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Freitagsfoto: Urlaubsanweisung 2018/08/10

„… und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“ Astrid Lindgren

Dasitzen, zuhause

Zum Dasitzen muss man übrigens nicht um die halbe Welt reisen. Urlaub geht auch zuhause. Dazu ein Gedicht des Amerikaners Billy Collins. Das Gedicht heißt „Consolation“, Trost, und Collins schildert mit feinem Humor und melancholischer Ironie, wie schön es ist, eben nicht nach Italien oder sonstwohin reisen zu müssen, sondern in den Ferien zuhause zu sein.

Consolation

Consolation

How agreeable it is not to be touring Italy this summer,
wandering her cities and ascending her torrid hilltowns.
How much better to cruise these local, familiar streets,
fully grasping the meaning of every roadsign and billboard
and all the sudden hand gestures of my compatriots.

There are no abbeys here, no crumbling frescoes or famous
domes and there is no need to memorize a succession
of kings or tour the dripping corners of a dungeon.
No need to stand around a sarcophagus, see Napoleon’s
little bed on Elba, or view the bones of a saint under glass.

How much better to command the simple precinct of home
than be dwarfed by pillar, arch, and basilica.
Why hide my head in phrase books and wrinkled maps?
Why feed scenery into a hungry, one-eyes camera
eager to eat the world one monument at a time?

Instead of slouching in a café ignorant of the word for ice,
I will head down to the coffee shop and the waitress
known as Dot. I will slide into the flow of the morning
paper, all language barriers down,
rivers of idiom running freely, eggs over easy on the way.

And after breakfast, I will not have to find someone
willing to photograph me with my arm around the owner.
I will not puzzle over the bill or record in a journal
what I had to eat and how the sun came in the window.
It is enough to climb back into the car

as if it were the great car of English itself
and sounding my loud vernacular horn, speed off
down a road that will never lead to Rome, not even Bologna.

Buchinformation

Billy Collins
Taking Off Emily Dickinson’s Clothes
Picador, London, 2000
ISBN: 978-0330376501

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Klimaschutz? Geschenkt!

In unserem Wohngebiet sieht man diese Worte „zu verschenken“ – meist handgeschrieben auf einem Karton – recht oft auf dem Bürgersteig. Daneben liegen allerlei Gegenstände: Spielsachen, Haushaltsgegenstände, CD’s, alte Drucker, auch mal ein Möbelstück und vor allem: Bücher.

Ausmisten befreit – in jeder Hinsicht

Als Flohmarktliebhaberin werde ich von diesen Schildern magisch angezogen: unverhoffte Schätze sind die besten! Aber ich kenne selbst auch die befreiende Wirkung, wenn ich Dinge, die nicht mehr gebraucht oder geschätzt werden, auf die Straße stelle. Bei ein paar zu groß gewordenen Wohnzimmer-Pflanzen hatte ich anfangs ein schlechtes Gewissen. Aber auch die gingen weg, wie fast alles andere auch. Birgit Medele hat in ihrem empfehlenswerten Buch Leben statt Kleben (edition Lichtland 2012) viel Intelligentes und Praktisches über den Prozess des Loslassens geschrieben:

„… die bloße Anwesenheit unnötiger Gegenstände erschöpft. Sie machen uns nervös, weil wir ihren endlosen Bedürfnissen nie zu genügen scheinen.“

Als „Clutter“ (engl: Durcheinander, Wirrwarr) bezeichnet Medele dabei alles, „was wir nie benutzen und nicht wirklich mögen.“ Das können Notizen auf einem Papier sein, Erinnerungsstücke, alte Gewohnheiten und vor allem Gegenstände – erworbene, geschenkte oder geerbte. Der Ratgeber liest sich deshalb so interessant, weil Medele sich nicht darauf beschränkt, praktische Tipps zum Ausmisten zu geben. Vielmehr deckt sie in einem sehr unterhaltsamen, verständlichen Ton auf, welche psychologischen und philosophischen Konzepte hinter den verschiedenen Aufbewahrungsargumenten stehen. Nicht selten drückt sich nämlich im Aufbewahren eine Lebenshaltung aus. Wer schon mal einen Haushalt aufgelöst hat, weiß aus Erfahrung, dass man beim Aufräumen und Sich-Trennen von Dingen Wesentliches wie „Loslassen, Verantwortung, Vergänglichkeit, Wachstum, Neubeginn“ durchlebt.

Ein Traumsommer? Oder doch eher ein Alptraumsommer?

Ein Traumsommer? Oder doch eher ein Alptraumsommer?

Klimaschutz? Geschenkt!

Neulich machten mein Mann und ich allerdings einen traurigen Fund. Neben einer Holztruhe (Schatz!), die jemand loshaben wollte, lagen auch noch ein paar Bücher in einem Karton. Eins davon fiel mir gleich ins Auge, weil es noch in der Originalverpackung vom Verlag eingeschweißt war: „Der Klima-Knigge“ von Rainer Grießhammer. Das Buch ist vor gut 11 Jahren im Jahr 2007 (Booklett Verlag) erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich. Mit Sicherheit gibt es neuere und gute Ratgeber dazu, wie man Energie sparen, Kosten senken und dabei nebenbei auch noch das Klima schützen kann, keine Frage. Aber ich wollte diesem 11 Jahre lang nicht mal ausgepackten Buch seine Würde zurückgeben und habe es deshalb mitgenommen und gelesen. Abgesehen von ein paar Zahlenwerten, die eben den Stand von vor 11 Jahren wiedergeben, ist es nicht nur hochaktuell, sondern auf deprimierende Weise glaubwürdig, denn vieles hat sich seitdem bewahrheitet.

„Sommerzeit ist Waldbrandzeit“

So formulierte es einer der Meteorologen im ZDF vor kurzem lapidar: als ob Waldbrände das Normalste der Welt im Sommer wären. Unangemessen empfinden wir schon lange, dass uns dieser seit April währende Sommer im Fernsehen immer als „schönes“ Wetter verkauft wird, als würde die ganze Bevölkerung tagein, tagaus nur irgendwelchen Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Erst seit zwei Wochen etwa wird immerhin auf die Probleme der Landwirtschaft aufmerksam gemacht, allerdings kommt meist der Zusatz, man müsse sich in Zukunft an die geänderten Wetterverhältnisse wohl gewöhnen, und die Landwirte sollten sich an den Klimawandel anpassen. Das war’s schon – kein Nachdenken, nicht mal ein Innehalten. Nur ein paar wenige Male wurde der Zusammenhang mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel hergestellt.

Klimawandel, Dürre, Waldbrände. Kein Zusammenhang!?

Klimawandel, Dürre, Waldbrände. Kein Zusammenhang!?

Und bevor wir jetzt alle mit der Moralkeule auf die konventionell arbeitenden Landwirte einschlagen, könnten wir mal einen Moment drüber nachdenken, ob wir den Landwirten ihren Produktionsdruck nicht nehmen könnten, indem wir bereit wären, endlich mehr Geld für gute Lebensmittel zu bezahlen? In keiner vergleichbaren Industrienation sind die Lebensmittelpreise nämlich so niedrig wie in Deutschland (Wirtschaftswoche, Mai 2016). Und viele hätten’s gerne noch billiger, aber bitte trotzdem Bio und Fairtrade. Mahlzeit!

Who makes this planet great again?

Aber was der einzelne in unserer konsumorientierten Gesellschaft tun oder unterlassen könnte, um diesem immer konkreter werdenden Horrorszenario von Klimakatastrophe auf diesem Planeten Einhalt zu gebieten, wird nicht gesagt. Es verhält sich leider noch immer so, wie es Rainer Grießhammer in seinem „Klima-Knigge“ vor 11 Jahren bereits feststellte: Klimaschutz spielt einfach keine Rolle. Und weil man Angst hat, Zuschauer mit Sendungen, die ein schlechtes Gewissen vermitteln könnten, zu vergraulen (und sich das natürlich auf die Einschaltquote und die damit verbundenen Werbeeinnahmen niederschlagen könnte), unterlassen dies auch die öffentlich-rechtlichen Sender weitestgehend.

Vor solchen – unangenehmen – Denkanstößen fürchtet sich Grießhammer nicht. Hier ein Beispiel:

„Wenn Sie bei der Flugreise nach San Francisco im Duty Free Shop auf die Plastiktüte verzichten, dann ist das noch nicht einmal der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein: Denn der Treibhauseffekt für Ihren Flug von Frankfurt nach San Francisco und zurück ist mit 7,1 Tonnen CO2-Äquivalenten etwa so groß wie der von 500 000 Plastiktüten.“

