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Der Frühlingsanfang riecht nach Erde

Bei Issa sind es Holzschuhe. Meine Frau liebt ihre Gummistiefel und den Geruch von Erde.

Bei Issa sind es Holzschuhe. Meine Frau liebt ihre Gummistiefel und den Geruch von Erde.

Für alle Türen
Ist der Dreck der Holzschuhe
Der Frühlingsanfang.

Issa

Haiku zum Frühling

Auf dieses schöne Haiku von Kobayashi Issa (1763 – 1828) bin ich in der 2018 bei Reclam erschienenen Anthologie „Das Buch der klassischen Haiku“ gestoßen. Jan Ulenbrook (1909 – 2000) hat die Auswahl der Haiku zu den Themen Neujahr, Frühling, Sommer, Herbst, Winter vorgenommen. Die schönen, klaren, schnörkellosen Übersetzungen sind auch von Ulenbrook, ebenso das kundige Nachwort zum Haiku als literarische Gattung. Ein handlicher schöner Band mit mehr als eintausend Haiku, den man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

Nach Erde riechen

Margret Atwood, die kanadische Schriftstellerin, die 2017 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat auch etwas Schönes zum Thema Gärtnern geschrieben:

“Gardening is not a rational act. What matters is the immersion of the hands in the earth, that ancient ceremony of which the Pope kissing the tarmac is merely a pallid vestigial remnant. In the spring, at the end of the day, you should smell like dirt.”

„Gärtnern ist kein rationaler Akt. Worauf es ankommt, ist das Eintauchen der Hände in die Erde, jene alte Zeremonie, von der das päpstliche Küssen des Bodens nur ein fader, kümmerlicher Überbleibsel ist. Am Ende eines Tages im Frühjahr solltest du nach Erde riechen.“

Klingt gut, nicht wahr? Morgen hat übrigens in der Tübinger Staudengärnterei von Erika Jantzen erstmals das Gartencafé geöffnet. Also, Gummistiefel raus, graben und pflanzen und in der Pause ein paar Haiku zur Erholung lesen!

Information zum Buch

Das Buch der klassischen Haiku
Auswahl, Übersetzung, Nachwort von Jan Ulenbrook
Reclam, 2018, aktualisierte, gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-15-011175-8

Schöne Postkarten Nr. 237. © 2018 Schöne Postkarten

Schöne Postkarte Nr. 237. Bezugsquellen hier: © 2018 Schöne Postkarten

Schönes Wochenende!

N.K. / C.K.

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„Martha und ihre Söhne“ – ein besonderer Heimatroman

„Am wohlsten fühlte sie sich mit ihren Söhnen im Wald.“ aus: Martha und ihre Söhne

„Am wohlsten fühlte sie sich mit ihren Söhnen im Wald.“ aus: „Martha und ihre Söhne“

„Zuerst zerstört der Krieg fremder Leute Heimat, doch schließlich auch die eigene, ja zumindest bürgert er in ihr eine unerhörte Fremde ein, die bei genauem Hinsehen nicht wieder weicht.“

Diesen tiefgründigen Satz des in Tübingen lebenden Autors Kurt Oesterle habe ich vor ein paar Wochen in seinem Aufsatz zum Thema Heimat gelesen. Ein Zitat, das nicht nur gut zur aktuellen Heimat-Diskussion passt, sondern auch zu dem Roman, den wir heute vorstellen.

Ein besonderer Heimatroman

„Martha und ihre Söhne“ heißt dieser Heimat- und Nachkriegsroman, den Oesterle 2016 veröffentlicht hat. Die Geschichte spielt in einem Dorf in Süddeutschland und setzt unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Ein Krieg, in dem die Deutschen nicht nur die Heimat zahlreicher fremder Völker in Europa zerstört und verwüstet haben. Auch die Heimat von Martha, der Hauptfigur des Romans, liegt in Trümmern – gleich in mehrfachem Sinn. All das, wofür Martha gelebt hat, was sie bewundert, ja verehrt hat, ist auf einmal wertlos.

Wenn sie sich zum Nachdenken zwang, fand sie wenig Grund zur Hoffnung: ihr Vater war in Gefangenschaft, ihr älterer Bruder noch im Krieg, ihr zweitältester vermißt seit der Schlacht um Stalingrad, und ihre Mutter schien allmählich dem Wahnsinn zu verfallen.“

In den Frieden hineingeworfen

Martha, die mit großer Begeisterung dem Regime anhing, fühlt sich hilflos hineingeworfen in den neuen Frieden, die Freiheit und die Demokratie, die die einstigen Feinde, die Amerikaner, den Deutschen beibringen wollen. Die einst vom Führerstaat überzeugte Martha will aber von Freiheit und Demokratie nichts wissen, denn:

„Wie hatte sie, Martha, sich zusammen mit ihresgleichen doch geborgen gefühlt in diesem Staat: geborgen in wohliger Unmündigkeit, grad wie ein Kind!“

Beim Pflicht-Demokratieunterricht der amerikanischen Besatzer verachtet sie den amerikanischen Offizier, der den Unterricht hält, insgeheim für seine freundliche, von ihr als überheblich empfundene Art. Und ihre Angst vor Bestrafung wegen ihrer jahrelangen Regimetreue lässt ihr keine Ruhe:

„Die Zeit schien auf der Stelle zu treten, es gab weder Vergangenheit noch Zukunft. Es gab nur die immergleiche Gegenwart der Besatzung und die Straferwartung.“

Um der Strafe durch die Besatzer zu entgehen, beseitigt Martha, bei Kriegsende noch keine 20 Jahre alt, alles, was auch nur entfernt auf die Nähe ihrer Familie zum alten Regime hindeuten könnte: angefangen beim Portrait des Führers, das in der Küche hing, ja selbst die Zöpfe „schnitt Martha sich ab und legte sie auf den Haufen mit den verräterischen Dingen.“

Weil ihr das noch immer nicht genug erscheint, und weil ihre Tante Kätter wie eine Seherin unaufhörlich von der fürchterlichen Strafe spricht, die über dieses Volk kommen werde, das so hoch hinaus wollte, beschließt Martha in ihrer Verzweiflung so schnell wie möglich, Zuflucht im vermeintlich sicheren Hafen von Ehe und Mutterschaft zu suchen. Sie entscheidet sich für den erstbesten Verehrer, einen ehemaligen Soldaten aus dem Osten des untergegangenen Reichs.

„Der ist der Richtige, sagte sie sich, von dem weiß ich nichts, und der will bestimmt auch von mir nur das Nötigste wissen.“

Ohne Führer führungslos

Wie Oesterle in dichten Szenen und mit seiner schnörkellosen Sprache diese Atmosphäre der Führer- und Führungslosigkeit, des Mißtrauens und Nichtmehrwissenwollens unter den Dorfbewohnern schildert, ist packend und überzeugend. Martha jedenfalls leidet unter dieser Atmosphäre und unter ihrer Angst. Zwei in kurzem Abstand geborene Söhne, Helmut und Alfred, sollen sie ein für alle Mal vor der Strafe der Besatzer bewahren. Die beiden sollen sie auf dem Weg in die neue Zeit führen, und Martha beginnt „wenn auch nur schwach an die Zukunft zu glauben.“ Mit der Protagonistin glaubt auch der Leser für einen Moment an eine bessere Zukunft, um sogleich von dem feinen Stilisten Oesterle knallhart auf den Boden der Tatsachen geholt zu werden.

„Ihr Glaube an das untergegangene Regime indes war nur betäubt und sank hinunter ins Unbewußte, von wo er mit langen Schattenfingern kaum merklich auf ihr Denken, Fühlen und Handeln einwirkte.“

Die Geschichte Marthas, ihrer Familie und ihres Dorfes lässt keinen Zweifel daran, dass es mit der erfolgreichen Entnazifizierung und dem moralischen Neuanfang nach dem 8. Mai 1945 nicht weit her war. Ein ums andere Mal schildert Oesterle in diesem gelungenen Panorama der unmittelbaren Nachkriegszeit, wie sehr die Traumata in den Dorfbewohnern und in den hinzugezogenen Flüchtlingen nachwirken; und wie diese Traumata von Martha und ihrer Generation an deren Kinder weitergegeben wurden.

