus Entzlin, der zwei Jahrzehnte später wegen schwerer Vergehen gegen den Staat öffentlich geköpft werden sollte – just unter der Regentschaft jenes Herzogs, der jetzt als Zwölfjähriger mit ihm vor der Pest aus Tübingen geflohen war.

Die Professoren wohnten laut dem Historiker Crusius „in foro“, also in der Ortsmitte; sie waren privat bei begüterten Bürgern untergebracht. Die Studenten, die als Kostgänger nicht bei ihren Professoren unterkamen, logierten beim einfachen Volk in „nach billigkeit taxierten stuben und kammern“, wie der Bevollmächtigte des Herzogs es befohlen hatte. Die Rechnungen beglich der Landesfürst. Vermutlich machte ein Pestexilort dabei keinen schlechten Schnitt. Eine Entschädigung für die Furcht, die Tübinger könnten Seuche und Tod einschleppen, gab es freilich nicht.

Wo die exilierte Alma mater in Herrenberg ihren Verwaltungssitz nahm und wo gelehrt wurde, ist unklar. Stadtgeschichtler ziehen dafür sowohl die Lateinschule als auch das größte Wirtshaus am Ort, den „Bären“, in Betracht. Vier Juristen und zwei Mediziner wurden in der Gäustadt zu Doctores promoviert. In Crusius´ Bericht spürt man ein dankbares Aufatmen: Das akademische Leben ging weiter! Längst hatte die Universität in solchen Situationen zu improvisieren gelernt. Drei Jahrzehnte davor war es ihr sogar gelungen, geregelten Griechisch- und Lateinunterricht abzuhalten, zum einen in einer Zunftstube, zum andern in einem Kaufhaus.

Exil in Herrenberg und Calw

Herrenberg übrigens galt in Tübingen wie auch am Hof in Stuttgart als besonders gesunder Zufluchtsort, weil es dem „freien Zutritt der Winde ausgesetzt“ und daher bei fast allen Epidemien im Land pestfrei geblieben sei. Zweifellos war diese Einschätzung eine Folge noch grassierender mittelalterlicher Pesttheorien: Danach entstand die Krankheit nicht durch „Tröpfchen“ oder Flohbisse, sondern durch den Pesthauch, also durch Ausdünstung und Faulstoffe in der Luft. Nordwind war ein gerne geglaubter Saubermacher der verpesteten Atmosphäre

Die übrige Hochschule, das Collegium illustre sowie die theologische und die philosophische Fakultät mit noch einmal rund dreihundert Auszüglern, ließ sich in Calw nieder. Über die dortige Unterbringung ist nichts bekannt, die Chronisten teilen nur mit, daß die illustren Adelszöglinge im herzoglich-württembergischen Schloß nahe dem Kloster Hirsau komfortabel einquartiert wurden. Doch für die übrigen Akademiker scheint der Exilalltag ebenso normal und keineswegs unangenehm gewesen zu sein. So wurden in Calw 13 Magisterexamen abgenommen – eine vorzeigbare Zahl. Auch war niemand gezwungen, freudlos zu leben. Gemeinsam mit dem Mathematicus Maestlin, dem Hirsauer Abt und früheren Tübinger Theologen Johannes Brenz, einem Sohn des großen Reformators, sowie anderen Gästen wurde Crusius zu festlichen Tafeln eingeladen; davon war er so angetan, daß er der Nachwelt sogar eine Tischordnung überlieferte.

In Tübingen fielen währenddessen 737 von insgesamt 3800 Bürgerinnen und Bürgern der Pest zum Opfer. Der Katastrophencharakter der wiederholten Pesteinbrüche in Tübingen hat sich also bei den akademischen Chronisten kaum niedergeschlagen. Was aber verdeckt der Glanzlack ihrer Humanistenrhetorik? Mit Sicherheit ein Pesttrauma! Während die gelahrten Herrn samt Anhang in der sicheren Emigration weilten und sich, so Crusius, auf eine „fröhliche“ Heimkehr freuten, war es den restlichen Ausgewanderten streng untersagt, mit der Heimat in Briefverkehr zu treten, „geschweige denn einen Tübinger zu beherbergen“ oder gar zu besuchen. Als ein Teil der Studenten 1566 der universitären Obrigkeit nicht gehorchte und statt nach Esslingen mitzureisen, in Tübingen aushielt, setzte es harte Strafen. Die Verweigerer – Gründe ihres Verhaltens sind unbekannt – wurden ohne Gnade von der Universität verwiesen und der städtischen Obrigkeit übergeben. Eine Härte, die an die Pesterlasse europäischer Städte während des 14. Jahrhunderts erinnert.

Ein verliebter Student bringt den Tod ins Exil

Aktenkundig und vermutlich noch lange ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, ist der Fall des Astronomen Johann Stöffler – von ihm stammt die Tübinger Rathausuhr. 1530 übersiedelte der 77-Jährige mit der Bursa ins Pestexil Blaubeuren: Dort lebt Stöffler unter anderem mit seinem Kostgänger Jakob Damian Reuss zusammen, einem Studenten, den sein verliebtes Herz in die Heimat zieht. Er reitet zurück, besucht seine Angebetete in Mössingen, kann aber auch nicht davon absehen, außerdem noch einer alten Freundin, der Huckel Anna in Tübingen, die Ehre zu geben. Damian läßt sie, da er nicht in die verpestete Stadt darf, auf den Wöhrd hinausrufen – die kurze Begegnung reicht aus, ihn anzustecken.