„Wer wir waren“

„Wer wir waren“ lautet der Titel eines 2016 posthum im Fischer-Verlag erschienenen Fragments des viel zu früh verstorbenen Autors Roger Willemsen. Willemsen wollte aus der Zukunft unsere gegenwärtige Gesellschaft betrachten. Zu diesem Buch ist Willemsen leider nicht mehr gekommen, aber ein paar überaus bedeutsame Gedanken sind eben in diesem Fragment zu lesen. Wir haben es hier im Blog bereits einmal erwähnt, aber man kann und sollte es jedes Jahr wenigstens einmal wieder lesen. Heute beschränken wir uns auf folgendes Zitat:

„Wir waren jene , die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Buchinformationen

Rainer Grießhammer
Der Klima-Knigge: Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen
Booklett. Brodersen & Company GmbH, Berlin, 2007
ISBN: 3940153028
nur noch antiquarisch erhältlich

Roger Willemsen
Wer wir waren: Zukunftsrede
Hg. Insa Wilke
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2016
ISBN: 978-3-10-397285-6

Birgit Medele
Leben statt kleben!
Lichtland Verlag, Freyung, 2012
ISBN: 978-3-942509-05-3
nur noch als E-Book oder antiquarisch erhältlich

C.K. / N.K.

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Freitagsfoto: Glück und Zahnschmerzen

„Das Glück ist ein Wie, kein Was; ein Talent, kein Objekt.“ Hermann Hesse © 2018 Schöne Postkarten (Nr. 129)

„Das Glück ist ein Wie, kein Was; ein Talent, kein Objekt.“ Hermann Hesse © 2018 Schöne Postkarten (Nr. 129)

Auf der Suche nach Glück

Es ist Urlaubszeit. Flughäfen voll, Autobahnen voll, Züge voll, Strände voll. Menschen überall, die meisten davon auf der Suche nach ein bisschen oder ganz viel Urlaubsglück. Dabei hat jede und jeder, ja sogar der Familienhund, eine ganz eigene Vorstellung vom Glück.

„und keine Zahnschmerzen“

Für Theodor Fontane zum Beispiel, das haben wir letzte Woche bei der äußerst inspirierenden Schreibwerkstatt der in Pfaffenweiler bei Freiburg lebenden Schrifstellerin Herrad Schenk gelernt, sah Glück so aus:

„Ein gutes Buch, ein paar Freunde, eine Schlafstelle und keine Zahnschmerzen.“

zitiert aus:
Herrad Schenk
Glück und Schicksal: Wie planbar ist unser Leben?
C.H. Beck, München, 2001, 2. Auflage, broschiert
ISBN: 978-3-406-46627-4

Was ist für Sie Glück? Wir freuen uns auf Antworten!

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Freitagsfoto: Framing

Der Rahmen – das Framing – gibt vor, worauf der Betrachter seinen Blick lenken soll. Dieser künstlerische Rahmen befindet sich auf einem privaten Anwesen im Languedoc in Frankreich.

Der Rahmen – das Framing – gibt vor, worauf der Betrachter seinen Blick lenken soll. Dieser künstlerische Rahmen befindet sich auf einem privaten Anwesen im Languedoc in Frankreich.

Framing

In letzter Zeit ist viel von „Framing“ im Zusammenhang mit politischer Meinungsbildung und öffentlichen Debatten die Rede. Unter Framing kann man ganz grob Schubladendenken verstehen. Der Journalist Detlef Esslinger hat das Konzept „Framing“ in der Süddeutschen Zeitung in seinem lesenswerten Artikel „Vorsicht, Gift!“ vor ein paar Wochen erläutert. Er führt darin unter anderem Linguisten und Hirnforscher ins Feld, die davon ausgehen, dass der Ausgang einer Debatte weniger eine Frage der Seriosität ist, als eine Frage, wer Thema und Begriffe setzt. Denn letzteres beeinflusst die Richtung, in welcher der Rezipient gelenkt wird.

Wie das funktioniert, kann man sehr schön an Politikern wie Trump, Söder, Seehofer oder auch dem italienischen Innenminister Salvini beobachten. Aus Bürgerkriegs- oder Hungersnotflüchtlingen, die ihr Leben und das ihrer Kinder auf dem Mittelmeer in verrotteten Holzbooten risikieren (wie verzweifelt muss man dazu sein!?) werden dann plötzlich Asyltouristen, die, wer hätte es gedacht, natürlich bei uns „Asylgehalt“ beziehen. Das ist perfide und ekelhaft. Und leider bleibt bei Empfängern solcher Botschaften, sprich Wählerinnen und Wählern, oft – auf mehr oder weniger bewusster Ebene – etwas hängen. In seinem exzellenten Kommentar zu dieser Thematik „Es regt sich was“ (SZ vom 19.7.2018) zitiert Esslinger den unerträglichen italienischen Innenminister Salvini, der so weit geht und gerettete Flüchltinge als „Menschenfleisch“ bezeichnet. Wie weit sind wir gesunken in Europa!? Welch unglaubliche Heuchelei betreiben auch alle anderen wegschauenden europäischen Politiker! Welch Verrat an unseren (vermeintlichen) Werten, für die nicht wir, sondern andere zumeist unter Verlust ihres Lebens gekämpft haben.

