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Hashtag zum Geburtstag: #hoelderlin2020

Nicht mehr hölderlingelb, sondern deutlich heller, dafür aber frisch renoviert: der Hölderlinturm in Tübingen im Hölderlinjahr 2020

Nicht mehr „hölderlingelb“, sondern deutlich heller, dafür frisch renoviert: Hölderlinturm 2020

Hölderlinturm 2020

Hölderlinbüste am Hölderlinturm, Tübingen am Neckar | Schöne Postkarte Nr. 212

Hölderlinbüste am Hölderlinturm, | Schöne Postkarte Nr. 212

Das Hölderlin-Jahr 2020, in dem wir den 250. Geburtstags des Dichters Friedrich Hölderlin (20. März 1770 – 7. Juni 1843) feiern, nimmt Fahrt auf. Vor knapp zwei Wochen wurde in Tübingen der Hölderlinturm, das Wahrzeichen unserer „kleinen großen Stadt“ (Inge und Walter Jens), nach einer zweijährigen Renovierungsphase wieder eröffnet. Auch der Garten am Hölderlinturm wurde neu angelegt. Wer mag, hier gibt es die Reportage zur Eröffnung zu sehen.

 

Die Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg des Deutschen Literaturarchivs Marbach hat zur Eröffnung eine neue Dauerausstellung konzipiert. Wir haben sie noch nicht gesehen, aber der Kritiker Alex Rühle von der Süddeutschen Zeitung war sehr angetan, wie man hier nachlesen kann.
Auch da mein Neckar: Stocherkahn am Hölderlinturm, Tübingen am Neckar | Schöne Postkarte Nr. 198 ·

Auch da mein Neckar: Stocherkahn am Hölderlinturm | Schöne Postkarte Nr. 198 ·

#Hoelderlin2020

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat unter der Internetadresse Hoelderlin2020.de ein informatives Hölderlin-Portal eingerichtet, rund 650 Veranstaltungen  sind dort aufgeführt.
Einzelne Hölderlin-Städte wie Lauffen, Nürtingen oder Tübingen informieren darüber hinaus auf eigenen Webseiten über ihre Veranstaltungen.
  • Das Hölderlin-Programm 2020 in Tübingen findet man hier
  • Lauffen am Neckar informiert Hölderlin-Interessierte hier
  • Nürtingen, wo der „Holder“ aufgewachsen ist, hat hier Infos zusammengestellt
  • Auch die Homepage der Hölderlin-Gesellschaft präsentiert sich neu
Hölderlinturm in Tübingen am Neckar | Schöne Postkarte Nr. 93 | www.schoenepostkarten.de

Hölderlinturm in Tübingen am Neckar | Schöne Postkarte | Nr. 93

Hölderlin lesen

Natürlich gibt es auch in so einem Jahr neue Bücher zu Hölderlin, darunter ein Buch des Tübinger Autors Kurt Oesterle mit dem Titel „Wir und Hölderlin ? Was der größte Dichter der Deutschen uns 250 Jahre nach seiner Geburt noch zu sagen hat“. Das Buch kam vor wenigen Tagen in die Buchhandlungen. Wir haben es schon gelesen und werden es hier im Reklamekasper noch vorstellen. Vorab können wir sagen, dass es Oesterle gelingt, diesen oft rätselhaften und schwierigen Dichter aus dem Elfenbeinturm rauszuholen und für die Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts zu erschließen.

Mit Hölderlin grüßen

Wer übrigens mit Hölderlin literarische Grüße versenden will (es muss ja keine Ode sein) der kann dies mit unseren Hölderlin-Postkarten tun, die es in Tübingen und Umgebung in etlichen Buchhandlungen, Geschäften und auch im Hölderlinturm zu kaufen. Alle Motive kann man hier schön groß ansehen.

Hölderlinturm am Neckar in der Morgensonne | Schöne Postkarte Nr. 239

Hölderlinturm am Neckar in der Morgensonne | Schöne Postkarte Nr. 239

Das Schlusswort hat heute der Mann aus dem Turm:

Pros eauton

Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben,
      Siehst du das eine recht, siehst du das andere auch.

