Permalink

off

Die Nacht, in der die Mauer fiel

Drei mutige Bibliothekarinnen der Hochschule für Architektur und Bauwesen gelten heute als Initiatorinnen

Drei mutige Bibliothekarinnen gelten heute als Initiatorinnen der Dienstagsdemos in Weimar

Ein atemberaubender Monat

»Dann aber fiel das Ganze einfach in sich zusammen, und ein atemberaubender Monat begann, in dem wir mehrere Jahre auf einmal lebten. Er ging vom 7. Oktober bis zum 9. November. Alles war plötzlich offen, außer der Mauer, aber die war in dem Moment nur ein Problem am Rande.« (Annett Gröschner)

Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Habe ich gerade nachgeschlagen. 36 Jahre ist das jetzt her, fast ein halbes Leben. Wo ich an diesem Tag war, was ich gemacht habe, als Schabowski von seinem legendären Zettel abgelesen und „sofort“ und „unverzüglich“ nachgeschoben hat? Ich weiß es nicht mehr. Habe ich die Nachrichten geschaut? Keine Ahnung.

Ist das nicht verrückt? An das Pokalfinale Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln am 23. Juni 1973 erinnere ich mich noch genau, zumindest an das Tor von Netzer in der Verlängerung. Oder meine ich nur mich zu erinnern, weil dieses Tor wieder und wieder gezeigt wird, wenn es um Günter Netzer geht?

Die Nacht, in der die Mauer fiel

Wer von euch weiß noch mit Bestimmheit, wo sie oder er am 9. November 1989 war? Der Journalist, Schriftsteller und Herausgeber Dr. Renatus Deckert, selbst gebürtiger Dresdner, hat im Jahr 2009, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, bei Suhrkamp einen interessanten Band herausgebracht. Darin erinnern sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Ost und West an diesen denkwürdigen Tag. »Die Nacht, in der die Mauer fiel«  versammelt 25 kurze und längere Texte. Zum Einstieg hat Renatus Deckert ein kluges Vorwort geschrieben, das uns Lesern diese Zeit nochmal vor Augen führt.

»Die Begegnung mit sich selbst zur Zeit des Mauerfalls kann höchst ambivalente Empfindungen hervorrufen. Diese Erfahrung machten auch Autoren aus dem Westen. So karikiert sich Michael Lenz im Rückblick als ’wachsweicher Wirtschaftswundernachfahre‘, dem sein blaues Wunder erst noch bevorstand.«

»Der Herbst 1989 war die Zeit des Tagebuchs.« Renatus Deckert

»Der Herbst 1989 war die Zeit des Tagebuchs.« Renatus Deckert, Die Nacht, in der die Mauer fiel.

Ist das noch lesenswert heute, Erinnerungen an den Fall der Mauer? Ja, auf jeden Fall! Denn es sind sehr persönliche, ehrliche Texte von bekannten und weniger bekannten Autor*innen. Texte, die die offizielle Geschichtsschreibung um viele Facetten ergänzen. Bemerkenswert unverblümt zum Beispiel ist der Text von Katja Lange-Müller (»Unser Ole«), die schon 1984 aus der DDR ausgereist ist. Sie hat die Nacht der Maueröffnung in einem Hotel in Bochum verbracht, nach einer Lesung und einem weinseligem Abend:

»Ich hing schon eine Weile über der Schüssel und hielt die schwere, massivhölzerne Klobrille, die von allein oben bleiben wollte, mit einer Hand fest – da klingelte es. Ich ließ die Brille aufs Becken krachen und stürzte zum Telefon, neben dem meine Armbanduhr lag.«

Unterhaltsam, ja bisweilen poetisch ist der Text des Lyrikers und Essayisten Durs Grünbein (»Der Komet«), geboren 1962 in Dresden, der zwischen sich und diese Nacht geschickt einen Erzähler schiebt.

»Am Abend des 9. November 1989 saß der seit kurzem freiberufliche Ex-Student Rufus Rebhuhn in seiner abgedunkelten Wohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und sah im Fernsehen die wohl folgenreichste Nachrichtensendung seines Lebens.«

Vielleicht regt dieses lesenswerte Buch ja die eigene Erinnerung an den 9. November 1989 wieder an? Ich grüble jedenfalls noch immer, was ich an diesem denkwürdigen Tag gemacht habe.