Ein wenig ermutigend ist der Eindruck, den Esslinger in seinem Kommentar gewinnt, dass sich in der Zivilgesellschaft etwas regt, dass sie beginnt, in einigen kleinen Aktionen gegen diese hinterhältige Vereinnahmung zu demonstrieren, wie zum Beispiel in London, wo Zehntausende einen Ballon in Gestalt eines Trump-Babys zum Himmel steigen ließen.

Wer an diesem Bereich der Linguistik interessiert ist, möchten wir auf ein Buch der deutschen Kognitionswissenschaftlerin Dr. Elisabeth Wehling verweisen. Wehling forscht an der University of California und ist zur Zeit eine gefragte Gesprächspartnerin. Sie hat ein Buch zum Thema politisches Framing geschrieben, das man bei der Bundeszentrale für Politische Bildung runterladen oder gegen eine Gebühr bestellen kann.

Rahmen für den Morgen

Abschließend möchten wir einen positiven Rahmen setzen. Für die schönen und auch wichtigen Dinge des Lebens. Gedichte gehören auf jeden Fall dazu. Und ganz besonders die Gedichte des großen, leisen amerikanischen Dichters und Freundes Jack Ridl. Sein Gedicht „Framing the Morning“ aus dem Band „broken symmetry“ dreht sich um ein ganz anderes, ein geradezu bezauberndes Framing. Es beschreibt eine morgendliche Szene und Stimmung in vielen kleinen, achtsam beobachteten Details, die allesamt „diesem“ Morgen seinen eigenen Rahmen (Frame) geben.

Da ist von Büchern neben dem Sofa die Rede, ein Gedichtband und ein Wildblumenführer. Das Sonnenlicht wandert über die Fensterbank, strahlt plötzlich den Deckel des Pfefferstreuers an. Vor dem Fenster unter den Tannen sehen wir Samenkapseln, von den Vögeln leergefressen. Marmelade kommt ins Spiel, dazu Toast, Kaffee mit Sahne. Die Zeitung darf nicht fehlen, und auf der Veranda vor dem Fenster liegen eine Decke und ein Fernglas. Wer möchte in diesem Rahmen nicht frühstücken?

Framing the Morning

Next to the sofa, books: an atlas, the poems of John Clare,
   a guide to wildflowers.

The sudden lash of light across the kitchen window sill—
   the silver top of the pepper mill
   the pale yellow of the egg timer
   the sparkle of whisks.

Under the hemlock, empty seed cases across the mulch, dark
   droppings left by the scatter of sparrows.

In the branches, chickadees, nuthatches, cardinals, then
   the flash of a goldfinch;
   across the yard, the cat curled by a rotting stump.

Clouds come. The sun lifts itself into the crown of trees. The leaves
   quiver.

Toast. Currant jam. Coffee with cream. The chipped
   plate with the half moon painted in its center.

Out by the swatch of jewel weed and day lilies, two
   chairs, the light falling across them,
   their shadows growing longer.

The morning paper, folded open to the crossword.
   On the porch, a blanket and binoculars.

Jack Ridl

Informationen zum Buch

Jack Ridl
broken symmetry
Wayne State University Press, Detroit, 2006
ISBN: 9780814333228

Wer regelmäßig Gedichte und andere kluge Gedanken von Jack Ridl lesen möchte, sollte Jacks Blog abonnieren. Es lohnt sich!

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Jurek, der Postkartenschreiber

Ob Jurek Becker diese Postkarte gefallen hätte? Wir haben jedenfalls bei ihrer Herstellung keine Mühe gescheut. <a href="http://www.schoenepostkarten.de" target="_blank" rel="noopener">Alle Motive finden Sie auf: schoenepostkarten.de</a>

Ob Jurek Becker diese Postkarte gefallen hätte? Wir haben jedenfalls bei ihrer Herstellung keine Mühe gescheut. Alle Motive finden Sie auf: schoenepostkarten.de

Postkarten: Vergnügen statt Pflicht

„Wir müssen noch die Postkarten schreiben!“ Den Satz kennen oder kannten von früher wohl die meisten von uns von Urlaubsreisen. Da heute Grüße und Bilder vorwiegend über das alldurchdringende Netz geschickt werden, bleiben noch die (Glückwunsch-)Karten zu Geburtstagen, Hochzeiten oder anderen persönlichen Anlässen. Doch auch hier schwingen viel Pflichtbewusstsein mit und eher selten Kreativität und Freude. Schade um die vertane Chance!

Postkarten schreiben kann nämlich durchaus ein Vergnügen sein. Für den Schreiber und natürlich für den Empfänger. Der Schriftsteller Jurek Becker (1937 – 1997) hat das Postkartenschreiben über viele Jahre gepflegt und es zur Kunst erhoben. Becker, dessen Roman „Jakob, der Lügner“ ein Bestseller wurde, hat das deutsche Fernsehpublikum als Drehbuchautor der Erfolgsserie „Liebling Kreuzberg“ lange Zeit exzellent unterhalten. Für seinen langjährigen Freund Manfred Krug, Hauptdarsteller dieser Serie, hat Becker großartige Szenen und Dialoge geschrieben, die Krug kongenial gespielt hat. Doch den begnadeten Postkartenschreiber Jurek Becker gilt es posthum noch zu entdecken!

am Strand von Bochum ist allerhand los

So lautet der Titel des wunderschön gestalteten und von Suhrkamp aufwendig produzierten Buchs, das Beckers Witwe Christine Becker in diesem Frühjahr veröffentlicht hat. Auf knapp 400 Seiten dürfen wir 20 Jahre von Jurek Beckers Leben auf rund 900 Postkarten verfolgen.

„Geliebte Krugs, nun kann ich auch die Niagara-Fälle abhaken. Das Bild ist Sozialistischer Realismus. Direkt unterhalb der Fälle beginnt eine 3 m dicke braune Dreckschicht, die bis zum Horizont geht. Es ist kein Quadratzentimeter Wasser zu sehen. Eine Studentin, mit der ich hier war, hat herzzerreißend geweint. Jurek“

Dies ist die erste Karte im Band, geschrieben am 15.5.1978 an Ottilie und Manfred Krug. Der DDR-Bürger Becker lebte zu dieser Zeit in West-Berlin, ausgestattet mit einem Dauervisum für zehn Jahre. Becker konnte damit unbegrenzt reisen (auch vom Westen zurück in die DDR), was für einen DDR-Bürger wohl ziemlich außergewöhnlich war.

Die Empfänger von Beckers Postkarten, deren Texte er meist schon vor Reiseantritt entworfen und in ein Schulhelft übertragen hat, waren unter anderem: seine Familie aus erster Ehe, seine zweite Frau Christine und der gemeinsame Sohn Jonathan (Johnny), die Krugs, seine Lektorin Elisabeth Borchers bei Suhrkamp und das Verlegerehepaar Unseld.

Jurek Becker hat nicht nur die Texte seiner Postkarten sorgfältig komponiert, sondern auch die Motive ganz bewusst ausgesucht

Jurek Becker hat nicht nur die Texte seiner Postkarten sorgfältig komponiert, sondern auch die Motive ganz bewusst ausgesucht.

Komisch, anregend, berührend

Was er diesen Menschen, die ihm offensichtlich sehr am Herzen liegen, schreibt, ist geistreich, mal komisch, mal schräg, dabei sehr persönlich und immer berührend. Und das bei aller gebotenen Knappheit, ist doch der Platz für Text auf einer normalen Postkarten gerade mal 10 x 8 cm groß. Für Becker war das kein Hindernis, sondern beflügelnd! Mit wenigen Worten gelingt es ihm, Geschichten zu erzählen, die viel über den Menschen Becker und sein Verhältnis zu den Empfängern mitteilen. Nicht selten eröffnen die Miniaturen auch für uns Zweitleser noch Raum für Assoziationen. Und en passant wird noch die Weltgeschichte gestreift. Becker schreibt am 19.8.1991 aus Sieseby (Schleswig-Holstein) an seine Frau Christine:

„Du alte Laugenbrezel,

wenn man bedenkt, daß, seit wir uns kennen, Kuweit besetzt und wieder geräumt, Gorbi gewählt und wieder gestürzt, die Mauer verbreitert und abgerissen, Bayern München mehrmals aus dem Pokal geworfen und J.R. Ewing all sein schönes Geld los wurde (das sind nur Beispiele von vielen) – muß man da unser Verhältnis nicht beispielhaft stabil nennen?
Dein schreibender Sklave J.“

So unterhaltend geht das Seite für Seite in diesem Band, den man natürlich nicht in einem Zug durchliest, sondern häppchenweise genießt, immer mal wieder aufschlägt, reinliest, staunt, schmunzelt – nicht ohne eine gewisse Melancholie. Welch‘ – selten gewordene – Mühe, um der Bedeutung einer Beziehung im Kleinen Ausdruck zu verleihen, welch‘ Kleinode!

„Du kosmische Strahlung“

Am Postkartenschreiben hält Becker fest, auch als er unheilbar an Darmkrebs erkrankt ist – und trotzdem geht in seinen Texten bei aller Melancholie der Humor nicht verloren. Am 25.11.1996, wenige Monate vor seinem Tod, redet er seine Frau mit „Du kosmische Strahlung“ an und lässt ein sauber paargereimtes, dreistrophiges Gedicht über seine Chemotherapie folgen. Alleine die Anreden, mit denen Becker die Empfänger seiner Karten überrascht, sind ein schräger Genuss: Da wird seine Frau zum Korallenriff, Vorzugsaktie, Wackelkontakt und der Sohn zur Fahrradeisenbahn, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die Herausgeberin Christine Becker präsentiert die Postkarten chronologisch. Auf jeder Seite sehen wir das Postkartenmotiv und die Rückseite mit dem handgeschriebenen Text. Jurek Becker hat eine gut lesbare Handschrift. Trotzdem wurden alle abgebildeten Karten genau transkribiert. Die Empfänger werden alle beim ersten Mal in Kürze erläutert. Dazu gibt es bei manchen Karten kleine Anmerkungen zu den Reiseumständen oder -gründen.

Fazit

Das Buch ist eine wunderschöne Hommage an die Postkarte und ein großes Vergnügen für alle Freunde literarischer Miniaturen. Es ist aber darüber hinaus auch Ansporn, sich wieder Mühe beim Schreiben zu geben, vielleicht um zu entdecken, dass Stil und Kreativität Ausdruck dafür sein können, wie viel einem an einer Beziehung liegt, auch und gerade, wenn man „nur“ eine Postkarte zu schreiben hat.

N.K. / C.K.

Information zum Buch

Jurek Becker
am Strand von Bochum ist allerhand los
Herausgegeben von Christine Becker
Suhrkamp Verlag Berlin, 2018
ISBN 978-3-518-42816-0

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Freitagsfoto: Zeitumstellung

Zeitumstellung

Schon bemerkt? Die Tage werden wieder kürzer, Sommerzeit hin oder her. Die ersten Bäume und Sträucher lassen hie und da, ja fast heimlich ein welkes Blatt fallen. Und in gut 100 Tagen gilt wieder die Winterzeit.

Apropos Zeitumstellung: Erstmals fragt die EU-Kommission die Bürgerinnen und Bürger um ihre Meinung zur Zeitumstellung. Dabei gibt es zwei Optionen: man kann für die Beibehaltung der Sommerzeit oder für ihre Abschaffung in der gesamten Europäischen Union votieren. Hier geht’s zur Online-Umfrage.

Umstellung der Zeit

So heißt ein schmaler Gedichtband, den der langjährige Hanser-Verleger und Dichter Michael Krüger vor ein paar Jahren bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Krügers Gedichte sind poetische Streifzüge durch die Natur, zugleich melancholische Reflexionen über die Vergänglichkeit, bisweilen mit einem Anflug von Humor oder Ironie. Empfehlenswert! Hier eine Leseprobe:

Kein Haiku

Eine tote Amsel
vor meinem Fenster.
Ich warte eine Stunde
auf die Umstellung
der Zeit.

Verlangsamer von Zeit

Im Interview mit dem Kritiker Denis Scheck, das Sie hier sehen können, sagt Krüger über Gedichte: „Gedichte sind die besten Verlangsamer von Zeit. Gedichte zu lesen, bedeutet sich selbst, den ganzen Körper, das Bewusstsein, die Aufmerksamkeit zu verlangsamen.“

Schönes Wochenende!

Informationen zum Buch:

Michael Krüger
Umstellung der Zeit
Suhrkamp Verlag Berlin, 2013
ISBN 978-3-518-42394-3

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Raupen, Holder, Hölderlin

In der Tübinger Bachgasse im Raupenviertel wuchs Fritz Holder auf

In der Tübinger Bachgasse im Raupenviertel wuchs Fritz Holder auf

Fritz Holder

In Tübingen gelte ich, obwohl i Schwäbisch akzentfrei schwätz, als Reigschmeckter, dazu noch aus dem ehemals preußischen Hechingen stammend. Deshalb mögen es mir die eingeborenen Tübingerinnen und Tübinger nachsehen, dass mir der Name Fritz Holder bis vor wenigen Wochen noch kein Begriff war. Was für ein Versäumis, ich weiß. Dabei haben wir viele Jahre unser Büro im sogenannten Raupenviertel in Tübingen gehabt. In diesem Viertel, auch Gôgei genannt, ist Fritz Holder am 7. April 1932 in der Bachgasse auf die Welt gekommen. Holder war zunächst Schriftsetzer und dann, bis zu seinem Tod am 6. September 1996, Journalist beim Schwäbischen Tagblatt, verantwortlich für die Lokalredaktion Rottenburg.

„Geliebtes Pflaster“

Das Raupenviertel in der Tübinger Unterstadt ist ganz grob die Gegend zwischen Kelternstraße im Norden, Lange Gasse im Osten, Belthlestraße im Westen und Haaggasse im Süden. In diesem Viertel ist Fritz Holder in der Welt der Handwerker, Tagelöhner, Händler und Wirtsleute aufgewachsen. Diesen einfachen, ehrlichen und in ihrer gnadenlosen Direktheit liebenswerten Menschen der unteren Stadt hat Holder mit seinem Buch „Geliebtes Pflaster“ ein zartes Denkmal in rauhem Ton gesetzt.

23 Geschichten enthält dieser schmale Band, jede für sich ein kleiner Erinnerungsdiamant, aus dem eine Zeit herausfunkelt, die längst untergegangen ist. Holder erzählt sehr lebendig von dieser mitunter harten, oft entbehrungsreichen Welt und in einer klaren, niemals kitschigen Sprache. Er schreibt seine gut komponierten Miniaturen aus der Perspektive des kleinen Fritzle, und zwar geradeso, „daß es tuet wie verzählt“, wie wir im Nachwort des Tübinger Kulturwissenschaftlers Hermann Bausinger lesen.

Die Tübinger Ammergasse in der Gôgei an einem kalten Januarmorgen. © 2017 Schöne Postkarten

Die Tübinger Ammergasse in der Gôgei an einem Januarmorgen. © 2017 Schöne Postkarten

Kein vornehmes Getue

„Geliebtes Pflaster“ ist ein literarischer Reiseführer durch ein besonderes Tübinger Viertel und in eine Zeit, deren Gegensatz zu unseren Zeiten nicht größer sein könnte. Das ist wohltuend erdend und dabei nicht romantisierend. Ich habe bei der leider sehr kurzen Lektüre nicht nur viel über die Gôgei und ihre Bewohner gelernt, sondern bin auch vielen schwäbischen Wörtern, darunter herrliche Flüche, aus meiner eigenen Kindheit wieder begegnet. Holder schreibt über Sprache und Ton in seinem Raupenviertel:

„Der Umgangston war eher rauh, doch nicht ohne verborgene Herzlichkeit. Hinter diesem und jenem Wort, das anderen Ohren befremdlich oder gar entsetzlich klang, konnte viel Mitgefühl und Anteilnahme stecken. Man redete direkt miteinander, was sollte auch vornehmes Getue. Wenn der Stadttagelöhner Wilhelm H. seiner Angetrauten rief ‚Rosa, du Heilandsakramentszuttel, gohscht jetzt daher oder i schlag dr’s Beile uffs Hirn nuff!‘ wurde das ohne große Besorgnis wahrgenommen. Der Wilhelm meinte das nicht so. Und seine Rosa starb, als es Zeit war, eines ganz natürlichen Todes.“

Zur Sprache Holders schreibt der Tübinger Autor Kurt Oesterle, dem ich die Entdeckung Fritz Holders verdanke, in seinem Vorwort unter anderem vom „Altersasyl für ausgebrauchte und davongejagte Wörter, egal, ob sie im Dialekt oder in der Hochsprache gedient haben.“ Ich wünschte, es gäbe mehr solche schönen Altersasyle für ausgebrauchte Wörter.