Friedrich Hölderlin

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Vogelbeobachtung – Senkrechte in der Zeit

Zarte Schönheit: Eisvogel (Alcedo atthis) am Neujahrstag 2020 am Neckar in Tübingen

Zarte Schönheit: Eisvogel (Alcedo atthis) am Neujahrstag 2020 am Neckar in Tübingen

Geduld

Am Neujahrstag 2020 sind wir in aller Frühe am Neckar entlang spaziert. Es war kalt, aber dies ist eine gute Zeit für Fotostreifzüge, weil sich die Stadt selten so ruhig und entspannt präsentiert. Die Kamera in den klammen Händen waren wir auf der Suche nach einem Eisvogel, der sich dort am Ufer in der Nähe eines Stauwehrs aufhalten sollte. Ich hatte noch nie einen Eisvogel gesehen und deshalb mit höchster Konzentration jeden einzelnen Ast des Ufergebüschs mit den Augen abgescannt. Alles Mögliche hing da im Gestrüpp: Plastikfetzen, alte Handschuhe, Getränkedosen. Vom Eisvogel keine Spur.

Uns wurde allmählich richtig kalt, übermüdet waren wir auch, so dass wir die Suche schon aufgeben wollten, als plötzlich in meinem Augenwinkel etwas bläulich aufschimmerte. Ich dachte zuerst an einen Lichtreflex, aber da war er, der Eisvogel. Viel kleiner als erwartet (ich bin kein erfahrener Birder!) und trotz seines blaugrün schimmernden Oberkleides nicht sofort zu sehen. Welch Anblick von zarter Schönheit!

Wenn man zum ersten Mal mit dem Fernglas einen Gimpel, einen Eisvogel oder auch einen Eichelhäher in den strahlenden Farben ihres Prachtkleides vor sich sieht, ist man wie betäubt. Was ist einem da entgangen!

Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Buch, das wir heute vorstellen, ist keine Anleitung zur Vogelbeobachtung und auch kein ornithologisches Bestimmungsbuch. Und es ist auch keine Einführung in den Zen-Buddhismus, wie der Titel suggeriert. Arnulf Conradi, früherer Chef des Berlin-Verlags und seit seiner Jugend passionierter Hobby-Ornithologe, hat mit „Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung“ ein Loblied auf die Vogelbeobachtung und auf das Innehalten geschrieben.

Wer sich auf die Vogelbeobachtung einlässt, und es gibt Länder, wo dieses Hobby viel verbreiteter ist als bei uns, der wird, so der Autor, mit einer gesteigerten Wahrnehmung der Natur belohnt. Wir können das nur bestätigen.

Die Vogelbeobachtung stärkt etwas in uns, was man das visuelle Gedächtnis nennen kann, aber nicht nur das – auch die Umgebung, in der man dieses Erlebnis gehabt hat, prägt sich ein, sodass auch kleine und scheinbar unbedeutende Dinge in der Erinnerung haften bleiben.

Manchmal kommen Vögel ja auch zum Beobachter wie dieser Eichelhäher (Garrulus glandarius)

Manchmal kommen Vögel ja auch zum Beobachter wie dieser Eichelhäher (Garrulus glandarius)

Davonfliegen

Dabei muss man nicht unbedingt in die Antarktis reisen, wo Conradi sich vom Anblick eines Wanderalbatros hinwegtragen lässt. Er schildert diese Begegnung im ersten Kapitel in so anschaulich, dass man als Leser*in das Gefühl hat, man wäre selbst dabei: frierend auf dem Heck des Schiffes, das sich in der Nähe von Cap Hoorn durch die Wellen kämpft und dann auf den Schwingen des Wanderalbatros. Dieser mächtige Vogel hat eine Flügelspannweite gut 350 cm und ist in der Lage, bis zu tausend Kilometer am Tag zurückzulegen. Conradi ist von diesem Erlebnis so ergriffen, dass er sogar die eisige Kälte vergisst, während er sich ganz in den Vogel versenkt:

Ich verschwand in dem magischen Gleiten des großen Vogels, der da langsam auf mich zukam. In der Beobachtung wurde ich für lange Minuten Teil seines Fluges, Teil dieser Leichtigkeit und Schönheit.

Aufmerksam sein

Aber was hat Zen mit Vogelbeobachtung zu tun, und muss man Zen-Buddhist sein, um Vögel zu beobachten? Muss man natürlich nicht. Aber es ist sehr geschickt, wie Conradi en passant eine kleine, verständliche Einführung in den Zen-Buddhismus mit der Kunst der Vogelbeobachtung verwebt. Er erläutert die kontemplative, also beobachtende Haltung von Zen und macht dann deutlich, dass es weder beim Zen noch beim Birding, wie die Engländer sagen, um ein absichtliches Wollen geht. Jeder Ehrgeiz wäre fehl am Platz!