Wieder in Blaubeuren, bricht bei dem Studenten die Pest aus. Unruhe entsteht in der Gaststadt. Stöffler und seine Familie stehen zu dem Jungen und werden fortan von den meisten gemieden. Wie in keinem zweiten Tübinger Fall ist durch die Unterlagen des Damian Reuss der Verlauf der Erkrankung belegt: Sie begann mit Schweißausbrüchen und Schüttelfrösten, dann kamen Erbrechen und blutiger Husten dazu, schließlich traten große Schmerzen auf und der Geist verwirrte sich. Niemand in der Umgebung des jungen Mannes hatte je ein solch qualvolles Sterben miterlebt. Alle befanden sich „in solicher dunkle, not und angst“, wie einer der Zeugen später zu Protokoll gab. In der Folge starben, von Damian angesteckt, zwei Frauen aus dem treuen Helferkreis an der Pest.

Stöfflers Schicksal ist ungewiß. Der spätere Stadthistoriker Andreas Christoph Zeller geht – in seinen „Ausführlichen Merckwürdigkeiten der Hochfürstlichen Wirtembergischen Universität und Stadt Tübingen“ (1743) – davon aus, daß auch ihn die Seuche eingeholt hat.

Zeller berichtet ebenfalls von dem guten Hirten Theodoricus Snepff, der während der Pest von 1571 mit drei Helfern in Tübingen verblieb, um Kranken beizustehen und Tote christenwürdig zu bestatten. Pfarrer Snepff war es auch, der die üblichen Almosen unter die Bettler und Armen zu verteilen hatte. Almosen, die von der Universität in prallen Säckchen aus dem Exil nach Hause geschickt wurden, und zwar regelmäßig. Eine Art freiwilliger Peststeuer, um das Leben in der schwer gebeutelten Stadt halbwegs aufrecht zu erhalten. Und, ganz offenbar, unter dem Druck des Gewissens, das durch die Donnerworte alt- und neugläubiger Theologen wachgerüttelt wurde, so etwa durch den Tübinger Gabriel Biel, aber auch die Reformatoren Luther und Calvin.

In einer Art Pestethik hatten alle drei verkündet, daß man vor der Seuche zwar fliehen solle, daß die Flucht jedoch denen vorbehalten sei, „die nicht mit Ämtern behaftet sind“. Amtsinhaber, so schrieb und predigte vor allem Martin Luther, sollten dableiben, denn sie seien durch Gottes Wort eingesetzt, um zu regieren. So stürzte die Pest den selbstgewissen und siegessicheren Humanismus der Epoche doch in ein Dilemma: Nächstenliebe oder Rette-sich-wer-kann?

Helfer im Immunkostüm

Wer vor der Pest nicht aus Tübingen floh, sondern sich deren Schrecken aussetzte – von Ansteckungsgefahr einmal ganz zu schweigen -, der mußte sehr stark sein. So wie andernorts wurden auch in Tübingen nach Ausbruch der Krankheit „seuchenpolizeiliche“ Maßnahmen getroffen. Sämtliche Kranken waren umgehend ins Pestlazarett draußen vor der Stadtmauer zu schaffen. „Gutleutehaus“ nannte man dieses Sterbehospiz beschönigend – heute steht dort das Pauline-Krone-Heim.

Das meist zwangsverpflichtete Pflegepersonal des „Gutleutehauses“ durfte erst nach einer Wartefrist von zehn Tagen unter die Bürgerschaft zurück. Wundärzte und Bader übernahmen allzumeist die Aufgaben der Medizin. Sie trugen, wie Professor Crusius in seinem Tagebuch notierte, eine Art Immunkostüm: Eine Wachsmaske mit brillenartigen Augengläsern bedeckte das Gesicht; über Nase und Mund sprang ein tönerner Schnabel vor, der inwendig mit Duftölen ausgerieben war, um den vermeintlichen Pestdunst abzutöten (in Venedig sollte dieser Schnabel in späteren Jahrhunderten zum Karnevalskostüm gehören!). Der übrige Körper war in ein Leinengewand gehüllt, auf dem Kopf saß ein Barett; ein Arzt mit akademischem Abschluß trug außerdem einen Stab, der seine Standeswürde signalisierte.

Alles geschah während der Pest in größter Eile: Krankenwohnungen mußten ausgeräuchert werden; die Toten waren, zumindest seit 1541, schleunigst hinauszukarren auf den Pestanger nahe dem heutigen Schlachthof – waren sie auch wirklich tot oder atmeten sie noch? Menschenreiche Leichenzüge wurden meistens verboten, allein die engsten Verwandten durften Trauerkleidung tragen, und das nur befristet. Möglich, daß man den allgemeinen Untergang in Jammer und Melancholie fürchtete. Darum rieten die Stadtväter auf dem gesamten europäischen Kontinent in ihren „Pestregimina“ zu Heiterkeit und Frohsinn. Doch beides dürfte selbst dem als „üppig“ und „heiter duldsam“ geltenden Tübingen des 16. Jahrhunderts äußerst schwer gefallen sein. So etwa hatte die Stadt damit fertig zu werden, daß allein in einem einzigen Monat, im August 1571, aus ihrer Mitte sage und schreibe dreihundert Menschen zugrunde gingen.

