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Sind Flüsse Lebewesen?

Wäre es nicht schön, man könnte in allen Flüssen unbesorgt schwimmen?

Wäre es nicht schön, man könnte in allen Flüssen unbesorgt schwimmen?

Robert Macfarlane, Jahrgang 1976, ist Professor für Literatur an der Universität Cambridge und einer der bekanntesten Naturschriftsteller (Nature Writer) in englischer Sprache. Seine Bücher „Karte der Wildnis“, „Alte Wege“ oder „Unterland“, um nur ein paar zu nennen, sind mit vielen Preisen ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt worden.

Macfarlane schreibt über die Natur, über Pflanzen, Tiere und Menschen darin. Ihn interessieren die Geschichten, die Landschaften, Berge, Flüsse, Bäume oder Wege erzählen. Auf seinen ausgedehnten, manchmal gefährlichen Wanderungen, ob zu Fuß oder im Kanu, trifft er die verschiedensten Menschen; und auch deren Geschichten sind ihm wichtig. Aus all diesen Begegnungen und Erfahrungen macht Macfarlane Bücher, die uns allein durch ihren Ton und ihren Rhythmus in Bann ziehen.

Sind Flüsse Lebewesen?

In seinem neuesten Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“ geht der genaue Beobachter und beneidenswert fitte Schriftsteller der Frage nach, ob Flüsse einfach nur Wasser sind, in dem allerhand kreucht, fleucht und schwimmt oder doch eigene Lebewesen. Und wenn Flüsse Lebewesen sind, haben sie dann auch eigene, einklagbare Rechte? Zum Beispiel, das Recht, nicht von uns Menschen verschmutzt zu werden?

„Als ich einmal morgens meinen Sohn Will zur Schule brachte, fragte er mich, wie mein neues Buch heißen wird. »Sind Flüsse Lebewesen?«, antwortete ich. »Hm, Papa, das wird ein kurzes Buch«, sagte er dann, »denn die Antwort ist Ja!«“

In Deutschland zählt das Umweltbundesamt fast 9.000 Wasserkörper. Diese Flüsse haben zusammen eine Gesamtfließlänge von über 130.000 Kilometern. Nimmt man alle keinen Bäche und Rinnsale dazu, kommt man auf rund 15.000 Gewässer, von denen etwa 900 länger als 10 Kilometer sind. Und:

„Nur 8 Prozent der deutschen Flüsse sind in einem guten oder sehr guten ökologischen Zustand.“

So das Umweltbundesamt. Angesichts der zunehmenden Trinkwasserproblematik sind das keine guten Nachrichten. Dabei bemühen sich viele engagierte Menschen um das Wohl unserer Flüsse. Ob es helfen würde, wenn Flüsse in Deutschland als Lebewesen mit eigenen Rechten anerkannt wären?

Wem es schwerfällt, einen Fluss als Lebewesen zu betrachten, dem rät Macfarlane in seinem Buch, sich einen toten oder sterbenden Fluss vorzustellen. Ich musste an dieser Stelle an einen Bach in meiner Geburtsstadt denken. Dieser Bach verfärbte sich regelmäßig, je nachdem, welche Stoffe die Firma gerade färbte, die direkt am Bach ihren Sitz hatte. Aus heutiger Sicht ein Unding, für uns Kinder damals war es fast normal.

Ecuador, Indien, Kanada

In seinem bisher persönlichsten Buch nimmt uns Robert Macfarlane mit zu drei Flüssen in Ecuador, Indien und Kanada. Alle drei Flüsse sind in ihrer Existenz von uns Menschen bedroht.

In Norden von Ecuador wandern wir mit Biologen, Juristen und Umweltschützern zum Quellgebiet des Río Los Cedros, der durch den Goldabbau im enorm artenreichen Nebelwald Los Cedros massiv bedroht ist. Wie übrigens viele Flüsse und Seen in Mittel- und Südamerika. Wo Gold lockt, ist den meisten Menschen die Natur egal. Auch in Ecuador, obwohl dieses Land „Die Rechte der Natur“ im September 2008 in seine neue Verfassung aufgenommen hat. Weltweit ein Novum damals.

Die nächste Station im Buch ist Chennai im Osten Indiens. Drei Flüsse münden dort in den Indischen Ozean: Kosasthalaiyar, Coocum, Adyar. Diese Flüsse spielten über Jahrhunderte eine wichtige, nicht zuletzt spirituelle Rolle für die Menschen. Heute sind diese Flüsse faktisch tot und auch das Marschland im Mündungsgebiet ist maximal gefährdet. Niemand steigt dort freiwillig in den Fluss. Macfarlane schildert eine dystopische Landschaft, in der dennoch Millionen Menschen leben und überleben müssen.

„Jeden Tag werden schätzungsweise 55 Millionen Liter Abwasser in die Gewässer der Stadt geleitet.“

Im dritten Kapitel seines Buches begleiten wir Macfarlane auf einer körperlich herausfordernden Kanufahrt durch den Nordosten Kanadas auf dem wilden Mutehekau Shipu (Magpie River). Dieser Fluss fließt durch das Land der Innu, die sich als indigene Bewegung mit aller Kraft dagegen stemmen, dass „ihr“ Fluss von Staudämmen, die große Konzerne dort bauen wollen, als „Lebewesen“ zerstört wird. Der Rat der Innu hat den Mutehekau Shipu und dessen Einzugsgebiet im Januar 2021 als ersten Fluss Kanadas zum Lebewesen erklärt – mit eigenen Grundrechten. Ein Meilenstein im Naturschutz!

„Dieser Erfolg verdankte sich vor allem einer Dichterin und Aktivistin der Innu: Rita Mestokosho, die ihre Dichtung und politische Arbeit eng miteinander verbindet.“

Macfarlane portraitiert diese tief beeindruckende, weise Frau in wunderbar poetischen Passagen. Und Rita lässt keinen Zweifel daran, dass Flüsse Lebewesen mit einer Seele sind, die zu den Menschen sprechen. Wir können uns vermutlich kaum vorstellen, wie sehr es die indigene Bevölkerung schmerzen würde, wenn der Mutehekau Shipu durch einen Staudamm des Konzerns Hydro-Québec zerstört würde.

Die Natur anders sehen

Haben nicht auch Biber, hier im südfranzösischen Gardon, ein Recht auf saubere Flüsse?

Haben nicht auch Biber, hier im südfranzösischen Gardon, ein Recht auf saubere Flüsse?

Engländern sagt man nach, sie würden auch die schlimmsten Dinge mit ihrer berühmten Stiff Upper Lip ertragen. Bloß keine Gefühle zeigen, lautet die Devise auf der Insel. Macfarlane tut das Gegenteil. Er hat keine Angst vor seinen Gefühlen. Dementsprechend ist das Buch an etlichen Stellen sehr persönlich und berührend. Das ist ungewohnt, aber stimmig, wenn man sich darauf einlässt.

„Sind Flüsse Lebewesen?“ ist eine Einladung, ja eine dringliche Bitte, die Natur um uns herum, angefangen bei den Flüssen, mit anderen Augen zu sehen: nicht nur als Ressource und Besitz, sondern als eigenständiges Wesen. Wie der Autor auf 340 Seiten Naturschilderungen, Naturgeschichte, philosophische, literarische und mythologische Aspekte und dazu juristische Überlegungen kunstvoll miteinander verknüpft, ist beeindruckend. Robert Macfarlane hat ein wichtiges Buch geschrieben, das nachwirkt. Spätestens bei der nächsten Begegnung mit einem Bach oder Fluss oder Strom kommt, ganz leise, die Frage auf: „Sind Flüsse Lebewesen?“

NK | CK

Buchinformation

Robert Macfarlane
Sind Flüsse Lebewesen?
Ullstein Verlag, Berlin, 2025
416 Seiten, Hardcover
ISBN: 9783550202506

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Freitagsfoto: Libelle

Rund 85 Libellenarten gibt es in Mitteleuropa. Dies hier ist ein Kleiner Blaupfeil (Orthetrum coerulescens)

Rund 85 Libellenarten gibt es in Mitteleuropa: hier ein Kleiner Blaupfeil (Orthetrum coerulescens)

Wir fließen –
das Wasser,
die Libelle und ich.

Ein Haiku von Taneda Santōka (* 3. Dezember 1882; † 11. Oktober 1940)

Wir wünschen ein schönes langes Wochenende!

CK | NK

Buchinformation

Weisse Tautropfen: 300 Haiku zu Regen, Nebel und Meer …
ausgewählt und übertragen von Ute Guzzoni und Michiko Yoneda
Taschenbuch, Parerga Verlag, Berlin, 2006
ISBN: 3937262423
leider nur noch antiquarisch erhältlich

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Wenn der Hund Zeitung liest

Bis zu 300 Millionen Riechzellen hat ein Hund, der Mensch hat lächerliche 5 Millionen

Bis zu 300 Millionen Riechzellen hat ein Hund, der Mensch grade mal 5 Millionen

Morgenrunde
das Terriermädchen liest Zeitung –
Hecke für Hecke

Kranō

Mit ihrem außergewöhnlichen Geruchssinn nehmen Hunde ihre Umwelt sehr stark über ihre Nase war. Hunde besitzen aber nicht nur ein Vielfaches an Riechzellen, sondern sie setzen beim Riechen auch eine spezielle Atemtechnik ein.

„Beginnt ein Rettungshund mit der Suche nach einem Opfer atmet er beim intensiven Schnüffeln bis zu dreihundertmal pro Minute ein und aus. (…) Die Verwirbelung der Luft ermöglicht das Erkennen winziger Mengen an Duftmolekülen.“ (IRO)

Wer mehr über die phantastischen Riechfähigkeit von Hunden wissen möchte, dem sei die Website der Internationalen Rettungshunde Organisation empfohlen. Hier geht’s zum Artikel. 

NK | CK

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Freiheit statt Abhängigkeit

Der Dealer hat geschlossen! Tote Zapfsäulen in einem Dorf in Frankreich

Der Dealer hat geschlossen! Tote Zapfsäulen in einem Dorf in Frankreich

Das Freiheitsmärchen

Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch verteidigt. Das sagte sinngemäß vor vielen Jahren der SPD-Politiker Peter Struck, der von 2002 bis 2005 Verteidigungsminister war. „Freie Fahrt für freie Bürger“ tönte 1974 der ADAC nach der Ölkrise 1973. Vier autofreie Sonntage waren die Hölle für die Autonation; ein geplantes Tempolimit musste mit allen Mitteln verhindert werden. Die damalige Bundesregierung hat nach der ADAC-Kampagne schnell davon Abstand genommen. Bis heute traut man sich Berlin an dieses Thema nicht mehr ran. Es ist verrückt.

Auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ist eine Freiheitskämpferin. Sie blitzt und strahlt, wenn sie davon spricht, dass in deutschen Heizungskellern endlich wieder Freiheit herrsche, nämlich die Freiheit auf Öl und Gas zu setzen. Zur Hölle mit der Habeck’schen Teufelsmaschine Wärmepumpe. Dass der Wirkungsgrad der Wärmepumpe den einer konventionellen Gas- oder Ölheizung um Längen schlägt, spielt keine Rolle.

Was ist da los? Warum blockiert eine Bundesregierung nach der anderen wider besseres Wissen die Energiewende, wo sie nur kann? Warum kommt Frau Reiche ständig mit ihrem technologieoffenen Märchen vom grünen Wasserstoff und der Bio-Treppe (was für ein Polit-Marketing-Blabla!) für den Heizungskeller um die Ecke? Warum geht es in Deutschland mit der Energiewende so wenig voran wie mit der Mobilitätswende? Warum sieht eigentlich kaum jemand unsere fossile Abhängigkeit als Gefahr für unsere nationale Sicherheit? Und wer profitiert eigentlich von unserer Abhängigkeit von Öl und Gas?

Die Sicherheitslüge

Diese Fragen und noch viele mehr haben sich die beiden Journalistinnen Dr. Susanne Götze (SPIEGEL) und Annika Joeres (DIE ZEIT, Correctiv.org) gestellt und zwei wichtige Bücher geschrieben. Das neueste heißt »Die Sicherheitslüge. Wie Europa sich mit Waffen schützen will – aber mit Öl und Gas erpressbar macht.«

Es ist eine schmale Streitschrift mit grade mal 112 Seiten, vollgepackt mit Fakten und Argumenten.

„Unser unersättlicher Hunger nach Öl und Gas hat schon immer Leben gefährdet, weil ihre Verbrennung den Klimawandel anheizt. In der veränderten geopolitischen Lage stellen sie jedoch ein ganz anderes, unmittelbares Sicherheitsrisiko dar: Weil wir sie importieren müssen sind wir erpressbar, weltpolitisch geschwächt und verletzlich. Fachleute haben für solche Zwänge einen Begriff: »weaponizable dependencies«, Abhängigkeiten, die als Waffe eingesetzt werden können. Die EU deckt über 90 Prozent ihres Gas- und Ölbedarfs durch Importe, nur ein winziger Bruchteil stammt aus eigenen Vorkommen. Ohne Energie aus dem Ausland wäre Deutschland ein Agrarland. Und kein Exportweltmeister.“

Warum Öl und Gas ein Sicherheitsrisiko sind, zeigen drei Beispiele. Der Kampfpanzer Leopoard 2 verbraucht auf 100 Kilometer im Gelände bis zu 530 Liter Diesel. Ein Kampfjet neuester Bauart verbrennt je nach Einsatz pro Stunde zwischen 2000 und 6000 Liter Kerosin. Ein moderner Traktor schluckt je nach Motorleistung bis zu 50 Liter Diesel pro Stunde.

Hält man sich diese Zahlen vor Augen, wird schnell deutlich, was für mächtige Waffen Öl und Gas in der Geopolitik sind. Putin weiß das, Trump weiß das, die Öl und Gas exportierenden Autokraten auf der arabischen Halbinsel wissen das schon lange. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland fast 98 Prozent seines Ölbedarfs aus dem Ausland deckt, müssten die Mitglieder unserer Bundesregierung eigentlich Tag und Nacht fieberhaft darüber nachdenken, wie wir schnellstmöglich aus der Abhängigkeit von Öl und Gas rauskommen. Denn diese Abhängigkeit gefährdet nicht nur unser gesamtes ziviles Leben, sondern eben auch die militärische Sicherheit Deutschlands.

Die beiden Investigativ-Journalistinnen werfen der EU-Kommission und der Bundesregierung vor, dass sie konsequent Warnungen vor der fatalen Abhängigkeit von Öl und Gas ignorieren. Und diese Warnungen, so Götze/Joeres, kommen etwa von klugen, weitsichtigen Politikern wie Mario Draghi oder vom Bundesnachrichtendienst BND, der 2025 die fünf größten Risiken für Deutschlands Sicherheit definiert hat:

„Drei davon hängen direkt mit unserer Abhängigkeit von fossilen und importierten Ressourcen zusammen: die Klimakrise, weitere russische Invasionen und Chinas weltweite Expansion.“

Weniger Abhängigkeit, mehr Sicherheit, auf diese Formel bringen es der BND und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in einer gemeinsamen Studie.

Deutschlands Verletzbarkeit

Götze und Joeres zeigen schonungslos die Verletzbarkeit Deutschlands in verschiedenen Bereichen, wobei der Schwerpunkt auf Militär und Sicherheit liegt. Sie nehmen sich die Bedrohungen von innen und außen näher vor. Dabei geht es um die Feinde der Demokratie im In- und Ausland. Diese Feinde wollen nicht, dass Deutschland und Europa unabhängig von Öl und Gas werden.

„Diese Feinde werben für billiges Öl und Gas und bekämpfen die Energiewende. Sie lehnen demokratische Werte wie Presse- und Meinungsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung, Pluralismus und Toleranz ab.“

Putin, Trump, die Manager fossiler Konzerne: sie alle wollen keine Solar- oder Windenergie, sie alle bezweifeln oder leugnen den menschengemachten Klimawandel. Wie die Tech-Oligarchen aus dem Silicon Valley und die rechtsextremen Parteien – halten sie wenig von Demokratie und Menschenrechten. Anstand und Menschlichkeit gelten diesen Akteuren als Schwäche. Das Blöde ist: durch unsere Abhängigkeit von fossiler Energie spülen wir Geld in die Kassen dieser Leute und helfen ihnen, unsere Demokratie zu zerstören. Die beiden Autorinnen machen dies Seite für Seite in sachlich-nüchternem Ton deutlich, alles sauber recherchiert mit Fußnoten und Verweisen.

Unabhängigkeit bedeutet Souveränität

Wie wir aus diesem Abhängigkeit rauskommen? Darum geht es im letzten Kapitel. Klar ist: Europa braucht schnell eine starke unabhängige Energieindustrie. Unabhängig auch von China, das alles daran setzen wird, in Sachen Windkraft, Solartechnik, E-Auto und Wärmepumpentechnik den Weltmarkt gnadenlos zu dominieren.

„Schafft es die EU nicht, in den kommenden Jahren eine eigene Solar- und Windkraftindustrie aufzubauen, könnte das umgekehrt das vorläufige Ende der Ende der Energiewende bedeuten. Denn nicht nur Solarmodule, sondern auch Komponenten für die Windkraftanlagen, Batterietechnik und Elektrolyse für die Wasserstoffherstellung kommen aus China.“

Deutschland war mal auf dem Weg eines der führenden Länder im Bereich „Technologien zur Gewinnung erneuerbarer Energien“ zu werden. Dieser Weg wurde nicht zuletzt unter der Regierung Merkel und ihrem Wirtschaftsminister Altmaier mit mächtigen Steinen zugeschüttet. Staatssekretärin von Peter Altmaier war: Katherina Reiche.

NK | CK

Buchinformation

Susanne Götze, Annika Joeres
Die Sicherheitslüge. Wie Europa sich mit Waffen schützen will – aber mit Öl und Gas erpressbar macht
oekom Verlag, 2025, 112 Seiten, Softcover
ISBN: 978-3-98726-197-8

PS: Wer sich ausführlicher mit diesem hochaktuellen Thema beschäftigen möchten, dem empfehlen wir auch das Buch »Die Milliarden-Lobby. Wer uns von Öl und Gas abhängig macht« von Susanne Götze und Annika Joeres. Es lohnt sich, weil es nicht nur unsere gefährliche Abhängigkeit beleuchtet, sondern detailliert aufzeigt, welche Interessen, welche Lobby-Gruppen und vor allem, welche Politiker (es sind fast nur Männer) ein Interesse daran haben, dass wir weiter auf Teufel komm raus Öl und Gas verbrennen. Wer das Buch liest, wird auf viele bekannte Namen aus CDU, SPD und FDP stoßen.

Die Milliarden-Lobby ist ein gründlich recherchiertes und spannend geschriebes Buch. Hier der Astrophysiker Prof. Dr. Harald Lesch:

Fazit: Lesen lohnt sich!

Buchinformation

Susanne Götze, Annika Joeres
Die Milliarden-Lobby. Wer uns von Öl und Gas abhängig macht
Piper Verlag München, 2025, 288 Seiten Hardcover
ISBN: 978-3-492-07331-8

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update 26.5.2026

Die beiden Autorinnen Susanne Götze und Annika Joeres schreiben auch einen kostenlosen Rundbrief zum Thema Öl, Gas, Fossilindustrie, den man hier lesen und abonnieren kann.

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Eisheilig schön

Selbst die Eisheiligen können dem Zauber der Iris nichts anhaben

Eisheilig

Mamertus
Pankratius
Servatius
Bonifatius
Kalte Sophie

Schöne Iris!

Singularität

Mit der „Kalten Sophie“ enden die Eisheiligen am Freitag, den 15. Mai 2026. In diesem Jahr macht dieses Wetterphänomen seinem Namen wieder alle Ehre, es ist ziemlich frisch, in manchen Regionen Deutschlands ist sogar noch Frost möglich. Die Eisheiligen sind, wie wir in Geographie (für uns Ältere: Erdkunde) gelernt haben, eine sogenannte Singularität. Das bedeutet, Kälteeinbrüche in der Eisheiligenwoche (11. Mai bis 15. Mai) sind ein wiederkehrendes Wetterphänomen. Wer die Eisheiligen genau sind, und wann sie gelebt und gewirkt haben, kann man auf Wikipedia nachlesen.

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Großmeister der kleinen Form: Peter Bichsel

Mit dem Verschwinden der Kneipen verschwindet ein wichtiger Erzählort

Mit dem Sterben der Kneipen, stirbt ein Stück Kultur und ein Ort des Erzählens

Es gab in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, in der Nähe des Marktplatzes eine Gaststätte, die von einer älteren Dame betrieben wurde. Für uns Schüler, die wir heute allesamt auch schon ältere Semester sind, war das drahtige Fräulein Fecker mit den kurzgeschnittenen grauen Haaren jedenfalls eine ältere Dame, vor der wir Respekt hatten.

Gast der Königin

Es gab in dieser immer etwas dunklen Kneipe einen großen Kachelofen, in dem man seine Brezel aufwärmen durfte, neben dem Kachelofen war der Stammtisch, an dem wir Jungen nie zu sitzen gewagt hätten, und es gab im „Fecker“, wie man die Kneipe nannte, Andechser Doppelbock. Dieses Starkbier aus dem gleichnamigen Kloster mit gefährlichen 7,1 Volumenprozent Alkohol gab es allerdings nur, wenn man dem Fräulein Fecker glaubhaft vermitteln konnte, am besten mit Schülerausweis, das man über 16 war und damit Bier trinken durfte. Ja, das resolute energische Fräulein Fecker herrschte streng, aber gerecht über ihr Reich,

„und wer sie kannte oder gar von ihr gekannt wurde, war stolz darauf.“

Dieses Zitat stammt von Peter Bichsel, dem schweizerischen Autor, der im letzten Jahr im Alter von 89 Jahren in Solothurn gestorben ist. Man findet den Halbsatz in der Kolumne „Meine Besuche in Königshäusern“. In diesem Text erzählt Bichsel, der Großmeister der kleinen Form, wie stolz er als Kind war, dass er den Busfahrer kannte, mit dem er zu Schule fuhr, und wie stolz, dass der Busfahrer ihn, den kleinen Peter kannte. Ähnlich ging es ihm auch mit einer alten Wirtin im Tessin, bei der sich die Gäste freuten, wenn sie einen kannte und einem wohlgesonnen war, denn

„sie war eine Wirtschaft, und das war ein guter Teil ihres Charmes, in der der Gast nicht König war. Sie war die Königin. Sie hatte die Macht. Sie verteilte die Sympathien. Und wenn man sie besuchte, dann besuchte man die Königin, und man sonnte sich in dem erhebenden Gefühl, Gast der Königin sein zu dürfen.“

Beim Lesen dieser Zeilen ist mir sofort das „Fecker“ in unserer Kleinstadt wieder eingefallen, und wie stolz wir waren, wenn das Fräulein Fecker uns Jungspunde beim Eintreten in den Schankraum gegrüßt hat.

Heute kommt Johnson nicht

Insgesamt 38 Kolumnen aus den Jahren 2005 bis 2008 versammelt der Band „Heute kommt Johnson nicht“, den ich neulich auf dem Tübinger Flohmarkt entdeckt habe. Ein  echter Glücksfund und ein großes Lesevergnügen. Dem bescheidenen Sprachkünstler Bichsel gelingt es, in nur wenigen Zeilen in einer klaren, schnörkellos schönen Sprache von einem erlebten kleinen Ereignis oder einer Erinnerung auf das Allgemeine zu kommen.

Peter Bichsel, den sein Landsmann Max Frisch schon zu Anfang seiner Karriere einen echten Poeten nannte, macht sich in seinen Kolumnen kluge, meist melancholisch grundierte Gedanken, zum Beispiel über die Schönheit der Wörter in Kreuzworträtseln, über Hymnen gröhlende Fußballfans, über das Warten, über die Hektik unserer Zeit, über Ameisen und Elefanten, über Kneipen und über Stiere, die auch nur Menschen sind.

Das alles geschieht in einem unverstellten Erzählton, so dass man meint, man säße neben Bichsel in einer seiner geliebten Beizen bei einem „Halben Roten“. Seine feinen, kurzen Erzählungen sind Einladungen, uns näher und unvoreingenommen mit unserem Gegenüber zu beschäftigen, uns einzufühlen. Im gewöhnlichen Alltag gewöhnlicher Leute, die Bichsel immer mit Zuneigung zeichnet, werden wir an unsere eigene(n) Geschichte(n) erinnert. Tröstlich und anregend zugleich ist das.

Vom Stier, der auch nur ein Mensch war

So heißt eine besonders schöne Geschichte, in der der kleine Peter auf einem Bauernhof aushilft, was ihm große Freude macht und ihn mit Stolz erfüllt. Weniger Freude macht ihm allerdings eines Tages der Auftrag des Knechts, einen Stier am Strick zu einem anderen Bauern zu führen. Ja, der Zehnjährige hat schreckliche Angst vor dem gewaltigen Tier, das allerdings schnell und zum Erstaunen des ganzen Hofes, ein großes Zutrauen zu dem kleinen Jungen fasst.

„Ich schaute ihn nicht an, ich ging nur nebem ihm her, der Strick bliebt locker. Ich fürchtete, daß ich stolpern könnte auf dem Weg, und ich sprach die ganze Zeit nicht eigentlich zu ihm, sondern leise wie man betet, vor mich hin: »Bitte mach mir nichts, mach mir nichts, tu mir nichts an, bitte, bitte (…)«“

Aber fortan will der beeindruckende Simmentaler Stier nur noch vom kleinen Peter am Strick geführt werden. Immer wieder wird er zu den Bauern gerufen.

„Der Peter muß kommen, es ist etwas mit dem Stier.“

Wie die Geschichte weiter geht? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Bichsel schafft es mit traumwandlerischer Leichtigkeit von der einzelnen Erinnerung auf das große Ganze zu kommen. Am Ende ist es ein Nachdenken über die menschliche Angst und Macht, und warum die Menschen, die Angst haben, ausgerechnet jenen nachlaufen, die Angst verbreiten.

„Ich glaube, man kann das eigene Leben nur erzählend bestehen, sich selbst erzählend.“

Peter Bichsel hat diesen Satz in einem hörenswerten Feature im Deutschlandfunk wenige Jahre vor seinem Tod gesagt. Es ist ein großes Glück für uns Leserinnen und Leser, dass dieser wunderbare Autor in seinen Erzählungen weiterlebt.

NK | CK

Buchinformation

Peter Bichsel
Heute kommt Johnson nicht
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 2008
ISBN 978-3-51842026-3

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Oh, Girls can surf

Am 1. Mai öffnet das Tübinger Freibad wieder – zur Freude vieler Schwimmerinnen und Schwimmer, die schon morgens um sechs darauf warten, dass das Rollgitter hochgeht und sie ein- und abtauchen können.

Wie Wasser zu einem wahren Jungbrunnen werden kann, zeigt der sehenswerte Kurzfilm „The Granny Grommets“. Grommets bezeichnet im Surfjargon einen Surf-Neuling. Die Surferinnen sind eine Gruppe bewundernswerter Frauen zwischen 50 und 90 in Albany in Westaustralien. Seit 1999 treffen sich die Surferinnen jeden Freitagmorgen, um sich auf ihren Bodyboards in die Wellen zu stürzen. Dabei ignorieren sie die Gefahr durch Haie ebenso wie die sorgenvollen Mienen ihrer Kinder. Es ist ermutigend und berührend zu sehen, wie viel Kraft und Halt diese tollen Frauen aus ihrer verschworenen Gemeinschaft ziehen. Der Film wurde zu Recht mit vielen Preisen ausgezeichnet.

Deutsche Untertitel lassen sich auf Youtube bei den Einstellungen auswählen.

Wir wünschen einen guten Start in den Mai!

NK | CK

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Der Frühling schwebt vom Birnbaum

Die Palmischbirne ist eine sehr alte Mostbirne und gibt ein umwerfendes Birnengelee

Die Palmischbirne ist eine sehr alte Mostbirne und gibt ein umwerfendes Birnengelee

Blüte für Blüte
schwebt der Frühling
vom alten Birnbaum

Kranō

Ein Haiku zu Ehren unseres alten Birnbaums im Garten, der letztes Jahr gar nicht geblüht hat, dafür dieses Jahr umso mehr. Die Palmischbirne, ein knorriger, ziemlich großer Birnbaum, wurde erstmals 1598 beschrieben und war im Jahr 2005 Streuobstsorte des Jahres. Streuobstwiesen findet man vor allem in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Sie zeichnen sich durch verstreut stehende, hochstämmige, starkwüchsige und großkronige Obstbäume (Apfel, Birne, Zwetschgen, Kirschen) aus. Streuobstwiesen zählen seit 2021 zum immatriellen Kulturerbe der UNESCO und sind Heimat vieler verschiedener Pflanzen und Tiere.

Streuobstwiesentherapie

Streuobstriese bei Hagelloch in voller BlüteEin Spaziergang entlang einer Streuobstwiese kann zur wahren Streuobstwiesentherapie werden, zu jeder Jahreszeit, aber natürlich gerade jetzt im Frühling. Die Streuobstexperten vom Dorf- und Kulturverein Hagelloch bei Tübingen kümmern sich unter großem Arbeitseinsatz um ihre prächtigen Streuobstwiesen am Schönbuchrand. Ja, es gibt in diesem Verein wahre Streuobstflüsterer, die eine fast zärtliche Beziehung zu ihren Bäumen haben. Wir können diesen engagierten Frauen und Männern gar nicht genug dankbar sein, denn sie leisten unverzichtbare Arbeit zum Erhalt eines Kulturguts!

Ein Ausflug nach Hagelloch lohnt sich immer. Es gibt einen schönen, informativen Birnenweg, der an beeindruckenden Streuobstriesen vorbeiführt. Die Broschüre dazu findet man am Wanderparkplatz Bogentor oberhalb von Hagelloch oder gleich hier zum Runterladen.

Wir wünschen einen entspannenden Spaziergang.

NK | CK

update: Heute, am 24. April 2026 ist der Tag der Streuobstwiese wie uns Uli im Kommentar gerade schriebt. Danke für den Hinweis!

Schöne Postkarte Nr. 133 · Der Trost der Bäume · © Schöne Postkarten, Tübingen

Schöne Postkarte Nr. 133 · Der Trost der Bäume · © Schöne Postkarten, Tübingen

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Ich fahr Pakete aus in Peking

Hu Anyan schreibt, wie es ist, wenn der eigene Körper zur reinen Ressource wird

Hu Anyan schreibt, wie es ist, wenn der eigene Körper zur reinen Ressource wird

2024 wurden in Deutschland lt. Bundesverband Paket- und Expresslogistik pro Tag 14 Millionen Pakete zugestellt. Rund 135.000 Personen arbeiten hier als Zusteller in einer wachsenden Branche. Internet-Shopping ist bequem und schnell. Wie’s dem lokalen Einzelhandel dabei geht? Geschenkt! Wie’s der Paketbote findet, am Samstagabend um 19.00 Uhr noch von Haustür zu Haustür zu hetzen? Auch geschenkt!

19 Jobs in 20 Jahren

„Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die von Herzen gerne Pakete ausliefern. Wenn es sie gibt, sind sie eine seltene Spezies. Ich und die Kuriere, die ich kenne, gehörten jedenfalls nicht dazu.“
(Hu Anyan)

Der größte Markt überhaupt für Paketdienste ist China. E-Commerce ist dort ein gigantisches Geschäft, Internet-Shopping für viele buchstäblich eine Sucht. Schnell muss es gehen, und billig soll es sein. Dies gilt nicht nur für die Waren, sondern vor allem auch für die Zustellung. Wer in China als Zusteller im Niedriglohnsektor in den Megacities arbeitet, führt ein Leben, das auf die Minute durchgetaktet ist und jede Faser des Körpers beansprucht.

Wie so ein Leben als Paketkurier aussieht, das beschreibt der 1979 geborene Hu Anyan in seinem Buch „Ich fahr Pakete aus in Peking“. 2020 hat Anyan erstmals auf seinem chinesischen Blog über seine Erfahrung als Zusteller berichtet. 2023 wurde aus seinen Berichten ein Buch, das innerhalb kurzer Zeit zum Bestseller wurde. 2025 ist das Buch auf Deutsch erschienen, übersetzt von Monika Li.

In 19 verschiedenen Jobs hat Hu Anyan in den 20 Jahren nach seinem High-School-Abschluss gearbeitet: immer im Niedriglohnsektor, fast immer in den großen chinesischen Metropolen. Seinen 19 Jobs widmet Anyan fünf Kapitel. Das zentrale Kapitel hat dem Buch seinen Namen gegeben: „Ich fahr Pakete aus in Peking“.

Pinkeln = 1 Yuan (0,12 Euro)

Minutiös, nüchtern, anschaulich schildert Anyan seine Arbeit als Paketfahrer in der chinesischen Hauptstadt. Jede Minute seines Tages rechnet er in Geld um und berechnet, wie er es anstellen muss, damit er auf sein Wunschgehalt von 270 Yuan (33,50 Euro) pro Tag kommt. 11 Stunden beträgt seine Arbeitszeit, darin enthalten eine Stunde Lastwagen entladen und eine Stunde mit dem E-Trike von Wohngegend zu Wohngegend rasen. Bleiben 9 Stunden für die reine Zustellung. 9 Stunden, in denen er auf jeweils 30 Yuan (3,72 Euro) kommen muss.

„Das waren 0,5 Yuan pro Minute. Wenn man es andersherum sieht, ist das der Preis für meine Zeit. Für jede erfolgreiche Lieferung habe ich 2 Yuan bekommen. Um keine Verluste zu machen, musste ich alle vier Minuten ein Paket liefern.“

Anyan rechnet aber nicht nur seine Arbeitszeit in Geld um.

„Wenn eine Minute 0,5 Yuan wert war, dann kostete Pinkeln einen Yuan, aber nur, wenn die Toiletten kostenlos waren.“

Der Körper wird für den Paketboten zur Ressource, die maximal ausgebeutet werden muss, um in einem gnadenlosen kapitalistischen System ohne Grundlohn über die Runden zu kommen.

Dass dies nicht ohne Verluste vor sich geht, wird schnell klar. Menschen wie Hu Anyan arbeiten ständig am Anschlag, jede Krankheit wird zur Bedrohung, nicht nur der Gesundheit, sondern der Existenz. Keine Arbeit, kein Geld, so einfach ist die Rechnung. Eine Grippe ist da nicht Teil des Plans.

Rastlos, anstrengend

Als Leser spürt man schon bei der Lektüre von Anyans Schilderungen nach kurzer Zeit ein Gefühl der Gehetztheit und Erschöpfung – und schämt sich dafür. Anyans Sprache ist nüchtern, abgeklärt, exakt, bisweilen drastisch, überraschenderweise jedoch nicht verbittert. Selbst dann, wenn er sich bisweilen über illoyale Kollegen oder betrügerische Arbeitgeber auslässt.

Das Buch folgt keiner chronologischen Struktur, wie man es vielleicht erwarten könnte, also von Job eins bis Job 19. Statt dessen springt Anyan vor und zurück und unterstreicht mit diesem Aufbau das rastlose, anstrengende Leben als Niederlöhner, für den jeder Tag ein Kampf ist. Besonders eindrücklich ist das Buch immer wieder dann, wenn sich Anyan auf die kleinen Momente seiner Arbeit und seines Lebens konzentiert. Sei es der unfähige Chef, der ihn beschäftigt, Zoff mit neidischen Kollegen, unzufriedene Kunden, die ein Paket nicht annehmen wollen, oder eine Infektion, deren Behandlung er sich kaum leisten kann. Aber trotz aller Anstrengung bringt Anyan noch die Kraft für Verständnis für sein Gegenüber auf, auch für unzufriedene Kunden:

„Viele Leute ließen sich zwar fast täglich etwas liefern, hatten aber keinen blassen Schimmer, wie die Arbeit eines Kuriers aussah. Für mich basierten die meisten Missverständnisse auf einem mangelnden Verständnis dafür, wie wir für unsere Arbeit bezahlt wurden.“

Schreiben als Freiheit

Gegen Ende des Buches schildert Anyan, wie er im Jahr 2020 während der Corona-Pandemie zum Schreiben kam, ohne jedoch seinen Broterwerb aufzugeben. Denn das konnte er sich schon aus finanziellen Gründen nicht leisten. Dabei empfindet er es

„als Glück, nicht vom Schreiben leben zu können. Denn das erlaubt mir, es als persönlich bedeutsamer, außergewöhnlicher und reiner zu empfinden. Auch wenn ich nicht viel schreibe, ist das Schreiben ein Teil meines Lebens, der Teil der Freiheit.“

Nun kann man sagen, Peking ist weit weg, und in Deutschland geht es den Menschen im Niedriglohnsektor mit Sicherheit besser als in China. Aber ist es nicht so, dass es auch bei uns immer mehr Menschen gibt, die im Niedriglohnsektor arbeiten müssen und dabei nicht selten zwei Jobs oder gar drei haben? Jobs, die kaum Raum mehr zum Leben lassen, von Freiheit und Selbstverwirklichung ganz zu schweigen? Dass die Arbeit das Leben dominiert und einem manchmal kaum Luft zum Atmen lässt, ist wohl vermutlich für sehr viele Menschen eine unumstößliche Tatsache.

„Ich fahr Pakete aus in Peking“ ist keine Anklageschrift und auch kein autofiktionales Lamento. Es ist aber definitiv auch keine Wohlfühllektüre für mal eben zwischendurch. Wer sich ganz unvoreingenommen mit dem Paketkurier Hu Anyan auf Tour macht, der wird angestrengt, aber um etliche Einsichten bereichert aus diesem Buch aussteigen.

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Buchinformation

Hu Anyan
Ich fahr Pakete aus in Peking
Übersetzung aus dem Chinesischen Monika Li
Suhrkamp Verlag, 2025
978-3-518-47515-7

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So sieht Resilienz aus

Bärlauch (Allium ursinum) lässt sich auch von massiven Betonstufen nicht aufhalten

Bärlauch (Allium ursinum) lässt sich auch von massiven Betonstufen nicht aufhalten

Zwischen Betonstufen
sprießt munter der Bärlauch –
so sieht Resilienz aus!

Between concrete steps,
sprouts cheerfully wild garlic –
that’s what resilience looks like!

For the poet and dear friend Jack Ridl, who is celebrating his birthday today and who speaks the language of wild garlic.

NK | CK

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