Permalink

0

„Das geheime Frankreich“ – unser unbekannter Nachbar

In aller Frühe märchenhaft schön, der Gardon, der aus den Cevennen kommt und in die Rhone mündet

In aller Frühe märchenhaft schön, der Gardon, der aus den Cevennen kommt und in die Rhone mündet

Vor ein paar Jahren haben wir mit der Familie in der Nähe des Pont du Gard in Frankreich Urlaub gemacht. Unsere kleine Ferienwohnung befand sich in Collias am Gardon, der, wenn er ausreichend Wasser führt, aus der 1000-Seelen-Gemeinde ein Mekka des Kanu-Sports macht. Ansonsten ist nicht allzu viel los in dem kleinen Ort, 40 Kilometer westlich von Avignon: ein Café, ein Laden, eine Boulangerie, ein Winzer, ein Kanu-Verleih und ein kleines Resto am Fluss. Alles in allem einer dieser lässig charmanten, in der Nebensaison leicht verschlafenen Orte im Süden Frankreichs, in denen es sich trefflich urlauben lässt. Wir haben uns wohl gefühlt dort, aber dieses Wohlgefühl wurde eines Abends in ungeahnte Höhen katapultiert. Das kam so:

Unscheinbarer Hinweis, große Küche: in Frankreich kein Widerspruch

Unscheinbarer Hinweis, große Küche: in Frankreich kein Widerspruch

Kulinarisches Hochamt im Bistro

Irgendwann beim morgendlichen Croissants-Holen fragte mich die Bäckerin, ob wir denn schon mal in dem Bistro in der Nähe des Kanuverleihs zum Essen gewesen wären. Ich verneinte höflich und dachte gleich an die kulinarischen Abgründe, die sich in Deutschland bisweilen an solchen Standorten auftun. Das sollten wir aber unbedingt tun, insistierte die freundliche Dame. Nun, wer wäre ich schwäbisches Kleinstadtei, einer charmanten Französin zu widersprechen?

So kehrten wir also dort ein, und was soll ich sagen? Wir genossen ein kleines kulinarisches Hochamt mit Blick auf den malerischen Gardon. Der Wirt, ein Elsässer, servierte uns eine Foie Gras, die uns trotz schlechten Gewissens zum Dahinschmelzen brachte. Dazu gab es einen köstlichen Gewürztraminer aus dem Elsaß von einer Weinkarte, die Restaurants in Großstädten zur Ehre gereicht hätte.

Leben, um zu essen

„Das Essen spielt in Frankreich die Rolle einer Religion – samt allen möglichen Orden, Sekten und Fanatikern.“

Das schreibt der Journalist und Buchautor Nils Minkmar in seinem Buch „Das geheime Frankreich: Geschichten aus einem freien Land“, das 2017 bei S. Fischer erschienen ist. Der Satz steht zu Beginn des dritten Kapitels, in dem sich der Autor mit der Rolle des Essens bei unseren Nachbarn beschäftigt. Dessen Stellenwert ist, wir ahnen es, westlich des Rheins ein anderer, quer durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch.

„Irgendwohin essen gehen zu können, dort wirklich willkommen zu sein – das ist in Frankreich nun mal konstitutiver Bestandteil der Menschenwürde.“

Minkmar (Jahrgang 1966, Mutter Französin, Vater Deutscher) legt mit seinem Buch keinen Reiseführer mit Geheimtipps vor. Statt dessen nimmt er uns mit auf eine lehrreiche und unterhaltsame Reise durch ein Frankreich hinter der Fassade. Dabei schaut der erfolgreiche Journalist (u.a. FAZ, SPIEGEL, jetzt Süddeutsche) und promovierte Historiker auf ein Land, das wir Deutschen eigentlich viel besser kennen sollten.

Frankreich: Verbündeter und Handelspartner

Nicht nur, weil Frankreich einer unserer wichtigsten politischen Verbündeten ist, auch wenn das viele deutsche Politiker:innen heute nicht mehr so sehen. Deutschland ist für Frankreich auch der wichtigste Handelspartner weltweit, so die deutsch-französische Industrie- und Handelskammer. Und „Frankreich ist Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner in Europa und weltweit Nummer vier nach China, den Niederlanden und den USA.“ Neben dem Handel verbindet unsere beiden Länder auch eine lange, oft schmerzhafte Geschichte. So fiel der Großvater meiner französischen Schwiegermutter in der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg, während der Großvater meiner Mutter auf der deutschen Seite gegen den sogenannten Erbfeind kämpfte und traumatisiert aus dem Krieg zurückkam.

