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Freitagsfoto: Kompost, Schaufel, Gartenglück

„Einen Komposthaufen zu bauen, ist eine beglückende und faszinierende Aufgabe, doch dürfen wir nicht in den Irrtum verfallen, wir könnten Kompost selbst machen. Gute Komposterde entsteht auch nicht von selbst, sondern sie ist das Werk ungezählter Bodenorganismen, vom kleinsten Bakterium bis zum Regenwurm.“

Kompost, eine Anleitung

Als ich diesen Satz zum ersten Mal in dem kleinen Büchlein „Kompost: Gold im Biogarten“ gelesen habe, musste ich schmunzeln. Kompost und Glück, diese beiden Dinge hatte ich bisher noch nicht zusammengebracht. Heute, einige paar Komposthaufen später, gebe ich zu: Kompostieren ist faszinierend und erfüllt mit Zufriedenheit. Dabei ist das richtige Kompostieren kein Hexenwerk.

Die Benediktinerinnen der Abtei Fulda haben eine verständliche und praktikable Anleitung zum Thema Kompostieren verfasst. Auf etwas mehr als 80 Seiten erfahren wir in acht Kapiteln alles Wissenswerte zum Kompostieren im Garten: von den biologisch-technischen Grundlagen bis hin zu nachvollziehbaren, praktischen Anleitungen zum Bauen der unterschiedlichsten Komposte. Mir hat es besonders die Schnellkompostmethode nach M.E. Bruce angetan, bei der mit Hilfe des wundersamen Kräuterpulvers Humofix® der Sommerkomposthaufen rund sechs bis acht Wochen bis zur Reife braucht. Hat funktioniert!

True Temper heißt meine Schaufel, die beste, die ich je in Händen hatte.

True Temper heißt meine Schaufel, es ist die beste, die ich je in Händen hatte.

Im Herbst dauert es acht bis zwölf Wochen. Vorausgesetzt man hält sich an die Anleitung der klugen Benediktinerinnen mit dem grünen Daumen. Ist der Kompost fertig, muss er nur noch gesiebt werden und dann kann’s losgehen mit dem Einarbeiten der frischen Erde ins Blumen- oder Gemüsebeet.

Herbstfest bei den Staudenmädchen in Tübingen

Und was pflanzen wir jetzt im Herbst, wenn dieser viel zu heiße und viel zu trockene Sommer endlich mal nachlässt? Wie wäre es am Wochenende mit einem Besuch bei den Staudenmädchen der Staudengärtnerei Erika Jantzen in Tübingen? Beim Herbstfest am 22./23. September gibt es jeweils von 10 bis 17 Uhr reichlich Inspiration und dazu kundige Beratung zum Thema Pflanzen, Garten und Gärntern.

Wussten Sie übrigens, dass auch Unkraut jäten glücklich machen kann? Haben wir bei Virginia Woolf gelesen, die, wie ihre Geliebte Vita Sackville-West, viel Zeit in ihrem Garten verbracht hat. Die Postkarte mit dem Zitat von Woolf und dem Foto von Sissinghurst stammt übrigens aus unserer Serie Schöne Postkarten, die es beim Herbstfest von Erika Jantzen auch zu kaufen gibt.

Schöne Postkarte Nr. 2 · Virginia Woolf: Unkraut jäten im Garten · © 2017

Schöne Postkarte Nr. 2 · Virginia Woolf: Unkraut jäten im Garten · © 2017

Schöne Postkarte Nr. 13 · Dig in the Garden, George Bernard Shaw · © 2018

Schöne Postkarte Nr. 13 · Dig in the Garden, George Bernard Shaw · © 2018

Informationen zum Buch

Kompost: Gold im Biogarten
Abteil zur Hl. Maria in Fulda (Hg.)
8. überarbeitete Neuauflage 2017
zu beziehen im Klostershop

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Kraft, Eleganz, Mut: „Das Wunder von Berlin“

Riemen am Chichester Canal Boathouse, West Sussex. Foto: Norbert Kraas

Riemen am Chichester Canal Boathouse, West Sussex. Foto: Norbert Kraas

Rudern ist eine Kunst

Schon mal richtig gerudert? Nein? Gut möglich, dass Sie am Ende des Buchs, das wir Ihnen heute vorstellen, nach einem Ruderclub in Ihrer Nähe Ausschau halten. Mir ist es jedenfalls so ergangen, nachdem ich „Das Wunder von Berlin“ von Daniel James Brown gelesen hatte. Axel Hacke hat mich vor ein paar Wochen auf dieses Buch hingewiesen. Obwohl es 2013 in den USA ein New-York-Times-Bestseller war, hatte ich hier noch nie davon gehört. 2013 erschien es unter dem Titel „The Boys in the Boat“.

