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Der Name an der Wand: André Chaix

Für den Zauber der Landschaft werden André Chaix und seine Maquisards kaum Augen gehabt haben

Für den Zauber der Landschaft werden André Chaix und seine Maquisards kaum Augen gehabt haben

Der Schriftsteller Hervé Le Tellier, Jahrgang 1957, sucht im Jahr 2020 ein Haus, in dem er endlich Wurzeln schlagen kann. Gefunden hat er es in dem kleinen Weiler La Paillette im Süden des Département Drôme. Es ist die ehemalige Poststation, die bis dahin von einer deutschen Keramikerin als Wohn- und Atelierhaus genutzt wurde. Bei ihrem Auszug nimmt sie auch die an der Hauswand montierten Keramikkacheln ab.

„Als die letzte, ganz rechte Tafel abgehängt war, erschien ein Name, der in Großbuchstaben in den Rohputz geritzt war: ANDRÉ CHAIX.“

Der Autor stutzt, fragt sich, wer das sein könnte, vergisst den Namen wieder, bis er eines Tages auf einem Denkmal in der Nachbarschaft den Namen André Chaix erneut entdeckt. Das Denkmal ist den gefallenen Widerstandskämpfern im Untergrund, dem Maquis, gewidmet. Einer dieser Kämpfer war André Chaix, „ein junger Mann mit einem kurzen Leben, derer es viele gab.“ Chaix fiel im August 1944 in einem aussichtlosen Gefecht mit der deutschen Wehrmacht in der Nähe von Grignan. Er wurde 20 Jahre alt.

Inspiriert von dieser zweiten „Begegnung“ mit André Chaix beginnt Le Tellier im Frühjahr 2020 mit einer intensiven Recherche. 2024, zum hundertsten Geburtstag des jungen Résistance-Kämpfers, erscheint das Buch „Der Name an der Wand“.

Dieulefit – Gott hat’s gemacht

Der 2020 mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnete Autor nähert sich auf 160 Seiten dem bis dahin unbekannten Kämpfer André Chaix. Eine große Hilfe und Anregung ist ihm dabei eine kleine Schachtel mit persönlichen Gegenständen von André Chaix: Fotografien, Briefe, Andrés Personalausweis, ein Flugblatt der Francs-tireur et Partisans, eine Brieftasche und „ganz abseitig, erschreckend intim und voller Leben, seine Zigarettenspitze.“

Le Telliers Nachforschungen und die Arbeit an diesem Buch nehmen uns mit in eine düstere Vergangenheit der deutschen und der französischen Geschichte. Von 1940 bis 1944 dauerte die deutsche Besatzung Frankreichs. Während dieser Zeit gab es willfährige Kollaborateure ebenso wie mutige Widerstandskämpferinnen und -kämpfer. Das Département Drôme liegt im Südosten Frankreichs, nördlich der Provence, und war ein Zentrum des französischen Widerstands. Dort wuchs André Chaix auf, unweit des kleinen Orts Dieulefit (auf Deutsch: Gott hat’s gemacht), dessen mutige Bürgerinnen und Bürger mehr als 1500 von den Nazis verfolgten Menschen (darunter Kinder, Erwachsene, bekannte Literaten und Résistance-Kämpfer) Unterschlupf boten.

Mut und Menschlichkeit

Vielleicht war es die besonders verschworene Atmosphäre dieses kleinen Ortes, die den jungen André Chaix wie viele andere auch zum Widerstandskämpfer werden ließ. Le Tellier bewegt sich vorsichtig reflektierend durch das Leben von André Chaix. Wir lernen Andrés Verlobte kennen, sehen seine Lehrstelle als Keramiker in Dieulefit, lesen die zärtlichen Briefe an die Eltern und an die Verlobte, fahren auf dem LKW mit seinen Mitkämpfern.

Dabei bewegt sich Le Tellier immer wieder vom Konkreten zum Allgemeinen, er spannt den Bogen vom imaginierten Kinobesuch des jungen Kämpfers bis hin zu den grausamen Verbrechen der Nazis und ihrer französischen Helfer. Von letzeren sitzt übrigens nach dem französischen Amnestiegesetz vom 6. August 1953 kein einziger mehr im Gefängnis.

„Selbst die Mörder von Tulle, Figeac und Argenton-sur-Creuse sowie die Henker von Oradour-sur-Glane, um nur die wenigen Verurteilten zu nennen – viele vergesse ich – sie alle, absolut alle sind ab 1953 frei.“

André Chaix aus La Paillette, geboren am 23. Mai 1925 und ermordet von Soldaten der Wehrmacht am 23. August 1944, war keiner dieser Kollaborateure. Er stand auf der anderen Seite und schließt sich 1943 dem Maquis, dem bewaffneten Widerstand an. Die genauen Motive kennt auch der Autor Le Tellier nicht, aber:

„Ich setze also darauf, dass er sich aus Überzeugung dem Maquis de la Lance angeschlossen hat, der seinen Namen dem Berg verdankt, in dessen Schutz er sich aufhält.“

Mit seinem Buch hat Hervé Le Tellier dem jungen Résistant aus dem Drôme ein bewegendes literarisches Denkmal geschaffen. „Der Name an der Wand“ überzeugt mit sprachlicher Klarheit (sehr gute Übersetzung!) und präzise recherchierten Fakten. Ein schmales, fesselndes Buch, das am Beispiel von André Chaix und dem kleinen Ort Dieulefit zeigt, was möglich ist, wenn Menschlichkeit und Mut auch in größter Bedrängnis die Oberhand behalten.

„Was ist weiß ist, dass ich ohne diesen in eine Wand gravierten Namen, dass ich ohne André Chaix als Senkblei niemals diese Epoche hätte erkunden können, in der Großherzigkeit und Mut mit Egoismus und Niedertracht eng beieinanderlagen wie nur selten.“

NK | CK

PS: Der Reklamekasper macht eine kleine Sommerpause. Bleibt im Schatten, bleibt gesund, bleibt uns gewogen!

Buchinformation

Hervé Le Tellier
Der Name an der Wand
aus dem Französischen von Romy Ritte und Jürgen Ritte
2025 Rowohlt Verlag Hamburg
ISBN 978-3-498-00742-3

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Freitagsfoto: Wasserläufer

Dank der Härchen auf den Tarsen und der Oberflächenspannung des Wassers sinken Wasserläufer (Gerridae)nicht ein

Dank der Härchen auf den Tarsen und der Oberflächenspannung des Wassers sinken Wasserläufer (Gerridae) nicht ein

Denk dran, Menschlein
nur der Wasserläufer
läuft übers Wasser

In ungewissen Zeiten wie diesen haben Wunderheiler Konjunktur, in der Politik wie im Sport. Denn wir Menschen halten Ungewissheit nun mal schwer aus und sehnen uns nach einfachen Rezepten für komplizierte Herausforderungen. Ein aktuelles Beispiel ist die Misere der Fußballnationalmannschaft der Herren, wo Jürgen Klopp es richten soll: koste es, was es wolle.

Klopp ist in Glatten im Nordschwarzwald aufgewachsen, durch diesen kleinen Ort fließt die Glatt. Ob der kleine Jürgen jemals trockenen Fußes über diesen Bach gegangen ist? Man könnte es meinen, so viel Hoffnung setzen sie beim DFB in diesen Wunderheiler, mit dem alles wieder gut werden soll.

Aber wie sagte einst die Dortmunder Fußballlegende Adi Preißler (* 9. April 1921 in Duisburg; † 15. Juli 2003):

„Grau is’ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is’ auf’m Platz.“

NK | CK

 

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Freitagsfoto: Morgendämmerung

Morgenstimmung bei Ecussols (Saint-Pierre-le-Vieux) im Burgund

Morgenstimmung bei Ecussols (Saint-Pierre-le-Vieux) im südlichen Burgund

Morgendämmerung,
bleib‘ doch noch
mit deiner Kühle

Kranō

El Niño

Heute soll die zweite heftige Hitzewelle des Jahres enden. Endlich! Dann haben wir ein wenig Zeit zum Durchatmen. Aber vermutlich werden es nicht die letzten Hitzetage dieses Sommer gewesen sein. Denn im Pazifik baut sich gerade ein El Niño auf, wie es ihn, so Klimawissenschafter*innen, noch nicht gegeben hat. Dazu schreibt das gemeinnützige Rechercheportal Volksverpetzer:

„Die Meerestemperatur im wichtigsten Klimaüberwachungsgebiet der Erde liegt so hoch wie in keinem Jahr seit Beginn der Satellitenmessungen zu dieser Jahreszeit. Während der Ozean dieses Signal sendet, hat der Bundestag am 10. Juli das Heizungsgesetz beerdigt und keinen Plan, wie wir unsere Klimaziele einhalten sollen.“

Leider hat es die beeindruckende Grafik dazu auf keine einzige Titelseite in Deutschland geschafft. Wer diesen aufschlussreichen Text zum El Niño 2026 mit der Grafik lesen will, kann dies hier ohne Bezahlschranke (!) tun. Es lohnt sich!

NK | CK

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Freitagsfoto: Pétanque

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Friedrich Schiller

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Friedrich Schiller

Pétanque
Das Spiel dauert
solange es dauert

In Trouville-sur-Mer gibt es einen schönen Pétanque-Platz an der Strandpromenade, an dem sich jeden Tag, außer es schüttet, ein paar Leute, meist Einheimische, zur Pétanque treffen. Es wird leidenschaftlich gespielt, geraucht, diskutiert, nachgemessen, geschwiegen und manchmal auch etwas getrunken. Es ist ein wunderbares kleines Schauspiel, das alleine schon vom Zuschauen seine Blutdruck senkende, beruhigende Wirkung entfaltet.

NK | CK

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Ein Gespräch über Autos – mit der KI

Der Mercedes-Benz 190 SL (W 121 B II) wurde von 1955 bis 1963 gebaut.

Der Mercedes-Benz 190 SL (W 121 B II) wurde von 1955 bis 1963 gebaut.

Die KI, eine Schleimerin

Keine Sorge, das wird hier kein Werbebeitrag für den legendären 190 SL, obwohl das ein wunderschönes Auto war, ganz im Gegensatz zu den aufgeblasenen Kisten, die heute auf den Straßen rumfahren.

Ich möchte heute auf einen Text des bekannten Soziologen Armin Nassehi hinweisen, der an der LMU München Soziologie und Gesellschaftstheorie lehrt und ein Autofreak ist. Nassehi ist Mitherausgeber der legendären Kulturzeitschrift Kursbuch, und er verfügt über eine Eigenschäft, der sich nicht alle Wissenschaftler rühmen dürfen. Nassehi ist in der Lage, kluge und überraschende Gedanken so zum Ausdruck zu bringen, dass man seine Texte gerne liest.

Im aktuellen Beitrag auf dem Blog der Zeitschrift Kursbuch schreibt Nassehi über ein „Gespräch“, das er mit der KI seines Vertrauens geführt hat. Es geht darin um Autos, genauer um Nassehis aktuelles Auto und das ehemalige Familienauto seiner Eltern. Es ist interessant zu lesen, wie sich dieses „Gespräch“ zwischen Nassehi und der KI (LLM: Large Language Model) entwickelt. Wobei es dem Soziologen weniger um den Inhalt, sondern um die Art des „Gesprächs“ geht, in das er sich von der KI hineinziehen hat lassen.

„Der Kommunikationsstil erzeugte nicht nur einen Aufforderungscharakter, sondern auch so etwas wie eine permanente Verarbeitung meiner Informationen in eine Richtung, die diesen Informationen in die Karten spielt. Anders ausgedrückt: Das LLM meines Vertrauens ist ein ziemlicher Schleimer“

Wer den ganzen Text von Armin Nassehi nachlesen möchte, kann dies hier tun.

Der Erfolg der KI, so Nassehi, scheint weniger durch die – gerne mal fehlerhaften – Ergebnisse gerechtfertigt zu sein, als durch die Art und Weise, wie sich diese Maschine als Technik in unseren Alltag „einschleimt“.

NK | CK

PS: Eine Anfrage bei Chat-GPT benötigt übrigens 0,42 Wattstunden. Der Energiehunger der KI-Rechenzentren ist gewaltig, ebenso deren Wasserbedarf. Alle KI-Zentren zusammen verbrauchen mit 450 Terrawattstunden im Jahr mehr Strom als ganz Frankreich. 4,5 Billionen Liter Wasser benötigen alle Datenzentren weltweit zum Betrieb – jährlich. Das entspricht rund 1,5 Mal dem Starnberger See. (Quelle: Süddeutsche Zeitung, 17.6.2026)

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Auf Wolfspfaden mit Adam Weymouth

Wie aus dem Wolf ein Hund wie hier auf dem Foto wurde ist ungeklärt

Wie und wann aus dem Wolf ein Hund wie dieser auf dem Foto wurde ist ungeklärt

Slavc (2010 – 2022)

„Der Wolf hat sich im Winter auf den Weg gemacht.“

Auch der britische Autor und Journalist Adam Weymouth macht sich im Winter auf den Weg. Er will den Spuren des Wolfs Slavc folgen, der im Winter 2011 mit Alter von 19 Monaten sein Geburtsrevier im Süden Sloweniens verlässt, um nach einer Wanderung von mehr als 1000 Kilometern durch Slowenien, Österreich und Italien in den Lessinischen Bergen in Italien mit einer Wölfin ein neues Rudel zu gründen.

Weymouth ist fasziniert von Wölfen, ihrer Kraft, ihrer Klugheit, ihrer Resilienz und ihrer Anmut.

„Der Wolf geht den flachen Taleinschnitt hinab, in lockerem Gang, seine Fußgelenke haben Spiel und flattern geradezu. Würde man ein Glas Wasser zwischen seine Schulterblätter stellen, kein einziger Tropfen würde verschüttet.“

Trotz aller Faszination für die Gattung Wolf ist Adam Weymouth aber kein naiver Träumer. Er nähert sich diesem Raubtier von verschiedenen Seiten. Weymouth liest, recherchiert, wandert und spricht mit allen möglichen Menschen, die er auf seinem Weg trifft. Er hört wissenschaftlichen Wildbiologen ebenso genau zu wie Bauern und Hirten, die immer wieder Wolfsrisse zu beklagen haben, und für die der Wolf eine einzige Bedrohung darstellt.

Schon nach wenigen Seiten dieses spannenden Buches wird klar, wie schwierig, belastet und häufig vergiftet das Verhältnis von Mensch und Wolf war und ist. Mit schlichtem Schwarzweißdenken kommt man hier nicht weiter, mit empathischem Zuhören und differenziertem Denken schon.

„Wölfe sind Spitzenprädatoren – die geradezu ikonische Verkörperung der Wildnis. Und an keiner einzigen Stelle in Europa wurden sie wiederangesiedelt. Ihre Rückkehr ist ganz allein ihr Werk.“

„Wölfe können größere Distanzen zurücklegen als alle anderen Landtiere dieses Planeten.“

„Wölfe können größere Distanzen zurücklegen als alle anderen Landtiere dieses Planeten.“

Unermüdliche Dauerläufer

Slavc, ausgesprochen Slauts, ist einer dieser Wölfe, der sich ganz alleine und aus eigenem Antrieb auf eine sehr gefährliche Wanderung mit höchst ungewissem Ausgang macht. Dessen Weg läuft Weymouth nach, und er tut dies mit Hilfe von GPS-Daten, die das Halsband gesendet hat, das slowenische Wissenschaftler dem jungen Slavc angelegt haben.

„Ich habe alle 635 Standorte, die Slavc während seiner viermonatigen Wanderung übermittel hat, als Wegpunkte auf meinem Handy gespeichert.“

So weit die Vorbereitung. Schnell wird Weymouth klar, dass er Slavc nicht exakt auf seiner Linie folgen kann, denn Slavc hält sich an keine Straßen, Wege oder gar ausgeschilderten Wanderwege. Steile Hänge oder praktisch undurchdringliches Gestrüpp sind für Wölfe kein Hindernis, ihre Ausdauer scheint grenzenlos.

„Sie können stundenlang mit acht Kilometern pro Stunde gehen, ohne ihren Rhythmus zu verändern oder ins Schwitzen zu geraten, und oftmals legen sie dabei weite Strecken zurück.“

Immer wieder legt Weymouth auf seiner Wanderung Pausen ein, übernachtet bei Bauern und Hirten, die ihn freundlich bewirten und ihm dann ihr Leid über den Wolf klagen, den sie Biest oder Bestie nennen. Der Wolf, auch das lernen wir in diesem Buch, wird schnell zum Sündenbock, der das Leben der kleinen Bauern und Hirten gefährdet, sei es in Slowenien, in Österreich oder in den lessinischen Bergen Italiens. Es ist aufschlussreich zu lesen, dass der Wolf von verängstigten Bauern genauso schnell zum Sündenbock gemacht wird wie die Migranten von populistischen italienischen Politikern in den lessinischen Bergen.

Sorgen, Ängste, Faszination

„Wolfspfade. Eine Spurensuche im Herzen Europas“ ist eine anregende und spannende Lesereise, bei der es links und rechts des Weges sehr viel zu lernen gibt: über die Geschichte des Wolfs; über die brutalen Methoden, mit denen die Menschen versucht haben, ihn auszurotten; über die Ängste und Sorgen der Kleinbauern; über den Zustand unserer Umwelt und die Gefährdung der Artenvielfalt und des Klimas.

„Was bedeutet Umweltschutz heutzutage, da so vieles in Wanken gerät. Wir werden nicht in alte Zeiten zurückkehren, zu denen es noch Wölfe gab. Wir bewegen uns auf etwas Neues zu, das noch nicht abzusehen ist. Wir stehen kurz vor einer Katastrophe, und das ist kein Zustand, in dem wir verharren können.“

Und wenn die Lektüre dieses Buches noch etwas zeigt, dann dies: Ist es nicht faszinierend, wie wir uns als Leserin, als Leser mal eben auf eine Wanderung von mehr als 1000 Kilometern begeben können und dabei Menschen kennenlernen dürfen, die wir sonst nie im Leben getroffen hätten? Das schafft nur ein Buch!

Adam Weymouth hat übrigens Slavc während seiner Wanderung nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Dem Buch tut das keinen Abbruch!

NK | CK

PS: Slowenien, so habe ich gelernt, ist übrigens ein Land mit einer faszinierenden, traumhaft schönen und sehr waldreichen Natur. Auf der Website des Esslinger Naturfotografen Harald Löffler, der oft in Slowenien mit der Kamera unterwegs ist, kann man sich einen ersten Eindruck verschaffen. Hier ein paar Fotos.

Buchinformation

Adam Weymouth
Wolfspfade. Eine Spurensuche im Herzen Europas
aus dem Englischen von Felix Mayer
btb Verlag, München, 2026
ISBN: 978-3-442-76340-5

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Freitagsfoto: Meer

Friedliche Meeresstimmung in Trouville-sur-Mer, Normandie

Friedlich gestimmtes Meer in Trouville-sur-Mer in der Normandie

Das Meer im Frühling,
ruhiger Wellengang
den ganzen Tag…

Ein Haiku von Yosa Buson (* 1716; † 17. Januar 1784)

CK | NK

Buchinformation

Weisse Tautropfen: 300 Haiku zu Regen, Nebel und Meer …
ausgewählt und übertragen von Ute Guzzoni und Michiko Yoneda
Taschenbuch, Parerga Verlag, Berlin, 2006
ISBN: 3937262423
leider nur noch antiquarisch erhältlich

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Sind Flüsse Lebewesen?

Wäre es nicht schön, man könnte in allen Flüssen unbesorgt schwimmen?

Wäre es nicht schön, man könnte in allen Flüssen unbesorgt schwimmen?

Robert Macfarlane, Jahrgang 1976, ist Professor für Literatur an der Universität Cambridge und einer der bekanntesten Naturschriftsteller (Nature Writer) in englischer Sprache. Seine Bücher „Karte der Wildnis“, „Alte Wege“ oder „Unterland“, um nur ein paar zu nennen, sind mit vielen Preisen ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt worden.

Macfarlane schreibt über die Natur, über Pflanzen, Tiere und Menschen darin. Ihn interessieren die Geschichten, die Landschaften, Berge, Flüsse, Bäume oder Wege erzählen. Auf seinen ausgedehnten, manchmal gefährlichen Wanderungen, ob zu Fuß oder im Kanu, trifft er die verschiedensten Menschen; und auch deren Geschichten sind ihm wichtig. Aus all diesen Begegnungen und Erfahrungen macht Macfarlane Bücher, die uns allein durch ihren Ton und ihren Rhythmus in Bann ziehen.

Sind Flüsse Lebewesen?

In seinem neuesten Buch „Sind Flüsse Lebewesen?“ geht der genaue Beobachter und beneidenswert fitte Schriftsteller der Frage nach, ob Flüsse einfach nur Wasser sind, in dem allerhand kreucht, fleucht und schwimmt oder doch eigene Lebewesen. Und wenn Flüsse Lebewesen sind, haben sie dann auch eigene, einklagbare Rechte? Zum Beispiel, das Recht, nicht von uns Menschen verschmutzt zu werden?

„Als ich einmal morgens meinen Sohn Will zur Schule brachte, fragte er mich, wie mein neues Buch heißen wird. »Sind Flüsse Lebewesen?«, antwortete ich. »Hm, Papa, das wird ein kurzes Buch«, sagte er dann, »denn die Antwort ist Ja!«“

In Deutschland zählt das Umweltbundesamt fast 9.000 Wasserkörper. Diese Flüsse haben zusammen eine Gesamtfließlänge von über 130.000 Kilometern. Nimmt man alle keinen Bäche und Rinnsale dazu, kommt man auf rund 15.000 Gewässer, von denen etwa 900 länger als 10 Kilometer sind. Und:

„Nur 8 Prozent der deutschen Flüsse sind in einem guten oder sehr guten ökologischen Zustand.“

So das Umweltbundesamt. Angesichts der zunehmenden Trinkwasserproblematik sind das keine guten Nachrichten. Dabei bemühen sich viele engagierte Menschen um das Wohl unserer Flüsse. Ob es helfen würde, wenn Flüsse in Deutschland als Lebewesen mit eigenen Rechten anerkannt wären?

Wem es schwerfällt, einen Fluss als Lebewesen zu betrachten, dem rät Macfarlane in seinem Buch, sich einen toten oder sterbenden Fluss vorzustellen. Ich musste an dieser Stelle an einen Bach in meiner Geburtsstadt denken. Dieser Bach verfärbte sich regelmäßig, je nachdem, welche Stoffe die Firma gerade färbte, die direkt am Bach ihren Sitz hatte. Aus heutiger Sicht ein Unding, für uns Kinder damals war es fast normal.

Ecuador, Indien, Kanada

In seinem bisher persönlichsten Buch nimmt uns Robert Macfarlane mit zu drei Flüssen in Ecuador, Indien und Kanada. Alle drei Flüsse sind in ihrer Existenz von uns Menschen bedroht.

In Norden von Ecuador wandern wir mit Biologen, Juristen und Umweltschützern zum Quellgebiet des Río Los Cedros, der durch den Goldabbau im enorm artenreichen Nebelwald Los Cedros massiv bedroht ist. Wie übrigens viele Flüsse und Seen in Mittel- und Südamerika. Wo Gold lockt, ist den meisten Menschen die Natur egal. Auch in Ecuador, obwohl dieses Land „Die Rechte der Natur“ im September 2008 in seine neue Verfassung aufgenommen hat. Weltweit ein Novum damals.

Die nächste Station im Buch ist Chennai im Osten Indiens. Drei Flüsse münden dort in den Indischen Ozean: Kosasthalaiyar, Coocum, Adyar. Diese Flüsse spielten über Jahrhunderte eine wichtige, nicht zuletzt spirituelle Rolle für die Menschen. Heute sind diese Flüsse faktisch tot und auch das Marschland im Mündungsgebiet ist maximal gefährdet. Niemand steigt dort freiwillig in den Fluss. Macfarlane schildert eine dystopische Landschaft, in der dennoch Millionen Menschen leben und überleben müssen.

„Jeden Tag werden schätzungsweise 55 Millionen Liter Abwasser in die Gewässer der Stadt geleitet.“

Im dritten Kapitel seines Buches begleiten wir Macfarlane auf einer körperlich herausfordernden Kanufahrt durch den Nordosten Kanadas auf dem wilden Mutehekau Shipu (Magpie River). Dieser Fluss fließt durch das Land der Innu, die sich als indigene Bewegung mit aller Kraft dagegen stemmen, dass „ihr“ Fluss von Staudämmen, die große Konzerne dort bauen wollen, als „Lebewesen“ zerstört wird. Der Rat der Innu hat den Mutehekau Shipu und dessen Einzugsgebiet im Januar 2021 als ersten Fluss Kanadas zum Lebewesen erklärt – mit eigenen Grundrechten. Ein Meilenstein im Naturschutz!

„Dieser Erfolg verdankte sich vor allem einer Dichterin und Aktivistin der Innu: Rita Mestokosho, die ihre Dichtung und politische Arbeit eng miteinander verbindet.“

Macfarlane portraitiert diese tief beeindruckende, weise Frau in wunderbar poetischen Passagen. Und Rita lässt keinen Zweifel daran, dass Flüsse Lebewesen mit einer Seele sind, die zu den Menschen sprechen. Wir können uns vermutlich kaum vorstellen, wie sehr es die indigene Bevölkerung schmerzen würde, wenn der Mutehekau Shipu durch einen Staudamm des Konzerns Hydro-Québec zerstört würde.

Die Natur anders sehen

Haben nicht auch Biber, hier im südfranzösischen Gardon, ein Recht auf saubere Flüsse?

Haben nicht auch Biber, hier im südfranzösischen Gardon, ein Recht auf saubere Flüsse?

Engländern sagt man nach, sie würden auch die schlimmsten Dinge mit ihrer berühmten Stiff Upper Lip ertragen. Bloß keine Gefühle zeigen, lautet die Devise auf der Insel. Macfarlane tut das Gegenteil. Er hat keine Angst vor seinen Gefühlen. Dementsprechend ist das Buch an etlichen Stellen sehr persönlich und berührend. Das ist ungewohnt, aber stimmig, wenn man sich darauf einlässt.

„Sind Flüsse Lebewesen?“ ist eine Einladung, ja eine dringliche Bitte, die Natur um uns herum, angefangen bei den Flüssen, mit anderen Augen zu sehen: nicht nur als Ressource und Besitz, sondern als eigenständiges Wesen. Wie der Autor auf 340 Seiten Naturschilderungen, Naturgeschichte, philosophische, literarische und mythologische Aspekte und dazu juristische Überlegungen kunstvoll miteinander verknüpft, ist beeindruckend. Robert Macfarlane hat ein wichtiges Buch geschrieben, das nachwirkt. Spätestens bei der nächsten Begegnung mit einem Bach oder Fluss oder Strom kommt, ganz leise, die Frage auf: „Sind Flüsse Lebewesen?“

NK | CK

Buchinformation

Robert Macfarlane
Sind Flüsse Lebewesen?
Ullstein Verlag, Berlin, 2025
416 Seiten, Hardcover
ISBN: 9783550202506

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Freitagsfoto: Libelle

Rund 85 Libellenarten gibt es in Mitteleuropa. Dies hier ist ein Kleiner Blaupfeil (Orthetrum coerulescens)

Rund 85 Libellenarten gibt es in Mitteleuropa: hier ein Kleiner Blaupfeil (Orthetrum coerulescens)

Wir fließen –
das Wasser,
die Libelle und ich.

Ein Haiku von Taneda Santōka (* 3. Dezember 1882; † 11. Oktober 1940)

Wir wünschen ein schönes langes Wochenende!

CK | NK

Buchinformation

Weisse Tautropfen: 300 Haiku zu Regen, Nebel und Meer …
ausgewählt und übertragen von Ute Guzzoni und Michiko Yoneda
Taschenbuch, Parerga Verlag, Berlin, 2006
ISBN: 3937262423
leider nur noch antiquarisch erhältlich

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Wenn der Hund Zeitung liest

Bis zu 300 Millionen Riechzellen hat ein Hund, der Mensch hat lächerliche 5 Millionen

Bis zu 300 Millionen Riechzellen hat ein Hund, der Mensch grade mal 5 Millionen

Morgenrunde
das Terriermädchen liest Zeitung –
Hecke für Hecke

Kranō

Mit ihrem außergewöhnlichen Geruchssinn nehmen Hunde ihre Umwelt sehr stark über ihre Nase war. Hunde besitzen aber nicht nur ein Vielfaches an Riechzellen, sondern sie setzen beim Riechen auch eine spezielle Atemtechnik ein.

„Beginnt ein Rettungshund mit der Suche nach einem Opfer atmet er beim intensiven Schnüffeln bis zu dreihundertmal pro Minute ein und aus. (…) Die Verwirbelung der Luft ermöglicht das Erkennen winziger Mengen an Duftmolekülen.“ (IRO)

Wer mehr über die phantastischen Riechfähigkeit von Hunden wissen möchte, dem sei die Website der Internationalen Rettungshunde Organisation empfohlen. Hier geht’s zum Artikel. 

NK | CK

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