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Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten

Das Betrachten der Kirschblüte (Hanami) und das Haiku gehören in Japan zusammen

Das Betrachten der Kirschblüte (Hanami) und das Haiku gehören in Japan zusammen

Kann man sich vorstellen, einen deutschen Dichter oder eine deutsche Dichterin im Thermalbad kennenzulernen, unbekleidet versteht sich? Eher nicht. In Japan hingegen scheint dies weniger außergewöhnlich. Passiert ist dies der japanischen Dichterin und Übersetzerin Masami Ono-Feller im Jahr 2011 während einer Trekkingtour auf der Insel Kyūshū.

„Ich saß, wie in Japan üblich, unbekleidet in einem großen, aus Natursteinen gebauten Becken und fragte die beiden mitbadenden Damen, was sie hergeführt habe. Es stellte sich heraus, dass sie Haiku-Dichterinnen waren, die sich hier mit anderen Dichtern für zwei Tage versammelt hatten, um in alter Tradition gemeinsam zu dichten.“

Die beiden Damen gehörten zur Haiku-Gruppe „Sugi“, die 1970 von Mori Sumio gegründet worden war. Nach dem Bad wird Ono-Feller zu einem Ku-kai eingeladen, eine abendliche Runde, zu der jede Teilnehmerin ein paar Gedichte mitbringt.

Haiku aus fünf Jahrhunderten

So beginnt das Vorwort zu dem Haiku-Band „Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten“, der 2017 im Reclam-Verlag erschienen ist. 305 Haiku hat die Herausgeberin Masami Ono-Feller ausgewählt. Für die Übersetzung, Kommentare und das Nachwort zeichnet Eduard Klopfenstein verantwortlich, der von 1989 bis 2005 als Professor für Japanologie an der Universität Zürich lehrte. Klopfenstein hat sich erfreulicherweise bei der Übertragung nicht sklavisch an die vorgegebene Silben-/Zeilenregel (5-7-5) gehalten. Soweit man das als Nicht-Japanologe beurteilen kann, sind seine Übertragungen sehr stimmig und schön zu lesen. Beiden, Ono-Feller und Klopfenstein, gebührt ein großes Lob für dieses Werk.

Bei uns im Regal stehen einige Haiku-Bände, aber dieses Buch ist eine Schatztruhe. Es würdigt nicht nur die großen, auch in Europa bekannten Haiku-Meister Bashō, Issa, und Buson, sondern 144 weitere Haiku-Dichterinnen und -Dichter. Den Anfang macht Yamazaki Sōkan (Geburtsdatum unbekannt, gestorben 1539):

Die Hände am Boden
intoniert er in großer Pose
seinen Gesang – der Frosch

Nicht nur Bashō hat den Fröschen ein Haiku gewidmet

Nicht nur Bashō hat den Fröschen ein Haiku gewidmet

Das letzte Haiku im Buch stammt von Minayoshi Tsukasa, der 1962 geboren wurde und dichtete:

Der Juli ist da!
Den Apfel wasche ich
unter der Dusche

Beeindruckende Bandbreite

Mal ganz abgesehen davon, dass dieses Buch handwerklich sehr schön ausgestattet ist (großes Format, Leineneinband, Prägedruck, zwei Lesebändchen) – wirklich begeisternd sind:

  1. die Bandbreite der abgedruckten Haiku – von der Elektrosäge bis zum ersten Beischlaf des Jahres (eine wichtige Sache in Japan) wird alles thematisiert
  2. die ausführlichen, erläuternden und feinen Kommentare von Eduard Klopfenstein
  3. die Seitengestaltung, auf der wir einmal das Haiku auf Japanisch finden, einmal auf Deutsch und einmal in Transliteration, also die Umsetzung der japanischen Aussprache in lateinische Buchstaben und
  4. die Tatsache, dass in dieser Auswahl auch viele Haiku-Dichterinnen vertreten sind

Gerade letzter Punkt ist hervorzuheben, gewinnt man doch in Deutschland oft den Eindruck, dass Haiku dichten eine rein männliche Angelegenheit ist. Was natürlich nicht stimmt!

Das Blütenschau-Kleid
lege ich ab – und stehe umschlungen
von vielfarbigen Bändern

Dieses Haiku hat die Dichterin Sugita Hisajo (1890 – 1946) im Jahr 1919 geschrieben. Es hält, so der Übersetzer, den Moment fest, als die Frau nach ihrer Rückkehr von der Kirschblütenschau den festlichen Kimono ablegt; was angesichts der komplexen Umschnürung gar nicht so einfach zu sein scheint. Man kann sich diesen kurzen Augenblick mit den leuchtenden Bändern wirklich bildlich vorstellen, fast wie ein Foto. Und die farbigen Bänder nehmen raffiniert den ästhetischen Genuss der Kirschblütenschau (Hanami) auf.

Humor, Selbstironie und Trost

Eines meiner Lieblingshaiku in diesem Band stammt von der Dichterin Abe Midorijo (1886 – 1980), „seit den zwanziger Jahren eine führende Vertreterin des Frauen-Haiku“. Midorijo veröffentlichte nachstehendes Haiku im Alter von 91 (!) Jahren.

Was noch bleibt
mit 90 Jahren ….. vergiss es
erwarte den Frühling

Ist das nicht bewunderswert, diese Gelassenheit gepaart mit der unschätzbaren Fähigkeit, sich im Hier und Jetzt über den Frühling zu freuen!

Noch ein Beispiel? Gerne:

Auf Wein verzichten?! Wie?
Was bleibt mir an Begierden
noch zum Spielen übrig?

Der Autor Kaneko Tōta (geb. 1919), hat in diesem Gedicht, das er im Alter von 75 Jahren schrieb, auf humorvolle, selbstironische Weise die Folgen seiner Gichtkrankheit beschrieben, wie wir im Kommentar lesen dürfen. Humor und und Selbstironie kommen im Haiku, bei allen Leiden und Mühen, die das Leben für uns bereithält, nicht zu kurz. Auch das macht diese Lyrikform so lesenswert.

305 Haiku, exzellent übertragen und kommentiert. Dieses Buch ist ein Schatz!

305 Haiku, exzellent übertragen und kommentiert. Dieses Buch ist ein Schatz!

Fazit

Dieser Sammelband ist ein verdienstvolles Geschenk des Reclam-Verlags für alle, die sich näher mit dem kürzesten aller Gedichte befassen wollen; darüber hinaus ist er eine starke Anregung, es vielleicht selbst einmal mit einem Haiku zu versuchen.

NK | CK

Buchinformation

Haiku – Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch/Deutsch
Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller
Gebundene Ausgabe, Format 16 × 24 cm, 422 Seiten
ISBN: 978-3-15-011387-5
Reclam-Verlag Ditzingen, neue Auflage 2022

Im Nachwort gibt Eduard Klopfenstein einen Überblick über die Haiku-Dichtung von den Anfängen bis heute. Dazu gibt es ein ausführliches Literaturverzeichnis, Kurzbiographien der Haiku-Dichter:innen und ein alphabetisches Verzeichnis aller Haiku.

PS: Für den Fall, dass der Reclam-Verlag hier mitliest, wünsche ich mir mehr solcher exzellent gemachten Haiku-Sammelbände über diese dichten, intensiven Gedichte.

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2 Kommentare

  1. Danke für diese kurzweilige, den Leseappetit anregende Rezension! Ich werde gleich in meiner Lieblingsbuchhandlung (Kortes in Hamburg-Blankenese, by the way) anrufen und ein Exemplar bestellen … um es meiner Japanologinnen-Freundin, die vor Urzeiten ihre Magisterarbeit über Haiku geschrieben hat, zum Geburtstag zu schenken!

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