Wie ticken die Franzosen?

Wer sich also jetzt während der Ferienzeit näher mit unseren Nachbarn beschäftigen möchte, vielleicht sogar als Vorbereitung auf einen Frankreich-Urlaub, dem sei „Das geheime Frankreich“ empfohlen. Das Buch macht nicht nur Lust auf gutes Essen, sondern erklärt auch manche auf uns befremdlich wirkende Eigenheit der Franzosen. Abgesehen davon, dass die Lektüre selbst ein stilistischer Genuss ist. Und Nils Minkmar lässt keinen Zweifel daran, wie wichtig ihm, der beide Pässe besitzt, das deutsch-französische Verhältnis ist.

„Erst zusammen mit Frankreich wird Deutschland eine wahrnehmbare Größe, in Europa und in der Welt. Nur diese beiden Länder zusammen ergeben eine interessante Einheit, erzählen in ihrer singulären historischen Partnerschaft eine weltweit inspirierende Geschichte.“

Wie enttäuschend muss es für ihn gewesen sein, dass Angela Merkel nach ihrer anfänglichen Sympathiebekundungen für Emmanuel Macron dem jungen Präsidenten ein ums andere Mal eine Abfuhr erteilt hat. Und dass der mit so viel politischem Talent ausgestattete Präsident letztendlich so wenige seiner Ideen für Europa in seiner bisherigen Amtszeit hat umsetzen können.

Fünf geheime Kammern

Minkmar versammelt seine oft persönlichen Frankreich-Geschichten in fünf Kapiteln, in denen er jeweils einen Ort als Ausgangspunkt für seine mäandrierenden Überlegungen nimmt: ein Museum in Bordeaux, den Elysée-Palast, ein Gasthaus, das Pariser Krankenhaus Hôtel de Dieu, die Wohnung von Bernard Henry Lévy. Wir wollen nur ein paar der Themen aufführen, die der Autor in seinem Buch behandelt: Da geht es um Regeln, die die Franzosen ebenso lieben wie anarchisch lustvoll brechen. Er beleuchtet den Präsidentenpalast, der seine Bewohner verändert – leider nicht zum Besten. Minkmar denkt über französische Höflichkeit und Diskretion nach, „die konstitutiv ist, für das, was die Franzosen ausmacht“. Es geht um die Rolle der (intellektuellen) Frau in Frankeich, und nicht zuletzt beschäftigt ihn die schwierige Haltung Frankreichs zu seiner unzureichend aufgearbeiteten Geschichte, die verbunden ist mit dem

„Wunsch nach einer Geschichte, in der Frankreich insgesamt auf der Seite der Guten steht, ein Agent von Fortschritt und Aufklärung in der Geschichte, tragende Kraft des Bürgertums ist.“

Nils Minkmar, Das geheime Frankreich – Geschichten aus einem freien LandLiberté

Minkmars lesenswertes Buch endet mit sehr persönlichen Worten über einen französischen Großcousin, einen Mathematiklehrer, der Motorrad fährt, Krimis und anderes schreibt und dessen „ihm gemäße Daseinsform die Leichtigkeit ist“. Ein Mann, der in der Welt des Südens seine Nische kultiviert und dennoch das große Ganze im Blick behält. Bei aller kritischen Bewunderung, die der Autor in seinem Buch für Intellektuelle vom Kaliber eines Bernard Henry Lévy zum Ausdruck bringt, verkörpert dieser sympathische freiheitsliebende Großcousin für ihn

„das Beste an diesem Land und eben das, was Deutsche dort studieren, üben und lernen können: dass es die Heimat der Freiheit ist.“

À bientôt !

NK / CK

Buchinformation

Nils Minkmar
Das geheime Frankreich – Geschichten aus einem freien Land
S. Fischer Verlag, 2017, 208 Seiten

Jeden Sonntag gibt es übrigens von Nils Minkmar „Geschichten und Gedanken zur Gegenwart“ auf seinem Blog.

Permalink

0

als ob sie Emma hießen …

Die Silbermöwe ist mit einer Flügelspannweite von 122 – 155 cm eine exzellente Fliegerin

Die Silbermöwe ist mit einer Flügelspannweite von 122 – 155 cm eine exzellente Fliegerin

Möwenlied

Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

Christian Morgenstern

Allen Emmas, die heute Geburtstag haben, gratulieren wir ganz herzlich und wünschen immer guten Wind unter den Flügeln und ab und an ein paar rötliche Zibeben.

