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„In Europa“ – eine Reise durch Raum und Zeit

Die Klippen von Dover. Endet hier bald das politische Europa?

Die Klippen von Dover. Endet hier bald das politische Europa?

In knapp zwei Wochen findet die Europawahl 2019 statt. Kein Tag, an dem wir nicht mit Wahlwerbung bombardiert werden: im Radio, im Fernsehen, im Internet. Das Meiste davon kann man getrost ignorieren, so platt, einfältig, europa- oder fremdenfeindlich ist das Zeug. Wohl dem, der kluge Nachbarn und Freunde hat, die einem gute Bücher und Texte zum Thema Europa empfehlen.

Sorgenkind Europa

Vor zwei Tagen zum Beispiel hat uns unsere Nachbarin U. einen Artikel von Timothy Garton Ash aus dem Guardian mit dem Titel „Why we must not let Europe break apart“ weitergeleitet. Der britische Historiker und Schriftsteller, im übrigen ein exzellenter Kenner Deutschlands, macht sich große Sorgen um Europa, und zwar nicht nur wegen des irren Brexit-Theaters seiner Landsleute, sondern auch wegen der europafeindlichen Rechtspopulisten, die von Budapest bis Berlin, von Rom bis London, von Madrid bis Paris ihr Unwesen treiben. Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von Nazi-Deutschland sieht der renommierte Wissenschaftler Europa als ein einzigartiges Friedensprojekt, das wir nicht den Rechtspopulisten zur Zerstörung überlassen dürfen. Wer mag, kann den Artikel hier nachlesen.

In Europa – Eine Reise durch das 20. Jahrhundert

Unbedingt lohnenswert ist die Lektüre des Buches „In Europa — Eine Reise durch das 20. Jahrhundert“, das uns unser Freund K. empfohlen hat. Wenn Sie bis zur Europawahl nur noch Zeit für ein Buch haben, dann sollten Sie jetzt schnell in die Buchhandlung Ihres Vertrauens gehen, „In Europa“ kaufen und mit dem niederländischen Autor Geert Mak auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert gehen.

Geert Maks Reiseroute für die Jahre 1942 bis 1944

Geert Maks Reiseroute für die Jahre 1942 bis 1944

Bitte lassen Sie sich nicht von den gut 900 Seiten abschrecken! Der Journalist und Essayist Mak (Jahrgang 1946) verfügt über ein enormes Geschichtswissen und er kann Geschichte so erzählen, dass man gar nicht mehr aufhören möchte zu lesen. Wie er das schafft? Indem er die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einer Reportagereise verknüpft, die ihn im Jahr 1999 kreuz und quer durch Europa geführt hat. Mak war im Auftrag der niederländischen Tageszeitung NRC/Handelsblad unterwegs und hat während dieser Reise jeden Tag über seine Begegnungen und Erlebnisse berichtet. Mak bezeichnet seine Unternehmung im Prolog als

„eine Art abschließende Inspektion: Wie sieht der Kontinent am Ende des 20. Jahrhunderts aus? Zugleich war es auch eine Reise durch die Zeit: Ich folgte, soweit das möglich war, dem Lauf der Geschichte, auf der Suche nach den Spuren, die sie hinterlassen hatte.“

Mak sucht aber nicht nur nach den Spuren der Geschichte. Diese Reise, so schreibt er, hatte auch etwas mit ihm zu tun:

„Ich wollte raus, Grenzen überschreiten, erfahren, was dieser nebulöse Begriff Europa bedeutet. Europa, das wurde mir im Laufe dieses Jahres klar, ist ein Kontinent, auf dem man mühelos in der Zeit hin und her reisen kann. Die verschiedensten Phasen des 20. Jahrhunderts sind alle noch irgendwo existent.“

Geschichte fast hautnah

Mak baut sein Buch chronologisch auf und nimmt uns mit zu den Orten, die im Zentrum der historischen Ereignisse stehen, die er gewissermaßen als Hintergrund ausbreitet. Den Ersten Weltkrieg erleben wir in Wien, Ypern, Verdun und Versailles. Im April 1917 begleiten wir den Niederländer auf den Spuren von Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) auf dem Weg vom Züricher Exil über Deutschland, Schweden, Finnland, nach Petrograd (Sankt Petersburg). Wie dieser Autor Weltgeschichte mit persönlichen Reiseerlebnissen verknüpft, ist so gekonnt, dass man bisweilen das Gefühl hat, man wäre als unsichtbarer Mitreisender dabei gewesen.

