Robert Macfarlane, Jahrgang 1976, ist Professor für Literatur an der Universität Cambridge und einer der bekanntesten Naturschriftsteller (Nature Writer) in englischer Sprache. Seine Bücher „Karte der Wildnis“, „Alte Wege“ oder „Unterland“, um nur ein paar zu nennen, sind mit vielen Preisen ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt worden.
Macfarlane schreibt über die Natur, über Pflanzen, Tiere und Menschen darin. Ihn interessieren die Geschichten, die Landschaften, Berge, Flüsse, Bäume oder Wege erzählen. Auf seinen ausgedehnten, manchmal gefährlichen Wanderungen, ob zu Fuß oder im Kanu, trifft er die verschiedensten Menschen; und auch deren Geschichten sind ihm wichtig. Aus all diesen Begegnungen und Erfahrungen macht Macfarlane Bücher, die uns allein durch ihren Ton und ihren Rhythmus in Bann ziehen.
Sind Flüsse Lebewesen?
In seinem neuesten Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“ geht der genaue Beobachter und beneidenswert fitte Schriftsteller der Frage nach, ob Flüsse einfach nur Wasser sind, in dem allerhand kreucht, fleucht und schwimmt oder doch eigene Lebewesen. Und wenn Flüsse Lebewesen sind, haben sie dann auch eigene, einklagbare Rechte? Zum Beispiel, das Recht, nicht von uns Menschen verschmutzt zu werden?
„Als ich einmal morgens meinen Sohn Will zur Schule brachte, fragte er mich, wie mein neues Buch heißen wird. »Sind Flüsse Lebewesen?«, antwortete ich. »Hm, Papa, das wird ein kurzes Buch«, sagte er dann, »denn die Antwort ist Ja!«“
In Deutschland zählt das Umweltbundesamt fast 9.000 Wasserkörper. Diese Flüsse haben zusammen eine Gesamtfließlänge von über 130.000 Kilometern. Nimmt man alle keinen Bäche und Rinnsale dazu, kommt man auf rund 15.000 Gewässer, von denen etwa 900 länger als 10 Kilometer sind. Und:
„Nur 8 Prozent der deutschen Flüsse sind in einem guten oder sehr guten ökologischen Zustand.“
So das Umweltbundesamt. Angesichts der zunehmenden Trinkwasserproblematik sind das keine guten Nachrichten. Dabei bemühen sich viele engagierte Menschen um das Wohl unserer Flüsse. Ob es helfen würde, wenn Flüsse in Deutschland als Lebewesen mit eigenen Rechten anerkannt wären?
Wem es schwerfällt, einen Fluss als Lebewesen zu betrachten, dem rät Macfarlane in seinem Buch, sich einen toten oder sterbenden Fluss vorzustellen. Ich musste an dieser Stelle an einen Bach in meiner Geburtsstadt denken. Dieser Bach verfärbte sich regelmäßig, je nachdem, welche Stoffe die Firma gerade färbte, die direkt am Bach ihren Sitz hatte. Aus heutiger Sicht ein Unding, für uns Kinder damals war es fast normal.
Ecuador, Indien, Kanada
In seinem bisher persönlichsten Buch nimmt uns Robert Macfarlane mit zu drei Flüssen in Ecuador, Indien und Kanada. Alle drei Flüsse sind in ihrer Existenz von uns Menschen bedroht.
In Norden von Ecuador wandern wir mit Biologen, Juristen und Umweltschützern zum Quellgebiet des Río Los Cedros, der durch den Goldabbau im enorm artenreichen Nebelwald Los Cedros massiv bedroht ist. Wie übrigens viele Flüsse und Seen in Mittel- und Südamerika. Wo Gold lockt, ist den meisten Menschen die Natur egal. Auch in Ecuador, obwohl dieses Land „Die Rechte der Natur“ im September 2008 in seine neue Verfassung aufgenommen hat. Weltweit ein Novum damals.
Die nächste Station im Buch ist Chennai im Osten Indiens. Drei Flüsse münden dort in den Indischen Ozean: Kosasthalaiyar, Coocum, Adyar. Diese Flüsse spielten über Jahrhunderte eine wichtige, nicht zuletzt spirituelle Rolle für die Menschen. Heute sind diese Flüsse faktisch tot und auch das Marschland im Mündungsgebiet ist maximal gefährdet. Niemand steigt dort freiwillig in den Fluss. Macfarlane schildert eine dystopische Landschaft, in der dennoch Millionen Menschen leben und überleben müssen.
„Jeden Tag werden schätzungsweise 55 Millionen Liter Abwasser in die Gewässer der Stadt geleitet.“
Im dritten Kapitel seines Buches begleiten wir Macfarlane auf einer körperlich herausfordernden Kanufahrt durch den Nordosten Kanadas auf dem wilden Mutehekau Shipu (Magpie River). Dieser Fluss fließt durch das Land der Innu, die sich als indigene Bewegung mit aller Kraft dagegen stemmen, dass „ihr“ Fluss von Staudämmen, die große Konzerne dort bauen wollen, als „Lebewesen“ zerstört wird. Der Rat der Innu hat den Mutehekau Shipu und dessen Einzugsgebiet im Januar 2021 als ersten Fluss Kanadas zum Lebewesen erklärt – mit eigenen Grundrechten. Ein Meilenstein im Naturschutz!
„Dieser Erfolg verdankte sich vor allem einer Dichterin und Aktivistin der Innu: Rita Mestokosho, die ihre Dichtung und politische Arbeit eng miteinander verbindet.“
Macfarlane portraitiert diese tief beeindruckende, weise Frau in wunderbar poetischen Passagen. Und Rita lässt keinen Zweifel daran, dass Flüsse Lebewesen mit einer Seele sind, die zu den Menschen sprechen. Wir können uns vermutlich kaum vorstellen, wie sehr es die indigene Bevölkerung schmerzen würde, wenn der Mutehekau Shipu durch einen Staudamm des Konzerns Hydro-Québec zerstört würde.
Die Natur anders sehen
Engländern sagt man nach, sie würden auch die schlimmsten Dinge mit ihrer berühmten Stiff Upper Lip ertragen. Bloß keine Gefühle zeigen, lautet die Devise auf der Insel. Macfarlane tut das Gegenteil. Er hat keine Angst vor seinen Gefühlen. Dementsprechend ist das Buch an etlichen Stellen sehr persönlich und berührend. Das ist ungewohnt, aber stimmig, wenn man sich darauf einlässt.
„Sind Flüsse Lebewesen?“ ist eine Einladung, ja eine dringliche Bitte, die Natur um uns herum, angefangen bei den Flüssen, mit anderen Augen zu sehen: nicht nur als Ressource und Besitz, sondern als eigenständiges Wesen. Wie der Autor auf 340 Seiten Naturschilderungen, Naturgeschichte, philosophische, literarische und mythologische Aspekte und dazu juristische Überlegungen kunstvoll miteinander verknüpft, ist beeindruckend. Robert Macfarlane hat ein wichtiges Buch geschrieben, das nachwirkt. Spätestens bei der nächsten Begegnung mit einem Bach oder Fluss oder Strom kommt, ganz leise, die Frage auf: „Sind Flüsse Lebewesen?“
NK | CK
Buchinformation
Robert Macfarlane
Sind Flüsse Lebewesen?
Ullstein Verlag, Berlin, 2025
416 Seiten, Hardcover
ISBN: 9783550202506
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