NK & CK

PS: Was Zibeben sind, wisst ihr alle, oder?

Permalink

3

Lieblingsbilderbücher

Ganz versunken in die Lektüre ist dieser junge Leser in der Librarie Paroli in Minerve (Languedoc, Frankreich)

Ganz versunken in die Lektüre ist dieser junge Leser in der Librairie Paroli in Minerve, Frankreich

Lieblingsbilderbücher altern nicht

„Vielleicht haben wir von allen Kindheitstagen diejenigen am intensivsten durchlebt, von denen wir glauben, wir hätten sie nutzlos vertan: die nämlich, die wir mit der Lektüre eines Lieblingsbuchs verbrachten.“

Dieses Zitat von Marcel Proust (10.7.1871 – 18.11.1922) aus dem Essayband „Tage des Lesens“ mag ich sehr, weil es die Besonderheit von Kinderbüchern hervorhebt. Keines der Bücher, die ich als Erwachsene gelesen habe, habe ich annähernd so oft gelesen wie manches Kinderbuch. Meine Schwester A. sagt auch heute noch, sie lese Bücher hauptsächlich deshalb, um einer empfundenen Stimmung nachzugeben oder sich in eine solche zu versetzen. Da gibt es welche, die einen zuverlässig trösten oder solche, die gut von Ärger ablenken können.

Vor ein paar Wochen habe ich unserem Literaturfreund M., dessen Kinder im Bilderbuch-Alter sind, eine Liste von Lieblingsbilderbüchern erstellt. Heißgeliebt sowohl von unseren Kindern als auch von uns. Denn das ist meiner Ansicht nach sehr wichtig bei Bilderbüchern, die den Kindern vorgelesen werden: sie müssen auch Erwachsene irgendwie ansprechen. Das kann durchaus auf einer anderen Ebene passieren, die den Kindern vielleicht gar nicht auffällt. Jedenfalls wird dann das Vorlesen für beide zum Vergnügen. Hier nun also unsere Auswahl.

Anais Vaugelade: Steinsuppe

„Es ist Nacht. Es herrscht Winter. Ein alter Wolf nähert sich dem Dorf der Tiere.“ So beginnt das Buch. Und es ist bis zur letzten Seite spannend, weil der Charakter des Wolfs nicht zu fassen ist. In den Tieren, die nach und nach zu Besuch kommen und zusammen kochen, erkennt man so manchen menschlichen Zeitgenossen…

Das Buch ist witzig und strahlt auch eine gewisse Gemütlichkeit aus: wie die Suppe am Feuer gekocht wird, die Tiere beim Warten alle mit einem Glas Rotwein da sitzen, köstlich!!! Man will es immer wieder lesen und anschauen! (Und es lohnt sich unbedingt das große Format)
Moritz Verlag ISBN: 9783895651151

Michael Rosen, Helen Oxenbury: Wir gehen auf Bärenjagd

Ein englischer Kinderbuchklassiker. Eine Familie geht spazieren mit der phantasievollen Idee, einen Bären zu jagen. Sie gehen durch nasses Gras, durch einen Fluss, durch Schlamm, durch den Wald. Da stoßen sie auf eine Höhle… mehr wird nicht verraten.

Wunderschöne Aquarelle, eine einfache, lautmalerische Sprache, die sich gut auch für sehr kleine Kinder eignet. Und wieder SPANNUNG bis zum Schluss!!
S. Fischer Verlage ISBN: 978-3-7373-6062-3

Mario Ramos: Ich bin der Stärkste im ganzen Land!

Wieder ist ein Wolf die Hauptfigur, diesmal ein eitler Geselle, der höchst eingenommen ist von sich. Die Geschichte birgt einige Anspielungen auf bekannte Märchenfiguren wie z. B. Rotkäppchen, Schneewittchen und die sieben Zwerge.

Es macht aber nichts, wenn die Kinder diese Figuren noch nicht kennen, für Erwachsene sind die Anspielungen sehr amüsant. Und es kommt zum Schluss zu einer (großen) Überraschung. Herrlich.
Moritz Verlag, ISBN: 9783895651366

Gunilla Bergström: Mach schnell, Willi Wiberg
Gunilla Bergström: Was sagt dein Papa, Willi Wiberg?
Gunilla Bergström: Wir bauen eine neue Welt, Willi Wiberg

Bei der nächsten (schwedischen) Autorin konnte ich mich nicht für einen Titel entscheiden. Die Willi-Wiberg-Bücher sind alle (!) klasse. Und wirklich mal anders. Von ihren Zeichnungen her und von ihren Texten.

