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Die Alb, ein quer durchs Land gebautes Riff

Schwäbische Alb mit dem Hohenzollern, einem dem Albtrauf vorgelagerten Zeugenberg

Schwäbische Alb mit dem Hohenzollern, einem dem Albtrauf vorgelagerten Zeugenberg

An meine Schwester

Übernacht’ ich im Dorf

Albluft

Straße hinunter

Haus     Wiedersehn.     Sonne der Heimath

Kahnfahrt,

Freunde          Männer und Mutter.

Schlummer

Friedrich Hölderlin

Letzte Woche war Frühlingsanfang, am 20. März, dem Geburtstag  Hölderlins. Am 21. wurde der Welttag der Poesie begangen. Weil ich diese beiden Dinge, Hölderlins Geburtstag und den Welttag der Poesie, unbedingt mit der Schwäbischen Alb in einem Text unterbringen wollte, bin in auf der Suche nach einem Gedicht Hölderlins über die Alb auf dieses Buch gestoßen:

„Albgeschichten“

Dieser Band bewohnt schon seit längerer Zeit unser Bücherregal, immer mal wieder ziehe ich ihn raus und lese darin. Die Herausgeber Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger und Hermann Bausinger haben auf gut 300 Seiten eine bemerkenswerte Sammlung klassischer und moderner Texte rund um die Schwäbische Alb zusammengetragen: Gedichte, Geschichten, Reiseberichte und manches mehr. Das Buch ist in neun Abteilungen gegliedert, so dass man sich als Leser den literarischen Aufstieg zur Alb selbst wählen kann.

  • Annäherung
  • Vorzeit
  • Wandern
  • Leute
  • Natur
  • Höhlen
  • Burgen und Berge
  • Brüche
  • Übergang

Es würde zu weit führen, hier alle Autorinnen und Autoren mit ihren Texten aufzuführen, ein paar seien aber doch genannt: Peter Härtling ist dabei; Mörike natürlich; HAP Grieshaber und seine Lebensgefährtin Margarete Hannsmann; Uwe Zellmer vom Theater Lindenhof in Melchingen; David Friedrich Weinland, Schöpfer des großartigen „Rulaman“; aber auch feine Dichter wie Walle Sayer aus Bieringen oder Bernd Storz aus Ravensburg, letzterer mit einem sehr nachdenklich machenden Gedicht über den Ort Buttenhausen an der Großen Lauter, in dem es bis ins 19. Jahrhundert eine sehr große jüdische Gemeinde gab. 1870 zählte diese 442 Mitglieder und stellte mehr als 50 Prozent der Einwohner des Dorfes. 97 Juden lebten laut Wikipedia 1933 noch in Buttenhausen, von ihnen wurden 24 in Riga und Theresienstadt ermordet.

Buttenhausen

Die bemoosten Grabsteine. An der Auffahrt
stand die Synagoge.

Judenkinder, Christenkinder
Himmel und Hölle
und an Ostern
Eierrollen.

An der Lauter das Haus
flatternde Wäsche
dunkelhäutige Kinder

Aus- und Einblicke

Die bei Klöpfer & Meyer erschienenen „Albgeschichten“ sind ein literarisches Schatzkästlein, und wenn noch Platz im Rucksack ist, ein bereicherndes Vademedum bei der nächsten Wanderung auf der Schwäbischen Alb. Besondere Aus- und Einblicke garantiert. Wie heißt es so schön am Ende von Peter Härtlings Gedicht „Die Alb“, dem ersten Beitrag im Buch:

Schön geht der Blick
hinunter ins Land,
wenn er fliegen lernt
und schwindelnd stürzt
von diesem quer
durchs Land gebauten Riff

Buchinformationen

Albgeschichten
Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger, Hermann Bausinger (Hg.)
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 2008, 2. Auflage
ISBN 978-3-940086-13-6
zur Zeit nur noch antiquarisch erhältlich

Der Verlag macht mich gerade darauf aufmerksam, dass die dritte, überarbeitete und erweiterte Auflage der „Albgeschichten“ 2017 unter dem Titel „Wundersame blaue Mauer!“ erschienen und noch lieferbar ist.

Wundersame blaue Mauer!
Wolfgang Alber, Brigitte Bausinger, Hermann Bausinger (Hg.)
Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 2017
ISBN 978-3-86351-460-0

Wundersame rötliche Mauer! Tübinger Österberg vor dem Albtrauf, gesehen vom Steinenberg in winterlicher Frühe.

Wundersame rötliche Mauer! Tübinger Österberg vor dem Albtrauf, gesehen vom Steinenberg in winterlicher Frühe.

Wanderer Hölderlin

Hölderlin soll in besseren Zeiten fünfzig Kilometer am Tag gewandert sein und dabei teils mit Händen, teils mit Füßen Metrum und Rhythmus neuer Verse erprobt haben. So schreibt Kurt Oesterle in seinem Hölderlin-Aufsatz „Die Linien des Lebens sind verschieden“. Der Text ist in dem Band „Heimatsplitter im Weltgebäude“ enthalten, den man auf der Seite des Autors als pdf oder E-Book herunterladen kann. Wäre es nicht schön, lieber Klöpfer & Meyer Verlag, wenn man daraus ein schönes, ein richtiges Buch machen würde?

Allseits sicheren Tritt wünschen wir Euch!

N.K. / C.K.

P.S. Vor ein paar Monaten habe ich übrigens eine nützliche App entdeckt, die einem die Namen all’ der vielen großen und kleinen Kuppen der Schwäbischen Alb zuverlässig anzeigt. Peak Finder heißt das Programm; es funktioniert.

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2 Kommentare

  1. Georges Hartmann 29. März 2019 um 16:44

    Hölderlin und meine plötzlich dazu aufflammenden Erinnerungen an Frankfurt a.M., wo ich fünfzig Jahre lang meine Zelte aufgeschlagen hatte. Der mehrfach in Bad Homburg wohnende Hölderlin hatte sich irgendwann „unsterblich“ in Susanne Gontard (die Ehefrau eines Bankiers verliebt), was ihn mehrfach von Bad Homburg nach Frankfurt a.M. und zurück wandern ließ (das sind etwas mehr als 40 km), bis der gehörnte Ehemann dem Spektakel ein Ende bereitete. Ich bin diesen Weg zur Hälfte ebenfalls gewandert, um nachzuempfinden, welche Kräfte in einem stecken mögen, wenn man von der Liebe (oder dem Begehren ?) gepackt ist. In guter Erinnerung ist mir auch die deutsch-französische Zusammenkunft der Haiku-Dichter in Tübingen und wie wir dort den Ausführungen der Turmführerin lauschten, die uns von Zimmer zu Zimmer führte und dabei auch erwähnte, dass er Dichter gegen Ende seiner Lebenszeit „krank im Geiste“ geworden sei, was uns durchaus recht nachdenklich hat werden lassen …

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