Es waren düstere Zeiten, wenn in Tübingen die Pest ausbrach

Es waren düstere Zeiten, wenn in Tübingen die Pest ausbrach | Foto: www.schoenepostkarten.de

Kräuter gegen die Pest?

Gab es denn keinerlei wirksame Medizin gegen die Pest? Um es hart zu sagen: nicht vor der Entwicklung von Antibiotika! Doch immerhin, die besten Botaniker Europas gingen damals felsenfest davon aus, daß gegen den Schwarzen Tod das eine oder andere Kraut gewachsen sei. In Tübingen war es Leonhart Fuchs, der mit seinem „New Kreuterbuch“ von 1543 auch der Pesttherapie dienen wollte – mit ihm begann in Tübingen die wissenschaftliche, nicht länger religiöse Auffassung der Pflanzenwelt sowie ihrer Heilwirkung auf den Menschen. Vor dem Nonnenhaus, seinem Tübinger Wohnort, hat Fuchs aller Wahrscheinlichkeit nach jenen reichen Garten angelegt, in dem er auch Kräuter gegen die Pest zog, so etwa Haselwurz oder Eibisch. Im Register seines Buchs gibt es zahlreiche Einträge unter „Pest“ oder „Pestilenz“, auch wenn man bis heute nicht genau weiß, wie Fuchs bei der Verfertigung seiner Rezepturen vorging. Anders als bei Nostradamus, der etwa zur selben Zeit in Frankreich zum „Pestheiligen“ aufstieg und allem Anschein nach überaus erfolgreich therapiert hat, unter anderem mit „Rosenpillen“, von denen er selbst gewußt haben dürfte, daß sie Placebos waren – zugleich aber auch mit der gewaltigen psychischen Suggestivkraft, die diesem Mann zu eigen war.

Hunger und Teuerungen folgen der Seuche

Unabsehbar auch die politischen Folgen der Seuche, und selbst eine überschaubare Kommune wie Tübingen soll während der Pest zeitweise unregierbar gewesen sein. Die „Stockung mancher Gewerbe“, so Stadthistoriker Eifert im neunzehnten Jahrhundert, tat das ihre, die Not zu verschlimmern. Fast jedesmal gingen Hunger und Teuerungen mit der Pest einher. Auch erlitt die Stadt einen „großen Verlust“, wenn die Alma mater wegzog. Heutig gesprochen: die Uni nahm ihre Kaufkraft mit. Zornig rotteten sich die Dagebliebenen vor den leerstehenden Universitätsgebäuden zusammen. Sie vermuteten Vorräte darin! Nicht immer konnten Plünderungen verhindert werden.

Doch wenn die Universität mit Sack und Pack wieder vor dem Stadttor stand, bildete ganz Tübingen ein Spalier, rief Glückwünsche und jubelte vor Freude. Meist lud die Stadt sogleich zum Begrüßungsmahl aufs Rathaus.

In Europa flammte der Judenhaß auf

Insbesondere eine Bevölkerungsgruppe aber bekam die Pest und ihre Folgen auf die denkbar brutalste Weise zu spüren: die Juden! Ganz Europa bürdete ihnen die Schuld an der Seuche auf – obgleich diese Menschen von der Krankheit ebenso geschlagen waren wie alle anderen. Auf dem gesamten Kontinent wirkte die Pest psychotisch, und die Juden wurden als „Brunnenvergifter“, „Gottesleugner“ und „Kindermörder“ verfolgt, vertrieben oder massenhaft ermordet.

Vermutlich schon im großen Pestjahr 1348 sind Juden auch aus Tübingen fortgejagt worden. Und nach der Universitätsgründung von 1477 wurden die wenigen wieder hier am Ort seßhaft gewordenen jüdischen Mitbewohner abermals vertrieben, so wie rund anderthalb Jahrzehnte darauf aus dem gesamten Herzogtum Württemberg. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß auch bei dieser Vertreibung wiederum die Pestangst eine der stärksten Antriebskräfte gewesen ist.

Stadt und Universität Tübingen: Wie untrennbar sie waren, sollte sich im Schreckensjahr von 1634 auf 35 erweisen. Es herrschte Krieg, und nach der Schlacht bei Nördlingen, die die Evangelischen verloren hatten, fiel die gegnerische Soldateska in Württemberg ein, auch in Tübingen; und mit ihr kam die Pest. Diesmal zog die Alma mater nicht ins Exil – wohin auch in einem brennenden Land! Der Wissenschaftler Wilhelm Schickard – unter anderem der Erfinder der Rechenmaschine – wurde Zeuge dieser doppelten Gewalt, die das Ende der Hochschule und den Untergang der Stadt zu bringen schien. Die kleine große Stadt muß sich mitten in der Apokalypse gefühlt haben!