Willi Wiberg lebt mit seinem Papa allein. Und der kämpft oft mit seinem Alltag. Aber wenn der Stress überhand nimmt, kommen Willis Humor und Phantasie ins Spiel … was gibt es Wichtigeres zu erlernen?
Verlagsgruppe Oetinger

Jill Murphy: Familie Elefant

In diesem Band sind vier Geschichten der Familie Elefant zusammengestellt. Wieder eine englische Autorin, die Eltern-Kind-Situationen mit viel Humor darzustellen weiß.

Dabei versuchen vor allem Mama- und Papa-Elefant immer wieder, Freiräume für sich selbst zu schaffen: ein Abend zu zweit, ein heißes Bad, ein ruhiger Abend … man ahnt, dass da was dazwischen kommt, aber: at least, they tried!
ISBN: 3219114407, nur noch antiquarisch. Einzelbände hier.

Reinhard Michl, Tilde Michels: Es klopft bei Wanja in der Nacht

Eine Geschichte in Versen, was die Einprägsamkeit enorm erhöht und Kinder ganz einfach an Gedichte heranführt. Noch heute beherrschen wir in der Familie etliche Strophen auswendig.

Weit fort in einem kalten Land
steht Wanjas Haus am Waldesrand.
In langen Zapfen hängt das Eis
und ringsumher ist alles weiß.

Es stürmt, es schneit, der Wind pfeift, und nach und nach kommen Hase, Fuchs und Bär, um sich in Wanjas Hütte aufzuwärmen. Ob das gut geht?!
Verlagsgruppe Oetinger, ISBN: 978-3-7707-5737-4

Kirsten Boie, Silke Brix-Henker: Klar, dass Mama Ole lieber hat/Klar, dass Mama Anna lieber hat

Kirsten Boie hat viele schöne Kinderbücher geschrieben, deshalb fiel auch hier die Auswahl schwer. Dieses Buch ist schon vom Aufbau sehr originell für Kinder. Es wird nämlich derselbe Tag aus zwei Perspektiven erzählt, einmal aus der von Ole und ein anderes Mal aus der von Anna.

In der Mitte des Buches treffen sie sich. Um was es geht? Um nervige kleine Brüder, um hundsgemeine ältere Schwestern, um überforderte Mütter, um Ängste und Wut und die ungerechte Verteilung von Schokoladenpudding … wunderbar!
Kirsten Boie setzt sich sehr für die Leseförderung von Kindern ein. Mehr Information gibt es auf ihrer Homepage.
Verlagsgruppe Oetinger, ISBN: 978-3-7891-6311-1

Cornelia Funke, Kerstin Meyer: Käpten Knitterbart und seine Bande

Auch Cornelia Funke darf in einer Kinderbuchliste nicht fehlen. In diesem Band geht es um eine Piratenbande, aber die Hauptrolle hat ein Mädchen namens Molly… ein bisschen Feminismus kann auch in jungen Jahren nicht schaden!
Verlagsgruppe Oetinger, ISBN: 978-3-7891-6506-1

9. Astrid Lindgren: Weihnachten im Stall

In diesem nicht ganz so bekannten Bilderbuch der so berühmten Autorin, erkennt man wieder einmal, welch wunderbare Sprache Astrid Lindgren besaß… die Weihnachtsgeschichte mit einfachen und doch unglaublich eindringlichen Worten nacherzählt, nichts daran wirkt kitschig, es ist nicht mal besonders religiös, es ist einfach eine wunderschöne Erzählung.


Verlagsgruppe Oetinger, ISBN: 978-3-7891-6837-6

10. Kate Banks, Georg Hallensleben: Wenn der Mond sprechen könnte

Kleine Kinder haben oft eine besondere Beziehung zum Mond, er fasziniert sie, und er ist immer da und hat somit etwas Beruhigendes. Zumal, wenn das Schlafengehen und Abschiednehmen vom Tag etwas schwerfallen …


Es sind sehr atmosphärisch gemalte Bilder in Acryltechnik und eine einfach gehaltene Sprache in kurzen Sätzen, die dieses Gute-Nacht-Buch für kleine Kinder so ansprechend und tröstlich machen.
ISBN 9783789163371, nur noch antiquarisch

Viel Spaß beim Lesen und Vorlesen!