Die Handlung in einem Satz: Acht Ruderer und ihr Steuermann aus dem US-Bundesstaat Washington gewinnen 1936 bei den Olympischen Nazi-Spielen in Berlin die Goldmedaille im Achter und verderben Hitler und seinen Gefolgsleuten das bereits minutiös geplante Ruderfest. Dieses Wunder, das der amerikanische Achter an der Regattastrecke in Grünau vor 75.000 Zuschauern vollbringt, ist der dramatische Höhepunkt, auf den die Handlung zuläuft.

Die Spannung dieses Buchs beginnt aber nicht erst mit dem Einmarsch der amerikanischen Ruderer ins Berliner Olympiastadion – gefilmt von der Hitler-Verehrerin Leni Riefenstahl. Es ist von Anfang an spannend, unterhaltend und lehrreich – insbesondere, wenn man, wie ich, nie aktiv gerudert ist.

Harmonie, Gleichgewicht, Rhythmus

„Harmonie, Gleichgewicht und Rhythmus, diese drei Dinge begleiten einen durch das ganze Leben. Ohne sie gerät die Zivilisation aus den Fugen. Und deshalb kann ein Ruderer, wenn er ins Leben hinausgeht, sich behaupten und mit dem Leben zurechtkommen. Er hat das beim Rudern gelernt.“ George Yeoman Pocock

Welche Bedeutung Harmonie, Gleichgewicht und Rhythmus für das Rudern wie für das Leben haben, erzählt Daniel James Brown auf 467 Seiten. Im Zentrum dieser wahren Geschichte steht Joe Rantz, geboren 1914 und aufgewachsen während der amerikanischen Depressionsjahre unter schwierigen Verhältnissen. Joe, 1,95 Meter groß, hat Kraft wie ein Bär, ist aber unsicher und verletzlich. Als junger Student bewirbt er sich im Herbst 1933 im vierten Jahr der Weltwirtschaftskrise um die Aufnahme ins Freshman-Team des Ruderachters der Universität Washington. Die Aufnahme ins Ruderteam ist für ihn mit der Möglichkeit verbunden, etwas Geld zu verdienen. Geld, das Joe weder von seinen Eltern bekommt (die haben ihn im Alter von zehn Jahren sprichwörtlich verstoßen), noch mittels eines Studentenjobs oder Stipendiums. Joe hat Glück, er verfügt über einen eisernen Willen und ist bereit, sich zu quälen. Er übersteht den knallharten Ausleseprozess auf dem Lake Washington, wo auch im Winter gerudert wird, bis die Hände fast an die Riemen frieren.

Kraft und Charakter

Mit der Aufnahme ins Team beginnt für Joe Rantz und seine Kameraden, die immer auch erbitterte Konkurrenten um einen Stammplatz im ersten Achter sind, eine dreijährige Schinderei bis zum olympischen Rennen in Berlin 1936. Dass es diese jungen Männner dahin schaffen könnten, deutet sich erstmals nach 100 Seiten an, als der Trainer des Freshman-Achters nach einem Testrennen auf dem Lake Washington im Frühjahr 1934 zu folgendem Schluss kommt:

„Er war nicht nur von den körperlichen Fähigkeiten der jungen Männer beeindruckt, sondern mochte auch ihren Charakter. Ihre raue optimistische Art, mit der sie es bis hierher geschafft hatten, schien symptomatisch für ihre Wurzeln im Westen. Sie waren die wahren Söhne der Holzstädte, Milchfarmen, Minencamps, Fischerboote und Werften.“

