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Freitagsfoto: Hitzewelle

Die Pfingsrose (Päonie) war schon in der Antike als Gartenpflanze bekannt: eine pralle Schönheit

Die Pfingsrose (Päonie) war schon in der Antike als Gartenpflanze bekannt: eine pralle Schönheit

Pralle Pracht
in der Hitze ermattet –
die Pfingstrosen

Full splendour
worn out in the heat –
the peonies

Haiku

Die erste Hitzwelle ist da, und es ist schon wieder anstrengend, nicht nur für die Pfingstrosen. Steht uns ein weiterer Hitzesommer mit Dürre und drohendem Wassermangel ins Haus? Es gibt ernst zu nehmende Wissenschaftler, die genau das befürchten. Wer sich interessehalber mal zum Thema Wassermangel informieren möchte, dem empfehlen wir den Dürremonitor des Helmholtz-Instituts mit tagesaktuellem Dürrezustand des Gesamtbodens und des Oberbodens.

Bleibt im Schatten!

CK & NK

PS: Was wir aus der Corona-Krise für den Klimaschutz lernen können, erklärt der Meteorologe Sven Plöger:

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Waldrebe in der Abenddämmerung

Die Blüten der Waldrebe „The President“ sind groß und leuchten in der Dämmerung

Die Blüten der Waldrebe „The President“ sind groß und leuchten in der Dämmerung

Am letzten Tag des III. Mondes

Abenddämmerung
den entschwindenden Frühling
kann sie nicht halten;
mehr als die Morgendämmerung
greift mir dies Bild ans Herz

Saigyō

Der japanische Wandermönch und Dichter Saigyō (1118 – 1190) war ein Meister des Waka (Tanka), des 31-silbigen japanischen Kurzgedichts mit 5 Zeilen à 5-7 5-7-7 Moren (Silben). Für Bashō und viele andere große Haiku-Dichter war Saigyō das Maß aller Dinge. Entsprechend oft findet man Zitate oder Teile von Zitaten in ihren Werken. Von Saigyō sind rund zweitausend Waka überliefert. Einhundert davon hat der Japanologe Ekkehard May für den wunderschön gestalteten Band „Saigyō – Gedichte aus der Bergklause Sankashû“ ausgewählt, hervorragend übersetzt und mit klugen, erklärenden Kommentaren und Annotationen versehen.

Der Abschied vom Frühling ist in der traditionellen japanischen Dichtung ein festes Thema mit hohem Stellenwert, schreibt May zu dem oben zitierten Waka und weiter:

Am letzten Tag des III. Mondes (yayoi no tsugomori ni) spürt der Dichter mit der einsetzenden Abenddämmerung deutlich, wie unaufhaltsam die schönste Zeit des Jahres mit all ihrem Blütenglanz dem Ende entgegengeht. Das Verstreichen der Zeit wird – an einem solchen ›letzten Tag‹ – mit dem allmählichen Dunkelwerden besonders greifbar.

Dieser schöne Band aus der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung ist übrigens nicht nur inhaltlich, sondern auch in Sachen Satz und buchbinderischer Verarbeitung ein bibliophiles Hochamt. Es sei allen empfohlen, die sich mit dem Meister des Waka näher befassen möchten. Die Lektüre ist Balsam für unsere gehetzten Seelen.

Buchinformation

Saigyō
Gedichte aus der Bergklause – Sankashû

ausgewählt, übersetzt, kommentiert und annotiert von Ekkehard May
Dieterisch’sche Verlagsbuchhandlung Mainz, 2018
ISBN: 978-3-87162-098-0
Leinenausgabe mit Lesebändchen, 292 Seiten

Die Blüten der Waldrebe „The President“ sind groß und leuchten in der Dämmerung

Vergängliche Schönheit in der Abenddämmerung: Blüte der Waldrebe

Abenddämmerung
die Waldrebe leuchtet sanft
Abschied vom Frühling

Ein Haiku, gewidmet allen, die sich der poetischen Schönheit einer Waldrebe in der Dämmerung nicht entziehen können, und die sich zum Ende des Frühlings einer leichten Melancholie nicht erwehren können.

NK & CK

PS: Unsere Waldrebe (Clematis) haben wir übrigens in der Staudengärtnerei von Erika Jantzen in Tübingen gekauft. Und am Freitag, den 11. und Samstag, den 12. Juni findet dort das diesjährige Sommerfest statt, jeweils von 10 bis 18 Uhr. Ein Besuch lohnt sich immer und ist sehr inspirierend. Und Pflanzwetter ist auch (noch)!

