
„Krieg bedeutet Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“ Verkehrungen ins Gegenteil in George Orwells Klassiker 1984.
Am 8. März 2026 wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Noch ist genügend Zeit, die Unterlagen für die Briefwahl zu beantragen, damit man die Frage, ob man wählen geht, nicht von einer Befindlichkeit oder gar vom Wetter abhängig macht.
Wählen ist wichtiger denn je
Wir schreiben diesen Beitrag für diejenigen unter uns, die sich ernsthaft fragen, ob sie überhaupt noch wählen sollen. Weil sie den Glauben an die Stärke der Demokratie allmählich als naiv empfinden. Weil sie sich ständig überreizt fühlen oder in Folge nur noch müde von der Überflutung von Nachrichten, kaum unterteilt in Tatsachenmeldungen und Meinungen. Oder von den Fake News, die es zu erkennen und auszublenden gilt. (Früher sagte man zu Fake News übrigens Lügen, was weniger verharmlosend klang.)
Wenn Opfer zu Tätern gemacht werden, Aggressoren unverhohlen bewundert und hofiert werden, und der größte Bullshit in einer Rede mit Standing Ovations der Zuhörer belohnt wird, wie unlängst in Davos beim Weltwirtschaftsforum geschehen, erfasst einen der Ekel und ein unerträglicher Schwindel. Und weil man von diesem Karussell Erde nicht einfach hinuntersteigen kann, scheint zuweilen nur noch der komplette Rückzug Abhilfe zu verschaffen. Zwar gab es – anlässlich Trumps unverhohlener Besitzansprüche auf Grönland – endlich eine Welle der Empörung von Seiten der europäischen PolitikerInnen, aber diese verebbt leider auch schon wieder. Es gibt viele nachvollziehbare Gründe, von der Politik enttäuscht zu sein. Man kann sich in der Tat also fragen, ob die eigene Wahlstimme überhaupt noch von Belang ist. Uns geht es da nicht anders.
Verkehrungen ins Gegenteil
Gleichzeitig nisten sich die Verkehrungen ins Gegenteil wie alle anderen Methoden der Desinformation unmerklich ein. Eine wissenschaftlich fundierte Analyse subversiver Machttechniken legt Sylvia Sasse mit ihrem klugen Buch „Verkehrungen ins Gegenteil“ vor. Wir hatten das Glück, den sehr anschaulichen Vortrag der Autorin im Sommer letzten Jahres bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg Außenstelle Tübingen hören zu können. Es war eine Wohltat, die vielen Verrücktheiten dieser Welt, die durch die Verkehrung ins Gegenteil entstehen, analysiert, erklärt und eingeordnet zu bekommen.
Sasse lehrt als Professorin für Literaturwissenschaft und Slawistik an der Universität Zürich und zeigt in ihrem Buch anhand vieler Beispiele (einige aus der russischen Geschichte), dass die Technik der Verkehrung ins Gegenteil alles andere als neu ist. Der amtierende amerikanische Präsident, ein Meister der Verdrehung und Verkehrung, bewegt sich hier sicher auf den Spuren von Ivan dem Schrecklichen, Josef Stalin, Adolf Hitler und Wladimir Putin. Die Russen, so Sasse, seien übrigens besessen von George Orwells Klassiker 1984. Die Propagandaexperten im Kreml interpretieren diesen Klassiker, und jetzt wird’s ganz verrückt, als Warnung vor der westlichen Demokratie. Sasse schreibt:
„Was wir also historisch beobachten können, ist, so meine These, dass totalitäre Systeme mit Umkehrungen arbeiten, dass, mit anderen Worten, die Umkehrung ein Kennzeichen totalitärer Systeme und autokratischer Praktiken ist.“
Beispiel: Putin rechtfertigte seinen völkerrechtswidrigen Einmarsch in die Ukraine mit der Begründung, er müsse die Ukraine „entnazifizieren“. Das ist eine Verkehrung ins Gegenteil, denn ein faschistoides Regime in Moskau rühmt sich der „Entnazifizierung“ der demokratischen Ukraine, deren Präsident Wolodymyr Selenskyj in eine jüdische Familie geboren wurde.
Anderes Beispiel: Der Vizepräsident der USA beklagt seit der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 immer wieder, dass in Europa und vor allem in Deutschland die Meinungsfreiheit nicht mehr gelte. Was für eine perfide Verkehrung, bedenkt man, dass in den USA aktuell Medien und freie Bürger*innen bedroht und verklagt werden, wenn sie ihre Meinung zu der immer autoritärer werdenden Politik ihres Landes äußern.
