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Freitagsfoto: Die Amsel – die Callas unter den Singvögeln

Keine singt schöner: Amsel (Turdus merula), einst Waldbewohner, konzertiert sie jetzt auch in unseren Gärten

Keine singt schöner: die Amsel (Turdus merula), einst Waldbewohner, konzertiert jetzt auch in unseren Gärten

Kalter Herbstmorgen
die Amsel schweigt –
wie schade

Cold autumn morning
the blackbird is silent –
what a pity

Dieses Haiku widmen wir der Amsel, die es nur auf den zehnten Platz bei der Wahl zum Vogel des Jahres 2021 geschafft hat, weit abgeschlagen vom Spitzenreiter Rotkehlchen. Dabei ist Turdus merula die Maria Callas unter den Singvögeln. Arnulf Conradi schreibt in seinem lesenswerten Buch Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung, dass sie in Sachen Gesangsvielfalt auch die Nachtigall in den Schatten stellt. Ein ausführliches Porträt gibt es hier.

NK & CK

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Buchenwald: „Eine harte, bittere Schule.“

Konzentrationslager Buchenwald: Essgeschirr der Lagerhäftlinge

Konzentrationslager Buchenwald: Essgeschirr der Lagerhäftlinge

Eine Jugend in Buchenwald

„Als ich Buchenwald verließ, war ich zweiundzwanzig Jahre alt. Alle meine Jugendjahre hatte ich in diesem Konzentrationslager auf dem Ettersberg verbracht. Eine harte, bittere Schule. Die anderen waren ein Stück vorangegangen. Ich blickte mich noch einmal um und schloss das Tor.“

Am 15. Oktober 1939 erreicht der junge Władysław Kożdoń mit seinem Vater Paweł mit einem Gefangenentransport die Stadt Weimar. Wenige Wochen zuvor, am 1. September 1939, hatte Nazi-Deutschland Polen überfallen, an Władysławs 17. Geburtstag. Die letzten acht Kilometer vom Hauptbahnhof Weimar hoch auf den Ettersberg, wo sich das Konzentrationslager Buchenwald befindet, müssen die Gefangenen zu Fuß mit über dem Kopf erhobenen Armen marschieren. Die Zufahrtsstraße zum Lager heißt „Blutstraße“. Häftlinge mussten sie unter Aufsicht der SS von Mitte 1938 bis zum Spätherbst 1939 ausbauen. Das Straßenschild kann man noch heute sehen, ebenso Teile der Original-Betonstraße.

Eigentlich hieß das KZ Buchenwald nach dem Berg, auf dem es stand, KZ Ettersberg, nahe der Stadt Weimar. Aber das war den Bürgerinnen und Bürgern der Schiller- und Goethestadt dann doch zu viel, und so bestanden sie auf einer Namensänderung. 280 000 Menschen aus mehr als 50 Nationen waren zwischen 1937 und 1945 in Buchenwald inhaftiert. „Etwa 56 000 Menschen kamen in Buchenwald und seinen Außenlagern ums Leben oder wurden willkürlich getötet, starben vor Hunger, durch Krankheit oder medizinische Versuche.“ (Wegweiser durch die Gedenkstätte Buchenwald)

Überlebt haben Buchenwald 21 000 Häftlinge, unter ihnen 900 Kinder und Jugendliche. Eines dieser Kinder ist Władysław Kożdoń, geboren als Sohn katholischer Polen in Chwałowice, Oberschlesien. Gemeinsam mit seinen Brüdern Franek und Jurek erlebt Władysław nach sechs Jahren Haft die Ankunft der Amerikaner am 11. April 1945. Ein paar Wochen später, im August 1945, machen sich die drei in einem Eisenbahnwagon auf die Heimreise nach Polen. Mutter und Vater wurden von der SS ermordet.

Kein Entrinnen

Erst viele Jahre später berichtet Władysław Kożdoń in seinem Buch »…ich kann dich nicht vergessen« Erinnerungen an Buchenwald von seiner Zeit auf dem Ettersberg. Das Buch haben wir diesen Sommer in der Besucherinformation von Buchenwald im Shop gekauft. Kożdońs Buch ist weder Roman noch Autobiographie, sondern ein Bericht.

Konzentrationslager Buchenwald, im Hintergrund das Lagertor mit dem Torgebäude

Konzentrationslager Buchenwald, links im Hintergrund das Lagertor mit dem Torgebäude

Der schmale Band mit gerade mal 126 Seiten ist der sachlich-nüchterne Erlebnisbericht eines jungen Mannes, der in chronologischer Folge berichtet, was er in Buchenwald zwischen 1939 und 1945 erlebt und gesehen hat. Die völlig schnörkellose Sprache steht in Kontrast zu dem, was Władysław Kożdoń schildert. Und das ist eindrücklich!

„Im Konzentrationslager angekommen, trieb man uns auf dem Appellplatz zusammen. Der Nebel hatte sich verzogen. Von dem windigen Hügel aus, auf dem wir standen, konnte man die Thüringer Ebene erspähen. Der Platz war eingezäunt, Wachtürme umzingelten uns. Von hier gab es kein Entrinnen.“

Nach und nach erfahren wir als Leser, wie das Lager organisiert war, wo welche Insassen untergebracht wurden, wer in welchen Blocks oder Abteilungen das Sagen hatte. Und wir können vergeblich versuchen, nachzuempfinden, wie es sein muss, wenn man 24 Stunden am Tag die brutale und oft tödliche Willkür der SS-Schergen fürchten musste.

„SS-Hauptscharführer Martin Sommer war Folterknecht und Henker in Buchenwald. Wenn er sich im Lager sehen ließ, bedeutete das nie etwas Gutes. Auch jetzt suchte er jemanden, den er totschlagen konnte. Doch er fand keinen Grund dafür, einen herauszugreifen. So schlug er wahllos und zerstreut auf die Stehenden ein.“

Immer wieder ist es der Zufall oder ein glücklicher Umstand, der den jungen Władysław vor dem Schlimmsten bewahrt. Und immer wundert man sich, wie ein junger Mensch zwischen 17 und 23 diesen Alptraum, diese Abgründe menschlichen Handelns aushält, woher Władysław die Kraft nimmt, sich nicht völlig aufzugeben? Es ist der schiere Überlebenswille. Neben dem Zufall und Glück haben Władysław im KZ aber auch andere Insassen geholfen: ein paar „mutige, kluge und hochherzige Deutsche“.

„Inmitten aller Leiden, die Nazi-Deutschland mir, meiner Familie und Millionen anderen zugefügt hat: Durch diese Menschen habe ich das deutsche Volk schätzen gelernt.“

Das wussten wir nicht

In der Mehrzahl waren es aber nicht die gütigen Deutschen, sondern die SS-Angehörigen oder Leute wie der Lagerarzt, der den jungen Władysław für seine Experimente missbraucht. Nicht zu vergessen, die Bürgerinnen und Bürger von Weimar, die KZ-Insassen am Bahnhof bei der Ankunft gesehen haben und die nach der Befreiung von den Amerikanern auf den Ettersberg gebracht wurden. Dort sollten sie mit eigenen Augen das Grauen sehen, das sich nur wenige Kilometer von ihrer schönen Stadt entfernt zugetragen hatte, und von dem sie hinterher behaupteten:

»Das wussten wir nicht.«

Władysław Kożdoń: »... ich kann dich nicht vergessen« Erinnerungen an BuchenwaldWładysław Kożdoń ist im August 2017 im Alter von 95 Jahren in Breslau gestorben. Er wurde bis zu seinem Tod nicht müde, nachfolgenden Generationen davon zu erzählen, was er in Buchenwald erlebt hatte. Er war auch, so haben wir rausgefunden, viele Male im Bistum Mainz, um dort vor Deutschen zu sprechen. Der Autor, so schreibt der Wallstein-Verlag im Klappentext, hat seinen Bericht auch als Teil des deutsch-polnischen Dialogs verstanden. Dass wir dieses Buch in Buchenwald exakt 30 Jahre nach Abschluss des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags entdeckt haben, war Zufall, ein bereichender. Den Besuch der Gedenkstätte Buchenwald mit der exzellent gemachten Daueraustellung „Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“ können wir empfehlen, auch wenn es belastend und anstrengend ist.

CK & NK

Buchinformation

Władysław Kożdoń
»… ich kann dich nicht vergessen« Erinnerungen an Buchenwald
Wallstein Verlag, 2007
Taschenbuch, nur noch oder evtl. in der Gedenkstätte antiquarisch erhältlich

Weitere Information

Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Information über Władysław Kożdoń in der Dauerausstellung

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Freitagsfoto: Kein schöner Land

Kein schöner Land: 1

Kein schöner Land: 1

Augenwurm

Seit dieser peinliche Wahlwerbespot von Bündnis 90/Die Grünen viral ging, hängt irgendwie die Textzeile „Kein schöner Land“ in der Luft, und ständig kommen einem passende Motive vors Objektiv.

Kein schöner Land: 2

Kein schöner Land: 2

Grund genug, eine kleine Fotoserie zu diesem Thema zu starten. Wir haben mal angefangen und freuen uns auf Kommentare und Anregungen.

Schönes Wochenende!

NK & CK

Kein schöner Land: 3

Kein schöner Land: 3

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Freitagsfoto: Die Alb

Die Alb als „wundersame blaue Mauer“ (Mörike) von Tübingen aus gesehen

Die Alb, diese „wundersame blaue Mauer“ (Eduard Mörike) vom Tübinger Norden gesehen

Die Alb

Quer gebaut durchs Land
und an den Rändern
steinig gerissen,
hungrig immer nach Bläue,
auch winters,
wenn der spiegelnde Himmel
versteckte Wege zeigt.

Da lässt es sich lärmen.
Und Schweigen
üben.
Da lässt sich aus Gesang
ein Hügel türmen
oder ein steingehäkeltes Schloss.
Da lässt es sich in
Kinderwiesen zurücklaufen,
eine Strophe aufsagen,
die den Silberdisteln
den Hut lupft
und den Dompfaffen
den Kopf wäscht.

Schön geht der Blick
hinunter ins Land,
wenn er fliegen lernt
und schwindelnd stürzt
von diesem quer
durchs Land gebauten Riff.

Peter Härtling

Dieses schöne Alb-Gedicht von Peter Härtling (13. November 1933 – 10. Juli 2017) haben wir in dem Sammelband „Albgeschichten“ entdeckt, den wir hier vorgestellt haben. Erschienen ist Härtlings Gedicht erstmals in seinem Gedichtband „Horizonttheater“ (Kiepenheuer & Witsch, 1997): Infos hier. Die Journalistin Uschi Götz hat im Deutschlandfunk mit Peter Härtling über seine Flucht und das Fremdsein in seiner schwäbischen Heimat gesprochen: kann man hier nachlesen, lohnt sich.

NK & CK

„Schön geht der Blick hinunter ins Land“: hier ins Eyachtal bei Albstadt-Lauffen

„Schön geht der Blick hinunter ins Land“: hier ins Eyachtal bei Albstadt-Lauffen

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Freitagsfoto: Ohne Murren

Ohne Murren fielen die Blätter im Garten des Otto-Dix-Hauses auf der Höri

Ohne Murren fallen die Blätter im Garten des Otto-Dix-Hauses auf der Höri am Bodensee

Seid doch unbesorgt.
Auch die Blätter fallen
ohne Murren ab!

Ein Haiku von Issa (1763 – 1828), der in seinem Leben viel Leid ertragen musste und darüber weder seinen Humor noch sein tiefes Mitgefühl für Menschen, Tiere und Pflanzen verloren hat.

Nehmen wir uns ein Beispiel an Issa!

NK & CK

PS: Ein Besuch des Museums Otto Dix in Gaienhofen auf der Höri lohnt sich und ist noch möglich bis 31. Oktober 2021, dann ist Winterpause.

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Freitagsfoto: Verhüllungsaktion im Bühlertal

„Verhüllung ist Verheißung.“ Christo

„Verhüllung ist Verheißung.“ Christo

Die Pariserinnen und Pariser sind mächtig aufgeregt in diesen Tagen. Mutige Fassadenkletterer haben ihren Arc de Triomphe verhüllt und damit ein Projekt verwirklicht, das Christo und seine Frau Jeanne-Claude seit Jahrzehnten geplant hatten. Und jetzt wollen alle ein Selfie mit dem gut betuchten Arc de Triomphe und treten sich auf die Füße. Muss man mögen, diesen Trubel.

Wer es weniger hektisch mag, dem empfehlen wir einen Spaziergang im Bühlertal bei Tübingen. Auch dort gibt es eine Verhüllungsaktion zu bestaunen. Vor allem aber ist es eine schöne, ruhige Runde in der Natur.

Schönes Wochenende!

NK & CK

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Es wird heiß! „Deutschland 2050“

45 Grad Celsius und mehr. Möglich, dass wir in Tübingen das Klima von Uzès im Languedoc bekommen

45 Grad Celsius und mehr. Möglich, dass wir in Tübingen das Klima von Uzès im Languedoc bekommen

Vorweg ein Geständnis

Vor ein paar Jahren habe ich zum Thema Klimawandel ein Buch mit dem Titel „Selbstverbrennung“ gekauft. Das Thema treibt ja viele von uns um, und ich wollte einfach besser Bescheid wissen. Geschrieben hat das Buch Professor Dr. Hans Joachim Schellnhuber, der Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor für Theoretische Physik. Unsere Noch-Bundeskanzlerin hält viel von ihm, als sie Umweltministerin war, hat er sie beraten. Um es kurz zu machen: das Buch hat knapp 800 Seiten und ist sehr anspruchsvoll, und ich habe es bisher nicht gelesen.

Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird

Was ich hingegen gründlich und phasenweise mit Entsetzen gelesen habe, ist das Buch „Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird“. Geschrieben haben es die renommierten Wissenschaftsjournalisten Nick Reimer und Toralf Staud, die beide für ihre journalistische Arbeit ausgezeichnet wurden. Dieses Buch ist für mich eines der anschaulichsten und lesenswertesten Bücher zum Thema Klimawandel, das es derzeit auf dem Markt gibt. Warum?

Weil die beiden Autoren in einer wahren Herkulesarbeit hunderte von seriösen Studien durchforstet und mit ebenso vielen Expert:innen gesprochen haben. Auf dieser Basis beschreibt „Deutschland 2050“, wie unser Land in 29 Jahren aussehen wird. Wobei die Autoren Unsicherheiten bezüglich ihrer Aussagen gleich zu Beginn einräumen. Diese hängen davon ab, welchen Weg wir in Sachen Klimaschutz weltweit jetzt einschlagen. Vom lässigen Weiter-so bis hin zum schärfsten Klimaschutz ist vieles möglich.

„Die größte Unsicherheit beim Blick in die weitere Klimazukunft resultiert schlicht daraus, dass ungewiss ist, welche Mengen an Treibhausgasen die Menschheit zukünftig ausstoßen wird.“

Wir sind auf dem Hitzepfad. Quelle: Ed Hawkins | Scientists for Future Deutschland

Wir sind auf dem Hitzepfad. Quelle: Ed Hawkins | Scientists for Future Deutschland

Die Zeit läuft uns davon

Reimer und Staud haben für ihr Buch auf jene Szenarien geblickt, „in denen kein oder nur schwacher Klimaschutz betrieben wird.“ Sie bezeichnen sich dabei selbst nicht als Pessimisten, sondern Realisten. Und ehrlich: schaut man sich den Bundestagswahlkampf und das Herumgeeiere um den Klimaschutz an (trotz Flutkatastrophe), liegen die Autoren wahrscheinlich richtig. Manche Politiker:innen vermitteln den Eindruck, wir hätten noch ewig Zeit. Haben wir nicht.

„Von einem Pfad, der zum Erreichen der Pariser Klimaziele führen würde, ist die Welt meilenweilt entfernt. Drei oder gar vier Grad Temperaturanstieg bis Ende des Jahrhunderts sind im Moment viel wahrscheinlicher als zwei oder gar nur 1,5 Grad Celsius. Und vier Grad mehr – das wäre wirklich eine komplett andere Welt.“

Wir sollten uns so eine Welt vorstellen… Was uns dabei in die Quere kommt, ist die zeitliche Distanz zum Jahr 2050 und, bisher jedenfalls, die räumliche Distanz zum Klimawandel. Wetterkatastrophen im Zuge eines sich verändernden Klimas waren bisher das Problem von Bangladesh, Grönland oder den Fidschis. Sozialpsychologen beschreiben dieses Phänomen mit dem Begriff „psychologische Distanz“. Die gilt es, jetzt schnellstmöglich zu überbrücken. Denn die Flutkatastrophe in Deutschland diesen Sommer mit vielen Todesopfern bestätigt die Autoren:

„Der Klimawandel ist Realität. Seine Hauptursache ist der Mensch. Die möglichen Folgen sind verheerend. An diesen drei Punkten sind keine vernünftigen Zweifel mehr möglich.“

Es wird heiß, sehr heiß – und nass

Und was blüht uns jetzt in Deutschland, wenn wir mit unserem halbgaren Klimaschutz weitermachen wir bisher? Das beschreiben Reimer und Staud in 14 anschaulichen Kapiteln. Den Einstieg macht das Kapitel „Klimamodelle“, in dem erst mal erklärt wird, was Wetter ist, worin sich Wetter von Klima unterscheidet, und wie man zu aussagekräftigen, verlässlichen Modellierungen kommt. Zu einem Klimamodell kommt man, so lernen wir, wenn man den Ausgangszustand der Atmosphäre kennt und dazu die physikalischen Prozesse, die in der Atmosphäre ablaufen. Dazu kommen zig Variablen, und das alles wird dann, vereinfacht gesagt, in eine mathematische Gleichung gegossen. Berechnet wird das in Supercomputern, zum Beispiel beim Deutschen Wetterdienst DWD. Fünf bis sechs Monate sind diese Computer beschäftigt, um das Klima für Deutschland in den nächsten 80 Jahren durchzurechnen.

Interessanterweise lag schon der Japaner Syukoro Manabe (89) mit einem der ersten Klimamodelle im Jahr 1967 ziemlich richtig. Seine Vorhersagen bezüglich des CO2-Gehalts und des damit verbundenen Temperaturanstiegs seit Beginn der Industrialisierung stimmen ziemlich genau.

Klimamodell von ExxonMobil

Übrigens betreibt auch die Mineralölindustrie seit Jahrzehnten Klimamodellierungen und beschäftigt dazu exzellente Wissenschaflter:innen. So auch der Konzern ExxonMobil bereits in den 1970er Jahren:

„Die Wissenschaftler gehörten zur Weltspitze, aber ihre Ergebnisse blieben geheim. Die Konzernforscher warnten eindringlich vor der Erderhitzung – doch in der Öffentlichkeit schürte ExxonMobil Zweifel an deren Existenz, zum Beispiel in teuren Werbeanzeigen.“

Die Exxon-Forscher haben im Jahr 1982 einen Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre in den nächsten 40 Jahren auf 415 ppm (Teilchen pro Million Moleküle) beschrieben und einen Anstieg der Oberflächentemperatur der Erde um mindestens 0,8 Grad vorausgesagt. Und: „Fast genauso ist es eingetroffen.“ Im November 2020 lag der Wert laut Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bei 410 ppm. „Und die Temperatur der Erde ist bereits um ein Grad gestiegen.“

Es betrifft alle

Die weiteren Kapitel des Buches beschäftigen sich mit unterschiedlichen Bereichen unseres Lebens und unserer Umwelt: Mensch, Natur, Wasser, Wald, Städte, Küste, Verkehr, Wirtschaft, Landwirtschaft, Energie, Tourismus, Sicherheit und Politik.

Wieder und wieder gelingt es den beiden Autoren dabei, faktenbasiert, sachlich, aber eindringlich zu schildern, womit wir im Jahr 2050 rechnen müssen. Wir werden mehr und längere Hitzewellen auszuhalten haben. Verbunden mit Trockenheit, Wassermangel und vielen Tropennächten, in denen die Temperatur auch bei Nacht nicht mehr unter 20 Grad sinkt. Tübingen könnte dann das Klima von Uzès im südlichen Languedoc bekommen. Keine guten Aussichten, hat doch schon die Hitzewelle 2003 in ganz Europa 70000 Todesopfer gefordert. Muss man erwähnen, dass wir Menschen nicht für diese Hitze gemacht sind, die Asiatische Tigermücke jedoch schon, und sie kann den Erreger für das Dengue-Fieber übertragen.

Es wird ungemütlich

Klar ist, der Klimawandel und die damit verbundene Erderhitzung betreffen alle und alles: Menschen, Tiere, Pflanzen, Natur. Von den 71900 Tier- und Pflanzenarten könnten rund 30 Prozent in den kommenden Jahrzehnten aussterben – hat die Bundesregierung (!) schon 2008 geschrieben. Und dieselbe Bundesregierung ist dann in Sachen Artenschutz genauso träge vorgegangen wie beim Klimaschutz. Mit der immergleichen Begründung, es müsse der Wirtschaftstandort Deutschland erhalten bleiben und sowieso, man könne den Menschen nicht zu viel Klimaschutz zumuten. Fakt ist: Kein oder nur halbherziger Klimaschutz wird für uns alle viel gefährlicher und viel viel teurer!

Die Hitze wird zu Dürren führen, die Dürren zu Wassermangel, der Wassermangel zu Kühlwassermangel in der Industrie und der Energiegewinnung. Gleichzeitig brauchen wir mehr Energie, um Gebäude wie Pflegeheime, Krankenhäuser etc. zu klimatisieren.

Wer wissen möchte, was 2050 in Deutschland auf uns zukommt, möge dieses Buch lesen

Wer wissen möchte, was 2050 in Deutschland auf uns zukommt, möge dieses Buch lesen

Und jetzt

„Wer verhindern will, dass Deutschland sich noch stärker verändert als in diesem Buch geschildert, muss sofort mit dem schärfsten Klimaschutz anfangen, den er sich überhaupt vorstellen kann.“

Das empfehlen die Autoren Reimer und Staud. Und wir empfehlen, „Deutschland 2050“ zu lesen. Wer diese 374 verständlichen und informativen Seiten gelesen hat, wird anders über den Klimawandel denken. Und wer gerne Bücher von hinten liest, fängt einfach mit dem Interview mit Professor Ortwin Renn an. Der Mann ist Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) und beschäftigt sich intenstiv mit dem Umfang moderner Gesellschaften mit Risiken. Renn weiß viel über unsere zögerliche oder widerständige Haltung in Sachen Klimaschutz, und er macht sich große Sorgen. Aber er ist nicht ganz ohne Hoffnung!

NK & CK

Buchinformation

Nick Reimer, Toralf Staud
Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird
Kiepenheuer & Witsch, Köln
Paperback, 374 Seiten, klimaneutral produziert
ISBN 978-3-462-00068-9

Weitere Information

Wissenschaftsportral Klimafakten.de

Science-O-Mat zur Bundestagswahl 2021

Online-Gespräch mit Nick Reimer und Toralf Staud

Podcast mit Nick Reimer und Toralf Staud

Twitter-Kanal von „Deutschland 2050“

Peter Unfried erklärt in der taz, warum die Medien eine Mitschuld an diesem in Sachen Klima vergeigten Wahlkampf tragen. Sehr lesenswert!

Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf erklärt in viereinhalb Minuten eine Welt mit 4 Grad mehr

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Bärenpanther im Schönbuch?

Ist der Bärenpanther wieder im Schönbuch unterwegs? Foto: Norbert Kraas

Ist der Bärenpanther wieder im Schönbuch unterwegs?

Bärenpanther, 14.9.2021, 9.02 Uhr

Ist einem Tübinger Fotografen bei seiner Morgenrunde mit Hund womöglich ein echter Glückstreffer gelungen? Bei dem Tier, das ihm da im Schönbuch bei Hagelloch vor die Linse lief, könnte es sich tatsächlich um ein älteres Exemplar des sehr seltenen Bärenpanthers handeln. Der Bärenpanther wurde zum letzten Mal im Sommer 2019 im Département Ardèche gesichtet.

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Freitagsfoto: Geschnatter

„Besitzen wir irgendeine Fähigkeit, die wir nicht auch im Tun und Treiben der Tiere fänden?“ Montaigne

„Besitzen wir irgendeine Fähigkeit, die wir nicht auch im Tun und Treiben der Tiere fänden?“ Michel de Montaigne

Wahlkrampf

In gut zwei Wochen ist Bundestagswahl. Endlich! Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht, aber wir sind wahlkampfmüde. Zuerst ist dieser Wahlkampf, der ja oft eher einem Wahlkrampf ähnelt, lauwarm vor sich hingedümpelt, und jetzt wird die Union panisch und packt den uralten Rote-Socken-Mist wieder aus. Als ob Olaf Scholz oder Annalena Baerbock ständig mit dem Kommunistischen Manifest unterm Arm über die Marktplätze der Republik ziehen würden. Geht’s noch?

Dabei hätten wir wahrlich wichtige Themen zu besprechen: Klimawandel, Digitalisierung, Gesundheitswesen, Corona, der drohende Pflegekollaps oder Europa, ein Thema, das in diesem Wahlkampf kaum vorkommt. Warum eigentlich nicht?

Geschnatter

Und dann dieses permamente Geschnatter, Posten, Liken, Tweeten, Daumen hoch, Daumen runter. Dazu die Nachrichtenmaschine, die auch nicht mehr zur Ruhe kommt und nicht selten nachschnattert, was gerade auf Twitter trendet.

Steinzeithirn

Nein, liebe Freundinnen und Freunde, das ist alles nicht gesund! Denn unser kleines Steinzeithirn ist schnell überfordert und mag keine Reizüberflutung und digitalen Stress. Der Neurologe Dr. Volker Busch rät uns deshalb dringend, unser Gehirn mehr zu pflegen. Wie das geht, kann man hier im Interview nachhören.

Sehr empfehlenswert zum Runterkommen sind übrigens auch Atemübungen. Eine verständliche Anleitung habe ich bei Spektrum der Wissenschaft für euch entdeckt.

So, das war’s für heute! Danke für Ihr / Euer Interesse!

NK & CK