Hier an diesem Teich auf seinem Landsitz Chartwell soll er oft nachgedacht haben: Winston Churchill

Hier an diesem Teich auf seinem Landsitz Chartwell soll er oft nachgedacht haben: Winston Churchill

22 Jahre später, wir befinden uns im Jahr 1939, sind wir „Gast“ bei Winston Churchill auf seinem Landsitz Chartwell, eine Stunde südlich von London:

„Das häusliche Leben fand an zwei zentralen Orten statt: im niedrigen, intimen Speisezimmer, wo meist festlich und ausführlich zu Mittag gegessen wurde, und im großen Arbeitszimmer im Obergeschoss. Hier befand sich Churchills factory, seine Fabrik, wie er den gemütlichen Raum mit den dicken Balken, der Holzdecke, den hellen Fenstern, den Bücherschränken und dem offenen Kamin nannte, der von einem großen Gemälde seines Geburtsorts Blenheim Palace beherrscht wurde.“

Churchill war zu dieser Zeit noch nicht Premierminister, sondern einfacher Tory-Abgeordneter. Premierminister wurde er erst am 10. Mai 1940. Aber schon in der Zeit davor agierte Churchill wie ein heimlicher Premier und scharte in seiner factory in Chartwell seine Getreuen um sich. Darunter auch Harold Macmillan (englischer Premier 1957 – 1959), der Zeuge war

„als am 7. April 1939 die Meldung eintraf, dass Italien in Albanien einmarschiert war. Die Energie, die dieser Bericht freisetzte, war erstaunlich, als sei Chartwell die Regierungszentrale: Es wurde nach Landkarten verlangt, der Premierminister wurde angerufen, ein dringender Brief ging an den Marineminister, und es wurde ein Strategie entwickelt, mit der Mussolini von weiteren Aggressionen abgehalten werden sollte. »Er allein hielt alle Fäden in der Hand«, erinnerte sich Macmillan später, »während alle anderen bestürzt waren und zögerten.«“

Europa hat ihm und den Briten viel zu verdanken! Winston Churchill mit seiner Frau Clementine auf dem Landsitz Chartwell in Kent.

Europa hat ihm und den Briten viel zu verdanken! Winston Churchill mit seiner Frau Clementine auf dem Landsitz Chartwell in Kent.

Weltreich ruiniert, Europa gerettet

Das Kapitel über den Zweiten Weltkrieg und die Rolle, die Churchill darin spielte, zählt mit zum Eindrücklichsten dieses spannenden Buchs und macht deutlich, wie viel Europa und gerade wir Deutsche den Briten zu verdanken haben. Daran sollte man sich vielleicht heute noch mal erinnern, zeigt es doch auch, wie verwoben die europäische Geschichte ist. Mak lässt im Übrigen keinen Zweifel daran,

„Dass nämlich die Briten, standing alone, ihr Weltreich wirtschaftlich ruinierten, um das demokratische Europa zu retten.“

Dabei war dieser britische Einsatz im Mai 1940 noch keineswegs ausgemacht. Die Briten, so Mak, hätten Hitler „um ein Haar ein Friedensangebot gemacht, das er vermutlich angenommen hätte, und nur ein einziger Mensch hat dafür gesorgt, dass es nicht so kam: Winston Churchill.“

So reisen wir in diesem Buch durch die Geschichte: Seite um Seite, Jahr um Jahr, Ort um Ort, und es wird nie langweilig. Nach dem Zweiten Weltkrieg erleben wir den Aufstieg des Warschauer Pakts, die Niederschlagung der Aufstände in Prag, Berlin, Budapest. Wir reisen mit Mak nach Belfast und Dublin, werden Zeuge des Zusammenbruchs des Ostblocks und des Massakers von Srebrenica. Immer wieder lässt Mak an den Orten, die er besucht, Menschen aus dem jeweiligen Land zu Wort kommen. So entsteht beim Lesen ein beeindruckendes europäisches Mosaik von kurzen und längeren Portraits von Menschen, Dörfern, Städten und Regionen.

Erinnern Sie sich noch an den Abend des 9. November 1989, als Günter Schabowski seine legendäre Pressekonferenz gab? Wissen Sie, was Wladimir Putin damals gemacht hat? Nun, eben das, was lupenreine Demokraten so machen, wenn’s eng wird. Dazu Mak:

„Zur selben Zeit brachte in Dresden ein unbekannter KGB-Agent namens Wladimir Putin beim Versuch, möglichst viele Papiere auf einmal zu verbrennen, einen Ofen zur Explosion.“

Ist Europa nur ein Absatzmarkt?

