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Haiku aus dem Westerwald

Georges Hartmann lebt und schreibt im Westerwald Haiku und Kurzprosa

Georges Hartmann lebt und schreibt im Westerwald Haiku und Kurzprosa

Leise Kunst aus Japan

Wer Haiku hört, denkt an Japan. Von dort kommen sie ursprünglich, diese auf den ersten Blick unscheinbaren Kurzgedichte, die uns in 17 Silben ganze Assoziationsräume erschließen können. Das Haiku ist eine leise Kunst. Die großen Meister – Bashō, Buson, Shiki, Issa – waren sehr bescheidene Menschen, die mitunter ein mönchisch-karges Leben führten und aus ihrer Kunst kein Aufhebens gemacht haben.

17 Silben aus dem Westerwald

Nun muss man nicht unbedingt den Blick gen Japan richten, wenn man gute Haiku lesen möchte. Gute Haiku findet man auch in Deutschland, zum Beispiel im Westerwald. Dort lebt und schreibt Georges Hartmann, und wie sein Vorbild Issa macht auch er kein Aufhebens aus seinen dreizeiligen Kleinoden. Ich habe Georges Hartmann vor zwei Jahren bei einem Workshop kennen- und schätzengelernt. Mittlerweile wandern seine kleinen Haiku-Büchlein bei uns immer mal wieder von Nachttisch zu Nachttisch. Georges Hartmann schreibt Haiku mal klassisch (mit Jahreszeiten- und Naturbezug), mal auch ganz frei. Zwei Beispiele:

Ein Kinderlachen
erlöst mich aus der Schwermut
am jetzt leeren Strand

Beim Elternabend
suche ich auf der Schulbank
nach meiner Kindheit

Todheiter und tröstlich

„Das große Haiku ist todheiter“, schreibt Günther Wohlfahrt in dem Reclam-Heft „Zen und Haiku“. Diese widersprüchliche Charakterisierung passt auch zu Georges Hartmanns Arbeit. In seinen melancholisch-heiteren, feinsinnig-witzigen oder traurig-komisch Dreizeilern führt er uns immer wieder Situationen vor Augen, die wir alle kennen. Es sind Momente der Einsamkeit, des Zweifels, des Scheiterns oder des wehmütigen Erinnerns:

Einsamer Playboy!
Über dein schütteres Haar
streicht nur noch der Wind

„Erzählen ist tröstlich“, hat einmal ein Literaturkritiker über den Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel geschrieben. Und ist es nicht tröstlich zu lesen, dass auch an stillgelegten Bahngleisen Leben herrscht?

Die Heckenrosen
am stillgelegten Bahngleis
blühn wie jedes Jahr

Buchinformation

Von Georges Hartmann sind im bon-say-verlag erschienen:

Almkuh: 48 Haiku ohne Jahrenszeitenbezug, 16 Seiten
nahtlos: 48 Haiku mit Jahrenszeitenbezug, 16 Seiten
Wunschträume: Kurztexte mit Haiku, 16 Seiten

Die Bücher sind direkt beim Verlag zu beziehen:

bon-say-verlag
Inh. Gabriele Hartmann
Ober der Jagdwiese 3
57629 Höchstenbach
www.gabriele-reinhard.de/verlag.php
E-Mail: info@bon-say.de

Fragen und Antworten

Wie kommt man eigentlich als Betriebsprüfer bei der Zollverwaltung zum Schreiben von Haiku und anderen Miniaturen? Das haben wir uns gefragt und Georges Hartmann, der 1950 im lothringischen Bitche zur Welt kam, um ein paar Antworten gebeten:

Vorbilder?

Als Anfänger ohne jegliche Ahnung vom Haiku orientiert man sich zwangsläufig an den Dichtern aus Japan, dem Ursprungsland des Haiku. Heute sind es im fliegenden Wechsel die europäischen Haiku-Schreiber, die wie Pilze aus dem Boden schießen und sich mit gelungenen Texten präsentieren, sodass es mir schwerfällt auch nur einen zu benennen, ohne alle anderen zu beleidigen. Mein absoluter Favorit ist Issa (1763 – 1828). Irgendwann habe ich mich dann im Übermut als „Issa von Bornheim“ (der Frankfurter Stadtteil, in dem ich damals wohnte) bezeichnet, was immerhin einen Tag lang für Gelächter gesorgt hat.

Lieblings-Haiku

Bei der existierenden Haiku-Schwemme ist es nahezu unmöglich, sich auf ein einziges Haiku festzulegen. Eines von Morikawa Kyoriku könnte auch in unsere Zeit der befristeten Arbeitsstellen passen. Was wird aus mir werden? Was wird mir die Zukunft bringen? Was wird aus meinem Leben? Dies könnten Fragestellungen sein, die heute so aktuell sind wie es damals für bestimmte Berufsgruppen wohl ebenfalls Gültigkeit hatte …

Dienstbotenwechsel …
Den Schirm gesenkt schaut sie in
den Abendregen

Haiku schreiben

Allen Haiku-Novizen empfehle ich dringend, sich einen Kreis Gleichgesinnter zu suchen, mit denen man ja in stetiger Konkurrenz steht, was ehrgeizige Menschen immerhin dazu verführt, mal schnell den nächsten Gang einzulegen und über sich hinaus zu wachsen. Wichtig ist aus meiner Sicht auch die Diskussion, das Ringen um Worte, die Orientierung an Texten, die man zuhauf im Internet findet und das Finden einer eigenen, unverkennbaren Stilistik. Es gibt eine Flut völlig langweiliger, manchmal auch absolut unverständlicher Haiku. Wenn man es entgegen der Empfehlung auf eigene Faust versuchen möchte, sollte man so viele Haiku wie möglich lesen, lesen und nochmals lesen, bis man herausgefunden hat, welche „Melodie“ die eigenen Haiku haben sollten. Die Deutsche Haiku Gesellschaft e.V. bietet für Haiku-Novizen auch die Möglichkeit, sich bei einem Mentor Rat zu holen.

Der Haiku oder das Haiku?

Richtig ist „das Haiku“ und entgegen dem DUDEN „die Haiku“. Ein Antrag auf Änderung (der DUDEN gibt „die Haikus“ vor) wurde vom Verlag abgelehnt.

Wir danken Georges Hartmann, der, wie wir wissen, ein besonderes Verhältnis zu Kühen hat. Deshalb gibt’s jetzt noch ein anrührendes Haiku von Georges und ein Foto von einem Aubrac-Rind.

Der dicken Almkuh
das Bratenfleisch gestreichelt
und bitterlich geweint.

N.K. / C.K.

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