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„Solange wir schwimmen“ · Roman von Julie Otsuka

„Im Schwimmbad gelingt es uns an den meisten Tagen, unsere Landsorgen hinter uns zu lassen.“

„Im Schwimmbad gelingt es uns an den meisten Tagen, unsere Landsorgen hinter uns zu lassen.“

Solange wir schwimmen

„Solange wir schwimmen“ heißt der neue Roman der US-amerikanischen Autorin Julie Otsuka, erschienen im August 2023 im mare-Verlag. Es geht, wie der Titel sagt, ums Schwimmen, aber vor allem auch um das allmähliche Verschwinden eines geliebten Menschen: Alice.

Im ersten Teil dieses außergewöhnlichen Romans begegnen wir Alice jedoch noch nicht als Protagonistin, sondern als Teil einer verschworenen Gemeinschaft von Schwimmerinnen und Schwimmern. Es ist eine Gruppe völlig unterschiedlicher Menschen, die sich regelmäßig in einem Bad tief im Souterrain irgendwo in L.A. zum Schwimmen trifft:

Vielesser, Nichtskönner, Hundesitter, Crossdresser, Strickverrückte (Nur noch eine Reihe), heimliche Hamsterer, unbedeutende Dichter, nachziehende Ehepartner, Zwillinge, Veganerinnen …

Und diese Gemeinschaft hat sich Regeln auferlegt zum Umgang miteinander, eine von diesen lautet: nett zu Alice zu sein. Weil Alice manches nicht mehr versteht oder einordnen kann. Alices beginnende Demenz wird hier nur kurz erwähnt.

Dieser erste Romanteil hat etwas Heiter-Komisches, es geht um Typen und Schwimmgewohnheiten, wie sie jeder kennt, der regelmäßig im Hallen- oder Freibad seine Bahnen zieht. Ungewöhnlich, aber interessant ist die Wir-Erzählperspektive, die die Autorin dabei wählt. Eines Tages wird die Schwimmgemeinschaft auf einen Riss, später auf mehrere Risse, auf dem Grund des Beckens aufmerksam. Was als Irritation beginnt, bereitet immer mehr Sorgen (der Roman spielt in Kalifornien, wo das große Beben immer passieren kann) und endet nach etlichen Verzögerungen, für manche sehr schmerzhaft, in der Schließung des Schwimmbads.

Der anfänglich nur kleine Riss hat große Folgen

Der anfänglich nur kleine Riss hat große Folgen

Metaphorisch kann man die Risse als Brüche des Lebens verstehen oder hier als Übergang in die nächste Krankheitsphase von Alice betrachten. Solange Alice schwimmen konnte, gab das Wasser ihr Auftrieb, folgte Alice dem Automatismus ihrer Schwimmbewegungen.

Zahlen malen statt Bahnen ziehen

Der zweite Teil beginnt mit der Aufnahme von Alice in das Pflegeheim „Belavista“. Und nun hat der Roman einen völlig anderen Ton. Für Leserinnen und Leser, die diese Erfahrung bereits mit einem geliebten Menschen gemacht haben, sind einige dieser Seiten sehr schmerzhaft zu lesen. Denn Julie Otsuka beschreibt jede Beobachtung, jedes Detail in einer kompromisslosen Schärfe. Die direkte Ansprache des Lesers in der Höflichkeitsform verstärkt diese Wirkung nochmals und macht uns klar, dass es jeden treffen kann:

Sie sind heute hier, weil Sie den Test nicht bestanden haben. Vielleicht ist es Ihnen nicht gelungen, alle Zahlen auf das Ziffernblatt zu malen oder das Wort „Welt“ rückwärts zu buchstabieren oder sich auch nur an eins der fünf unzusammenhängenden Wörter zu erinnern, die Ihnen soeben, vor nur wenigen Minuten, von einer unserer professionell geschulten Prüferinnen vorgelesen wurden.

In einem dritten Teil steht die Tochter der dementen Alice im Fokus: wie hat sie das allmähliche Verschwinden der Mutter erlebt? Hier wählt die Autorin die Du-Perspektive, vielleicht auch um mehr Distanz zu den eigenen Empfindungen zu gewinnen.

Natürlich hatte es die üblichen ersten Anzeichen gegeben, die du aber nicht wahrhaben wolltest. (…) Das leicht fahrige Lächeln. Der zusätzliche Sekundenbruchteil – so kurz, dass es fast nicht auffiel, aber in diesem kurzen Moment wusstest du, dass es dich nicht gab –, den sie brauchte, um am Telefon deine Stimme zu erkennen.

Dadurch wird jedoch auch der Leser sehr direkt angesprochen: Wie gehen wir um mit der Erkenntnis des Versäumten, wie gehen wir um mit den Irrtümern unseres Lebens?

Du bist nie mit ihr nach Paris oder Venedig oder Rom gefahren, an all die Orte, von denen sie immer geträumt hatte –

AJulie Otsuka: Solange wir schwimmenber selbst hier, im schwierigen zweiten und dritten Teil des Romans, blitzt Otsukas Sinn für das Witzig-Komische manchmal auf. Überhaupt zeichnet dieser Roman die besondere Beobachtungsgabe von Julie Otsuka aus, genauso ihr unglaublich gutes Gespür für Phrasen und Floskeln.

Ein sprachlich wie inhaltlich sehr interessantes Buch!

CK I NK

Buchinformation

Julie Otsuka
Solange wir schwimmen
aus dem Englischen von Katja Scholtz
gebunden, 160 Seiten, Lesebändchen
mare Verlag, 2023
ISBN: 978-3-86648-691-1

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