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“It is totally unaccetable” (Jacinda Ardern)

“You – for other women it is totally unacceptable in 2017 to say that women should have to answer that question in the workplace. It’s unacceptable.” (Jacinda Ardern)

Jacinda Ardern ist seit August 2017 Vorsitzende der New Zealand Labour Party und seit Oktober 2017 40. Prime Minister von Neuseeland. Im Oktober 2020 wurde sie für weitere drei Jahre im Amt bestätigt. Kurz nach ihrem ersten Wahlsieg 2017 wurde Frau Ardern zwei Mal gefragt, ob sie plane Kinder zu haben. Vor allem ihre zweite Antwort ist großartig!

Seit 16 Jahren haben wir eine Kanzlerin, die keine Kinder hat: gefällt vielen nicht. Wir hatten eine Verteidigungsministerin (jetzt EU-Kommisionspräsidentin), die sieben Kinder hat: gefällt vielen auch nicht. Jetzt haben Die Grünen eine Kanzlerkandidatin, die zwei Kinder hat: und wieder drehen ne Menge Leute durch. Wenn ich bei Google „Baerbock“ eingebe, ergänzt Google die Suche fast automatisch um das Wort „Kinder“.

Geht’s noch?

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Freitagsfoto: Frühling, Winter, April?

Wer als erster in den Kommentar schreibt, wie die Kapelle auf dem beschneiten Hügel heißt, bekommt 5 Schöne Postkarten

Wer als erste*r kommentiert, wie die Kapelle heißt, bekommt 5 Schöne Postkarten

Es reicht

Allmählich reicht’s, oder? Nein, heute geht’s nicht um Viren oder Aluhüte und auch nicht um das Berliner Kanzlerkandidaten-Kasperletheater. Wir sprechen vom Wetter, und das ist zu kalt! Beim Nachbarn sind die Magnolienblüten erfroren, unser alter Birnbaum mag auch keinen Frost mehr, und unsere Hühner finden diesen kalten April definitely not amusing.

Jack Ridl, der mit seiner Frau in Saugatuck am Lake Michigan lebt, wo es im Frühjahr auch noch bitter kalt sein kann, hat ein sehr passendes Gedicht zu diesem kalten April geschrieben:

It’s April and It Should Be Spring

The gods are tired of tending fires.
Against the window, a cold rain.

Each night the hour hand moves
time and us closer to the light.

No one wants to go out. No one
wants to stay in. And the rain.

Robins do their silly walk across the lawn,
dead grass dangling from their beaks.

Crocuses raise their purple risk
through the ice-crusted mulch of maple,

oak, beech, and willow. They last
a day. Clumps of daffodils stay

blossom-tight. We want to put away
sweaters. What would the saints do?

We haul in more wood. It is raining.
Sunday and it is raining. And it is cold.

Winter’s wedged itself into a crack
along the equinox. We know, in time,

the trees will bud, the flowers rise
and bloom. Until that invisible time,

We do what the earth does.

– Jack Ridl

Schönes Wochenende, lest Gedichte!

Buchinformation

Practicing to Walk Like a Heron
Poems by Jack Ridl
Paperback, 176 Seiten
Wayne State University Press, 2013
ISBN: 9780814334539
Poem used here with kind permisson of the author.

Mittwoch, 7. April 2021 und die Birnbaum-Blüten frieren

Mittwoch, 7. April 2021: die Birnbaum-Blüten frieren

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Who is conducting the dawn chorus?

About 50 minutes before sunrise the Robin starts to sing.

About 50 minutes before sunrise the Robin starts to sing

Lovely,
the dawn chorus –
who is conducting?

Reizend,
das Morgenzwitschern –
wer dirigiert?

Haiku for the friend and wise poet Jack Ridl whose birthday is today, April 10. We featured his latest book Saint Peter and the Goldfinch here on our blog. Asked why he writes poetry Jack says:

“I write poems to sustain my connection to what matters, to the world I live in, not the one imposed on us minute after minute.“

Happy Birthday!

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Blüten zu Ostern

Prächtige Blüten am Schönbuchrand bei Waldhausen

Prächtige Blüten am Schönbuchrand bei Waldhausen

Komm,
lass alles liegen
wir gehen Blüten schauen

Diese Haiku widmen wir unserem alten Freund T., der als Chefarzt gemeinsam mit seinem Team in einem Klinikverbund im Raum Stuttgart seit nunmehr einem Jahr in vorderster Linie um jeden einzelnen COVID-19-Patienten kämpft – rund um die Uhr, Tag für Tag.

