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Vom Wert des Alltäglichen: „Kostbare Tage“ von Kent Haruf

“That little bit of commerce between me and another fellow on a summer morning at front counter.”

“That little bit of commerce between me and another fellow on a summer morning at front counter.”

Vor ungefähr einem halben Jahr bin ich zum ersten Mal auf den amerikanischen Schriftsteller Kent Haruf gestoßen – und immer noch begeistert. Haruf ist 2014 im Alter von 71 Jahren an einer schweren Krankheit in seiner Heimat Colorado gestorben. Das ist traurig, auch für seine Leserinnen und Leser. Denn Haruf hatte nur Zeit für sechs Romane.

Seinen ersten Roman „The Tie That Binds“ veröffentlichte Haruf mit 41, seinen zweitletzten „Benediction“ im Jahr 2013, wenige Monate vor seinem Tod. „Benediction“ ist 2020 auf Deutsch bei Diogenes unter dem Titel „Kostbare Tage“ erschienen. Ich habe die englische Fassung gelesen, weshalb es die Leseproben heute im Original gibt. Da ich drei seiner anderen Romane bei Diogenes auf Deutsch gelesen habe, erlaube ich mir aber das Urteil, dass die Übersetzungen gelungen sind.

Jetzt aber zu „Benediction“:

„They drove out from Denver away from the mountains, back onto the high plains: sagebrush, soapweed and blue grama and buffalo grass in the pastures, wheat and corn in the planted fields. On both sides of the highway were the gravel roads going out away under the pure blue sky, all the roads straight as the lines ruled in a book, with only a few isolated towns spread across the flat open country.“

Dieses Zitat stammt von der ersten Seite des Buchs, auf der wir den Eisenwarenhändler Dad Lewis und seine Frau Mary kennenlernen. Wenige Minuten zuvor haben die beiden in einer Klinik in Denver erfahren, dass Lewis, den alle nur Dad nennen, der Lungenkrebs nur noch wenige Monate lässt. Wenn er Glück hat, bleibt ihm noch dieser letzte Sommer in seiner Heimatstad Holt, in der er seit mehr als 50 Jahren der von allen respektierte Besitzer des Hardware Store ist.

Holt ist eine fiktive, typisch amerikanische Kleinstadt auf den nicht enden wollenden Hochebenen östlich der Rocky Mountains. Das ist hartes, trockenes Land, das seinen Bewohnern den vollen Einsatz abverlangt. Kent Haruf hat alle seine Romane in dieser Kleinstadt angesiedelt und damit einen überzeugenden literarischen Kosmos geschaffen. Hier in Holt also setzt der Autor seine Figuren den Härten, den Unwägbarkeiten, den Enttäuschungen, aber auch den Schönheiten des Lebens aus.

„Well. That’s it, he said. That’s the deal now. Isn’t it. He might be wrong. They’re wrong sometimes, she said. They can’t be so sure. I don’t want to let myself think that way. I can feel it in me that they’re right. I don’t have much time left.“

Mehr als 50 Jahre sind Dad Lewis und seine Frau Mary verheiratet, und genauso lange leben sie in dem alten, weiß geschindelten Haus am Rand der Kleinstadt, das Lewis gekauft hat, noch bevor er den Eisenwarenladen am Ort von seinem Vorgänger übernommen hat. Jetzt also bleiben dem alten, immer etwas mürrischen Mann, der es gewohnt ist, den Fakten ins Auge zu sehen, noch ein paar Wochen. An diesen letzten Wochen lässt uns Kent Haruf teilnehmen. Das ist tröstlich und schmerzhaft zugleich. Und manchmal ist es auch überraschend unterhaltsam.

Wie den Menschen, sieht man den Werkzeuge die Jahre an

Wie den Menschen sieht man den Werkzeugen die Jahre an

Die hohe Kunst des einfachen Erzählens

Wir erleben mit Lewis, seiner Frau, seiner Tochter Lorraine, die zur Pflege des todkranken Vaters nach Hause kommt, und den anderen Menschen, die nach und nach die Bühne betreten, einen intensiven Sommer. In einen ruhig dahinfließenden, mal traurigen, mal sinnlich-heiteren Erzählstrom montiert der Autor geschickt immer wieder Rückblenden aus dem Leben der beiden Protagonisten Dad und Mary.

Wir lesen, wie Lewis als junger Mann seinen Laden gekauft und aufgebaut hat, wie er seinen Sohn Frank mit seiner Härte für immer aus dem Haus getrieben hat, wie er einst einem Angestellten nicht verzeihen konnte, dass dieser regelmäßig in die Ladenkasse gegriffen hat. Das sind Momente, die einem als Leser unter die Haut gehen, und die Haruf in einer schnörkellosen, einfachen Sprache erzählt, die an Hemingway denken lässt.

Eine Kritikerin schrieb über Haruf, er sei kein eleganter Stilist. Dieses Urteil wird Haruf nicht gerecht, finden wir. Denn seine Kunst besteht gerade darin, dass er einen einfachen, klaren Stil geschaffen hat, der perfekt zu seinen Personen und der Landschaft passt, wie die Muttern zu den Schrauben, die der Besitzer des Hardware Store für die Rancher und Handwerker in Holt bereithält.

“... and once suddenly the great white shape of a Charolais”

“… and once suddenly the great white shape of a Charolais”

Und trotz aller Härte und Melancholie, mit der Haruf den langen Prozess des Sterbens beschreibt, bietet uns dieses Buch viele schöne, großartig erzählte Momente. Ja, sogar mit sinnlich-heiteren Momenten wartet der Roman auf. Zum Niederknien schön etwa erzählt Haruf von einem Picknick auf der Farm von Willa Johnson und ihrer Tochter Alene, einer pensionierten Lehrerin. An einem heißen Sommertag werden die beiden von Dad Lewis’ Tochter Lorraine, der immer hilfsbereiten Nachbarin Berta May und ihrer Enkelin Alice besucht. Die vier Frauen und das kleine Mädchen genießen diese kurze Auszeit außerhalb der Stadt. Es wird gegessen, getrunken, geredet, ein bisschen im Schatten gedöst und dann:

We ought to go swimming, Lorraine said. I wish there was a creek out here.
I used to dunk my head in the stock tank on a hot day, Alene said.
The cattle are here now, Willa said.
They wouldn’t bother us.
It’s so dirty out there.
It’s not that bad.
We don’t have any bathing suits.
Oh damn the bathing suits, Mother.
They looked at each other and laughed.
All right then. But we do need towels.

Und so steigen sie eine nach der anderen in den riesigen Wassertrog, nackt und ohne Scham. Und Haruf erzählt mit großer Zartheit und ohne Kitsch. Die Szene wirkte auf mich, wie wenn Cezanne auf den Hochebenen der Prairie gemeinsam mit Edward Hopper eine Variante seiner „Badenden“ gemalt hätte.

Worum geht es noch in diesem Roman? Es geht um Schuld und Vergebung, um Beistand und Trost, und immer auch um das Alltägliche, das unser Leben ausmacht. Reverend Lyle, der Pfarrer von Holt, der auch ein Schicksal zu meistern hat, nennt es:

The precious ordinary.

Ist es nicht das, was wir allzu häufig übersehen, das „wertvolle Gewöhnliche“ in unserem Alltag? Gut, dass es begnadete Erzähler wie Kent Haruf gibt, die in der Lage sind, diese kostbaren Momente des Alltäglichen zwischen zwei Buchdeckeln wie Perlen aneinanderzureihen.

Buchinformation

Kent Haruf, Kostbare Tage, DiogenesKent Haruf
Kostbare Tage
Diogenes Verlag, 2020
ISBN: 978-3-257-07125-2

Englische Ausgabe
Benediction
Picador, 2014
ISBN: 978-1-4472-2753-3

Nachruf auf Kent Haruf in der New York Times

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