Der Bootsflüsterer

„Das Wunder von Berlin“ ist ein gründlich recherchierter, packend erzählter Roman im Stil einer Reportage. Der mehrfach ausgezeichnete Sachbuchautor Brown verwebt gekonnt den entbehrungsreichen Trainingsweg des Washingtoner Achters mit den Olympiavorbereitungen der Nazis und der Lebensgeschichte von Joe Rantz. Eine wichtige Nebenrolle in dieser wahren Geschichte spielt George Yeoman Pocock, ein begnadeter Bootsbauer. Pocock hat, als er noch in England bei seinem Vater das Handwerk des Bootsbauers erlernte, erkannt, wie man technisch besser rudert. Und er weiß, wie wichtig, neben Technik und Kraft, die Psyche des Einzelnen und der Mannschaftsgeist sind. Damit wird Pocock in seiner Werkstatt zu einem weisen Ratgeber. Jedes Kapitel wird mit einem Zitat dieses Bootsflüsterers eingeleitet. Hier wird immer wieder deutlich, dass es in „The Boys in the Boat“ um das menschliche Miteinander geht – auf dem Wasser und an Land.

Demut als Tor zum Erfolg

Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass diese jungen, starken Männer nie eingebildet und arrogant wirken oder gar meinen, sie seien unbesiegbar. Statt durchaus zu erwartender Hybris steht für Joe Rantz und seine Jungs vielmehr die Erfahrung im Vordergrund, dass es im Leben nicht nur bergauf geht, sondern dass Rückschläge dazugehören. Die Ruderer und ihre Trainer kämpfen mit Versagensängsten und ihrer Unsicherheit.

„Jeder hatte auf seine Weise erfahren, dass in diesem Leben nichts selbstverständlich war, dass in der Welt Kräfte wirkten, die trotz ihrer Kondition, ihres guten Aussehens und ihrer Jugend stärker waren als sie. Die Herausforderungen, denen sie sich gestellt hatten, hatten sie Demut gelehrt, die Notwendigkeit, das eigene Ich dem Boot als Ganzem unterzuordnen, und Demut war das Tor, durch das sie jetzt gehen konnten, um gemeinsam etwas zu schaffen, das ihnen bisher noch nicht gelungen war.“

Wir wünschen gute Unterhaltung und natürlich Riemen- und Dollenbruch!
NK/CK

Information zum Buch

Daniel James Brown
Das Wunder von Berlin
Goldmann Verlag, München 2017
ISBN 978-3-442-15926-0 


Trailer zur englischen Ausgabe des Buches

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Freitagsfoto: Was vom Handel übrig bleibt

Bonjour Tristesse! Adieu Handel! Zugemauerte Schaufensterfassade.

Bonjour Tristesse! Adieu Handel! Zugemauerte Schaufensterfassade.

In diesen Tagen hat der Internethändler Amazon zum ersten Mal den Börsenwert von einer Billion US-Dollar geknackt. Unfassbar, bedenkt man, dass das Unternehmen vom jetzt reichsten Mann der Welt, Jeff Bezos, erst 1994 gegründet wurde. Welche Auswirkungen der Online-Handel auf den mittelständisch geprägten Handel und damit auf unsere Innenstädte hat, schreibt Kurt Kister in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Immer mehr kleine Geschäfte machen zu, weil wir alle immer mehr online kaufen. Mal mit mehr, mal mit weniger schlechtem Gewissen. Oder hat hier jemand noch nie bei Amazon gekauft? Was bleibt? Leerstand, zugemauerte Schaufenster, ein paar große Ketten, viel Tristesse.

Welche Folgen dieser gravierende Wandel unseres Konsumverhaltens auf die Stabilität einer Gesellschaft hat, darüber hat Uwe Kalkowski auf seinem Blog einen klugen Text mit dem Titel „Wir haben die Wahl. Jeden Tag“ geschrieben. Es lohnt sich sehr, diesen zu lesen!

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Freitagsfoto: Fatalismus unterm Birnbaum

Angesichts der täglichen Birnenflut hilft Demut und positiver Fatalismus. Foto: Norbert Kraas

Angesichts der täglichen Birnenflut hilft Demut und positiver Fatalismus. Foto: Norbert Kraas

Es ist jeden Tag dasselbe. Man steht auf, wirft einen Blick in den Garten und glaubt es kaum: Obst, wohin man schaut in diesem Jahr. Mal sind es Zwetschgen, mal Äpfel, mal Mirabellen. Bei uns sind es die Birnen, tausende kleine Birnen, die unser mächtiger, alter Birnbaum seit Wochen abwirft. Am Anfang waren sie eher hart und säuerlich, jetzt sind sie weich und süß. Als Saft schmecken sie köstlich, aber den herzustellen, macht natürlich Arbeit. Bisweilen treiben die Birnen mich an den Rand der Verzweiflung, ja sie stellen mich auf die Probe. „Es hilft nichts“, sagt meine kluge Frau dann, wenn ich beim täglichen Birnenaufsammeln zu klagen und zu meckern anfange, und fügt hinzu: „es muss doch eh getan werden.“ Eine sehr weise Haltung, wie mir nach der Lektüre des Buches „Lob des Fatalismus“ von Matthias Dobrinski klar wurde:

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch ist kein Ratgeber.“

So schreibt der Autor in seinem neuen Buch „Lob des Fatalismus“. Dobrinski, seit 1977 Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, mag keine Ratgeber, die vorgeben, alles zu wissen, und die uns suggerieren, man könne sein Leben zu hundert Prozent im Griff haben. Dieser Einstieg macht den Autor schon mal sympathisch. Ratgeber, die alles wissen, gibt es meterweise in den Buchhandlungen, gerne stehen in ihrer Nähe Rosenquarze, Bergkristalle und Duftkerzen.

Fatalismus kommt von Schicksal

Wir haben „Lob des Fatalismus“ ohne Kristalle und ohne Kerzenduft, dafür bei gutem Licht und mit viel Neugier gelesen. Um es vorweg zu sagen, es hat sich gelohnt! Dobrinskis Buch ist ein unterhaltsamer Essay, eine abwägende Annäherung an den Begriff des Fatalismus. Und dieser hat gerade heute, wo alles mach- und optimierbar erscheint, keinen guten Ruf.

Fatalismus kommt von Lateinisch fatum, Schicksal. Ein Fatalist ist demnach einer, der sich dem unausweichlichen Schicksal ohne Gegenwehr ergibt: manchmal zynisch, manchmal resignativ. So einen Fatalismus möchte Dobrinski nicht. Er ist eher dem Fatalismus des Sowjetspion Rudolf Iwanowitch Abel zugeneigt, wie er auf den ersten Seiten schreibt. Steven Spielberg hat diesem Spion, der 1957 in den USA enttarnt wurde, ein sehenswertes filmisches Denkmal gesetzt. Abel drohte in den USA die Todesstrafe, und er verdankte sein Leben dem Anwalt Jamens P. Donovan (gespielt von Tom Hanks). Dobrinski zeigt am Beispiel Abels auf, dass dieser in seiner ausweglosen Lage, bedroht von der Todesstrafe, nicht ins Grübeln verfällt. Auf Nachfrage, warum er sich nicht quält, antwortet Abel: Would it help? Er möchte sich nicht von seinen Sorgen permanent beherrschen lassen, sondern entscheidet sich für eine, wie Dobrinski schreibt, subversive Haltung, die sich dem Unausweichlichen beugt und doch das Eigene bewahrt.

„Dieser Fatalisumus schafft Abstand. Er verkleinert das Übermächtige, wie das auch der Humor tut. Humor und Fatalismus treten oft als Geschwister auf. Was soll man tun, wenn es regnet? Es regnen lassen. Und über den Regen lachen.“

Nach diesem filmisch-historischen Einstieg nähert sich der Autor dem Fatalismus von der philosophischen Seite aus an. Über Platon, Aristoteles, die Stoiker, Augustinus und Luther gelangt Dobrinski zu Spinoza. Mit diesem niederländischen Philosophen geraten die Fatalisten im 17. Jahrhundert in die Defensive, denn Spinoza vertrat die Meinung, es gäbe keine Willensfreiheit. Folglich hat auch der Untertan ruhig zu halten und still zu leiden. Eine fatale Schicksalsergebenheit, die Dobrinski nicht gutheißt. Ebenso wenig wie den biologistischen Determinismus, vertreten von Neurowissenschaftlern, denen alles nur chemische Reaktion im Menschen ist. Dobrinski hält dagegen und

