Permalink

3

Freitagsfoto: England vom Wasser aus

Auf den Spuren von Roger Deakin am Stour bei Nayland in der englischen Grafschaft Suffolk

Auf den Spuren von Roger Deakin am Stour bei Nayland in der englischen Grafschaft Suffolk

Gestern im Freibad bin ich auf den letzten Bahnen von einem peitschenden Sommerregen und heftigen Wind überrascht worden. Es war elektrisierend! Das letzte Mal habe ich das wahrscheinlich als Jugendlicher gemacht, im Regen schwimmen.
Seit etlichen Jahren schwimme ich, auch um meinem Rücken etwas Gutes zu tun. Das Buch jedoch, das ich gerade lese, inspiriert, motiviert und macht mich offen für Neues, wie ich es selten in den letzten Jahren erlebt habe.

Explodierende Regentropfen
„The warm rain tumbled from the gutter in one of those midsummer downpours as I hastened across the lawn behind my house in Suffolk and took shelter in the moat. Breaststroking up and down the thirty yards of clear, green water, I nosed along, eyes just at water level. The frog’s eye view of the rain the moat was magnificient. […] Each raindrop exploded in a momentary, bouncing fountain that turned into a bubble and burst.“
aus: Roger Deakin, WATERLOG – A Swimmer’s Journey through Britain, Vintage Books, London, 2000, ISBN 978-0-099-28255-5. Auf Deutsch ist WATERLOG in einer sehr schönen Ausgabe bei Matthes & Seitz in der Reihe Naturkunden erschienen: Roger Deakin, Logbuch eines Schwimmers, Matthes & Seitz, Berlin, 2015, ISBN 978-3-95757-166-3.

Ist das nicht wunderbar poetisch, wie Deakin das explosionsartige Auftreffen der Regentropfen auf die Wasseroberfläche des Wassergrabens vor seinem Haus beschreibt? Ganz ähnlich habe ich den heftigen Regenschauer gestern im Freibad empfunden, dank der Lektüre von Deakins Buch. Aber worum geht es in Waterlog, diesem Buch, das ich Euch/Ihnen wärmstens als Sommerbuch empfehle?

Roger Deakin wurde 1943 in Watford (Hertforshire) geboren. Er starb am 19. August 2006 mit 63 an einem Hirntumor in Mellis (Suffolk). Dort, im nördlichen Suffolk, hat er die meiste Zeit seines Lebens auf einer Farm aus dem 16. Jahrhundert gelebt und gearbeitet. Deakin studierte in Cambridge Literatur bei Kingsley Amis und hat danach zunächst kurz in London in der Werbebranche gearbeitet und dann ein paar Jahre an einer Schule in der Nähe von Mellis Französisch und Englisch unterrichtet. Er hat für die BBC Dokumentarfilme produziert und für Zeitungen über die englische Natur (Felder, Flüsse, Wälder) geschrieben. Er hat sich auch einen Namen als Umweltaktivist gemacht und war Gründungsmitglied von Friends of the Earth und Common Ground.

Ein sympathischer, schwimmender Exzentriker
In Waterlog nimmt uns der Autor mit auf eine Reise durch die britischen Inseln und lädt uns ein, seine – nasse – Heimat aus der Froschperspektive zu betrachten. Inspiriert von einer Kurzgeschichte von John Cheever mit dem Titel „The Swimmer“, beschließt Deakin, während er im heftigen, englischen Landregen seine Bahnen im Wassergraben zieht, die Gewässer Großbritanniens zu erkunden – schwimmend versteht sich. Und so folgen wir diesem einnehmend sympathischen und gebildeten Exzentriker fasziniert auf seinen mäandrierenden Gedankenströmen durch Tümpel, Seen, Flüsse, die Nordsee, das Meer vor Südengland, historische Schwimmbäder oder die Kanäle seines geliebten East Anglia. Ja, sogar in die eiskalten walisischen Bergseen wagen wir uns mit ihm.

Dieses Buch ist Kulturgeschichte, Landeskunde, Naturkunde, Philosophie, Poesie, Manifest für den Schutz der Umwelt, Schule der Achtsamkeit und vieles mehr. Vor allem aber ist Roger Deakins Werk ein flammendes Plädoyer für eine naturbelassene Natur ohne Zugangsbeschränkungen und Verbotsschilder. Von letzeren ließ sich Deakin schon mal gar nicht abhalten auf seinen nassen Reisen. Deakin war übrigens überzeugter Brustschwimmer, weil er so die Wasseroberfläche und alles, was im und am Wasser um ihn herum passiert, viel besser beobachten konnte. Waterlog ist, das sei gesagt, keine Trainingsanleitung. Deakin schwamm, weil es im Freude machte und weil er dieses mysteriöse Element Wasser über alles liebte. Gleich auf den ersten Seiten liest man:

„Part of my intention in setting our on the journey was not to perform any spectacular feats, but to try and learn something of the mystery D.H. Lawrence noticed in his poem ‚The Third Thing‘:

Water is H2O, hydrogen two parts, oxygen one,
But there is also a third thing, that makes it water
And nobody knows what it is.

So, jetzt lasse ich Euch/Sie schwimmen oder lesen oder beides! Viel Vergnügen!

Wenn man den schlammigen Einstieg geschafft hat, umfängt einen das weiche Wasser des Stour

Wenn man den schlammigen Einstieg geschafft hat, umfängt einen das weiche Wasser des Stour

Permalink

3

Freitagsfoto: Das Auto von morgen – kommt aus den Niederlanden

Wer hätte das gedacht? Nicht Apple, nicht Google, nicht Tesla, VW schon gar nicht, bringen das Null-Emission-Auto, sondern: die Niederländer. Mir ist in Delft ein Prototyp vor die Linse gekommen.

Null Emission!
Null Softwarebeschiss!
Null Dieselgate!

So sieht es aus, liebe deutsche Autobauer, das Auto von morgen.

Permalink

off

Freitagsfoto: Als Spinne geboren

Als Spinne geboren
bleibt ihr nur eines: weben
am Spinnennetz.

Haiku von Takahama Kyoshi (1874 – 1959). Übersetzung aus dem Englischen von Udo Wetzel, der hier ein paar erklärende Worte zur Haiku-Kunst von Takahama Kyoshi geschrieben hat. Interessant und lehrreich ist auch „Welch eine Stille! Die Haiku-Lehre des Takahama Kyoshi“ von Inahata Teiko, der Enkelin von Takahama Kyoshi, ISBN: 3937257128.

Permalink

off

Freitagsfoto: Only in England

Ready for a cuppa! Beach hut in Whitstable, Kent.

Ready for a cuppa! Beach hut in Whitstable, Kent.

Ja, dieses ganze Brexit-Theater ist kreuzunnötig und geht einem gehörig auf den Wecker. Der Wahlkampf fürs Unterhaus ist Westminster nicht würdig und zum Teil peinlich, und Theresa May erinnert mit ihrem einfältigen „Strong and stable leadership“ immer mehr an Sister Ratched aus dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“. „Medication time“ lautete deren Mantra.

Und trotzdem: ein Tag an einem englischen Strand (pebbles, not sand, of course), gerne auch bei mittelprächtigem Wetter, versöhnt mich immer wieder mit diesen in der überwältigenden Mehrzahl freundlichen, höflichen und humorvollen Menschen, die ihren Hang zur Exzentrik mit liebenswerter Leidenschaft ausleben. Oder ist diese Beach Hut in am Strand von Whitstable in Kent nicht reizend? Für ihren Stil muss man sie einfach mögen, unsere englischen Freunde. Die paar irren Brexiteers, die von Old England träumen, mal ausgenommen. Möge die Weisheit des Heiligen Geistes an Pfingsten auch über sie kommen! Die Welt kann’s brauchen.

Vom Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung in London, Christian Zaschke gibt’s es hier eine lesenswerte Kolumnenreihe mit dem bezeichnenden Titel „Little Britain“. Die schönsten Texte sind bei Goldmann als Buch erschienen, ISBN: 978-3-442-15875-1.

Lohnenswert ist auch „Englische Landschaften: Unterwegs in Suffolk und Norfolk“ von Peter Sager (Insel Verlag, 2010, ISBN: 3458353135, nur noch antiquarisch erhältlich.

Ein Muss ist der Reisebericht „Die Ringe des Saturn — Eine Englische Wallfahrt“ von W.G. Sebald (Fischer Taschenbuch, ISBN: 978-3-596-13655-1). Sebald durchquert darin zu Fuß die Grafschaft Suffolk, entdeckt verfallene Schlösser, trifft skurille Menschen und mäandriert in seiner großartigen Sprache durch die englische Kulturgeschichte.

Permalink

off

Unvergessen: Karl Poralla (30.5.1938 – 21.10.2016)

Heute, am 30. Mai hätte er Geburtstag gefeiert: Prof. Dr. Karl Poralla

Heute, am 30. Mai hätte er Geburtstag gefeiert: Prof. Dr. Karl Poralla

Heute, am 30. Mai hätte der Entringer Künstler und frühere Professor für Mikrobiologie (Universität Tübingen) Karl Poralla seinen 79sten Geburtstag gefeiert. In einer Zeit, in der die Selfiespezialisten und großspurigen Lautsprecher in unserer Gesellschaft Hochkonjunktur haben und rechte Sprüche wieder salonfähig sind, vermissen wir den klugen und besonnenen Freund ganz besonders! Einmischen und Stellung beziehen waren ihm immer wichtig.

In Stein gemeißeltes Epigramm „Die weiße Rose“ von Karl Poralla im Botanischen Garten in Tübingen

In Stein gemeißeltes Epigramm „Die weiße Rose“ von Karl Poralla im Botanischen Garten in Tübingen

„Gehalten‟ · Eisenplastik von Karl Poralla

„Gehalten‟ · Eisenplastik von Karl Poralla

2016 eingeweihter Bildstock an der Kirche St. Ursula in Oberndorf, Karl Porallas letzte künstlerische Arbeit

2016 eingeweihter Bildstock an der Kirche St. Ursula in Oberndorf, Karl Porallas letzte künstlerische Arbeit

Permalink

off

Freitagsfoto: Schneckenliebe


Die Schnecke ist ein arg unterschätztes und nicht sonderlich geliebtes Tier. Gärtnerinnen und Gärtner mögen sie besonders wenig. Dabei sind die Gastropoden, so der wissenschaftliche Name der zum Stamm der Mollusken (Weichtiere) gehörigen Tiere, faszinierende Lebewesen. Wussten Sie zum Beispiel, dass die Paarung dieser Zwittertiere erst nach einem mehrstündigen (!) Liebesspiel erfolgt, bei dem die Schnecken mit den Fußsohlen aneinander hoch kriechen. Ich wusste es nicht, als ich die beiden schönen Exemplare in unserem Garten beim Liebesakt überrascht habe. Der eigentlichen Begattung gehen in der Regel mehrere erfolglose Begattungsversuche voraus und sie ist, wie gesagt, gleichzeitig und wechelseitig. Das alles kann man bei Wikipedia oder bei kundigen Mollusken-Experten im Internet nachlesen.

Man kann aber auch das fasziniernde, autobiographische Buch der amerikanischen Biologin und Journalistin Elizabeth Tova Bailey lesen: „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“. Ich will hier nicht zu viel verraten, nur dieses: Die Autorin erkrankt Mitte Dreißig an einer heimtückischen, langwierigen Krankheit, die sie phasenweise fast gelähmt ans Bett fesselt. Eine Schnecke, die als blinder Passagier in einem Blumentopf in ihrem Krankenzimmer landet, wird zum Mutmachter, ja Lebensretter, der jungen Frau, die sich anfänglich nur unter größten Anstrengungen von einer Seite auf die andere im Bett drehen kann. Das Buch ist eine großartige und entschleunigende Lektion in Demut, Achtsamkeit und der Fähigkeit, Dinge minutiös zu beobachten und in klaren, bisweilen poetischen Worte zu beschreiben. Seien es die Aktivitäten der Schnecke oder das Nichtfunktionieren und die Schmerzen des eigenen Körpers.

Wer das Buch noch nicht kennt, es lohnt sich! Elizabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen. Nagel & Kimche, München 2012. Wie das klingt, wenn eine Schnecke isst? Kann man hier auf dem Youtube-Kanal der Autorin hören. Wie Schneckenliebe klingt? Ich weiß es nicht, freue mich aber über Hinweise.

 

Permalink

1

Freitagsfoto: Frühling mit Issa

Sogar mein Schatten
Ist munter und kerngesund
Am Frühlingsmorgen!

Kobayashi Issa (1763 – 1828) war ein japanischer Haiku-Dichter. Issa zählt neben Bashō, Buson und Shiki zu den wichigsten japanischen Haiku-Dichtern. Der von ihm gewählte Dichtername Issa ist Ausdruck seiner Bescheidenheit und Einfachheit, er bedeutet so viel wie: ein Tee oder ein Schluck Tee. (Quelle: Wikipedia)

Wen das Haiku anspricht, dem sei dieses kleine Buch empfohlen: Haiku: Japanische Gedichte, dtv, 168 Seiten, ISBN 978-3-423-12478-2. Da findet man 150 schöne klassische Haiku und einen lesenswerten Aufsatz zu dieser besonderen und weltweit sehr populären Art der Dichtung. Die Natur und das Erleben der Natur zu den verschiedenen Jahreszeiten sind zentrale Themen des Haiku. Die Deutsche Haiku-Gesellschaft schreibt zum Aufbau des Haiku:

„Japanische Haiku bestehen meist aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten (Moren), wobei die Wörter einfach in einer Spalte aneinander gereiht werden. Im Deutschen werden Haiku in der Regel dreizeilig geschrieben. Japanische Lauteinheiten sind alle gleich lang und tragen weniger Information als Silben in europäischen Sprachen. 17 japanische Lauteinheiten entsprechen etwa dem Informationsgehalt von 10 – 14 deutschen Silben. Deshalb hat es sich mittlerweile unter vielen Haiku-Schreibern europäischer Sprachen eingebürgert, ohne Verlust des inhaltlichen Gedankengangs oder des gezeigten Bildes mit weniger als 17 Silben auszukommen.“
(Quelle: Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V.)

Damit steht Ihrem/Eurem ersten Haiku nichts mehr entgegen. Also: raus in Wald oder Garten, Blatt Papier und Stift mitnehmen und los geht’s!

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner