Steht bei Lukas 2, 1-20 was von Weihnachtsgans?
Luc 2,1-20 dit quelque chose sur l’oie de Noël?
Does Luke 2,1-20 say anything about Christmas goose?
Prinzipiell bin ich ja gegen elektronische Weihnachtsgrüße und Neujahrswünsche. Es fehlt die Haptik und eine Mail geht halt auch schnell unter im Postfach. Heute allerdings habe ich eine Weihnachtsmail von einem Geschäftsfreund bekommen, die mich angesprochen hat. Der sympathische Allgäuer Herr Sch. wünscht mir darin Glück im Stall und schreibt:
„Wenn’s im Allgäu heißt ‚ich wünsch’ Glück im Stall‘ dann ist an guten Wünschen bereits alles im Rucksack – Privates, Gesundheit, Familie, Beruf, Zufriedenheit.“
Das gefällt mir, weil ich mich seit Kindesbeinen in Ställen echt wohlfühle. Ich mag die Atmosphäre dort, vor allem, wenn es ein Kuhstall ist: die Wärme, der Geruch der Tiere, der Duft nach Heu, nach Stroh und Holz, die Geräusche, die Nester der Schwalben, diese Dinge.
Ich wünsche Euch / Ihnen, den Leserinnen und Lesern dieses kleinen Blogs, in diesem Sinne viel Glück im Stall im kommenden Jahr!
Zu einem anderen Stall„Weihnachten im Stall“ heißt eine besondere, völlig kitschfreie, Weihnachtsgeschichte, die Astrid Lindgren 1961 geschrieben hat. Lindgren, die man nicht vorstellen muss, lässt darin eine Mutter ihrem Kind vom ersten Weihnachten erzählen. Es gibt keine Maria, keinen Josef, keinen Esel. Statt dessen sehen wir einen Mann und eine Frau, die in einer kalten Nacht (in Schweden?) auf tief verschneiten Wegen nach einem Unterschlupf suchen. Sie finden einen Stall.
„Da fanden die Wanderer am Weg einen Stall. Der Mann öffnete die Tür und leuchtete mit seiner Laterne hinein. Vielleicht gab es dort drinnen Tiere? Denn wo Tiere schlafen, da ist es warm, und die beiden Wanderer froren und waren müde.“
Ja, im Stall gibt es Tiere, Schafe, Hühner, ein Pferd und eine Kuh, die sich über die Wanderer wundern. Die Tiere spüren, was die beiden Frierenden brauchen. Als die Nacht am dunkelsten und kältesten ist, bringt die Frau im Stall ein Kind auf die Welt, und über dem Stall leuchtet ein Stern, den ein paar Schäfer sehen. Wie es weitergeht?
„Alles war ganz still. Und über dem Stall leuchtete der Weihnachtsstern. Denn als dies geschah, war es Weihnachten. Ein Weihnachten vor langer Zeit. Das allererste Weihnachten.“
Astrid Lindgrens erzählt diese Geschichte in schnörkellosen, einfachen Sätzen, die Wärme und Zugewandheit ausstrahlen. Die Bilder von Lars Klinting ziehen junge und ältere Leser in die Geschichte hinein, so dass man am Ende das Gefühl hat, im Stall dabei gewesen zu sein.
Information zum Buch
Astrid Lindgren: Weihnachten im Stall
Deutsch von Anna-Liese Kornitzky
Bilder von Lars Klinting
Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2002
ISBN: 3-7891-6837-8
Frohe Weihachten und Glück im Stall!
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“Can the fishes see it’s snowing?” “They think it’s the sky falling down.”
Dylan Thomas: A Child’s Christmas in Wales.
Eine der schönsten Weihnachtsgeschichten, die ich kenne. Auch als CD erhältlich, gelesen vom großen walisischen Dichter und Trinker Dylan Thomas (27.10.1914 – 9.11.1953) selbst. Großes Kino für die Ohren, um es mal flapsig auf den Punkt zu bringen.
Mehr als 200 Millionen Postkarten befördert die Deutsche Post pro Jahr nach eigenen Angaben, davon über ein Viertel in den Sommermonaten. Ich vermute stark, dass die Mehrzahl dieser Postkarten einen schönen, klischeehaft blauen Himmel zeigen. Warum ist das so? Scheint überall dort, wo Postkarten verkauft werden, jeden Tag die Sonne?! Was ist mit der langen, bleiernen Zeit, wie Friedrich Hölderlin die neblig-düsteren Herbst- und Wintertage genannt hat? Oder liegt es an uns, den Postkartenkäufern? Spiegelt sich in dieser Vorliebe für den blauen Postkartenhimmel etwa das Streben nach perfektionierter Äußerlichkeit, hinter der ein ultimatives Glück vermutet wird? Ein Leben, in dem alles immer großartig und überwältigend und gleichzeitig easygoing sein muss?
Ist uns eine Postkarte ohne blauen Himmel, dafür mit Nebel zu melancholisch, zu düster? Uns jedenfalls nicht. Deshalb möchte ich Euch/Ihnen heute ein besonderes Projekt vorstellen, ein Projekt das uns am Herzen liegt und Freude bereitet: „Schöne Postkarten“. Wir, Corinna Kern und Norbert Kraas, haben es uns zum Ziel gesetzt, Postkarten zu gestalten, die möglichst weit von den gängigen Postkarten-Klischees entfernt sind. Bisher gibt es 18 gedruckte Motive, die man sich alle auf der Homepage von „Schöne Postkarten“ anschauen kann. Ein Teil davon ist bereits im Handel in Tübingen erhältlich, darunter auch das Motiv vom Hölderlinturm im Nebel oder die Tübinger Neckarhalde. Beide Fotos haben wir an einem ziemlich frostigen Neujahrsmorgen in aller Herrgottsfrühe aufgenommen. Ich weiß nicht, wie’s Euch/Ihnen geht, aber uns hat die melancholiche Atmosphäre schon beim Fotografieren gefangen genommen.
Über die Melancholie schreibt die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt in ihrem Buch „Zufriedenheit – Warum sie lohnender ist als das flüchtige Glück“ (dtv, 2016): „Wer melancholisch ist, ist sensibel für die Welt, er erfährt sie in all ihrer Sinnlichkeit, denkt über das Leben nach und besinnt sich auf sich selbst. Er fördert die Weite seiner Seele und seines Empfindens.“ Ich empfehle das Buch allen, denen die permanente Selbstoptimierung und der Zwang zu Perfektion auf den Keks geht. Statt mit allen Kräften dem Glück hinterherzujagen, empfiehlt uns die promovierte Biochemikerin, uns um die „Stiefschwester des Glücks“ zu kümmern. Gemeint ist die Zufriedenheit, der einzige Zustand in dem man, so Berndt, nachhaltiges Wohlbefinden erreiche. Zur Untermauerung dieser These präsentiert sie gut lesbar jede Menge Forschungsergebnisse unter anderem aus der Neurochemie, Genetik, Soziologie und Psychologie. Glücksgefühle, so lesen wir, sind eher nicht von Dauer und das Glück darüber hinaus „fast immer eine Reaktion auf Reize von außen, es ist damit wenig kalkulierbar und auch nicht so leicht zu beeinflussen.“ Demgegenüber sei die Zufriedenheit eine Sache, die aus dem Inneren kommt. Christina Berndt schreibt :
„Sie [die Zufriedenheit] tritt vor allem dadurch ein, dass man lernt, die kleinen glückseligen Momente im Leben wieder wertzuschätzen und die großen Visionen freundlich aus der Ferne zu betrachten, während man die realisierbaren Träume umzusetzen versucht.“
Das wäre doch mal ein Vorsatz fürs neue Jahr, die großen Visionen freundlich aus der Ferne zu betrachten.
Christina Berndt: Zufriedenheit – Wie man sie erreicht und warum sie lohnender ist, als das flüchtige Glück, dtv Taschenbuch, 2017, 10,90 Euro, ISBN 978-3-423-34929-1.
Alle zur Zeit erhältlichen Motive, die Bezugsquellen im Einzelhandel und weitere Informationen zu diesem Projekt gibt’s hier: www.schoenepostkarten.de
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Wer besondere Buchhandlungen sucht, musst nicht ins Quartier Latin nach Paris. Die Neckarhalde in Tübingen hat auch was, z.B. Quichotte Literarische Buchhandlung.
Kaum zu glauben, aber nicht viele Tübingerinnen und Tübinger können auf Anhieb sagen, wer hier zu sehen ist, geschweige denn, wo die Büste steht. Also, die Büste von Friedrich Hölderlin (geboren am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, gestorben am 7. Juni 1843 in Tübingen) steht außen am Hölderlinturm in einer Nische im Mauerwerk. Ausführliche Informationen zu Hölderlin findet man auf der Seite der Hölderlin-Gesellschaft.
