Permalink

0

Winterpause

Dank ihres Winterfells und der Thermoregulation vertragen Pferde Kälte bis – 15°C meist ohne Probleme

Dank Winterfell und Thermoregulation vertragen Pferde Kälte bis – 15°C meist ohne Probleme

Im Hippodrom
nur leises Schnauben –
Winterpause

Das neue Jahr ist grade mal ein paar Tage alt, und schon möchte man in einen tiefen Winterschlaf verfallen, bis die Welt wieder ordentlicher ist, und der autokratische Alptraum im Weißen Haus ein Ende hat. Nun können Menschen leider nicht in einen Winterschlaf verfallen. Was tun also?

Was hilft euch in diesen irren Zeiten, um nicht irre zu werden? Wie stabilisiert ihr euren emotionelen Haushalt. Welche Bücher, Musik, Kunstwerke spenden euch Trost?

NK | CK

Permalink

0

Neujahrsmorgen

Die Natur zeigte sich am Neujahrsmorgen in frostiger Schönheit

Die Natur zeigte sich am Neujahrsmorgen in frostiger Schönheit

Neujahrsmorgen
die Heizung streikt –
auch ein erstes Mal

Das „erste Mal“ (O-shogatsu) hat in Japan zu Beginn des neuen Jahres eine große Bedeutung. Wichtige erste Male sind zum Beispiel:

  • der erste Besuch eines Shinto-Schreins oder buddhistischen Tempels
  • der erste Sonnenaufgang des Jahres, der Glück bringen soll
  • das erste Lachen des Jahres, um Glück anzuziehen
  • der erste Beischlaf des Jahres

In diesem Sinn wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein gutes, gesundes neues Jahr mit vielen schönen ersten Malen. Es dürfen übrigens auch die ersten Kässpätzle des Jahres sein, die man besonders würdigt – oder halt die erste Heizungsstörung an einem frostigen Neujahrsmorgen.

NK | CK

Permalink

off

Die Hirtenstrophe – Peter Huchel

Am 21. Dezember 2025 werden die Tage wieder länger. Wenigstens ein Lichtblick!

Am 21. Dezember 2025 werden die Tage wieder länger. Ein Lichtblick!

Die Hirtenstrophe

Wir gingen nachts gen Bethlehem
und suchten übers Feld
den schiefen Stall aus Stroh und Lehm,
von Hunden fern umbellt.

Und drängten auf die morsche Schwell
und sahen an das Kind.
Der Schnee trieb durch die Luke hell
und draußen Eis und Wind.

Ein Ochs nur blies die Krippe warm,
der nah der Mutter stand.
Wie war ihr Kleid, ihr Kopftuch arm,
wie mager ihre Hand.

Ein Esel hielt sein Maul ins Heu,
fraß Dorn und Diestel sacht.
Er rupfte weich die Krippenstreu,
o bitterkalte Nacht.

Wir hatten nichts als unsern Stock,
kein Schaf, kein eigen Land,
geflickt und fasrig war der Rock,
nachts keine warme Wand.

Wir standen scheu und stummen Munds:
Die Hirten, Kind, sind hier.
Und beteten und wünschten uns
Gerät und Pflug und Stier.

Und standen lang und schluckten Zorn,
weil uns das Kind nicht sah.
Griff nicht das Kind dem Ochs ans Horn
und lag dem Esel nah?

Es brannte ab der Span aus Kien.
Das Kind schrie und schlief ein.
Wir rührten uns, feldein zu ziehn.
wie waren wir allein!

Daß diese Welt nun besser wird, so sprach der
Mann der Frau,
für Zimmermann und Knecht und Hirt,
das wisse er genau.

Ungläubig hörten wir’s – doch gern.
Viel Jammer trug die Welt.
Es schneite stark. Und ohne Stern
ging es durch Busch und Feld.

Gras, Vogel, Lamm und Netz und Hecht,
Gott gab es uns zu Lehn.
Die Erde aufgeteilt gerecht,
wir hättens gern gesehn.

Peter Huchel (1948)

Mit diesem Gedicht von Peter Huchel (* 3. April 1903 in Groß-Lichterfelde bei Berlin; † 30. April 1981 in Staufen im Breisgau) verabschieden wir uns in eine kurze Winterpause. Huchel hat diese Zeilen wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Es war eine Zeit der Unsicherheit, der Not, des Hungers, der Kälte, der Armut, und Hoffnung gab es auch nicht viel, wie man aus diesem Gedicht unschwer rauslesen kann. Weihnachtsmärkte, wenn es sie denn überhaupt gab, schwammen damals noch nicht in Glühwein, und kein Politiker wäre wohl auf die Idee gekommen, sich ständig beim Vertilgen von Rostbratwürsten und Leberkäse fotografieren zu lassen.

