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Im Wald – Mein Jahr im Cockshutt Wood

„Die Stille eines Waldes ist ansteckend, wie die einer Kirche.“ John Lewis-Stempel. Wald in East-Sussex

„Die Stille eines Waldes ist ansteckend, wie die einer Kirche.“ John Lewis-Stempel. Wald in East-Sussex

13. MAI: Morgenchor III

4.16 Uhr morgens. Es ist noch dunkel; jenseits des Berges racken die Dohlen.
4.19 Uhr. Nach einem gestotterten Tick-tick führt ein Rotkehlchen auf halber Höhe eines Weißdorns vollständige Melodien vor.
4.22 Uhr. Amsel und Ringeltaube begrüßen das Licht.
4.30 Uhr. Singdrossel, Fitis, Mönchsgrasmücke.
5.00 Uhr. Buchfink, Zilpzalp, Kohlmeise und Zaunkönige stimmen ein. Crescendo.

Im Durchschnitt leben auf Grasland 175 brütende Vogelpaare pro hundert Hektar, im Wald ungefähr tausend. Um fünf Uhr an einem Maimorgen versinkt man warm im Vogelgesang.

Diese Zeilen schreibt der englische Farmer und Schriftsteller John Lewis-Stempel am 13. Mai in seinem Buch „Im Wald – Mein Jahr im Cockshutt Wood“, das im Frühjahr 2020 auf Deutsch bei Dumont erschienen ist. Aus Sicht der Verlages ein perfektes Timing, wenn auch unbeabsichtigt. Denn diese Pandemie sorgt seit gut einem Jahr dafür, dass die Menschen den Wald und überhaupt die Natur wiederentdecken. Auch für uns, die wir praktisch jeden Tag mit dem Hund draußen sind, sind Spaziergänge, Läufe und Wanderungen im Wald im letzten Jahr nochmal besonders wichtig geworden.

John Lewis-Stempel ist in England ein vielfach ausgezeichneter Nature Writer, bezeichnet sich selbst aber lieber als Country Writer, weil er die Natur und das Leben mit und in ihr aus der Sicht eines Farmers beschreibt. Das ist konsequent, denn seine Vorfahren bewirtschaften seit 13 Generationen Farmen in Herefordshire an der Grenze zu Wales. Zur Bewirtschaftung seines Waldes schreibt er:

Ich bewirtschaftete Cockshutt auf die beste Art von allen: auf die alte Art, indem ich primitive Nutztiere darin herumstreifen ließ und die »Bäume auf den Stock setzte«, sie also über dem Boden absägte, damit die Stümpfe neu austreiben konnten.

Wo der Wintermond lebt

Vier Jahre lang hat Lewis-Stempel den Cockshutt Wood gepachtet und alleine bewirtschaftet, darin Schweine, Schafe und Kühe gehalten, sich um den Baumbestand gekümmert, im Wald gearbeitet. Das vorliegende Buch ist das Tagebuch seines letzten Jahres, und wir haben das Vergnügen, Lewis-Stempel zwölf Monate über die Schulter schauen zu dürfen – ohne dass uns im Dezember die Hand an die Axt friert.

Der Cockshutt Wood im Südwesten von Herefordshire, das sind anderthalb Hektar Mischwald (Laub- und Nadelbäume) mit einem versteckten Teich, in dem der Wintermond lebt.

Los geht dieses besondere Waldtagebuch im Winter, im Dezember. Wir betreten Cockshutt mit dem Autor am 1. Dezember über den in England üblichen Zaunübertritt. Es ist nachmittags, und es beginnt schon zu dunkeln, wir folgen dem Autor tiefer in den Wald, vorbei an Eschen, Ahornbäumen, gerodeten Lichtungen bis zum Herzen des Waldes, einem Teich mit einem „Kranz aus Schilf“.

Es ist grau, verkrüppelt; der ganze Tag ist grau. Ein V wandert durch das matte Wasser: die Bugwelle des Teichhuhns, das wendet und sein weißes Rücklicht warnend aufblitzen lässt.

Schon auf diesen ersten Seiten wird deutlich, dass wir es hier mit einem Autor zu tun haben, der nicht nur Hecken fachgerecht „legen“ kann, sondern auch ein exzellenter, genauer und phantasiereicher Beobachter ist. Häufig sitzt er dazu auf einem alten, weißen Plastikstuhl am Rande des Teiches, in dem der Silbermond lebt. Lewis-Stempel ist einer, der jede Anregung, die ihm der Wald liefert, seien es der entfernte Schrei eines Kauzes, ein Zweig, der ihm ins Gesicht schlägt oder ein paar Waldschnepfen im Brombeerdickicht, aufnimmt und in Literatur verwandelt.

„Sein schnelles Rattern – als wäre sein Schnabel mit einem Gummiband gespannt und losgelassen worden (...)“

„Sein schnelles Rattern – als wäre sein Schnabel mit einem Gummiband gespannt und losgelassen worden (…)“

Seine feinen Wahrnehmungen nimmt der Autor im Verlaufe dieses Jahres immer wieder zum Anlass, die Leser an seinen meist poetischen, oft auch humorvollen Assoziationen und Gedanken teilhaben zu lassen.

Waldschnepfen gehen nahtlos in ihre Umgebung über. Sie sind das Blatt, das durch den Buchenwald weht, der vermoderte Holunderstumpf am Wegrand, das Fleckchen Grau im abendlichen Schatten.

Anemone als Liebesblume

„(...) Anemonen wuchsen an den Stellen, auf die ihre Tränen fielen. Foto: Anemone nemorosa

„(…) Anemonen wuchsen an den Stellen, auf die ihre Tränen fielen.“ Foto: Anemone nemorosa

Aber nicht nur seine Formulierungskunst ist beachtlich, auch sein Wissen rund um das Thema Wald – Flora, Fauna, Geschichte, Sprachgeschichte, Lyrik – ist bemerkenswert. Und er versteht es, dieses Wissen geschickt in die Schilderungen seiner Tage im Cockshutt Wood einzuflechten.

18. MÄRZ: Ein Kleiber pfeift in den Eichen; unter ihm leuchtet das erste Buschwindröschen, weiß und strahlend.
Legenden schärmen von dieser Anemone als Liebesblume. Tödlich verwundet von einem Eber, lag Adonis im blutbefleckten Gras, wo er von Venus gefunden wurde; voll Kummer schwor sie, ihr Liebhaber solle für immer als Blume weiterleben, und Anemonen wuchsen an den Stellen, auf die ihre Tränen fielen.

Schön ist das, nicht wahr? Immer wieder überrrascht uns dieses lesenswerte Buch mit solchen Stellen. Und nach der Lektüre wird man beim nächsten Waldspaziergang genauer hinhören oder hinschauen – jede Wette.

John Lewis-Stempel: Im Wald – Mein Jahr im Cockshutt WoodBuchinformation

John Lewis-Stempel
Im Wald – Mein Jahr in Cockshutt Wood
Aus dem Englischen von Sofia Blind
DuMont Buchverlag, Köln, 2020
ISBN: 978-3-8321-8124-6

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