CK und NK

Marcel Proust zum Thema Lieblingsbuch aus Kindheitstagen | Schöne Postkarte Nr. 74 | www.schoenepostkarten.de

Marcel Proust zum Thema Lieblingsbuch aus Kindheitstagen | Schöne Postkarte Nr. 74 | www.schoenepostkarten.de

Permalink

0

Freitagsfoto: Erinnerung an die Mohnblüte

Mohnblüte auf dem Feld. Weltweit gibt es rund 100 Arten aus der Familie der Mohngewächse

Mohnblüte auf dem Feld. Weltweit gibt es rund 100 Arten aus der Familie der Mohngewächse

Bald
nur noch Erinnerung –
Blüte des Mohns

Soon
nothing but a memory –
blossom of the poppies

Hommage an den Haiku-Dichter Issa (1763 – 1828), der beim Anblick der Mohnblüte weniger an die Vergänglichkeit gedacht hat, sondern an den Moment, wie dieses schöne und typische Haiku von ihm zeigt. Auch in diesem Haiku sieht sich Issa als Teil der Natur und nicht als über ihr stehender Mensch. Diese bewunderswerte Haltung zieht sich durch Issas ganzes Werk.

Beide leben wir
einfach in den Tag hinein –
der rote Mohn und ich.

Übersetzung von Gerhard Wolframs in den Heften für ostasiatische Literatur 18/19. Gefunden online in einem Aufsatz von Robert F. Wittkamp: „Sommergräser und Heideträume: Ein Beitrag zur Übersetzungstechnik beim Haiku“. (Hier online als pdf-Datei).

Schönes Wochenende!

NK & CK

PS: Wenn euch ein Haiku oder ein Gedicht (eigen oder gelesen) zum Mohn einfällt, einfach in den Kommentar reinschreiben. Wir freuen uns!

Permalink

1

Freitagsfoto: Farbenlehre

Regenbogen über dem Hafen von Darmouth in Devon, Südengland

Regenbogen über dem Hafen von Dartmouth in Devon, Südengland

Farbenlehre I

Diese Woche war ja viel von Farben die Rede, speziell von den Regenbogenfarben. Die Regenbogenflagge steht für Toleranz und Akzeptanz und für die Vielfalt der Lebensformen. Und Victor Orbán kriegt offensichtlich die Krätze, wenn er diese Farben sieht. Was für eine Blamage, dass sich die Stadt München von der UEFA hat verbieten lassen, die Allianz-Arena in den Regenbogenfarben leuchten zu lassen. Alles nur, weil es der homophobe Rechtsausleger in Ungarn und seine Clique nicht ertragen können, dass es Menschen gibt, die anders leben und lieben wollen als er. Und die EU? Schaut zu. Wie die UEFA. Wie immer. Ein Trauerspiel.

Farbenlehre II

Das andere Trauerspiel, das mit Farben zu tun hat, ist das Wahlprogramm der CDU, das – wie erwartet – in Sachen Klimaschutz so vage wie nur irgendmöglich bleibt und die Sorgen und Nöte der jungen Menschen, und damit meinen wir nicht nur die Fridays-for-Future-Bewegung, einfach ignoniert. Bei der CDU rechnen sie offensichtlich fest damit, dass irgendein genialer Mensch in den nächsten paar Jahren eine irre Erfindung macht, die alle unsere Klimaprobleme auf einen Schlag löst – und natürlich nix kostet. Der dauerlächelnde Nachfolger Karls des Großen aus Aachen hat das rheinische Grundgesetz wie kaum ein anderer verinnerlicht. Das lautet: „Et hätt noch emmer joot jejange“, auf Hochdeutsch: „Es ist noch immer gut gegangen.“

Es wird aber nicht gut gehen, wenn wir so weitermachen. Denn es steht nicht gut um unser Klima, die Artenvielfalt, die Meere und damit um unsere Lebensgrundlage. Der menschengemachte Klimawandel und die Erderhitzung sind Fakt. Das zeigen diese Grafiken hier:

Globale Temperaturzunahme seit 1850. © Professor Ed Hawkins (University of Reading) · www.showyourstripes.info

Globale Temperaturzunahme. © Professor Ed Hawkins (University of Reading) · www.showyourstripes.info

Wie sich die Temperaturen auf der Erde allein in den letzten 160 Jahren verändert haben, hat der Klimawissenschaftler Professor Ed Hawkins von der Universität Reading zum einfacheren Verständnis grafisch aufbereitet. ShowYourStripes heißt die Internetseite, wo man sich interaktiv die globale Erhitzung für einzelne Kontinente und Länder anzeigen lassen kann.