Wir wünschen euch / Ihnen Frohe Weihnachten, entspannte Feiertage sowie Zeit und Muße für die Dinge, die das ganze Jahr über zu kurz kommen. Für das neue Jahr wünschen wir euch / Ihnen alles Gute, Gesundheit und Zufriedenheit.

Danke für euer / Ihr Interesse an unserem Reklamekasper!

Bis bald.

NK | CK

Buchinformation

Peter Huchel
Die Gedichte
Suhrkamp Taschenbuch, 1997
ISBN 3518391658
nur noch antiquarisch erhältlich

Permalink

off

Bistro am Meer

Leuchtet verheissungsvoll: Bar à Vin Les Affiches in Trouville-sur-Mer, Foto: Corinna Kern

Leuchtet verheißungsvoll: Bar à Vin Les Affiches in Trouville-sur-Mer, Foto: Corinna Kern

Es dunkelt früh!
Das Bistro am Meer leuchtet –
schön wie die Sterne

Kranō

Es dunkelt früh!
Schon leuchten die Sterne
über dem Ödland…

Yosa Buson (1716 – 1783)
Übertragung aus dem Japanischen von G.S. Dombrady

NK | CK

PS: Noch mehr Fotos und Haiku zum Thema Meer gibt’s in Corinnas Fotoprojekt „Und immer wieder das Meer“. 24 Fenster, 2 x 24 Fotos, dazu Haiku, Gedichte, Aphorismen

„Und immer wieder das Meer“ 2 x 24 Fotos mit Haiku, Gedichten, Zitaten | © www.schoenepostkarten.de

„Und immer wieder das Meer“ 2 x 24 Fotos mit Haiku, Gedichten, Zitaten © www.schoenepostkarten.de

Permalink

off

Palliativpflege für Verbrenner

Boxautos oder Autoscooter waren schon immer elektrisch

Boxautos, auch Autoscooter genannt, waren schon immer elektrisch: ziemlich effizient!

Was ist ein hocheffizienter Verbrenner?

Wie ahnungslos manche Politiker derzeit in Sachen Verbrennermotor daherschwafeln, konnte man in den letzten Tagen wieder beobachten. Da hat der Bundeskanzler mal die Worte „hocheffiziente Verbrenner“ fallen lassen, aber selbst sein eloquenter Pressesprecher Stefan Kornelius konnte in der Bundespressekonferenz keine Antwort auf die Frage geben, was denn nun ein hocheffizienter Verbrenner sei. Seine Antwort: „Ein Verbrenner ist hocheffizient, wenn er hocheffizient ist.“ Es war eine absurde, wenn nicht zynische Vorstellung!

Der hocheffiziente Verbrenner ist ein Märchen, das uns die Autoindustrie seit vielen Jahren erzählt. Und zwar wider besseres Wissen, da wir davon ausgehen können, dass bestens ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure in Zuffenhausen, Feuerbach, Wolfsburg oder München genau wissen, wo die physikalischen Grenzen für die Effizienz eines Verbrennermotors sind.

Physik, Ökonomie, Verdrängung und das Carnot-Limit

Im Zuge der Hysterie zum Aus vom Verbrenneraus hat der international anerkannte Wissenschaftler und Klimaforscher Prof. Dr. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung auf einen hervorragenden Text hingewiesen. Darin wird verständlich erklärt, warum das Märchen vom hocheffizienten Verbrenner nichts mit der Realität zu tun hat. Die Physik gibt es schlicht nicht her.

»Es ist Zeit, drei Dinge zusammenzubringen, die in der politischen Debatte meist getrennt werden: die Physik, die Ökonomie und die Soziologie der Verdrängung.«

So schreibt der Autor und rechnet exakt vor, warum ein E-Auto um so vieles effizienter ist als ein Auto mit Verbrennermotor. Das hat mit Physik tun, mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik und mit der Carnot-Formel für den Wirkungsgrad. Hier geht’s zu diesem wirklich lesenswerten Text.

Der deutsche Bundeskanzler wirkt nach der Lektüre dieses Textes wie der Palliativpfleger der deutschen Automobilindustrie, die in Sachen E-Auto sträflich den Markt verschlafen und damit China zur Poleposition verholfen hat.

NK | CK

Permalink

off

Wie fühlst du dich?

»Wie fühlst du dich?« Das fragt sich so leicht. Axel Hacke will’s genau wissen.