In Briefen berichtet Schickard zuerst, daß „ruchlose Soldaten“ im Sommer 1634 seine Mutter erschlugen. Und im Frühjahr 1635 raubte die Pest ihm „Frau und alle Töchter“.
Der Universitätssenat erteilt ihm daraufhin Hausarrest wegen Ansteckungsgefahr. Schickard wird aufgefordert, die Stadt zu verlassen, doch der 43-Jährige denkt gar nicht daran, weil er um seinen Hausstand in der Bursagasse, vor allem die Bibliothek fürchtet. „Die Universität liegt vernachläßigt darnieder“, schreibt er, „schon lange haben wir Gehälter weder erhalten noch Hoffnung, sie künftig zu erhalten.“ Von Abgaben ist die Rede, die von den Professoren an die Besatzungsmacht zu entrichten seien, „um die unverschämtesten Leute zu ernähren“. Der Uni-Kanzler wird während einer Pestpredigt mit dem Dolch angegriffen. Heftige Spannungen entstehen – offenbar haben akademische und städtische Bürgerschaft sich in ihrem Schmerz gegenseitig für die tödliche Lage verantwortlich gemacht.

Im Herbst 1635 floh Schickard doch noch von Tübingen in sein Notquartier Dusslingen, doch nur für zwei Wochen, dann kehrte er mit seinem kleinen Sohn Theophil in die Stadt zurück. Schon kurz darauf waren beide tot, Pestopfer wie 1485 andere Tübinger in diesem einen Jahr.

***

Leseempfehlungen

Kurt Oesterle empfiehlt zur Lektüre in diesen Pandemie-Zeiten folgende Bücher:

Victor Hugo, Die Elenden
Honoré de Balzac, Verlorene Illusionen
Italo Calvino, Wo Spinnen ihre Nester bauen
Gertrud von le Fort, Die Tochter Jephthas und andere Erzählungen
Czeslaw Milosz, Gedichte

Kurt Oesterle bei einer Lesung

Kurt Oesterle bei einer Lesung

Weitere Informationen über Kurt Oesterle und seine Bücher findet man auf seiner umfangreichen Homepage, wo er auch viele interessante Aufsätze kostenlos zum Downland zur Verfügung stellt. Ganz aktuell ist Oesterles Buch über Friedrich Hölderlin mit dem Titel „Wir und Hölderlin?“. Die Leiterin des Hölderlin-Turms, Sandra Potsch, hat sich mit Kurt Oesterle über Hölderlin unterhalten: im Turm und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Gespräch kann man hier nachhören.

Wir danken dem Autor für diesen Gastbeitrag.

Euch allen eine gute Zeit. Passt auf Euch auf!

NK | CK

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Zartrosa blüht die Hoffnung

Zart blüht die Hoffnung: Blüte des Quittenbaums (Cydonia oblonga)

Zartrosa und eine der schönsten, die Blüte des Quittenbaums (Cydonia oblonga)

Es war an einem Freitagnachmittag im November 2018, als ich plötzlich ein knarrendes, krachendes Geräusch aus dem Garten vernahm. Ich arbeitete gerade in unserem kleinen Büro (Homeoffice, wie man heute sagt), als meine Frau mich aufgeregt in den Garten rief. Meine Güte, der Hund hat ein Huhn erwischt, dachte ich, als ich die Treppe runterrannte, ein fedriges Gemetzel vor Augen.

Durchschnittlich 50 Jahre lebt ein Quittenbaum

Durchschnittlich 50 Jahre lebt ein Quittenbaum

Weit gefehlt! Der Hund lag friedlich in der Wiese, während meine Frau wortlos auf unseren alten Quittenbaum zeigte, der einfach umgestürzt war. Da standen wir nun vor dem von Trockenstress und Altersschwäche gefällten Baum, der uns einer der liebsten im Garten war. Kein schönes Gefühl war das. Aber nach einem langem Moment der Ratlosigkeit machten wir uns daran, die reifen Quitten abzuernten. Der Freund H. half uns noch am gleichen Nachmittag, den Baum fachgerecht so zu entlasten, dass man den umgestürzten Stamm samt ein paar unversehrten Ästen in der Wiese liegen lassen konnte. Nein, wir wollten sie nicht komplett zersägen und zu Brennholz machen, unsere alte Quitte. Dazu hatten wir uns zu sehr an sie gewöhnt: die besondere Rinde, die zartrosa schimmernden Blüten im Frühjahr, die leuchtend gelben Früchte im Herbst, die beim Marmelade kochen so viel Arbeit machen, vom Quittenschnaps gar nicht erst zu reden.

Jetzt mitten in dieser belastenden Corona-Zeit schenkt uns der alte Quittenbaum ein paar wunderschöne Blüten. Grade so, als ob er uns Zweifelnden ein wenig Hoffnung geben und Mut machen möchte.

Euch allen ein schönes Wochenende, und passt auf euch auf!

N. | C.

An die Hoffnung

O Hoffnung! holde! gütiggeschäftige!
Die du das Haus der Trauernden nicht verschmähst,
Und gerne dienend, Edle! zwischen
Sterblichen waltest und Himmelsmächten,

Wo bist du? wenig lebt ich; doch atmet kalt
Mein Abend schon. Und stille, den Schatten gleich,
Bin ich schon hier; und schon gesanglos
Schlummert das schaudernde Herz im Busen.

