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Auf dem „Jahrmarkt der Wunder“

„Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe“. Foto:  Norbert Kraas, Ecussols, Burgund.

„Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe“. Foto:  Norbert Kraas, Ecussols, Burgund.

JAHRMARKT DER WUNDER

Ein Alltagswunder:
dass es so viele Alltagswunder gibt.

Ein gewöhnliches Wunder:
das Bellen unsichtbarer Hunde in einer stillen Nacht.

Ein Wunder von vielen:
eine kleine und flüchtige Wolke,
aber sie kann den grossen und harten Mond verschwinden lassen.

Mehrere Wunder in einem:
eine Erle, die sich im Wasser spiegelt,
und dass sie von links nach rechts gewendet ist
und dass sie mit der Krone nach unten wächst
und überhaupt nicht bis auf den Grund reicht,
obwohl das Wasser seicht ist.

Ein Wunder an der Tagesordnung:
Recht schwache und milde Winde,
doch in der Sturmzeit böig.

Ein erstbestes Wunder:
Kühe sind Kühe.

Ein zweites, nicht geringeres:
dieser und kein anderer Garten
in diesem und keinem anderen Obstkern.

Ein Wunder ohne schwarzen Frack und Zylinder:
ausschwärmende weisse Tauben.

Ein Wunder, denn was sonst:
die Sonne ging heute um drei Uhr vierzehn auf
und sie wird untergehen null Uhr eins.

Ein Wunder, das nicht so verwundert, wie es sollte:
die Hand hat zwar weniger Finger als sechs,
dafür mehr als vier.

Ein Wunder, so weit man schauen kann:
die allgegenwärtige Welt.

Ein beiläufiges Wunder, beiläufig wie alles:
was undenkbar ist – ist denkbar.

Ein Gedicht von Wisława Szymborska, die große polnische Dichterin, die 1996 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie wurde am 2. Juli 1923 in Kórnik, Polen geboren und starb am 1. Februar 2012 in Krakau. Für Wisława Szymborska, die auf Deutsch bei Suhrkamp verlegt wird, konnte alles in Gedichten verarbeitet werden. Alles war willkommen auf dem „Jahrmarkt der Wunder“. Denn über alles lässt sich staunen und schreiben, aber bitte ohne künstliches Pathos. Sie sagte selbst in ihrer Rede zum Literaturnobelpreis:

„In der Sprache der Poesie ist nichts gewöhnlich und nichts normal. Nicht ein einziger Stein und nicht eine einzige Wolke darüber. Nicht ein einziger Tag und nicht eine einzige Nacht. Und vor allem kein einziges Leben.“

Willkommen auf dem Jahrmarkt der Wunder!

NK | CK

Buchinformation

Wisława Szymborska
Hundert Freuden. Gedichte
Suhrkamp Taschenbuch, 2023, 18. Auflage
ISBN: 978-3-518-39089-4

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Anpassen, auswandern, aussterben: Klimawandel trifft alle

Auch viele Stare kehren früher wieder aus ihren Winterquartieren zu uns zurück

Auch viele Stare kommen mittlerweile früher aus ihren Winterquartieren zu uns zurück

„Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen“

„In Sachen Klimawandel ist die Kluft zwischen unserem Wissen und unserer Bereitschaft und Fähigkeit zu handeln eklatant“

Das geht nicht nur uns Normalbürgern so, die wir uns gerne mal fragen, ob es überhaupt was bringt, wenn wir als einzelne Verbraucher weniger Fleisch essen oder das Auto öfter stehen lassen? Auch Wissenschaftler wie der amerikanische Naturschutzbiologe und Wissenschaftsautor Thor Hanson, kennen die Widersprüchlichkeit des eigenen Handeln in Bezug auf den Klimaschutz.

Hanson bekennt dies freimütig gleich zu Beginn seines Buches „Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen“. Darin zeigt uns der Biologe, dass die Auswirkungen des Klimawandels buchstäblich überall mess- und sichtbar sind. Der Klimawandel hat längst Einfluss auf das Leben unzähliger Tiere und Pflanzen genommen und tut dies weiter, mit großer Geschwindigkeit und teils dramatischen Folgen. Höchste Zeit also, dass auch wir unser Verhalten anpassen.

“Migrate, adapt or die“ sind die drei Optionen, die Pflanzen und Tiere, ob im Wasser oder an Land, haben, wenn es darum geht, sich den Folgen des Klimawandels zu stellen. Aus allen drei Reaktionsmöglichkeiten – Migration, Adaption, Aussterben – präsentiert uns der Autor beeindruckende Beispiele, die er entweder selbst beobachtet hat, oder die ihm Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den verschiedenen Bereichen schildern.

„Wir erleben gerade die größte Artenwanderung seit der letzten Eiszeit.“

Sagt zum Beispiel Gretta Pecl, eine australische Wissenschaftlerin, die Hanson vom Lebenszyklus und den Veränderungen von Tintenfischen, Oktopussen und Sepien berichtet. Bereits dreißigtausend klimabedingte Verschiebungen von Verbreitungsgebieten sind erforscht. Das ist aber, so die Australierin nur die Spitze des Eisbergs. Pecl und andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass nach vorsichtiger Schätzung bereits ein Viertel allen Lebens auf der Erde auf dem Weg der Migration ist. Das kann nicht ohne Folgen bleiben.

„Vom Ackerbau über die Forstwirtschaft bis zur Fischerei, überall werden durch den Wegfall einheimischer oder das Hinzukommen neuer Arten alte Traditionen über den Haufen geworfen, und die Menschen wüssten gerne wie es weitergeht.“

Bären und ihre Liebe zu Beeren

Als ein Beispiel für die Anpassung des Verhaltens einer Art führt Hanson das Fressverhalten von Grizzlybären auf der Kodiakinsel in Alaska auf. Diese Braunbären sind bekanntermaßen Allesfresser, und sie lieben Lachs, von dem sie häufig nur die nahrhaften Bauchteile fressen, während sie den Rest zur Weiterverwertung durch andere Tiere und Pflanzen liegen lassen.

Ein schlagartig verändertes Fressverhalten stellte die Forscher jedoch eines Tages vor ein Rätsel. Die Bären ließen die Lachse links liegen und verschwanden bergaufwärts im Wald. Warum? Die veränderten klimatischen Bedingungen hatten die Holunderbeeren früher zum Reifen gebracht, und Holunderbeeren sind, so die Forscher, den Bären noch lieber als frische Lachse, auch weil diese Beeren exakt die richtige Menge an Proteinen liefern, die die Bären brauchen um optimal Fett für den Winter anzusetzen. Forscher sprechen bei diesem Verhalten von Plastizität, Anpassung von Organismen an neue Umweltgegebenheiten. Diese Anpassung wiederum bringt eine ganze Kaskade von Konsequenzen für das restliche Ökosystem auf den Kodikas mit sich, denn die sonst üblichen Reste der Lachse fehlen den anderen tierischen und pflanzlichen Verwertern.

Laubbläser in der Forschung

Wie schnell sich veränderte Klimabedingungen auf die körperlichen Eigenschaften von Lebewesen auswirken können, schildert der begeisternde Autor am Beispiel von Anolis sriptus. Das ist eine Eidechsenart, die auf den Turks- und Caicoinseln in der Karibik vorkommt, und mit der hat sich der Forscher Colin Donihue im Jahr 2017 beschäftigt, und zwar kurz nachdem dort zwei gewaltige Hurrikane gewütet hatten. Donihue wollte herausfinden, wie die kleinen Eidechsen die Stürme überlebt hatten, die mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 280 km/h über die Inseln gefegt waren.

Was der Forscher rausfand, war außergewöhnlich: Die Eidechsen, die überlebt hatten, besaßen größere Haftpolster an den Zehen und hatten längere Vorder- aber kürzere Hinterbeine. Aber warum konnten gerade diese Eidechsen die gewaltigen Stürme überleben? Um diese Frage zu klären, musste ein Laubbläser in die Karibik geschafft werden. Damit simulierten die Forscher für die kleinen Eidechsen einen Wirbelsturm. Und siehe da: Eidechsen mit größeren Haftpolstern und längeren Vorderbeinen konnten sich deutlich länger als ihre Artgenossen an einer Stange im künstlichen Sturm halten.

In nachfolgenden Feldforschungen stellte das Team fest, dass in Regionen mit vielen Hurrikanen signifikant mehr Eidechsen mit veränderten körperlichen Merkmalen vorkommen. Extremwetter, verursacht durch den Klimawandel, so die Forscher, wirkt sich in diesem Fall schnell und unmittelbar auf die natürliche Adaption und Selektion aus. Evolution im Zeitraffer gewissermaßen.