„findet, dass es nicht egal ist, was einer tut oder lässt. Er hält Resignation gegenüber der Ungerechtigkeit der Welt oder dem Klimawandel für die falsche Option und meint, dass alles, was jemand an Gutem tut, nicht ohne Sinn ist und in irgendeiner Weise die Welt ändert.“

Schicksalsgestaltung und Schicksalsergebung

Dobrinski geht es um die „Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Schicksalsgestaltung und Schicksalsergebung“. Sprich: Dinge, die man ändern kann, solle man versuchen zu ändern. Dinge, die man nicht ändern kann, solle man versuchen zu akzeptieren, wie sie sind. Natürlich klingt das leichter, als es ist, weshalb der Autor auch für eine Einübung eines aufgeklärten Fatalismus plädiert. Denn gerade dann, wenn das Leben eine unvorhersehbare Wendung nimmt, zum Beispiel in Form einer Krankheit oder einer Katastrophe, kann es hilfreich sein, wenn wir Übung im Akzeptieren des Unabänderlichen haben. Für Dobrinski bringt es der amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr in seinem Gelassenheitsgebet auf den Punkt:

„Gott, gibt mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Das ist tröstlich, ob man nun an Gott glaubt oder nicht. Denn zu dieser Haltung schreibt Dobrinski „gehört untrennbar die Hoffnung, dass die Grenzen des eigenen Horizonts und des eigenen Begreifens nicht die Grenzen der Welt sind, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, als man denken kann, ganz abgesehen von den Möglichkeiten höherer Kräfte, von den Möglichkeiten Gottes mit den Menschen.“

Schluss mit der permanenten Selbstoptimierung

Für Dobrinski weist der Fatalismus damit über unser eigenes kleines Menschenleben hinaus. Er plädiert dafür, sich von „Allmachts-, Kontroll- und Wahrsagephantasien zu befreien und davon, das Leben immer im Griff haben zu müssen.“ Für den Autor befreit uns der aufgeklärte, reflektierte Fatalismus von der Pest der permamenten Glücksuche und Selbstoptimierung.

„Es steht ein Egoismus hinter dieser Selbstoptimierungsideologie, der zum Fürchten ist. Die anderen sind die Mitbewerber und Konkurrenten im lebenslangen Rennen um den optimalen Platz im Leben.“

Schritte, Kalorien, Freunde, Länder, Stufen auf der Karriereleiter – alles wird gezählt und in Echtzeit gepostet. Damit’s ja jeder sieht und möglichst viele vor Neid und Bewunderung erblassen und Sternchen geben. Das klingt ganz schön anstrengend.

Zum Menschsein gehört das Unvollständige

Für Dobrinski ist der wohlverstandene Fatalismus das Gegenprogramm zum perfektionistischen Optimierungswahn. Für ihn gehört „zum Menschsein das Imperfekte und Unvollständige, das Eigentümliche und auch das Abgründige.“ Wie man diese Haltung des positiven Fatalismus leben kann, erläutert Dobrinski mit eindrücklichen Beispielen von Menschen, die eben diese Haltung leben. Fatalismus, schreibt der Autor, erhöht sowohl unsere Fähigkeit mit Schicksalschlägen umzugehen, als auch mit Glück. Wir sollten versuchen beides, das Glück und den Schicksalsschlag, etwas niedriger zu hängen. Gerne auch mit Hilfe von einer guten Portion Humor.

Dobrinski ist bei der SZ zuständig für Religionen und Kirchen. Im letzten Kapitel seines Buchs befasst er sich daher auch mit Gott und dem Glauben. Er kommt zu dem überraschenden Schluss, dass wir uns um die irritierende Seite Gottes kümmern sollten. Gerade heute, in diesen unsicheren Zeiten. Der Autor empfiehlt seinen Lesern, nicht denen Glauben zu schenken, die uns weißmachen wollen, sie hätten die Wahrheit gepachet und wüssten, die Welt zu erklären. Damit sind dogmatische Hardliner innerhalb der Religionsgemeinschaften gemeint, aber auch „jene Dogmatiker des Kapitalismus, die die Herrschaft des Geldes religiös überhöhen.“

Sehr lesenswert

Matthias Dobrinski hat ein kluges, schmales Buch geschrieben, dessen Einsichten befreiend sind und zum Nachdenken und Überdenken der eigenen Haltung anregen. Dieser Essay kommt auf seinen 132 Seiten weder besserwisserisch noch akademisch geschwollen daher. Daher sei der Rat gestattet: Lest dieses gut geschriebene „Lob des Fatalismus“.

NK/CN

Buchinformation

Matthias Dobrinski
Lob des Fatalismus
Claudius Verlag, München, 2018
ISBN: 978-3-532-62811-9

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Schon mal Rilke bereitlegen

Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen) trägt das Sonett „Blaue Hortensie“ von Rainer Maria Rilke vor. Zuhören, genießen:

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Buchinformation

Rainer Maria Rilke
Die Gedichte (Limitierte Sonderausgabe)
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2006
ISBN: 978-3-458-17333-5

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Freitagsfoto: Urlaubsanweisung 2018/08/10

„… und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“ Astrid Lindgren

Dasitzen, zuhause

Zum Dasitzen muss man übrigens nicht um die halbe Welt reisen. Urlaub geht auch zuhause. Dazu ein Gedicht des Amerikaners Billy Collins. Das Gedicht heißt „Consolation“, Trost, und Collins schildert mit feinem Humor und melancholischer Ironie, wie schön es ist, eben nicht nach Italien oder sonstwohin reisen zu müssen, sondern in den Ferien zuhause zu sein.

Consolation

Consolation

How agreeable it is not to be touring Italy this summer,
wandering her cities and ascending her torrid hilltowns.
How much better to cruise these local, familiar streets,
fully grasping the meaning of every roadsign and billboard
and all the sudden hand gestures of my compatriots.

There are no abbeys here, no crumbling frescoes or famous
domes and there is no need to memorize a succession
of kings or tour the dripping corners of a dungeon.
No need to stand around a sarcophagus, see Napoleon’s
little bed on Elba, or view the bones of a saint under glass.

How much better to command the simple precinct of home
than be dwarfed by pillar, arch, and basilica.
Why hide my head in phrase books and wrinkled maps?
Why feed scenery into a hungry, one-eyes camera
eager to eat the world one monument at a time?

Instead of slouching in a café ignorant of the word for ice,
I will head down to the coffee shop and the waitress
known as Dot. I will slide into the flow of the morning
paper, all language barriers down,
rivers of idiom running freely, eggs over easy on the way.

And after breakfast, I will not have to find someone
willing to photograph me with my arm around the owner.
I will not puzzle over the bill or record in a journal
what I had to eat and how the sun came in the window.
It is enough to climb back into the car

as if it were the great car of English itself
and sounding my loud vernacular horn, speed off
down a road that will never lead to Rome, not even Bologna.

Buchinformation

Billy Collins
Taking Off Emily Dickinson’s Clothes
Picador, London, 2000
ISBN: 978-0330376501

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Klimaschutz? Geschenkt!

In unserem Wohngebiet sieht man diese Worte „zu verschenken“ – meist handgeschrieben auf einem Karton – recht oft auf dem Bürgersteig. Daneben liegen allerlei Gegenstände: Spielsachen, Haushaltsgegenstände, CD’s, alte Drucker, auch mal ein Möbelstück und vor allem: Bücher.

Ausmisten befreit – in jeder Hinsicht

Als Flohmarktliebhaberin werde ich von diesen Schildern magisch angezogen: unverhoffte Schätze sind die besten! Aber ich kenne selbst auch die befreiende Wirkung, wenn ich Dinge, die nicht mehr gebraucht oder geschätzt werden, auf die Straße stelle. Bei ein paar zu groß gewordenen Wohnzimmer-Pflanzen hatte ich anfangs ein schlechtes Gewissen. Aber auch die gingen weg, wie fast alles andere auch. Birgit Medele hat in ihrem empfehlenswerten Buch Leben statt Kleben (edition Lichtland 2012) viel Intelligentes und Praktisches über den Prozess des Loslassens geschrieben:

„… die bloße Anwesenheit unnötiger Gegenstände erschöpft. Sie machen uns nervös, weil wir ihren endlosen Bedürfnissen nie zu genügen scheinen.“

Als „Clutter“ (engl: Durcheinander, Wirrwarr) bezeichnet Medele dabei alles, „was wir nie benutzen und nicht wirklich mögen.“ Das können Notizen auf einem Papier sein, Erinnerungsstücke, alte Gewohnheiten und vor allem Gegenstände – erworbene, geschenkte oder geerbte. Der Ratgeber liest sich deshalb so interessant, weil Medele sich nicht darauf beschränkt, praktische Tipps zum Ausmisten zu geben. Vielmehr deckt sie in einem sehr unterhaltsamen, verständlichen Ton auf, welche psychologischen und philosophischen Konzepte hinter den verschiedenen Aufbewahrungsargumenten stehen. Nicht selten drückt sich nämlich im Aufbewahren eine Lebenshaltung aus. Wer schon mal einen Haushalt aufgelöst hat, weiß aus Erfahrung, dass man beim Aufräumen und Sich-Trennen von Dingen Wesentliches wie „Loslassen, Verantwortung, Vergänglichkeit, Wachstum, Neubeginn“ durchlebt.

Ein Traumsommer? Oder doch eher ein Alptraumsommer?

Ein Traumsommer? Oder doch eher ein Alptraumsommer?

Klimaschutz? Geschenkt!

Neulich machten mein Mann und ich allerdings einen traurigen Fund. Neben einer Holztruhe (Schatz!), die jemand loshaben wollte, lagen auch noch ein paar Bücher in einem Karton. Eins davon fiel mir gleich ins Auge, weil es noch in der Originalverpackung vom Verlag eingeschweißt war: „Der Klima-Knigge“ von Rainer Grießhammer. Das Buch ist vor gut 11 Jahren im Jahr 2007 (Booklett Verlag) erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich. Mit Sicherheit gibt es neuere und gute Ratgeber dazu, wie man Energie sparen, Kosten senken und dabei nebenbei auch noch das Klima schützen kann, keine Frage. Aber ich wollte diesem 11 Jahre lang nicht mal ausgepackten Buch seine Würde zurückgeben und habe es deshalb mitgenommen und gelesen. Abgesehen von ein paar Zahlenwerten, die eben den Stand von vor 11 Jahren wiedergeben, ist es nicht nur hochaktuell, sondern auf deprimierende Weise glaubwürdig, denn vieles hat sich seitdem bewahrheitet.

„Sommerzeit ist Waldbrandzeit“

So formulierte es einer der Meteorologen im ZDF vor kurzem lapidar: als ob Waldbrände das Normalste der Welt im Sommer wären. Unangemessen empfinden wir schon lange, dass uns dieser seit April währende Sommer im Fernsehen immer als „schönes“ Wetter verkauft wird, als würde die ganze Bevölkerung tagein, tagaus nur irgendwelchen Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Erst seit zwei Wochen etwa wird immerhin auf die Probleme der Landwirtschaft aufmerksam gemacht, allerdings kommt meist der Zusatz, man müsse sich in Zukunft an die geänderten Wetterverhältnisse wohl gewöhnen, und die Landwirte sollten sich an den Klimawandel anpassen. Das war’s schon – kein Nachdenken, nicht mal ein Innehalten. Nur ein paar wenige Male wurde der Zusammenhang mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel hergestellt.

Klimawandel, Dürre, Waldbrände. Kein Zusammenhang!?

Klimawandel, Dürre, Waldbrände. Kein Zusammenhang!?

Und bevor wir jetzt alle mit der Moralkeule auf die konventionell arbeitenden Landwirte einschlagen, könnten wir mal einen Moment drüber nachdenken, ob wir den Landwirten ihren Produktionsdruck nicht nehmen könnten, indem wir bereit wären, endlich mehr Geld für gute Lebensmittel zu bezahlen? In keiner vergleichbaren Industrienation sind die Lebensmittelpreise nämlich so niedrig wie in Deutschland (Wirtschaftswoche, Mai 2016). Und viele hätten’s gerne noch billiger, aber bitte trotzdem Bio und Fairtrade. Mahlzeit!