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Der Frühling – mit Hölderlin und Hohenzollern

Wallfahrtskirche Maria Zell bei Boll unterhalb des Zellern Horns

Wallfahrtskirche Maria Zell bei Boll unterhalb des Zeller Horns

Der Frühling

Es kommt der neue Tag aus fernen Höhn herunter,
Der Morgen, der erwacht ist aus den Dämmerungen,
Er lacht die Menschheit an, geschmückt und munter,
Von Freuden ist die Menschheit sanft durchdrungen.

Ein neues Leben will der Zukunft sich enthüllen,
Mit Blüten scheint, dem Zeichen froher Tage,
Das große Tal, die Erde sich zu füllen,
Entfernt dagegen ist zur Frühlingszeit die Klage.

d. 3ten März 1648

Mit Untertänigkeit
Scardanelli

Höhenmeter und Ausblicke

Das Foto von der Wallfahrtskirche Maria Zell bei Boll haben wir vor ein paar Tagen während einer wunderbaren Wanderung aufs Zeller Horn gemacht. Die Tour nennt sich Raichberg-Tour und wurde von der Stadt Hechingen neu angelegt. Wir können sie sehr empfehlen! Es sind etwas über 11 Kilometer, einige Höhenmeter, und es gibt viele schöne Ausblicke, gerade jetzt im Spät-Frühling.

Los geht’s auf dem Parktplatz Hüttenwiesen am Ortsende von Boll. Die ersten drei Kilometer führen uns zackig bergauf, an Maria Zell vorbei bis hoch zum Zeller Horn am Albtrauf auf 913 Metern Höhe. Die Anstrengung lohnt sich, der Ausblick Richtung Westen mit der Burg Hohenzollern im Vordergrund ist erhaben. Vom Zeller Horn geht es auf der Albhochfläche Richtung Nägelehaus. Beim Abstieg vom Trauf passieren wir ein wildes Felsenmeer mit dem Emmafelsen im Zentrum. Die Raichberg-Tour ist sehr gut ausgeschildert, alle Information findet man auf der Homepage der Stadt Hechingen.

Ob Friedrich Hölderlin, dem wir das Gedicht da oben verdanken, die Aussicht auf dem Zeller Horn mal genossen hat? Der Dichter war sehr gut zu Fuß; in guten Zeiten soll er fünfzig Kilometer am Tag gewandert sein. So schreibt der Tübinger Schriftsteller und Hölderlin-Kenner Kurt Oesterle in seinem Hölderlin-Aufsatz „Die Linien des Lebens sind verschieden“, den man auf der Seite des Autors als pdf herunterladen kann.

Viel Vergnügen!

NK & CK

Blick vom Zellerhorn auf die Burg Hohenzollern und das Albvorland

Blick vom Zeller Horn auf die Burg Hohenzollern und das Albvorland

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Wo Weiden baden gehen | Tübingen, ein Gedicht

„Wo Weiden baden gehen...“ Christa Hagmayer: Am Neckar

„Wo Weiden baden gehen…“ Christa Hagmayer: Am Neckar

Am Neckar

Die Stadt ist ins Wasser gefallen
samt Hölderlinturm
Wo Weiden baden gehn
gleitet ein Kahn
Da läuft die Geschichte aus
Die Lacher schunkeln
und stochern weiter
durchs Aquarell

Christa Hagmeyer

„Hier über dem gelben Fluß, beweinte er seine Liebe“ · Tatjana Kusowljewa: Tübingen, Turm

„Hier über dem gelben Fluß, beweinte er seine Liebe“ · Tatjana Kusowljewa: Tübingen, Turm

Tübingen, Turm

Bin plötzlich im Mittelalter,
wische die Schicht
der Jahre fort, suche
des Wahnsinnigen Spur.

Sie haben mich
zum Turm gewiesen.
Dort steh ich im Fenster,
grüble, versteh:

Schon immer war’s
ungefährlicher für alle;
die Dichter einfach
für verrückt zu erklären.

Hier, über dem gelben Fluß,
beweinte er seine Liebe,
Randbewohnerin auch sie,
wie die Verse, die anachronistische Rede.

Wer in diesen Abgrund schaut,
verliert den Verstand.

Tatjana Kusowljewa
aus dem Russischen von Kay Borowsky, der in Tübingen lebt und schreibt

Die Gedichte für den heutigen Beitrag haben wir der Anthologie Tübingen im Gedicht entnommen, die von Kay Borowsky und Barbara Werner zusammengestellt wurde und 2003 in der Edition Heckenhauer erschien. Die Sammlung beginnt mit einem Gedicht aus dem Jahr 1534, das die Situation Tübingens zu dieser Zeit beschreibt. Es geht weiter über Frischlin, Cellius, natürlich Hölderlin, Uhland, Hesse, Rose Ausländer, und viele mehr, darunter auch etliche noch lebende Dichterinnen und Dichter wie Uwe Kolbe, der mal das Studio Literatur und Theater an der hiesigen Universität geleitet hat, bis hin zu Eva Zeller, die in Tübingen lebt, dichtet und Workshops unterrichtet.

Schöne Postkarte Nr. 150 · Tübinger Gassengebirge. Rose Ausländer | www.schoenepostkarten.de

„giebelrotes Gassengebirge“ · Rose Ausländer: Tübingen · Schöne Postkarte Nr. 150

Tübingen

In der beschützten Stadt
giebelrotes Gassengebirge
jahrhundertedicht

Wahn
vom Neckar
getauft

Hügelgefährten
Hölderlin-treu

Unter schmächtigem Stein
der Staub
atmet

Rose Ausländer (1901 – 1988)

Tübingen im Gedicht ist kein historisierender Touristenführer in Lyrikform, sondern eine anregende Sammlung mit lesenswerten Gedichten, die alle Facetten dieser Stadt zeigen. In seinem Nachwort steuert Kay Borowsky zu vielen Gedichten und Autor*innen erhellende Worte bei. Die Schwarzweiß-Fotografien sind von Roger Sonnewald, in dessen Tübinger Antiquariat Heckenhauer das Buch noch erhältlich ist.

Apropos Lyrik in Tübingen

Nur einen Steinwurf vom Hölderlinturm entfernt – Hölderlin hätte hier gekauft

Nur einen Steinwurf vom Hölderlinturm entfernt – Hölderlin hätte hier gekauft

Im Frühjahr hat in Tübingen in der Bursagasse 15 eine neue, ganz besondere Buchhandlung eröffnet. Die „Lyrikhandlung am Hölderlinturm“ von Gründerin Ulrike Geist ist auf Gedichtbände spezialisiert; und das ist ziemlich einzigartig in der deutschen Buchhandelslandschaft. Wir sind sicher, Hölderlin hätte das gefallen, schrieb er doch in seinem Gedicht „Andenken“ die Zeile „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

Lest Lyrik!

NK & CK

Buchinformation

Tübingen im Gedicht … und stochern weiter durchs Aquarell
Eine Anthologie, herausgegeben von Kay Borowsky und Barbara Werner
mit einem Vorwort von Inge und Walter Jens
Fotografien von Roger Sonnewald
edition j. j. heckenhauer, Tübingen und Berlin, 2003
ISBN 3-9806076-4-1
Hardcover, 172 Seiten
nur noch antiquarisch erhältlich

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Freitagsfoto: Frauenmantel

Frauenmantel (Alchemilla) ist seit dem frühen Mittelalter als Heilkraut bekannt

Frauenmantel (Alchemilla) ist seit dem frühen Mittelalter als Heilkraut bekannt

Der Frauenmantel
glitzert im kalten Regen
ich fröstle

Haiku von Kranō

Am Samstag, den 22. Mai, ist Welttag zur Erhaltung der Artenvielfalt und dazu passt diese Aktion des Franzosen Boris Presseq. Presseq ist Botaniker, arbeitet im Naturkunde- und Wissenschaftsmuseum von Touluse und möchte uns das Bewusstsein für die Präsenz von Wildpflanzen auf den Bürgersteigen schärfen. Dazu beschriftet er die Wildpflanzen, die er auf seinen Streifzügen durch Toulouse findet. Es sind die vergessenen und von Gartenbesitzern und Stadtreinigern oft ungeliebten Pflanzen in Mauerritzen, zwischen Steinplatten oder im Asphalt. Leider gibt’s das Video nicht mit deutschen Untertiteln. Es ist trotzdem sehenswert!

Wer dem Guerilla-Botaniker Presseq nacheifern möchte, dem empfehlen wir die von Wissenschaftlern entwickelte und mit Künstlicher Intelligenz arbeitende Bestimmungs-App Flora Incognita, die ziemlich gut funktioniert.

NK & CK

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Welcome back

Dies ist ein gelungener Spot für Guinness, der uns wieder auf Pubs und gute Laune einstimmt. Vor allem wie das zentrale Visual „durchkonjugiert“ wird: große Klasse!

Cheers, oder wie unser Kollege Alan jetzt sagen würde:

The Pub’s open und the sun is over the yardarm!

NK & CK

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Freitagsfoto: Seneca und das Flüchtige

Pusteblume: Gewöhnlicher Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia)

Pusteblume: Gewöhnlicher Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia)

„Heiße mit jedem Sonnenaufgang den neuen Tag willkommen, als wäre es der beste von allen und mach ihn dir ganz zu eigen. Wir müssen das Flüchtige ergreifen.“ Seneca

Lucius Annaeus Seneca (Seneca der Jüngere) gilt als einer der bedeutendsten römischen Stoiker. Er starb 65 n.Chr. und wurde 65 Jahre alt. Bei einer Recherche bin ich in der ARD-Audiothek auf diese hörenswerte Sendung über Seneca gestoßen:

Die ARD-Audiothek gibt es auch als App, und sie lohnt sich, wie ich finde. Die Themenvielfalt ist enorm, die Qualität hoch.

Schönes Wochenende!

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Im Wald – Mein Jahr im Cockshutt Wood

„Die Stille eines Waldes ist ansteckend, wie die einer Kirche.“ John Lewis-Stempel. Wald in East-Sussex

„Die Stille eines Waldes ist ansteckend, wie die einer Kirche.“ John Lewis-Stempel. Wald in East-Sussex

13. MAI: Morgenchor III

4.16 Uhr morgens. Es ist noch dunkel; jenseits des Berges racken die Dohlen.
4.19 Uhr. Nach einem gestotterten Tick-tick führt ein Rotkehlchen auf halber Höhe eines Weißdorns vollständige Melodien vor.
4.22 Uhr. Amsel und Ringeltaube begrüßen das Licht.
4.30 Uhr. Singdrossel, Fitis, Mönchsgrasmücke.
5.00 Uhr. Buchfink, Zilpzalp, Kohlmeise und Zaunkönige stimmen ein. Crescendo.

Im Durchschnitt leben auf Grasland 175 brütende Vogelpaare pro hundert Hektar, im Wald ungefähr tausend. Um fünf Uhr an einem Maimorgen versinkt man warm im Vogelgesang.

Diese Zeilen schreibt der englische Farmer und Schriftsteller John Lewis-Stempel am 13. Mai in seinem Buch „Im Wald – Mein Jahr im Cockshutt Wood“, das im Frühjahr 2020 auf Deutsch bei Dumont erschienen ist. Aus Sicht der Verlages ein perfektes Timing, wenn auch unbeabsichtigt. Denn diese Pandemie sorgt seit gut einem Jahr dafür, dass die Menschen den Wald und überhaupt die Natur wiederentdecken. Auch für uns, die wir praktisch jeden Tag mit dem Hund draußen sind, sind Spaziergänge, Läufe und Wanderungen im Wald im letzten Jahr nochmal besonders wichtig geworden.

John Lewis-Stempel ist in England ein vielfach ausgezeichneter Nature Writer, bezeichnet sich selbst aber lieber als Country Writer, weil er die Natur und das Leben mit und in ihr aus der Sicht eines Farmers beschreibt. Das ist konsequent, denn seine Vorfahren bewirtschaften seit 13 Generationen Farmen in Herefordshire an der Grenze zu Wales. Zur Bewirtschaftung seines Waldes schreibt er:

Ich bewirtschaftete Cockshutt auf die beste Art von allen: auf die alte Art, indem ich primitive Nutztiere darin herumstreifen ließ und die »Bäume auf den Stock setzte«, sie also über dem Boden absägte, damit die Stümpfe neu austreiben konnten.

Wo der Wintermond lebt

Vier Jahre lang hat Lewis-Stempel den Cockshutt Wood gepachtet und alleine bewirtschaftet, darin Schweine, Schafe und Kühe gehalten, sich um den Baumbestand gekümmert, im Wald gearbeitet. Das vorliegende Buch ist das Tagebuch seines letzten Jahres, und wir haben das Vergnügen, Lewis-Stempel zwölf Monate über die Schulter schauen zu dürfen – ohne dass uns im Dezember die Hand an die Axt friert.

Der Cockshutt Wood im Südwesten von Herefordshire, das sind anderthalb Hektar Mischwald (Laub- und Nadelbäume) mit einem versteckten Teich, in dem der Wintermond lebt.

Los geht dieses besondere Waldtagebuch im Winter, im Dezember. Wir betreten Cockshutt mit dem Autor am 1. Dezember über den in England üblichen Zaunübertritt. Es ist nachmittags, und es beginnt schon zu dunkeln, wir folgen dem Autor tiefer in den Wald, vorbei an Eschen, Ahornbäumen, gerodeten Lichtungen bis zum Herzen des Waldes, einem Teich mit einem „Kranz aus Schilf“.

Es ist grau, verkrüppelt; der ganze Tag ist grau. Ein V wandert durch das matte Wasser: die Bugwelle des Teichhuhns, das wendet und sein weißes Rücklicht warnend aufblitzen lässt.

Schon auf diesen ersten Seiten wird deutlich, dass wir es hier mit einem Autor zu tun haben, der nicht nur Hecken fachgerecht „legen“ kann, sondern auch ein exzellenter, genauer und phantasiereicher Beobachter ist. Häufig sitzt er dazu auf einem alten, weißen Plastikstuhl am Rande des Teiches, in dem der Silbermond lebt. Lewis-Stempel ist einer, der jede Anregung, die ihm der Wald liefert, seien es der entfernte Schrei eines Kauzes, ein Zweig, der ihm ins Gesicht schlägt oder ein paar Waldschnepfen im Brombeerdickicht, aufnimmt und in Literatur verwandelt.

„Sein schnelles Rattern – als wäre sein Schnabel mit einem Gummiband gespannt und losgelassen worden (...)“

„Sein schnelles Rattern – als wäre sein Schnabel mit einem Gummiband gespannt und losgelassen worden (…)“

Seine feinen Wahrnehmungen nimmt der Autor im Verlaufe dieses Jahres immer wieder zum Anlass, die Leser an seinen meist poetischen, oft auch humorvollen Assoziationen und Gedanken teilhaben zu lassen.

Waldschnepfen gehen nahtlos in ihre Umgebung über. Sie sind das Blatt, das durch den Buchenwald weht, der vermoderte Holunderstumpf am Wegrand, das Fleckchen Grau im abendlichen Schatten.

Anemone als Liebesblume

„(...) Anemonen wuchsen an den Stellen, auf die ihre Tränen fielen. Foto: Anemone nemorosa

„(…) Anemonen wuchsen an den Stellen, auf die ihre Tränen fielen.“ Foto: Anemone nemorosa

Aber nicht nur seine Formulierungskunst ist beachtlich, auch sein Wissen rund um das Thema Wald – Flora, Fauna, Geschichte, Sprachgeschichte, Lyrik – ist bemerkenswert. Und er versteht es, dieses Wissen geschickt in die Schilderungen seiner Tage im Cockshutt Wood einzuflechten.

18. MÄRZ: Ein Kleiber pfeift in den Eichen; unter ihm leuchtet das erste Buschwindröschen, weiß und strahlend.
Legenden schärmen von dieser Anemone als Liebesblume. Tödlich verwundet von einem Eber, lag Adonis im blutbefleckten Gras, wo er von Venus gefunden wurde; voll Kummer schwor sie, ihr Liebhaber solle für immer als Blume weiterleben, und Anemonen wuchsen an den Stellen, auf die ihre Tränen fielen.

Schön ist das, nicht wahr? Immer wieder überrrascht uns dieses lesenswerte Buch mit solchen Stellen. Und nach der Lektüre wird man beim nächsten Waldspaziergang genauer hinhören oder hinschauen – jede Wette.

John Lewis-Stempel: Im Wald – Mein Jahr im Cockshutt WoodBuchinformation

John Lewis-Stempel
Im Wald – Mein Jahr in Cockshutt Wood
Aus dem Englischen von Sofia Blind
DuMont Buchverlag, Köln, 2020
ISBN: 978-3-8321-8124-6

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Aufblühen am Waldrand

.

Am Waldrand
die ältere Dame und die Schlehen –
wie sie aufblühen

At the forest edge
the old lady and the sloes –
how they flourish

À l’orée de la forêt
la dame agée et les prunelles –
comment elles s’épanouissent

Haiku für meine wunderbare französische Belle Maman (Schwiegermutter), die diese Woche ihren 85sten gefeiert hat. Sie ist uns ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man seine Zeit nicht mit Blödsinn wie zum Beispiel zu viel Social Media oder Talkshows vergeuden sollte. Das ist ganz im Sinne Senecas, der in seinem lesesnwerten Buch „Das Leben ist kurz“ (gibt’s als Reclam-Ausgabe) schrieb:

„Aber nein, wie haben keine zu geringe Zeitspanne, sondern wir vergeuden viel davon.“

NK

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Vom Wert des Alltäglichen: „Kostbare Tage“ von Kent Haruf

“That little bit of commerce between me and another fellow on a summer morning at front counter.”

“That little bit of commerce between me and another fellow on a summer morning at front counter.”

Vor ungefähr einem halben Jahr bin ich zum ersten Mal auf den amerikanischen Schriftsteller Kent Haruf gestoßen – und immer noch begeistert. Haruf ist 2014 im Alter von 71 Jahren an einer schweren Krankheit in seiner Heimat Colorado gestorben. Das ist traurig, auch für seine Leserinnen und Leser. Denn Haruf hatte nur Zeit für sechs Romane.

Seinen ersten Roman „The Tie That Binds“ veröffentlichte Haruf mit 41, seinen zweitletzten „Benediction“ im Jahr 2013, wenige Monate vor seinem Tod. „Benediction“ ist 2020 auf Deutsch bei Diogenes unter dem Titel „Kostbare Tage“ erschienen. Ich habe die englische Fassung gelesen, weshalb es die Leseproben heute im Original gibt. Da ich drei seiner anderen Romane bei Diogenes auf Deutsch gelesen habe, erlaube ich mir aber das Urteil, dass die Übersetzungen gelungen sind.

Jetzt aber zu „Benediction“:

„They drove out from Denver away from the mountains, back onto the high plains: sagebrush, soapweed and blue grama and buffalo grass in the pastures, wheat and corn in the planted fields. On both sides of the highway were the gravel roads going out away under the pure blue sky, all the roads straight as the lines ruled in a book, with only a few isolated towns spread across the flat open country.“

Dieses Zitat stammt von der ersten Seite des Buchs, auf der wir den Eisenwarenhändler Dad Lewis und seine Frau Mary kennenlernen. Wenige Minuten zuvor haben die beiden in einer Klinik in Denver erfahren, dass Lewis, den alle nur Dad nennen, der Lungenkrebs nur noch wenige Monate lässt. Wenn er Glück hat, bleibt ihm noch dieser letzte Sommer in seiner Heimatstad Holt, in der er seit mehr als 50 Jahren der von allen respektierte Besitzer des Hardware Store ist.

Holt ist eine fiktive, typisch amerikanische Kleinstadt auf den nicht enden wollenden Hochebenen östlich der Rocky Mountains. Das ist hartes, trockenes Land, das seinen Bewohnern den vollen Einsatz abverlangt. Kent Haruf hat alle seine Romane in dieser Kleinstadt angesiedelt und damit einen überzeugenden literarischen Kosmos geschaffen. Hier in Holt also setzt der Autor seine Figuren den Härten, den Unwägbarkeiten, den Enttäuschungen, aber auch den Schönheiten des Lebens aus.

„Well. That’s it, he said. That’s the deal now. Isn’t it. He might be wrong. They’re wrong sometimes, she said. They can’t be so sure. I don’t want to let myself think that way. I can feel it in me that they’re right. I don’t have much time left.“

Mehr als 50 Jahre sind Dad Lewis und seine Frau Mary verheiratet, und genauso lange leben sie in dem alten, weiß geschindelten Haus am Rand der Kleinstadt, das Lewis gekauft hat, noch bevor er den Eisenwarenladen am Ort von seinem Vorgänger übernommen hat. Jetzt also bleiben dem alten, immer etwas mürrischen Mann, der es gewohnt ist, den Fakten ins Auge zu sehen, noch ein paar Wochen. An diesen letzten Wochen lässt uns Kent Haruf teilnehmen. Das ist tröstlich und schmerzhaft zugleich. Und manchmal ist es auch überraschend unterhaltsam.