Ich kann mir gut vorstellen, dass man unter einer solchen Belastung immer mal wieder an eine Grenze kommt, wo man am liebsten alles stehen und liegen lassen möchte. Menschen wie T. lassen aber nicht alles stehen und liegen, sondern sie halten den Laden am Laufen, und ja, sie würden auch um das Leben von durchgeknallten Aluhut-Trägern kämpfen, für die Corona nur die Erfindung reptiloider Eliten ist.

Frohe Ostern!

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Schmieren und salben: Ballistol

Wirkung bekannt, Zutaten geheim: Ballistol

Wirkung bekannt, Zutaten geheim

Wundermittel

Vor zwei Tagen hat mir ein erfahrener Mann von unserem Kleintierzüchterverein ein Mittel gegen Federpicken bei unseren Hühnern empfohlen: Ballistol Universalöl. Es wirke desinfizierend, und die Hühner möget den Geruch nicht. Ob ich Ballistol kenne?

Natürlich kenne ich Ballistol, und natürlich haben wir Ballistol im Haus. Wie schon Oma und Opa, die auch Hühner gehalten haben und Ballistol für alles Mögliche verwendet haben. Für Maschinen, Werkzeug, Hautverletzungen und bestimmt auch für die Hühner. Denn Ballistol wirkt nämlich auch gegen die rote Vogelmilbe, die Hühnern in der warmen Jahreszeit ganz schön zusetzen kann.

Schmieren und salben hilft allenthalben,
ond hilft’s ed bei de Kärre,
no hilft’s bei de Herra.

Das war der Spruch, den meine Oma immer dann brachte, wenn der Öler mit Ballistol rausgeholt wurde. Die Oma hat Politikern selten über den Weg getraut, dafür hatte sie zu viel miterlebt zwischen 1914 und 1945. 1905, das Geburtsjahr meiner Oma, war übrigens auch das Jahr, in dem Ballistol erstmals auf den Markt kam. Das kaiserliche Heer suchte damals nach einem Allroundöl, mit dem der Soldat nicht nur seine Waffe reinigen und pflegen konnte. Es sollte vielmehr auch zur Pflege von Holz und Leder geeignet sein. Darüber hinaus sollte das Öl für den Kaiser auch noch wie ein desinfizierendes Wundöl wirken.

Auch zur Pflege des Hühnerkamms ist Ballistol geeignet

Auch zur Pflege des Hühnerkamms ist Ballistol geeignet

Erfunden hat das Öl der Chemiker Dr. Helmut Klever, dessen Vater Friedrich Wilhelm Klever 1874 die Chemische Fabrik F.W. Klever in Köln gegründet hatte. In meiner Kindheit hieß dieses Wunderöl noch Ballistol Klever. Der Name Ballistol ist eine Wortschöpfung aus „Ballistik“ und „oleum“ (lateinisch Öl). Wer wissen möchte, wozu Ballistol noch gut ist, hier ein Artikel, auf den ich bei der Recherche gestoßen bin.

Warum ich hier über Öl schreibe? Weil es mich tröstet, dass es noch Dinge in unserem Land gibt, die wirklich gut funktionieren, und das seit über 100 Jahren.

Bis demnächst!

NK & CK

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Freitagsfoto: Eichhörnchen

Eichhörnchen im Schönbuch bei Hagelloch

Eichhörnchen im Schönbuch bei Hagelloch

Das Eichhörnchen
verjagt munter
trübe Gedanken

Haiku für Georges Hartmann, der vergangenen Montag Geburtstag hatte. Georges, ein Haiku-Künstler aus dem Westerwald, macht wie sein Vorbild Issa kein Aufhebens aus seiner Wortkunst. Wir haben Georges Hartmann hier im Blog vor einer Weile vorgestellt.

Und weil es mit dem Reisen gerade nicht so einfach ist, hier noch ein schönes Haiku von Georges Hartmann, das mich in 15 Silben auf die Autoroute westlich des Rheins versetzt: Mulhouse, Montbéliard, Besançon, Beaune, Maçon, Lyon, tanken, Valence, Montélimar Nord, Montélimar Sud, Orange, und irgendwann raus Richtung Carpentras, links der Mont Ventoux – und endlich das Vaucluse: Thymian, Rosmarin, Rosé, Merguez, Pastis, Petrarca.

Nach der französischen Grenze
die Melodie
des Asphalts

aus: Georges Hartmann, Almkuh, 48 Haiku, erschienen im bon-say-Verlag.

After the French border
the melody
of the tarmac

Après la frontière française
la mélodie
de l’asphalte

À bientôt

NK & CK

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Ringeltauben im Frühling

Ringeltauben-Frühlingssymphonie Teil 1

Wie laut
die Tauben balzen –
Der Frühling kommt!

How loud
the pigeons mate –
Spring is on its way!

Haiku

Ringeltauben-Frühlingssymphonie Teil 2

Was für ein Krach dachte ich vor ein paar Tagen beim Umsetzen des Komposthaufens, als ich plötzlich zwei Ringeltauben entdeckte, die ganz offensichtlich von Frühlingsgefühlen überwältigt wurden. Mehrere Minuten dauerte das laute, leidenschaftliche Ritual in einem alten Birnbaum, unterbrochen von kurzen Pausen und luftakrobatischen Balztänzen.

Frühlingsgefühle der Ringeltauben Teil 3

Ist es nicht schön zu sehen, dass es Mitbewohner auf unserem Planeten gibt, die gänzlich unbeeindruckt sind von der allgemeinen Lethargie in dieser bleiernen Zeit? Ich weiß, das ist purer Anthropomorphismus, wenn ich hier den Tieren menschliche Eigenschaften wie Frühlingsgefühle zuschreibe. Auf der anderen Seite: Was wissen wir schon?

Haltet Augen und Ohren offen!

NK & CK

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Freitagsfoto: Ein unwissendes Kraut

„Hier blüht wohl einiges auf“: Schneeglöckchen (Galanthus) auf einem Haufen Tübinger Lehmboden

„Hier blüht wohl einiges auf“: Schneeglöckchen (Galanthus) auf einem Haufen Tübinger Lehmboden

Gedicht gegen Weltschmerz

Vor ein paar Tagen habe ich dieses Foto von den Schneeglöckchen auf einem Dreckhaufen (Tübinger Lehmboden, auch Letten genannt) in unserem Garten gemacht. Der Haufen ist entstanden, als wir letzten Herbst ein größeres Loch graben mussten, um ein paar Rohre zu sanieren. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls hätte der Haufen längst weggeschafft werden sollen … trotz temporärer Lockdown-Lähmung fragt man sich ja manchmal, wo die Zeit bleibt.

Wir waren jedenfalls gerührt, als die ersten Schneeglöckchen mit der ihnen eigenen, zarten Beharrlichkeit aus dem schweren Tübinger Lehmboden rausgeschaut haben. Ja, und da ist mir das Gedicht von Rilke eingefallen, wo aus stummem Absturz ein unwissendes Kraut singend hervorblüht. Mein kluger Freund S. und ich haben dieses Gedicht vor mehr als 40 Jahren auswendig gelernt und in unseren Jugendzimmern zu düsterer Musik (Nights in White Satin) und Vanilletee rezitiert. Warum? Wahrscheinlich weil wir uns in unserem unglücklichen Verliebtsein trösten wollten. Und ist es nicht so, dass man sich als Jugendlicher so oft ausgesetzt fühlt auf den Bergen des Herzens, und nur Steingrund unter den Händen, und die Angebetete unerreichbar für einen? Wer erinnert sich nicht an diesen Weltschmerz, den man mit 14, 15 oder 16 ertragen musste und der dann mit einem passenden Gedicht wenigstens ein bisschen erträglicher wurde? Ach!

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl
einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens…

Rainer Maria Rilke, aus dem Nachlaß

Wer sich näher mit diesem Gedicht beschäftigen will, dem empfehlen wir einen Text von Dr. Johannes Heiner, dessen interessante Deutung man hier nachlesen kann.

Am Montag, den 1. März, ist übrigens meteorologischer Frühlingsanfang, und an diesem Tag öffnet in Tübingen wieder die Staudengärtnerei von Erika Jantzen ihre Pforten. Und auch da blüht manches Kraut singend hervor, und die wissenden Gärterinnen beraten gerne die, die zu wissen beginnen.

Genießt den Frühling und die Blumen!

NK & CK

Schöne Postkarte Nr. 119 · Licht, Farben, Monet · © www.schoenepostkarten.de

Schöne Postkarte Nr. 119 · Licht, Farben, Monet · © www.schoenepostkarten.de

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Der Salzpfad – 1.000 Kilometer, 35.000 Höhenmeter

Star Point Lighthouse am South West Coast Path in Devon

Star Point Lighthouse am South West Coast Path in Devon

Ins Licht

„Wir standen an der Haustür, die Gerichtsvollzieher auf der anderen Seite warteten schon ungeduldig darauf, das Schloss auszuwechseln, uns aus unserem alten Leben auszusperren. Gleich würden wir das spärlich beleuchtete, jahrhundertealte Haus verlieren, das zwanzig Jahre unser Kokon gewesen war. Wenn wir durch diese Tür traten, würden wir niemals zurückkehren können. Wir hielten uns an den Händen und gingen ins Licht.“

Drama Teil I

Klingt ziemlich dramatisch, was die britische Autorin Raynor Winn, Jahrgang 1962, da auf den ersten Seiten ihres Buches „Der Salzpfad“ (The Salt Path) schreibt – und ist es auch. Raynor und ihr Mann Moth sind mehr als 30 Jahre verheiratet, haben neben ihren beiden Kindern auf ihrer Farm in Wales Schafe und Hühner großgezogen und viele Jahre lang Urlaubern Erholung vom Stadtleben geboten. All das ist nun, am Anfang dieses spannenden Reiseberichts, vorbei. Raynor und Moth haben, so naiv wie unglücklich, in die Firma eines alten Freundes investiert. Dabei haben sie übersehen, dass sie mit ihren Einlagen auch für die Schulden dieser Firma haften. Sie verlieren den Gerichtsprozess und somit ihre gesamten Ersparnisse und ihr geliebtes Haus.

Drama Teil II

Als ob der Verlust der eigenen vier Wände nicht schon dramatisch genug wäre, wartet auf Raynor und Moth ein paar Tage später der nächste Schicksalsschlag: Kortikobasale Degeneration, CBD. Diese unheilbare neurodegenerative Erkrankung wird bei Moth diagnostiziert. Die langsam voranschreitende Krankheit geht einher mit starken Schmerzen, Parkinson-Symptomen und dem Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten. Wie lange er noch hat, möchte Moth vom Arzt wissen:

„Also, normalerweise würde ich sagen, sechs bis acht Jahre nach dem Ausbruch. Aber in Ihrem Fall scheint die Krankheit sehr langsam voranzuschreiten, da Ihre ersten Probleme bereits vor sechs Jahren auftraten.“

Odyssee statt Kopf in den Sand

Was macht man, wenn einen gleich zwei derartige Schicksalsschläge ereilen? Wie geht man mit so was um? Den Kopf in den Sand stecken? Von der nächsten Brücke springen? Oder vielleicht doch lieber eine große Reise unternehmen? Das Motto, das die Autorin ihrem Buch voranstellt, ist aus Homers Odyssee:

Muse, erzähl mir vom Manne,
dem wandlungsreichen,
den es oft abtrieb vom Wege …

An dem Tag, an dem der Gerichtsvollzieher zur Pfändung kommt, beschließt Raynor, mit ihrem kranken Mann Moth auf Wanderschaft zu gehen. Die beiden haben buchstäblich nichts mehr zu verlieren: die Farm ist weg, die Ersparnisse auch, Einkommen nicht in Sicht. Warum also nicht weggehen und umherwandern?

Von ihrem letzten Geld kaufen sie sich Rucksäcke, billige Schlafsäcke, Kochgeschirr und was man sonst noch braucht auf dem 630 Meilen langen South West Coast Path, der von Minehead in Somerset am Bristol Kanal um die südwestliche Küste Englands bis nach Poole in Dorset führt. Mit im Rucksack ein DIN-A5-Notizbuch und die Übersetzung des angelsächsischen Heldenepos „Beowulf“ des irischen Dichters Seamus Heaney. Auf diesem längsten Wanderweg Englands wollen Raynor und Moth Abstand zu ihrem alten Leben gewinnen und zu sich und vielleicht einer neuen Lebensidee finden. Mehr als 1.000 Kilometer, 35.000 Höhenmeter, meist an Klippen entlang, teils ziemlich ausgesetzt auf sehr schmalen Wegen. Eine Herausforderung, schon wenn man nicht an einer unheilbaren Krankheit leidet.

Mutmach-Lektüre

Wir haben „Der Salzpfad“ vor ein paar Monaten von der Freundin U. geschenkt bekommen. Das Buch hat sich als spannende und unterhaltsame Mutmach-Lektüre in diesen ermüdenden Corona-Zeiten herausgestellt. Und dazu war es, wo wir ja nicht reisen dürfen, eine wunderbare Gelegenheit, mal rauszukommen und die englische Küstenlandschaft zu genießen.

Mehr als 300 Seiten lang wandern wir mit Ray und Moth bergauf, bergab, frieren mit ihnen in den zu dünnen Schlafsäcken, hungern mit ihnen, wenn die 50 Euro Ausgleichsrente mal wieder zu schnell aufgebraucht sind, genießen ein Pint mit ihnen und leiden mit ihnen, wenn die Schmerzen für Moth mal wieder zu stark werden, und Raynor das ganze Projekt in Frage stellt. Wynns Erstling war in England nach Erscheinen ein großer Erfolg und hat es bei uns auf die Spiegel-Beststeller-Liste geschafft. Warum?

Hoch und runter, runter und hoch, Meile für Meile auf schmalen Pfaden

Hoch und runter, runter und hoch, Meile für Meile auf schmalen Pfaden

Die Autorin erzählt in einer authentischen, ehrlichen Sprache und lässt uns an ihrem schweren Schicksal teilhaben, ohne dass sie auf Tränendrüsen drückt. Ihr Stil ist knapp, die Schilderungen der immer wieder spektakulären englischen Küstenlandschaft und der Natur sind ebenso gelungen wie die zahlreichen Porträts der vielen sympathischen und unsympathischen Typen, denen die beiden begegnen, darunter Farmer, Wirte, Surfer, Soldaten, Spießer mit perfekter Wander-Ausrüstung und Obdachlose wie sie selbst.

„Das Gelände stieg und fiel, schob uns Felsblöcke in den Weg, scharfkantige, schier unpassierbare Steine. Wir kletterten hinauf, mitten hindurch, um sie herum, über sie drüber, hinter ihnen entlang. Der Himmel verschmolz mit dem Land, wir verschmolzen mit dem Himmel.“

Den Obdachlosen widmet Wynn gleich zu Beginn ihres Buches ein eigenes kurzes  Kapitel, in dem sie die Situation der Obdachlosen heute in Großbritannien mit Zahlen belegt schildert, aber auch Beispiele aus der Geschichte bringt. Bettler, Landstreicher und Obdachlose hatten und haben es schwer in unserer technisierten Leistungsgesellschaft, die die Abgehängten, seien wir ehrlich, am liebsten irgendwohin verbannen würde, wo man sie nicht sieht.

Wildpferde auf dem South West Coast Path bei Salcombe in Devon

Wildpferde auf dem South West Coast Path bei Salcombe in Devon

Den beiden obdachlosen Wanderern gelingt es, im Laufe ihrer Tour die anfängliche Scham abzulegen und sich im wahrsten Sinne des Wortes freizulaufen. Am Ende ihrer 630 Meilen langen Odyssee entlang der englische Küste haben sie ihr Leben und den Respekt vor sich selbst zurückgewonnen.

„Am Ende verstand ich, was die Obdachlosigkeit für mich getan hatte. Sie hatte mir alle materiellen Dinge genommen und mir das nackte Leben gelassen, mich in eine leere Seite in einem noch nicht zu Ende geschriebenen Buch verwandelt. Und sie hatte mich vor die Wahl gestellt, diese Seite entweder leer zu lassen oder der Geschichte eine hoffnungsvolle Wendung zu geben. Ich wählte die Hoffnung.“

Der South West Coast Path ist übrigens wirklich so schön, aber auch so anstrengend, wie ihn Raynor Winn in ihrem lesenswerten, menschlichen Reisebericht schildert.

Vor ein paar Jahren sind wir mal ein paar Stunden auf diesem Pfad gewandert. Und wenn dieser Corona-Mist mal vorbei ist dann werden wir dort bestimmt noch den einen oder anderen Abschnitt erwandern.

NK & CK

Buchinformation

Raynor Winn
Der Salzpfad
Dumont Verlag, 336 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-7701-6688-6

Auf der sehr informativen Homepage South West Coast Path kann man sich ausführlich über diesen legendären Wanderweg informieren. Dort gibt’s auch eine interaktive Karte, mit der man die Strecke von Raynor und Moth nachvollziehen kann.

Das obere Foto ist auch auf dem South West Coast Path entstanden | © Schöne Postkarte Nr. 143

Das obere Foto ist auf dem South West Coast Path bei Darthmouth entstanden | © Schöne Postkarte Nr. 143