»Wie fühlst du dich?« Im Alltag oft so dahin gefragt, geht Axel Hacke der Frage auf den Grund, Foto: Trouville Plage

Angst

»Angstzustände sind weltweit die häufigste psychische Erkrankung. Schätzungen zufolge leiden 4 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer Angststörung. Langzeitstudien in den Vereinigten Staaten legen nahe, dass etwa ein Drittel der Menschen irgendwann in ihrem Leben eine Angststörung entwickelt.«

Das berichtet die informative Seite »Our World in Data« der Universität Oxford. In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass knapp 360 Millionen Menschen zu einem bestimmen Zeitpunkt an Angststörungen leiden; in Deutschland sind es übrigens 6,7 Millionen. (Quelle: Our World in Data)

Angst kennen wir alle. Der eine ausgeprägter, die andere versteckter. Manche Angst verfolgt uns ein Leben lang, andere Ängste entstehen neu, besonders in einer Welt, die sich rasend schnell verändert, dass man kaum mehr hinterherkommt. Die Frage ist, wie gehen wir mit unsereren Ängsten um? Warum lassen wir es zu, dass Tech-Milliardäre mit ihren Sozialen Plattformen ein Riesengeschäft mit ihnen machen? Und warum fallen so viele Menschen auf rechtsextreme Populisten rein, die unsere Ängste schüren und so gekonnt wie perfide mit unseren Gefühlen spielen?

„Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen“

»Mein Leben lang habe ich Angst gehabt, mal viel, mal weniger. Vielleicht gibt es kein Gefühl, das ich in so vielen Formen, Schattierungen, Ausprägungen und Tiefen kennengelernt habe.«

Das schreibt der Autor und Kolumnist Axel Hacke in seinem neuesten Buch »Wie fühlst du dich?«, in dem er sich intensiv mit der Angst und anderen Gefühlen und Bedürfnissen auseinandersetzt. Der Autor, den manche vielleicht nur als Verfasser humoriger, heiterer Texte kennen, hat sich tief in ein ernstes Thema eingegraben, viel recherchiert und gelesen. Man spürt das auf jeder Seite. Wir finden: Hacke hat ein wichtiges und sehr ehrliches Buch geschrieben, dessen Lektüre Orientierung zu bringen vermag und auch ein wenig Trost, den man spürt immer wieder: ich bin mit meinen Gefühlen nicht allein. Und deshalb lesen wir ja.

Warum ist es so wichtig, uns mit unseren Gefühlen und denen unserer Mitmenschen auseinanderzusetzen?, fragt sich der Autor und meint:

»Wenn sie eine solche Rolle in Ökonomie und Politik spielen, können wir nur freie Menschen sein, wenn wir in der Lage sind, unsere Gefühle zu reflektieren.«

Denn können wir das nicht, so Hacke, laufen wir Gefahr, dass unsere Gefühle manipuliert, instrumentalisiert und gnadenlos wirtschaftlich ausgebeutet werden: von Social-Media-Unternehmern aus dem Silicon Valley und von rechtsextremen Parteien. Weder den Tech-Milliardären noch den rechten Populisten geht es dabei um unser Wohl oder um den Zustand unseres Planeten. Diesen Leuten geht es ausschließlich um ihre ganz eigene Agenda, um Macht und um Geld.

Hacke beschäftigt sich in diesem Buch mit wichtigen Fragen, die uns als Einzelne und als Gesellschaft beschäftigen müssen.

»Wie gehen wir mit der Angst um, die uns alle in Atem hält? Was ist mit der Verbundenheit mit anderen Menschen, nach der wir alle suchen? Was ist mit unserem Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Stürme, die auf uns zurollen? Sollten wir wieder lernen, zu staunen und uns zu wundern? Was tue ich mit meiner Wut? Darf ich hassen, auf Rache sinnen, andere verachten? Was ist mit der guten alten Lebensfreude?«

Ermutigung zum Nachdenken

axel hacke, wie fühlst du dich?Angst, Freude, Müdigkeit, Überforderung, Sorgen-Karussel, Einsamkeit, Verbundenheit, Sinn, Wut, Ohnmacht, Hass, Tod, Verzweiflung, Hoffnung, Freundlichkeit, Dankbarkeit. Entlang dieser Stationen nimmt Hacke uns mit auf eine 250seitige Reise. Eine Reise, bei der wir sehr viel über unsere Gefühle, deren Entstehen und deren Erkennen, lernen. Hacke gelingt es, Zeitanalysen, theoretisches Wissen und Persönliches gekonnt miteinander zu verbinden. Dabei ist »Wie fühlst du dich?« weniger eine Warnschrift als eine kluge Ermutigung zum Nachdenken und zum Handeln.