Was ist Europa? Was ist seine Seele? Wohin steuert der Tanker Europa? Das sind Fragen, die Mak im letzten Kapitel thematisiert, wenn er sich auch fragt, ob die EU-Erweiterung nicht zu schnell ging: und zwar für die bestehenden und für die neuen osteuropäischen Mitglieder, für die die Verwestlichung, von der längst nicht alle Menschen profitieren, womöglich nicht nur ein Segen war. Und reicht es wirklich, wie viele dies tun, in Europa nur einen riesigen Absatzmarkt zu sehen? Nein, es reicht nicht, und es steht nicht besonders gut um Europa. Aber, schreibt Mak im Jahr 2004, fast am Ende seines Buches:

„Die Schwäche Europas, seine Vielgestaltigkeit, ist zugleich seine große Stärke. Die europäische Einigung als Friedensprozess ist ein eklatanter Erfolg. Und auch Europa als Wirtschaftsgemeinschaft ist schon ein gutes Stück vorangekommen. Aber letztlich ist das europäische Projekt zum Scheitern verurteilt, wenn nicht rasch ein gemeinsamer kultureller, politischer und vor allem demokratischer Raum entsteht. Wenn die Integration ein weitgehend unpolitischer Prozess bleibt, bei dem es im Grunde nur um den freien Markt, die gemeinsame Währung und ähnliche Fragen geht, wird die Union nicht viel mehr als eine Art Freihandelszone mit Goldrand werden.“

Auf der Suche nach der Seele Europas reist Geert Mak durch das 20. Jahrhundert

Auf der Suche nach der Seele Europas reist Geert Mak durch das 20. Jahrhundert

Vielleicht sollten sich die EU-Mitglieder (und damit auch wir), in Abwandelung eines Gedankens von John F. Kennedy gerade jetzt zur Europawahl 2019 fragen, was sie für Europa tun können und nicht immer nur darauf schielen, wie Brüssel den eigenen nationalen Interessen (z.B. der Autoindustrie) dienen kann?

In diesem Sinne: Überlassen wir Europa nicht den populistischen und nationalistischen Rattenfängern. Gehen wir wählen!

N. / C.

Information zum Buch

Geert Mak
In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert
Pantheon Verlag / Random House, 2007
ISBN: 978-3-570-55018-2

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Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz

An Neuffer

Im März 1794

Noch kehrt in mich der süße Frühling wieder,
Noch altert nicht mein kindischfröhlich Herz,
Noch rinnt vom Auge mir der Tau der Liebe nieder
Noch lebt in mir der Hoffnung Lust und Schmerz.

Noch tröstet mich mit süßer Augenweide
Der blaue Himmel und die grüne Flur,
Mir reicht die Göttliche den Taumelkelch der Freude,
Die jugendliche freundliche Natur.

Getrost! es ist der Schmerzen wert, dies Leben,
So lang uns Armen Gottes Sonne scheint,
Und Bilder beßrer Zeit um unsre Seele schweben,
Und ach! mit uns ein freundlich Auge weint.

Friedrich Hölderlin

Neuffer, an den Hölderlin diese Verse richtet, war ein Freund und Studienkollege am Evangelischen Stift in Tübingen. Sehr anschaulich schildert Peter Härtling diese Freundschaft in seinem Roman „Hölderlin“. Dabei schreibt Härtling keine Biographie, wie er gleich zu Anfang seines Buches erklärt.

„Ich schreibe vielleicht eine Annäherung. Ich schreibe von jemandem, den ich nur aus seinen Gedichten, Briefen, aus seiner Prosa, aus vielen anderen Zeugnissen kenne. Und von Bildnissen, die mit Sätzen zu beleben versuche. Er ist in meiner Schilderung sicher ein anderer. Denn ich kann seine Gedanken nicht nachdenken.“

(aus: Peter Härtling. Hölderlin. Ein Roman)

Wie Peter Härtling sich tastend und dabei sich immer wieder in Frage stellend diesem Hölderlin annähert, ist lesenswert und bringt einem den Tübinger Turmbewohner sehr nahe.

Information zum Buch

Peter Härtling
Hölderlin. Ein Roman
dtv Verlag, 1993
ISBN 978-3-423-11828-6

Wir wünschen Frohe Ostern und möglichst oft ein kindischfröhlich Herz!

N.K. / C.K.

Schöne Postkarte Nr. 217 · Hölderlinturm in Tübingen im Neckar gespiegelt © 2018

Schöne Postkarte Nr. 217 · Hölderlinturm in Tübingen im Neckar gespiegelt © 2018

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Von Pflanzen, Tieren und einer Wiese

Kein schwarzes Schaf, sondern ein ausgelassener Bouvier auf einer Wiese in den Cotswolds

Kein schwarzes Schaf, sondern ein ausgelassener Bouvier auf einer Wiese in den Cotswolds

Das Glück liegt in der Wiese

„Le Bonheur est dans le pré“, so heißt es in einem Gedicht des Franzosen Paul Fort: das Glück liegt in der Wiese. Das mag sein, möchte man erwidern, allerdings: wo gibt es denn noch richtige Wiesen? „97 Prozent der traditionellen Wiesen sind verschwunden“, schreibt der englische Historiker, Autor und Farmer John Lewis-Stempel in seinem Buch „Meadowland. The Private Life of an English Field“, das 2014 erschien und von Lesern und Kritikern gleichermaßen gelobt wurde.

Mir wurde das Buch von unserer Leserin Frau F. aus Dietzenbach empfohlen, die unserem Blog seit Jahren gewogen ist. Und was soll ich sagen? Ich habe gerade die englische Fassung von „Meadowland“, das seit 2017 bei Dumont in der deutschen Fassung „Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren“ zu haben ist, beendet, und mich hat das Buch sehr angesprochen. Auch wenn ich, was ich gerne zugebe, immer wieder die Wiesenpflanzen nachschlagen musste, die der Autor sehr anschaulich beschreibt.

800 Jahre alte Hecken

Dem 52jährigen Lewis-Stempel gelingt es, ein lebendiges Portrait einer Wiese zu zeichnen. Diese ist Teil des Bauernhofs in Herefordshire an der Grenze zu Wales, auf dem seine Familie seit rund 700 Jahren lebt. In 12 Monatskapiteln nimmt uns der belesene Farmer an die Hand und zeigt uns, wie viel Leben, wie viel Schönheit, aber auch wie viel Drama ein paar Hektar traditionelle Wiese zu bieten haben. Lewis-Stempel verknüpft gekonnt exakte Naturbeobachtungen mit gleichermaßen lehrreichen wie unterhaltsamen historischen oder literarischen Abschweifungen. Wenn er etwa vom Leben erzählt, das in einer 800 (!) Jahre alten Hecke am Wiesenrand herrscht, meint man, es fast summen und vibrieren zu hören und möchte sich beim Lesen zwischendurch kratzen. Es könnte ja sein, dass ein Käfer aus dem Buch rauskrabbelt.

Mädesüß und Aspirin

Ich habe viel gelernt bei der Lektüre dieses Buches, zum Beispiel, dass der Deutsche Felix Hoffmann im Jahr 1897 eine synthetische Version von Acetylsalicylsäure geschaffen hat, die wir heute als Aspirin kennen. Der Name Aspirin leitet sich von Spiraea ulmaria ab, dem Mädesüß, einer Pflanze, die bis zu 2 Meter hoch werden kann und auf nährstoffreichen, feuchten Wiesen zu Hause ist. Auf Englisch heißt die Pflanze Meadowsweet und wurde in vergangenen Jahrhunderten zur Aromatisierung von Honigwein verwendet. Bei Lewis-Stempel lesen wir, dass Mädesüß schon im Bronzezeitalter bekannt war und dort als heiliges Kraut galt, dessen Genuss kein Kopfweh verursacht – wegen des salicylathaltigen Blütenkopfes. Dieses Wissen war wohl der Ausgangspunkt für Hoffmanns wissenschaftliche Arbeit und damit die Grundlage für den Weltruf des Unternehmens Bayer. Einen Ruf, den der aktuelle Bayer-Vorstandsvorsitzende gerade mit der Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto sehenden Auges an die Wand fährt. Aber das nur am Rande.

Als Zugabe schenkt uns der Autor noch ein reichhaltiges Literatur- und Musikverzeichnis rund um das Thema Wiese. Die Kritikerin von der Frankfurter Rundschau schrieb, man müsse Lewis-Stempel schon alleine dafür umarmen. Wie recht sie hat.

Information zum Buch

John-Lewis Stempel
Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren
Dumont Verlag, 2017
ISBN 978-3-8321-9863-3
erscheint als Taschenbuch im Juni 2019

Infos zur englischen Ausgabe gibt’s hier.

Wir wünschen schöne Stunden – beim Lesen und auf der Wiese

N.K. / C.K.