Das Zitat haben wir dem Gedicht „Der Zeitgeist“ entnommen. Wie gut diese Zeilen in unsere heutige Zeit passen, nicht wahr? Das Motiv gibt es jetzt auch als Postkarte. Mehr Information dazu unter „Schöne Postkarten“. Dort steht auch, beim welchen Einzelhändlern in Tübingen es diese und andere Schöne Postkarten gibt.
Zu lang schon waltest über dem Haupte mir,
Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!
Zu wild, zu bang ists ringsum, und es
Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke.
Ach! wie ein Knabe, seh ich zu Boden oft,
Such in der Höhle Rettung von dir, und möcht,
Ich Blöder, eine Stelle finden,
Alleserschüttrer! wo du nicht wärest.
Laß endlich, Vater! offenen Augs mich dir
Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist
Mit deinem Strahl aus mir geweckt? mich
Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –
Wohl keimt aus jungen Reben uns heilge Kraft;
In milder Luft begegnet den Sterblichen,
Und wenn sie still im Haine wandeln,
Heiternd ein Gott; doch allmächtger weckst du
Die reine Seele Jünglingen auf, und lehrst
Die Alten weise Künste; der Schlimme nur
Wird schlimmer, daß er bälder ende,
Wenn du, Erschütterer! ihn ergreifest.
Die ersten drei richtigen Antworten (bitte in den Kommentar schreiben) erhalten per Post das brandneue Postkarten-Set von „Schöne Postkarten“.
Ich bin gespannt!
Seit einiger Zeit schon fällt mir die zunehmende Unhöflichkeit auf, die mir als Fußgänger entgegenschlägt. Woran ich das festmache? Nein, ich werde nicht blöd angemacht. Dazu ist unser Hund, den ich meistens dabei habe, zu groß und zu schwarz. Was mir auffällt, ist, dass immer weniger Menschen ihre Zähne zu einem höflichen Gruß auseinanderbekommen. Und das liegt beileibe nicht nur daran, dass Viele mit Stöpseln im Ohr oder Beats auf den Ohren durch die Welt marschieren.
In England, wo wir häufig Urlaub machen, nehme ich das anders wahr. Dieses Jahr zum Beispiel waren wir in der Grafschaft Suffolk, nordöstlich von London. Suffolk zählt zum konservativen Herzland von England, Brexit-Country also. Und trotzdem: von Mißtrauen und Fremdenfeindlichkeit keine Spur. Statt dessen Höflichkeit und Freundlichkeit ohne Ausnahme. Ganz egal, ob ich in aller Herrgottsfrühe andere Hundebesitzer traf oder mir abends im Pub ein Ale am Tresen holte. Es ist immer nett und entspannend, man redet über Hunde, das Bier, warum wir überhaupt in England Urlaub machen, das Wetter, und so weiter. England, sage ich zu meinen Freunden, ist für mich ein Kuraufenthalt in Sachen Freundlichkeit (kindness).
Ich habe allerdings die Sorge, dass es auch in England mit der Freundlichkeit und dem Anstand bald nicht mehr weit her ist. Und das liegt nicht nur an der verbitterten Haltung, mit der sich Brexitbefürworter und -gegner gegenüberstehen. Mit scheint, wir haben es in England wie auch in Deutschland und anderswo mit einem neuen, folgenreichen Klimawandel zu tun. Es geht um das gesellschaftliche Klima: in unserem analogen Alltag von Angesicht und Angesicht und in der digitalen Welt, dem Internet. Womit wir bei der heutigen Buchempfehlung sind.
Axel Hacke, dessen Bücher ich Euch/Ihnen hier schon mehrfach ans Herz gelegt habe, hat ein Buch über diesen anderen Klimawandel geschrieben: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Gleich vorweg: es ist für mich eines der besten und wichtigsten Bücher in diesem Jahr. Ich finde, man sollte es zur Pflichtlektüre machen, an Schulen, an Stammtischen, in den sozialen Netzwerken. Warum?
Weil wir Zeuge sein dürfen, wie der Schriftsteller und Kolumnist der Süddeutschen Zeitung sich gemeinsam mit seinem Freund fragt, was das eigentlich ist, Anstand, dieses etwas angestaubt wirkende Wort. Und was denn so alles dazu gehört zum anständig sein. Und warum der Verlust selbst eines Mindestmaßes an Anstand eine Gefahr für unsere Gesellschaft darstellt. Auf knapp 200 Seiten (Hörbuch 247 Minuten) beleuchtet Hacke seinen Gegenstand von allen Seiten. Dabei lässt er sich von Philosophen, Schriftstellern, Soziologen, Historikern und Ökonomen helfen, in dem er deren Aussagen zum Thema Anstand gekonnt in seinen Text montiert, sie hinterfragt und kommentiert.
Ausgangspunkt von Hackes mäandrierender Gedankenreise ist ein Abend in einer Kneipe. Hacke und sein Freund bestellen ein Bier. Aber nicht irgendeines, sondern eines aus den bayrischen Bergen. Und das, so Hackes Freund, könne man eigentlich nicht mehr trinken, weil die Brauerei mit ihren Expansionsgelüsten keine Rücksicht mehr auf die Landschaft und deren Bewohner nehme. Hacke charakterisiert seinen Freund daraufhin als anständigen Kerl, der offensichtlich konsequent nach seinen Überzeugungen zu handeln versucht.
Wir kennen das alle, oder? Diese innere Sittenpolizei, die uns abrät von diesem oder jenem Produkt, weil bei dessen Herstellung weder Umwelt- noch Arbeitsschutzstandards in dem Maße eingehalten werden, wie wir es hier gerne hätten. Und dann kaufen wir es doch, das neueste Smartphone, das irgendwo in China für einen lächerlichen Lohn zusammengeschraubt wird. Warum? „Kein Mensch“, schreibt Hacke, „ist immer auf der Höhe seiner eigenen Leitlinien, ich schon gar nicht.“ Das ist tröstlich, gleich zu Anfang dieses Buchs.
Ein paar Sätze weiter unten wirft uns Hacke dann in den „Ozean der Anstandslosigkeit“, der auf der Welt tobe. Axel Hacke unterfüttert diese Feststellung mit zahlreichen anschaulichen Beispielen, in denen sich eine zum Teil geradezu ekelhafte Anstandslosigkeit Bahn gebrochen hat. Wir lesen – natürlich – vom egozentrischen Elefanten im Weißen Haus oder von den Pegida-Demonstranten, die auf ostdeutschen Marktplätzen mit Holzgalgen gegen Angela Merkel und Sigmar Gabriel demonstriert haben. Vor ein paar Tagen hat übrigens ein Gericht in Chemnitz den Verkauf dieser Galgen als Politsouvenir erlaubt; war in der SZ zu lesen. Das nur als kleine Ergänzung. Unfassbar, oder?
Zu diesen Anstandlosigkeiten und Widerwärtigkeiten, die es in die Schlagzeilen schaffen, kommt die zunehmende Verrohung, die wir alle im privaten Umfeld täglich erleben. Sei es im Auto, wenn uns einer den Mittelfinger zeigt, weil wir nicht schnell genug abbiegen, sei es in den sozialen Netzwerken, wo der verbale Müll in Form von Herabwürdigungen und gröbsten Beleidigungen tonnenweise jeden Tag ausgekippt wird.
Hacke dazu: „Gewiss, man kann nicht alles in einen Topf werfen, Rohlinge aller Art hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben. Aber es ist doch im Moment so, dass jeder eine solche Geschichte zu erzählen hat, oder? Und es könnten am Ende zu viele Geschichten von dieser Sorte sein, nicht wahr? Und die Frage wäre: Warum brechen sich derartige Dinge Bahn in einer reichen Gesellschaft wie unserer?“
Es sind wichtige Fragen, die sich Hacke stellt. Warum gibt es so viel Widerwärtiges um uns herum? Und warum bei uns? Warum schämt sich der Mann im Erzgebirge, der die geschmacklosen Souvenir-Galgen anbietet, nicht in Grund und Boden? Warum sagt ihm niemand von seinen Freunden (das Gericht in Chemnitz konnte es offensichtlich nicht), dass man so etwas nicht tut? Hängt es damit zusammen, wie Hacke vermutet, dass wir uns immer mehr in die Sicherheit der eigenen sozialen Schicht zurückziehen, dass wir uns immer mehr in „der Arbeit an der eigenen Performance“ verlieren. Zu viel Ich statt Wir. „Wir basteln immerzu am Ego und viel zu selten am Wir“, schreibt Hacke. Womit wir wieder beim Internet und den sozialen Netzwerken wären. Die Selbstdarstellung ist dort für viele Menschen das A und O, Likes und Sternchen werden benötigt wie Luft zum Leben.