Temperaturzunahme in Deutschland. © Prof. Ed Hawkins (University of Reading) · www.showyourstripes.info

Temperaturzunahme in Deutschland. © Prof. Ed Hawkins (University of Reading) · www.showyourstripes.info

Für Deutschland kann man sich sogar die Erhitzung für die einzelnen Bundesländer anzeigen lassen. Die Grafiken kann man runterladen und benutzen (CC-BY 4.0 Lizenz), selbstverständlich nur mit Angabe des Urhebers Prof. Hawkins und einem Link zur Seite.

Temperaturzunahme in Baden-Württemberg. © Prof. Ed Hawkins (University of Reading) · www.showyourstripes.info

Temperaturzunahme in Baden-Württemberg. © Prof. Ed Hawkins (University of Reading) · www.showyourstripes.info

Schönes Wochenende!

NK & CK

Permalink

0

Freitagsfoto: Hitzewelle

Die Pfingsrose (Päonie) war schon in der Antike als Gartenpflanze bekannt: eine pralle Schönheit

Die Pfingsrose (Päonie) war schon in der Antike als Gartenpflanze bekannt: eine pralle Schönheit

Pralle Pracht
in der Hitze ermattet –
die Pfingstrosen

Full splendour
worn out in the heat –
the peonies

Haiku

Die erste Hitzwelle ist da, und es ist schon wieder anstrengend, nicht nur für die Pfingstrosen. Steht uns ein weiterer Hitzesommer mit Dürre und drohendem Wassermangel ins Haus? Es gibt ernst zu nehmende Wissenschaftler, die genau das befürchten. Wer sich interessehalber mal zum Thema Wassermangel informieren möchte, dem empfehlen wir den Dürremonitor des Helmholtz-Instituts mit tagesaktuellem Dürrezustand des Gesamtbodens und des Oberbodens.

Bleibt im Schatten!

CK & NK

PS: Was wir aus der Corona-Krise für den Klimaschutz lernen können, erklärt der Meteorologe Sven Plöger:

Permalink

1

Waldrebe in der Abenddämmerung

Die Blüten der Waldrebe „The President“ sind groß und leuchten in der Dämmerung

Die Blüten der Waldrebe „The President“ sind groß und leuchten in der Dämmerung

Am letzten Tag des III. Mondes

Abenddämmerung
den entschwindenden Frühling
kann sie nicht halten;
mehr als die Morgendämmerung
greift mir dies Bild ans Herz

Saigyō

Der japanische Wandermönch und Dichter Saigyō (1118 – 1190) war ein Meister des Waka (Tanka), des 31-silbigen japanischen Kurzgedichts mit 5 Zeilen à 5-7 5-7-7 Moren (Silben). Für Bashō und viele andere große Haiku-Dichter war Saigyō das Maß aller Dinge. Entsprechend oft findet man Zitate oder Teile von Zitaten in ihren Werken. Von Saigyō sind rund zweitausend Waka überliefert. Einhundert davon hat der Japanologe Ekkehard May für den wunderschön gestalteten Band „Saigyō – Gedichte aus der Bergklause Sankashû“ ausgewählt, hervorragend übersetzt und mit klugen, erklärenden Kommentaren und Annotationen versehen.

Der Abschied vom Frühling ist in der traditionellen japanischen Dichtung ein festes Thema mit hohem Stellenwert, schreibt May zu dem oben zitierten Waka und weiter:

Am letzten Tag des III. Mondes (yayoi no tsugomori ni) spürt der Dichter mit der einsetzenden Abenddämmerung deutlich, wie unaufhaltsam die schönste Zeit des Jahres mit all ihrem Blütenglanz dem Ende entgegengeht. Das Verstreichen der Zeit wird – an einem solchen ›letzten Tag‹ – mit dem allmählichen Dunkelwerden besonders greifbar.

Dieser schöne Band aus der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung ist übrigens nicht nur inhaltlich, sondern auch in Sachen Satz und buchbinderischer Verarbeitung ein bibliophiles Hochamt. Es sei allen empfohlen, die sich mit dem Meister des Waka näher befassen möchten. Die Lektüre ist Balsam für unsere gehetzten Seelen.