„Raupenviertel“ und „Gôgenmusik“

So heißen zwei andere Bücher Fritz Holders. Es sind Gedichtbände in Mundart, nach denen ich sofort antiquarisch suchen musste, nach dem uns unser Freund K. zum ersten Mal dieses Gedicht aus dem Band „Raupenviertel“ vorgetragen hat:

Dr Holder ond dr Hölderlin

Se send anander nia v’rkomma,
se hend sich nia em Leabe gseah,
send zwoar de gleiche Gasse gloffa,
doch andre Johrgäng send-se gwea.

Dr oi hot dichtet vo’dr Freiheit,
se kommt a baarmol bei’nem vor,
dr ander hot vo‘ Freiheit gsonga,
em Volkschor obnets als Tenor.

Mo’s Zeit war, hend-se ganga müeßa,
do beißt koi Maus koin Fada a‘, so send-se doch noh zemakomma –
em Stadtfriedhof, Abteilung H.

Dort send-se frei, doch halt dahin -:
dr Holder ond dr Hölderlin …

Achtung! Bitte unbedingt laut lesen oder vortragen.

Ist das nicht eine anrührend melancholische Hommage von Fritz Holder für seinen Vater Christian Holder, den im Viertel alle nur „Stane“ nannten? Die beiden Gedichtbände „Raupenviertel“ und „Gôgemusik“ sind von Holders Sohn Christian mit schönen Federzeichnungen ausgestattet. Im Erinnerungsbuch „Geliebtes Pflaster“ finden sich zahlreiche Schwarzweiß-Fotos, die das Raupenviertel und seine Bewohner zeigen.

Leider gibt es die Bücher von Fritz Holder zur Zeit nur noch antiquarisch. Aber hoffentlich findet sich bald ein Verleger, der einen Sammelband in Angriff nimmt. Ich wüsste einige Interessenten.

Informationen zu den Büchern

Fritz Holder
Geliebtes Pflaster – Eine Jugend in der Tübinger Altstadt
Verlag Schwäbisches Tagblatt Tübingen
ISBN: 3-928011-25-1

Raupenviertel – Räse Verse aus der Tübinger Altstadt
Verlag Schwäbisches Tagblatt Tübingen, 1990
ISBN: 3-928011-01-4

Gôgenmusik – Neue räse Verse aus Alt-Tübingen samt dem Diebinger Raupekalender
Verlag Schwäbisches Tagblatt Tübingen, 1992
ISBN: 3-928011-08-1

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Käfer, Kafka, Samsa

Der Käfer hat sich weder in Kafka verwandelt, noch wurde er für dieses Foto verletzt oder gar getötet.

Der Käfer hat sich weder in Kafka verwandelt, noch wurde er für dieses Foto verletzt oder gar getötet.

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ (aus Franz Kafka, Die Verwandlung, Fischer Taschenbuch, 144 Seiten, ISBN 978-3-596-25875-8)

Franz Kafka wäre heute 135 Jahre alt geworden. Auf der Homepage des S. Fischer Verlags, der Kafka verlegt, lesen wir:

„Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 als Sohn jüdischer Eltern in Prag geboren. Nach einem Jurastudium, das er 1906 mit der Promotion abschloss, trat Kafka 1908 in die »Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt« ein, deren Beamter er bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung im Jahr 1922 blieb. Im Spätsommer 1917 erlitt Franz Kafka einen Blutsturz; es war der Ausbruch der Tuberkulose, an deren Folgen er am 3. Juni 1924, noch nicht 41 Jahre alt, starb.“ (Quelle: S. Fischer Verlage.)

Der Verlag hat eine extra Autorenseite zu Franz Kafka eingerichtet, und in der ZEIT bin heute morgen auf einen kleinen Artikel von Stefan Willeke zu Kafka und dessen Schönheit der Sprache gestoßen. Eine schöne Anregung, mal wieder Kafkas Verwandlung zu lesen.

Der erste Kommentar, der mir sagt, um welchen Käfer es sich auf dem Foto da oben handelt, bekommt von mir diese Kafka-Postkarte und vier weitere Literatur-Postkarten aus der Serie Schöne Postkarten geschickt. Ich bin gespannt!

Schöne Postkarte Nr. 20: Kafka, Käfer, Bücher © 2018 www.schoenepostktarten.de

Schöne Postkarte Nr. 20: Kafka, Käfer, Bücher © 2018 www.schoenepostkarten.de