Große Leere, tiefe Verunsicherung

Marthas Söhne leiden jeder auf seine Art unter den von Ängsten, Verwirrung und einer unglaublichen Leere geprägten Erziehungsversuchen. Es ist bewegend zu lesen, wie Oesterle an Martha, dem Kind einer Diktatur, zeigt, dass sie „nichts besaß, was des Weitergebens wert gewesen wäre, nur das Wissen der Diktatur eben, das von den Siegern verfemt und verboten worden war, unwiderruflich.“ Man muss kein Mitleid mit Martha haben, aber als Leser fühlt man dennoch mit ihr. Und damit verändert sich auch der Blick auf die eigenen Eltern und Großeltern.

Die junge Mutter nimmt ihre Ängste und ihre tiefe Verunsicherung als Gewusel im Kopf wahr, und sie fragt sich, was denn „ihre wahre Denkungsart“ ist. „Hing ihr Herz immer noch am alten Regime und dessen Führern? Auch das konnte sie nicht erkennen. Und wo waren ihre Überzeugungen geblieben? Hatte sie überhaupt je welche besessen?“

Aber während Martha immerhin zweifelt und – vergeblich – nach ihren innersten Überzeugungen forscht, führt uns Oesterle gegen Ende dieses sehr lesenswerten Romans vor, wie wenig die Entnazifizierung gewirkt hat. Marthas Schwager, „ein zweitrangiger Führer während des Regimes“, prahlt nach den ersten freien Wahlen (!) beim sonntäglichen Kaffeetisch damit, wie

„man Gefangene im Sommer ins Erdreich eingrub und ihre Schädel von der Sonne dörren ließ, wie man sie im Winter an Bäume fesselte und mit Wasser beschoß, bis sie wie lebende Eiszapfen an den Ästen hingen und in diesem Leben nicht wieder auftauten.“

Hinsehen statt Wegsehen

Vor ein paar Wochen lief im Fernsehen ein sehenswerter Spielfilm über die ersten Auschwitzprozesse, die nach 1963 in Deutschland zur Aufarbeitung des Holocausts geführt wurden. Von den Gegnern dieser Verfahren wird im Film immer wieder das Argument vorgebracht, man müsse diese „Sachen“ um der Zukunft Willen ruhen lassen, weil das Land sonst nicht heilen könne. „Martha und ihre Söhne“ beweist das Gegenteil. Das Land und die Menschen kommen eben nicht zur Ruhe, wenn man die Gräueltaten ohne jede Einsicht und Reue totschweigt.

„Ihr schämt euch nicht genug für eure Dummheit, eure Mitschuld, eure Zustimmung und euer Wegsehen unter dem alten Regime!“

So schreit Kätter, Marthas Tante, gegen Ende der Umerziehungskurse, die man nach der Lektüre dieses Romans als naive demokratische Schnellbleiche bezeichnen darf.

„Martha und ihre Söhne“ ist kein Wohlfühlroman. Kurt Oesterle hat in seiner klaren, deutlichen Sprache ein wichtiges, lehrreiches Buch geschrieben, das uns das Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit und die lange nachwirkenden Traumata des Naziregimes in vielen dichten, einprägsamen Szenen nahebringt. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt!

Information zum Buch

Kurt Oesterle
Martha und ihre Söhne
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen, 2016
ISBN 978-3-86351-414-3

Wer sich über Kurt Oesterle und seine Bücher und Aufsätze informieren möchte, kann dies auf seiner Homepage tun.

N.K. / C.K.

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Das geheime Leben der Kühe

„Jeder der selbst ein oder mehrere Tiere hat, sieht sie fraglos als Individuen und wird mit großem Verständnis auch über kleinere Unterschiede und Eigenheiten ihres Wesens sprechen. Nutztiere werden gewöhnlich in größeren Gruppen gehalten, was jedoch nicht bedeutet, dass sie keine Individuen wären. Sie unterscheiden sich genauso, und auch ihre Intelligenz variiert.“

„Kühe sind so unterschiedlich wie Menschen.“ Und immer neugierig!

„Kühe sind so unterschiedlich wie Menschen.“ Und immer neugierig!