Buchinformation

Saigyō
Gedichte aus der Bergklause – Sankashû

ausgewählt, übersetzt, kommentiert und annotiert von Ekkehard May
Dieterisch’sche Verlagsbuchhandlung Mainz, 2018
ISBN: 978-3-87162-098-0
Leinenausgabe mit Lesebändchen, 292 Seiten

Die Blüten der Waldrebe „The President“ sind groß und leuchten in der Dämmerung

Vergängliche Schönheit in der Abenddämmerung: Blüte der Waldrebe

Abenddämmerung
die Waldrebe leuchtet sanft
Abschied vom Frühling

Ein Haiku, gewidmet allen, die sich der poetischen Schönheit einer Waldrebe in der Dämmerung nicht entziehen können, und die sich zum Ende des Frühlings einer leichten Melancholie nicht erwehren können.

NK & CK

PS: Unsere Waldrebe (Clematis) haben wir übrigens in der Staudengärtnerei von Erika Jantzen in Tübingen gekauft. Und am Freitag, den 11. und Samstag, den 12. Juni findet dort das diesjährige Sommerfest statt, jeweils von 10 bis 18 Uhr. Ein Besuch lohnt sich immer und ist sehr inspirierend. Und Pflanzwetter ist auch (noch)!

Permalink

0

Der Frühling – mit Hölderlin und Hohenzollern

Wallfahrtskirche Maria Zell bei Boll unterhalb des Zellern Horns

Wallfahrtskirche Maria Zell bei Boll unterhalb des Zeller Horns

Der Frühling

Es kommt der neue Tag aus fernen Höhn herunter,
Der Morgen, der erwacht ist aus den Dämmerungen,
Er lacht die Menschheit an, geschmückt und munter,
Von Freuden ist die Menschheit sanft durchdrungen.

Ein neues Leben will der Zukunft sich enthüllen,
Mit Blüten scheint, dem Zeichen froher Tage,
Das große Tal, die Erde sich zu füllen,
Entfernt dagegen ist zur Frühlingszeit die Klage.

d. 3ten März 1648

Mit Untertänigkeit
Scardanelli

Höhenmeter und Ausblicke

Das Foto von der Wallfahrtskirche Maria Zell bei Boll haben wir vor ein paar Tagen während einer wunderbaren Wanderung aufs Zeller Horn gemacht. Die Tour nennt sich Raichberg-Tour und wurde von der Stadt Hechingen neu angelegt. Wir können sie sehr empfehlen! Es sind etwas über 11 Kilometer, einige Höhenmeter, und es gibt viele schöne Ausblicke, gerade jetzt im Spät-Frühling.

Los geht’s auf dem Parktplatz Hüttenwiesen am Ortsende von Boll. Die ersten drei Kilometer führen uns zackig bergauf, an Maria Zell vorbei bis hoch zum Zeller Horn am Albtrauf auf 913 Metern Höhe. Die Anstrengung lohnt sich, der Ausblick Richtung Westen mit der Burg Hohenzollern im Vordergrund ist erhaben. Vom Zeller Horn geht es auf der Albhochfläche Richtung Nägelehaus. Beim Abstieg vom Trauf passieren wir ein wildes Felsenmeer mit dem Emmafelsen im Zentrum. Die Raichberg-Tour ist sehr gut ausgeschildert, alle Information findet man auf der Homepage der Stadt Hechingen.

Ob Friedrich Hölderlin, dem wir das Gedicht da oben verdanken, die Aussicht auf dem Zeller Horn mal genossen hat? Der Dichter war sehr gut zu Fuß; in guten Zeiten soll er fünfzig Kilometer am Tag gewandert sein. So schreibt der Tübinger Schriftsteller und Hölderlin-Kenner Kurt Oesterle in seinem Hölderlin-Aufsatz „Die Linien des Lebens sind verschieden“, den man auf der Seite des Autors als pdf herunterladen kann.

Viel Vergnügen!

NK & CK

Blick vom Zellerhorn auf die Burg Hohenzollern und das Albvorland

Blick vom Zeller Horn auf die Burg Hohenzollern und das Albvorland

Permalink

0

Wo Weiden baden gehen | Tübingen, ein Gedicht

„Wo Weiden baden gehen...“ Christa Hagmayer: Am Neckar

„Wo Weiden baden gehen…“ Christa Hagmayer: Am Neckar

Am Neckar

Die Stadt ist ins Wasser gefallen
samt Hölderlinturm
Wo Weiden baden gehn
gleitet ein Kahn
Da läuft die Geschichte aus
Die Lacher schunkeln
und stochern weiter
durchs Aquarell

Christa Hagmeyer

„Hier über dem gelben Fluß, beweinte er seine Liebe“ · Tatjana Kusowljewa: Tübingen, Turm

„Hier über dem gelben Fluß, beweinte er seine Liebe“ · Tatjana Kusowljewa: Tübingen, Turm

Tübingen, Turm

Bin plötzlich im Mittelalter,
wische die Schicht
der Jahre fort, suche
des Wahnsinnigen Spur.

Sie haben mich
zum Turm gewiesen.
Dort steh ich im Fenster,
grüble, versteh:

Schon immer war’s
ungefährlicher für alle;
die Dichter einfach
für verrückt zu erklären.

Hier, über dem gelben Fluß,
beweinte er seine Liebe,
Randbewohnerin auch sie,
wie die Verse, die anachronistische Rede.

Wer in diesen Abgrund schaut,
verliert den Verstand.

Tatjana Kusowljewa
aus dem Russischen von Kay Borowsky, der in Tübingen lebt und schreibt

Die Gedichte für den heutigen Beitrag haben wir der Anthologie Tübingen im Gedicht entnommen, die von Kay Borowsky und Barbara Werner zusammengestellt wurde und 2003 in der Edition Heckenhauer erschien. Die Sammlung beginnt mit einem Gedicht aus dem Jahr 1534, das die Situation Tübingens zu dieser Zeit beschreibt. Es geht weiter über Frischlin, Cellius, natürlich Hölderlin, Uhland, Hesse, Rose Ausländer, und viele mehr, darunter auch etliche noch lebende Dichterinnen und Dichter wie Uwe Kolbe, der mal das Studio Literatur und Theater an der hiesigen Universität geleitet hat, bis hin zu Eva Zeller, die in Tübingen lebt, dichtet und Workshops unterrichtet.

Schöne Postkarte Nr. 150 · Tübinger Gassengebirge. Rose Ausländer | www.schoenepostkarten.de

„giebelrotes Gassengebirge“ · Rose Ausländer: Tübingen · Schöne Postkarte Nr. 150

Tübingen

In der beschützten Stadt
giebelrotes Gassengebirge
jahrhundertedicht

Wahn
vom Neckar
getauft

Hügelgefährten
Hölderlin-treu

Unter schmächtigem Stein
der Staub
atmet

Rose Ausländer (1901 – 1988)

Tübingen im Gedicht ist kein historisierender Touristenführer in Lyrikform, sondern eine anregende Sammlung mit lesenswerten Gedichten, die alle Facetten dieser Stadt zeigen. In seinem Nachwort steuert Kay Borowsky zu vielen Gedichten und Autor*innen erhellende Worte bei. Die Schwarzweiß-Fotografien sind von Roger Sonnewald, in dessen Tübinger Antiquariat Heckenhauer das Buch noch erhältlich ist.

Apropos Lyrik in Tübingen

Nur einen Steinwurf vom Hölderlinturm entfernt – Hölderlin hätte hier gekauft

Nur einen Steinwurf vom Hölderlinturm entfernt – Hölderlin hätte hier gekauft

Im Frühjahr hat in Tübingen in der Bursagasse 15 eine neue, ganz besondere Buchhandlung eröffnet. Die „Lyrikhandlung am Hölderlinturm“ von Gründerin Ulrike Geist ist auf Gedichtbände spezialisiert; und das ist ziemlich einzigartig in der deutschen Buchhandelslandschaft. Wir sind sicher, Hölderlin hätte das gefallen, schrieb er doch in seinem Gedicht „Andenken“ die Zeile „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

Lest Lyrik!

NK & CK

Buchinformation

Tübingen im Gedicht … und stochern weiter durchs Aquarell
Eine Anthologie, herausgegeben von Kay Borowsky und Barbara Werner
mit einem Vorwort von Inge und Walter Jens
Fotografien von Roger Sonnewald
edition j. j. heckenhauer, Tübingen und Berlin, 2003
ISBN 3-9806076-4-1
Hardcover, 172 Seiten
nur noch antiquarisch erhältlich