Im grünen Tale, dort, wo der frische Quell
Vom Berge täglich rauscht, und die liebliche
Zeitlose mir am Herbsttag aufblüht,
Dort, in der Stille, du Holde, will ich

Dich suchen, oder wenn in der Mitternacht
Das unsichtbare Leben im Haine wallt,
Und über mir die immerfrohen
Blumen, die blühenden Sterne, glänzen,

O du des Aethers Tochter! erscheine dann
Aus deines Vaters Gärten, und darfst du nicht,
Ein Geist der Erde, kommen, schröck, o
Schröcke mit anderem nur das Herz mir.

Friedrich Hölderlin

zitiert aus der zweibändigen Ausgabe:
Friedrich Hölderlin
Sämtliche Werke und Briefe
Carl Hanser Verlag, 1970
Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 5. Auflage 1989

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Frühling – wie viel Male noch?

Frühling! Alter Birnbaum in voller Blüte. Pfrondorf bei Tübingen

Frühling 2020! Alter Birnbaum in voller Blüte. Pfrondorf bei Tübingen

Schau genau ihn an:
Die Blüten an dem alten Baum
stimmen wehmütig!
Wie viel Male wird er noch
einen Frühling erleben?

Saigyō (1118 – 1190) war ein japanischer Wanderpoet und buddhistischer Mönch. Er gilt als Meister des Waka (Tanka), des 31-silbigen japanischen Kurzgedichts (5 Zeilen à 5-7 5-7-7 Moren / Silben) und war für Bashō und viele andere große Haiku-Dichter das Maß aller Dinge.

Ich kannte Saigyō bisher nicht und bin der Nachbarin und Freundin U. sehr dankbar, dass sie unser Bücherregal mit diesem bibliophilen Schatz bereichert hat.

Buchinformation

Saigyō
Gedichte aus der Bergklause – Sankashû

ausgewählt, übersetzt, kommentiert und annotiert von Ekkehard May
Dieterisch’sche Verlagsbuchhandlung Mainz, 2018
ISBN: 978-3-87162-098-0
zauberhaft schöne Leinenausgabe mit Lesebändchen

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Jack Ridl: Saint Peter and the Goldfinch

Den schönen Stieglitz für das Cover hat Meridith Ridl illustriert, die Tochter des Dichters

Den schönen Stieglitz für das Cover hat Meridith Ridl illustriert, die Tochter des Dichters

„Wozu Dichter in dürftiger Zeit.“ So schreibt Friedrich Hölderlin in seinem Gedicht „Brot und Wein“, und diese Frage (ohne Fragezeichen) darf man sich stellen in diesen unwirklichen Zeiten, wo uns ein unsichtbares Virus seit Wochen in Schach hält; und wo Populisten in Europa und anderswo diese Pandemie ausnutzen, um unwidersprochen den Rechtsstaat zur Autokratie umzubauen. Es gibt Tage, da fühlen meine Frau und ich uns schon nach Morgenlektüre der Tageszeitung geschafft und überfordert. Da hilft dann nur noch eine strenge Nachrichtenpause, Gartenarbeit, ein langer Spaziergang oder eben: ein paar Gedichte lesen.

Hello poem, my old friend

„Saint Peter and the Goldfinch“ heißt der aktuelle Gedichtband von Jack Ridl, erschienen vor genau einem Jahr – bisher nur auf Englisch. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Denn Ridls Gedichte sind nicht in kompliziertem Englisch geschrieben. Man versteht sie, auch wenn man nicht in den USA aufgewachsen ist, wie der Autor, der am 10. April 1944 in der Nähe von Pittsburgh geboren wurde. Ridl, der sich selbst als Blue-Collar-Poet bezeichnet, wollte eigentlich nicht Dichter, sondern Baseball- oder Basketball-Profi werden. Das ist nicht verwunderlich, wenn der eigene Vater eine amerikanische Basketball-Trainerlegende ist.

Zur Dichtung kam Ridl über Umwege, nachdem er während seiner Collegezeit zunächst als Songwriter für eine Sängerin aktiv war. Das Duo stand sogar kurz vor einer Plattenaufnahme, als die Sängerin ihm eröffnete, sie würde heiraten und dann nicht mehr öffentlich auftreten. Das war’s dann mit Ridls hochfliegenden Plänen, Simon & Garfunkel Konkurrenz zu machen. Gut, dass er dann als Student in Pittsburgh den bekannten Dichter Paul Zimmer traf, der ihn auf die richtige Spur setzte.

Wir müssen uns also auch bei Paul Zimmer dafür bedanken, dass Jack Ridl uns in schöner Regelmäßigkeit seine Gedichtbände auf den Nachttisch legt. Neben Zimmer nennt Ridl Willliam Stafford und die Dichterin Naomi Shihab Nye seine Vorbilder. Von Shihab Nye stammt der Satz

Die Poesie ruft uns zum Innehalten auf. Es gibt so viel, das wir übersehen, während die Fülle um uns herum weiter schimmert, ganz von alleine.

Ein Satz, der Ridls Dichtkunst ziemlich treffend beschreibt. Ein Beispiel:

Over in That Corner,
the Puppets

Even when the weather changes,
remember to pet the dog, make
the cat purr, watch whatever

comes to the window. If you
stand there long enough,
someone will come by,

a stranger perhaps, one who
could be more, but needs
to keep walking. Hello –
is likely all you can say.