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Freitagsfoto: Bärlauch – Wild Garlic

Bärlauch im Schönbuch bei Tübingen. Foto: Norbert Kraas

Bärlauch im Schönbuch bei Tübingen. Foto: Norbert Kraas

The wild garlic
stands high. Oh my,
the year flashes by

Der Bärlauch
steht hoch. Ach,
das Jahr rast dahin

For Jack Ridl, poet and friend and Dumbledore of Creative Writing, whose new poetry volume “Saint Peter and The Goldfinch” is out since April 1 (no joke!) and will be celebrated today in Douglas, Michigan. Those who know Jack Ridl’s poems know that they fall into that special category Garrison Keillor once called “Good Poems for Hard Times”.

A detailed review (in German, though) will follow here.

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Die Alb, ein quer durchs Land gebautes Riff

Schwäbische Alb mit dem Hohenzollern, einem dem Albtrauf vorgelagerten Zeugenberg

Schwäbische Alb mit dem Hohenzollern, einem dem Albtrauf vorgelagerten Zeugenberg

An meine Schwester

Übernacht’ ich im Dorf

Albluft

Straße hinunter

Haus     Wiedersehn.     Sonne der Heimath

Kahnfahrt,

Freunde          Männer und Mutter.

Schlummer

Friedrich Hölderlin

Letzte Woche war Frühlingsanfang, am 20. März, dem Geburtstag  Hölderlins. Am 21. wurde der Welttag der Poesie begangen. Weil ich diese beiden Dinge, Hölderlins Geburtstag und den Welttag der Poesie, unbedingt mit der Schwäbischen Alb in einem Text unterbringen wollte, bin in auf der Suche nach einem Gedicht Hölderlins über die Alb auf dieses Buch gestoßen:

„Albgeschichten“

Dieser Band bewohnt schon seit längerer Zeit unser Bücherregal, immer mal wieder ziehe ich ihn raus und lese darin. Die Herausgeber Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger und Hermann Bausinger haben auf gut 300 Seiten eine bemerkenswerte Sammlung klassischer und moderner Texte rund um die Schwäbische Alb zusammengetragen: Gedichte, Geschichten, Reiseberichte und manches mehr. Das Buch ist in neun Abteilungen gegliedert, so dass man sich als Leser den literarischen Aufstieg zur Alb selbst wählen kann.

  • Annäherung
  • Vorzeit
  • Wandern
  • Leute
  • Natur
  • Höhlen
  • Burgen und Berge
  • Brüche
  • Übergang

Es würde zu weit führen, hier alle Autorinnen und Autoren mit ihren Texten aufzuführen, ein paar seien aber doch genannt: Peter Härtling ist dabei; Mörike natürlich; HAP Grieshaber und seine Lebensgefährtin Margarete Hannsmann; Uwe Zellmer vom Theater Lindenhof in Melchingen; David Friedrich Weinland, Schöpfer des großartigen „Rulaman“; aber auch feine Dichter wie Walle Sayer aus Bieringen oder Bernd Storz aus Ravensburg, letzterer mit einem sehr nachdenklich machenden Gedicht über den Ort Buttenhausen an der Großen Lauter, in dem es bis ins 19. Jahrhundert eine sehr große jüdische Gemeinde gab. 1870 zählte diese 442 Mitglieder und stellte mehr als 50 Prozent der Einwohner des Dorfes. 97 Juden lebten laut Wikipedia 1933 noch in Buttenhausen, von ihnen wurden 24 in Riga und Theresienstadt ermordet.

Buttenhausen

Die bemoosten Grabsteine. An der Auffahrt
stand die Synagoge.

Judenkinder, Christenkinder
Himmel und Hölle
und an Ostern
Eierrollen.

An der Lauter das Haus
flatternde Wäsche
dunkelhäutige Kinder

Aus- und Einblicke

Die bei Klöpfer & Meyer erschienenen „Albgeschichten“ sind ein literarisches Schatzkästlein, und wenn noch Platz im Rucksack ist, ein bereicherndes Vademedum bei der nächsten Wanderung auf der Schwäbischen Alb. Besondere Aus- und Einblicke garantiert. Wie heißt es so schön am Ende von Peter Härtlings Gedicht „Die Alb“, dem ersten Beitrag im Buch:

Schön geht der Blick
hinunter ins Land,
wenn er fliegen lernt
und schwindelnd stürzt
von diesem quer
durchs Land gebauten Riff

Buchinformationen

Albgeschichten
Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger, Hermann Bausinger (Hg.)
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 2008, 2. Auflage
ISBN 978-3-940086-13-6
zur Zeit nur noch antiquarisch erhältlich

Der Verlag macht mich gerade darauf aufmerksam, dass die dritte, überarbeitete und erweiterte Auflage der „Albgeschichten“ 2017 unter dem Titel „Wundersame blaue Mauer!“ erschienen und noch lieferbar ist.

Wundersame blaue Mauer!
Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger, Hermann Bausinger (Hg.)
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 2017
ISBN 978-3-86351-460-0

Wundersame rötliche Mauer! Tübinger Österberg vor dem Albtrauf, gesehen vom Steinenberg in winterlicher Frühe.

Wundersame rötliche Mauer! Tübinger Österberg vor dem Albtrauf, gesehen vom Steinenberg in winterlicher Frühe.

Wanderer Hölderlin

Hölderlin soll in besseren Zeiten fünfzig Kilometer am Tag gewandert sein und dabei teils mit Händen, teils mit Füßen Metrum und Rhythmus neuer Verse erprobt haben. So schreibt Kurt Oesterle in seinem Hölderlin-Aufsatz „Die Linien des Lebens sind verschieden“. Der Text ist in dem Band „Heimatsplitter im Weltgebäude“ enthalten, den man auf der Seite des Autors als pdf oder E-Book herunterladen kann. Wäre es nicht schön, lieber Klöpfer & Meyer Verlag, wenn man daraus ein schönes, ein richtiges Buch machen würde?

Allseits sicheren Tritt wünschen wir Euch!

N.K. / C.K.

P.S. Vor ein paar Monaten habe ich übrigens eine nützliche App entdeckt, die einem die Namen all’ der vielen großen und kleinen Kuppen der Schwäbischen Alb zuverlässig anzeigt. Peak Finder heißt das Programm; es funktioniert.

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Der Frühlingsanfang riecht nach Erde

Bei Issa sind es Holzschuhe. Meine Frau liebt ihre Gummistiefel und den Geruch von Erde.

Bei Issa sind es Holzschuhe. Meine Frau liebt ihre Gummistiefel und den Geruch von Erde.

Für alle Türen
Ist der Dreck der Holzschuhe
Der Frühlingsanfang.

Issa

Haiku zum Frühling

Auf dieses schöne Haiku von Kobayashi Issa (1763 – 1828) bin ich in der 2018 bei Reclam erschienenen Anthologie „Das Buch der klassischen Haiku“ gestoßen. Jan Ulenbrook (1909 – 2000) hat die Auswahl der Haiku zu den Themen Neujahr, Frühling, Sommer, Herbst, Winter vorgenommen. Die schönen, klaren, schnörkellosen Übersetzungen sind auch von Ulenbrook, ebenso das kundige Nachwort zum Haiku als literarische Gattung. Ein handlicher schöner Band mit mehr als eintausend Haiku, den man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

Nach Erde riechen

Margret Atwood, die kanadische Schriftstellerin, die 2017 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat auch etwas Schönes zum Thema Gärtnern geschrieben:

“Gardening is not a rational act. What matters is the immersion of the hands in the earth, that ancient ceremony of which the Pope kissing the tarmac is merely a pallid vestigial remnant. In the spring, at the end of the day, you should smell like dirt.”

„Gärtnern ist kein rationaler Akt. Worauf es ankommt, ist das Eintauchen der Hände in die Erde, jene alte Zeremonie, von der das päpstliche Küssen des Bodens nur ein fader, kümmerlicher Überbleibsel ist. Am Ende eines Tages im Frühjahr solltest du nach Erde riechen.“

Klingt gut, nicht wahr? Morgen hat übrigens in der Tübinger Staudengärnterei von Erika Jantzen erstmals das Gartencafé geöffnet. Also, Gummistiefel raus, graben und pflanzen und in der Pause ein paar Haiku zur Erholung lesen!

Information zum Buch

Das Buch der klassischen Haiku
Auswahl, Übersetzung, Nachwort von Jan Ulenbrook
Reclam, 2018, aktualisierte, gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3-15-011175-8

Schöne Postkarten Nr. 237. © 2018 Schöne Postkarten

Schöne Postkarte Nr. 237. Bezugsquellen hier: © 2018 Schöne Postkarten

Schönes Wochenende!

N.K. / C.K.

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„Martha und ihre Söhne“ – ein besonderer Heimatroman

„Am wohlsten fühlte sie sich mit ihren Söhnen im Wald.“ aus: Martha und ihre Söhne

„Am wohlsten fühlte sie sich mit ihren Söhnen im Wald.“ aus: „Martha und ihre Söhne“

„Zuerst zerstört der Krieg fremder Leute Heimat, doch schließlich auch die eigene, ja zumindest bürgert er in ihr eine unerhörte Fremde ein, die bei genauem Hinsehen nicht wieder weicht.“

Diesen tiefgründigen Satz des in Tübingen lebenden Autors Kurt Oesterle habe ich vor ein paar Wochen in seinem Aufsatz zum Thema Heimat gelesen. Ein Zitat, das nicht nur gut zur aktuellen Heimat-Diskussion passt, sondern auch zu dem Roman, den wir heute vorstellen.

Ein besonderer Heimatroman

„Martha und ihre Söhne“ heißt dieser Heimat- und Nachkriegsroman, den Oesterle 2016 veröffentlicht hat. Die Geschichte spielt in einem Dorf in Süddeutschland und setzt unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Ein Krieg, in dem die Deutschen nicht nur die Heimat zahlreicher fremder Völker in Europa zerstört und verwüstet haben. Auch die Heimat von Martha, der Hauptfigur des Romans, liegt in Trümmern – gleich in mehrfachem Sinn. All das, wofür Martha gelebt hat, was sie bewundert, ja verehrt hat, ist auf einmal wertlos.

Wenn sie sich zum Nachdenken zwang, fand sie wenig Grund zur Hoffnung: ihr Vater war in Gefangenschaft, ihr älterer Bruder noch im Krieg, ihr zweitältester vermißt seit der Schlacht um Stalingrad, und ihre Mutter schien allmählich dem Wahnsinn zu verfallen.“

In den Frieden hineingeworfen

Martha, die mit großer Begeisterung dem Regime anhing, fühlt sich hilflos hineingeworfen in den neuen Frieden, die Freiheit und die Demokratie, die die einstigen Feinde, die Amerikaner, den Deutschen beibringen wollen. Die einst vom Führerstaat überzeugte Martha will aber von Freiheit und Demokratie nichts wissen, denn:

„Wie hatte sie, Martha, sich zusammen mit ihresgleichen doch geborgen gefühlt in diesem Staat: geborgen in wohliger Unmündigkeit, grad wie ein Kind!“

Beim Pflicht-Demokratieunterricht der amerikanischen Besatzer verachtet sie den amerikanischen Offizier, der den Unterricht hält, insgeheim für seine freundliche, von ihr als überheblich empfundene Art. Und ihre Angst vor Bestrafung wegen ihrer jahrelangen Regimetreue lässt ihr keine Ruhe:

„Die Zeit schien auf der Stelle zu treten, es gab weder Vergangenheit noch Zukunft. Es gab nur die immergleiche Gegenwart der Besatzung und die Straferwartung.“

Um der Strafe durch die Besatzer zu entgehen, beseitigt Martha, bei Kriegsende noch keine 20 Jahre alt, alles, was auch nur entfernt auf die Nähe ihrer Familie zum alten Regime hindeuten könnte: angefangen beim Portrait des Führers, das in der Küche hing, ja selbst die Zöpfe „schnitt Martha sich ab und legte sie auf den Haufen mit den verräterischen Dingen.“

Weil ihr das noch immer nicht genug erscheint, und weil ihre Tante Kätter wie eine Seherin unaufhörlich von der fürchterlichen Strafe spricht, die über dieses Volk kommen werde, das so hoch hinaus wollte, beschließt Martha in ihrer Verzweiflung so schnell wie möglich, Zuflucht im vermeintlich sicheren Hafen von Ehe und Mutterschaft zu suchen. Sie entscheidet sich für den erstbesten Verehrer, einen ehemaligen Soldaten aus dem Osten des untergegangenen Reichs.

„Der ist der Richtige, sagte sie sich, von dem weiß ich nichts, und der will bestimmt auch von mir nur das Nötigste wissen.“

Ohne Führer führungslos

Wie Oesterle in dichten Szenen und mit seiner schnörkellosen Sprache diese Atmosphäre der Führer- und Führungslosigkeit, des Mißtrauens und Nichtmehrwissenwollens unter den Dorfbewohnern schildert, ist packend und überzeugend. Martha jedenfalls leidet unter dieser Atmosphäre und unter ihrer Angst. Zwei in kurzem Abstand geborene Söhne, Helmut und Alfred, sollen sie ein für alle Mal vor der Strafe der Besatzer bewahren. Die beiden sollen sie auf dem Weg in die neue Zeit führen, und Martha beginnt „wenn auch nur schwach an die Zukunft zu glauben.“ Mit der Protagonistin glaubt auch der Leser für einen Moment an eine bessere Zukunft, um sogleich von dem feinen Stilisten Oesterle knallhart auf den Boden der Tatsachen geholt zu werden.

„Ihr Glaube an das untergegangene Regime indes war nur betäubt und sank hinunter ins Unbewußte, von wo er mit langen Schattenfingern kaum merklich auf ihr Denken, Fühlen und Handeln einwirkte.“

Die Geschichte Marthas, ihrer Familie und ihres Dorfes lässt keinen Zweifel daran, dass es mit der erfolgreichen Entnazifizierung und dem moralischen Neuanfang nach dem 8. Mai 1945 nicht weit her war. Ein ums andere Mal schildert Oesterle in diesem gelungenen Panorama der unmittelbaren Nachkriegszeit, wie sehr die Traumata in den Dorfbewohnern und in den hinzugezogenen Flüchtlingen nachwirken; und wie diese Traumata von Martha und ihrer Generation an deren Kinder weitergegeben wurden.

Große Leere, tiefe Verunsicherung

Marthas Söhne leiden jeder auf seine Art unter den von Ängsten, Verwirrung und einer unglaublichen Leere geprägten Erziehungsversuchen. Es ist bewegend zu lesen, wie Oesterle an Martha, dem Kind einer Diktatur, zeigt, dass sie „nichts besaß, was des Weitergebens wert gewesen wäre, nur das Wissen der Diktatur eben, das von den Siegern verfemt und verboten worden war, unwiderruflich.“ Man muss kein Mitleid mit Martha haben, aber als Leser fühlt man dennoch mit ihr. Und damit verändert sich auch der Blick auf die eigenen Eltern und Großeltern.

Die junge Mutter nimmt ihre Ängste und ihre tiefe Verunsicherung als Gewusel im Kopf wahr, und sie fragt sich, was denn „ihre wahre Denkungsart“ ist. „Hing ihr Herz immer noch am alten Regime und dessen Führern? Auch das konnte sie nicht erkennen. Und wo waren ihre Überzeugungen geblieben? Hatte sie überhaupt je welche besessen?“

Aber während Martha immerhin zweifelt und – vergeblich – nach ihren innersten Überzeugungen forscht, führt uns Oesterle gegen Ende dieses sehr lesenswerten Romans vor, wie wenig die Entnazifizierung gewirkt hat. Marthas Schwager, „ein zweitrangiger Führer während des Regimes“, prahlt nach den ersten freien Wahlen (!) beim sonntäglichen Kaffeetisch damit, wie

„man Gefangene im Sommer ins Erdreich eingrub und ihre Schädel von der Sonne dörren ließ, wie man sie im Winter an Bäume fesselte und mit Wasser beschoß, bis sie wie lebende Eiszapfen an den Ästen hingen und in diesem Leben nicht wieder auftauten.“

Hinsehen statt Wegsehen

Vor ein paar Wochen lief im Fernsehen ein sehenswerter Spielfilm über die ersten Auschwitzprozesse, die nach 1963 in Deutschland zur Aufarbeitung des Holocausts geführt wurden. Von den Gegnern dieser Verfahren wird im Film immer wieder das Argument vorgebracht, man müsse diese „Sachen“ um der Zukunft Willen ruhen lassen, weil das Land sonst nicht heilen könne. „Martha und ihre Söhne“ beweist das Gegenteil. Das Land und die Menschen kommen eben nicht zur Ruhe, wenn man die Gräueltaten ohne jede Einsicht und Reue totschweigt.

„Ihr schämt euch nicht genug für eure Dummheit, eure Mitschuld, eure Zustimmung und euer Wegsehen unter dem alten Regime!“

So schreit Kätter, Marthas Tante, gegen Ende der Umerziehungskurse, die man nach der Lektüre dieses Romans als naive demokratische Schnellbleiche bezeichnen darf.

„Martha und ihre Söhne“ ist kein Wohlfühlroman. Kurt Oesterle hat in seiner klaren, deutlichen Sprache ein wichtiges, lehrreiches Buch geschrieben, das uns das Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit und die lange nachwirkenden Traumata des Naziregimes in vielen dichten, einprägsamen Szenen nahebringt. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt!

Information zum Buch

Kurt Oesterle
Martha und ihre Söhne
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen, 2016
ISBN 978-3-86351-414-3

Wer sich über Kurt Oesterle und seine Bücher und Aufsätze informieren möchte, kann dies auf seiner Homepage tun.

N.K. / C.K.