Mit einer derart selbstbezogenen Haltung kommen wir als Gesellschaft aber nicht weiter. Daran dürfte auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg keinen Zweifel haben; und der Mann verdient viel Geld damit, dass möglichst viel gepostet wird, auch wenn’s der größte Dreck ist. Wenn unser Leben nur noch aus „Ich“ und nicht mehr aus „Wir“ besteht, wenn jeder meint, alles drehe sich ihn, und er könne auf Anstand und Höflichkeit pfeifen, dann geht unsere Gesellschaft den Bach runter. Das ist besorgniserregend. Aber Hacke will das nicht hinnehmen:
„Wir haben in vieler Hinsicht das Gefühl dafür verloren, was es bedeutet, eine Gesellschaft zu sein, zusammenzugehören, sich auseinanderzusetzen, wir haben so oft kein Ideal mehr davon, was es bedeutet, ein Bürger zu sein, wir sind getrieben von der technischen Entwicklung, von der Nötigung zur ständigen Selbstdarstellung, von diffusen Ängsten, die wir uns einerseits nicht eingestehen oder andererseits total übertreiben.“
So geht das Seite um Seite, und es wird nie langatmig, nie langweilig mit diesem Buch. Im Gegenteil! Axel Hacke bringt zahlreiche Beispiele, führt gescheite Geister (von Marc Aurel bis David Foster Wallace) ins Feld, überrascht uns immer wieder mit seinen eigenen klugen Gedanken und ist dabei niemals überheblich oder gar moralapostelig. Der Autor weiß um die eigenen Unzulänglichkeiten. Das macht dieses Buch sympathisch. Hacke schreibt als ehrlich besorgter Bürger.
Aber was ist das jetzt der Anstand, ohne den eine Gesellschaft nicht mehr funktionieren kann? Als Kronzeugen führt Axel Hacke den Arzt Rieux aus Albert Camus‘ großem Roman „Die Pest“ ins Feld. Rieux kämpft den aussichtslosen Kampf gegen die Seuche in seiner Stadt weiter, allen Widrigkeiten zum Trotz.
„Er tut das, weil ihn das Leid anderer nicht kaltlässt, es berührt ihn, weil er mitleidet, weil er eine grundsätzliche Solidarität mit anderen Menschen empfindet – und diese Art von Solidarität ist es wohl, die wir mit dem Begriff, um den es hier geht, verbinden sollten: ein Empfinden dafür, dass wir alle das Leben teilen, ein Gefühl, das für die großen Fragen des Lebens ganz genauso gilt wie für die kleinen, alltäglichen Situationen. Es geht, wenn wir vom Anstand reden, um die Essenz des Menschen, um das Zusammenleben als Einzelner mit anderen – und dieses Zusammenleben bedeutet nicht, gegen andere anzukämpfen, sondern etwas für sie zu tun“, so Hacke.
Das hat mich berührt!
Ja, ich weiß, da schwingt Pathos mit, aber ist das schlecht? Nein! Mir ist dieses Pathos jedenfalls tausendmal lieber als das falsche, auf Ausgrenzung bedachte Pathos völkisch gesinnter Schwadroneure, die einen Holzgalgen aus dem Erzgebirge an den Weihnachtsbaum hängen und dann von christlicher Nächstenliebe faseln.
Apropos Weihnachten: Dieses schön aufgemachte Buch ist ein inspirierendes Weihnachtsgeschenk – an sich selber oder an gute Freunde.
Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen, 192 Seiten, Verlag Antje Kunstmann, München, 2017. 18,00 Euro, ISBN: 978-3-95614-200-0.
Als Hörbuch, 4 CDs, 247 Minuten,16,95 Euro, ISBN: 978-3-95614-212-3.
Erhältlich in jeder guten lokalen Buchhandlung, wo man von Menschen beraten wird und nicht von Algorithmen. In Tübingen zum Beispiel bei Quichotte und bei Wekenmann. Das Hörbuch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt. Axel Hacke liest selbst: ein Hörgenuss!
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