Das Rotkehlchen (Erithacus rubecula), Lieblingsvogel englischer Birder

Das Rotkehlchen (Erithacus rubecula), Lieblingsvogel englischer Birder

Es geht nicht darum, diesen oder jenen seltenen Vogel rund um den Erdball zu jagen (obwohl es natürlich solche „Birder“ auch gibt); es kommt auch nicht darauf an, jeden Vogel, den wir sehen oder hören, fehlerfrei zu bestimmen. Es geht um die bewusste Haltung der aufmerksamen, wachen Wahrnehmung der Umgebung, anderer Menschen und vor allem der Natur. Und genau hier liegt für den 1944 geborenen Autor der Schnittpunkt von Zen und Vogelbeobachtung.

Die Aufmerksamkeit, mit der man Vögel wahrnimmt, hat zugleich etwas Waches (die Vögel sind so lebhaft und schnell) und Meditatives an sich.

Was Conradi damit meint, wird deutlich, wenn er einen Waldgang mit Fernglas und Riesenschnauzer-Hündin Lolla beschreibt. Dieser Wald in der Nähe seines Hauses in der Uckermarck wird durchzogen von einem Fließ, einem drei Meter breiten Wasserlauf, der dem urwaldartigen Stück Land eine ganz besondere Atmosphäre verleiht. Conradi schafft es hier, wie auch an anderen Stellen im Buch, aufzuzeigen, wie aus der Vogelbeobachtung ganz nebenbei ein genaueres Beobachten und Wahrnehmen der Natur wird. Es macht Freude diese Naturbeschreibungen zu lesen, und motiviert, beim nächsten Spaziergang öfter stehen zu bleiben, zu lauschen und in die Runde zu schauen.

Blickduell im Grunewald

Neben der Antarktis und der Seenlandschaft der Uckermarck nimmt uns Conradi mit ins Allgäu, wo er beim Langlaufen an einem verschneiten Bachlauf eine Wasseramsel entdeckt, der einzige Singvogel, der taucht und schwimmt. Auf Helgoland beobachtet er den sogenannten Lummensprung junger, noch flugunfähiger Trottellummen, die sich, angefeuert von ihren Vogelvätern, von einer Klippe stürzen. Im Kapitel über Sylt erklärt er, wie die synchron wirkenden Bewegungen riesiger Vogelschwärme zustande kommen: von der Mitte der Vogelwolke aus, die keinen wirklichen Anführer hat. Und im Berliner Grunewald begegnet Conradi Schwarzspechten, Schwänen und Zeisigen und einmal einem großen Keiler, der sich ein High-Noon-Blickduell mit Hund Lolla liefert. Jeder, der schon mal einem Wildschwein im Wald begegnet ist, weiß, dass in solchen Situationen jede Menge Adrenalin durch die Adern aller Beteiligen fließt.

Senkrechte der Zeit

Conradis Abschweifungen in die Literatur, Philosophie und Musik (singen Amseln schöner oder Nachtigallen?) machen dieses sorgsam gestaltete, in Leinen gebundene Buch in meinen Augen besonders lesenswert.

So etwa in der Mitte des Buches macht uns der Autor mit dem französischen Philosophen Henri Bergson (1859 – 1941) vertraut, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts kluge Gedanken zum Thema Zeit machte. Conradi über Bergson:

Er unterschied dabei »temps« und »durée«, also Zeit und Dauer. Den Begriff der »temps« assoziierte er mit dem mechanischen Ablauf der Zeit, wie der Zeiger jeder Bahnhofsuhr sie ruckend anzeigt, den Begriff »durée« mit der subjektiven Erfahrung der Zeit, die eben so gar nicht nach Art der gleichförmig tickenden Uhr vergeht.

Über diesen philosophischen Exkurs landet Conradi wieder bei der Vogelbeobachtung. Denn, wenn wir stehenbleiben, um einen Vogel zu beobachten, dann ist das, so Conradi, wie ein Innehalten, eine Besinnung, ein Hier und Jetzt, bei dem die Zeit nicht mehr ruckend weiterläuft, sondern stehenbleibt. Diese »durée« nennt er die Senkrechte der Zeit.

Das Lob des Stehenbleibens ist auch deshalb so berechtigt, weil das Verharren zu etwas führt, was man »Umsicht« nennen könnte, die plötzliche Wahrnehmung der Umgebung, in der man sich befindet. Es ist als öffne sich ein Vorhang (…).

Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung. Buchbesprechung.

Etliche Vorhänge öffnet auch dieses feine, kluge Buch, und es lohnt sich, bei der Lektüre immer wieder innezuhalten, oder – noch besser – das Fernglas zu schnappen und auf Entdeckungstour zu gehen. Vögel beobachten lehrt Demut und Geduld im Hier und Jetzt, und hat, wie wir mit dem Eisvogel gesehen haben, auch viel mit Glück zu tun.

Buchinformationen

Arnulf Conradi
Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung
Verlag Antje Kunstmann, München, 2019
ISBN 978-3-95614-289-5
240 Seiten, Hardcover mit Leinenumschlag
20 Euro

Weitere Informationen

Vogelbestimmung
Lars Svensson, Killian Mullarney, Dan Zetterström
Der Kosmos Vogelführer
Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, 2017
400 Seiten, Hardcover
29,99 Euro

Vogelstimmen
Eine interessante App ist Vogelstimmen ID von Sunbird. Gibt’s für iPhone und Android für 4,99 Euro

Ferngläser
Ferngläser gibt es viele, in allen Qualitäten und Preisen. Fakt ist, man braucht kein Profi-Fernglas, um in die Vogelbeobachtung einzusteigen. Die Süddeutsche hat vor einem Jahr mal einen kleinen Vergleichstest gemacht, den man hier online nachlesen kann

Vögel im Internet
Auch hier gibt es viele Seiten. Eine gute, seriöse Anlaufstation ist auf jeden Fall die Website des NABU Deutschland.

Wir danken Frau R. vom legendären Tübinger Teeladen Hinrichs Teehus für den Buchtipp!

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Virginia Woolf: Autorin, Feministin, Unkrautexpertin

Büste von Virginia Woolf (25.1.1882 – 28.3.1941) im Garten von Monk’s House in Rodmell, Sussex

Büste von Virginia Woolf (25.1.1882 – 28.3.1941) im Garten von Monk’s House in Rodmell, Sussex

Unkraut jäten macht glücklich

Am 31. Mai 1920 schrieb Virginia Woolf, deren Geburtstag wir am 25. Januar feiern, in ihr Tagebuch:

“The first pure joy of the garden . . . weeding all day to finish the beds in a queer sort of enthusiasm which made me say this is happiness.”

Virginia Woolf war eine große Autorin, schrieb Kurt Flasch in der FAZ vom 27.9.2008 in einer Besprechung zum Erscheinen des letzten Tagebuchbandes 5 (1936 – 1941) in deutscher Übersetzung. Flasch hält die Tagebücher für ein literarisches Ereignis und zählt Woolf, neben Proust und Joyce, zu den Autoren, die den Roman im 20. Jahrhundert wesentlich geprägt haben:

„Ihr feministisches Engangement verdeckt für manche ihre ästhetische Revolution, die darin bestand, vom inneren Bewusstseinsstrom aus zu erzählen und die moderne Zeiterfahrung zu beschreiben.“

Ich erinnere mich leider nur noch dunkel an Woolfs Roman „Zum Leuchtturm“, in dem wenig bis gar nichts passiert. Alles spielt sich in den Köpfen der Hauptfiguren ab, deren Gedanken und Wahrnehmungen Woolf beschreibt. Die kurze Beschäftigung mit Virginia Woolf für diesen Beitrag hat mir aber Lust gemacht, den Roman nochmals zu lesen, schließlich hat Leonard Woolf diesen Roman ein „philosophisches Gedicht“ genannt.

Mit Leonard Woolf wären wir wieder beim Anfang dieses Beitrags, nämlich beim Gärtnern. Er war im Jahr 1919 die treibende Kraft beim Kauf von Monk’s House, dem kleinen, äußerst spartanisch ausgestatteten Anwesen in Rodmell in der englischen Grafschaft Sussex, knapp 100 Kilometer südlich von London.

„Das Gärtnern war für Virginia und Leonard kein Selbstzweck; vielmehr half es ihnen, sich nach einer arbeitsreichen Woche in London zu entspannen.“

(Cecil Woolf, der Neffe der Woolfs)

Der Grüne Salon, das Wohnimmer von Virginia und Leonard Woolf in Monk’s House. Richtig warm wurde es dort selten.

Der Grüne Salon, das Wohnimmer der Woolfs in Monk’s House. Richtig warm wurde es dort selten.

Der Garten der Virginia Woolf

„Bis 1926 waren die Lebensumstände in Monk’s House so primitiv, wie es sich der an heutigen Komfort gewöhnte Mensch in keiner Weise vorstellen kann. […] Sehr schnell erklärte Leonard den Garten zu seinem Reich.“

Das schreibt Caroline Zoob in ihrem Buch „Der Garten der Virginia Woolf“, das für Leserinnen, die mit Virginia Woolfs Leben und Werk noch nicht vertraut sind, ebenso interessant ist, wie für Bewunderer englischer Gartenkultur oder Woolf-Kenner*innen. Zoob lebte mit ihrem Mann von 2000 bis 2001 in Monk’s House. Sie waren verantwortlich für das Anwesen mit dem großen Garten, den Leonard Woolf im Laufe der Jahre angelegt hat.

Das großformatige Buch mit Fotos von Caroline Alber erzählt die Geschichte von Monk’s House, beginnend mit dem Einzug der Woolfs am 1. September 1919. Neben dem Garten nehmen biografische Details und das Werk Virginia Woolfs einen angemessenen Raum in diesem Buch ein. Die schönen Fotos werden ergänzt durch historische Aufnahmen (wir sehen Virginia Woolf im Gespräch mit dem Ökonomen John Maynard Keynes), Gartenskizzen, Zeichnungen, Gemälde und Zitate mit Gartenbezug aus den Tagebüchern Virginia Woolfs. Im Anhang gibt es ein Literaturverzeichnis, einen Zitatennachweis und Gartenpläne von 1919 und 1932.

Caroline Zoob: Der Garten der Virginia Woolf„L. kümmert sich um die Rhododendren.“

Dies ist der letzte Satz in Woolfs Tagebüchern am 24. März 1941, bevor sie sich Steine in ihre Taschen füllte und sich am 28. März in dem Fluss Ouse ertränkte, der nur ein paar hundert Meter an Monk’s House vorbeifließt. Die furchtbaren Depressionen, an denen sie litt, hatten gesiegt. Ihre Urne wurde, ebenso wie später die ihres Mannes, im Garten von Monk’s House beigesetzt.

Wir haben Monk’s House im Mai 2017 besucht und waren ehrlich gesagt etwas enttäuscht vom Zustand des Gartens und des Hauses. Wir nehmen aber an, dass der National Trust, dem das Anwesen seit 1980 gehört, dieses literarhistorische so bedeutende Anwesen zwischenzeitlich wieder in einen würdigeren Zustand versetzt hat.

Buchinformationen

Caroline Zoob, Caroline Arber (Fotos)
Der Garten der Virginia Woolf
übersetzt von Claudia Arlinghaus
2013, Deutsche Verlags-Anstalt, München
ISBN: 978-3421039378
nur noch antiquarisch

Virginia Woolf
Gesammelte Werke in Einzelausgaben
als Taschenbücher im S. Fischer Verlag
Herausgeber Klaus Reichert
Link zu den Titeln

Als Einstieg in die Tagebücher:

Virginia Woolf
Schreiben für die eigenen Augen –
Aus den Tagebüchern 1915 – 1941
Herausgegeben von Nicole Seifert
Übersetzt von Maria Bosse-Sporleder, Claudia Wenner
FISCHER Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90457-0

Website der Virginia Woolf Society Great Britain

Die Virginia-Woolf-Gartenpostkarte

„Den ganzen Tag Unkraut gejätet [...]“ Virginia Woolf, Schöne Postkarte Nr. 2 © www.schoenepostkarten.de

„Den ganzen Tag Unkraut gejätet […]“ Virginia Woolf · © www.schoenepostkarten.de

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Heintje, Beethoven, Levit

Vor zwei Jahren stand es noch, das Klavier in Erika Jantzens Tübinger Staudengärtnerei

Vor zwei Jahren stand es noch, das Klavier in Erika Jantzens Tübinger Staudengärtnerei

Von Heintje zu Beethoven

Ich will gar nicht drumrumreden, ich habe von klassischer Musik bedauerlicherweise keine Ahnung. Ich bin mit den Rolling Stones und Janis Joplin musikalisch sozialisiert worden und habe – leider, leider – nie ein Instrument gelernt. Aus dem Küchenradio meiner Eltern schmachtete Heintje sein Mamatschi, und wenn ich großes Glück hatte, ertönte Reinhard Mey. Später lief dann Ravels Boléro in voller Länge und Lautstärke im Jugendzimmer, weil wir Bo Derek in dem Film „10“ gesehen hatten … – und das war’s dann auch schon mit Klassik als Teenager. Ach ja, geholfen hat „10“ nicht.

Vor diesem zweifelhaften, aber für meine Generation wohl nicht untypischen musikalischen Bildungshintergrund war ich umso überraschter, als ich vor ein paar Tagen beim Kochen (Stichwort: Küchenradio s.o.) die ersten beiden Folgen eines Beethoven Podcasts vom Bayrischen Rundfunk gehört habe. Das ist nicht nur sehr unterhaltsam, sondern ich lerne auch viel. Wie das?

Nun, dem Bayrischen Rundfunk ist es gelungen, anlässlich des 250. Geburtstags Ludwig van Beethovens einen der besten Pianisten der Welt für eine Podcast-Serie zu allen 32 Klaviersonaten von Beethoven zu gewinnen.

„Igor Levit macht Beethovens Welt lebendig. In 32 Podcast-Folgen – eine für jede Sonate – wird hörbar, was Beethovens Musik so revolutionär und einzigartig macht. Wie es sich anfühlt und welche Arbeit darin steckt, sie zu spielen. Und warum sie bis heute Menschen inspiriert, sich für Freiheit und Menschlichkeit einzusetzen. Furios illustriert von Igor Levit am Klavier – im Gespräch mit seinem guten Freund, dem Beethoven-Experten Anselm Cybinski.“

So schreibt der Bayrischer Rundfunk auf seiner Website zu diesem Podcast.

Igor Levit: Bürger, Europäer, Pianist

Igor Levit, der sich auf seiner Homepage als Bürger, Europäer und Pianist bezeichnet, wurde 1987 in Russland in eine jüdische Familie geboren, er siedelte mit seiner Familie 1995 nach Hannover über und ist heute ein weltweit gefragter und bewunderter Pianist. Ein lesenswertes Portrait über diesen Ausnahmekünstler findet ihr hier bei der Süddeutschen Zeitung online.

Levit brilliert aber nicht nur am Klavier, sondern erhebt seine Stimme auch politisch gegen jede Art von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Auf Twitter hat der 32jährige fast 42.000 Follower*innen. Sein Motto dort lautet: No Fear. Zu Recht hat ihn deshalb vor ein paar Tagen das Internationale Auschwitz-Komitee für sein Engagement gegen Antisemitismus und rechtsextremen Hass mit der Statue „B“ als „Gabe der Erinnerung“ ausgezeichnet. In der Begründung heißt es:

„Als Mensch, Künstler und Europäer stellt sich Igor Levit mit Mut, Kreativität und Lebensfreude antisemitischem und rechtsextremem Hass entgegen und verteidigt die Werte der Demokratie.“

Humorvoll, begeisternd

Was die Beethoven-Podcasts so hörenswert macht, ist für mich die Tatsache, dass hier jemand nicht vom hohen künstlerischen Ross herunterdoziert, sondern auch für Laien wie mich verständlich, anregend, humorvoll und begeisternd über klassische Musik spricht und sie erklärt. Diese Begeisterung hört man Levit an: wenn er mit seinem Podcast-Partner Anselm Cybinski spricht, und wenn er zwischendurch immer wieder Passagen am Klavier spielt.

Neugierig geworden? Die Podcasts findet man mit jedem Smartphone, nehme ich an. Ich hab’s auch hingekriegt. Alle Folgen kann man aber auch hier auf der Seite des BR hören.

Auf Youtube habe ich für Euch zur Einstimmung Beethovens Mondschein-Sonate (No. 14, Op 27/2 – I. Adagio sostenuto), gespielt von Igor Levit gefunden:

Levit im Fernsehen

Am Sonntag, den 19.1.2020, ist Igor Levit in der Sendung Sternstunde Philosphie bei Wolfram Eilenberger zu Gast. Die Ausstrahlung gibt’s bei 3sat, sie beginnt um 9.05 Uhr. Infos zur Sendung findet ihr hier. Ich bin sicher, das lohnt sich, denn Wolfram Eilenberger ist ein sehr kluger, unaufgeregter und einfühlsamer Interviewpartner. Ich schätze diese Sendung mit ihm sehr.

Euch allen ein schönes Wochenende!

N.K. | C.K.

Schöne Postkarte Nr. 12 · Sinfonie in Grün-Dur · © Schöne Postkarten

Ohne Beethoven: Schöne Postkarte Nr. 12 · Sinfonie in Grün-Dur · © Schöne Postkarten

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Winter · Hölderlin, 25. Dezember 1841

Wurmlinger Kapelle bei Tübingen, wo Hölderlin, Hegel und Schelling desöfteren hingewandert sein sollen

Wurmlinger Kapelle bei Tübingen, wo Hölderlin, Hegel und Schelling desöfteren hingewandert sein sollen

Winter

Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,
So fällt das Weiß herunter auf die Tale,
Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,
Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren.

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen
Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen
Die Unterschiede sich, daß sich zu hohem Bilde
Sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.

d. 25 Dezember 1841.
Dero
untertänigster
Scardanelli.

Winter 2020

Wenn ich in diesem Moment aus dem Fenster unseres Büros schaue, sehe ich leider keine Spur von Weiß, das „auf die Tale“ herunterfällt. Im Gegenteil: die Knospen an den Bäumen werden schon dicker, und ich muss zusehen, dass ich die Apfelbäume im Garten bald schneide.

Ob er noch kommt, der Winter? Schön wär’s ja – für Natur und Mensch. Bis dahin müssen wir, zumindest hier an des Neckars Gestaden, mit Fotos von Schneelandschaften und bezaubernden Wintergedichten Vorlieb nehmen. Wie das Wetter am 25. Dezember 1841 war, als Friedrich Hölderlin im Turm zu Tübingen dieses Gedicht geschrieben hat? Ich weiß es nicht, versuche es aber herauszufinden. Aber vielleicht weiß es jemand von Euch?

Untertänigst danken

N.K. | C.K.

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Gutes neues Jahr! · Happy New year!

Auch der Schwan
ist froh gestimmt
am Neujahrsmorgen

The swan too
is in a good mood
on New Year’s morning

Ein Schwan auf dem Neckar in Tübingen startet kraftvoll ins neue Jahr 2020

Ein Schwan auf dem Neckar in Tübingen startet kraftvoll ins neue Jahr 2020

Wir wünschen Euch einen sanften Start in ein gutes, gesundes neues Jahr! Und mehr Respekt, Liebenswürdigkeit und Schönheit könnte die Welt auch vertragen, nicht wahr!

We wish you a gentle start into a good, healthy new year! And the world could use more respect, kindness and beauty, couldn’t it!

C.K. | N.K.

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Jungenentzündung an Weihnachten

Eine Jungenentzündung an Weihnachten muss energisch behandelt werden. Foto: Norbert Kraas

Eine Jungenentzündung an Weihnachten muss energisch behandelt werden. Foto: Norbert Kraas

Es gibt wohl kaum ein Fest, bei dem Wunsch und Wirklichkeit so auseinanderfallen wie bei Weihnachten. Weihnachten ist, man darf es sagen, für viele ein ziemlich anstrengendes Fest geworden. Und jeder von uns kann wohl von einem Weihnachten erzählen, bei dem Erwartungen enttäuscht und Hoffnungen sich nicht erfüllt haben.

Genau darum geht es auch in der kleinen Geschichte, die meine Frau geschrieben hat, und die ich mit ihrer Erlaubnis hier veröffentlichen darf:

Jungenentzündung an Weihnachten

Meine Schwestern waren acht und drei und ich selbst fünf Jahre alt, als Mama im Herbst 1973 krank wurde. Wochenlang ging sie jeden Tag zum Inhalieren zu Doktor Strom und kam dann wieder müde nach Hause. Anschließend saß sie meist eine Weile vor einer warmen, roten Lampe, die ihr Gesicht beleuchtete und ihren Haaren einen goldenen Schimmer verlieh. Ich fand sie so sehr schön. Solange Mama aufstand, war unsere Welt in Ordnung.

 

Ich hatte im Kindergarten für das Weihnachtsfest eine der Hauptrollen bekommen: den Verkündigungsengel sollte ich spielen und durfte hierzu ein langes, hellblaues Kleid mit glänzenden, goldenen Sternen anziehen. Goldene Flügel sollte es auch noch geben. Nach mehreren Jahren als einfaches Lichtkind freute ich mich sehr darüber. Die Sache hatte jedoch einen Haken. Der Engel sollte allein eine Strophe aus „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her“ singen – und dabei haperte es noch. Geduldig malte mir Mama mit Kreide Zickzacklinien auf unsere grüne Tafel. So sollte ich lernen, wann ich mit der Stimme nach oben und wann nach unten gehen musste.

 

Immer häufiger legte sich Mama nun tagsüber ins Bett. Und irgendwann stand sie nur noch auf, wenn Papa mit uns und dem ganzen Haushalt nicht zurecht kam. Wenn Papa als Lehrer zur Schule nach Reutlingen musste, waren wir versorgt. Ninia, meine ältere Schwester, ging ja schon in die dritte Klasse und Alexandra und ich in den nicht weit entfernten Kindergarten. „Eine Jungenentzündung“, sagten wir Kinder, wenn wir gefragt wurden, was die Mama denn habe.

 

Ich vergewisserte mich in regelmäßigen Abständen bei Mama, ob sie bei meinem Auftritt beim Krippenspiel dabei sei. Bis dahin, meinte sie, gehe es ihr bestimmt besser.

 

Aber es wurde nicht besser. Ein paar Wochen vor Weihnachten kam Mama in die Klinik. Zu Hause hatte nichts mehr seinen Platz und wir waren ständig am Suchen von Dingen. Weil Papa unsere Wäsche durcheinanderbrachte, kam Francine, eine französische Freundin von Mama, für ein paar Tage zu uns, um uns zu helfen. Sie brachte ihre vierjährige Tochter Florence mit, und wir spielten zusammen Puppen, die alle Jungenentzündung mit hohem Fieber hatten. Währenddessen wirbelte Francine im Haus: Sie kochte, wusch und ordnete unsere Wäsche neu. Unsere Höschen und Hemdchen bekamen jetzt alle einen Buchstaben aufs Etikett: A und C und N, jeweils den ersten Buchstaben unserer Vornamen. Außerdem beschriftete sie die Regale unseres Kleiderschranks mit unseren Namen. Die Etiketten mit Francines schöner Handschrift erinnerten unsere ganze Kindheit an diese Zeit.

 

Wir freuten uns auf die Besuche bei Mama in der Klinik. Sie hatte einen kleinen, beleuchteten Weihnachtsbaum in ihrem Zimmer, um den ich sie etwas beneidete. Aber dann kamen wir einmal in Mamas Zimmer und fanden es leer vor – auch Mamas Sachen waren nicht mehr da. Da konnten wir spüren, wie aufgeregt Papa auf einmal war. Wir durften dann Mama nur noch einmal sehen – und das nur aus der Ferne: sie saß in einem komischen Stuhl und winkte uns schwach vom anderen Ende eines Flurs zu. Aus der Jungenentzündung sei eine Tuberkulose geworden, sagte uns Papa. Mama sei verlegt worden zu anderen Frauen mit derselben Krankheit, und wir dürften sie nun leider nicht mehr besuchen, weil die Krankheit sehr ansteckend sei.

 

Sehr traurig war ich darüber, dass Mama meinen Auftritt als Engel nun leider nicht mitansehen konnte. Überhaupt fühlte sich Weihnachten ohne Mama nicht nach Weihnachten an. Papa wusste nicht, wie er den bereits gekauften Weihnachtsbraten machen sollte, und unsere Geschenke brachte er auch durcheinander.

 

Er muss erleichtert gewesen sein, als nach Weihnachten Omi Georgette und Opa Michel aus Frankreich kamen. Wir freuten uns auch darüber, fanden es aber nicht gerecht, dass die beiden Mama besuchen durften, während uns dies nach wie vor verboten blieb. Dann wurde beschlossen, dass Alexandra und ich mit Omi und Opa nach Paris fahren und dort bleiben sollten, bis Mama wieder gesund wäre. Aber das ist eine andere Geschichte.

© Corinna Kern, 2019

Wir wünschen Ihnen erholsame Feiertage und reichlich Zeit und Muße für die Dinge, zu denen Sie Lust haben.

Kommen Sie gut ins neue Jahr, und bleiben Sie uns gewogen!

Norbert Kraas | Corinna Kern