Wie den Menschen, sieht man den Werkzeuge die Jahre an

Wie den Menschen sieht man den Werkzeugen die Jahre an

Die hohe Kunst des einfachen Erzählens

Wir erleben mit Lewis, seiner Frau, seiner Tochter Lorraine, die zur Pflege des todkranken Vaters nach Hause kommt, und den anderen Menschen, die nach und nach die Bühne betreten, einen intensiven Sommer. In einen ruhig dahinfließenden, mal traurigen, mal sinnlich-heiteren Erzählstrom montiert der Autor geschickt immer wieder Rückblenden aus dem Leben der beiden Protagonisten Dad und Mary.

Wir lesen, wie Lewis als junger Mann seinen Laden gekauft und aufgebaut hat, wie er seinen Sohn Frank mit seiner Härte für immer aus dem Haus getrieben hat, wie er einst einem Angestellten nicht verzeihen konnte, dass dieser regelmäßig in die Ladenkasse gegriffen hat. Das sind Momente, die einem als Leser unter die Haut gehen, und die Haruf in einer schnörkellosen, einfachen Sprache erzählt, die an Hemingway denken lässt.

Eine Kritikerin schrieb über Haruf, er sei kein eleganter Stilist. Dieses Urteil wird Haruf nicht gerecht, finden wir. Denn seine Kunst besteht gerade darin, dass er einen einfachen, klaren Stil geschaffen hat, der perfekt zu seinen Personen und der Landschaft passt, wie die Muttern zu den Schrauben, die der Besitzer des Hardware Store für die Rancher und Handwerker in Holt bereithält.

“... and once suddenly the great white shape of a Charolais”

“… and once suddenly the great white shape of a Charolais”

Und trotz aller Härte und Melancholie, mit der Haruf den langen Prozess des Sterbens beschreibt, bietet uns dieses Buch viele schöne, großartig erzählte Momente. Ja, sogar mit sinnlich-heiteren Momenten wartet der Roman auf. Zum Niederknien schön etwa erzählt Haruf von einem Picknick auf der Farm von Willa Johnson und ihrer Tochter Alene, einer pensionierten Lehrerin. An einem heißen Sommertag werden die beiden von Dad Lewis’ Tochter Lorraine, der immer hilfsbereiten Nachbarin Berta May und ihrer Enkelin Alice besucht. Die vier Frauen und das kleine Mädchen genießen diese kurze Auszeit außerhalb der Stadt. Es wird gegessen, getrunken, geredet, ein bisschen im Schatten gedöst und dann:

We ought to go swimming, Lorraine said. I wish there was a creek out here.
I used to dunk my head in the stock tank on a hot day, Alene said.
The cattle are here now, Willa said.
They wouldn’t bother us.
It’s so dirty out there.
It’s not that bad.
We don’t have any bathing suits.
Oh damn the bathing suits, Mother.
They looked at each other and laughed.
All right then. But we do need towels.

Und so steigen sie eine nach der anderen in den riesigen Wassertrog, nackt und ohne Scham. Und Haruf erzählt mit großer Zartheit und ohne Kitsch. Die Szene wirkte auf mich, wie wenn Cezanne auf den Hochebenen der Prairie gemeinsam mit Edward Hopper eine Variante seiner „Badenden“ gemalt hätte.

Worum geht es noch in diesem Roman? Es geht um Schuld und Vergebung, um Beistand und Trost, und immer auch um das Alltägliche, das unser Leben ausmacht. Reverend Lyle, der Pfarrer von Holt, der auch ein Schicksal zu meistern hat, nennt es:

The precious ordinary.

Ist es nicht das, was wir allzu häufig übersehen, das „wertvolle Gewöhnliche“ in unserem Alltag? Gut, dass es begnadete Erzähler wie Kent Haruf gibt, die in der Lage sind, diese kostbaren Momente des Alltäglichen zwischen zwei Buchdeckeln wie Perlen aneinanderzureihen.

Buchinformation

Kent Haruf, Kostbare Tage, DiogenesKent Haruf
Kostbare Tage
Diogenes Verlag, 2020
ISBN: 978-3-257-07125-2

Englische Ausgabe
Benediction
Picador, 2014
ISBN: 978-1-4472-2753-3

Nachruf auf Kent Haruf in der New York Times

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