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Der Name an der Wand: André Chaix

Für den Zauber der Landschaft werden André Chaix und seine Maquisards kaum Augen gehabt haben

Für den Zauber der Landschaft werden André Chaix und seine Maquisards kaum Augen gehabt haben

Der Schriftsteller Hervé Le Tellier, Jahrgang 1957, sucht im Jahr 2020 ein Haus, in dem er endlich Wurzeln schlagen kann. Gefunden hat er es in dem kleinen Weiler La Paillette im Süden des Département Drôme. Es ist die ehemalige Poststation, die bis dahin von einer deutschen Keramikerin als Wohn- und Atelierhaus genutzt wurde. Bei ihrem Auszug nimmt sie auch die an der Hauswand montierten Keramikkacheln ab.

„Als die letzte, ganz rechte Tafel abgehängt war, erschien ein Name, der in Großbuchstaben in den Rohputz geritzt war: ANDRÉ CHAIX.“

Der Autor stutzt, fragt sich, wer das sein könnte, vergisst den Namen wieder, bis er eines Tages auf einem Denkmal in der Nachbarschaft den Namen André Chaix erneut entdeckt. Das Denkmal ist den gefallenen Widerstandskämpfern im Untergrund, dem Maquis, gewidmet. Einer dieser Kämpfer war André Chaix, „ein junger Mann mit einem kurzen Leben, derer es viele gab.“ Chaix fiel im August 1944 in einem aussichtlosen Gefecht mit der deutschen Wehrmacht in der Nähe von Grignan. Er wurde 20 Jahre alt.

Inspiriert von dieser zweiten „Begegnung“ mit André Chaix beginnt Le Tellier im Frühjahr 2020 mit einer intensiven Recherche. 2024, zum hundertsten Geburtstag des jungen Résistance-Kämpfers, erscheint das Buch „Der Name an der Wand“.

Dieulefit – Gott hat’s gemacht

Der 2020 mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnete Autor nähert sich auf 160 Seiten dem bis dahin unbekannten Kämpfer André Chaix. Eine große Hilfe und Anregung ist ihm dabei eine kleine Schachtel mit persönlichen Gegenständen von André Chaix: Fotografien, Briefe, Andrés Personalausweis, ein Flugblatt der Francs-tireur et Partisans, eine Brieftasche und „ganz abseitig, erschreckend intim und voller Leben, seine Zigarettenspitze.“

Le Telliers Nachforschungen und die Arbeit an diesem Buch nehmen uns mit in eine düstere Vergangenheit der deutschen und der französischen Geschichte. Von 1940 bis 1944 dauerte die deutsche Besatzung Frankreichs. Während dieser Zeit gab es willfährige Kollaborateure ebenso wie mutige Widerstandskämpferinnen und -kämpfer. Das Département Drôme liegt im Südosten Frankreichs, nördlich der Provence, und war ein Zentrum des französischen Widerstands. Dort wuchs André Chaix auf, unweit des kleinen Orts Dieulefit (auf Deutsch: Gott hat’s gemacht), dessen mutige Bürgerinnen und Bürger mehr als 1500 von den Nazis verfolgten Menschen (darunter Kinder, Erwachsene, bekannte Literaten und Résistance-Kämpfer) Unterschlupf boten.

Mut und Menschlichkeit

Vielleicht war es die besonders verschworene Atmosphäre dieses kleinen Ortes, die den jungen André Chaix wie viele andere auch zum Widerstandskämpfer werden ließ. Le Tellier bewegt sich vorsichtig reflektierend durch das Leben von André Chaix. Wir lernen Andrés Verlobte kennen, sehen seine Lehrstelle als Keramiker in Dieulefit, lesen die zärtlichen Briefe an die Eltern und an die Verlobte, fahren auf dem LKW mit seinen Mitkämpfern.

Dabei bewegt sich Le Tellier immer wieder vom Konkreten zum Allgemeinen, er spannt den Bogen vom imaginierten Kinobesuch des jungen Kämpfers bis hin zu den grausamen Verbrechen der Nazis und ihrer französischen Helfer. Von letzeren sitzt übrigens nach dem französischen Amnestiegesetz vom 6. August 1953 kein einziger mehr im Gefängnis.

„Selbst die Mörder von Tulle, Figeac und Argenton-sur-Creuse sowie die Henker von Oradour-sur-Glane, um nur die wenigen Verurteilten zu nennen – viele vergesse ich – sie alle, absolut alle sind ab 1953 frei.“

André Chaix aus La Paillette, geboren am 23. Mai 1925 und ermordet von Soldaten der Wehrmacht am 23. August 1944, war keiner dieser Kollaborateure. Er stand auf der anderen Seite und schließt sich 1943 dem Maquis, dem bewaffneten Widerstand an. Die genauen Motive kennt auch der Autor Le Tellier nicht, aber:

„Ich setze also darauf, dass er sich aus Überzeugung dem Maquis de la Lance angeschlossen hat, der seinen Namen dem Berg verdankt, in dessen Schutz er sich aufhält.“

Mit seinem Buch hat Hervé Le Tellier dem jungen Résistant aus dem Drôme ein bewegendes literarisches Denkmal geschaffen. „Der Name an der Wand“ überzeugt mit sprachlicher Klarheit (sehr gute Übersetzung!) und präzise recherchierten Fakten. Ein schmales, fesselndes Buch, das am Beispiel von André Chaix und dem kleinen Ort Dieulefit zeigt, was möglich ist, wenn Menschlichkeit und Mut auch in größter Bedrängnis die Oberhand behalten.

„Was ist weiß ist, dass ich ohne diesen in eine Wand gravierten Namen, dass ich ohne André Chaix als Senkblei niemals diese Epoche hätte erkunden können, in der Großherzigkeit und Mut mit Egoismus und Niedertracht eng beieinanderlagen wie nur selten.“

NK | CK

PS: Der Reklamekasper macht eine kleine Sommerpause. Bleibt im Schatten, bleibt gesund, bleibt uns gewogen!

Buchinformation

Hervé Le Tellier
Der Name an der Wand
aus dem Französischen von Romy Ritte und Jürgen Ritte
2025 Rowohlt Verlag Hamburg
ISBN 978-3-498-00742-3

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