Hier der Film zum Laubbläserexperiment, bei dem keine Tiere verletzt wurden:

Von Eidechsen lernen

„Wir haben gesehen, wie in der Natur die Reaktionen von Einzelorganismen über das Schicksal ganzer Populationen, Arten und Ökösysteme entscheiden können. Das trifft auch auf die menschliche Gesellschaft zu.“

Vor allem der letzte Satz sollte uns hellhörig machen. Kommt darin doch zum Ausdruck, dass auch menschliche Migrationsbewegungen aufgrund von Dürren, Flutkatastrophen oder auch Kriegen erwartbar sind, schließlich sind wir auch nur eine Art unter vielen. Schon jetzt prophezeien Wissenschaftler bewaffnete Auseinandersetzungen um die Ressource Trinkwasser.

Trotz der interessanten, teils kuriosen Beispiele von Adaptionen in der Natur an den Klimawandel ist es Hanson ernst, wenn er uns auffordert, von den Tieren und den Pflanzen zu lernen, wenn es darum geht, mit dem Klimawandel umzugehen. Zum Beispiel, in dem wir unsere eigene Lebensweise anpassen, um dem Klima möglichst wenig zu schaden.

„Wenn Eidechsen in nur einer Generation stärkere Haftpolster an ihren Füßen entwickeln können, dann sollten wir uns doch auch durchringen können, auf unnötige Flugreisen zu verzichten oder das Licht auszuschalten, wenn wir einen Raum verlassen.“

Thor Hanson: Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen. Faszinierende Antworten der Natur auf die KlimakriseDoch Hanson ist kein simpler Mahner mit moralischem Zeigefinger, der Mann ist ein begeisterter, neugieriger Wissenschaftler, der auf unsere menschliche Vernunft und unseren einzigartigen Verstand setzt. Beides zusammen, so seine Hoffnung, sollte es uns ermöglichen, dass wir als Weltgemeinschaft, aber auch als Individuen unsere Lebensweise so adaptieren, dass es uns gelingt, die weitere Erderwärmung abzubremsen und irgendwann aufzuhalten.

„Es wird eine nervenaufreibende und faszinierende Reise – für uns und alle anderen Spezies auf der Welt. Ich hoffe sehr, dass wir es schaffen.“

Fazit: Ein lesenswertes, anregendes Buch eines Wissenschaftlers, der über die Gabe verfügt, kurzweilig schreiben können.

NK | CK

Buchinformation

Thor Hanson
Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen. Faszinierende Antworten der Natur auf die Klimakrise
Aus dem Englischen von Andrea Kunstmann
Kösel-Verlag, München, 2022
ISBN: 978-3-466-37289-8

Homepage von Thor Hanson

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Lesen und schreiben: Budbill, Buson, Haiku

Selten sind die Blätter so spät gefallen wie in diesem Jahr 2022

Selten sind die Blätter so spät gefallen wie letztes Jahr

Vor ein paar Monaten hat mir der amerikanische Dichter Jack Ridl, einen anderen US-amerikanischen Lyriker empfohlen: David Budbill. Ich hatte vorher noch nie eine Zeile von Budbill gelesen und auch den Namen noch nie gehört. Das ist nicht weiter verwunderlich, gibt es doch in den USA so viele interessante Dichterinnen und Dichter, die es nie in den deutschen Literaturmarkt schaffen, und Lyrik, wir wissen es alle, hat es sowieso schwer.

Dichter einfacher Leute

Nun, ich habe Budbill gegoogelt und bin auf der Homepage dieses leider schon verstorbenen Dichters auf ein Buch gestoßen, das meine Neugier geweckt hat. „After the Haiku of Yosa Buson“ heißt der schmale, fadengeheftete Band mit gerade mal 86 Seiten. Davon gleich.

Zunächst ein paar Worte zu David Budbill, der am 13. Juni 1940 in Cleveland, Ohio als Kind einfacher Arbeiter zur Welt kam und am 25. September 2016 in Montpelier, Vermont starb. Budbill lebte mehr als 40 Jahre mit seiner Frau, der Künstlerin Lois Eby in einem abgelegenen Dorf in den Bergen Vermonts, bewirtschaftete ein kleines Stück Land, hackte Holz und schrieb: Gedichte, Prosa, Essays, Bücher für junge Leser und Libretti. Trotz seines zurückgezogenen Lebens hat Budbill etliche Auszeichnungen bekommen und sogar eine Ehrendoktorwürde, obwohl ihm die akademische Welt stets fremd war. Budbills Thema war das Leben der einfachen, rauhen Leute in seiner unmittelbaren Nachbarschaft in den Bergen. Die meisten seiner Lyrikbände sind bei Copper Canyon Press erschienen.

Im Nachruf der New York Times wird Budbill so zitiert:

„Ich interessiere mich für die übersehenen Menschen, die Unterdrückten, die Bedrängten und die Vergessenen. Ich möchte Kunst machen, die das einfache Volk verstehen, nutzen, sinnvoll finden und genießen kann.“ (NYT, 30.9.2016)

Wie David Budbill zum Haiku kam

Nun zu Budbill und Buson, dem großen japanischen Haiku-Dichter und Künstler, der von 1716 bis 1784 lebte und leider immer noch ein wenig im Schatten von Bashō steht. Das meint auch der Haiku-Dichter, Essayist und Literaturkritiker Masaoko Shiki (1867 – 1902), der in seinem Buch über Buson diesen sogar über Bashō stellt.

David Budbill bekommt jedenfall eines Tages von einem guten Freund einen Band mit Haiku von Yosa Buson. Die Haiku von Buson, meisterhaft ins Englische übersetzt von United States Poet Laureate W. S. Merwin und Takako Lento (Copper Canyon Press, 2013), begeistern Budbill derartig, dass er beschließt ein Jahr lang auf den Spuren von Buson zu dichten. Dabei hat er Buson nicht einfach imitiert, sondern als konkrete Inspiration für seine eigenen dreizeiligen Kurzgedichte (Budbill nennt sie explizit nicht Haiku) genommen. Er schreibt im Vorwort zu „After the Haiku of Yosa Buson“:

„Meine Gedichte sind Anspielungen auf Busons Gedichte. Sie sind keine Haiku. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass ich über Dinge schrieb, über die ich noch nie zuvor geschrieben hatte, die aber hier und da vorkommen – Dorschfischer, Kuckuck, Laubfrösche, das Dorf Wolcott, Hacken im Garten usw.“

 

Buson und Budbill im Dialog über die Jahrhunderte

Buson und Budbill im Dialog über die Jahrhunderte

Ich habe mir zu Budbills Band auch die gesammelten, ins Englische übersetzten Haiku von Buson besorgt. Budbill stellt nämlich seinen Haiku immer die Nummer des jeweiligen Haiku von Buson voran. Es macht wirklich Freude und ist sehr interessant, zu sehen, wie sich ein anerkannter Dichter von einem japanischen Klassiker inspirieren lässt. Und: es hat mich selbst dazu gebracht, mich an eigenen Haiku „nach Budbill, nach Buson“ zu versuchen. Hier ein Beispiel, zu dem auch der Dichter Jack Ridl seinen Beitrag geleistet hat:

1.

Buson #767

The first snow falls
then it melts
into dew on the grass

hatsu-yuki ya
kiyureba zo mata
kusa no tsuyu

2.

Snowing barely

Snowing barely then it melts
It’s only the beginning of winter
There’s more to come

David Budbill after Buson #767

3.

The first snow
covers the last leaves
before it melts

Norbert Kraas, after Budbill, after Buson

4.

All snow has melted.
The leftover leaves lie brown.
The moment needs this coffee.

Jack Ridl, after Budbill, after Buson

David Budbill hat sein Buch aufgebaut wie ein klassisches Haiku-Buch: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dort, wo er direkt Buson zitiert, verwendet er kursive Schrift. Budbills Dreizeiler sind reizvoll und entsprechen durchaus der klassischen Haiku-Tradition, wobei immer wieder Zitate von anderen japanischen oder chinesischen Dichtern 1:1 oder als Anspielungen vorkommen.

Old Age

On the night we watch the old year out
we treat our old age
with reverence

– David Budbill, after Buson #863

On the night we watch the old year out
age is treated
with reverence

– Yosa Buson

Wer Freude an kurzen Gedichten hat und vielleicht Inspiration für sein eigenes Schreiben sucht, dem seien diese beiden Bücher empfohlen. Beide Bücher sind leider nur in Englisch verfügbar, aber das ist kein allzu großes Hindernis, da das Englisch gut verständlich ist. Sowohl Budbill als auch Buson schrieben für normale Leute, „common people“ wie Budbill sagte. Für mich waren sowohl David Budbill als auch Yosa Buson eine echte Entdeckung!

Graue Schönheit in eisiger Umgebung: Graureiher im Tübinger Norden

Graue Schönheit in eisiger Umgebung: Graureiher am Tübinger Schönbuchrand

In seinem Haiku #811 schreibt Buson

Here ist perfect beauty
mandarin ducks
under winter trees

Meine Variante:

Here is perfect beauty
a grey heron
on the barren field

Norbert Kraas nach Buson

Haiku sind übrigens, aber das wisst ihr ja alle längst, eine wunderbare Möglichkeit, Abstand zur Hektik des Alltags zu gewinnen.

NK | CK

Buchinformation

David Budbill
After the Haiku of Yosa Buson
FootHills Publishing, 2015
ISBN: 978-0-921053-62-2

Yosa Buson
The Collected Haiku of Yosa Buson
translated by W.S. Merwin & Takako Lento
Copper Canyon Press, 2013
ISBN: 978-1-55659-426-7

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Blume auf dem Neckar

Nicht nur Hölderlin hat die Schwäne besungen

Nicht nur Hölderlin hat die Schwäne besungen

Auf dem Wasser
eine große Blume:
ein Schwan.

Ein Haiku von Kusatao Nakamura, der am 27. Juli 1901 in Xiamen (China) zur Welt kam und am 5. August 1983 in Tōkyō starb.

Schönes Wochenende!

NK | CK

Buchinformation

Weisse Tautropfen: 300 Haiku zu Regen, Nebel und Meer …
ausgewählt und übertragen von Ute Guzzoni und Michiko Yoneda
Taschenbuch, Parerga Verlag, Berlin, 2006
ISBN: 3937262423
leider nur noch antiquarisch erhältlich

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Neues Jahr, alte Geister

So viele Feuerwerkskörper wie nie wurden 2023 nach Baden-Württemberg importiert

So viele Feuerwerkskörper wie nie wurden 2023 nach Baden-Württemberg importiert

Neujahrstag
trotz der ganzen Knallerei
sind alle Geister noch da

Haiku zum neuen Jahr

Leitkultur aus China

Auch wenn’s den Leitkultur-Predigern nicht gefallen wird: weder hat Silvester einen Bezug zur biblischen Tradition, noch stammt der Brauch, Raketen und Böller in der Silvesternacht krachen zu lassen, aus Deutschland. Die Chinesen, die so viele Dinge erfunden haben, sollen vor mehr als 1000 Jahren erstmals eine Mischung aus Salpeter, Holzkohle und Schwefel zur Explosion gebracht haben. 1379 war dann in Italien das erste Feuerwerk zu bewundern, bevor es 1506 erstmals in Deutschland gekracht hat. Meist war es der Adel, der es sich leisten konnte, mit einem Feuerwerk Hochzeiten und Geburten krachend zu feiern.

Und weil die Menschen schon im Mittelalter mit Töpfen, Rasseln, Trommeln und Trompeten versucht haben, die bösen Geister zu vertreiben, hat man sich wohl gedacht, dass laute Böller und Raketen an Silvester zur Geistervertreibung auch ganz gut geeignet sind. Heute ist dieser heidnische Brauch aus dem christlichen Abendland, ja selbst aus dem Sauerland nicht mehr wegzudenken. Und ein Riesengeschäft ist es obendrein – für die Chinesen.

Wir wünschen Ihnen / euch alles Gute für 2024!

NK | CK

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Freitagsfoto: Alles ganz eitel

Rabenkrähe auf dem Tübinger Stadtfriedhof, nachdenkend

Rabenkrähe auf dem Tübinger Stadtfriedhof, über die Eitelkeit nachdenkend …

„Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.“ (Prediger 1,2)

In einer Welt, in der immer mehr Menschen so reden, als ob sie in ihrer eigenen Netflix-Serie eine Hauptrolle spielten und schon mal den Instagram-Feed mit dem echten Leben verwechseln, hat der Gang über einen Friedhof eine ungemein erdende Wirkung.

Kommt gut rüber!

NK | CK

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Frohe Weihnachten · Merry Christmas

„Es treibt der Wind im Winterwalde / die Flockenherde wie ein Hirt ...“ (Rainer Maria Rilke)

„Es treibt der Wind im Winterwalde / die Flockenherde wie ein Hirt …“ (Rainer Maria Rilke)

Am 30. November 2023 ist Shane MacGowan, irischer Sänger der Band The Pogues, im Alter von grade mal 66 Jahren gestorben. Das Lied „Fairytale of New York“ gilt vielen als eines der schönsten Weihnachtslieder überhaupt. Bei Wikipedia lesen wir:

„Der Song folgt den Gedanken eines irischen Immigranten, der nach einem Alkoholrausch in einer Gefängniszelle schläft. Während ein mit ihm eingesperrter Mann den Song The Rare Old Mountain Dew singt, beginnt der Protagonist, von der Frau im Lied zu träumen. Nach dem Einsetzen der Band in der Mitte des Songs wird das Call-and-Response-Prinzip verwendet, das hier den Dialog zwischen dem Paar darstellt, dessen Hoffnungen von Alkohol und Drogen zerstört wurden.“

So, jetzt ein Pint Guinness bitte und Lautstärke rauf:

Wir danken allen Leserinnen und Lesern für ihr Interesse, ihre Treue, ihre Kommentare und Anregungen.

Und wenn’s über die Feiertage arg rührselig oder anstrengend wird, immer dran denken, was die Iren sagen: „It could be worse!“

Merry Christmas!

NK | CK

PS: Eine der schönsten Weihnachtsgeschichten hat übrigens der walisische Dichter Dylan Thomas geschrieben und selbst höchst beeindruckend rezitiert. Gibt’s hier zum Nachhören.

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Schwimmen, Freibad, Sehnsucht

„die erste geschwommene Bahn an einem Tag im Mai“. Freibad Hechingen. Foto: Norbert Kraas

„die erste geschwommene Bahn an einem Tag im Mai“. Freibad Hechingen. Foto: Norbert Kraas

Wasserzeiten

„Oder – die erste geschwommene Bahn an einem Tag im Mai, wenn das Freibad nach der Winterpause gerade wieder geöffnet hat. Der Sommer steht noch bevor.“

Wie jetzt? Sommer? Freibad? Dabei hat der Winter noch nicht mal richtig begonnen, und ein Tag scheint trüber als der andere. Und trotzdem: heute geht’s hier um Freibäder, ums Schwimmen und um das kleine, manchmal auch das große Glück im Wasser.

Im Frühjahr, kurz vor Beginn der Freibad-Saison hat mir Teresa Welte von der gleichnamigen Buchhandlung am Hechinger Marktplatz ein schmales Buch mit dem Titel „Wasserzeiten“ empfohlen. Und weil diese Buchhändlerin nicht nur einen sehr guten Cappuccino macht, sondern auch eine leidenschaftliche und ausdauernde Freibad-Schwimmerin ist, habe ich das Buch gleich mitgenommen.

Corinna und ich haben es beide mit Begeisterung gelesen, und man kann es immer wieder mal aufschlagen und reinlesen. Gerade an diesen tristen Tagen, wenn einem die regenschweren Dezemberwolken auf den Kopf fallen, und man sich wundert, warum man eigentlich noch keine Schwimmhäute zwischen den Zehen hat.

Die Hamburger Autorin Kristine Bilkau widmet sich in ihrem Essayband „Wasserzeiten“ dem Thema Schwimmen in 12 teils sehr persönlichen und anregenden Texten. Dabei geht es Bilkau nicht um die perfekte Technik oder darum, bessere Zeiten zu schwimmen. Sie geht dem Gefühl nach, das bei uns auslöst wird, wenn wir schwimmen.

„Schwimmen, der Körper, die Gedanken, der Ort. Was hat es damit auf sich? Woraus genau setzt sich dieses großartige, erhebende, erfüllende Erlebnis zusammen?“

Die schwimmbegeisterte Autorin nimmt uns mit ins Wasser, lässt uns an ihren ersten Schwimmerinnerungen mit ihrem Vater teilhaben, zitiert Gedichte und verweist auf Kurzgeschichten, die sich mit dem Schwimmen auseinandersetzen; und sie reist mit uns zu ganz besonderen Orten, an denen Menschen schwimmen.

Sehnsuchtsorte

Einer diese Sehnsuchtsorte sind die Hampstead Heath Ponds in London. Das sind natürliche Teiche, in denen Männer und Frauen schwimmen, getrennt versteht sich: es gibt den Highgate Men’s Bathing Pond und den Kenwood Ladies’ Bathing Pond. Bilkau schreibt, dass sie bei ihren Recherchen über diese Teiche auf etliche Filme und Erzählungen gestoßen ist, die immer wieder das „Miteinander“ betonen.

„Menschen, die diesen Glücksmoment teilen, einfach dort zu sein, durch das weiche, trübe Wasser zu gleiten, über sich die mal sommerlich grünen, mal winterlich kahlen Bäume …“

Sehnsuchtsort Freibad: Kurzurlaub in nächster Nähe. Freibad Hechingen. Foto: Norbert Kraas

Sehnsuchtsort Freibad: Kurzurlaub in nächster Nähe. Freibad Hechingen. Foto: Norbert Kraas

An schönen Tagen, wenn man beim Schwimmen das Gefühl hat, das Wasser ist freundlich und lässt einen einigermaßen gut gleiten, dann kann man solche Glücksmomente nicht nur in London, sondern auch im schönen Hechinger Freibad am Fuß der Schwäbischen Alb erleben. Und es ist gut möglich, dass man dann Menschen am Beckenrand trifft, die grade dieselben Glücksmomente genießen: man sieht es ihnen an. Ein schönes Gefühl ist das, kurz und kostbar.

Gemeinschaft und Unterstützung: Swimming Through

Um das Gefühl der Gemeinschaft und der gegenseitigen Unterstützung geht es auch in dem sehenswerten Dokumentarfilm „Swimming Through“, den die US-amerikanische Filmemacherin Samantha Sanders (Green River Films) für das Magazin The New Yorker gedreht hat. Sanders begleitet darin drei Frauen beim Freiwasserschwimmen im Lake Michigan in Chicago. Für Jennifer Hoffmann, Deirdre Hamill-Squiers und Helen Wagner wird das tägliche Schwimmen bei jedem Wettter (!), zu einem lebenswichtigen Ritual während der Isolation der Corona-Pandemie. „Swimming Through“ ist ein bewegendes, exzellent gefilmtes Meisterwerk. Der Film dauert 15 Minuten und kann mit deutschen Untertiteln (Einstellungen) abgespielt werden. Es lohnt sich!

Wasserglück

„Im Element Wasser entsteht diese ideale Verbindung, die sich oft im Tempo des Alltags nicht so leicht einstellt. Ganz und gar verbunden zu sein, mit dem Ort und dem Moment.“

So schreibt Kristine Bilkau am Ende von „Wasserzeiten“. Ein schmales Buch, das lesenden Schwimmerinnen und Schwimmern die Wartezeit bis zum Beginn der Freibadsaison etwas erträglicher machen kann.

NK | CK

PS: Zu Weihnachten wünschen wir uns, dass alle Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden die zentrale Bedeutung der öffentlichen Schwimmbäder für ein Gemeinwesen erkennen und entsprechend handeln. Und natürlich bedanken wir uns bei allen Rettungsschwimmer*innen und und Badermeister*innen für ihren Einsatz!

Buchinformation

Kristine Bilkau
Wasserzeiten. Über das Schwimmen
Arche Literatur Verlag, 2023
ISBN: 978-3-7160-2819-3

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Schöne Postkarte Nr. 130 · Winterbad der Schwäne · © Schöne Postkarten, Tübingen

Winterbad der Schwäne am Tübinger Stauwehr · © Schöne Postkarten Nr. 130

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Freitagsfoto: Melancholie

Skulptur auf dem Tübinger Stadtfriedhof

Skulptur auf dem Tübinger Stadtfriedhof

Melancholie,
meine Beschützerin,
süchtig nach Grenzen
und verbündet mit Verlusten.
In welcher Sprache
kann ich dich lesen?
Immer sind es die unerwarteten
Wörter,
aus denen die Trauer bricht

Peter Härtling, Kivisaari-Gedichte

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Buchinformation

Peter Härtling
Horizonttheater
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1997
ISBN: 3-462-02635-6

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