»Besser ist: sich zu überlegen, wie und wer man sein will. Und dann entsprechend zu handeln, beharrlich, gelassen, zielstrebig. Ich glaube, dass Freundlichkeit die Welt verändern kann, an jedem Tag und in jeder Minute.«

Ungeachtet aller schlechten Nachrichten, die wir uns dank Smartphone und Social Media 24 Stunden am Tag theoretisch reinziehen können, glaubt Axel Hacke an die Kraft der Hoffnung und an die Möglichkeit einer besseren Zukunft. Allerdings müsse man dann auch von dieser besseren Zukunft erzählen:

»Man muss von einer Zukunft berichten, in der wir nicht wehrlos Öl- und Gaslieferanten ausgeliefert sind, sondern Energie auf klimaverträglichem Weg zu erzeugen in der Lage sind, in der es uns gelingt, die Maßlosigkeit Superreicher zu begrenzen, die Kommunikationssysteme, mit denen man uns beherrschen will, zu unseren zu machen und die sozialen Medien wirklich sozial zu gestalten.«

Die Fähigkeit, von einer besseren Zukunft zu erzählen, sehen wir im Moment bei den Regierungsverantwortlichen dieser Welt leider kaum. Statt dessen werden wir meist mit Allgemeinplätzen zugesülzt, oder aber Politiker lamentieren, die Laune im Land wäre schlecht(geredet). Tja, man kann halt gute Laune oder ein Zusammengehörigkeitsgefühl nicht einfach durch einen Politikermachtwort verordnen.

»Die Politiker heutzutage lesen viel zu wenig«

Das hat die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt. Es wäre zu schön, wenn dieses kluge Buch vielen Politikerinnen und Politikern unter den Weihnachtsbaum gelegt würde.

Aber vielleicht geht es Axel Hacke auch mehr darum, dass jeder einzelne, nach dieser Fähigkeit in sich sucht…

Wir wünschen eine lesensreiche Adventszeit!

NK | CK

Buchinformation

Axel Hacke
Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
DuMont Buchverlag, 2025
ISBN: 978-3-8321-6810-0

Axel Hacke schreibt auch einen interessanten Newsletter, den man auf seiner Homepage abonnieren kann.

#SuppurtYourLocalBookstore

Permalink

1

Vom Überwintern – Tübingen im Schnee

Ein gutes Buch, eine warme Decke, ein schöner Leseplatz: der Winter kann kommen

Ein gutes Buch, eine warme Decke, ein schöner Leseplatz: der Winter kann kommen

Überwintert
habe ich
mit Lesen

Tübingen im Schnee zu fotografieren, wird vermutlich immer schwieriger

Tübingen im Schnee zu fotografieren, wird vermutlich immer schwieriger

Tübingen im Schnee

Das Haiku von Kō und die beiden Fotos sind Teil des Fotoprojekts von Corinna: »Tübingen im Schnee«. Funktioniert wunderbar als Adventskalender mit 24 Fensterchen; 2 mal 24 Fotos, dazu Aphorismen und Zitate zur Literarur und zum Lesen, Format: DIN A3. Handgefertigt und in kleiner Stückzahl produziert.

CK | NK

„Tübingen im Schnee“ | 2 x 24 Fotos mit Zitaten und Aphorismen | © www.schoenepostkarten.de

„Tübingen im Schnee“ | 2 x 24 Fotos mit Zitaten und Aphorismen | © www.schoenepostkarten.de

Permalink

off

Insel am Rand der Welt

„Alles zwischen Meeresgrund und Himmel stand unter dem Schutz dieser siebzigjährigen Frau“

„Alles zwischen Meeresgrund und Himmel stand unter dem Schutz dieser siebzigjährigen Frau“

Insel am Rand der Welt

Wer wünschte sich in dieser Zeit nicht schon mal auf eine einsame Insel, fernab vom Tosen dieser Welt? Der Titel „Insel am Rand der Welt“ des neuen Buchs von James Rebanks, erschienen im Penguin Verlag, scheint also bestens zu passen.

Dennoch stellten wir uns die Frage, warum wir einem englischen Farmer und Schafzüchter um die 50 auf die völlig entlegene norwegische Insel Fjærøy folgen sollten, wo er drei Monate lang zwei älteren Norwegerinnen helfen wird, eine alte, eigentümliche Tradition aufrechtzuerhalten. Bei der Tradition handelt es sich um das Anlocken und den Schutz von Eiderenten, deren kostbare Eiderdaunen von Hand eingesammelt und gesäubert werden, nachdem die Enten mit ihrem Nachwuchs die Insel wieder verlassen haben. Das schien uns, ehrlich gesagt, schon ziemlich spezieller Lesestoff…

Hier nun der Versuch einer Antwort, warum es sich tatsächlich sehr lohnt, „Insel am Rand der Welt“ zu lesen:

Weil dieser Mann, der Ich-Erzähler, eben James Rebanks ist und unglaublich gut erzählen kann, wie er in seinen ersten beiden Büchern (‚Mein Leben als Schäfer“ und „Unser kleiner Hof in den Hügeln“) schon bewiesen hat.

