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»Papyrus« – von Büchern, Bibliotheken, Besessenen

Antiquariate sind gefährdete Paradiese für Büchersammler. Antiquariat Bader in Tübingen

Antiquariate sind gefährdete Paradiese für Büchersammler: Antiquariat Bader in Tübingen

Nur selten finde ich auf Bestsellerlisten Bücher, die mir wirklich gefallen. Mal abgesehen davon, dass die Bestseller-Aufkleber jede Buchliebhaberin auf die Palme bringen. Ich kann auch nichts anfangen mit Bücher-Kanons à la „Bücher, die man gelesen haben muss“.

Deshalb reagierte ich etwas verhalten, als mir meine Schwester A. »Papyrus« von Irene Vallejo auslieh mit den Worten: »Vielleicht willst du es dir ja auch selbst kaufen. Es ist ein Buch, das man bei sich zu Hause haben möchte.« Ich muss dazu sagen, dass wir gerne lesen, aber keine obsessiven Büchersammler sind. Nein, unsere Bücherregale müssen wir vielmehr regelmäßig aussortieren, um Platz für neue Anschaffungen zu machen. Ein garantierter Platz in unserem Bücherregal ist daher eine sehr hohe Auszeichnung.

Aber weil es ein Tipp meiner Schwester war, las ich natürlich doch schnell rein – und konnte das Buch kaum mehr weglegen. Ich las es sogar meistens am Tisch sitzend mit Bleistift in der Hand und einem Notizbuch an der Seite, so wertvoll erschienen mir viele Sätze.

Papyrus – die Geschichte der Welt in Büchern

Der Untertitel von »Papyrus«, das auf Deutsch 2022 im Diogenes Verlag erschienen ist, lautet »Die Geschichte der Welt in Büchern«, was ein durchaus treffender Titel ist. Es ist aber auch die Geschichte des Buches, des Geschriebenen, der Schrift, der Alphabetisierung. Wer ein Sachbuch vermutet, liegt nicht falsch, denn es geht auch um Materialien wie Stein, Ton, Schilf, Leder, Holz und Kunststoff – alles Stoffe, auf denen Nachrichten festgehalten wurden für später Geborene.

Aber »Papyrus« ist auch eine anekdotische Aneinanderreihung von Geschichten, in denen von Erfindungen, Entdeckungen und leidenschaftlichen, ja besessenen Büchersammlern erzählt wird. Und es geht darum, wie Bücher die Welt verändert haben. Das mag sich etwas verwirrend anhören. Und ich gebe zu, dass ich mich auf diesen Genre-Mix auch erst einlassen musste. Aber dann hat mich die 1979 geborene Altphilologin und Literaturwissenschaftlerin komplett in ihren Bann gezogen. Irene Vallejo springt viel hin und her, aber sie springt gekonnt! Mal erzählt sie, wie sich etwas zugetragen haben könnte, dann ist sie wieder im 21. Jahrhundert, zieht interessante Parallelen, reflektiert über ihre Recherche und über ihr eigenes Lesen und Schreiben.

Wie oft am Anfang: Griechen und Ägypter

Vallejo beginnt ihr Werk mit der regelrechten »Büchergier« der ägyptischen Könige, die den Traum hatten, »vom Versammeln ausnahmslos aller Bücher der Welt in einer Universalbibliothek«.

Wir begegnen großen Namen, auch all denen, die wir sonst Mühe haben, einzuordnen (deshalb mein Notizbuch). Und wir erfahren zahllose interessante Dinge über sie, ohne dass der Ton von Vallejo je etwas Schulmeisterhaftes bekommt. So erläutert Vallejo, weshalb Platons Werk »Der Staat« zwar die aufgeklärte Botschaft des Höhlengleichnisses enthält, aber ebenso eine düstere Antithese. Oder sie bringt uns die ambivalente Figur des großen Seneca nahe, indem sie nicht nur den Starphilosophen der Stoa, sondern auch den sehr wohlhabenden Bankier und Lebemenschen porträtiert.

Eine historische Begebenheit rund um das Buch folgt auf die andere, und alle sind sie wunderbar erzählt, geschickt miteinandener verknüpft und im umfangreichen Quellenverzeichnis belegt. Die in Saragossa geborene Erzählerin kommentiert das Erzählte und teilt mit uns ihre Assoziationen.

In einer Passage erzählt sie auch über sich als Kind, wie sie in der Schule drangsaliert und schikaniert wurde, was in einem solchen Werk ein Wagnis ist. Aber dann finden sich da solche Sätze:

Die Wurzeln des Schreibens sind vielfach dunkel. Das hier ist meine Dunkelheit. Sie nährt dieses Buch und möglicherweise alles, was ich schreibe.

Von der Schrift zum Kulturgut

Die Bodleian Library (Bodleiana) in Oxford: 176 Regelkilometer, 6,5 Millionen Bände

Die Bodleian Library in Oxford: 176 Regelkilometer, 6,5 Millionen Bände

Die vier großen zentralen Themen von »Papyrus« sind die Erfindung und die Geschichte der Schrift, die Geschichte des Buches und die der Bibliotheken und die Literatur selbst als Kulturgut. Interessant zum Beispiel wie sich mit dem veränderten Leseverhalten auch das Medium Buch anpasste, in dem es handlicher werden musste. Von der Tontafel zum E-Book ist es ein langer Weg mit vielen Zwischenschritten. Wir begegnen den höchst empfindlichen und kostbaren Schriftrollen aus Papyrus, wichtigen Texten auf Tierhäuten und immer wieder kurzsichtigen Schreibern, die die Texte  in mühsamer Arbeit mit gebeugtem Rücken vervielfältigen mussten.

Natürlich spielen auch die großen Bibliotheken eine wichtige Rolle, allen voran die legendäre Bibliothek von Alexandria, mit der Vallejo ihr Buch beginnt und über die sie enorm viel Wissen zusammengetragen hat. In Alexandria wollte Alexander der Große (356 – 326 v. Chr.), ein besessener Büchersammler, jedes Buch, das je geschrieben wurde, im Regal haben, um es mal flapsig zu formulieren. Es ging, wie wir wissen, nicht gut aus mit der Bibliothek von Alexandria: ein gewaltiger kultureller Verlust für die Menschheit. Bibliotheken waren und sind übrigens schon immer als Orte des Wissens auch gefährdete Orte, wie Vallejo zeigt. So wurde die Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina im Bosnienkrieg bei der Belagerung von Sarajewo von serbischen Granaten in Schutt und Asche geschossen: eine weitere Tragödie.

Der „Echte Papyrus“ ist eine Pflanzenart und gehört zu den Zypergräsern. Papyrus wird aber auch der Stoff genannt, der mit der Schriftkultur des Altertums verbunden ist.

Bücher einen und verbinden uns auf geheimnisvolle Weise. (Irene Vallejo)

Ein Glücksfall hingegen ist dieses Buch, das uns Leser mit so viel Wissen unterhält. Dabei gelingt es der Autorin immer wieder, aphoristische Perlen auf die Seiten zu zaubern. Es gibt Meister der ersten Sätze. Und solche der letzten Sätze. Und es gibt Schriftstellerinnen wie Irene Vallejo, bei denen man auf jeder Seite einen Satz anstreichen möchte. Eine kleine Auswahl:

Zu allen Zeiten schon wird nicht nur gegen die Zensur der Mächtigen gekämpft, sondern gegen die innere Angst.

 

Wir suchen in einem Buchstabenmeer nach einer Flaschenpost für uns.

 

Und die von Büchern genährten Flammen säten Dunkelheit.

 

Auch das, was wir von anderswo übernehmen, macht uns zu dem, was wir sind.

 

Buchhandlungen scheinen heitere Orte, weit ab vom Beben der Welt, und doch pulsieren in ihren Regalen die Kämpfe eines jeden Jahrhunderts.

Fazit: Ich werde wohl meiner Schwester ein neues Exemplar von »Papyrus« kaufen. Das ausgeliehene möchte ich behalten, denn es ist versehen mit Anstreichungen, die mir mein eignenes Lesevergnügen vor Augen führen.

CK I NK

Buchinformation

Irene Vallejo
Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern
Hardcover, Leinen, 752 Seiten
mit umfassendem Quellenverzeichnis
Diogenes Verlag, 2022
ISBN: 978-3-257-07198-6

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