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Die Erbschaft der Gewalt – Buchvorstellung

Auch ein Erbe der Gewalt: Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Ecussols im Burgund. Foto: Norbert Kraas

Auch ein Erbe der Gewalt: Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Ecussols im Burgund. Foto: Norbert Kraas

Genug von den Weltkriegen!?

Meinen wir wirklich, mehr als 70 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, jetzt genügend Filme gesehen, genügend Bücher gelesen zu haben für die Aufarbeitung dieser furchtbaren Katastrophe? Hängt uns das Thema Zweiter Weltkrieg und Nazizeit gar zum Hals heraus? Wenn ein Mitglied des Deutschen Bundestags in einer Rede die Nazizeit (und damit auch den Zweiten Weltkrieg) als „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnet, so scheinen weitere Arbeiten, weshalb es zu zwei schnell aufeinanderfolgenden Weltkriegen kommen konnte, nicht mehr gefragt. Immer häufiger darf rechtes, geschichtsverfälschendes Gedankengut hinausposaunt werden – ohne Konsquenzen. Ein Indiz, dass es mit dem Geschichtsgbewusstein in unserer Gesellschaft bergab geht? Und entsteht gerade nicht der Eindruck, dass sich immer mehr Menschen von der deutschen Pflichtaufgabe eines geschichtsbewussten Erinnerns am liebsten abwenden würden? Dabei wäre diese Erinnerungsarbeit gerade jetzt, wo Europa sich im Dauer-Krisenmodus befindet, wichtiger denn je.

Krieg, Gewalt und ihre Folgen

„Die Erbschaft der Gewalt: Über nahe und ferne Folgen des Krieges“ heißt das neue Buch von Kurt Oesterle. In acht klugen, lehrreichen und gut lesbaren Aufsätzen geht der in Tübingen lebende Autor der Frage nach, wie lange Kriege nachwirken, und zwar mental, im Geist wie in der Psyche. Obwohl hinlänglich bekannt ist, dass das Vermächtnis des Ersten Weltkriegs den Nährboden für den Zweiten Weltkrieg bildete, erstaunt den Autor, wie dieser Erste Weltkrieg „hinter den noch düstereren Horizonten von Hitlerkrieg und Holocaust beinahe unsichtbar geworden“ ist. Daher untersucht er in ganz unterschiedlichen Ansätzen, wie das Trauma der Überlebenden des Ersten Weltkriegs – und zwar explizit nicht nur das der deutschen Kriegsteilnehmer – nachfolgende Generationen geprägt hat.

Vor dem Beinhaus von Douaumont: hier liegen 16123 gefallene Franzosen begraben. Foto: Norbert Kraas

Vor dem Beinhaus von Douaumont: hier liegen 16123 gefallene Franzosen begraben. Foto: Norbert Kraas

Ohne jemals thesenhaft oder belehrend zu wirken, arbeitet Oesterle, der selbst Literatur, Geschichte und Philosophie studiert hat, heraus, was von der Traumaforschung bestätigt wird: dass das Trauma immer weiter fortwirkt, wenn es nicht aufgearbeitet wird. Die zum Teil sehr persönlichen Erzählungen ergänzt Oesterle um wissenschaftliche Erkenntnisse. Das liest sich lehrreich und erschütternd zugleich: Allein für Deutschland veranschlagt man 600 000 auf unterschiedlichste Weise traumatisierte Soldaten des Ersten Weltkriegs. Enorm wichtig für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen sind die Folgen dieser Traumen:

„Längst geht man davon aus, dass Traumatisierungen hochansteckend sind und sich durch Wort und Bild leicht in andere hineinsenken lassen, auch transgenerational.“

Den Begriff Trauma möchte der Autor übrigens keinesfalls als Entschuldigung verstanden wissen. Er schreibt:

„Trauma heißt heute fast immer reduzierte Verantwortung und moralisch eingeschränkte Zurechnungsfähigkeit. Für mich hingegen ist das Trauma vor allem eine Kategorie, um Täterschaft zu definieren, denn nichts schreibt Gewaltbereitschaft von Generation zu Generation leichter und eindringlicher fort als das Trauma, und zwar in jener aggressiv politisierten Form, die in Deutschland nach 1918 verheerend war.“

Britische Dichter in der Schlacht an der Somme

In „Erbschaft der Gewalt“ finden sich bekanntere, aber auch völlig neue Perspektiven zum Erbe der Gewalt: So befasst sich Oesterle fundiert und intensiv mit der britischen Kriegserfahrung an der Somme-Front. Eine Erfahrung, die in Deutschland von einer breiteren Öffentlichkeit bis dato nicht wahrgenommen wurde. Die Gedichte der britischen „War Poets“, darunter hier zum Teil fast gänzlich unbekannte Dichter wie Harry Patch, Charles Sorley, Robert Graves, Wilfred Owen oder Siegfried Sassoon, um nur ein paar zu nennen, gehen unter die Haut – auch noch nach 100 Jahren. Exemplarisch sei hier das von Joachim Utz übersetzte Gedicht von Wilfred Owen „Strange Meeting“ zitiert, in dem sich ein deutscher und britischer Soldat im Massengrab treffen. Es bleibt offen, wer von beiden spricht:

„Ich bin der Feind, den du erschlugst, mein Freund.
Im Dunkeln gar erkenn’ ich dich: So hat dein Haß
durch mich hindurchgestiert, gestern, beim Todesstoß.
Ich wehrte mich, doch meine Hände waren kalt und willenlos.
Laß uns jetzt schlafen …“

Europäischer als die Brexit-Briten

Erstaunlich für Oesterle (und den Leser) ist das Verständnis, ja Mitgefühl, das die englischen Dichter-Soldaten für ihre deutschen Feinde hatten. Diese saßen ja meist in Sichtweite in ihren Gräben: im gleichen Dreck und mussten auch Hunger, Kälte, Hitze, Läuse und Ratten aushalten. Wie die deutschen Frontkämpfer litten auch die War Poets unter ihren Kriegstraumen, jahrzehntelang zum Teil:

„Zehn Jahre hat es laut Graves gedauert, bis sich sein Blut erholte. Oder seine Psyche – zehn Jahre bis der Körper, die Nerven, das Unbewußte alle Eindrücke des Krieges an das bewußt zugängliche Gedächtnis weitergaben.“

Die meisten im Buch zitierten Gedichte hat Oesterle selbst übersetzt, weil sie – bedauerlicherweise – bisher nicht übersetzt sind. Hier gibt es Lyriker zu entdecken! Der überzeugte Europäer Oesterle kommt am Ende dieses Essays zu einer beeindruckenden Erkenntnis mit überraschend aktuellem Bezug: Diese mit einem politischen Verstand gesegneten britischen Dichtersoldaten, die zu so vielen ihr Leben geopfert haben,

„waren um ein Vielfaches europäischer als die heutigen Brexit-Briten! Und, vielleicht ohne es damals noch ganz begriffen zu haben, Vorkämpfer eines Europa von gleichberechtigten Nationen. Dieses Europa wäre mit den Deutschen des Ersten Weltkriegs nicht zu machen gewesen! Denn die Deutschen strebten nach einem Europa unter ihrer Hegemonie; noch ein zweiter, weit furchtbarerer Krieg sollte nötig sein, sie – vorläufig endgültig – von diesem Streben abzubringen, bis sie sich mit einer Rolle als Nation unter anderen Nationen zufrieden gaben: der ersten und wichtigsten Voraussetzung einer europäischen Gemeinschaft, die lebenswert ist.“

Damit benennt Oesterle nicht nur die Opfer, die für Europa erbracht wurden, sondern vielleicht auch ein zentrales Problem, an dem Europa nach wie vor nagt: Jedes Land denkt am liebsten nur an sich.

Das Einzelschicksal im Fokus

Mit der eigenen Familiengeschichte befasst sich Oesterle gleich zu Anfang. Nach dem nicht hinreichend verarbeiteten Trauma des Großvaters macht die geschichtsverfälschende Propaganda der Nazis auf diesen Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs keinen Eindruck mehr. Er kann jedoch nicht verhindern, dass seine beiden Söhne mit großer Begeisterung für Hitler und seine Schergen in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Der eine Sohn wird nicht zurückkehren, der andere, Oesterles Vater, erst spät seinen Fanatismus erkennen und bitter bereuen.

Kurt Oesterle: „Der steinerne Turm ist einer Granate nachgebildet [...]“. Beinhaus von Douaumont bei Verdun. Foto: Norbert Kraas

Kurt Oesterle: „Der steinerne Turm ist einer Granate nachgebildet […]“. Beinhaus von Douaumont bei Verdun. Foto: Norbert Kraas

Im zweiten Essay beschreibt Oesterle, warum die Schlacht um Verdun und ihre Folgen auf keinen Fall in Vergessenheit geraten darf. Er befasst sich ausführlich mit dem Schlachtverlauf und dem Umgang mit der Erinnerung an diese größte Schlacht des Ersten Weltkriegs. Für diesen klugen Autor ist klar, „daß der Gesamtkomplex »Verdun« sehr viel Anschauungsmaterial zum Thema Zivilisationsgefährdung enthält“. Oesterle lässt dabei neben französischen Denkern auch den deutschen Frontsoldaten und Schriftsteller Arnold Zweig zu Wort kommen und empfiehlt dessen Roman „Erziehung von Verdun“ ausdrücklich als Reisebegleiter nach Verdun.

Sensibles Sprachgefühl

Auch in den anderen fünf Essays zieht Oesterle den Leser mit seiner sprachlichen Erzählkraft sehr rasch in den Bann. Ob er nun die „heimliche deutsche Hymne“, nämlich das volkstümliche Kriegslied „Der gute Kamerad“ beleuchtet oder an sehr persönlichen Porträts wie jenem von Gregor Dorfmeister, dem Autor des Romans „Die Brücke“, deutlich macht, wie schwierig die Bewältigung unaussprechlicher Erlebnisse sein kann. Sehr bewegend ist auch das Bild, das Oesterle auf gerade mal fünf Seiten von Lothar Pfeiffer zeichnet. Pfeiffer war Wehrmachtssoldat, der sich 1942 vor Kiew weigerte, russische Frauen und Kinder zu erschießen: er schoss in den Boden und riskierte sein eigenes Leben. Noch Jahre nach dem Krieg war er so traumatisiert, dass er nicht darüber sprechen konnte.

Für Tübinger, die historisch interessiert sind, ist dieses Buch geradezu ein Muss. Denn im letzten Aufsatz geht Oesterle dem Schicksal von Soldaten aus Lustnau nach, einem Teilort von Tübingen. Mit diesen führt er den Leser noch einmal an die Fronten des Ersten Weltkriegs und bettet auf sehr nachdrückliche, berührende Weise lokale Geschichte ins Weltgeschehen ein.

Das Buch überzeugt: der Autor präsentiert genau recherchierte Fakten mit sensiblem Sprachgefühl und einer erzählerischen Lebendigkeit, die gerade bei historischen Stoffen keine Selbstverständlichkeit ist. Nach der Lektüre wird es wohl kaum jemanden geben, der nicht davon überzeugt ist, dass wir uns weiter mit der Kriegsgewalt und ihren Folgen zu beschäftigen haben. Sie gehört, so Oestele, immer wieder „kommuniziert, sprich: in irgendeiner Form weitererzählt und von einem zuhörenden anderen mit Anteilnahme aufgenommen und lebhaft widergespiegelt“.

Diesem Buch sind viele Leser*innen zu wünschen. Und es bleibt zu hoffen, dass es Oesterles Buch in naher Zukunft auch in französischer und englischer Sprache geben wird. „Die Erbschaft der Gewalt“ leistet einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung.

Kurt Oesterle bei der Vorstellung von „Die Erbschaft der Gewalt“ im Tübinger Zimmertheater. Foto: Norbert Kraas

Kurt Oesterle bei der Vorstellung von „Die Erbschaft der Gewalt“ im Tübinger Zimmertheater. Foto: Norbert Kraas

Informationen zum Buch

Kurt Oesterle
Die Erbschaft der Gewalt. Über nahe und ferne Folgen des Krieges
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen, 2018
204 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen
ISBN: 978-3-86351-469-3

Wer sich über den Autor infomieren möchte, kann dies auf seiner Homepage hier tun. Und, liebe Lehrerinnen und Lehrer, Kurt Oesterle liest auch an Schulen.

N.K, C.K.

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Es trümmert und wankt – Hölderlin 2018

Noch bis 2019 wird er renoviert, der Hölderlinturm in Tübingen

Noch bis 2019 wird er renoviert und zur Zeit nur mit Gerüst zu bewundern: Hölderlinturm in Tübingen

Heute vor 175 Jahren, am 7. Juni ist Friedrich Hölderlin im Alter von 73 Jahren in Tübingen gestorben. Der Hölderlinturm am Neckar, in dem er fast 40 Jahre in der liebevollen Obhut der Familie Zimmer lebte, wird zur Zeit renoviert und bleibt voraussichtlich noch bis Ende 2019 für die Besucher*innen geschlossen. Wer den Hölderlinturm ohne Gerüst bewundern und fotografieren möchte, braucht also ein wenig Geduld. Ganz ohne Gerüst gibt es das Wahrzeichen Tübingens auf der Website Schöne Postkarten. Dort steht auch, wo man die besonderen Hölderlin-Postkarten in Tübingen erwerben kann.

Wer sich für Hölderlins Gedichte interessiert und diese noch nicht gedruckt im Regal stehen hat, dem sei die 2005 erschienene Ausgabe „Friedrich Hölderlin: Sämtliche Gedichte“ (Hg. Jochen Schmidt) empfohlen. Sie enthält, textkritisch geprüft, alle Gedichte Hölderlins in chronologischer Folge. Dazu bietet diese Ausgabe Erläuterungen sowie Überblickskommentare zu den bedeutenden und komplexen Gedichten.

Sehr lesenswert ist auch die Hölderlin-Biografie von Wilhelm Waiblinger aus dem Jahr 1827/28: „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn“. Der Tübinger Autor Kurt Oesterle hat Waiblingers Biografie 2017 herausgegeben und mit einer klugen Einführung versehen. Der schmale Band bringt einem nicht nur den Dichter und Menschen Hölderlin näher, sondern auch die Stadt Tübingen.

Tübingens Wahrzeichen an einem sonnigen Morgen

Tübingens Wahrzeichen an einem sonnigen Wintermorgen

Hölderlin-Büste außen am Hölderlin-Turm in Tübingen

Hölderlin-Büste außen am Hölderlin-Turm in Tübingen

Hölderlin-Veranstaltungen 2018 in Tübingen

Im Jahr von Hölderlins 175. Todestag bietet der Fachbereich Kunst und Kultur der Stadt Tübingen ein interessantes Veranstaltungsprogramm. Heute, am 7. Juni 2018, führt die Literaturwissenschaftlerin und kommissarische Leiterin des Hölderlinturms Helge Noack zu den Tübinger Orten, an denen Hölderlin und seine Zeitgenossen gewirkt haben. Treffpunkt ist um 17.30 Uhr am Taubenhaus auf der Platanenallee am Neckar. Am 15. Juni, 20. Juli und 8. September gibt es dann literarisch-musikalische Stocherkahnfahrten auf Hölderlins geliebtem Neckar. Alle Themen und Termine kann man hier einsehen.

Stocherkahn auf dem Neckar vor dem Hölderlinturm

Stocherkahn auf dem Neckar vor dem Hölderlinturm

Buchinformationen

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Gedichte
Herausgeber: Jochen Schmidt
Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch 4, 2004
ISBN: 978-3-618-68004-8

Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderins Leben, Dichtung und Wahnsinn
Herausgeber: Kurt Oesterle
Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen, 2017, 120 Seiten
ISBN 978-3-86351-450-1

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Freitagsfoto: Haiku für ein Sofa in Tübingen

Wo in Tübingen steht dieses Sofa?

Die Mauer erzählt
Geschichten – auf dem Sofa
hört keiner zu

Wer schreibt mir, per Mail oder hier im Kommentar, wo genau in Tübingen dieses Sofa steht? Die ersten Drei mit der richtigen Antwort dürfen sich je 5 Motive aus unserer Serie Schöne Postkarten aussuchen.

Viel Glück!

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Karl Poralla: Mikrobiologie und Eisenzeit

Karl Poralla (30.5.1938 – 21.10.2016): Professor für Mikrobiologie und Künstler

Karl Poralla (30.5.1938 – 21.10.2016): Professor für Mikrobiologie und Künstler

Heute wäre der Freund, Künstler und frühere Tübinger Professor der Mikrobiologie Karl Poralla 80 Jahre alt geworden. Seine ehemalige Doktorandin, die Biologin und Philosophin Prof. Dr. Nicole C. Karafyllis, die an der TU Braunschweig lehrt, hat ihm deshalb das dieser Tage erschienene Buch „Theorien der Lebendsammlung. Pflanzen, Mikroben und Tiere als Biofakte in Genbanken“ (hg. von Nicole C. Karafyllis) gewidmet. Eine schöne Geste zu Ehren eines engagierten Wissenschaftlers und Doktorvaters, der nie im Elfenbeinturm zuhause war und sich für so viele Dinge neugierig und kritisch interessiert hat. Nicht zuletzt hat Poralla als Eisenplastiker ästhetisch anspruchsvolle, bleibende Werke geschaffen.

Ohne Titel. Eisenplastik von Karl Poralla

Ohne Titel. Eisenplastik von Karl Poralla

Eisenzeit

„Es war an einem Regentag, als Poralla mir seine Plastiken zeigte. Auf der Fahrt nach Entringen hatte ich über die Geschichte des Werkstoffs Eisen sinniert, der nach Stein und Bronze einer Zeit den Namen gab, die hierzulande mit den Kelten Einzug hielt. (izan hieß das Wort in ihrem Mund) und die nach dem Dreiperiodensystem solange dauerte, wie Eisen der vorherrschende Rohstoff für Werkzeuge und Waffen war. War? Sagte mir nicht das Motorengeräusch, der mich umgebende Stahl, auf den der Regen trommelte: wir leben in der Eisenzeit? Eine vierte Periode nach der dritten ist nicht vorgesehen: kein Plastik-, kein Computer-, kein Kommunikationszeitalter. Eisenzeit! Poralla zeigte mir mit Vaterstolz seine Plastiken. Da hatte ich es vor mir, das Zeitalter, zerlegt in seine anatomischen Klein- und Kleinstelemente vom Baggerzahn bis zum Bolzen, vom brachialen Fräskopf zum schmiedeeisernen Radreifen: Maschinenschrott vorwiegend, Teile eines krafterzeugten-krafterzeugenden Systems, die das Ganze am Laufen, Dampfen: zusammenhielten oder als Werkzeuge dienten, auf-gelesen an Bahndämmen, Schrotthalden, am Strand von Gomera und anderswo, Trouvaillen, Glücks (nicht Zufalls-)funde, die über den Suchenden so viel verraten wie über sich selbst. Er ist auf Stücke aus, die sich fügen können: als Part/Widerpart, Post/Kontrapost in einem Ensemble, das in dramatischem Widerspruch der Formen, Kräfte auf Ausgleich ringt. […]“

So schreibt der Publizist Gerhard Oberlin im Dezember 1992 im Vorwort zu einem schmalen Band, den Karl Poralla gemeinsam mit dem Tübinger Lyriker und Übersetzer Kay Borowsky im Breitenholzer Igelverlag veröffenlicht hat. Borowsky hat sich von Porallas Plastiken zu haikuartigen Vierzeilern inspirieren lassen, die mit den Kunstwerken in Dialog treten. Das kleine Buch ist eine lesens- und sehenswerte Kooperation zweier sympathischer und bescheidener Künstler.

„Gehalten‟ , Eisenplastik von Karl Poralla, die heute sein Grab in Entringen bei Tübingen ziert.

„Gehalten‟ , Eisenplastik von Karl Poralla, die heute sein Grab in Entringen bei Tübingen ziert.

Zu dieser Plastik dichtet Kay Borowsky:

Endlich Morgenlicht,
ein Schwalbenflügel näht
zerstückten Traum zusammen.
Die Haut der Erde glänzt.

Buchinformationen

Nicole Christine Karafyllis (Hrsg.):
Theorien der Lebendsammlung – Pflanzen, Mikroben und Tiere als Biofakte in Genbanken
Verlag Karl Alber, 2018
ISBN: 978-3-495-48975-8

Karl Poralla: Plastiken · Kay Borowsky: Gedichte
Breitenholzer Igelverlag, 1992
ISBN 3-9802434-7-8
(nur noch antiquarisch erhältlich)

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„Zu wild, zu bang…“ – Friedrich Hölderlin zur DSGVO

Hölderlin-Büste außen am Hölderlin-Turm in Tübingen. © www.schoenepostkarten.de

Hölderlin-Büste außen am Hölderlin-Turm in Tübingen. © www.schoenepostkarten.de

Ab heute, 25.5.2018, gilt die neue Datenschutzgrundverordnung DSGVO. Was es damit auf sich hat, und wie rechtssicher das alles ist, darüber gibt es bald so viele Meinungen, wie es Internetseiten gibt. Ich halte mich also zurück und weise alle geschätzten Leserinnen und Leser auf unsere aktuellen Datenschutzrichtlinien sowie unser Impressum hier im Reklamekasper hin.

Ein Zitat will ich jetzt aber doch noch bringen. In einer aktuellen Broschüre des Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz heißt es:

„Gleichwohl birgt die Datenschutz-Grundverordnung eine Reihe juristischer Unschärfen und/oder Regelungslücken. Die notwendige Rechtssicherheit und -klarheit werden voraussichtlich erst gerichtliche Verfahren auf nationaler Ebene oder vor dem Europäischen Gerichtshof bringen.“ (Quelle: DeineDatenDeineRechte)

Hölderlin im Turm

Wer von der DSGVO genug hat und sich lieber näher mit Friedrich Hölderlin und seiner Zeit im Turm am Neckar befassen möchte, dem sei ein sehr lesenswerter Aufsatz des Tübinger Autors Kurt Oesterle empfohlen, den man hier online lesen oder als pdf-Datei herunterladen kann. Es lohnt sich!

 

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22. Mai 1998 – für C.

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“We owned a garden on a hill,
We planted rose and daffodil,
Flowers that English poets sing,
And hoped for glory in the Spring.
We planted yellow hollyhocks,
And humble sweetly-smelling stocks,
And columbine for carnival,
And dreamt of Summer’s festival.
And Autumn not to be outdone
As heiress of the summer sun,
Should doubly wreathe her tawny head
With poppies and with creepers red.
We waited then for all to grow,
We planted wallflowers in a row.
And lavender and borage blue, –
Alas! we waited, I and you,
But love was all that ever grew.”

aus: Vita Sackville-West: Poems of West & East, 1917

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Freitagsfoto: DSGVO

Das wunderbar deutsche Bürokratenwort Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und alles, was damit zusammenhängt, bringt die Netzgemeinde enorm in Wallung. Ganz ruhig bleibt die Staatsministerin für Digitales und Apple-Fan, Dorothee Bär, von der ich in dieser Sache noch nichts Substantielles gehört habe. Nach allem, was ich bis jetzt gelesen habe, ist die DSGVO ein Muster für juristisches Over-Engineering und bereitet vor allem kleineren Webseiten-Betreibern schlaflose Nächte, während die Abmahnanwälte schon freudig mit den Hufen scharren.

Alex von 1337core zeigt, wie man die DSGVO perfekt umsetzt: einfach auf das Bild klicken:

DSGVO perfekt umsetzt. Screenshot: 1337core

DSGVO perfekt umsetzt. Screenshot: 1337core

Schönes Wochenende!

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Freitagsfoto: Olympia in Tübingen

Ja, wo hängen sie denn?

Rund 2500 Kilometer sind es von Tübingen nach Olympia zum Heiligtum des Zeus im Nordwesten der Halbinsel Peleponnes. Olympisches Flair mit etwas Patina gibt es aber auch ganz in der Nähe. Wer schreibt mir, wo in Tübingen diese olympischen Ringe hängen? Die ersten Drei mit der richtigen Antwort dürfen sich 5 Motive aus unserer Serie Schöne Postkarten aussuchen. Ich bin gespannt!