Gefangen im Alltag

Eigentlich ist Rebanks erschöpft und „aus dem Lot“. Er erhofft sich von dieser Auszeit auf der norwegischen Insel eine innere Stärkung, vor allem durch die etwa 70jährige Anna, die er vor Jahren schon einmal getroffen hat und die ihm so gefestigt und zufrieden erschien. Aber dann kommt alles anders, denn Anna geht geschwächt auf die Insel und fällt erstmal wochenlang aus.

„Ich war unruhig. Der Wechsel aus meinem manischen, hektischen Leben in dieses stille Dasein schien mich aus der Bahn zu werfen. Wieder juckte es mich in den Fingern, die Arbeiten auf der Insel gewohnt schnell zu erledigen. Ich wollte Anna Aufgaben abnehmen, etwa Holz hacken oder Sachen ins Haus holen. Ich wollte all das rasch und effektiv erledigen, um dafür gelobt zu werden, mich nützlich gemacht zu haben. Offenbar spürte Anna, dass ich mich eingesperrt fühlte, denn sie sagte, bis zum Eintreffen der Enten dürfe ich überall hin, nur nicht das Ruderboot nehmen. (…) Ich begriff, dass der Glaube, Inseln seien Orte der Freiheit und des Entkommens, purer Einbildung entspringt – eine Insel definiert sich durch Grenzen und Beschränkungen.“

Ein kleines Haus ohne fließend Wasser

Der Erzähler und die zweite, etwas jüngere Norwegerin, Ingrid, die eigentlich nichts von der Anwesenheit des Engländers auf der Insel hält, müssen die anstehenden Arbeiten zu zweit angehen. Es dauert etwas, bis sich das Trio aneinander gewöhnt hat, und die beiden Frauen Vertrauen in Rebanks fassen. An den stürmischen Tagen müssen die drei in dem beengten Inselhaus miteinander klarkommen. Nach und nach erzählen sie einander dann aber aus ihren jeweiligen Leben:

„Anna schien über meine Arbeitskraft hinaus einen Nutzen in mir sehen, das spürte ich. Sie wollte, dass ich über ihre Leute und deren Vergangenheit im Bilde war. Wie jede Generation definierte auch sie sich durch die alten Geschichten, doch die Menschen, die diese Geschichten zu erzählen wussten, starben allmählich aus. Wenn Anna mir an einem der folgenden Tage eine Geschichte erzählte und merkte, dass ich nicht mitschrieb, starrte sie mich an, als hätte ich die Bedeutung des Erzählens nicht erkannt, und sah danach aufs Papier, als wollte sie, dass ich alles festhielt.“

Hier auf dieser Insel unweit vom Polarkreis findet der Erzähler Zeit, über sein Leben nachzudenken, das auch zu Hause in England von rastloser Arbeit auf der Farm geprägt ist. Er lässt uns teilhaben an seinen Entscheidungen und seinen oft ambivalenten Gefühlen und verknüpft dies anschaulich mit seinen Beobachtungen in der Natur:

„Zu Hause war ich es, von dem man Engagement erwartete, auch im Falle von Widrigkeiten, was ich irgendwann leid gewesen war. Ziehende Gänse wechseln sich an der Spitze ab, weil es die kraftraubendste Position ist, alle anderen sind im Windschatten unterwegs, werden also mitgezogen. Sie lassen sich zurückfallen, um verschnaufen zu können, aber so weise sind Menschen nicht. Ich hatte das Gefühl, zu lange die Gans an der Spitze gewesen zu sein. Mich verbraucht zu haben. Hier dagegen konnte ich schlicht Fußsoldat sein und gemeinsam mit Anna und Ingrid handfeste, praktische Arbeiten verrichten, die den Vögeln zugutekamen.“

Dieser grundlegende Rollenwechsel bei der Arbeit erklärt wohl auch, warum Rebanks, der ja auch zu Hause ein sehr naturverbundenes Leben führt, die Distanz zu seinem eigenen Alltag benötigte. Denn jeder weiß aus Erfahrung, wie schwierig es ist, im Alltag aus den gewohnten Rollen auszubrechen. Aber der Autor denkt auch darüber nach, was er durch seine Auszeit anderen, insbesondere seiner Frau Helen zumutet:

„Ich ertappte mich immer öfter bei Gedanken über die Ehe. Es war untypisch für mich, Frau und Kinder zurückzulassen, um an diesen fernen Ort zu reisen. Ich kam mir egoistisch vor. Ich wusste, Helen hatte Mühe, zu Hause den Laden zu schmeißen, vermutlich ging es über ihre Kräfte, alles unter einen Hut zu bekommen. (…) Ich hatte unser Leben selbstverständlich in vieler Hinsicht mitgestaltet – wir hatten ein Farmhaus gebaut, prächtige Schafherden und eine Kuhherde, und ich hatte Bücher geschrieben –, nur wurde ich das Gefühl nicht los, immer stärker Käpt’n Ahab zu gleichen, meinem Wal etwas zu verzweifelt nachgejagt und dabei alle anderen mit über die sieben Meere geschleift zu haben. Das wohlgemeinte Unterfangen, das Leben seiner Nächsten durch Fleiß und Ehrgeiz zu verbessern, kann in etwas umschlagen, das an Besessenheit grenzt und die anderen quält, und diesen Punkt hatte ich vor ein, zwei Jahren erreicht.“

Wir hoffen, wir haben zeigen können, dass „Insel am Rand der Welt“ ein in vielerlei Hinsicht besonderes, unvergleichbares Buch ist: still, ehrlich, poetisch und tiefgründig. Eine entschleunigende und dabei überraschend fesselnde Lektüre!

CK I NK

Buchinformation

Insel am Rand der Welt
James Rebanks
Hardcover 299 Seiten, Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München
ISBN 978-3641331641

#SupportYourLocalBookstore

Permalink

off

Die Nacht, in der die Mauer fiel

Drei mutige Bibliothekarinnen der Hochschule für Architektur und Bauwesen gelten heute als Initiatorinnen

Drei mutige Bibliothekarinnen gelten heute als Initiatorinnen der Dienstagsdemos in Weimar

Ein atemberaubender Monat

»Dann aber fiel das Ganze einfach in sich zusammen, und ein atemberaubender Monat begann, in dem wir mehrere Jahre auf einmal lebten. Er ging vom 7. Oktober bis zum 9. November. Alles war plötzlich offen, außer der Mauer, aber die war in dem Moment nur ein Problem am Rande.« (Annett Gröschner)

Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Habe ich gerade nachgeschlagen. 36 Jahre ist das jetzt her, fast ein halbes Leben. Wo ich an diesem Tag war, was ich gemacht habe, als Schabowski von seinem legendären Zettel abgelesen und „sofort“ und „unverzüglich“ nachgeschoben hat? Ich weiß es nicht mehr. Habe ich die Nachrichten geschaut? Keine Ahnung.

Ist das nicht verrückt? An das Pokalfinale Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln am 23. Juni 1973 erinnere ich mich noch genau, zumindest an das Tor von Netzer in der Verlängerung. Oder meine ich nur mich zu erinnern, weil dieses Tor wieder und wieder gezeigt wird, wenn es um Günter Netzer geht?

Die Nacht, in der die Mauer fiel

Wer von euch weiß noch mit Bestimmheit, wo sie oder er am 9. November 1989 war? Der Journalist, Schriftsteller und Herausgeber Dr. Renatus Deckert, selbst gebürtiger Dresdner, hat im Jahr 2009, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, bei Suhrkamp einen interessanten Band herausgebracht. Darin erinnern sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Ost und West an diesen denkwürdigen Tag. »Die Nacht, in der die Mauer fiel«  versammelt 25 kurze und längere Texte. Zum Einstieg hat Renatus Deckert ein kluges Vorwort geschrieben, das uns Lesern diese Zeit nochmal vor Augen führt.

»Die Begegnung mit sich selbst zur Zeit des Mauerfalls kann höchst ambivalente Empfindungen hervorrufen. Diese Erfahrung machten auch Autoren aus dem Westen. So karikiert sich Michael Lenz im Rückblick als ’wachsweicher Wirtschaftswundernachfahre‘, dem sein blaues Wunder erst noch bevorstand.«

»Der Herbst 1989 war die Zeit des Tagebuchs.« Renatus Deckert

»Der Herbst 1989 war die Zeit des Tagebuchs.« Renatus Deckert, Die Nacht, in der die Mauer fiel.

Ist das noch lesenswert heute, Erinnerungen an den Fall der Mauer? Ja, auf jeden Fall! Denn es sind sehr persönliche, ehrliche Texte von bekannten und weniger bekannten Autor*innen. Texte, die die offizielle Geschichtsschreibung um viele Facetten ergänzen. Bemerkenswert unverblümt zum Beispiel ist der Text von Katja Lange-Müller (»Unser Ole«), die schon 1984 aus der DDR ausgereist ist. Sie hat die Nacht der Maueröffnung in einem Hotel in Bochum verbracht, nach einer Lesung und einem weinseligem Abend:

»Ich hing schon eine Weile über der Schüssel und hielt die schwere, massivhölzerne Klobrille, die von allein oben bleiben wollte, mit einer Hand fest – da klingelte es. Ich ließ die Brille aufs Becken krachen und stürzte zum Telefon, neben dem meine Armbanduhr lag.«

Unterhaltsam, ja bisweilen poetisch ist der Text des Lyrikers und Essayisten Durs Grünbein (»Der Komet«), geboren 1962 in Dresden, der zwischen sich und diese Nacht geschickt einen Erzähler schiebt.

»Am Abend des 9. November 1989 saß der seit kurzem freiberufliche Ex-Student Rufus Rebhuhn in seiner abgedunkelten Wohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und sah im Fernsehen die wohl folgenreichste Nachrichtensendung seines Lebens.«

Vielleicht regt dieses lesenswerte Buch ja die eigene Erinnerung an den 9. November 1989 wieder an? Ich grüble jedenfalls noch immer, was ich an diesem denkwürdigen Tag gemacht habe.

NK | CK

Buchinformation

Die Nacht, in der die Mauer fiel. Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989
Herausgegeben von Renatus Deckert
Broschur, 239 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin
ISBN 978-3-518-46073-3

»Wolken und Kastanien«, der lesenswerte Blog von Renatus Deckert

#SupportYourLocalBookstore

Permalink

2

Gleich im Morgengrauen aber rührte sich der Hunger

Stalins Schergen, die roten Ameisen, vertilgen und vernichten alles in diesem Roman

Stalins Schergen, die roten Ameisen, vertilgen und vernichten alles während des Holodomor

Der Opfer gedenken

Am Mittwochabend war ich auf dem Tübinger Holzmarkt bei einer Gedenkkundgebung zu Ehren der Opfer des Stalinismus und der politischen Gewalt heute. Die Veranstaltung unter dem Titel »Rückgabe der Namen« wurde vom Osteuropainstitut und dem Slavischen Seminar der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft »Memorial« organisiert. Mit dem Verlesen einzelner Namen immer am 29. Oktober wird an die Opfer Stalins und deren Schicksal erinnert. Die Liste, die »Memorial« zur Verfügung stellt, ist unfassbar lang.

Holodomor

Unfassbar lang ist auch die Liste der Ukrainerinnen und Ukrainer, die 1932/33 dem Holodomor (ukrainisch: »Tötung durch Hunger«} zum Opfer gefallen sind. Der Holodomor war der unter Stalin geplante und angeordnete Massenmord an den Ukrainern Anfang der 1930er Jahre. Mindestens 4,5 Millionen Frauen, Kinder, Männer sind während dieser Zeit im Zuge von Stalins Zwangskollektivierung unter furchtbaren Qualen gestorben. In Putins Russland ist der Holodomor bis heute ein Tabuthema. In der Ukraine ist dieser mörderische Hunger bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent. Ein Trauma, das durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wieder wachgerufen wurde.

Wie verarbeitet man so ein kollektives Trauma? Kann man dieses Grauen, Millionen von Einzelschicksalen als Literatur zwischen zwei Buchdeckel bringen? Eine Frage, die sich die ukrainische Autorin Tanya Pyankova, 40, bei der Arbeit an diesem großen Roman vermutlich nicht nur einmal gestellt hat. Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Roman ist in jeder Hinsicht gelungen; zugleich ist »Das Zeitalter der roten Ameisen« eine Herausforderung an uns Leserinnen und Leser.

Das Zeitalter der roten Ameisen

»Am Anfang ist es noch gar nicht so schlimm. Am Anfang schwellen dir nur die Beine an. Sie werden taub und gefühllos, sind wie aus Holz, voll und schwer wie zwei Fässer, die jemand täglich mit Zinn ausgießt, und sie tragen dich nicht mehr wie sonst, sie stören dich eher.«

Mit dieser ersten Hunger-Schilderung der 19jährigen Dusja beginnt  »Das Zeitalter der roten Ameisen«, der Roman von Tanya Pyankova. Wir schreiben das Jahr 1933, Stalin hat die Ukraine seinem brutalen Hungerterror unterworfen. Auch im Dorf Matschuchy in der Zentralukraine frisst sich der Hunger durch alle Häuser. Stalins Schergen durchkämmen jedes Haus, plündern buchstäblich jedes einzelne Korn Getreide, schaffen alles Essbare und Nützliche weg. So soll der Widerstand der Ukraine gebrochen werden.

Die hungernden Bewohner tauschen buchstäblich alles gegen ein bisschen Essen. So auch die Familie von Dusja, die ihr Haus für acht Laib Brote hergegeben hat und jetzt bei der Oma Sanka lebt. Neben Dusja leben dort ihr jüngerer Bruder Myros, die Mutter Hanna, die Oma Sanka und später das Findelkind Melaschka. Der Vater Timofej wurde nach Sibirien deportiert. Er weigerte sich standhaft, mit Stalins Mördern zu kooperieren und für die Kolchose zu arbeiten.

Die zweite Erzählstimme gehört Solja. Sie ist mit dem roten Parteifunktionär und faktischen Dorfchef Ljoscha verheiratet und hat ihr Kind Ewa kurz nach der Geburt verloren. Solja und Ljoscha hungern nicht. Im Gegenteil: Solja ist vom Verlust des Kindes traumatisiert und leidet unter ständigen Fressattacken, die sie immer dicker werden lassen.

Swyryd Sutschok ist die dritte Stimme dieses Romans. Swyryd ist ein williger Helfer und Mitläufer. Er steht auf der Seite der Täter, er hungert nicht, aber er leidet – von Zeit zu Zeit – an schlechtem Gewissen. Wie viele andere Helfer und Mitläufer des Terrorregimes redet er sich sein Handeln schön und ertränkt das schlechte Gewissen im Schnaps.

Der Hunger

Neben diesen drei Hauptfiguren, deren Stimmen Tanya Pyankova schlüssig komponiert und deren Schicksale die Autorin gekonnt aufeinander zulaufen lässt, gibt es einen zentralen Protagonisten, der immer präsent ist. Der Hunger! Er frisst sich durch den gesamten Roman und tritt personalisiert in den unglaublichsten metaphorischen Verkleidungen auf.

»Gleich im Morgengrauen aber rührte sich der Hunger. Er tollte herum, und es kümmerte ihn nicht, dass wir schliefen. Er hat unter den Dielen das alte Getreidemahlwerk hevorgeholt, von Oma von früher, und jetzt dreht er uns durch wie Roggen, mahlt uns zu pudrig feinem Mehl, einem Mehl so zart und so schwarz wie kein Tod der Welt, nicht einmal der grausamste, es mahlen könnte.«

Zu den drei realistischen, nüchternen Erzählstimmen bringt die Autorin mit dem personifizierten Hunger eine surreale Stimme in den Roman. Es ist sprachlich beeindruckend, welche Bilder Pyankova für den Hunger, das Leiden, den Schmerz findet. Und sie macht so das unvorstellbare Grauen für uns Leser erfahrbar.

Im Nachwort zu ihrem Roman schreibt die Autorin, dass die Geschichten ihrer Figuren nicht erfunden seien. Sie betont, dass es kaum eine Familie in der Ukraine gibt, die nicht vom Holodomor betroffen war. Sie habe noch von ihrer Oma gelernt, buchstäblich jedes Kraut und jedes Unkraut, das man draußen findet, zu einer Mahlzeit zu verarbeiten. Diese Mahlzeiten, die die Autorin noch heute ab und an kocht, »haben mit tief im genetischen Gedächtnis eingebrannten Erinnerungen zu tun, konkret mit Erinnerungen an die Hungerjahre.«

»Die Zeit der roten Ameisen« ist ein außergewöhnlicher Roman über eine furchtbare Zeit, ein Buch über Schuld, Verantwortung und auch Menschlichkeit. Tanya Pyankova hat eine Form und eine stimmige Sprache für das Grauen gefunden, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer im Holodomor erleiden mussten. Die Übersetzung von Beatrix Kersten ist so, dass man förmlich in den Roman hineingezogen wird.

Das Terrorregime von Stalins Brigaden, die »roten Ameisen« wirkt bis heute nach. Und mehr noch, schreibt die Autorin am Ende dieses aufwühlenden Buches:

»Russlands Genozid am ukrainischen Volk dauert an.«

NK | CK

PS: Die Tübinger Reihe »Brennpunkt Ukraine« wird im Wintersemester 2025/26 fortgesetzt. Das aktuelle Programm ist hier zu finden.

Buchinformation

Tanya Pyankova
Das Zeitalter der roten Ameisen
Taschenbuch, Nagel und Kimche, 2024
ISBN 9783312013180

#SupportYourLocalBookstore

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner