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Das Huhn, das vom Fliegen träumte

Manche Hühner träumen vom Fliegen, alle träumen vom Fressen

Manche Hühner träumen vom Fliegen, alle träumen vom Fressen

„Das Ei rollte über den Käfigboden und blieb hinter der Barriere liegen. Sprosse sah es an – es war kalkweiß und blutbefleckt. Sie hatte seit zwei Tagen keines mehr gelegt und hätte nicht geglaubt, dass sie überhaupt noch dazu in der Lage war. Und doch, hier was es – ein kleines trauriges Ei.“

Das Huhn, das vom Fliegen träumte

So heißt das schmale Buch der südkoreanischen Autorin Sun-Mi Hwang. Die Fabel über die Henne mit dem etwas eigenwilligen Namen Sprosse ist in Korea schon vor 19 Jahren, auf Deutsch im Jahr 2014 erschienen. Mir ist das Buch dank seines schönen Umschlags erst vor ein paar Wochen im Buchladen aufgefallen. Und, was soll ich sagen, für Hühnerhalter ist diese Fabel geradezu ein Muss.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst. Die Legehenne Sprosse lebt eingesperrt in einem Legestall und produziert tagaus, tagein ein Ei.

„Sie konnte weder herumlaufen, noch mit den Flügeln schlagen, geschweige denn ihre eigenen Eier ausbrüten.“

Die Eier rollen, wie das in Legebatterien so üblich ist, sofort hinter eine Barriere. Dabei möchte Sprosse endlich auch einmal ein Ei ausbrüten und ihr eigenes Küken schlüpfen sehen. Wie die schönen Hennen aus ökologischer Aufzucht, die draußen auf dem Hof mit ihren Küken frei rumlaufen dürfen.

Gefangen, aber in Sicherheit

Als Sprosse keine Eier mehr legen kann, soll sie gekeult werden. Der Bauer holt sie aus dem Stall und wirft sie auf eine Schubkarre, „begraben unter einem Berg anderer Hühner an der Schwelle des Todes.“ Doch Sprosse entkommt diesem Schicksal. Mit Hilfe eines Wildenten-Erpels, der auf dem Hof als Außenseiter geduldet wird, gelingt ihr die Flucht in die Freiheit. Die Freiheit jedoch ist voller Gefahren. Sprosse muss ständig auf der Hut sein: vor dem freilaufenden Hahn, der sie weder in der Scheune noch im Hof haben will, vor dem Kettenhund, der seine Pflicht tut, vor dem Wiesel, das immer auf Nahrungssuche ist. Dazu kommen Kälte, Regen, Hunger. War es im Hühnerstall nicht doch besser? Gefangen, beengt, aber in Sicherheit? Diese vielleicht etwas vermenschlichten Gedanken beschäftigen die gefiederte Protagonistin, als sie auf der Nahrungssuche in einer Dornenhecke zufällig ein Ei entdeckt.

„In der Mitte des Dornenstrauches lag ein weißes, bläulich schimmerndes Ei in einem Nest. Es war groß und schön, aber das Nest war weder mit Federn ausgepolstert, noch gab es Anzeichen, dass das Ei eine Mutter hatte oder bebrütet wurde.“

Sprosse entscheidet sich, das Ei mit seiner Wärme auszubrüten.

Sehr freilaufend: Henne mit Küken in Burgund. © Schöne Postkarten, Tübingen

Sehr frei und immer auf der Hut: Glucke mit Küken in Burgund. © Schöne Postkarten, Tübingen

Freiheit und Mut

Mehr möchte ich hier nicht verraten. Diese kleine Fabel ist spannend, traurig, humorvoll und mitunter realistisch brutal , aber auch tröstlich. „Das Huhn, das vom Fliegen träumte“ ist eine zarte Geschichte, in der es um Freiheit, Sicherheit und Mut geht. Mut nämlich, das Leben auch unter widrigen Umständen in die eigenen Hände zu nehmen.

Die schöne, einfache Sprache und die filigranen Zeichnungen der japanischen Künstlerin Kazuko Nomoto machen dieses Buch zu einem kleinen Kunstwerk, das nicht nur Hühnerbesitzern gefallen wird.

Buchinformation

Sun-Mi Hwang
Das Huhn, das vom Fliegen träumte
Aus dem Englischen von Simone Jakob
Kein & Aber Verlag, Zürich
ISBN: 978-3-0369-5991-7

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C.K. | N.K.

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Vatertag: Gedicht statt Bollerwagen

Erinnerungen sind häufig an Gegenstände gebunden – auch an Rasenmäher

Erinnerungen sind häufig an Gegenstände gebunden – auch an Rasenmäher

Was bleibt, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist? Die Erinnerungen bleiben, und diese sind häufig mit Gegenständen und Räumen verbunden. Rainer Moritz hat darüber ein Buch geschrieben, das wir letzten Herbst hier im Blog besprochen haben.

Ich bin vor wenigen Tagen auf tröstliche Zeilen von Jack Ridl zu diesem Thema gestoßen. Ridl beschreibt darin die Suche eines dichterischen Ichs nach dem verstorbenen Vater. „Searching Again for My Father“ heißt das Gedicht, und diese Suche beginnt in einer Garage zwischen Öldosen, Farbbüchsen, Handschuhen, Nägeln, kaputten Sägeblättern. Von dort geht es hinaus in den Garten, zum blühenden Apfelbaum, den der Vater gepflanzt hat, in einer Astgabel ein leeres Spatzennest.

Zeile für Zeile, Vers für Vers nimmt uns Ridl mit auf seiner Suche: er öffnet eine alte Militärtruhe, zeigt uns Rangabzeichen und Schachteln mit Briefen, schaut unter dem Tisch, wo der Hund schläft und endet schließlich mit einer überraschenden Wendung.

Searching again for My Father

I have looked through the garage, shelves
stacked with engine oil, cans of paint, piles
of rags and gloves and old hats, boxes
of shoes, nails, broken saw blades, clocks.

And in the crab apple tree he planted
in the back left corner of the yard,
in its burst of white blossom, in
the empty sparrow nest that has sat
for years within the fork of a branch.

Maybe here, I think, across the room,
sleeping in front of the summer-empty
fireplace, or sitting on the mantle looking
toward the closed white kitchen door.

Or here, right here, in this chair, scribbling
across this very notebook, smiling at each
fallen word, thinking I still don’t know why.

In the basement? Opening the army steamer
trunk, taking out the medals, the captain’s
bars, the box of letters, and the pen-and-ink
drawings he foung within the rubble of France.

Or under the dining table, where the dog
sleeps, breathing softly, velvet eyelids ready
to rise at the sound of “Walk,” ragged toy lion
lying drool-enameled by his dream-twitching nose.

Or maybe in the sigh at the day’s end. Maybe
in the last twenty pages of the book I’ve been
reading for a week. Maybe I passed by him
at the opening of Chapter Four, when I wondered
why the writer, without warning, shifted point of view.

Informationen zum Buch

Jack Ridl
Practicing to Walk Like a Heron
Wayne State University Press, Detroit, 2013
ISBN: 9780814334539

Jack Ridl ist emeritierter Professor für Literatur, wurde von der Carnegy Foundation als Professor des Jahres 1996 für Michigan ausgezeichnet und hat etliche Literaturpreise gewonnen. Wer mehr von Jack Ridl lesen möchte, dem empfehle ich seinen lesenwerten Blog. Die Süddeutsche Zeitung hat Jack Ridl letztes Jahr an Ostern eine Seite Drei gewidmet.

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Freitagsfoto: Mit Hölderlin zur Wurmlinger Kapelle

Wurmlinger Kapelle bei Tübingen. Foto: www.schoenepostkarten.de

„Heute haben wir großen Markttag. Ich werde, statt mich von dem Getümmel hinüber und herüberschieben zu lassen, einen Spaziergang mit Hegel, der auf m. Stube ist, auf die Wurmlinger Kapelle machen wo die berühmte schöne Aussicht ist.“
(schreibt Friedrich Hölderlin am 16.11.1790 in einem Brief an seine Schwester Rike, Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe, 6,1)

Ob Sie mit Hegel, Hölderlin oder alleine zur Wurmlinger Kapelle spazieren, die barocke Sankt-Remigius-Kapelle, die im Jahr 1685 geweiht wurde, ist immer ein lohnendes Ziel. Wer in Tübingen starten möchte, hat eine schöne Wanderung von rund 15 Kilometer (hin und zurück) vor sich, die Rickmer Stohp auf seiner Website Geschichte zu Fuß gut beschrieben hat.

Wer sich näher mit Hölderlins Zeit in Tübingen befassen möchte, dem empfehle ich den Aufsatz „Die Linien des Lebens sind verschieden – Im zweihundertsten Jahr nach Friedrich Hölderlins Einzug in den Tübinger Neckarturm“ von Kurt Oesterle. Der Essay ist in dem Band „Heimatsplitter im Weltgebäude“ enthalten, den man auf der Seite des Autors kostenlos als pdf oder E-Book herunterladen kann.

Sie möchten mit Hölderlin zur Kapelle spazieren? Dann wäre eventuell die handliche Reclam-Ausgabe mit einer kommentierten Auswahl seiner Gedichte eine gute Anschaffung. Passt in jede Tasche.

Information zum Buch

Friedrich Hölderlin
Gedichte. Eine Auswahl
Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Kurz
Durchgesehen, aktualisiert und bibliographisch ergänzt, Ausgabe 2015
ISBN: 978-3-15-019343-3
Reclam-Verlag, Stuttgart

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N.K. / C.K.

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„In Europa“ – eine Reise durch Raum und Zeit

Die Klippen von Dover. Endet hier bald das politische Europa?

Die Klippen von Dover. Endet hier bald das politische Europa?

In knapp zwei Wochen findet die Europawahl 2019 statt. Kein Tag, an dem wir nicht mit Wahlwerbung bombardiert werden: im Radio, im Fernsehen, im Internet. Das Meiste davon kann man getrost ignorieren, so platt, einfältig, europa- oder fremdenfeindlich ist das Zeug. Wohl dem, der kluge Nachbarn und Freunde hat, die einem gute Bücher und Texte zum Thema Europa empfehlen.

Sorgenkind Europa

Vor zwei Tagen zum Beispiel hat uns unsere Nachbarin U. einen Artikel von Timothy Garton Ash aus dem Guardian mit dem Titel „Why we must not let Europe break apart“ weitergeleitet. Der britische Historiker und Schriftsteller, im übrigen ein exzellenter Kenner Deutschlands, macht sich große Sorgen um Europa, und zwar nicht nur wegen des irren Brexit-Theaters seiner Landsleute, sondern auch wegen der europafeindlichen Rechtspopulisten, die von Budapest bis Berlin, von Rom bis London, von Madrid bis Paris ihr Unwesen treiben. Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von Nazi-Deutschland sieht der renommierte Wissenschaftler Europa als ein einzigartiges Friedensprojekt, das wir nicht den Rechtspopulisten zur Zerstörung überlassen dürfen. Wer mag, kann den Artikel hier nachlesen.

In Europa – Eine Reise durch das 20. Jahrhundert

Unbedingt lohnenswert ist die Lektüre des Buches „In Europa — Eine Reise durch das 20. Jahrhundert“, das uns unser Freund K. empfohlen hat. Wenn Sie bis zur Europawahl nur noch Zeit für ein Buch haben, dann sollten Sie jetzt schnell in die Buchhandlung Ihres Vertrauens gehen, „In Europa“ kaufen und mit dem niederländischen Autor Geert Mak auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert gehen.

Geert Maks Reiseroute für die Jahre 1942 bis 1944

Geert Maks Reiseroute für die Jahre 1942 bis 1944

Bitte lassen Sie sich nicht von den gut 900 Seiten abschrecken! Der Journalist und Essayist Mak (Jahrgang 1946) verfügt über ein enormes Geschichtswissen und er kann Geschichte so erzählen, dass man gar nicht mehr aufhören möchte zu lesen. Wie er das schafft? Indem er die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einer Reportagereise verknüpft, die ihn im Jahr 1999 kreuz und quer durch Europa geführt hat. Mak war im Auftrag der niederländischen Tageszeitung NRC/Handelsblad unterwegs und hat während dieser Reise jeden Tag über seine Begegnungen und Erlebnisse berichtet. Mak bezeichnet seine Unternehmung im Prolog als

„eine Art abschließende Inspektion: Wie sieht der Kontinent am Ende des 20. Jahrhunderts aus? Zugleich war es auch eine Reise durch die Zeit: Ich folgte, soweit das möglich war, dem Lauf der Geschichte, auf der Suche nach den Spuren, die sie hinterlassen hatte.“

Mak sucht aber nicht nur nach den Spuren der Geschichte. Diese Reise, so schreibt er, hatte auch etwas mit ihm zu tun:

„Ich wollte raus, Grenzen überschreiten, erfahren, was dieser nebulöse Begriff Europa bedeutet. Europa, das wurde mir im Laufe dieses Jahres klar, ist ein Kontinent, auf dem man mühelos in der Zeit hin und her reisen kann. Die verschiedensten Phasen des 20. Jahrhunderts sind alle noch irgendwo existent.“

Geschichte fast hautnah

Mak baut sein Buch chronologisch auf und nimmt uns mit zu den Orten, die im Zentrum der historischen Ereignisse stehen, die er gewissermaßen als Hintergrund ausbreitet. Den Ersten Weltkrieg erleben wir in Wien, Ypern, Verdun und Versailles. Im April 1917 begleiten wir den Niederländer auf den Spuren von Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) auf dem Weg vom Züricher Exil über Deutschland, Schweden, Finnland, nach Petrograd (Sankt Petersburg). Wie dieser Autor Weltgeschichte mit persönlichen Reiseerlebnissen verknüpft, ist so gekonnt, dass man bisweilen das Gefühl hat, man wäre als unsichtbarer Mitreisender dabei gewesen.

Hier an diesem Teich auf seinem Landsitz Chartwell soll er oft nachgedacht haben: Winston Churchill

Hier an diesem Teich auf seinem Landsitz Chartwell soll er oft nachgedacht haben: Winston Churchill

22 Jahre später, wir befinden uns im Jahr 1939, sind wir „Gast“ bei Winston Churchill auf seinem Landsitz Chartwell, eine Stunde südlich von London:

„Das häusliche Leben fand an zwei zentralen Orten statt: im niedrigen, intimen Speisezimmer, wo meist festlich und ausführlich zu Mittag gegessen wurde, und im großen Arbeitszimmer im Obergeschoss. Hier befand sich Churchills factory, seine Fabrik, wie er den gemütlichen Raum mit den dicken Balken, der Holzdecke, den hellen Fenstern, den Bücherschränken und dem offenen Kamin nannte, der von einem großen Gemälde seines Geburtsorts Blenheim Palace beherrscht wurde.“

Churchill war zu dieser Zeit noch nicht Premierminister, sondern einfacher Tory-Abgeordneter. Premierminister wurde er erst am 10. Mai 1940. Aber schon in der Zeit davor agierte Churchill wie ein heimlicher Premier und scharte in seiner factory in Chartwell seine Getreuen um sich. Darunter auch Harold Macmillan (englischer Premier 1957 – 1959), der Zeuge war

„als am 7. April 1939 die Meldung eintraf, dass Italien in Albanien einmarschiert war. Die Energie, die dieser Bericht freisetzte, war erstaunlich, als sei Chartwell die Regierungszentrale: Es wurde nach Landkarten verlangt, der Premierminister wurde angerufen, ein dringender Brief ging an den Marineminister, und es wurde ein Strategie entwickelt, mit der Mussolini von weiteren Aggressionen abgehalten werden sollte. »Er allein hielt alle Fäden in der Hand«, erinnerte sich Macmillan später, »während alle anderen bestürzt waren und zögerten.«“

Europa hat ihm und den Briten viel zu verdanken! Winston Churchill mit seiner Frau Clementine auf dem Landsitz Chartwell in Kent.

Europa hat ihm und den Briten viel zu verdanken! Winston Churchill mit seiner Frau Clementine auf dem Landsitz Chartwell in Kent.

Weltreich ruiniert, Europa gerettet

Das Kapitel über den Zweiten Weltkrieg und die Rolle, die Churchill darin spielte, zählt mit zum Eindrücklichsten dieses spannenden Buchs und macht deutlich, wie viel Europa und gerade wir Deutsche den Briten zu verdanken haben. Daran sollte man sich vielleicht heute noch mal erinnern, zeigt es doch auch, wie verwoben die europäische Geschichte ist. Mak lässt im Übrigen keinen Zweifel daran,

„Dass nämlich die Briten, standing alone, ihr Weltreich wirtschaftlich ruinierten, um das demokratische Europa zu retten.“

Dabei war dieser britische Einsatz im Mai 1940 noch keineswegs ausgemacht. Die Briten, so Mak, hätten Hitler „um ein Haar ein Friedensangebot gemacht, das er vermutlich angenommen hätte, und nur ein einziger Mensch hat dafür gesorgt, dass es nicht so kam: Winston Churchill.“

So reisen wir in diesem Buch durch die Geschichte: Seite um Seite, Jahr um Jahr, Ort um Ort, und es wird nie langweilig. Nach dem Zweiten Weltkrieg erleben wir den Aufstieg des Warschauer Pakts, die Niederschlagung der Aufstände in Prag, Berlin, Budapest. Wir reisen mit Mak nach Belfast und Dublin, werden Zeuge des Zusammenbruchs des Ostblocks und des Massakers von Srebrenica. Immer wieder lässt Mak an den Orten, die er besucht, Menschen aus dem jeweiligen Land zu Wort kommen. So entsteht beim Lesen ein beeindruckendes europäisches Mosaik von kurzen und längeren Portraits von Menschen, Dörfern, Städten und Regionen.

Erinnern Sie sich noch an den Abend des 9. November 1989, als Günter Schabowski seine legendäre Pressekonferenz gab? Wissen Sie, was Wladimir Putin damals gemacht hat? Nun, eben das, was lupenreine Demokraten so machen, wenn’s eng wird. Dazu Mak:

„Zur selben Zeit brachte in Dresden ein unbekannter KGB-Agent namens Wladimir Putin beim Versuch, möglichst viele Papiere auf einmal zu verbrennen, einen Ofen zur Explosion.“

Ist Europa nur ein Absatzmarkt?

Was ist Europa? Was ist seine Seele? Wohin steuert der Tanker Europa? Das sind Fragen, die Mak im letzten Kapitel thematisiert, wenn er sich auch fragt, ob die EU-Erweiterung nicht zu schnell ging: und zwar für die bestehenden und für die neuen osteuropäischen Mitglieder, für die die Verwestlichung, von der längst nicht alle Menschen profitieren, womöglich nicht nur ein Segen war. Und reicht es wirklich, wie viele dies tun, in Europa nur einen riesigen Absatzmarkt zu sehen? Nein, es reicht nicht, und es steht nicht besonders gut um Europa. Aber, schreibt Mak im Jahr 2004, fast am Ende seines Buches:

„Die Schwäche Europas, seine Vielgestaltigkeit, ist zugleich seine große Stärke. Die europäische Einigung als Friedensprozess ist ein eklatanter Erfolg. Und auch Europa als Wirtschaftsgemeinschaft ist schon ein gutes Stück vorangekommen. Aber letztlich ist das europäische Projekt zum Scheitern verurteilt, wenn nicht rasch ein gemeinsamer kultureller, politischer und vor allem demokratischer Raum entsteht. Wenn die Integration ein weitgehend unpolitischer Prozess bleibt, bei dem es im Grunde nur um den freien Markt, die gemeinsame Währung und ähnliche Fragen geht, wird die Union nicht viel mehr als eine Art Freihandelszone mit Goldrand werden.“

Auf der Suche nach der Seele Europas reist Geert Mak durch das 20. Jahrhundert

Auf der Suche nach der Seele Europas reist Geert Mak durch das 20. Jahrhundert

Vielleicht sollten sich die EU-Mitglieder (und damit auch wir), in Abwandelung eines Gedankens von John F. Kennedy gerade jetzt zur Europawahl 2019 fragen, was sie für Europa tun können und nicht immer nur darauf schielen, wie Brüssel den eigenen nationalen Interessen (z.B. der Autoindustrie) dienen kann?

In diesem Sinne: Überlassen wir Europa nicht den populistischen und nationalistischen Rattenfängern. Gehen wir wählen!

N. / C.

Information zum Buch

Geert Mak
In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert
Pantheon Verlag / Random House, 2007
ISBN: 978-3-570-55018-2

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Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz

An Neuffer

Im März 1794

Noch kehrt in mich der süße Frühling wieder,
Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz,
Noch rinnt vom Auge mir der Tau der Liebe nieder
Noch lebt in mir der Hoffnung Lust und Schmerz.

Noch tröstet mich mit süßer Augenweide
Der blaue Himmel und die grüne Flur,
Mir reicht die Göttliche den Taumelkelch der Freude,
Die jugendliche freundliche Natur.

Getrost! es ist der Schmerzen wert, dies Leben,
So lang uns Armen Gottes Sonne scheint,
Und Bilder beßrer Zeit um unsre Seele schweben,
Und ach! mit uns ein freundlich Auge weint.

Friedrich Hölderlin

Neuffer, an den Hölderlin diese Verse richtet, war ein Freund und Studienkollege am Evangelischen Stift in Tübingen. Sehr anschaulich schildert Peter Härtling diese Freundschaft in seinem Roman „Hölderlin“. Dabei schreibt Härtling keine Biographie, wie er gleich zu Anfang seines Buches erklärt.

„Ich schreibe vielleicht eine Annäherung. Ich schreibe von jemandem, den ich nur aus seinen Gedichten, Briefen, aus seiner Prosa, aus vielen anderen Zeugnissen kenne. Und von Bildnissen, die mit Sätzen zu beleben versuche. Er ist in meiner Schilderung sicher ein anderer. Denn ich kann seine Gedanken nicht nachdenken.“

(aus: Peter Härtling. Hölderlin. Ein Roman)

Wie Peter Härtling sich tastend und dabei sich immer wieder in Frage stellend diesem Hölderlin annähert, ist lesenswert und bringt einem den Tübinger Turmbewohner sehr nahe.

Information zum Buch

Peter Härtling
Hölderlin. Ein Roman
dtv Verlag, 1993
ISBN 978-3-423-11828-6

Wir wünschen Frohe Ostern und möglichst oft ein kindischfröhlich Herz!

N.K. / C.K.

Schöne Postkarte Nr. 217 · Hölderlinturm in Tübingen im Neckar gespiegelt © 2018

Schöne Postkarte Nr. 217 · Hölderlinturm in Tübingen im Neckar gespiegelt © 2018

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Von Pflanzen, Tieren und einer Wiese

Kein schwarzes Schaf, sondern ein ausgelassener Bouvier auf einer Wiese in den Cotswolds

Kein schwarzes Schaf, sondern ein ausgelassener Bouvier auf einer Wiese in den Cotswolds

Das Glück liegt in der Wiese

„Le Bonheur est dans le pré“, so heißt es in einem Gedicht des Franzosen Paul Fort: das Glück liegt in der Wiese. Das mag sein, möchte man erwidern, allerdings: wo gibt es denn noch richtige Wiesen? „97 Prozent der traditionellen Wiesen sind verschwunden“, schreibt der englische Historiker, Autor und Farmer John Lewis-Stempel in seinem Buch „Meadowland. The Private Life of an English Field“, das 2014 erschien und von Lesern und Kritikern gleichermaßen gelobt wurde.

Mir wurde das Buch von unserer Leserin Frau F. aus Dietzenbach empfohlen, die unserem Blog seit Jahren gewogen ist. Und was soll ich sagen? Ich habe gerade die englische Fassung von „Meadowland“, das seit 2017 bei Dumont in der deutschen Fassung „Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren“ zu haben ist, beendet, und mich hat das Buch sehr angesprochen. Auch wenn ich, was ich gerne zugebe, immer wieder die Wiesenpflanzen nachschlagen musste, die der Autor sehr anschaulich beschreibt.

800 Jahre alte Hecken

Dem 52jährigen Lewis-Stempel gelingt es, ein lebendiges Portrait einer Wiese zu zeichnen. Diese ist Teil des Bauernhofs in Herefordshire an der Grenze zu Wales, auf dem seine Familie seit rund 700 Jahren lebt. In 12 Monatskapiteln nimmt uns der belesene Farmer an die Hand und zeigt uns, wie viel Leben, wie viel Schönheit, aber auch wie viel Drama ein paar Hektar traditionelle Wiese zu bieten haben. Lewis-Stempel verknüpft gekonnt exakte Naturbeobachtungen mit gleichermaßen lehrreichen wie unterhaltsamen historischen oder literarischen Abschweifungen. Wenn er etwa vom Leben erzählt, das in einer 800 (!) Jahre alten Hecke am Wiesenrand herrscht, meint man, es fast summen und vibrieren zu hören und möchte sich beim Lesen zwischendurch kratzen. Es könnte ja sein, dass ein Käfer aus dem Buch rauskrabbelt.

Mädesüß und Aspirin

Ich habe viel gelernt bei der Lektüre dieses Buches, zum Beispiel, dass der Deutsche Felix Hoffmann im Jahr 1897 eine synthetische Version von Acetylsalicylsäure geschaffen hat, die wir heute als Aspirin kennen. Der Name Aspirin leitet sich von Spiraea ulmaria ab, dem Mädesüß, einer Pflanze, die bis zu 2 Meter hoch werden kann und auf nährstoffreichen, feuchten Wiesen zu Hause ist. Auf Englisch heißt die Pflanze Meadowsweet und wurde in vergangenen Jahrhunderten zur Aromatisierung von Honigwein verwendet. Bei Lewis-Stempel lesen wir, dass Mädesüß schon im Bronzezeitalter bekannt war und dort als heiliges Kraut galt, dessen Genuss kein Kopfweh verursacht – wegen des salicylathaltigen Blütenkopfes. Dieses Wissen war wohl der Ausgangspunkt für Hoffmanns wissenschaftliche Arbeit und damit die Grundlage für den Weltruf des Unternehmens Bayer. Einen Ruf, den der aktuelle Bayer-Vorstandsvorsitzende gerade mit der Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto sehenden Auges an die Wand fährt. Aber das nur am Rande.

Als Zugabe schenkt uns der Autor noch ein reichhaltiges Literatur- und Musikverzeichnis rund um das Thema Wiese. Die Kritikerin von der Frankfurter Rundschau schrieb, man müsse Lewis-Stempel schon alleine dafür umarmen. Wie recht sie hat.

Information zum Buch

John-Lewis Stempel
Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren
Dumont Verlag, 2017
ISBN 978-3-8321-9863-3
erscheint als Taschenbuch im Juni 2019

Infos zur englischen Ausgabe gibt’s hier.

Wir wünschen schöne Stunden – beim Lesen und auf der Wiese

N.K. / C.K.

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Freitagsfoto: Bärlauch – Wild Garlic

Bärlauch im Schönbuch bei Tübingen. Foto: Norbert Kraas

Bärlauch im Schönbuch bei Tübingen. Foto: Norbert Kraas

The wild garlic
stands high. Oh my,
the year flashes by

Der Bärlauch
steht hoch. Ach,
das Jahr rast dahin

For Jack Ridl, poet and friend and Dumbledore of Creative Writing, whose new poetry volume “Saint Peter and The Goldfinch” is out since April 1 (no joke!) and will be celebrated today in Douglas, Michigan. Those who know Jack Ridl’s poems know that they fall into that special category Garrison Keillor once called “Good Poems for Hard Times”.

A detailed review (in German, though) will follow here.

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