 

– for Naomi Shihab Nye

Jack Ridl, der Baseballprofi werden wollte und Dichter wurde. Foto: privat

Jack Ridl, der Baseballprofi werden wollte und Dichter wurde. Foto: privat

Ein klassisches Ridl-Gedicht. In einfachen Worten mit klarer Gliederung wird eine Szene geschildert, in die eine nicht beinflussbare Veränderung von außen einbricht, in diesem Fall das Wetter. Es könnte aber auch etwas anderes sein: eine Krankheit, eine berufliche Veränderung, eine Trennung oder, weil’s so gut passt, ein Virus.

Aber, und das ist das Tröstliche an diesem Gedicht, das Leben geht weiter, der Hund will gestreichelt, die Katze zum Schnurren gebracht werden. Am Ende der zweiten Strophe dann das Ridlsche Überraschungsmoment. Ein Fremder taucht auf, den man vielleicht gerne näher kennengelernt hätte, der aber weitergeht. Es bleibt bei einem kurzen Hallo. Wer dieses Gedicht laut liest, und Gedichte sollte man eigentlich immer laut lesen, spürt, wie der Blutdruck sinkt, wie die Hektik des Alltags in den Hintergrund tritt, und wie sich der Phantasie Räume eröffnen.

Hilde Domin hat einmal gesagt, das Gedicht befreie von allen Zwängen, „indem es die Wirklichkeit, und also die Zeit, stillstehen macht und eine eigene Zeit herstellt“. Genau das passiert in Ridls Gedichten. Die Wirklichkeit steht still und wird in fast beiläufiger Umgangssprache geschildert, was Ridls Gedichte so zugänglich macht. Zeile für Zeile, Strophe für Strophe schafft Ridl eine poetische Welt, in der das Überraschende meist ganz leise eintritt; grade so, wie man einen kleinen Stein in einen Teich fallen lässt: man hört den Stein kaum, aber er zieht doch Kreise.

Leben und Tod und Alles dazwischen

Dichtern wie Jack Ridl, deren Werk der plain-spoken poetry zugerechnet werden kann, wird von Kritikern schon mal fehlender Mut, über das große Ganze zu schreiben, vorgeworfen. Nichts wäre unzutreffender bei einem Autor, der zwar in direkten Worten (plain-spoken – Englisch: gerade heraus) schreibt, der aber keines der großen Themen – Leben, Liebe, Altern, Tod – auslässt. Er tut dies nur nicht in einem hohen Ton oder in hermetischer Gestelztheit, sondern offen und klar. Übrigens wie viele gute amerikanische Dichterinnen und Dichter, was ein Grund dafür sein könnte, dass sich die Bücher von Dichtern wie Billy Collins hundertausendfach verkaufen.

Saint Peter and the Goldfinch

Auch in seinem neuen Band zeigt Jack Ridl mit dichterischem Können, das er seinen Fans etwas zu sagen hat. Saint Peter and the Goldfinch gliedert sich in vier Teile. Es beginnt mit der Abteilung „The Train Home“, in der Ridl seine eigene Lebensgeschichte bearbeitet, darunter auch sehr Schmerzliches. Etwa in dem Gedicht „My Brother – A Star“, wo er von dem Tag erzählt, an dem der ersehnte kleine Bruder bei der Geburt stirbt. Der Tag und das Gedicht enden damit, dass der Junge abends im Bett liegt und sich vorstellt, wie er dem toten Bruder beim Basketball einen Pass nach dem anderen spielt und dieser immer wieder trifft.

That night in bed
I watched this kid firing in jump shots
from everywhere on the court. He’d cut left,
I’d feed him a fine pass, he’d hit.
I’d dribble down the side, spot him in the corner, thread
the ball through a crowd to his soft hands, and he’d
loft a star up into the lights where it would pause
then gently drop, fall through the cheers and through the net.
The game never ended. I fell into sleep. My hair
was short. We were 8 and 2.

Der Dichter am Spielautomat

Dass Ridl nicht nur ein empathischer und bescheidener Dichter ist, sondern auch humorvoll und selbstironisch schreiben kann, zeigt „Self Pity as an Ars Poetica“ (Selbstmitleid als Dichtkunst). Hier seine Selbstcharakterisierung:

I’m a loser in the poetry
casino: I drop my quarters
in the slot, get two peaches
and an prickly pear,
a cherry blossom, red
wheelbarrow, and an dulcimer.

Der Dichter als Spieler an der Slotmachine im Lyrik-Casino, der zwei Pfirsiche, eine schrumplige Birne, eine Kirschblüte, einen roten Schubkarren und ein Hackbrett bekommt. Eine schönere, gleichzeitig augenzwinkernde Verneigung vor dem großen William Carlos Williams kann man nicht schreiben. Williams’ Gedicht „The Red Wheelbarrow“ mit den weißen Hühnern und dem roten Schubkarren kennt in den USA jedes Schulkind.

Liebe und Garagentor

„The Long Married“ heißt der dritte Teil des Buches, in dem sich der Autor Gedanken über das Mysterium der Liebe macht und das Erfolgsgeheimnis einer langen Ehe umkreist. Das Gedicht „Love Poem“ beschreibt den Zauber des Alltags eines älteren Paares, der ausgefüllt ist mit dem Zählen der Hundehaare auf dem Sofa, Erinnerungen und der Metaphysik von Kreuzworträtseln.

Die Lehren, die ich daraus ziehe? Demütig und dankbar sein für das, was ist und versuchen, zu erkennen, worauf es wirklich ankommt. Selbst wenn es die Haare des Hundes sind. Ach ja: weniger reden hilft auch, schreibt Ridl, und das sagt auch meine kluge Frau, wenn ich morgens um halb sieben ins Plappern komme, wie sie es nennt.

VIII

Love Poem

The smaller the talk the better.
I want to sit with you and have us
Solemnly delight in dust; and one violet;
And our fourth night out;
And buttonholes. I want us
To spend hours counting dog hairs,
And looking up who hit .240
in each of the last ten years.
I want to talk about the weather;
And detergents; and carburetors;
And debate which pie our mothers made
The best. I want us to shrivel
Into nuthatches, realize the metaphysics
Of crossword puzzles, wait for the next
Sports season, and turn into sleep
Holding each others favorite flower,
Day, color, record, playing card.
When we wake, I want us to begin again
Never saying anything more lovely than garage door.

Einbildungskraft und Klugheit

Jack Ridls Gedichte sind entschleunigende Denkanstöße, oft melancholisch-humorvolle Meditationen über das, was wir gerne übersehen und über das, was Menschsein ausmacht. In seinen Gedichten zeigt sich, was Wallace Stevens, dem Ridl auch eine kleine Reverenz erweist, einmal gesagt hat:

Die Einbildungskraft kann die Klugheit der Philosophen übertreffen.

Buchinformation

Jack Ridl
Saint Peter and the Goldfinch
Wayne State University Press, 2019
Paperback, 128 Seiten
ISBN: 9780814346464

Mehr Information

Homepage von Jack Ridl
Podcast mit Jack Ridl
Interview mit Jack Ridl
Jack Ridl über Kindness (Liebenswürdigkeit)
Naomi Shihab Nye über Jack Ridl in der New York Times

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Vom Rettich und vom Schicksal

Der Schwarze Rettich (Raphanus sativus var. sativus) gehört zu den Kreuzblütlern und schmeckt gut zum Apéro mit kaltem Bier oder Rosé

Der Schwarze Rettich (Raphanus sativus var. sativus) schmeckt gut zum Apéro mit Bier oder Rosé

“What do I know of man’s destiny? I could tell you more about radishes.”

Kein geringerer als Samuel Beckett (13. April 1906 – 22. Dezember 1989) hat das gesagt. Wahrscheinlich war es eine Antwort auf die Frage eines Journalisten, der von Beckett wissen wollte, was unser aller Schicksal ist. Ich gebe zu, ich habe von Beckett nicht viel gelesen. Es ist keine leichte Lektüre. Mit Rettich kenne ich mich deutlich besser aus.

Becketts Freundschaft

Was mich beeindruckt hat vor einigen Jahren, war ein Buch, das zu Becketts 100. Geburstag rauskam: „Becketts Freundschaft“. Geschrieben hat es der Franzose André Bernold, der dem 73-jährigen Beckett, den er sehr verehrte, als junger Mann begegnet ist.

Wenn er eine Tür öffnete, schienen seine Hände den ganzen Körper zu erobern: Er beugte sich vor, horchte ab; legte den Handballen auf den Türflügel; tauchte plötzlich auf, schon aufgerichtet, mit seinem fragenden Schritt, wie verblüfft, kaum Widerstand begegnet zu sein.

Beckett muss im persönlichen Umgang zugänglich, freundlich und humorvoll gewesen sein. Was doch eher erstaunlich ist, wenn man dieses schwierige Genie nur von seinen Texten, Zeitungsartikeln oder ein paar Fotos kennt. Astrid Kuhlmey hat das Buch im Deutschlandfunk vor Jahren besprochen und war auch erstaunt, wie nah André Bernold den Leser*innen Beckett bringt. Die Rezension kann man hier noch online nachlesen.

Die teils bekannten, beeindruckenden Fotos von John Minihan ergänzen dieses wirklich schön gestaltete Buch aus dem Berenberg Verlag, das man gerne zur Hand nimmt.

Buchinformation

André Bernold
Becketts Freundschaft
Mit Fotografien von John Minihan
Aus dem Französischen von Ulrich Krafft
Berenberg Verlag, Berlin
ISBN 978-3-937834-10-8
112 Seiten, Fadenheftung

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Den Pestgott wegschwemmen

Den Pestgott lassen wir
wegschwemmen: – Halsen ihm auch noch
die Flöhe auf!

Einfach wegschwemmen

Wäre das nicht schön, wenn wir dieses elende Corona-Virus einfach so wegschwemmen könnten? Dasselbe hat wahrscheinlich auch der japanische Haiku-Dichter Issa (1763 – 1827) gedacht, als er dieses Haiku über den Pestgott während der Krankheit seines Vaters geschrieben hat. Und, typisch Issa, hat er noch eine Prise Humor hineingebracht.