Ein letztes Beispiel: Politikerinnen und andere Personen des öffentlichen Lebens in Deutschland, die ständig in Talkshows die große Bühne bekommen, beklagen sich mit weinerlicher Opfermiene, man dürfe in diesem Land nicht mehr alles sagen, weil die bösen Woken die Macht übernommen hätten. Geht’s noch lächerlicher? Man darf in diesem Land so ziemlich alles sagen, auch den größten Blödsinn, nur halt nicht ohne Widerspruch.
Machttechniken aufdecken
Was aber tun gegen diese strategischen Verkehrungen, Verdrehungen und Lügen? Ein Patentrezept gegen diese subversiven Machttechniken hat auch Sylvia Sasse nicht. Aber sie betont, wie wichtig der erste Schritt ist: nämlich die Verkehrungen aufzuschlüsseln und als solche zu benennen. Eine weitere Strategie ist es laut Sasse, den Blick vom Empfänger auf den Sender zu richten. Für die Wissenschaftlerin ist
„die Verkehrung ins Gegenteil im Grunde die verräterische Selbstadressierung.“
Mit anderen Worten: Wer dem politischen Gegner die Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit vorwirft, der plant womöglich selbst die Abschaffung derselben.
Ein weiterer Rat der Autorin: sich an Fakten zu orientieren und nicht drumherum zu reden. Wenn der Kaiser nackt ist, dann muss man seine Nacktheit benennen. So wie es Kanadas Premierminister Mark Carney in seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar 2026 in Davos gemacht hat. Er sagte:
„Die Macht der weniger Mächtigen beginnt mit Ehrlichkeit.“
Entscheidet Euch!
„Entscheidet Euch!“, so heißt die 2025 im Verlag Metropol erschienene Flugschrift des Journalisten Hermann Vinke, der sich aufgrund der aktuellen Wahlprognosen große Sorgen macht um unsere Demokratie. In seiner aufrüttelnden, unbedingt empfehlenswerten Streitschrift ruft der 86jährige, erfahrene Journalist auf:
„Keiner von uns hat das Recht, aus einer momentanen oder auch länger aufgestauten Protesthaltung heraus grundlegende Freiheiten infrage zu stellen und einer demokratiefeindlichen Partei die Stimme zu geben. Vielmehr ist es unsere Pflicht, für unser freiheitliches demokratisches System mit aller Kraft einzutreten.
Das sind wir den Freiheitskämpfern unserer Geschichte schuldig, den Widerstandskämpfern im Dritten Reich, den Bürgerrechtlern in der DDR, ebenso den von Diktaturen Verfolgten und Ermordeten.
Das sind wir auch denen schuldig, die heute in den Haftanstalten ausharren, drangsaliert und gefoltert werden, weil sie sich für Freiheit und Demokratie in ihren Ländern eingesetzt haben.“
Hermann Vinke, der in seinem Journalistenleben als Augenzeuge viel erlebt hat, hofft auf die Macht der Vernunft. Er appeliert an uns, die Zivilgesellschaft, aber auch an unsere Politiker*innen, die er unmissverständlich auffordert, alles für einen handlungsfähigen, funktionierenden Staat zu tun. Denn nur so, schreibt Vinke, lässt sich rechtsextremen Rattenfängern, die nur Hetze und Spaltung im Programm haben, der Nährboden entziehen.
Wir haben die Wahl
Die Selbstverständlichkeit der Demokratie, wie wir sie seit Jahrzehnten erleben durften, ist heute bereits verschwunden. Das muss wirklich jeder inzwischen begriffen haben. Jeder, der die Demokratie für wert erachtet, sollte an ihr mitwirken, und sei es nur, dass er oder sie wählen geht.
In diesem Sinne: Geht wählen. Es kommt auf jede unserer Stimmen an.
CK I NK
Buchinformation
Sylvia Sasse
Verkehrungen ins Gegenteil
Fröhliche Wissenschaft 220
Matthes & Seitz, Berlin, 2023
ISBN: 978-3-7518-0566-7
188 Seiten, Klappenbroschur, 15,00 Euro
Hermann Vinke
Entscheidet Euch! Eine Flugschrift
Metropol Verlag, Berlin, 2025
ISBN: 978-3-86331-821-5
96 Seiten, Broschur, 9,90 Euro
#SupportYourLocalBookstore