Geschichten über Kühe

„Das geheime Leben der Kühe“ heißt das Buch der Engländerin Rosamund Young, das erstmal im Jahr 2003 in England in einem kleinen landwirtschaftlichen Verlag erschien. Es hätte wahrscheinlich nie größere Beachtung gefunden, wenn nicht der britische Erfolgsautor Alan Bennett das Buch in seinem Tagebuch erwähnt hätte. Schön, dass ein Lektor bei Faber & Faber Bennetts Tagebuch aufmerksam gelesen hat, so erschien „The Secret Life of Cows“ 2017 in einer überarbeiteten Auflage, die deutsche Ausgabe ist 2018 im btb Verlag erschienen, als Hardcover mit rotem Lesebändchen. Der schmale, schön gestaltete Band hat 176 Seiten, die sich unterhaltsam lesen.

Leidenschaftliche Bäuerin, genaue Beobachterin

Nun könnte man bei dem Titel vielleicht meinen, das Buch wäre von einer militanten Tierschützerin verfasst, die vom Dasein als Bäuerin keinen blassen Schimmer hat. Weit gefehlt. Rosamund Young ist eine englische Bio-Bäuerin der ersten Stunde. Ihre Eltern haben 1953 eine Farm übernommen und von Beginn an so naturnah wie möglich geführt. Das Tierwohl stand bei den Youngs ganz oben zu einer Zeit, als es das Wort Bio-Bauer noch nicht gab. Die kleine Rosamund war damals 12, ihr Bruder Richard drei Jahre alt. Gemeinsam mit Rosamunds Partner betreiben sie seit Jahrzehnten den 150-Hektor-Hof Kite’s Farm in den Cotswolds. Und selbstverständlich halten die Youngs ihre Tiere nicht aus reiner Tierliebe, sondern sie verkaufen sie und schlachten sie –  auch für den Eigengebrauch.

Rosamund Young schildert uns ihre Erfahrungen und ihre genauen, unprätentiös geschilderten Beobachtungen, die sie in vielen Jahren bei der täglichen Arbeit mit ihren Tieren gemacht hat. In kleinen Geschichten und Anekdoten schafft sie es, uns Leser zu überzeugen, dass Tiere sehr wohl Individuen sind, wie wir Menschen auch.

Kühe brauchen frische Luft, frisches Gras und Platz zum Toben. Aubrac-Rinder in Burgund.

Kühe brauchen frische Luft, frisches Gras und Platz zum Toben. Aubrac-Rinder in Burgund.

„Kühe sind so unterschiedlich wie Menschen. Sie können höchst intelligent sein oder auch schwer von Begriff. Freundlich, umsichtig, aggressiv, gelehrig, erfindungsreich, langweilig, stolz oder schüchtern. Ist eine Herd groß genug, finden sich all diese Eigenschaften, und wir halten seit langen Jahren unverbrüchlich daran fest, unsere Tiere als Individuen zu halten.“

So erzählt Young an einer Stelle über eine besondere Mutter-Tochter-Beziehung zwischen zwei Kühen: Dolly und Dolly II. Letzte wurde als fünftes Kalb von Dolly geboren. Als nun Dolly II bei der Geburt ihres ersten Kalbes ein viel zu großes Bullenkalb tot auf die Welt brachte, hat sie Trost bei ihrer Kuh-Mutter gesucht und bekommen; dies obwohl die beiden Kühe seit langem keinen Kontakt mehr miteinander hatten.

Auch an der Tatsache, dass Kühe untereinander kommunizieren, lässt Young keinen Zweifel. Kühe teilen sich über Muhlaute mit, aber auch über ihre Körpersprache. Jeder Tierverhaltensforscher wird die Beobachtungen Youngs heute bestätigen.

„Mit dem Kopf wird unerwünschte Aufmerksamkeit ausgedrückt, aber auch Liebe und Fürsorge. Gegenseitige Fellpflege ist eine wichtige Aktivität, und es ist faszinierend zu beobachten, wie verschieden Kühe andere Herdenmitglieder darum bitten.“

Ein Charolais-Stier senkt entspannt den Kopf – und will gestreichelt werden.

Ein Charolais-Stier senkt entspannt den Kopf – und will gestreichelt werden.

Auch Stiere wollen Zärtlichkeit

Ich hatte selbst vor ein paar Jahren mal das Vergnügen, von einem ausgewachsenen Charolais-Bullen um ein paar Streicheleinheiten gebeten zu werden. Der Stier, der um die 1000 Kilo wog, stand auf anderen Seite eines bedenklich dünnen Gatters, hielt den Kopf gesenkt und pochte mit seinen Hörnen sanft aber bestimmt an das Holz. Ich verstand die Aufforderung und machte mich zügig daran, seine lockige Stirn kräftig zu kratzen. Als ich nach ein paar Minuten aufhörte, forderte er eine Zugabe, die ich ihm gerne gab. Auch die nächsten Tage kam er wieder ans Gatter, als ich dastand, immer dasselbe Spiel. Das kannte ich bisher nur von unserem Hund!

Tiere sind fühlende Wesen

Auch bei Schafen, Schweinen und Hühnern, die auf Kite’s Nest leben, macht Rosamund Young erstaunliche Beobachtungen. Zum Beispiel wird sie eines Tages bei einem kleinen Teich Zeuge wie Lucy, eines der beiden Schweine auf der Farm, sich

„vor meinen Augen anmutig ins Wasser stürzte, zwei Runden schwamm, lächelte, zurück an Land stieg, sich schüttelte und weiter in der Erde buddelte.“

Young war bis dato der Meinung (wie ich auch), dass Schweine sich zwar im Schlamm suhlen aber zum Schwimmen viel zu schwer sind und daher tieferes Wasser meiden. Individuelle Persönlichkeiten beobachtet Young auch bei ihren Hühnern. Hühner sind gesellig, verspielt, sie lieben die Gesellschaft von Menschen, und sie trauern sogar um ihre Artgenossen wie Young schildert. Verhaltensweisen, die wir als Fernsehzuschauer in aufwendig produzierten Tierdokumentationen bei Elefanten in Afrika mit feuchten Augen beobachten:

„Staunend verfolgen die Leute eine Fernsehsendung über das soziale Miteinander von Elefanten, ihre Familienverbände, ihre Gefühle, die Art, wie sich gegenseitig helfen, und ihren Sinn für Humor  – ohne zu begreifen, dass unser eigenes Vieh ganz ähnlich lebt, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt“

Gerne würde man den Verantwortlichen im Berliner Landwirtschaftsministerium ein Exemplar in die Hand drücken, in der Hoffnung, dass dem Wohl unserer heimischen Nutztiere – von den Kühen bis zu den Bienen – endlich angemessen Rechnung getragen wird.

Was wir als Verbraucher für das Tierwohl tun können? Wann immer möglich durch unser Einkaufsverhalten Bäuerinnen und Bauern unterstützen, die ihre Tiere artgerecht halten und für die das Wort Tierwohl nicht nur eine Worthülse im Wahlkampf ist.

Rosamund Young. Das geheime Leben der Kühe. btb VerlagBuchinformation

Rosamund Young
Das geheime Leben der Kühe
btb Verlag, München
ISBN: 978-3-442-75792-3
Hardcover, 176 Seiten, mit Lesenbändchen und einem handgezeichneten Stammbaum.

Wir wünschen schöne Lesestunden, und wenn Sie das nächste Mal an einer Weide vorbeikommen, schauen Sie genau hin.

NK / CK

Hier noch ein kleiner Film über Rosamund Young

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Freitagsfoto: Huhn mit Reis

Reis ohne Huhn für Joséphine und Chloé. Im nächsten Leben möchte ich Huhn bei meiner Liebsten sein.

Reis ohne Huhn für Joséphine und Chloé. Im nächsten Leben möchte ich Huhn bei meiner Liebsten sein.

Zum Huhn hat die Journalistin Anja Rützel vor einer Weile einen lesenswerten Artikel geschrieben. Sie berichtet darin über ihre Erfahrungen bei der Hühnerdressur. Seither geht’s ihr wie meiner Frau und mir: sie sieht Hühner mit ganz anderen Augen.  Den Artikel gibt’s online im SZ-Magazin.

Schönes Wochenende!

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150 Jahre Postkarte: Eine Geschichte mit Zukunft

Seit 150 Jahren gibt es die Postkarte, und sie hat eine bewegte Geschichte hinter sich und noch viel Zukunft vor sich. Die Medienwissenschaftlerin Anett Holzheid vom ZKM in Karlsruhe hat sich in ihrer Doktorarbeit intensiv mit der Postkarte beschäftigt. Das SWR-Fernsehen hat dazu einen kleinen, sehenswerten Beitrag gebracht:

Die Postkarte ist, da sind wir ganz sicher, auch im 21. Jahrhundert nicht unterzukriegen. Warum? Weil sie analog und persönlich ist und der Empfängerin oder dem Empfänger eine ganz besondere Wertschätzung signalisiert. Außerdem: schon mal versucht, eine WhatsApp-Nachricht an die Wand zu pinnen?

Postkarten schreiben entschleunigt übrigens auch. Weil man in einen ganz anderen Modus kommt, sagt die Medienwissenschaftlerin Holzheid. Dazu passt, finden wir, das entschleunigende Zitat von Franz Kafka, das es bei Schöne Postkarten als Motiv gibt:

Schöne Postkarte Nr. 168 · Warum erster sein? Franz Kafka © 2018 Schöne Postkarten

Schöne Postkarte Nr. 168 · Warum erster sein? Franz Kafka © 2018 Schöne Postkarten

Schönes Wochenende!

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Haiku aus dem Westerwald

Georges Hartmann lebt und schreibt im Westerwald Haiku und Kurzprosa

Georges Hartmann lebt und schreibt im Westerwald Haiku und Kurzprosa

Leise Kunst aus Japan

Wer Haiku hört, denkt an Japan. Von dort kommen sie ursprünglich, diese auf den ersten Blick unscheinbaren Kurzgedichte, die uns in 17 Silben ganze Assoziationsräume erschließen können. Das Haiku ist eine leise Kunst. Die großen Meister – Bashō, Buson, Shiki, Issa – waren sehr bescheidene Menschen, die mitunter ein mönchisch-karges Leben führten und aus ihrer Kunst kein Aufhebens gemacht haben.

17 Silben aus dem Westerwald

Nun muss man nicht unbedingt den Blick gen Japan richten, wenn man gute Haiku lesen möchte. Gute Haiku findet man auch in Deutschland, zum Beispiel im Westerwald. Dort lebt und schreibt Georges Hartmann, und wie sein Vorbild Issa macht auch er kein Aufhebens aus seinen dreizeiligen Kleinoden. Ich habe Georges Hartmann vor zwei Jahren bei einem Workshop kennen- und schätzengelernt. Mittlerweile wandern seine kleinen Haiku-Büchlein bei uns immer mal wieder von Nachttisch zu Nachttisch. Georges Hartmann schreibt Haiku mal klassisch (mit Jahreszeiten- und Naturbezug), mal auch ganz frei. Zwei Beispiele:

Ein Kinderlachen
erlöst mich aus der Schwermut
am jetzt leeren Strand

Beim Elternabend
suche ich auf der Schulbank
nach meiner Kindheit

Todheiter und tröstlich

„Das große Haiku ist todheiter“, schreibt Günther Wohlfahrt in dem Reclam-Heft „Zen und Haiku“. Diese widersprüchliche Charakterisierung passt auch zu Georges Hartmanns Arbeit. In seinen melancholisch-heiteren, feinsinnig-witzigen oder traurig-komisch Dreizeilern führt er uns immer wieder Situationen vor Augen, die wir alle kennen. Es sind Momente der Einsamkeit, des Zweifels, des Scheiterns oder des wehmütigen Erinnerns:

Einsamer Playboy!
Über dein schütteres Haar
streicht nur noch der Wind

„Erzählen ist tröstlich“, hat einmal ein Literaturkritiker über den Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel geschrieben. Und ist es nicht tröstlich zu lesen, dass auch an stillgelegten Bahngleisen Leben herrscht?

Die Heckenrosen
am stillgelegten Bahngleis
blühn wie jedes Jahr

Buchinformation

Von Georges Hartmann sind im bon-say-verlag erschienen:

Almkuh: 48 Haiku ohne Jahrenszeitenbezug, 16 Seiten
nahtlos: 48 Haiku mit Jahrenszeitenbezug, 16 Seiten
Wunschträume: Kurztexte mit Haiku, 16 Seiten

Die Bücher sind direkt beim Verlag zu beziehen:

bon-say-verlag
Inh. Gabriele Hartmann
Ober der Jagdwiese 3
57629 Höchstenbach

Home


E-Mail: info@bon-say.de

Fragen und Antworten

Wie kommt man eigentlich als Betriebsprüfer bei der Zollverwaltung zum Schreiben von Haiku und anderen Miniaturen? Das haben wir uns gefragt und Georges Hartmann, der 1950 im lothringischen Bitche zur Welt kam, um ein paar Antworten gebeten:

Vorbilder?

Als Anfänger ohne jegliche Ahnung vom Haiku orientiert man sich zwangsläufig an den Dichtern aus Japan, dem Ursprungsland des Haiku. Heute sind es im fliegenden Wechsel die europäischen Haiku-Schreiber, die wie Pilze aus dem Boden schießen und sich mit gelungenen Texten präsentieren, sodass es mir schwerfällt auch nur einen zu benennen, ohne alle anderen zu beleidigen. Mein absoluter Favorit ist Issa (1763 – 1828). Irgendwann habe ich mich dann im Übermut als „Issa von Bornheim“ (der Frankfurter Stadtteil, in dem ich damals wohnte) bezeichnet, was immerhin einen Tag lang für Gelächter gesorgt hat.

Lieblings-Haiku

Bei der existierenden Haiku-Schwemme ist es nahezu unmöglich, sich auf ein einziges Haiku festzulegen. Eines von Morikawa Kyoriku könnte auch in unsere Zeit der befristeten Arbeitsstellen passen. Was wird aus mir werden? Was wird mir die Zukunft bringen? Was wird aus meinem Leben? Dies könnten Fragestellungen sein, die heute so aktuell sind wie es damals für bestimmte Berufsgruppen wohl ebenfalls Gültigkeit hatte …

Dienstbotenwechsel …
Den Schirm gesenkt schaut sie in
den Abendregen

Haiku schreiben

Allen Haiku-Novizen empfehle ich dringend, sich einen Kreis Gleichgesinnter zu suchen, mit denen man ja in stetiger Konkurrenz steht, was ehrgeizige Menschen immerhin dazu verführt, mal schnell den nächsten Gang einzulegen und über sich hinaus zu wachsen. Wichtig ist aus meiner Sicht auch die Diskussion, das Ringen um Worte, die Orientierung an Texten, die man zuhauf im Internet findet und das Finden einer eigenen, unverkennbaren Stilistik. Es gibt eine Flut völlig langweiliger, manchmal auch absolut unverständlicher Haiku. Wenn man es entgegen der Empfehlung auf eigene Faust versuchen möchte, sollte man so viele Haiku wie möglich lesen, lesen und nochmals lesen, bis man herausgefunden hat, welche „Melodie“ die eigenen Haiku haben sollten. Die Deutsche Haiku Gesellschaft e.V. bietet für Haiku-Novizen auch die Möglichkeit, sich bei einem Mentor Rat zu holen.

Der Haiku oder das Haiku?

Richtig ist „das Haiku“ und entgegen dem DUDEN „die Haiku“. Ein Antrag auf Änderung (der DUDEN gibt „die Haikus“ vor) wurde vom Verlag abgelehnt.

Wir danken Georges Hartmann, der, wie wir wissen, ein besonderes Verhältnis zu Kühen hat. Deshalb gibt’s jetzt noch ein anrührendes Haiku von Georges und ein Foto von einem Aubrac-Rind.

Der dicken Almkuh
das Bratenfleisch gestreichelt
und bitterlich geweint.

N.K. / C.K.

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There’s a beauty out there

Chasing The Sublime from Amanda Bluglass on Vimeo.

“There’s a beauty out there and a purity which I think we both embrace. It’s good to swim with someone with a poet’s heart.”

Ein Satz aus einem poetisch schönen Film, den die englische Filmemacherin Amanda Bluglass über Kate Rew und Kari Furre gemacht, die beide zu den Gründer*innen von The Outdoor Swimming Society gehören.

Schwimmen: There’s a beauty out there.

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Persönliche Daten gehackt?

Identity Leak Checker

Das renommierte Hasso-Plattner-Institut des SAP-Gründers Hasso Plattner bietet auf seiner Homepage einen Identity Leak Checker an. Damit lässt sich mittels der eigenen E-Mailadresse prüfen, ob persönliche Identitätsdaten bereits im Internet veröffentlicht wurden.

Hier geht’s zum Identity Leak Checker.

Dank an die Journalistin und Schriftstellerin Anne Siegel, die diese nützliche Information via Twitter verbreitet hat.