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Glück der Melancholie

Die Amsel (Turdus merula) ist mit ihrem Gesang die Primadonna assoluta

Die Amsel (Turdus merula) ist mit ihrem Gesang die Primadonna assoluta

Unbeirrt
überstimmt die Amsel
die Abendmelancholie

Ein Gemeinschafts-Haiku von Kranō und Kō

Glück der Melancholie

Der polnische Dichter Adam Zagajewski (21. Juni 1945 – 21. März 2021) spricht in einem Gedicht vom „dunklen Glück der Melancholie“. Vielleicht drücken diese Worte ganz gut aus, was die Menschen in Japan zur Kirschblütenzeit empfinden. Es ist die Freude über den Frühling, die blühende Natur, das neue Leben und gleichzeitig das Gewahrwerden der Tatsache, dass nichts Bestand hat.

Dichtung ist die Kindheit der Zivilisation.
Sagten die Philosophen der Aufklärung
sowie unser Polnischlehrer, groß, hager,
wie ein Ausrufezeichen, das den Glauben verloren hat.

 

Damals wusste ich nicht, was antworten,
ich war selbst noch ein bisschen Kind,
doch ich denke, dass ich im Gedicht

 

Weisheit finden wollte (ohne Resignation)
und auch eine Art ruhigen Wahnsinn.
Ich fand, viel später, Augenblicke der Freude
und das dunkle Glück der Melancholie.

Adam Zagajewski, übersetzt aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Zagajewskis Bücher erscheinen im Hanser-Verlag.

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Schönheit der Magnolie

Früh geblüht und früh verblüht: Magnolie 2024

Früh geblüht und früh verblüht, die Magnolie 2024

Auch ihre Schönheit
ist nicht von Dauer –
Magnolienblüte

Even their beauty
is not permanent – 
Magnolia blossom

その美しささえも
永久ではない
モクレンの花

Kranō

Wir wünschen euch Frohe Ostern!

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Brexit: An Incredible Future

22 Prozent der Britinnen und Briten sind not amused: sie leben in Armut

22 Prozent der Britinnen und Briten sind not amused: sie leben in Armut

Brexit means Brexit means Poverty

„And we will prosper mightily as an independent free-trading nation, controlling our own borders, our fisheries, and setting our own laws.“ (16.10.2020)

Dieses Zitat stammt von dem britischen Premierminister mit der irren Frisur und den dreisten Lügen und den falschen Versprechungen: Boris Johnson. Und was man hat man den Britinnen und Briten nicht alles versprochen, wenn der Brexit endlich vollzogen ist: Wohlstand, Freiheit, Stärke und, und, und. Die Bilanz heute sieht eher durchwachsen bis dramatisch aus: 22 Prozent der Britinnen und Briten leben in Armut, das sind rund 14,5 Millionen Menschen. Von prosperity (Wohlstand) merken die viele Briten exakt nichts.

Wir haben vor einer Weile das Buch „Sackgasse Brexit“ von Peter Stäuber hier besprochen. Vieles von dem, was wir heute in UK an Missständen sehen, wurde, so Stäuber in seiner präzisen Analyse, lange vor dem Brexit in die Wege geleitet. So hat bereits Margret Thatcher die verarbeitende Industrie in Großbritannien auf dem Altar einer neoliberalen Finanzpolitik geopfert. Der Sozialdemokrat Tony Blair hat nach ihr die Entfesselung des Bankensektors konsequent vorangetrieben. Profitiert davon hat der Finanzplatz London und die dortige Investmentbanker-Kaste. Peter Stäuber schreibt in seinem Buch:

„Zwischen 1979 und 1993 sank die Beschäftigung im herstellenden Gewerbe, diesem einstigen Kraftwerk des Landes, von 7,1 auf 4,4 Millionen.“ […] Wer nach den Wurzeln des Brexit sucht, findet hier eine der tiefsten. Der Zusammenbruch der fertigen Industrie veränderte das Gesicht Großbritanniens nachhaltig. Die Veränderungen waren durchgreifend und dauerhaft. Ehemals prosperierende Landstriche waren plötzlich von den Symptomen des sozialen Elends gekennzeichnet, die Menschen verloren ihr Einkommen, ihre Würde und ihren Glauben an die Zukunft.“

Wie kaputt ist Grossbritannien?

Wie das aussieht, wenn Menschen ihr Einkommen, ihre Würde und ihren Glauben an die Zukunft verloren haben, zeigt die ARD-Journalistin und langjährige UK-Korrespondentin Annette Dittert in einer achtminütigen, sehr sehenswerten Reportage „Wie kaputt ist Großbritannien?“.

Have a lovey weekend!

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„Wandern bei Nacht“ – John Lewis-Stempel

„im winterlichen Wald wenn die kahlen Bäume wie Stein sind“ (John Lewis-Stempel)

„im winterlichen Wald wenn die kahlen Bäume wie Stein sind“ John Lewis-Stempel

Nachtwanderungen oder Nachtspaziergänge galten in meiner Jugend Mitte der Siebziger am Fuß der Schwäbischen Alb als Mutprobe. Bevorzugtes Ziel dieser nächtlichen Exkursionen war ein Friedhof oder eine einsame Kapelle am Waldrand. Aber natürlich hatten wir meist Taschenlampen dabei und waren höchst selten alleine unterwegs.

Nächte voll Stille und Schönheit

Ganz anders kam der britische Farmer, Nature Writer und studierte Historiker John Lewis-Stempel zu seinen ersten Nachtwanderungen. In seinem neuen Buch „Wandern bei Nacht. Was wir in der der Dunkelheit erleben können“ erzählt er, dass der einzige Pub, der Bier an Minderjährige ausschenkte, fünf Kilometer von seinem Dorf entfernt lagt. Den Genuss des ersten Pints musste sich der junge John also mit einem ordentlichen Nachtmarsch verdienen.

Die Liebe zum Herumstreifen bei Nacht hat ihn nicht wieder losgelassen. Ein Glück für seine Leserinnen und Leser, die Lewis-Stempel nun auf vier Nachtwanderungen begleiten dürfen, die er allesamt in Herefordshire im Westen Englands an der Grenze zu Wales unternimmt. Dort lebt seine Familie seit 700 Jahren, und dort bewirtschaftet auch Lewis-Stempel eine Farm und schreibt sehr erfolgreich Bücher über die Natur, die wir hier auch schon besprochen haben.

„Es gibt Stadtmenschen, die noch nie die Sterne gesehen haben, die das tröstliche Gefühl nicht kennen, von den weichen Schwingen der Nacht umfangen zu werden. Es gibt Nächte von solcher Stille und Schönheit, dass sie wie Balsam für die Seele wirken, wie ein Gesundbrunnen für den Geist.“

Ein Gesundbrunnen für den Geist sind auch die stimmungsvollen Schilderungen der vier Wanderungen, die der genaue Beobachter Lewis-Stempel zu den vier Jahreszeiten im Wald, in den Hügeln, am Fluss und im Feld – unternimmt.  Die erste kleine, winterliche Wanderung dauert gerade mal eine Stunde, im Buch acht Seiten, fühlt sich aber an, als hätte man mit dem Autor die halbe Nacht im Wald verbracht. Und was einem da alles begegnet in der Dunkelheit: Rehe natürlich, Schleiereulen, der „zitronige Moschusdurf einer Füchsin, dick wie ein Seil“, ein Waldkauz, die zauberhafte Stille und schließlich, aber nein, wir wollen nicht zu viel verraten.

„Kaum etwas riecht so lieblich wie Kühe, die sich ihr Futter auf der Weide suche“ (John Lewis-Stempel)

„Kaum etwas riecht so lieblich wie Kühe, die sich ihr Futter auf der Weide suchen“ John Lewis-Stempel

Sehen, riechen, hören, schreiben

Beim Lesen wird schnell klar, dass John Lewis-Stempel, der immer seine Labradorhündin dabei hat, ein erfahrener Nachtgänger ist, und dazu ein belesener. Weshalb er immer wieder Zitate bekannter Schriftstellerinnen und Schriftsteller und sein großes naturwissenschaftliches Wissen einfließen lässt. Das alles geschieht im Text en passant, ohne großes Aufhebens. Lewis-Stempel ist kein Namedropper, sondern hat spürbar Freude an der Sprache und daran, seine eigenen, poetischen Beschreibungen mit den Texten anderer zu verknüpfen. Zwischen den vier größeren Wanderungen lesen wir Tagebucheinträge von kürzeren nächtlichen Erlebnissen in England und im Südwesten Frankreichs.

„Ich kann an der Nacht teilhaben, aber ich werde nie zur Nacht gehören.“ John Lewis-Stempel

„Ich kann an der Nacht teilhaben, aber ich werde nie zur Nacht gehören.“ John Lewis-Stempel

Alles in allem ist Lewis-Stempel ein feines Buch gelungen, dass weniger von der Handlung lebt, sondern von detaillierten Beobachtungen und stimmigen Schilderungen dessen, was dieser kluge, humorvolle Autor bei seinen nächtlichen Streifzügen sieht, hört und riecht. Darüber hinaus regt die Lektüre an, sich selbst einmal nachts jenseits unserer lichtverschmutzten Siedlungen umzuschauen und eine andere geheimnissvollere Welt zu erfahren.

NK | CK

Buchinformation

John Lewis-Stempel
Wandern bei Nacht. Was wir in den Dunkelheit erleben können.
Übersetzung: Sofia Blind
mit Glossar für Nachtwanderungen, Quellenverzeichnis und weiterführenden Informationen zu sogenannten Lichtschutzgebieten (International Dark Sky Reserves)
Dumont Verlag, 128 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-7558-1016-2

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Kabbeleien zum Tee

Es gibt sogar Messlöffel, um die richtige Menge Tee abzumessen. Der Löffel ist aus England, der Irish Breakfast von Hinrichs Teehus

Ja, es gibt Messlöffel, um die richtige Menge Tee abzumessen; der hier ist aus England, der Irish Breakfast von Hinrichs

Eigentlich ist Tee ein simples Getränk. Man nimmt heißes Wasser und gießt dieses über eine gewisse Menge Teeblätter. Klingt einfach, oder? Ist es aber nicht! Wer sich etwas intensiver mit dem Thema Tee beschäftigt, kommt aus dem Lesen, Staunen, auch Kopfschütteln nicht mehr raus. Schaut man sich etwa die strengen Teezeremonien in Japan an, wird schnell klar, dass man buchstäblich alles falsch machen kann. Aber wir müssen nicht erst ins ferne Japan reisen: Zeuge einer morgendlichen Teekabbelei kann man auch in der eigenen Küche werden, wie die nun folgende Geschichte von Corinna beweist.

Morgendlicher Streit

Seit Jahr und Tag streiten mein Mann und ich uns regelmäßig um die Teezubereitung. Während das Frühstücksei zu hart oder zu weich geraten darf, ohne dass dem anderen dafür der Kopf abgerissen wird, kommt es bereits beim Zubereiten des Tees zu kontrollierenden Blicken, manch spitzen Bemerkungen oder gar zu Diskussionen, die Wellen auslösen, welche sich erst im Laufe des späten Vormittags wieder glätten.

Wer jetzt denkt, das dies kaum zu glauben ist, weil Tee nun mal nicht kompliziert zu kochen sei, der irrt gewaltig. Beginnen wir damit: ich trinke meinen Tee gerne bei trinkbarer Temperatur. Ich hasse es, mir minutenlang die Lippen zu verbrennen, was geschieht, wenn man das Wasser vor dem Aufbrühen noch einmal hochkocht, obwohl es das bereits getan hat. Damit der Tee nicht einmal die Chance hat, danach etwas abzukühlen, wärmt mein lieber Gatte – der altmodische Ausdruck ist hier angebracht, weil er es in seiner Nettigkeit wahrscheinlich aus reinster Fürsorge macht – die Kanne selbst vorher mit extra heißem Wasser eigens auf. Er selbst kann den von ihm zubereiteten Tee auch nicht wirklich trinken, es handelt sich bei dem Vorgang eher um ein langgezogenes lautes Schlürfen, das sich, weil sich die Teetemperatur in der vorgewärmten Kanne wie gesagt ja kaum verändert, minutenlang hinziehen kann.

Und morgens bin ich sehr empfindlich, was Geräusche betrifft. Ähm, höre ich meinen Mann sagen. Stimmt, du hast recht, nicht nur, was Geräusche betrifft. Ich bin morgens empfindlich, Punkt. Ich werde am Frühstückstisch am besten gar nicht angesprochen, ich kann morgens nicht so viele Worte vertragen. Ich befinde mich da einfach in einem anderen Modus. Die Nacht mit ihren Verirrungen hängt mir noch nach. Ich brauche eine Weile, um in den Tag zu kommen – leider, ich hätte es auch gerne anders. Mein Mann ist ein gefürchteter früher Vogel, der selbst nach schlechter Nacht ein Liedchen unter der Dusche trällert.

Aber wir waren beim Tee. Die Dosierung – ein wahrlich heikler Punkt. Darf man den Herstellerangaben oder den überaus freundlichen und gewiss kundigen Teeverkäuferinnen vertrauen, die angeben, ein Teelöffel pro Tasse sei das richtige Maß? Natürlich nicht, meine ich, schließlich leben sie von dem Verkauf, eine gesunde Skepsis ist also angebracht. Insbesondere meine ich, dass man bei größeren Teevolumina, die es vorzubereiten gilt, auf keinen Fall einfach hochrechnen darf, also etwa sechs Tassen, sechs Teelöffel. Das sieht selbst mein Mann ein, aber ob und wie lange sich diese mathematische Kurve nun proportional verhalten darf, darüber können wir ewig diskutieren, zumal die Teeart hier auch noch eine gewisse Rolle spielt. Mein Mann liebt starken Irisch Breakfast, ich bevorzuge den aromatischeren Earl Grey.

Aber lassen wir die Teesorte jetzt mal der Einfachheit halber beiseite. Viel hilft nicht immer viel, obwohl ich meinen Mann wohl in den uns noch verbleibenden Ehejahren bis zum Greisenalter wohl davon nicht mehr überzeugen werde. Ob milchige Sonnenschutzcreme, Samba Olek oder Tee, ich ahne, er ist früh im Leben mal deutlich zu kurz gekommen. Natürlich sieht er das ganz anders und interpretiert meine, in seinen Augen allzu vorsichtige Dosierung als kleinkrämerischen Geiz. Dabei verdanken wir meiner Sparsamkeit durchaus so manches im Leben.

Schließlich die Ziehdauer. Man ahnt es, es deutet sich ein Gleichnis mit sexueller Symbolkraft an. Kurz und heftig oder etwas länger und dafür abgerundeter? Nun ja, meine Vorliebe dürfte klar sein.

Zur Teatime am Nachmittag haben wir uns übrigens beide wieder beruhigt, jeder bereitet ihn dann nach seiner Art zu, und er wird – ein Wunder – umstandslos vom anderen so getrunken. Ist ja schließlich nur Tee, oder?

Enjoy your tea!

CK | NK

Anmerkung: Der Mann macht übrigens phantastische Scones zum Afternoon Tea.

Nr. 221 · I like pouring your tea. aus „Tea“, ein Gedicht von Carol Ann Duffy | © Schöne Postkarten

Nr. 221 · I like pouring your tea. aus: „Tea“, ein Gedicht von Carol Ann Duffy | © Schöne Postkarten

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Wenn Erinnerungen wie Blätter fallen: Demenz

Rund 900 Mal pro Tag wird in Deutschland die Diagnose Demenz gestellt

Rund 900 Mal pro Tag wird in Deutschland die Diagnose Demenz gestellt

Demenz

Demenz, in welcher Form auch immer sie sich manifestiert, ist eine furchtbare Krankheit – für die Betroffenen und für die Angehörigen. In Deutschland sind aktuell rund 1,8 Millionen Menschen an einer Form von Demenz erkrankt. 60 Prozent aller Demenzkranken leiden an der Alzheimer-Demenz. Die vaskuläre Demenz, die auf Durchblutungsstörungen des Gehirns zurückgeführt wird, ist die zweithäufigste Form.

Alois Alzeimer wohnte während seiner Tübinger Zeit in der Tübinger HafengasseBenannt ist die Krankheit nach Alois Alzheimer (14.6.1864 – 19.12.1915), der die Nervenkrankheit erstmals am 3. November 1906 in Tübingen bei einer Fachtagung vorgestellt hat. Alois Alzheimer hat 1886/87 auch kurz in Tübingen studiert. Eine Gedenktafel in der Hafengasse erinnert an den Arzt, der 1915 im Alter von nur 51 Jahren starb, vier Jahre nachdem erstmals der Begriff „Alzheimersche Krankheit“ von Alzheimers Vorgesetztem, Dr. Emil Kraeplin, erwähnt wurde.

Auch wenn immer wieder mit neuen Medikamenten-Studien Hoffnungen aufkeimen, ist die Krankheit bis heute nicht heilbar; auch die Ursachen sind längst nicht komplett erforscht. Klar ist, dass zu wenig Geld in die Alzheimer-Forschung investiert wird, und dass die Krankheit alle Beteiligten (Patienten, Angehörige, Pflegepersonal) vor große Herausforderungen stellt. Und evident ist auch, dass das Problem nicht geringer werden wird, und dass wir als Gesellschaft nicht ausreichend darauf vorbereitet sind.

Wenn Erinnerungen wie Blätter fallen

Jedes Jahr im September ist der Internationale Alzheimer-Monat; Welt-Alzheimer-Tag ist der 21. September. Ziel solcher Aktionen ist es, die weltweite Aufmerksamkeit zumindest für einen Tag lang auf diese Krankheit zu lenken. Ich bin im letzten Jahr im Zuge einer Recherche auf Twitter/X auf ein Gedicht gestoßen, dass mich sofort angesprochen und sehr berührt hat. Der Autor ist Tony Husband, ein leider letztes Jahr verstorbener, berühmter englischer Karikaturist, dessen Vater an Alzheimer erkrankt war. Einen Nachruf auf Tony Husband kann man im Guardian lesen.

Das Gedicht beschreibt, aus der Sohn des Patienten, eine Situation, die wohl die meisten Angehörigen von Demenz-Patienten kennen.

A POEM FOR ALZHEIMERS MONTH (September)

As memories fall like autumn leaves
from even the mightiest of the trees
I think I know who you may be
and why you mean so much to me
So in my mind I try to stir
thought of what we once were
and yes we were, I think I know,
that in my arms I watched you grow
my boy, of course, it’s you!

memories may fade
but love … is true

Schönes Wochenende!

NK | CK

A POEM FOR ALZHEIMER’S MONTH

A POEM FOR ALZHEIMER’S MONTH. Screenshot: Norbert Kraas

Information

Deutsche Alzheimer Gesellschaft
Nationale Demenzstrategie
Alzheimer Forschung Initiative
Alzheimer Selbsthilfe-Gruppen

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Verwaist

Das in Mitteleuropa heimische Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) ist ein Vorbote des Frühlings

Das in Mitteleuropa heimische Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) ist ein Vorbote des Frühlings

Verwaist
der Garten der Eltern –
wie der Sohn nun

Orphaned
the parents’ garden –
like the son now

Kranō | Kō

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SCHLAFLOS: Ukrainische Kriegsillustrationen · Ausstellung in Tübingen

Anton Abo ist Grafikdesigner, Illustrator und Lehrer. Er lebt in Kyjiv. SCHLAFLOS: Ukrainische Kriegsillustrationen

© Anton Abo ist Grafikdesigner, Illustrator und Lehrer. Er lebt und arbeitet in Kyjiv.

SCHLAFLOS: Ukrainische Kriegsillustrationen

Seit dem 24. Februar 2022 überzieht Russland die Ukraine mit einem völkerrechtswidrigen, brutal geführten Angriffskrieg, dem sich die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes mutig entgegenstellen. Jeden Tag sterben dabei in der Ukraine Frauen, Kinder, Männer, deren einziger Wunsch es ist, in Freiheit zu leben. Diese Menschen leiden unter einem Krieg, den sie nicht wollten und wollen. Ein normales Leben ist praktisch nicht möglich, ständig muss mit russischen Drohnen- oder Raketenangriffen gerechnet werden. Am Tag und in der Nacht. Schlaflosigkeit ist nur eine der schrecklichen Folgen dieses Krieges und sehr zermürbend. Ständig muss die Warn-App aktiv sein, die die Ukrainer*innen vor russichen Angriffen warnt. Man kann sich das hier im friedlichen Tübingen nicht vorstellen.

„Ich kann mich nicht vor dem Gedanken schützen, dass die Kyjiwer Kriegsnächte schwer zu ertragen sind. Mit der Dunkelheit kommt der Krieg näher, geht unter die Haut. (…) Jede Nacht wache ich gegen drei Uhr auf, prüfe mein Telefon auf schreckliche Nachrichten und Neuigkeiten und schlafe wieder ein.“ (Oksana Karpovych, Verfinsterte Orte)

Victoria Krokhina ist Studentin; sie lebt und arbeitet in Poltawa. SCHLAFLOS: Ukrainische Kriegsillustrationen

© Victoria Krokhina ist Studentin; sie lebt und arbeitet in Poltawa.

Noch bis 23. Februar 2024 gibt es im Café Haag in Tübingen eine sehenswerte Ausstellung zum Krieg in der Ukraine zu sehen: SCHLAFLOS: Ukrainische Kriegsillustrationen. Ukrainische Illustrator*innen zeigen in beeindruckenden, bedrückenden, nachdenklich machenden Werken die Folgen des Kriegs für Menschen, Tiere und die Natur in der Ukraine. Die Künstlerinnen und Künstler wollen mit ihren Werkzeugen an den Krieg in unserer Nachbarschaft erinnern und zum Handeln aufrufen.

Die Ausstellung entstand auf Initiative der Heinrich-Böll-Stiftung Büro Kyjiw und wurde unter anderem von Kateryna Mishchenko organisiert, die beim Tübinger Bücherfest 2023 aus ihrem Essayband „Aus dem Nebel des Krieges“ gelesen hat. Die Finissage findet am 23. Februar um 18.30 Uhr im Café Haag statt.

„Die Arbeiten sind im andauernden Krieg entstanden. Mit dem Anspruch, die Zeit zu verlangsamen, beabsichtigen sie, Erinnerungen und Erfahrungen festzuhalten, die riskieren, verloren zu gehen, während die unermüdlich vernichtende Kriegsmaschine die Geschehnisse weiter beschleunigt. In ihrer Intensität sprechen diese Bilder die Betrachter sofort an und bauen Kommunikationswege in die Solidarität. Es sind Bilder gegen den Krieg, die dazu aufrufen, zu erinnern und jetzt zu handeln.“ (Kateryna Mishchenko)

Es ist sehr schade, dass diese bewegenden Kunstwerke nicht in einer größeren Galerie in Tübingen, zum Beispiel in der dafür prädestinierten Kulturhalle, gezeigt werden. Diese Bilder hätten mehr Publikum und einen größeren Rahmen verdient!

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Informationen

Yulia Danylevska ist Künsterlin und Illustratorin; sie lebt und arbeitet in Cherson. SCHLAFLOS: Ukrainische Kriegsillustrationen

© Yulia Danylevska ist Künsterlin und Illustratorin; sie lebt und arbeitet in Cherson.

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Vergessen im Nebel

Fast so selten wie ein weißer Elephant, ein weißer Kran im morgendlichen Nebel

Fast so selten wie ein weißer Elephant, ein weißer Kran im morgendlichen Nebel

Vergessen auf Zeit
im sich lichtenden Nebel
die alten Fragen

Ein sehr schönes Haiku von Georges Hartmann, das er uns letzte Woche in den Kommentar reingeschrieben hat – worüber wir uns sehr gefreut haben. Wir sagen herzlich Danke!

Regelmäßige Leserinnen und Leser des Reklamekasper kennen diesen bescheidenen Haiku-Dichter aus dem Westerwald schon. Wir haben ihn vor längerer Zeit ausführlich hier vorgestellt.

Schönes Wochenende!

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Auf dem „Jahrmarkt der Wunder“

„Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe“. Foto:  Norbert Kraas, Ecussols, Burgund.

„Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe“. Foto:  Norbert Kraas, Ecussols, Burgund.

JAHRMARKT DER WUNDER

Ein Alltagswunder:
dass es so viele Alltagswunder gibt.

Ein gewöhnliches Wunder:
das Bellen unsichtbarer Hunde in einer stillen Nacht.

Ein Wunder von vielen:
eine kleine und flüchtige Wolke,
aber sie kann den grossen und harten Mond verschwinden lassen.

Mehrere Wunder in einem:
eine Erle, die sich im Wasser spiegelt,
und dass sie von links nach rechts gewendet ist
und dass sie mit der Krone nach unten wächst
und überhaupt nicht bis auf den Grund reicht,
obwohl das Wasser seicht ist.

Ein Wunder an der Tagesordnung:
Recht schwache und milde Winde,
doch in der Sturmzeit böig.

Ein erstbestes Wunder:
Kühe sind Kühe.

Ein zweites, nicht geringeres:
dieser und kein anderer Garten
in diesem und keinem anderen Obstkern.

Ein Wunder ohne schwarzen Frack und Zylinder:
ausschwärmende weisse Tauben.

Ein Wunder, denn was sonst:
die Sonne ging heute um drei Uhr vierzehn auf
und sie wird untergehen null Uhr eins.

Ein Wunder, das nicht so verwundert, wie es sollte:
die Hand hat zwar weniger Finger als sechs,
dafür mehr als vier.

Ein Wunder, so weit man schauen kann:
die allgegenwärtige Welt.

Ein beiläufiges Wunder, beiläufig wie alles:
was undenkbar ist – ist denkbar.

Ein Gedicht von Wisława Szymborska, die große polnische Dichterin, die 1996 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie wurde am 2. Juli 1923 in Kórnik, Polen geboren und starb am 1. Februar 2012 in Krakau. Für Wisława Szymborska, die auf Deutsch bei Suhrkamp verlegt wird, konnte alles in Gedichten verarbeitet werden. Alles war willkommen auf dem „Jahrmarkt der Wunder“. Denn über alles lässt sich staunen und schreiben, aber bitte ohne künstliches Pathos. Sie sagte selbst in ihrer Rede zum Literaturnobelpreis:

„In der Sprache der Poesie ist nichts gewöhnlich und nichts normal. Nicht ein einziger Stein und nicht eine einzige Wolke darüber. Nicht ein einziger Tag und nicht eine einzige Nacht. Und vor allem kein einziges Leben.“

Willkommen auf dem Jahrmarkt der Wunder!

NK | CK

Buchinformation

Wisława Szymborska
Hundert Freuden. Gedichte
Suhrkamp Taschenbuch, 2023, 18. Auflage
ISBN: 978-3-518-39089-4

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