NK | CK

Buchinformation

Die Nacht, in der die Mauer fiel. Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989
Herausgegeben von Renatus Deckert
Broschur, 239 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin
ISBN 978-3-518-46073-3

»Wolken und Kastanien«, der lesenswerte Blog von Renatus Deckert

#SupportYourLocalBookstore

Permalink

2

Gleich im Morgengrauen aber rührte sich der Hunger

Stalins Schergen, die roten Ameisen, vertilgen und vernichten alles in diesem Roman

Stalins Schergen, die roten Ameisen, vertilgen und vernichten alles während des Holodomor

Der Opfer gedenken

Am Mittwochabend war ich auf dem Tübinger Holzmarkt bei einer Gedenkkundgebung zu Ehren der Opfer des Stalinismus und der politischen Gewalt heute. Die Veranstaltung unter dem Titel »Rückgabe der Namen« wurde vom Osteuropainstitut und dem Slavischen Seminar der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft »Memorial« organisiert. Mit dem Verlesen einzelner Namen immer am 29. Oktober wird an die Opfer Stalins und deren Schicksal erinnert. Die Liste, die »Memorial« zur Verfügung stellt, ist unfassbar lang.

Holodomor

Unfassbar lang ist auch die Liste der Ukrainerinnen und Ukrainer, die 1932/33 dem Holodomor (ukrainisch: »Tötung durch Hunger«} zum Opfer gefallen sind. Der Holodomor war der unter Stalin geplante und angeordnete Massenmord an den Ukrainern Anfang der 1930er Jahre. Mindestens 4,5 Millionen Frauen, Kinder, Männer sind während dieser Zeit im Zuge von Stalins Zwangskollektivierung unter furchtbaren Qualen gestorben. In Putins Russland ist der Holodomor bis heute ein Tabuthema. In der Ukraine ist dieser mörderische Hunger bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent. Ein Trauma, das durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wieder wachgerufen wurde.

Wie verarbeitet man so ein kollektives Trauma? Kann man dieses Grauen, Millionen von Einzelschicksalen als Literatur zwischen zwei Buchdeckel bringen? Eine Frage, die sich die ukrainische Autorin Tanya Pyankova, 40, bei der Arbeit an diesem großen Roman vermutlich nicht nur einmal gestellt hat. Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Roman ist in jeder Hinsicht gelungen; zugleich ist »Das Zeitalter der roten Ameisen« eine Herausforderung an uns Leserinnen und Leser.

Das Zeitalter der roten Ameisen

»Am Anfang ist es noch gar nicht so schlimm. Am Anfang schwellen dir nur die Beine an. Sie werden taub und gefühllos, sind wie aus Holz, voll und schwer wie zwei Fässer, die jemand täglich mit Zinn ausgießt, und sie tragen dich nicht mehr wie sonst, sie stören dich eher.«

Mit dieser ersten Hunger-Schilderung der 19jährigen Dusja beginnt  »Das Zeitalter der roten Ameisen«, der Roman von Tanya Pyankova. Wir schreiben das Jahr 1933, Stalin hat die Ukraine seinem brutalen Hungerterror unterworfen. Auch im Dorf Matschuchy in der Zentralukraine frisst sich der Hunger durch alle Häuser. Stalins Schergen durchkämmen jedes Haus, plündern buchstäblich jedes einzelne Korn Getreide, schaffen alles Essbare und Nützliche weg. So soll der Widerstand der Ukraine gebrochen werden.

Die hungernden Bewohner tauschen buchstäblich alles gegen ein bisschen Essen. So auch die Familie von Dusja, die ihr Haus für acht Laib Brote hergegeben hat und jetzt bei der Oma Sanka lebt. Neben Dusja leben dort ihr jüngerer Bruder Myros, die Mutter Hanna, die Oma Sanka und später das Findelkind Melaschka. Der Vater Timofej wurde nach Sibirien deportiert. Er weigerte sich standhaft, mit Stalins Mördern zu kooperieren und für die Kolchose zu arbeiten.

Die zweite Erzählstimme gehört Solja. Sie ist mit dem roten Parteifunktionär und faktischen Dorfchef Ljoscha verheiratet und hat ihr Kind Ewa kurz nach der Geburt verloren. Solja und Ljoscha hungern nicht. Im Gegenteil: Solja ist vom Verlust des Kindes traumatisiert und leidet unter ständigen Fressattacken, die sie immer dicker werden lassen.

