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Buchenwald: „Eine harte, bittere Schule.“

Konzentrationslager Buchenwald: Essgeschirr der Lagerhäftlinge

Konzentrationslager Buchenwald: Essgeschirr der Lagerhäftlinge

Eine Jugend in Buchenwald

„Als ich Buchenwald verließ, war ich zweiundzwanzig Jahre alt. Alle meine Jugendjahre hatte ich in diesem Konzentrationslager auf dem Ettersberg verbracht. Eine harte, bittere Schule. Die anderen waren ein Stück vorangegangen. Ich blickte mich noch einmal um und schloss das Tor.“

Am 15. Oktober 1939 erreicht der junge Władysław Kożdoń mit seinem Vater Paweł mit einem Gefangenentransport die Stadt Weimar. Wenige Wochen zuvor, am 1. September 1939, hatte Nazi-Deutschland Polen überfallen, an Władysławs 17. Geburtstag. Die letzten acht Kilometer vom Hauptbahnhof Weimar hoch auf den Ettersberg, wo sich das Konzentrationslager Buchenwald befindet, müssen die Gefangenen zu Fuß mit über dem Kopf erhobenen Armen marschieren. Die Zufahrtsstraße zum Lager heißt „Blutstraße“. Häftlinge mussten sie unter Aufsicht der SS von Mitte 1938 bis zum Spätherbst 1939 ausbauen. Das Straßenschild kann man noch heute sehen, ebenso Teile der Original-Betonstraße.

Eigentlich hieß das KZ Buchenwald nach dem Berg, auf dem es stand, KZ Ettersberg, nahe der Stadt Weimar. Aber das war den Bürgerinnen und Bürgern der Schiller- und Goethestadt dann doch zu viel, und so bestanden sie auf einer Namensänderung. 280 000 Menschen aus mehr als 50 Nationen waren zwischen 1937 und 1945 in Buchenwald inhaftiert. „Etwa 56 000 Menschen kamen in Buchenwald und seinen Außenlagern ums Leben oder wurden willkürlich getötet, starben vor Hunger, durch Krankheit oder medizinische Versuche.“ (Wegweiser durch die Gedenkstätte Buchenwald)

Überlebt haben Buchenwald 21 000 Häftlinge, unter ihnen 900 Kinder und Jugendliche. Eines dieser Kinder ist Władysław Kożdoń, geboren als Sohn katholischer Polen in Chwałowice, Oberschlesien. Gemeinsam mit seinen Brüdern Franek und Jurek erlebt Władysław nach sechs Jahren Haft die Ankunft der Amerikaner am 11. April 1945. Ein paar Wochen später, im August 1945, machen sich die drei in einem Eisenbahnwagon auf die Heimreise nach Polen. Mutter und Vater wurden von der SS ermordet.

Kein Entrinnen

Erst viele Jahre später berichtet Władysław Kożdoń in seinem Buch »…ich kann dich nicht vergessen« Erinnerungen an Buchenwald von seiner Zeit auf dem Ettersberg. Das Buch haben wir diesen Sommer in der Besucherinformation von Buchenwald im Shop gekauft. Kożdońs Buch ist weder Roman noch Autobiographie, sondern ein Bericht.

Konzentrationslager Buchenwald, im Hintergrund das Lagertor mit dem Torgebäude

Konzentrationslager Buchenwald, links im Hintergrund das Lagertor mit dem Torgebäude

Der schmale Band mit gerade mal 126 Seiten ist der sachlich-nüchterne Erlebnisbericht eines jungen Mannes, der in chronologischer Folge berichtet, was er in Buchenwald zwischen 1939 und 1945 erlebt und gesehen hat. Die völlig schnörkellose Sprache steht in Kontrast zu dem, was Władysław Kożdoń schildert. Und das ist eindrücklich!

„Im Konzentrationslager angekommen, trieb man uns auf dem Appellplatz zusammen. Der Nebel hatte sich verzogen. Von dem windigen Hügel aus, auf dem wir standen, konnte man die Thüringer Ebene erspähen. Der Platz war eingezäunt, Wachtürme umzingelten uns. Von hier gab es kein Entrinnen.“

Nach und nach erfahren wir als Leser, wie das Lager organisiert war, wo welche Insassen untergebracht wurden, wer in welchen Blocks oder Abteilungen das Sagen hatte. Und wir können vergeblich versuchen, nachzuempfinden, wie es sein muss, wenn man 24 Stunden am Tag die brutale und oft tödliche Willkür der SS-Schergen fürchten musste.

„SS-Hauptscharführer Martin Sommer war Folterknecht und Henker in Buchenwald. Wenn er sich im Lager sehen ließ, bedeutete das nie etwas Gutes. Auch jetzt suchte er jemanden, den er totschlagen konnte. Doch er fand keinen Grund dafür, einen herauszugreifen. So schlug er wahllos und zerstreut auf die Stehenden ein.“

Immer wieder ist es der Zufall oder ein glücklicher Umstand, der den jungen Władysław vor dem Schlimmsten bewahrt. Und immer wundert man sich, wie ein junger Mensch zwischen 17 und 23 diesen Alptraum, diese Abgründe menschlichen Handelns aushält, woher Władysław die Kraft nimmt, sich nicht völlig aufzugeben? Es ist der schiere Überlebenswille. Neben dem Zufall und Glück haben Władysław im KZ aber auch andere Insassen geholfen: ein paar „mutige, kluge und hochherzige Deutsche“.

„Inmitten aller Leiden, die Nazi-Deutschland mir, meiner Familie und Millionen anderen zugefügt hat: Durch diese Menschen habe ich das deutsche Volk schätzen gelernt.“

Das wussten wir nicht

In der Mehrzahl waren es aber nicht die gütigen Deutschen, sondern die SS-Angehörigen oder Leute wie der Lagerarzt, der den jungen Władysław für seine Experimente missbraucht. Nicht zu vergessen, die Bürgerinnen und Bürger von Weimar, die KZ-Insassen am Bahnhof bei der Ankunft gesehen haben und die nach der Befreiung von den Amerikanern auf den Ettersberg gebracht wurden. Dort sollten sie mit eigenen Augen das Grauen sehen, das sich nur wenige Kilometer von ihrer schönen Stadt entfernt zugetragen hatte, und von dem sie hinterher behaupteten:

»Das wussten wir nicht.«

Władysław Kożdoń: »... ich kann dich nicht vergessen« Erinnerungen an BuchenwaldWładysław Kożdoń ist im August 2017 im Alter von 95 Jahren in Breslau gestorben. Er wurde bis zu seinem Tod nicht müde, nachfolgenden Generationen davon zu erzählen, was er in Buchenwald erlebt hatte. Er war auch, so haben wir rausgefunden, viele Male im Bistum Mainz, um dort vor Deutschen zu sprechen. Der Autor, so schreibt der Wallstein-Verlag im Klappentext, hat seinen Bericht auch als Teil des deutsch-polnischen Dialogs verstanden. Dass wir dieses Buch in Buchenwald exakt 30 Jahre nach Abschluss des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags entdeckt haben, war Zufall, ein bereichender. Den Besuch der Gedenkstätte Buchenwald mit der exzellent gemachten Daueraustellung „Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“ können wir empfehlen, auch wenn es belastend und anstrengend ist.

CK & NK

Buchinformation

Władysław Kożdoń
»… ich kann dich nicht vergessen« Erinnerungen an Buchenwald
Wallstein Verlag, 2007
Taschenbuch, nur noch oder evtl. in der Gedenkstätte antiquarisch erhältlich

Weitere Information

Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Information über Władysław Kożdoń in der Dauerausstellung

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1 Kommentar

  1. Hi Norbert, sehr gut geschrieben. Ich war da auch vor vielen Jahren und man kann es einfache nicht begreifen. Genau so wenig wie Dachau. Oder Natzweiler. Man muss es sich nur immer wieder „anschauen“ und bewusst machen. Das ist in Deutschland passiert und von Deutschland ausgegangen. Worte können es nicht beschreiben…

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