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Tübinger Stolpersteine und ein Wankheimer Licht

Stolpersteine in Tübingen, Ecke Holzmarkt / Neue Straße zum Gedenken an die Familie Oppenheim

Stolpersteine in Tübingen, Ecke Holzmarkt / Neue Straße zum Gedenken an die Familie Oppenheim

Wir sind im Lockdown, reisen ist zur Zeit nicht angesagt. Wie wäre es, mal die allernächste Umgebung zu erkunden und sich auf die Suche nach Stolpersteinen zu begeben. Die Tage um den 9.11. bieten sich für einen solchen Erinnerungsspaziergang an, gedenken wir doch zu dieser Zeit der Novemberpogrome unter den Nazis. In der sogenannten Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten diese Pogrome ihren Höhepunkt. Zahllose jüdische Geschäfte, Einrichtungen und Synagogen wurden geplündert und zerstört.

75000 Stolpersteine, ein Mahnmal

Der Künstler Gunter Demnig erinnert seit 1996 mit seinen Stolpersteinen an das Schicksal der Opfer, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine, die immer noch manchen ein Dorn im Auge sind, tragen auf der Oberseite Messingplatten mit den Namen der Opfer. Demnig verlegt diese Steine vor deren einstigen Wohnungen im Straßen- oder Gehwegpflaster. Mit mehr als 75.000 Steinen in über 1200 deutschen Kommunen und in 24 Staaten Europas sind die Stolpersteine laut Wikipedia das größte dezentrale Holocaust-Mahnmal der Welt. Auch in Tübingen leuchten etliche Stolpersteine aus dem Pflaster. Eine Liste mit allen Tübinger Stolpersteinen und Informationen zu den Opfern des Naziterrors gibt es hier nebst exakter Ortsangabe.

Licht im deutschen Dunkel

Der erste Stolperstein in der Tübinger Innenstadt wurde in der Stiftskirche verlegt und erinnert an den protestantischen Pfarrer und Kirchenmusiker Richard Gölz (1887 – 1975). Im Wankheimer Pfarrhaus des Ehepaars Gölz wurden untergetauchte Jüdinnnen und Juden vor ihren Verfolgern versteckt.

Der in Tübingen lebende Autor Kurt Oesterle hat eine kleine, lesenswerte Schrift über diesen mutigen Mann geschrieben: „Richard Gölz: Ein Wankheimer Licht im deutschen Dunkel“.

Es sind „Momentaufnahmen aus dem Leben eines Mannes, dem das Politiche angeblich nicht lag“. Oesterle beleuchtet darin verschiedene Episoden aus dem Leben von Gölz und lässt am Ende in einer Schlussbetrachtung den Philosophen und Totalitarismus-Forscher Tzvetan Todorov zu Wort kommen:

„Die Geschichte von Rettungsaktionen, so positiv sie sind, geben letzlich wenig Anlass zu Optimismus – zeigen sie doch, dass sich nur selten Menschen finden, die dazu imstande sind, ja sie sind so selten wie große Helden oder Heilige (wenn auch sympathischer als sie); und niemand kann im voraus sagen, wie er sich verhalten würde.“

Information zum Buch

Kurt Oesterle
Richard Gölz – Ein Wankheimer Licht im deutschen Dunkel
Theologischer Verlag Tübingen
2. neu bearbeitete und erweiterte Auflage
28 Seiten, 4 Euro
ISBN: 978 -3-929128-50-5

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