Who makes this planet great again?

Aber was der einzelne in unserer konsumorientierten Gesellschaft tun oder unterlassen könnte, um diesem immer konkreter werdenden Horrorszenario von Klimakatastrophe auf diesem Planeten Einhalt zu gebieten, wird nicht gesagt. Es verhält sich leider noch immer so, wie es Rainer Grießhammer in seinem „Klima-Knigge“ vor 11 Jahren bereits feststellte: Klimaschutz spielt einfach keine Rolle. Und weil man Angst hat, Zuschauer mit Sendungen, die ein schlechtes Gewissen vermitteln könnten, zu vergraulen (und sich das natürlich auf die Einschaltquote und die damit verbundenen Werbeeinnahmen niederschlagen könnte), unterlassen dies auch die öffentlich-rechtlichen Sender weitestgehend.

Vor solchen – unangenehmen – Denkanstößen fürchtet sich Grießhammer nicht. Hier ein Beispiel:

„Wenn Sie bei der Flugreise nach San Francisco im Duty Free Shop auf die Plastiktüte verzichten, dann ist das noch nicht einmal der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein: Denn der Treibhauseffekt für Ihren Flug von Frankfurt nach San Francisco und zurück ist mit 7,1 Tonnen CO2-Äquivalenten etwa so groß wie der von 500 000 Plastiktüten.“

„Wer wir waren“

„Wer wir waren“ lautet der Titel eines 2016 posthum im Fischer-Verlag erschienenen Fragments des viel zu früh verstorbenen Autors Roger Willemsen. Willemsen wollte aus der Zukunft unsere gegenwärtige Gesellschaft betrachten. Zu diesem Buch ist Willemsen leider nicht mehr gekommen, aber ein paar überaus bedeutsame Gedanken sind eben in diesem Fragment zu lesen. Wir haben es hier im Blog bereits einmal erwähnt, aber man kann und sollte es jedes Jahr wenigstens einmal wieder lesen. Heute beschränken wir uns auf folgendes Zitat:

„Wir waren jene , die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Buchinformationen

Rainer Grießhammer
Der Klima-Knigge: Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen
Booklett. Brodersen & Company GmbH, Berlin, 2007
ISBN: 3940153028
nur noch antiquarisch erhältlich

Roger Willemsen
Wer wir waren: Zukunftsrede
Hg. Insa Wilke
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2016
ISBN: 978-3-10-397285-6

Birgit Medele
Leben statt kleben!
Lichtland Verlag, Freyung, 2012
ISBN: 978-3-942509-05-3
nur noch als E-Book oder antiquarisch erhältlich

C.K. / N.K.

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Freitagsfoto: Glück und Zahnschmerzen

„Das Glück ist ein Wie, kein Was; ein Talent, kein Objekt.“ Hermann Hesse © 2018 Schöne Postkarten (Nr. 129)

„Das Glück ist ein Wie, kein Was; ein Talent, kein Objekt.“ Hermann Hesse © 2018 Schöne Postkarten (Nr. 129)

Auf der Suche nach Glück

Es ist Urlaubszeit. Flughäfen voll, Autobahnen voll, Züge voll, Strände voll. Menschen überall, die meisten davon auf der Suche nach ein bisschen oder ganz viel Urlaubsglück. Dabei hat jede und jeder, ja sogar der Familienhund, eine ganz eigene Vorstellung vom Glück.

„und keine Zahnschmerzen“

Für Theodor Fontane zum Beispiel, das haben wir letzte Woche bei der äußerst inspirierenden Schreibwerkstatt der in Pfaffenweiler bei Freiburg lebenden Schrifstellerin Herrad Schenk gelernt, sah Glück so aus:

„Ein gutes Buch, ein paar Freunde, eine Schlafstelle und keine Zahnschmerzen.“

zitiert aus:
Herrad Schenk
Glück und Schicksal: Wie planbar ist unser Leben?
C.H. Beck, München, 2001, 2. Auflage, broschiert
ISBN: 978-3-406-46627-4

Was ist für Sie Glück? Wir freuen uns auf Antworten!