Swyryd Sutschok ist die dritte Stimme dieses Romans. Swyryd ist ein williger Helfer und Mitläufer. Er steht auf der Seite der Täter, er hungert nicht, aber er leidet – von Zeit zu Zeit – an schlechtem Gewissen. Wie viele andere Helfer und Mitläufer des Terrorregimes redet er sich sein Handeln schön und ertränkt das schlechte Gewissen im Schnaps.

Der Hunger

Neben diesen drei Hauptfiguren, deren Stimmen Tanya Pyankova schlüssig komponiert und deren Schicksale die Autorin gekonnt aufeinander zulaufen lässt, gibt es einen zentralen Protagonisten, der immer präsent ist. Der Hunger! Er frisst sich durch den gesamten Roman und tritt personalisiert in den unglaublichsten metaphorischen Verkleidungen auf.

»Gleich im Morgengrauen aber rührte sich der Hunger. Er tollte herum, und es kümmerte ihn nicht, dass wir schliefen. Er hat unter den Dielen das alte Getreidemahlwerk hevorgeholt, von Oma von früher, und jetzt dreht er uns durch wie Roggen, mahlt uns zu pudrig feinem Mehl, einem Mehl so zart und so schwarz wie kein Tod der Welt, nicht einmal der grausamste, es mahlen könnte.«

Zu den drei realistischen, nüchternen Erzählstimmen bringt die Autorin mit dem personifizierten Hunger eine surreale Stimme in den Roman. Es ist sprachlich beeindruckend, welche Bilder Pyankova für den Hunger, das Leiden, den Schmerz findet. Und sie macht so das unvorstellbare Grauen für uns Leser erfahrbar.

Im Nachwort zu ihrem Roman schreibt die Autorin, dass die Geschichten ihrer Figuren nicht erfunden seien. Sie betont, dass es kaum eine Familie in der Ukraine gibt, die nicht vom Holodomor betroffen war. Sie habe noch von ihrer Oma gelernt, buchstäblich jedes Kraut und jedes Unkraut, das man draußen findet, zu einer Mahlzeit zu verarbeiten. Diese Mahlzeiten, die die Autorin noch heute ab und an kocht, »haben mit tief im genetischen Gedächtnis eingebrannten Erinnerungen zu tun, konkret mit Erinnerungen an die Hungerjahre.«

»Die Zeit der roten Ameisen« ist ein außergewöhnlicher Roman über eine furchtbare Zeit, ein Buch über Schuld, Verantwortung und auch Menschlichkeit. Tanya Pyankova hat eine Form und eine stimmige Sprache für das Grauen gefunden, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer im Holodomor erleiden mussten. Die Übersetzung von Beatrix Kersten ist so, dass man förmlich in den Roman hineingezogen wird.

Das Terrorregime von Stalins Brigaden, die »roten Ameisen« wirkt bis heute nach. Und mehr noch, schreibt die Autorin am Ende dieses aufwühlenden Buches:

»Russlands Genozid am ukrainischen Volk dauert an.«

NK | CK

PS: Die Tübinger Reihe »Brennpunkt Ukraine« wird im Wintersemester 2025/26 fortgesetzt. Das aktuelle Programm ist hier zu finden.

Buchinformation

Tanya Pyankova
Das Zeitalter der roten Ameisen
Taschenbuch, Nagel und Kimche, 2024
ISBN 9783312013180

#SupportYourLocalBookstore

Permalink

off

Freitagsfoto: Stadtbild

„Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem (...).“ Friedrich Merz, Bundeskanzler

„Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem (…).“ Friedrich Merz, Bundeskanzler

Vor einiger Zeit haben wir hier eine kleine Fotoserie zum Thema „Kein schöner Land“ gestartet. Wir nehmen die aktuellen Äußerungen des Bundeskanzlers zum Thema Stadtbild zum Anlass, diese Serie unter dem neuen Stichwort „Stadtbild“ in unregelmäßigen Abständen fortzusetzen.

Wir alle haben ja unterschiedliche Ansichten, was in ein Stadtbild passt und was nicht. Um festzustellen, dass Bahnhöfe kein angenehmer Ort für Frauen und Männer sind, dazu muss man nicht nach Berlin oder Dortmund fahren, da reicht ein ganz normaler, verwahrloster Kleinstadtbahnhof nach Einbruch der Dunkelheit. Andere Beispiele für Veränderungen, die ein Stadtbild nachhaltig negativ prägen, sind tote Schaufenster von seit Jahren leer stehenden Ladenlokalen, überquellende öffentliche Mülleimer, Graffiti-Schmierereien, innerstädtische Betonwüsten, aus Kostengründen trocken gelegte Schwimmbäder, Baulücken, die ganz allmählich zu Müllkippen verkommen – es gäbe noch viele Beispiele.

Mich persönlich hat vor einer Weile das Verkehrsschild da oben irritiert. Es steht in einer schwäbischen Kleinstadt am Fuße der Schwäbischen Alb und weckt bei jemandem, der etliche Bücher von Holocaust-Überlebenden gelesen hat, unangenehme Assoziationen. Ich sehe da zum Beispiel sofort Szenen mit KZ-Wachpersonal vor mir, mit zähnefletschenden deutschen Schäferhunden an der Leine.

Was fällt euch zum Thema Stadtbild ein?

NK | CK

 

 

Permalink

1

Singen in finsteren Zeiten

Die Tübinger Platanenallee auf der Neckarinsel

Die Tübinger Platanenallee auf der Neckarinsel

In den finsteren Zeiten
Wird da auch gesungen werden?
Da wird auch gesungen werden.
Von den finsteren Zeiten.

Bertold Brecht (* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in Ost-Berlin) schrieb diese Zeilen 1939 im dänischen Exil nach seiner Flucht aus Nazi-Deutschland. Weiß Gott finstere Zeiten waren das und eigentlich weit weg. Aber wie schnell es finster werden kann, können wir aktuell in Echtzeit in den USA, der ältesten Demokratie der Welt, beobachten. Es ist erschreckend.

Noch eine gute Nachricht? In gut zwei Monaten werden die Tage wieder länger, am 21. Dezember 2025 ist Wintersonnenwende.

NK | CK

PS: Das Foto und das Brecht-Zitat findet man auch in Corinnas Fotoprojekt „Licht in dunkler Zeit“, das man bei uns per Mail bestellen kann: 24 Zitate, 48 Fotos, Format DIN A3. Funktioniert wunderbar auch als Adventskalender und das ganze Jahr. Infos hier. 

Permalink

off

Jane Goodall und die Liebe zur Schöpfung

Schimpansen sind unsere nächsten Verwandten. Dieses Foto entstand im Zoo La Palmyre in Frankreice.

Ihr ganzes Leben hat die Verhaltensforscherin Jane Goodall den Schimpansen gewidmet

Kampf für die Schöpfung

„Wir haben diesen wundervollen Planeten, den wir Tag für Tag zerstören.“ Jane Goodall

Vor wenigen Tagen ist die englische Verhaltensforscherin und Umweltschützerin Jane Goodall gestorben. Goodall wurde am 3. April 1934 in London geboren und starb am 1. Oktober 2025 in Los Angeles im Alter von 91 Jahren. Ihre unglaubliche berufliche Karriere begann auf der Sekretärinnenschule in England. Sie wurde nicht nur die berühmteste Primatenforscherin der Welt, sondern auch die bekannteste Kämpferin für den Schutz und den Erhalt unseres Planeten.

Wir verlinken heute auf ein sehenswertes Interview, das die einfühlsame und immer bestens vorbereitete Barbara Bleisch im Frühjahr 2024 mit Jane Goodall für die Reihe Sternstunde Philosophie im Schweizer Fernsehen geführt hat. Die Untertitel können in den Einstellungen geändert werden.

NK | CK

Permalink

off

Tucholsky riecht den Herbst

Man kann ihn riechen und sehen, den Herbst. Für Kurt Tucholsky die schönste Jahreszeit.

Man kann ihn riechen und sehen, den Herbst. Für Kurt Tucholsky die schönste Jahreszeit.

Eines Morgens

Eines Morgens riechst du den Herbst.
Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig:
es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles.

Diese schönen Zeilen stammen von Kurt Tucholsky (* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg). Per Zufall bin ich drüben bei Bluesky darauf gestoßen. Eine kurze Recherche hat mich dann zu einem längeren Text von Tucholsky über die Jahreszeiten geführt, die dieser am 22.10.1929 in der Weltbühne veröffentlich hat.

Wer mag, kann Tucholskys Text im Online-Kulturmagazin Die Flaneurin von Barbara Denscher nachlesen: hier der Direktlink.

Genießt die Herbstsonne!

NK | CK

Permalink

off

Sofa an einem Herbsttag

Herbstliches Stilleben mit Sofa und Blättern

Stilleben mit Sofa und Blättern an einem Herbsttag

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke (*4. Dezember 1875; † 29. Dezember 1926)

Rilke schriebt dieses Gedicht im Jahr 1902. Im Herbst desselben Jahres zog Rilke nach Paris, seine Frau Clara Westhoff blieb zurück in Berlin. Rilke plante, eine Monographie über Auguste Rodin zu schreiben.

Am 4. Dezember 2025 jährt sich der Geburtstag von Rilke zum 150sten Mal. Nutzen wir den Rest dieses Rilke-Jahres zur Rilke-Lektüre. In diesen aufgeheizten Zeiten hilft uns das, im Strom schlechter Nachrichten nicht gänzlich unterzugehen.

NK | CK

PS: Im Rahmen des Tübinger Bücherfestes 2025 stellt Manfred Koch seine viel gelobte Rilke-Biographie vor. Sonntag, den 28.September 2025, 16.00 Uhr, Westspitze, Eisenbahnstr. 1, Tübingen. Infos und Tickets.

Permalink

2

„Heucheleien, Phrasen, Unsinnigkeiten“ (Victor Klemperer)

Victor Klemperer (1881–1960) um 1930 Ursula Richter (1886-1946), Sächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB)/Deutsche Fotothek)

Victor Klemperer um 1930. Foto: Ursula Richter (1886-1946), Sächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB)/Deutsche Fotothek)

22. März 1933

„Noch zittert man nicht um sein Leben – aber um Brot und Freiheit.“

Diesen Tagebucheintrag schreibt der 1935 von den Nazis zwangsemeritierte Dresdner Romanistikprofessor Victor Klemperer. Klemperer wurde am 9. Oktober 1881 in Gorzów Wielkopolski in Westpolen (Landsberg an der Warthe) als Sohn eines Rabbis geboren, er starb am 11. Februar 1960 in Dresden, wo er auch an der Universität lehrte. Obgleich schon Anfang des 20. Jahrhunderts zum Protestantismus konvertiert, rettete ihn die Ehe mit der „Nichtjüdin“ Konzertpianistin Eva Klemperer vor dem Tod im Konzentrationslager.

Victor Klemperer ist uns zum ersten Mal 1999 in der gleichnamigen Fernsehserie mit den hervorragenden Schauspielern Matthias Habich und Dagmar Manzel begegnet.

Klemperers Tagebücher, die er von 1933 bis 1945 führte, zählen heute zu den bedeutendsten Zeugnissen der Judenverfolgung und Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten und deren willige Helfer in der deutschen Bevölkerung. Klemperer hat den Alltag der verfolgten Juden in Dresden, den brutalen Antisemitismus und die Schrecken der Naziherrschaft Tag für Tag akribisch dokumentiert.

„Es ist nie so viel Schande auf ein europäisches Volk konzentriert worden wie jetzt auf uns. Jede Rede des Kanzlers, der Minister, der Kommissare. Und sie reden täglich. Ein solches Gebräu der offensten, plumpesten Lügen, Heucheleien, Phrasen, Unsinnigkeiten. Und immer das Drohen, das Triumphieren und das leere Versprechen.“ (7. April 1933)

Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten: Tagebücher 1933 – 1945Klemperer schreibt diese Zeilen gut 2 Monate nachdem Hitler von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde. Das ist lange her, aber ist es nicht erschreckend, wie aktuell Klemperers Worte angesichts der Bedrohung durch rechte Populisten und Extremisten heute klingen? „Plumpeste Lügen, Heucheleien, Phrasen, Unsinnigkeiten“, kriegen wir das nicht auch serviert von einer Partei, der es nicht um Fakten, sondern ausschließlich um eine rechte, völkische Agenda und die Zerstörung der Demokratie geht?

„Die Tagebücher stellen alles in den Schatten, was jemals über die NS-Zeit geschrieben wurde“, schrieb die Wochenzeitung DIE ZEIT.

„Es ist im deutschen Volk so viel Lethargie und soviel Unsittlichkeit und vor allem so viel Dummheit.“ (27. März 1937)

Man muss die Tagebücher nicht in einem Zug durchlesen. Es ist oft aufwühlend und deprimierend, vor allem wenn man den Bezug zum Jetzt herstellt. Aber die Lektüre lohnt sich sehr und gerade heute. Weil man bei vielen Einträgen unweigerlich zusammenzuckt oder gar mit dem Kopf nickt.

„Eine Gruppe radelnder Jungen, vierzehn bis fünfzehn Jahre, um zehn abends in der Wormser Straße. Sie überholen mich, rufen zurück, warten, lassen mich passieren. ‚Der kriegt Genickschuß … ich drück’ ab … Er wird an den Galgen gehängt – Börsenschieber …‘ und irgendwelch Gemauschel. (24. Juni 1943)

Klemperer notiert von 1933 an die schleichenden, auch sprachlichen Veränderungen, die er in der Gesellschaft wahrnimmt, die immer stärker werdende Ausgrenzung, die üblen Schikanen durch die Gestapo, den Hunger und die natürlich ständige Angst vor der buchstäblichen Vernichtung durch die Nazis. Dass wir heute diese Tagebücher lesen können, verdanken wir dem Durchhaltevermögen und dem Mut dieses herzkranken Mannes. Aber auch der Risikobereitschaft und dem Mut seiner Frau und einer Freundin der Familie, die die fertigen Tagebuchblätter vor der Gestapo versteckt haben.

„Und ich sagte mir wieder einmal, daß die Hitlerei vielleicht doch tiefer und fester im Volke wurzelt und der deutschen Natur entspricht, als ich wahrhaben möchte.“ (13. Juli 1937)

Erschreckend aktuell

Dr. Renatus Deckert. Foto: Karsten Thielker

Dr. Renatus Deckert. Foto: Karsten Thielker

Wir freuen uns, dass der Schriftsteller und Herausgeber Dr. Renatus Deckert am Tübinger Bücherfest 2025 über Victor Klemperer sprechen wird. Deckert, der in Dresden geboren und aufgewachsen ist, geht seit Jahren an Schulen und Bildungseinrichtungen, um aus Klemperers Tagebüchern zu lesen und mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern über Judenvernichtung und Antisemitismus zu sprechen.

Er wolle, so schrieb Renatus Deckert in einem Text für die Süddeutsche Zeitung, „etwas tun gegen die grassierende Geschichtsvergessenheit und gegen die Vogelschiss- und Schuldkult-Rhetorik der rechten Rattenfänger.“ Deckert ist der Meinung, dass man bei der Lektüre Klemperers „der Gegenwart auf gespenstische Weise direkt in Gesicht blickt.“

„Jetzt ist jeder hier immer Feind der Partei gewesen. Aber wenn sie es wirklich immer gewesen wären …“ (1. Mai 1945)

Deckert schreibt auch einen lesenswerten Blog: „Wolken und Kastanien“. Dort findet man einen klugen, berührenden Text über Deckerts Verhältnis zu Klemperer und über das erste „Judenhaus“, in das Victor Klemperer und seine Frau Eva im Mai 1942 ziehen mussten.

Am 27. September 2025 liest Renatus Deckert in Tübingen im Rahmen des Tübinger Bücherfestes 2025 um 13 Uhr im Weltethos-Institut in der Hinteren Grabenstraße 26 aus Klemperers Tagebüchern. Eine Veranstaltung, die sich angesichts der aktuellen politischen Situation unbedingt lohnt. Infos und Tickets hier.

NK | CK

PS: Das Tübinger Bücherfest 2025 findet vom 26. bis 28. September statt. Mehr als 60 Autorinnen und Autoren lesen in der Stadt. Das Programmheft mit allen Informationen gibt es hier zum runterladen. Tickets vorab gibt’s hier.

Buchinformation

Victor Klemperer
Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, Tagebücher 1933 – 1945
Herausgeber: Walter Nowojski
Hardcover, 1422 Seiten
Aufbau-Verlag, 2015
ISBN 978-3-351-03616-4

#SupportYourLocalBookstore

Permalink

1

Schnecke am Meisenbühl

Der Meisenbühl sitzt als Weißjura-Kuppe auf dem Filsenberg bei Öschingen

Der Meisenbühl sitzt als Weißjura-Kuppe auf dem Filsenberg bei Öschingen, Landkreis Tübingen

Wohin, Schnecke?
Dies ist der Meisenbühl
Der Fuji ist weit

Haiku für die Freunde I. und W., die uns kürzlich auf den Meisenbühl bei Öschingen im Landkreis Tübingen geführt haben. Die Region ist ein Naturschutzgebiet mit Magerwiesen auf rund 800 Meter Höhe. Je nach Jahreszeit können Orchideen, Türkenbundlilien, Silberdisteln und Enziane bewundert werden. Vom Teufelsloch aus hat man einen herrlichen Blick auf den Farrenberg, Mössingen und das obere Steinlachtal.

Und was hat das mit dem Fuji in Japan zu tun? Nun, Issa (1763 – 1828) hat dieses Haiku gedichtet:

Die kleine Schnecke
ganz langsam steigt sie hinauf
auf den Berg Fuji.

NK | CK

PS: In Öschingen befindet sich auch das sehenswerte Holzschnittmuseum von Klaus Herzer, das Sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet ist. Ein Besuch lohnt sich.

Permalink

1

Volodymyr Vakulenko-K.: Leben unter Besatzung

»Ich bin nicht allein, da muss ich überleben.« Volodymyr Vakulenko-K.

»Ich bin nicht allein, da muss ich überleben.« Volodymyr Vakulenko-K.

Papa, lies vor!

Zum Abendbrot Tee und Salat.
Unser Buch liegt parat.
Papa, lies vor,
Ich bin ganz Ohr.
Vom kleinen Elefanten,
der Blumen goss bei seinen Tanten.
Vom Samenkorn, das sich erwärmte
und für die große Sonne schwärmte.
Vom Kater Schlaumeier …
Von der roten Bimmelbahn …
Und schon segeln die Träume
auf Wolken leise heran.
Und es füllen sich die Räume
während du liest mit Ruhe an.
Mit Geheimnissen ist der Schlaf per du,
auch dem Papa fallen die Augen zu.
Auch ein Papa ist mal alle –
wenn ihn die Arbeit richtig stresst.
Komm, austrinken und ab in die Falle,
ins Bett, wo es sich herrlich träumen lässt.

Dieses Gedicht stammt von dem ukrainischen Schriftsteller und Aktivisten Volodymyr Vakulenko, der sich selbst Volodymyr Vakulenko-K. nannte. Vakulenko wurde am 1. Juli 1972 im Dorf Kapytoliwka in der Nähe von Isjum in der Ostukraine geboren. Der bekannte Kinderbuchautor und Vater eines autistischen Sohns hat insgesamt 13 Bücher veröffentlicht.

Vakulenko hat sein Dorf nach dem vollumfänglichen Angriffskrieg Russland gegen die Ukraine nicht verlassen. Er blieb mit seinem Sohn und seinen Eltern in Kapytoliwka. Er wurde am 24. März 2022 von russischen Besatzern zum zweiten Mal gefangen genommen und schließlich von diesen ermordet. Der geschundene Leichnam Vakulenkos wurde im Herbst 2022 in einem Massengrab in der Nähe von Isjum entdeckt.

Tagebuch unter Besatzung

Volodymyr Vakulenko hat die Zeit der russischen Besatzung im März 2022 in einem handschriftlichen Tagebuch festgehalten. Am 7. März marschierten die russischen Besatzer in sein Heimatdorf ein. Der letzte Tagebucheintrag ist vom 21. März 2022. Vakulenko hat seine Aufzeichnungen in seinem Garten neben einem Kirschbaum vergraben. Er hatte Angst, dass diese 36 Seiten dem russischen FSB Geheimdienst in die Hände fallen. Er wollte, dass seine Aufzeichnungen in die Hände von internationalen Organisationen gelangen.

»Die Gefechte, wie eine gereizte Viper, krochen immer näher und näher heran an unsere Stadt (die Grenzen sind nicht weit, der Feind bekam täglich Verstärkung).« (Volodymyr Vakulenko)

Nachdem die Region Isjum im September 2022 von der ukranischen Armee befreit wurde, hat Vakulenkos Vater nach dem Tagebuch gegraben und es nicht gefunden. Dabei hatte der seinem Sohn versprechen müssen: »Wenn die Unseren kommen – dann übergib es ihnen.« Gefunden hat das Tagebuch schließlich die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina. Sie schreibt im Vorwort:

»Ich hab’s gefunden!«, rufe ich, so freudig, als hätte ich nicht ein unter der Besatzung entstandenes Tagebuch, sondern die gesamte ukrainische Literatur aus der Erde geboren.

Am 24. Septeber 2022 war das. Ein halbes Jahr im Mai 2023 später wurde Vakulenko in Norwegen posthum der Prix Voltaire Special Award der International Publisher’s Association (IPA) verliehen. Angesichts der drohenden Vernichtug der ukrainischen Kultur und Identität eine wichtige Ehrung.

»Volodymyr Vakulenko schrieb Tagebuch, weil er hoffte, dass Sie es lesen würden. Wenn Sie also heute dieses Buch in Händen halten, dann hat der Schriftsteller Volodymyr Vakulenko gesiegt. (Victoria Amelina)«

Victoria Amelina hatte leider nicht lange Zeit, sich über diesen Sieg zu freuen. Am 27. Juni 2023 wurde sie bei einem russischen Raketenangriff schwer verletzt. Am 1. Juli 2023 erlagt die junge Schrifstellerin ihren schweren Verletzungen; sie wurde 37 Jahre alt. Volodymyr Vakulenko wäre an diesem Tag 51 Jahre alt geworden.

Ich verwandle mich

Am 30. Juni 2025 haben das Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde und das Slavische Seminar der Universität Tübingen zu Ehren von Volodymyr Vakulenko und Victoria Amelina eine bewegende Lesung veranstaltet. Student*innen haben Gedichte und Texte vorgetragen.

»Einige Tage später bombardierten feindliche Flugzeuge mit Cluster- und Vakuumbomben unsere Stadt, und zwar charakteristischerweise: nur die Wohngebiete.« (Volodymyr Vakulenko)

Das letzte Buch Vakulenkos heißt »Ich verwandle mich. Aufzeichnungen unter russischer Besatzung. Ausgewählte Gedichte«. Dem engagierten Mauke-Verlag in Weimar haben wir diese schmale, bewegende und wichtige Werk zu verdanken. Das sorgfältig produzierte Buch enthält neben den Tagebucheinträgen und den Gedichten Vakulenkos weitere Texte, u.a. das erwähnte Vorwort von Victoria Amelina.

»Die ständigen Razzien der Russengestapo stressten mich total, für mich waren das totale Demütigungen.« (Volodymyr Vakulenko)

Dazu ein Bericht der Journalistin Kateryna Lykhohkyad über ihre Recherche in Vakulenkos Heimatdorf. Sie würdigt auch die Arbeit des Dichters, der anfing für Kinder zu schreiben, als er seinen Sohn Vitalik bekam, bei dem Autismus diagnostiziert wurde. Die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies hat ein erhellendes Nachwort über den Sowjetterror im 20. Jahrhundert in der Ukraine geschieben, dem so viele ukrainische Intellektuelle zum Opfer gefallen sind.

Man würde sich wünschen, dass all die Politikerinnen und Politiker, die immer noch an einen gerechten Frieden mit dem Aggressor im Kreml glauben, dieses Buch lesen. Was ein völkerrechtswidriges Abtreten ukrainischen Staatsgebietes für die dort lebenden Ukrainerinnen und Ukrainer bedeuten würde, davon verschafft uns der Text Vakulenkos einen Eindruck.

Und wenn

Und wenn der anbrechende Tag
Meinen Schatten schreddert
Und düsterer Regen
Meine aufgeschminkte Abwesenheit fortwäscht
Bleibt ihr als die Letzten,
Die auf mein Begräbnis gehen …

Dies ist das letzte im Buch abgedruckte Gedicht Vakulenkos.

NK | CK

Buchinformation

Volodymyr Vakulenko-K.
Ich verwandle mich. Aufzeichnungen unter russicher Besatzung. Ausgewählte Gedichte.
aus dem Ukrainisichen übersetzt von Beatrix Kersten
2025, Verlag Friedrich Mauke KG, Weimar
176 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN: 978-3-948259-25-9

Dieser Film zeigt die Videorecherche der Journalistin Kateryna Lykhohlyad über die Suche nach Volodymyr Vakulenko nachdem die Region Isjum durch die ukrainischen Streitkräfte befreit wurde.

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner