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Das Jahr verliert sich

Morgenstimmung auf dem Steinenberg: Österberg und Albtrauf im Nebel | #nofilter #nophotoshop

Morgenstimmung auf dem Steinenberg: Österberg und Albtrauf im Nebel | #nofilter #nophotoshop

Das Jahr
verliert sich im Nebel
Septembermorgen

Dieses Haiku fiel mir vor ein paar Tagen am frühen Morgen auf der Hunderunde ein. Es trifft ziemlich gut meine Stimmung. Dieses melancholische Gefühl lässt mich nur schwer los nach diesem endlosen, viel zu heißen Corona-Sommer. Ein Sommer übrigens, der uns gezeigt hat, dass das Virus nicht unser einziges großes Problem ist. Die riesigen Waldbrände an der amerikanischen Westküste und in Südamerika sprechen eine deutliche Sprache. Die Seite Global Forest Watch bietet eine interaktive Karte mit Waldbränden weltweit, die über Satellit erkennbar sind.

Ich bin jedenfalls froh, dass es endlich abkühlt und dass unser Birnbaum uns nicht mehr jeden Morgen mit räsen Mostbirnen bombardiert. Und ich wünsche mir im Gegensatz zu Rilke auch keine südlicheren Tage mehr. Mir ist nach Herbststimmungen, in denen ein wohlwollender Nebel seine milchige Decke über dieses anstrengende Jahr ausbreitet. Und Regen, Regen wäre auch gut.

Passt auf euch auf!

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Freitagsfoto: Aussicht

Mehr als 1600 Windengewächse (Convolvulaceae) gibt es weltweit. Diese haben wir bei Erika Jantzen fotografiert

Mehr als 1600 Windengewächse (Convolvulaceae) gibt es weltweit

Aussicht

Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Klang des Tages mildern.
Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

Den 24. März 1671
Mit Untertänigkeit
Scardanelli

Scardanelli, Hölderlin und Hegel

Gegen Ende seines Lebens hat Friedrich Hölderlin seine Gedichte häufig mit dem Pseudonym Scardanelli gezeichnet. Manche Gedichte hat er Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte in die Vergangenheit oder in die Zukunft datiert.

Im Hölderlinturm in Tübingen läuft zur Zeit eine Ausstellung über Hölderlin und Hegel, die ja beide 1770 geboren wurden und gemeinsam am Evangelischen Stift in Tübingen studiert haben. Informationen zu dieser Sonderausstellung gibt es hier.

Gartencafé geöffnet

Die schönen Winden auf dem Foto haben wir in der Tübinger Staudengärnterei von Erika Jantzen fotografiert. Und da gibt es an den nächsten drei Samstagen im September (12., 19., 26.) verlängerte Öffnungszeiten und ein kleines Rahmenprogramm. Das ganz reizende Gartencafé hat auch wieder geöffnet! Alle Infos zu den Terminen bei den Tübinger Staudenmädle gibt es hier.

Passt auf euch auf!

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Ach, sie kannten den alten Birnbaum schlecht

So sieht es unter unserem alten Birnbaum seit Wochen aus, und zwar jeden Morgen

So sieht es unter unserem alten Birnbaum seit Wochen aus, und zwar jeden Morgen

Haiku für einen Birnbaum

Die Birnen
fallen und fallen und
ich werde alt

Les poires
qui tombent et tombent et
je me sens vieux

The pears
falling and falling and
I feel old


落ちては落ちては落ちては落ちては落ちては
老いを感じる

japanische Übersetzung erstellt mit Deepl

Ein Birnbaum in unserem Garten steht

Als unsere Kinder noch kleiner waren und wir noch keinen Birnbaum unser eigen nennen durften, zählte Fontanes Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland zu den Gedichten, die regelmäßig laut gelesen und nach kurzer Zeit von den Kindern auswendig aufgesagt wurden.

Nun leben wir seit rund 15 Jahrem mit einem großen, alten Birnbaum im Garten, der im Frühjahr ganz wunderbar blüht und im Sommer kühlen Schatten spendet. Und immer wenn die goldene Herbsteszeit, ach was!, bei unserem Birnbaum geht es schon viel früher los. Dieses Jahr hat er schon Ende Juli angefangen, die ersten kleinen Birnen fallen zu lassen. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Und nein, es sind nicht die leckeren Tafelbirnen, wie sie sich der alte Ribbeck in die Taschen stopfte. Unsere Birnen sind klein und „räs“, wie man in Tübingen dazu sagt. Will heißen: wir kämpfen jeden Tag mit  säuerlichen Mostbirnen. Ein Wahnsinn! Aber, wir wollen nicht undankbar sein. Also machen wir Saft, Birnencrumble, Kompott, Schnaps, solche Dinge. Und wenn alle Birnen unten sind, sind wir platt, machen Übungen für den Rücken und freuen uns auf den Winter, wenn der Garten in stiller Kälte ruhig daliegt.

Gute Zeit, passt auf euch auf!

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Weltempfänger Ingo

Kein Weltempfänger, aber heiß geliebt. Mein erstes Radio, wahrscheinlich gebaut zwischen 1965 und 1970

Heiß geliebt: mein erstes Radio, wahrscheinlich gebaut zwischen 1965 und 1970

Alb-Alaska

Ingo hieß ein Junge in unserer Nachbarschaft, der anders war als wir übrigen Tunichgute. Er war zwei oder drei Jahre jünger als ich, ziemlich schüchtern und nicht besonders sportlich. Er kletterte nie mit uns auf Bäume und saute sich daher auch nie die Sonntagshose mit Harz ein. Diese Dinge bereiteten ihm wohl einfach keine Freude. Oder vielleicht musste er sich nicht wie wir uns produzieren. Weiß ich’s? Gehänselt wurde er natürlich von uns, was nicht gerade nett oder originell von uns war.

Ingo redete meist auch wenig. Wie gesagt, er war schüchtern und hatte obendrein strenge Eltern. Vielleicht kam er aber auch einfach selten zu Wort, weil ich ihm ohne Unterlass von gefährlichen Abenteuern am Yukon vorschwärmte, die ich irgendwann mal auf den Spuren Jack Londons im fernen Alaska erleben würde. Ja, Alaska war der Sehnsuchtsort meiner Kindheit. Jack London habe ich verschlungen, ebenso die Bücher von Hans-Otto Meissner. Die gab es, ungeachtet von Meissners SS-Vergangenheit und seiner Karriere als Nazi-Diplomat, reichlich in unserer Stadtbibliothek.

Vor ein paar Tagen ist mir Ingo wieder eingefallen, und das kam so: Auf Twitter hat mir jemand ein Programm zum Empfang von verschiedenen Radiosendern rund um den Globus empfohlen. Radio Garden heißt die App, und es gibt sie für Android, iOS und als Webversion. Und dieses Programm ist nicht weniger als ein Weltempfänger.

Weltempfänger auf Sendung

Erinnert sich noch jemand an diese Radiogeräte, die ausschließlich für den weltweiten Empfang von Kurzwellensignalen ausgelegt waren? Weltempfänger – allein was in dem Wort alles mitschwang! Klar wollte ich auch so ein Ding haben und bekam es nicht. Stattdessen bekam ich ein kleines Transistorradio Sanyo Solid State 8. Es konnte Mittelwelle, mehr nicht. Ich mochte es trotzdem sehr und habe viel damit gehört: Popshop, sonntags die Top Ten (deutsch und international), auch Krimi-Hörspiele von Durbridge. Zum besseren Empfang stiegen wir auch schon mal auf hohe Bäume und Gebäude. Die kurz nach Sedan Geborenen, wie unser Sohn jetzt sagen würde, erinnern sich vielleicht noch an Frank Laufenberg und die junge Elke Heidenreich.

Jedenfalls hatte Ingo einen Weltempfänger. Und damit holte er die große, weite Radiowelt in unsere verhockte Kleinstadt am Fuße des Hohenzollern. Wir waren mächtig beeindruckt, aber es kam noch besser. Denn Ingo war auch Amateurfunker, oder besser gesagt: Funkamateur, wie es im Amateurfunkgesetz von 1997 steht. Funkamateure sind Menschen, die mit einem eigenen Rufzeichen (Kennung) eine  Amateurfunkstation betreiben. Ziel dieses schon damals höchst exotischen Hobbys war und ist es, sich mit Amaterfunkern auf der ganzen Welt per Funk auszutauschen. Das rauschte, krächzte und piepste ungefähr so, wie wenn Neil Armstrong vom Mond aus Houston anfunkte. Ich war sprachlos, als Ingo uns seine kleine Funkstation zum ersten Mal vorführte. Da saß doch tatsächlich ein Funkamateur irgendwo im südlichen Afrika, und wir konnten ihn hören. Ingos Amateurfunkstation und sein Weltempfänger waren, wie die Bücher Jack Londons, mal große, mal kleinere Tore zur Welt jenseites des Albtraufs.

Radio Ga Ga – Radio Garden

So heißt ein Lied der Gruppe Queen aus dem Jahr 1984, das die historisch bedeutende Rolle des Radios thematisiert. Die Journalistin Carmen Thomas hat mal den Satz vom Radio als Kino im Kopf geprägt. Das trifft es auch ganz gut.

Die App Radio Garden ist großes Kino und in der Basisversion gratis. Wer keine Werbung sehen will, zahlt ein paar Euro, die sich lohnen. Jonathan Puckey betreibt Radio Garden von Amsterdam aus mit seinem kleinen Team. Auf der Website von Radio Garden schreibt er:

By bringing distant voices close, radio connects people and places. From its very beginning, radio signals have crossed borders. Radio makers and listeners have imagined both connecting with distant cultures, as well as re-connecting with people from ‘home’ from thousands of miles away.

Ruft man Radio Garden auf, erscheint eine Weltkugel, auf der unzählige Radiosender visuell hochsprießen. Die Userin hat die Möglichtkeit, via Weltkugel nach Orten und Sendern zu suchen. Über 8.000 Sender weltweit sind erreichbar! Man kann aber auch in die Suchmaske einen Ort oder einen Sender eingeben. Zum Beispiel ein Radioprogramm, das einen im Urlaub begeistert hat. Eine detaillierte Beschreibung von Radio Garden habe ich hier gefunden. Die App selbst ist ziemlich selbsterklärend, die Soundqualität wirklich gut!

Von Tübingen nach Whitstable

Ich höre seit ein paar Tagen immer wieder Whitstable Bay Radio. Whitstable ist ein ziemlich lässiger, kleiner Ort an der Küste Kents, 60 Meilen östlich von London. Wir haben dort vor sechs Jahren sehr entspannte Tage verbracht. Whitstable Bay Radio weckt schöne Erinnerungen daran.

Life’s a beach in Whitstable!

Life’s a beach in Whitstable!

Euch allen schöne Tage und gute Unterhaltung bei der Radio-Weltreise!

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Nur die Wespen

Midday heat
worn-down land and dog –
only the wasps

ちゅうかん
疲弊地と犬
スズメバチだけ

Mittagshitze
ermattet Land und Hund –
nur die Wespen

Die japanische Übersetzung habe ich mit Deepl.com erstellt. Ich freue mich immer über Korrekturen meiner Übersetzungen. Und wenn jemand ein Haiku zu dem Foto oder zur Affenhitze oder zu Wespen in den Kommentar schreiben möchte, freuen wir uns auch sehr!

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Neckar, deine Wellen umspielten mich

„deine Wellen umspielten mich“ – Schwimmerin im Neckar in Tübingen. Foto: www.schoenepostkarten.de

„deine Wellen umspielten mich“ – Schwimmerin im Neckar in Tübingen. Foto: Norbert Kraas | Schöne Postkarten

Der Neckar

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal,
Wie Leben aus dem Freudebecher,
Glänzte die bläuliche Silberwelle.

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,
Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit,
Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen
Städten hinunter und lustgen Inseln.

Noch dünkt die Welt mir schön, und das Aug entflieht
Verlangend nach den Reizen der Erde mir,
Zum goldenen Paktol, zu Smyrnas
Ufer, zu Ilions Wald. Auch möcht ich

Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad
Nach deinen Säulen fragen, Olympion!
Noch eh der Sturmwind und das Alter
Hin in den Schutt der Athenertempel

Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt,
Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,
Die nicht mehr ist. Und o ihr schönen
Inseln Ioniens! wo die Meerluft

Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald
Durchsäuselt, wenn die Sonne den Weinstock wärmt,
Ach! wo ein goldner Herbst dem armen
Volk in Gesänge die Seufzer wandelt,

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht
Die Pomeranze blinkt, und der Mastixbaum
Von Harze träuft und Pauk und Cymbel
Zum labyrinthischen Tanze klingen.

Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch
Mein Schutzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
Auch da mein Neckar nicht mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

Hölderlin und der Neckar

Die Ode „Der Neckar“ von Friedrich Hölderlin wurde im Jahr 1801 erstmals veröffentlicht. Für Hölderlin, dessen 250. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, hatte der Neckar, bei aller Griechenland-Schwärmerei, zeitlebens eine wichtige Bedeutung. Am 20. März 1770 wird er in Lauffen am Neckar geboren, wo man jetzt wieder sein Geburtshaus besichtigen kann. Im Alter von vier Jahren erfolgte der Umzug nach Nürtingen am Neckar. Nach dem Tod ihres ersten Mannes hat Hölderlins Mutter dorthin geheiratet. Hölderlins Stiefvater Johann Christoph Gok, Weinhändler und Bürgermeister, starb leider bereits fünf Jahre später. In Tübingen am Neckar schließlich hat Hölderlin studiert, und dort lebte er auch im Turmzimmer, liebevoll gepflegt von der Familie des Schreinermeisters Zimmer von 1807 bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843.

Wer sich diesem nicht immer einfachen Dichter annähern möchte, dem empfehlen wir das Hölderlin-Buch des in Tübingen lebenden Autors Kurt Oesterle „Wir & Hölderlin? Was der größte Dichter der Deutschen uns 250 Jahre nach seiner Geburt noch zu sagen hat“. Alex Rühle hat Oesterles Buch in der Süddeutschen Zeitung einen „Lesegenuss“ genannt:

(…) Kurt Oesterle verzahnt kunstvoll Leben und Werk, wandert permanent von den Texten in die Biografie und zurück: Hölderlin, der bereits im Alter von neun Jahren Vater und Stiefvater verloren hat und in dessen Werk dann eine „maskuline Überlast“ auffällt, alles voller Heroen, Halbgötter, „Männerjubel“, „Männerkraft“.

Den Artikel von Alex Rühle kann man hier nachlesen.

Buchinformation

Kurt Oesterle
Wir & Hölderlin? Was der größte Dichter der Deutschen uns 250 Jahre nach seiner Geburt noch zu sagen hat.
Klöpfer, Narr Verlag, Tübingen 2020.
Hardcover, 177 Seiten, 22 Euro
ISBN-13: 9783749610297

Weitere Links

Hoelderlin2020.de
Lauffen am Neckar
Hölderlinturm Tübingen
Hölderlinmuseum Nürtingen

Stocherkahn auf den Neckar am Hölderlinturm · © Schöne Postkarten, Nr. 198, www.schoenepostkarten.de

„Zu euch, ihr Inseln!“ Stocherkahn auf dem Neckar am Hölderlinturm · © Schöne Postkarten, Nr. 198

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Freitagsfoto: Blütenblatt der Waldrebe

Blütenblatt der Waldrebe (Clematis) „The President“

Blütenblatt der Waldrebe (Clematis) „The President“

Zertreten
das Blatt der Clematis –
Frühlingsmelancholie

Scrunched
the petal of the clematis –
spring melancholy

– NK

Verwoben
das herabgefallene
Clematisblatt im Relief
der Holzterrasse noch immer
schön

– Elfchen von CK

The President

Jedes Jahr freue ich mich auf die Blüte unserer Clematis-Pflanzen im Garten. Besonders eindrucksvoll ist die Waldrebe „The President“. Die haben wir mal vor Jahren in der netten Staudengärtnerei von Erika Jantzen in der Tübinger Weststadt gekauft. Die Gärtnerinnen dort kennen sich nicht nur mit Stauden und Kräutern aus, sondern auch mit Waldreben. Die Clematis gehörten zur Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Es gibt ungefähr 300 Arten davon, sagt Wikipedia, und nicht jede passt an jeden Standort. Da ist Beratung und fachgerechte Auswahl sehr hilfreich.

Die Blüten der Sorte „The President“ sind groß; sie können bis zu 16 Zentimeter Durchmesser erreichen und leuchten selbst in der Dämmerung noch kräftig. Gezüchtet wurde „The President“ im Jahr 1876 dem Engländer Charles Noble, und so wirkt sie auch: ausgeprochen nobel. Dabei gilt sie als relativ unkompliziert und robust, immer vorausgesetzt, es kommt kein Fußball in ihre Nähe.

The President, ein Klassiker unter den Waldreben verzaubert mit großen, dunkel leuchtenden Blüten.

The President, ein Klassiker unter den Waldreben verzaubert mit großen, dunkel leuchtenden Blüten.

Ein paar Tage später, nachdem wir unsere Haiku über die zertretene Blüte geschrieben hatte, bin ich auf ein Haiku von Takahama Kyoshi gestoßen:

Einem fallenden
Blütenblatt sehe ich nach –
welch eine Stille!

Kyoshis Haiku trifft ziemlich genau die Stimmung, wenn ich an einem Frühlingsabend am Tisch sitze und unsere „President“ im Garten anschaue. Das Haiku habe ich in den Buch von Inahata Teiko, einer Enkelin von Takahama Kyoshi gefunden. „Welch eine Stille: Die Haiku-Lehre des Takahama Kyoshi“ heißt der schmale Band. In sieben Kapiteln auf etwas mehr als 80 Seiten legt Inahata Teiko sieben Lehrsätze von Kyoshi (1874 – 1959) aus, der als strenger Bewahrer des traditionellen Haiku gilt.

Volker Friebel aus Tübingen, selbst Haiku-Dichter und -Kenner, hat das Buch auf seiner Website rezensiert und spart dabei nicht mit Kritik am streng-traditionellen Haiku-Bild Kyoshis. Ich fand das Buch trotzdem lehrreich und anregend für das eigene Verfassen von Haiku. Ich denke, dass für das Haiku-Schreiben dasselbe gilt, wie für vieles andere auch: Wer neue Wege gehen möchte, vielleicht bewusst die Regeln brechen will, dem steht es gut an, die Regeln zu kennen und zu beherrschen. Und: neben Kyoshis Haiku-Maximen findet man in dem Buch lesenswerte Haiku von Kyoshi, Inahata Teiko und anderen Haiku-Könnern.

Buchinformation

Inahata Teiko
Welche eine Stille! Die Haiku-Lehre des Takahama Kyoshi
ISBN-13: 978-3-7431-4966-3
erhältich bei Haiku24.de

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Durch Europa mit Henri Cartier-Bresson

Hommage an Cartier-Bresson. Foto: Norbert Kraas | Schöne Postkarten

Hommage an Henri Cartier-Bresson. Foto: Norbert Kraas | © Schöne Postkarten Nr. 122

Als diese Zeit anfing, an die wir uns irgendwann mal als „Corona-Zeit“ erinnern werden, hat die Süddeutsche Zeitung eine Serie mit dem Titel „Überlebenskunst“ gestartet. Die Autor*innen gaben dort Kulturtipps im weitesten Sinn: mal wurde ein Buch empfohlen, mal eine CD, mal eine neue TV-Serie und auch mal eine besondere Internet-Seite. Und weil die Corona-Zeit auch als die Zeit in die Geschichte eingehen wird, in der wir nicht reisen durften oder aus Vorsicht weniger reisten, wurden in der Serie auch Fotobände empfohlen. Reisen zwischen zwei Buchdeckeln gewissermaßen.

Zu Recht, denn in Fotobänden kann man sich verlieren, innerlich auf Reisen gehen. Und mal ehrlich, wer möchte sich dieser Tage in einen Ferienflieger setzen, dicht an dicht mit anderen Reisenden, wo wir doch gerade erst die Bedeutung des Wortes „Aerosol“ gelernt haben?

Das Flüchtige beim Schopf packen

Zum Verreisen empfehlen wir heute einen Fotobuch-Klassiker mit dem aktuellen Titel „Les Européens“. Die Europäer, so hieß das großformatige Buch mit Schwarzweißfotografien, das der legendäre Henri Cartier-Bresson 1955 veröffentlicht hat. Das Cover des Buches hat kein geringerer als Juan Miró gestaltet. Der deutsche Verlag Schirmer/Mosel hat anlässlich einer Cartier-Bresson-Ausstellung in Düsseldorf im Herbst 1998 den Ausstellungsband „Europäer“ rausgebracht, der noch mehr Fotos enthält als das Originalbuch.

Abbildung aus dem besprochenen Bildband „Les Européens“ von Henri Cartier-Bresson

Abbildung aus dem besprochenen Bildband „Les Européens“ von Henri Cartier-Bresson

„Les Européens“ führt uns durch ein Europa, das es so heute nicht mehr gibt. Cartier-Bresson hat alle Fotografien des Buches zwischen 1950 und 1955 mit seiner geliebten Leica M gemacht. Diese Kleinbildkamera war kompakt, klein und unauffällig. Und auffallen wollte Cartier-Bresson als Fotograf auf keinen Fall. Er wollte schnell sein. Und er war schnell und gesegnet mit einer traumwandlerischen, beneidenswerten Sicherheit beim Erfassen und Festhalten einer Szene.

„In der Fotografie ist das Schöpferische die Suche eines Augenblicks, ein Wurf, ein blitzschnelles Reagieren. Der Apparat wird auf die Ziellinie des Auges angehoben und mit dem bescheidenen Kästchen wird ohne Tricks eingefangen, was überrascht hat, um das Flüchtige beim Schopf zu packen.“

So schreibt Cartier-Bresson im Vorwort zu „Les Européens“. Mit dieser Haltung zeigt er uns Szenen aus Griechenland, Spanien, Deutschland, England, Österreich, der Schweiz, Irland, der Sowjetunion, Italien und aus seiner Heimat Frankreich. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vermittelt uns Cartier-Bresson die Vielfalt europäischer Lebensformen. Es sind meist einfache Bürgerinnen und Bürger, die wir in Städten und Landschaften sehen. Jede dieser 114 Fotografien, viele davon heute Klassiker der Fotografie, erzählt eine Geschichte.

Wir sehen in Russland eine Näherin bei der Arbeit, Iren im Pub, Franzosen am Strand, Stierkämpfer in der Arena, Kriegsversehrte und Arbeitslose im Rheinland und auf der letzten Seite den kleinen französischen Jungen in der Pariser Rue Mouffetard mit den beiden Weinflaschen in den Armen. Wer „Cartier-Bresson“ und „Vin“ googelt, bekommt das Foto gezeigt, das die meisten von uns im Kopf gespeichert haben.

Trailer zu einem Film von Pierre Assouline über Cartier-Bresson

Als Ergänzung zu diesem Fotobuch bietet sich der kleine Band „Auf der Suche nach dem rechten Augenblick: Aufsätze und Erinnnerungen“ an. In einer Zeit, in der jeden Tag Millionen von Fotos ins Internet hochgeladen werden, ist es vielleicht eine gute Idee, sich mit Cartier-Bressons Lehre vom Rhythmus, dem Einklang der Bewegungen und dem Erspüren des entscheidenden Augenblicks (le moment décisif) zu beschäftigen.

Buchinformation

Henri Cartier-Bresson: Les Européens, erschienen 1955Henri Cartier-Bresson
Les Européens – Photographies
Éditions Verve, Paris 1955
114 Seiten, gebunden, 27 x 35 cm (BxH) in der Originalausgabe
nur noch antiquarisch erhältlich

Europäer
Taschenbuch 232 Seiten, englisch
Verlag Schirmer/Mosel
ISBN: 3-88814-887-1
nur noch antiquarisch erhältlich

Auf der Suche nach dem rechten Augenblick
83 Seiten, broschiert
ISBN: 3-928942-57-3
Verlag Edition Christian Pixis
nur noch antiquarisch erhältlich

Bei Schirmer/Mosel gibt es natürlich auch die noch lieferbaren Fotobücher von Cartier-Bresson, der am 3. August 2004 im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Fotografiert hat er da schon lange nicht mehr, sondern wieder mit zeichnen angefangen. Das Studium der Malerei hatte er, der als Schüler dreimal durchs Abitur fiel, nach der Schulzeit absolviert. Dieses Studium hat ihn sehen gelehrt.

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P.S. Ich stelle mir gerade vor, Cartier-Bresson hätte den niederländischen Autor Geert Mak auf seiner Reportagereise kreuz und quer Europa im Jahr 1999 begleitet. Es wäre interessant zu sehen gewesen, wie der Fotograf dieses Europa gesehen hätte, das Geert Mak in seinem Buch „In Europa“ auf mehr als 900 Seiten beschreibt.

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Wissenschaft und Echsen

Ist das Merkel, Obama, Gates oder vielleicht doch nur eine Kröte? Was sagt die Wissenschaft?

Ist das Merkel, Obama, Gates oder vielleicht doch nur eine Kröte? Was sagt die Wissenschaft?

80 Millionen Hobbyvirologen

Ist Euch das auch aufgefallen? Seit der Fußball coronabedingt in die zweite Reihe getreten ist, hört man gar nichts mehr von den 80 Millionen Bundestrainer, die ansonsten eine feste Meinung zu jedem Grashalm im Stadion haben und diese über alle Kanäle hinauskrakelen.

Statt dessen haben wir in Deutschland jetzt 80 Millionen Hobbyvirologen, von denen ganz viele genau wissen, dass Corona halb so schlimm ist. Ja vielleicht ist diese ganze Pandemie, von der wir alle genug haben, nur eine Erfindung von Bill Gates, schließlich hat er uns auch Windows angetan, nicht wahr? Und überhaubt, Gates gehört, wie erfahrene Verschwörungstheoretiker wissen, zur Klasse der Reptilien, Unterordnung Echsen, wie im übrigen auch Angela Merkel und Barack Obama. Ja, die Echsen sind womöglich gerade dabei, die Weltherrschaft zu übernehmen, und nur ganz wenige Schlaue unter uns merken es.

Mit anderen Worten: es läuft nicht gut für die Wissenschaft in diesem Land. Dabei sollten wir uns glücklich schätzen, so exzellente, weltweit anerkannte Wissenschaftler wie den Virologen Professor Dr. Christian Drosten zu haben, der uns sachlich und geduldig seit Wochen rund um das Corona-Virus aufklärt. Drosten trifft übrigens keine politischen Entscheidungen, wie manche meinen, und er macht das, was alle seriösen Wissenschaftler*innen machen, er korrigiert sich, wenn neue Erkenntnisse dies erfordern. Mit dabei beim Corona-Podcast ist Korinna Hennig vom NDR, eine sehr kompetente Wissenschaftsjournalistin. Die beiden haben jetzt völlig zu Recht den Grimmepreis bekommen.

Wissenschaft und Gefühle?

Aber was zeichnet eigentlich eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler aus? Zu diesem Thema hat sich die promovierte Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim ein paar Gedanken macht, die sie uns in einem Video mitteilt. Dr. Nguyen-Kim, die vor wenigen Tagen in den Senat der Max-Planck-Gesellschaft berufen wurde, ist eine Expertin, wenn es um das Erklären von komplexen Sachverhalten geht, wie das Magazin brandeins neulich schrieb. Ihre Videobeiträge auf ihrem Kanal Mai lab sind extrem gut recherchiert und sehr gut präsentiert. Und Humor hat sie auch, wie man hier sehen kann:

Schönes Wochenende!

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