Gelesen habe ich dieses Haiku vor ein paar Tagen in dem kleinen Band „Die letzten Tage meines Vaters“. Issa beschreibt in diesem Tagebuch, das einen Zeitraum von gut einem Monat umfasst, wie er seinen geliebten und verehrten Vater bis zu dessen Tod zuhause pflegt. Issa ist zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt und zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder daheim. Sein Vater, der vermutlich an einer Form des Typhus leidet, lebt mit Issas Stiefmutter und seinem Stiefbruder zusammen, die Issa nur Abneigung entgegenbringen.

Ach, mein Heimatdorf:
kommt man näher, spürt man umso mehr
die dornigen Rosen.

Trotz aller Schwierigkeiten und der Aussichtslosigkeit der Lage bleibt Issa bei seinem Vater und widmet sich rührend um ihn. In 31 Eintragungen hält der Dichter seinen Alltag fest: das Wetter, die bäuerlichen Verrichtungen und natürlich den Verlauf der Krankheit des Vaters. Dieser ist alles andere als ein vernünftiger, einsichtiger Kranker, vielmehr macht er dem Sohn die Pflege durch seine Sturheit sehr schwer. Issa beschreibt die Situation nüchtern ohne jede Schönfärberei, bisweilen sogar mit naivem Optimismus, der dann schnell wieder in blanke Hoffnungslosigkeit umschlägt.

23. Tag des 4. Monats

Ich hatte Vater eben noch beim Begießen der Auberginenstecklinge gesehen. Plötzlich aber bemerkte ich, daß er mit dem Gesicht der Erde zugewandt am Boden kauerte, und – was mochte er sich dabei nur gedacht haben? – seinen Rücken der prallen Frühlingssonne aussetzte. „Wieso liegt Ihr denn ausgerechnet hier, an einem so widerwärtigen Ort?“, fragte ich, Issa, während ich meinen Arm um ihn legte und ihm aufhalf. Erst später fiel mir ein, dies als böses Vorzeichen zu deuten: daß er hier zu Erde werden könne, wie die, aus der hier der Beifuß sprießt. Ist das ein Unglückstag!

Aber, und das ist eben Issa, inmitten des Unglücks, findet dieser besondere Haiku-Dichter, immer wieder Zeit und Muße, sein persönliches Erleben, seine Hoffnungen und Ängste, seinen Alltag als Pfleger in einem Haiku zum Ausdruck zu bringen. Das ist anrührend und tröstlich, und nicht selten fühlt man sich als Leser*in direkt angesprochen, hier und jetzt in diesen Corona-Zeiten, wo es mehr denn je auf Empathie und Zusammenhalt unter uns Menschen ankommt. Am 11. Tag des 5. Monats dichtet Issa dieses Haiku

Streitet euch nicht,
haltet zueinander,
ihr Zugvögel!

Rostsgänse beim Überflug zwischen Wurmlingen und Unterjesingen

Rostsgänse beim Überflug zwischen Wurmlingen und Unterjesingen. Gibt’s mit Kapelle als Postkarte hier.

Gut möglich, dass Issa hier nur die Zugvögel gemeint hat, die über seine ärmliche Hütte geflogen sind. Genauso gut könnte es aber auch sein, dass er uns Menschen gemeint hat. Ich nehme mir jedenfalls die Freiheit, das in dieses Haiku hineinzulesen. Schließlich sind wir alle Zugvögel auf der Durchreise?

Wie alle Haiku-Bücher aus der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung ist auch dieser Band zurückhaltend und stilvoll gestaltet. Immer wieder lockern Tuschezeichnungen aus Issas Feder die Seiten auf. Die Übersetzung stammt von G. S. Dombrady (1924 – 2006), einem der renommiertesten Japanologen und Haiku-Experten, der bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Japanologie an der Universität zu Köln inne hatte. Ein ausführliches Nachwort und erläuternde Anmerkungen für uns, die wir nicht so intensiv mit der japanischen Kultur vertraut sind, runden dieses gelungene Werk ab.

Was lest ihr gerade? Was hört ihr so? Was tut euch gut in diesen dramatischen Zeiten? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Passt gut auf euch auf!

N.K. | C.K.

Buchinformation

Kobayashi Issa
DIE LETZTEN TAGE MEINES VATERS
aus dem Japanischen mit einer Einführung und Anmerkungen von G. S. Dombrady
Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 1985
Gebunden, Leinen, 192 Seiten
ISBN 978-3-87162-003-4
leider nur antiquarisch

Ich hoffe sehr, dass der Verlag sich bald zu einer Neuauflage entscheidet. Und eigentlich wäre auch mal Zeit für eine deutsche Gesamtausgabe von Issa.

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Corona, Kunst, Humor, Solidarität

Das Internet wird in diesen Corona-Zeiten gerade zu geflutet mit aufmunternden Beiträgen und Solidaritätsadressen. Womit das Internet seiner ursprünglichen Idee wieder näher kommt, nämlich eine Plattform zu sein für Software und Information ohne jede Beschränkung des Zugangs und mit freiem Informationsfluss. Ihr ahnt es, das war vor Google, Facebook und den anderen Tech-Giganten.

Hier kommt ein sehenswerter Beitrag von Victoria Emes, der mir auf Twitter in die Timeline gespült wurde.

Macht’s gut, bleibt zuhause, bleibt gesund!