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Buchbesprechung: „Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt“

Entscheiden wir selbst, welchen Weg wir gehen, oder entscheiden Algorithmen? Foto: Norbert Kraas

Entscheiden wir selbst, welchen Weg wir gehen, oder entscheiden Algorithmen? Foto: Norbert Kraas

Willkommen im Instagram-Hotel

Waren Sie schon mal in einem instagramtauglichen Hotel? Das sind Hotels, die ihre Räumlichkeiten so gestalten oder umgestalten, dass Besucher, die nichts Besseres zu tun haben, als ihr Leben auf Instagram auszustellen, optimale Bedingungen vorfinden, um instagramtaugliche Fotos zu posten. Klingt verrückt, ist für immer mehr Reisende aber ein wichtiges Kriterium bei der Entscheidung für eine Unterkunft.

„Mensch 4.0 – digital überfordert?

Fühlen Sie sich auch oft überfordert, wenn Sie lesen, wie die Digitalisierung unser Leben und das unserer Kinder und Enkel verändert? Wie soll man sich zurechtfinden in dieser digitalen Vollgaswelt? Und wie können wir in einer durchdigitalisierten Welt frei bleiben? Zum Beispiel, indem wir ganz analog ein Buch lesen, das uns einen kritischen Überblick und einen aktuellen Kenntnisstand verschafft:

„Noch nie zuvor war der Mensch so vernetzt, so sehr Teil eines Rädchens in der Weltmaschine, und noch nie hat er sich dabei so autonom gefühlt. Während er noch denkt, er sei in seinem Cockpick der Kapitän, hat schon längst der Autopilot übernommen.“

Das schreibt Alexandra Borchardt in ihrem neuen Buch „Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt“. Die promovierte Politikwissenschaftlerin hat viele Jahre als Journalistin gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Süddeutschen Zeitung. Seit Sommer 2017 ist Borchardt am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford.

Aufklärend, nicht alarmistisch

„Mensch 4.0“ bietet auf gut 250 Seiten einen fundiert recherchierten, flüssig geschriebenen Überblick über die Risiken, Gefahren und Chancen der Digitalisierung. Im Gegensatz zu alarmistischen Mahnern wie etwa Manfred Spitzer, der nicht müde wird, in der Digitalisierung den Untergang des Abendlandes zu sehen (und damit gutes Geld verdient), schlägt Borchardt einen sachlichen, aufklärerischen, aber auch warnenden Ton an.

Borchardt hat intensiv recherchiert und Material aus den verschiedensten Disziplinen gesichtet. Sie hat sich mit Erkenntnissen von Hirnforscherinnen, Psychologen, Philosophinnen, Programmierern und Politikwissenschaftlern befasst. Diese Erkenntnisse und ihre eigenen Schlussfolgerungen legt sie in acht Kapiteln dar. Jedes Kapitel beleuchtet dabei einen anderen Aspekt dessen, was wir Digitalisierung nennen.

„Digitalisierung verstehen“

So heißt das erste Kapitel des Buchs. Darin lesen wir, wie sehr das Internet mittlerweile unseren Alltag bestimmt und wie großzügig oder unwissend wir ständig Daten über uns preisgeben. Eine nicht unerhebliche Gefahr sieht Borchardt in der zunehmenden Individualisierung unserer Gesellschaft, die durch die Digitalisierung mit hoher Geschwindigkeit vorangetrieben wird. Jeder kann sich selbst zum Online-Superstar stilisieren und sich als solcher fühlen. Die eigene Bedeutung wird überhöht, durch Likes und Sternchen von Followern bestätigt.

Fragt man Jugendliche nach ihrem Berufswunsch, dann fällt schon mal der Begriff Youtuber. Das sind Leute, die auf Youtube Filme zu einem bestimmen Thema, z. B. Beauty-Tipps, einstellen und damit ihre Follower erfreuen. Je mehr Follower, desto lukrativer wird das und desto mehr wächst das Online-Selbstbewusstsein. Es gibt „Youtube-Stars“, die eine halbe Million Dollar pro Monat damit verdienen, dass ihnen möglichst viele Leute dabei zuschauen, wie sie Ballerspiele zocken. Ist es verwunderlich, wenn Jugendliche auch so sein wollen, weil die Welt dann um sie kreist?

„Was aber geschieht, wenn die Sache kippt? Wenn es nur noch um den Einzelnen geht und nicht mehr um die Gemeinschaft? Und entsteht da nicht unter den am Smartphone klebenden Händen eine Gesellschaft voller Narzissten? […] Doch sie verkennen: Die Freiheit des Einen kann zum Gefängnis der anderen werden.“

Effizienz und Nutzen

Weitere kritische Aspekte der Digitalisierung sind für Borchardt:

  • die Atemlosigkeit der Konsumenten
  • der unstillbare Drang, ständig etwas zu teilen oder kommentieren zu müssen
  • das gnadenlose Diktat der Effizienz und Ökonomisierung, dem wir uns freiwillig unterwerfen

Viele von uns sind permanent auf der Suche nach dem besten Deal im Netz: für den Urlaub, den neuen Job oder den neuen Partner. Unablässig wird getindert, gegoogelt, verglichen, auf Nutzen und Effizienz gecheckt. Evolution jedoch, so Borchardt, war und ist nicht effizient. Und Innovationen sind, so zeigt sie am Beispiel der Erfindung des Penicillin, häufig eben keine Frage von Effizienz, sondern von Zufall. Wenn alles über Logik und Effizienz zu lösen wäre, dann würden wir längst in der besten aller Welten leben: mit Autos, die keine Abgase ausstoßen und keine Batterien benötigen. Tun wir aber nicht!

Algorithmus heißt Kontrolle

„Facebook ist legales Crack“, sagt der ehemalige Facebook-Manager Antonio Martínez. Ich vermute, dass Martínez, wie viele andere Silicon-Valley-Stars auch, den Internet- und Smartphone-Konsum seiner Kinder massiv einschränkt. Auch vom Apple-Chef Tim Cook ist bekannt, dass er seinen Nichten und Neffen das Smartphone verbietet. Warum ist Cook so streng mit seinen Neffen, wo er doch mit Hard- und Software Milliarden verdient? Nun, der Apple-Chef Cook weiß, wie gut die Algorithmen programmiert sind, die unser Leben schon heute sehr stark bestimmen. Und Algorithmen sind, so erklärt Borchardt, die Gehirnströme jeder Hard- und Software. Algorithmen bestimmen, was wir in unserer Twitter- oder Facebook-Timeline sehen, welchen Weg unser Navi von A nach B vorschlägt, welche Suchergebnisse wir gezeigt bekommen und welche eben nicht. Wie mächtig Algorithmen sind, warum Effizienz vor Fairness und Nutzen vor Moral kommen, erläutert Borchardt an etlichen Beispielen ausführlich und gut verständlich. Auf die Politik bezogen bedeutet das: „Wer den Algorithmus kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft“. Wer seine Anhänger ständig in der Filterblase hält und sie mit Fake-News über den politischen Gegner bombardiert, dem steht auch der Weg ins Weiße Haus offen. Welche Möglichkeit das Internet erst Diktaturen bietet, kann man sich ausmalen.

Vom User zum mündigen Bürger

Leider ist den meisten Internet-Nutzern die Gefahr der permanenten Manipulation und des Missbrauchs unserer Daten nicht wirklich bewusst, oder aber man hört Sätze wie: „Ich hab’ doch nichts zu verbergen, es wird schon nichts Schlimmes mit meinen Daten passieren.“ Ein Satz, der die eigene Bequemlichkeit nur schlecht kaschiert und von naiver Gutgläubigkeit zeugt.

Gefährlich ist diese Haltung, das wird bei der Lektüre von „Mensch 4.0“ immer wieder deutlich. Borchardt fordert uns eindringlich zu einem mündigen, aufgeklärten Umgang mit Smartphone und Internet auf. Gefordert sind aber auch die Politikerinnen und staatlichen Institutionen. Diese haben die Aufgabe, uns vor Macht und Missbrauch der Internetmonoplisten zu schützen. Leider sieht es im Moment so aus:

„Staatliche Institutionen, die eigentlich das Gewalt- und Kontrollmonopol haben, sind dem Entwicklungstempo der digitalen Welt nicht mehr gewachsen.“

Eine bedenkliche Situation, die Borchardt in ihrem Buch beschreibt, aber nicht ohne Hoffnung. Wir, die Bürger und der Staat müssen uns jedoch mächtig anstrengen, um in Sachen digitaler Bildung und Digitalisierung die Oberhand gegenüber den Internet-Giganten wiederzugewinnen. Borchardt ist trotz allem optimistisch, dass dies noch machbar ist. Andere Experten, die sie zitiert, sind sich da nicht mehr so sicher. „Ich glaube, das Internet ist kaputt“, sagt etwa Evan Williams, einer der Gründer von Twitter. Und das ist das Medium, mit dem der Narzisst im Weißen Haus die Welt das Fürchten lehrt und seine Anhänger „informiert“.

Freiheit verteidigen

Aber wie kann es aussehen, das selbstbestimmte digitale Leben? Im letzten Kapitel von „Mensch 4.0“ setzt sich Borchardt mit dem Thema individuelle Freiheit versus algorithmisch bestimmte Welt auseinander.

„Freiheit muss immer ausgehandelt werden, sie ist ein Prozess, in dem es um das Respektieren von Wünschen und der Grenzen anderer und ums Lernen geht. […] Das Besondere an der Freiheit ist aber, dass man sie nicht messen kann.“

Borchardt fordert, dass wir unsere Freiheit und Selbstbestimmtheit in der digitalen Welt verteidigen. Ich verstehe es so: Wir müssen aufhören, passive, ahnungslose Datenproduzenten für Konzerne oder Parteien zu sein. Wir müssen aufhören, uns dem Effizienzdiktat zu unterwerfen, ganz gleich was die Internetgurus uns als Belohnung für diese Unterwerfung versprechen. Wir müssen digital erwachsen werden und erkennen:

„Die Freiheit des Bürgers ist eine andere als die des Konsumenten. Bei den bürgerlichen Freiheiten geht es immer um etwas Größeres als um einen selbst. Es geht um Mitsprache, Ideen, die Arbeit an einer besseren Welt, das Basteln an einer für alle erträglichen Gesellschaftsordnung.“

Sich zwischen Amazon Prime und Netflix, zwischen Spotify und Deezer entscheiden zu können, ist nicht die Freiheit, die Borchardt meint. Ihre Freiheit hat mit Denken, mit Anstrengung, mit Unsicherheit, Pflichten und auch Ängsten zu tun. Dafür, so Borchardt, und für die Empathie, die im Zuge der Digitalisierung auch unter die Räder zu kommen droht, lohnt es sich zu kämpfen.

Kein digitales Weiter so

Ich bin mir nicht so sicher, ob sich Amazon, Google, Facebook & Co, die Kontrolle und damit ihre gewaltigen Profite noch aus der Hand nehmen lassen. Ganz sicher bin ich aber, dass „Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt“ ein wichtiges, kluges Buch zur rechten Zeit ist. Es sollte Pflichtlektüre in allen weiterführenden Schulen sein.

NK / CK

Informationen zum Buch

Dr. Alexandra Borchardt
Mensch 4.0 Frei bleiben in einer digitalen Welt
ISBN: 978-3-579-08692-7
Gütersloher Verlagshaus, 2018
256 Seiten, gebunden, 20,00 Euro

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Buchbesprechung: Was bleibt, wenn ein Mensch stirbt?

Schreibtisch von Charles Darwin mit persönlichen Gegenständen in seinem Haus in Kent. Foto: Norbert Kraas

Schreibtisch von Charles Darwin mit persönlichen Gegenständen. Foto: Norbert Kraas

„Vater ist tot. Nicht mehr da. Das konnte, durfte nicht sein.“

Mit der Nachricht über den Tod des Vaters beginnt Rainer Moritz sein neues Buch „Mein Vater, die Dinge und der Tod“, das vor ein paar Wochen im Verlag Antje Kunstmann erschienen ist. Rainer Moritz, geboren 1958 in Heilbronn, Studium der Germanistik, Philosophie und Romanistik in Tübingen, leitet seit 2005 das Literaturhaus Hamburg. Dort erreicht ihn der Anruf der Mutter, die ihm in wenigen Worten mitteilt, dass der Vater gestorben ist. Der Sohn kann und will sich mit dem plötzlichen Einbruch des Nichts, wie Gustave Flaubert den Tod beschrieben hat, nicht abfinden und macht sich auf die Suche nach tröstenden Erinnerungen. Es gibt wenige Fotografien, aber kein Tagebuch oder Briefe vom Vater: „Er wollte sein Leben nicht schriftlich festhalten. Das wäre ihm wichtigtuerisch vorgekommen.“

So anachronistisch dies in Zeiten der permanenten Selbstdarstellung erscheint, wo alles Erleben via Facebook, Instagram und Whats App umgehend geteilt wird, so nimmt es den Leser doch gleich für den 1926 geborenen Vater ein. In den folgenden, gut 20 kurzgehaltenen Kapiteln zeichnet der Autor ein sehr anschauliches, lebendiges Portrait seines Vaters, das die Trauer – für den Leser – in den Hintergrund treten lässt.

Old Spice, Muhammad Ali, Ragoût Fin

Es sind vor allem die Alltagsdinge in der Wohnung der Eltern, die mit Erinnerungen behaftet sind: der Fernsehsessel, die Musikanlage, der Aschenbecher, die Armbanduhr oder das Rasierwasser, Marke Old Spice. Sie erzählen von den Lebensgewohnheiten des Vaters und seiner Einstellung zum Leben. An den Gegenständen legt der Autor aber auch geschickt die Familienstrukturen und die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander offen. Dies alles geschieht vor dem historisch-kulturellen Hintergrund der 60er- und 70er-Jahre. Da tauchen zum Beispiel die legendären Boxkämpfe von Muhammad Ali auf, der damals noch Cassius Clay hieß, und zu dessen Kämpfen Väter ihre Söhne mitten in der Nacht geweckt haben – nicht nur in Heilbronn. Wir erinnern uns mit dem Autor an längst vergangene Fernsehsendungen, die man gemeinsam ansah: Komödienstadl, Der Blaue Bock, Häberle und Pfleiderer. Wir lesen von der Begeisterung des Vaters für Asterix-Hefte und von den obligatorischen sonntäglichen Familienausflügen. Der Leser wundert sich über das sorglose Zigarettenrauchen: Ernte 23 hieß die Marke des Vaters, sie stand für Solidität und Zuverlässigkeit. Marken waren wichtig und gaben Orientierung im wirtschaftlichen Aufschwung dieser Zeit. Ein Aufschwung, an dem auch die Familie Moritz teilhat, dank der guten Position des Familienoberhaupts als Einkaufsleiter eines Bauunternehmens.

Besonders stark und anschaulich schildert Moritz Erinnerungen, die mit sinnlichen Eindrücken verbunden sind, etwa den immer gleichen Speiseplan an Heiligabend mit der – auch für andere Kinder – unaussprechbaren Soße:

„Vater wurde nie müde, die Kochkünste seiner Frau zu loben. Es mit einer Frau ohne diese Fähigkeiten auszuhalten wäre wohl unmöglich für ihn gewesen. So wie Pasteten mit Ragoût Fin ohne Zitrone und ohne ein paar Spritzer Worcestersoße undenkbar gewesen wären. Eine rätselhafte Tinktur, die aus England kam und deren Aussprache meinen Bruder überforderte. Wotschestersoße.“

Die Erzählperspektive wechselt, mal erinnert sich das Kind, mal der Jugendliche, mal der erwachsene Sohn. Das erlaubt Rainer Moritz, auch mit rigideren Haltungen des Vaters insgesamt verständnisvoll umzugehen, ohne unglaubwürdig zu werden: mit über 50 empfindet man vieles anders als mit 16 oder 30.

Was wissen wir voneinander?

Gut ist auch, dass manche Fragen unbeantwortet bleiben, beispielsweise wenn Moritz das künstlerische Talent seines Vaters anhand eines Ölbildes, einer Kopie des Gemäldes „Pferde im Gewitter“ von Alfred Roloff, untersucht: „Was hat Vater in diesem Bild gesehen? (…) Ahnte er, dass andere dieses Bild gerade wegen seiner Dynamik, seiner kraftstrotzenden Körper schätzten? Wie Adolf Hitler.“ Der Sohn bedauert, den Vater nie malend erlebt zu haben, erkennt hierin aber auch starke Eigenanteile: „Gern wäre ich stolz auf ihn als Künstler gewesen (…) Eine Wunschvorstellung.“

Ein paar Mal muss der Sohn feststellen, Wesentliches über den Vater nicht zu wissen. Er beschreibt das Schweigen zwischen Eltern und Kindern, das gerade in den 50er- und 60er-Jahren nicht ungewöhnlich war. „Der pragmatische Realitätssinn meiner Eltern blockierte Gespräche über Existenzielles.“

Rainer Moritz Mein Vater, die Dinge und der TodImmer wieder verwebt der Autor sprachlich gekonnt seine Familienerinnerungen mit Zeitgeschichte. So bietet er dem Leser viele Möglichkeiten zur Identifikation. Das geht bis hin zu den inneren Konflikten bezüglich geerbter Kleidungsstücke: tadellos erhalten, aber nicht wirklich den eigenen Geschmack treffend. Dennoch bringt man es nicht übers Herz, sie in die Altkleidersammlung zu geben. Nicht nur des stillen Vorwurfs wegen, nein, zu sehr steht die „helle, fast weiße Windjacke von C&A“ für die geliebte Person.

Ein gelungenes Portrait

Moritz ist mit seinem Text ein persönliches, oft anrührendes Portrait seines Vaters gelungen. Indem der Autor seine Trauer und den Verlust verarbeitet, bringt er den Leser mit leiser Melancholie zum Nachdenken über das Leben, die Menschen und Dinge, die uns prägen, und über die Frage, was von uns bleibt.

Informationen zum Buch

Rainer Moritz
Mein Vater, die Dinge und der Tod
Verlag Antje Kunstmann GmbH, München
ISBN 978-3-95614-257-4
EUR 20,00

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Wie geht‘s dem Buch?

Rücken an Rücken beim Tübinger Bücherfest. Schöne Postkarte Nr. 230 · © 2018

Rücken an Rücken beim Tübinger Bücherfest. Schöne Postkarte Nr. 230 · © 2018

Lesen Sie noch Bücher?

Heute beginnt in Frankfurt die Buchmesse 2018, wichtigstes Branchenevent und der Jahrmarkt der Eitelkeiten für Autoren, Verleger und Journalisten. Dabei sieht es gar nicht gut aus für das Buch im Land der Dichter und Denker. „Die Schere zwischen Buchkäufern und Nichtkäufern geht weiter auseinander. Nur noch 46 Prozent der Bevölkerung, weniger als die Hälfte, treten im Buchhandel als Käufer in Erscheinung“, kann man auf der Homepage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nachlesen. Leider steht da nicht, wie viele Abonnenten Netflix in den letzten Jahren gewonnen hat. Wäre interessant, das mal zu vergleichen.

6,1 Millionen Buchkäufer gingen den Verlagen zwischen 2012 und 2016 verloren. Dieser sinkenden Zahl von Buchkäufern und leider auch regelmäßigen Buchleserinnen und -lesern, steht die beeindruckende Zahl von mehr als 70.000 Neuerscheinungen pro Jahr gegenüber. Aber wie bringt man die Leute dazu, wieder mehr Bücher zu lesen? Das Handelsblatt hat heute vorgeschlagen, das Buch als Medium zur Entschleunigung zu vermarkten.

Marcel Proust: Lektüre eines Lieblingsbuchs · Schöne Postkarte Nr. 74 · © 2018

Marcel Proust: Lektüre eines Lieblingsbuchs · Schöne Postkarte Nr. 74 · © 2018

Erinnern Sie sich noch an Ihr Lieblingsbuch in der Kindheit?

P.S. Besondere Postkarten zum Thema Lesen gibt’s auf der Homepage von Schöne Postkarten zu sehen; und in Tübingen in diesen Geschäften zu kaufen.

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Morning again – a poem by Jack Ridl

October morning in Ecussols, Burgundy. Photograph: Norbert Kraas

October morning in Ecussols, Burgundy. Photograph: Norbert Kraas

Morning Again

This poem will not be
anything new, will slowly
make its way across
the page and down, a walk
from here to somewhere
later on, will take its place
quietly, I hope, with the leaves,
the dog asleep on the porch,
the way the garden keeps giving
us plants, the way the wind
is invisible, the way none of us
can ever know for sure.

Jack Ridl

For more poems of Jack, visit his website which you can also subscribe to. His books you will find at Wayne State University Press and in any decent bookstore in your town. Jack’s new book “Saint Peter and the Goldfinch” will come out in April 2019.

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Freitagsfoto: Lesen geht durch den Magen

Kochen macht klug

Lesen ist out! Jahr für Jahr verliert der Buchmarkt hundertausende von Buchkäufern, so schrieb der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vor einer Weile. Sechs Millionen Käufer haben die Buchhändler allein zwischen 2012 und 2016 verloren. Das ist viel. Ich frage mich, was diese Leute ohne Bücher machen? Und nutzen diese Nicht-mehr-Buchkäufer die Zeit für andere schöne Beschäftigungen? Kochen zum Beispiel und mit Freunden und ein paar Flaschen Wein um den Tisch sitzen? Eher nicht, denn Kochen sei out, Auftauen in, konnte man vor gut einem Jahr in der Wirtschaftswoche lesen.

Der literarische Küchenkalender

Wie harmonisch Literatur und Küche zusammenpassen, beweist ein ganz besonderer Küchenkalender, den die Autorin und Journalistin Sybil Gräfin Schönfeldt seit vielen Jahren herausgibt. Früher hieß er Arche Küchenkalender, heute erscheint Der literarische Küchenkalender im Verlag Edition Momente. Außer dem Namen und dem herausgebenden Verlag hat sich aber nichts geändert.

Apfel-Brathuhn wird in Ikarien, dem Roman Uwe Timm gereicht. Das Rezept samt Zitat gibt's am 23.9.2019.

Am 23.9.2019 gibt es Apfel-Brathuhn aus Ikarien.

Dieser Kalender ist eine Bereicherung für jede Küche, bringt er uns doch 52 Autorinnen und Autoren mit 52 kulinarisch-literarischen Zitaten näher. Dazu gibt es immer ein passendes, gut nachzukochendes Rezept aus den zitierten Texten. Das Kalenderblatt der Woche ziert darüber hinaus ein Autorenfoto sowie eine Fotografie oder eine Illustration.

„Frau Sachs sagte, das Essen ist fertig. Sie hatte gedeckt, das Huhn in ein Apfel-Brathuhn verwandelt. Die Äpfel lagen von der letzten Ernte in Seidenpapier eingewickelt im Keller. Schönen Abend noch, verabschiedete sich Frau Sachs.
Aus Ikarien. Roman von Uwe Timm“

Das Rezept für das Apfel-Brathuhn verrät uns der literarische Küchenkalender in der Woche vom 23. bis 29. September 2019 – rechtzeitig zur Apfelernte. Das Zitat von Uwe Timm hat mich jetzt schon neugierig gemacht. Gut möglich, dass es am 28. September 2019 bei uns Apfel-Brathuhn gibt, und wir das Buch bis dahin gelesen haben.

Immer wieder nett finde ich es übrigens, wenn ich in unserer Küche auf Autoren treffe, von denen ich schon etwas gelesen habe. Am 23. Juli dieses Jahres ist mir Robert von Ranke-Graves mit einer Passage aus seinem Roman Strich drunter! begegnet. Ranke-Graves zählt zu den englischen Kriegsdichtern (War Poets), die ihre traumatischen Erlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg in Gedichten und Romanen verarbeitet haben. Seine bewegende Autobiographie habe ich diesen Sommer gelesen. Darin kommen auch die Süßen Möhren vor, die Ranke-Graves, der eine deutsche Mutter hatte, so gerne in Bayern gegessen hat.

Guten Appetit!

Lesen Sie und kochen Sie! Und wenn Sie Anregungen brauchen, hängen Sie sich diesen Kalender in die Küche.

Bereit für genussvolle Stunden. Schöne Postkarte Nr. 1 · La vie est belle en Bourgogne · © 2017

Bereit für genussvolle Stunden. Schöne Postkarte Nr. 1 · La vie est belle en Bourgogne · © 2017

 

Information

Der literarische Küchenkalender 2019
Hg. v. Sybil Gräfin Schönfeldt
Edition Momente Verlag
60 Blätter, 31,5 × 19,2 cm (Höhe x Breite)
ISBN 978-3-0360-4019-6

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Freitagsfoto: Kompost, Schaufel, Gartenglück

„Einen Komposthaufen zu bauen, ist eine beglückende und faszinierende Aufgabe, doch dürfen wir nicht in den Irrtum verfallen, wir könnten Kompost selbst machen. Gute Komposterde entsteht auch nicht von selbst, sondern sie ist das Werk ungezählter Bodenorganismen, vom kleinsten Bakterium bis zum Regenwurm.“

Kompost, eine Anleitung

Als ich diesen Satz zum ersten Mal in dem kleinen Büchlein „Kompost: Gold im Biogarten“ gelesen habe, musste ich schmunzeln. Kompost und Glück, diese beiden Dinge hatte ich bisher noch nicht zusammengebracht. Heute, einige paar Komposthaufen später, gebe ich zu: Kompostieren ist faszinierend und erfüllt mit Zufriedenheit. Dabei ist das richtige Kompostieren kein Hexenwerk.

Die Benediktinerinnen der Abtei Fulda haben eine verständliche und praktikable Anleitung zum Thema Kompostieren verfasst. Auf etwas mehr als 80 Seiten erfahren wir in acht Kapiteln alles Wissenswerte zum Kompostieren im Garten: von den biologisch-technischen Grundlagen bis hin zu nachvollziehbaren, praktischen Anleitungen zum Bauen der unterschiedlichsten Komposte. Mir hat es besonders die Schnellkompostmethode nach M.E. Bruce angetan, bei der mit Hilfe des wundersamen Kräuterpulvers Humofix® der Sommerkomposthaufen rund sechs bis acht Wochen bis zur Reife braucht. Hat funktioniert!

True Temper heißt meine Schaufel, die beste, die ich je in Händen hatte.

True Temper heißt meine Schaufel, es ist die beste, die ich je in Händen hatte.

Im Herbst dauert es acht bis zwölf Wochen. Vorausgesetzt man hält sich an die Anleitung der klugen Benediktinerinnen mit dem grünen Daumen. Ist der Kompost fertig, muss er nur noch gesiebt werden und dann kann’s losgehen mit dem Einarbeiten der frischen Erde ins Blumen- oder Gemüsebeet.

Herbstfest bei den Staudenmädchen in Tübingen

Und was pflanzen wir jetzt im Herbst, wenn dieser viel zu heiße und viel zu trockene Sommer endlich mal nachlässt? Wie wäre es am Wochenende mit einem Besuch bei den Staudenmädchen der Staudengärtnerei Erika Jantzen in Tübingen? Beim Herbstfest am 22./23. September gibt es jeweils von 10 bis 17 Uhr reichlich Inspiration und dazu kundige Beratung zum Thema Pflanzen, Garten und Gärntern.

Wussten Sie übrigens, dass auch Unkraut jäten glücklich machen kann? Haben wir bei Virginia Woolf gelesen, die, wie ihre Geliebte Vita Sackville-West, viel Zeit in ihrem Garten verbracht hat. Die Postkarte mit dem Zitat von Woolf und dem Foto von Sissinghurst stammt übrigens aus unserer Serie Schöne Postkarten, die es beim Herbstfest von Erika Jantzen auch zu kaufen gibt.

Schöne Postkarte Nr. 2 · Virginia Woolf: Unkraut jäten im Garten · © 2017

Schöne Postkarte Nr. 2 · Virginia Woolf: Unkraut jäten im Garten · © 2017

Schöne Postkarte Nr. 13 · Dig in the Garden, George Bernard Shaw · © 2018

Schöne Postkarte Nr. 13 · Dig in the Garden, George Bernard Shaw · © 2018

Informationen zum Buch

Kompost: Gold im Biogarten
Abteil zur Hl. Maria in Fulda (Hg.)
8. überarbeitete Neuauflage 2017
zu beziehen im Klostershop

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Kraft, Eleganz, Mut: „Das Wunder von Berlin“

Riemen am Chichester Canal Boathouse, West Sussex. Foto: Norbert Kraas

Riemen am Chichester Canal Boathouse, West Sussex. Foto: Norbert Kraas

Rudern ist eine Kunst

Schon mal richtig gerudert? Nein? Gut möglich, dass Sie am Ende des Buchs, das wir Ihnen heute vorstellen, nach einem Ruderclub in Ihrer Nähe Ausschau halten. Mir ist es jedenfalls so ergangen, nachdem ich „Das Wunder von Berlin“ von Daniel James Brown gelesen hatte. Axel Hacke hat mich vor ein paar Wochen auf dieses Buch hingewiesen. Obwohl es 2013 in den USA ein New-York-Times-Bestseller war, hatte ich hier noch nie davon gehört. 2013 erschien es unter dem Titel „The Boys in the Boat“.

Die Handlung in einem Satz: Acht Ruderer und ihr Steuermann aus dem US-Bundesstaat Washington gewinnen 1936 bei den Olympischen Nazi-Spielen in Berlin die Goldmedaille im Achter und verderben Hitler und seinen Gefolgsleuten das bereits minutiös geplante Ruderfest. Dieses Wunder, das der amerikanische Achter an der Regattastrecke in Grünau vor 75.000 Zuschauern vollbringt, ist der dramatische Höhepunkt, auf den die Handlung zuläuft.

Die Spannung dieses Buchs beginnt aber nicht erst mit dem Einmarsch der amerikanischen Ruderer ins Berliner Olympiastadion – gefilmt von der Hitler-Verehrerin Leni Riefenstahl. Es ist von Anfang an spannend, unterhaltend und lehrreich – insbesondere, wenn man, wie ich, nie aktiv gerudert ist.

Harmonie, Gleichgewicht, Rhythmus

„Harmonie, Gleichgewicht und Rhythmus, diese drei Dinge begleiten einen durch das ganze Leben. Ohne sie gerät die Zivilisation aus den Fugen. Und deshalb kann ein Ruderer, wenn er ins Leben hinausgeht, sich behaupten und mit dem Leben zurechtkommen. Er hat das beim Rudern gelernt.“ George Yeoman Pocock

Welche Bedeutung Harmonie, Gleichgewicht und Rhythmus für das Rudern wie für das Leben haben, erzählt Daniel James Brown auf 467 Seiten. Im Zentrum dieser wahren Geschichte steht Joe Rantz, geboren 1914 und aufgewachsen während der amerikanischen Depressionsjahre unter schwierigen Verhältnissen. Joe, 1,95 Meter groß, hat Kraft wie ein Bär, ist aber unsicher und verletzlich. Als junger Student bewirbt er sich im Herbst 1933 im vierten Jahr der Weltwirtschaftskrise um die Aufnahme ins Freshman-Team des Ruderachters der Universität Washington. Die Aufnahme ins Ruderteam ist für ihn mit der Möglichkeit verbunden, etwas Geld zu verdienen. Geld, das Joe weder von seinen Eltern bekommt (die haben ihn im Alter von zehn Jahren sprichwörtlich verstoßen), noch mittels eines Studentenjobs oder Stipendiums. Joe hat Glück, er verfügt über einen eisernen Willen und ist bereit, sich zu quälen. Er übersteht den knallharten Ausleseprozess auf dem Lake Washington, wo auch im Winter gerudert wird, bis die Hände fast an die Riemen frieren.

Kraft und Charakter

Mit der Aufnahme ins Team beginnt für Joe Rantz und seine Kameraden, die immer auch erbitterte Konkurrenten um einen Stammplatz im ersten Achter sind, eine dreijährige Schinderei bis zum olympischen Rennen in Berlin 1936. Dass es diese jungen Männner dahin schaffen könnten, deutet sich erstmals nach 100 Seiten an, als der Trainer des Freshman-Achters nach einem Testrennen auf dem Lake Washington im Frühjahr 1934 zu folgendem Schluss kommt:

„Er war nicht nur von den körperlichen Fähigkeiten der jungen Männer beeindruckt, sondern mochte auch ihren Charakter. Ihre raue optimistische Art, mit der sie es bis hierher geschafft hatten, schien symptomatisch für ihre Wurzeln im Westen. Sie waren die wahren Söhne der Holzstädte, Milchfarmen, Minencamps, Fischerboote und Werften.“

Der Bootsflüsterer

„Das Wunder von Berlin“ ist ein gründlich recherchierter, packend erzählter Roman im Stil einer Reportage. Der mehrfach ausgezeichnete Sachbuchautor Brown verwebt gekonnt den entbehrungsreichen Trainingsweg des Washingtoner Achters mit den Olympiavorbereitungen der Nazis und der Lebensgeschichte von Joe Rantz. Eine wichtige Nebenrolle in dieser wahren Geschichte spielt George Yeoman Pocock, ein begnadeter Bootsbauer. Pocock hat, als er noch in England bei seinem Vater das Handwerk des Bootsbauers erlernte, erkannt, wie man technisch besser rudert. Und er weiß, wie wichtig, neben Technik und Kraft, die Psyche des Einzelnen und der Mannschaftsgeist sind. Damit wird Pocock in seiner Werkstatt zu einem weisen Ratgeber. Jedes Kapitel wird mit einem Zitat dieses Bootsflüsterers eingeleitet. Hier wird immer wieder deutlich, dass es in „The Boys in the Boat“ um das menschliche Miteinander geht – auf dem Wasser und an Land.

Demut als Tor zum Erfolg

Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass diese jungen, starken Männer nie eingebildet und arrogant wirken oder gar meinen, sie seien unbesiegbar. Statt durchaus zu erwartender Hybris steht für Joe Rantz und seine Jungs vielmehr die Erfahrung im Vordergrund, dass es im Leben nicht nur bergauf geht, sondern dass Rückschläge dazugehören. Die Ruderer und ihre Trainer kämpfen mit Versagensängsten und ihrer Unsicherheit.

„Jeder hatte auf seine Weise erfahren, dass in diesem Leben nichts selbstverständlich war, dass in der Welt Kräfte wirkten, die trotz ihrer Kondition, ihres guten Aussehens und ihrer Jugend stärker waren als sie. Die Herausforderungen, denen sie sich gestellt hatten, hatten sie Demut gelehrt, die Notwendigkeit, das eigene Ich dem Boot als Ganzem unterzuordnen, und Demut war das Tor, durch das sie jetzt gehen konnten, um gemeinsam etwas zu schaffen, das ihnen bisher noch nicht gelungen war.“

Wir wünschen gute Unterhaltung und natürlich Riemen- und Dollenbruch!
NK/CK

Information zum Buch

Daniel James Brown
Das Wunder von Berlin
Goldmann Verlag, München 2017
ISBN 978-3-442-15926-0 


Trailer zur englischen Ausgabe des Buches

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Freitagsfoto: Was vom Handel übrig bleibt

Bonjour Tristesse! Adieu Handel! Zugemauerte Schaufensterfassade.

Bonjour Tristesse! Adieu Handel! Zugemauerte Schaufensterfassade.

In diesen Tagen hat der Internethändler Amazon zum ersten Mal den Börsenwert von einer Billion US-Dollar geknackt. Unfassbar, bedenkt man, dass das Unternehmen vom jetzt reichsten Mann der Welt, Jeff Bezos, erst 1994 gegründet wurde. Welche Auswirkungen der Online-Handel auf den mittelständisch geprägten Handel und damit auf unsere Innenstädte hat, schreibt Kurt Kister in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Immer mehr kleine Geschäfte machen zu, weil wir alle immer mehr online kaufen. Mal mit mehr, mal mit weniger schlechtem Gewissen. Oder hat hier jemand noch nie bei Amazon gekauft? Was bleibt? Leerstand, zugemauerte Schaufenster, ein paar große Ketten, viel Tristesse.

Welche Folgen dieser gravierende Wandel unseres Konsumverhaltens auf die Stabilität einer Gesellschaft hat, darüber hat Uwe Kalkowski auf seinem Blog einen klugen Text mit dem Titel „Wir haben die Wahl. Jeden Tag“ geschrieben. Es lohnt sich sehr, diesen zu lesen!

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Freitagsfoto: Fatalismus unterm Birnbaum

Angesichts der täglichen Birnenflut hilft Demut und positiver Fatalismus. Foto: Norbert Kraas

Angesichts der täglichen Birnenflut hilft Demut und positiver Fatalismus. Foto: Norbert Kraas

Es ist jeden Tag dasselbe. Man steht auf, wirft einen Blick in den Garten und glaubt es kaum: Obst, wohin man schaut in diesem Jahr. Mal sind es Zwetschgen, mal Äpfel, mal Mirabellen. Bei uns sind es die Birnen, tausende kleine Birnen, die unser mächtiger, alter Birnbaum seit Wochen abwirft. Am Anfang waren sie eher hart und säuerlich, jetzt sind sie weich und süß. Als Saft schmecken sie köstlich, aber den herzustellen, macht natürlich Arbeit. Bisweilen treiben die Birnen mich an den Rand der Verzweiflung, ja sie stellen mich auf die Probe. „Es hilft nichts“, sagt meine kluge Frau dann, wenn ich beim täglichen Birnenaufsammeln zu klagen und zu meckern anfange, und fügt hinzu: „es muss doch eh getan werden.“ Eine sehr weise Haltung, wie mir nach der Lektüre des Buches „Lob des Fatalismus“ von Matthias Dobrinski klar wurde:

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch ist kein Ratgeber.“

So schreibt der Autor in seinem neuen Buch „Lob des Fatalismus“. Dobrinski, seit 1977 Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, mag keine Ratgeber, die vorgeben, alles zu wissen, und die uns suggerieren, man könne sein Leben zu hundert Prozent im Griff haben. Dieser Einstieg macht den Autor schon mal sympathisch. Ratgeber, die alles wissen, gibt es meterweise in den Buchhandlungen, gerne stehen in ihrer Nähe Rosenquarze, Bergkristalle und Duftkerzen.

Fatalismus kommt von Schicksal

Wir haben „Lob des Fatalismus“ ohne Kristalle und ohne Kerzenduft, dafür bei gutem Licht und mit viel Neugier gelesen. Um es vorweg zu sagen, es hat sich gelohnt! Dobrinskis Buch ist ein unterhaltsamer Essay, eine abwägende Annäherung an den Begriff des Fatalismus. Und dieser hat gerade heute, wo alles mach- und optimierbar erscheint, keinen guten Ruf.

Fatalismus kommt von Lateinisch fatum, Schicksal. Ein Fatalist ist demnach einer, der sich dem unausweichlichen Schicksal ohne Gegenwehr ergibt: manchmal zynisch, manchmal resignativ. So einen Fatalismus möchte Dobrinski nicht. Er ist eher dem Fatalismus des Sowjetspion Rudolf Iwanowitch Abel zugeneigt, wie er auf den ersten Seiten schreibt. Steven Spielberg hat diesem Spion, der 1957 in den USA enttarnt wurde, ein sehenswertes filmisches Denkmal gesetzt. Abel drohte in den USA die Todesstrafe, und er verdankte sein Leben dem Anwalt Jamens P. Donovan (gespielt von Tom Hanks). Dobrinski zeigt am Beispiel Abels auf, dass dieser in seiner ausweglosen Lage, bedroht von der Todesstrafe, nicht ins Grübeln verfällt. Auf Nachfrage, warum er sich nicht quält, antwortet Abel: Would it help? Er möchte sich nicht von seinen Sorgen permanent beherrschen lassen, sondern entscheidet sich für eine, wie Dobrinski schreibt, subversive Haltung, die sich dem Unausweichlichen beugt und doch das Eigene bewahrt.

„Dieser Fatalisumus schafft Abstand. Er verkleinert das Übermächtige, wie das auch der Humor tut. Humor und Fatalismus treten oft als Geschwister auf. Was soll man tun, wenn es regnet? Es regnen lassen. Und über den Regen lachen.“

Nach diesem filmisch-historischen Einstieg nähert sich der Autor dem Fatalismus von der philosophischen Seite aus an. Über Platon, Aristoteles, die Stoiker, Augustinus und Luther gelangt Dobrinski zu Spinoza. Mit diesem niederländischen Philosophen geraten die Fatalisten im 17. Jahrhundert in die Defensive, denn Spinoza vertrat die Meinung, es gäbe keine Willensfreiheit. Folglich hat auch der Untertan ruhig zu halten und still zu leiden. Eine fatale Schicksalsergebenheit, die Dobrinski nicht gutheißt. Ebenso wenig wie den biologistischen Determinismus, vertreten von Neurowissenschaftlern, denen alles nur chemische Reaktion im Menschen ist. Dobrinski hält dagegen und

„findet, dass es nicht egal ist, was einer tut oder lässt. Er hält Resignation gegenüber der Ungerechtigkeit der Welt oder dem Klimawandel für die falsche Option und meint, dass alles, was jemand an Gutem tut, nicht ohne Sinn ist und in irgendeiner Weise die Welt ändert.“

Schicksalsgestaltung und Schicksalsergebung

Dobrinski geht es um die „Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Schicksalsgestaltung und Schicksalsergebung“. Sprich: Dinge, die man ändern kann, solle man versuchen zu ändern. Dinge, die man nicht ändern kann, solle man versuchen zu akzeptieren, wie sie sind. Natürlich klingt das leichter, als es ist, weshalb der Autor auch für eine Einübung eines aufgeklärten Fatalismus plädiert. Denn gerade dann, wenn das Leben eine unvorhersehbare Wendung nimmt, zum Beispiel in Form einer Krankheit oder einer Katastrophe, kann es hilfreich sein, wenn wir Übung im Akzeptieren des Unabänderlichen haben. Für Dobrinski bringt es der amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr in seinem Gelassenheitsgebet auf den Punkt:

„Gott, gibt mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Das ist tröstlich, ob man nun an Gott glaubt oder nicht. Denn zu dieser Haltung schreibt Dobrinski „gehört untrennbar die Hoffnung, dass die Grenzen des eigenen Horizonts und des eigenen Begreifens nicht die Grenzen der Welt sind, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, als man denken kann, ganz abgesehen von den Möglichkeiten höherer Kräfte, von den Möglichkeiten Gottes mit den Menschen.“

Schluss mit der permanenten Selbstoptimierung

Für Dobrinski weist der Fatalismus damit über unser eigenes kleines Menschenleben hinaus. Er plädiert dafür, sich von „Allmachts-, Kontroll- und Wahrsagephantasien zu befreien und davon, das Leben immer im Griff haben zu müssen.“ Für den Autor befreit uns der aufgeklärte, reflektierte Fatalismus von der Pest der permamenten Glücksuche und Selbstoptimierung.

„Es steht ein Egoismus hinter dieser Selbstoptimierungsideologie, der zum Fürchten ist. Die anderen sind die Mitbewerber und Konkurrenten im lebenslangen Rennen um den optimalen Platz im Leben.“

Schritte, Kalorien, Freunde, Länder, Stufen auf der Karriereleiter – alles wird gezählt und in Echtzeit gepostet. Damit’s ja jeder sieht und möglichst viele vor Neid und Bewunderung erblassen und Sternchen geben. Das klingt ganz schön anstrengend.

Zum Menschsein gehört das Unvollständige

Für Dobrinski ist der wohlverstandene Fatalismus das Gegenprogramm zum perfektionistischen Optimierungswahn. Für ihn gehört „zum Menschsein das Imperfekte und Unvollständige, das Eigentümliche und auch das Abgründige.“ Wie man diese Haltung des positiven Fatalismus leben kann, erläutert Dobrinski mit eindrücklichen Beispielen von Menschen, die eben diese Haltung leben. Fatalismus, schreibt der Autor, erhöht sowohl unsere Fähigkeit mit Schicksalschlägen umzugehen, als auch mit Glück. Wir sollten versuchen beides, das Glück und den Schicksalsschlag, etwas niedriger zu hängen. Gerne auch mit Hilfe von einer guten Portion Humor.

Dobrinski ist bei der SZ zuständig für Religionen und Kirchen. Im letzten Kapitel seines Buchs befasst er sich daher auch mit Gott und dem Glauben. Er kommt zu dem überraschenden Schluss, dass wir uns um die irritierende Seite Gottes kümmern sollten. Gerade heute, in diesen unsicheren Zeiten. Der Autor empfiehlt seinen Lesern, nicht denen Glauben zu schenken, die uns weißmachen wollen, sie hätten die Wahrheit gepachet und wüssten, die Welt zu erklären. Damit sind dogmatische Hardliner innerhalb der Religionsgemeinschaften gemeint, aber auch „jene Dogmatiker des Kapitalismus, die die Herrschaft des Geldes religiös überhöhen.“

Sehr lesenswert

Matthias Dobrinski hat ein kluges, schmales Buch geschrieben, dessen Einsichten befreiend sind und zum Nachdenken und Überdenken der eigenen Haltung anregen. Dieser Essay kommt auf seinen 132 Seiten weder besserwisserisch noch akademisch geschwollen daher. Daher sei der Rat gestattet: Lest dieses gut geschriebene „Lob des Fatalismus“.

NK/CN

Buchinformation

Matthias Dobrinski
Lob des Fatalismus
Claudius Verlag, München, 2018
ISBN: 978-3-532-62811-9

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