Permalink

1

Schwimmen, Freibad, Sehnsucht

„die erste geschwommene Bahn an einem Tag im Mai“. Freibad Hechingen. Foto: Norbert Kraas

„die erste geschwommene Bahn an einem Tag im Mai“. Freibad Hechingen. Foto: Norbert Kraas

Wasserzeiten

„Oder – die erste geschwommene Bahn an einem Tag im Mai, wenn das Freibad nach der Winterpause gerade wieder geöffnet hat. Der Sommer steht noch bevor.“

Wie jetzt? Sommer? Freibad? Dabei hat der Winter noch nicht mal richtig begonnen, und ein Tag scheint trüber als der andere. Und trotzdem: heute geht’s hier um Freibäder, ums Schwimmen und um das kleine, manchmal auch das große Glück im Wasser.

Im Frühjahr, kurz vor Beginn der Freibad-Saison hat mir Teresa Welte von der gleichnamigen Buchhandlung am Hechinger Marktplatz ein schmales Buch mit dem Titel „Wasserzeiten“ empfohlen. Und weil diese Buchhändlerin nicht nur einen sehr guten Cappuccino macht, sondern auch eine leidenschaftliche und ausdauernde Freibad-Schwimmerin ist, habe ich das Buch gleich mitgenommen.

Corinna und ich haben es beide mit Begeisterung gelesen, und man kann es immer wieder mal aufschlagen und reinlesen. Gerade an diesen tristen Tagen, wenn einem die regenschweren Dezemberwolken auf den Kopf fallen, und man sich wundert, warum man eigentlich noch keine Schwimmhäute zwischen den Zehen hat.

Die Hamburger Autorin Kristine Bilkau widmet sich in ihrem Essayband „Wasserzeiten“ dem Thema Schwimmen in 12 teils sehr persönlichen und anregenden Texten. Dabei geht es Bilkau nicht um die perfekte Technik oder darum, bessere Zeiten zu schwimmen. Sie geht dem Gefühl nach, das bei uns auslöst wird, wenn wir schwimmen.

„Schwimmen, der Körper, die Gedanken, der Ort. Was hat es damit auf sich? Woraus genau setzt sich dieses großartige, erhebende, erfüllende Erlebnis zusammen?“

Die schwimmbegeisterte Autorin nimmt uns mit ins Wasser, lässt uns an ihren ersten Schwimmerinnerungen mit ihrem Vater teilhaben, zitiert Gedichte und verweist auf Kurzgeschichten, die sich mit dem Schwimmen auseinandersetzen; und sie reist mit uns zu ganz besonderen Orten, an denen Menschen schwimmen.

Sehnsuchtsorte

Einer diese Sehnsuchtsorte sind die Hampstead Heath Ponds in London. Das sind natürliche Teiche, in denen Männer und Frauen schwimmen, getrennt versteht sich: es gibt den Highgate Men’s Bathing Pond und den Kenwood Ladies’ Bathing Pond. Bilkau schreibt, dass sie bei ihren Recherchen über diese Teiche auf etliche Filme und Erzählungen gestoßen ist, die immer wieder das „Miteinander“ betonen.

„Menschen, die diesen Glücksmoment teilen, einfach dort zu sein, durch das weiche, trübe Wasser zu gleiten, über sich die mal sommerlich grünen, mal winterlich kahlen Bäume …“

Sehnsuchtsort Freibad: Kurzurlaub in nächster Nähe. Freibad Hechingen. Foto: Norbert Kraas

Sehnsuchtsort Freibad: Kurzurlaub in nächster Nähe. Freibad Hechingen. Foto: Norbert Kraas

An schönen Tagen, wenn man beim Schwimmen das Gefühl hat, das Wasser ist freundlich und lässt einen einigermaßen gut gleiten, dann kann man solche Glücksmomente nicht nur in London, sondern auch im schönen Hechinger Freibad am Fuß der Schwäbischen Alb erleben. Und es ist gut möglich, dass man dann Menschen am Beckenrand trifft, die grade dieselben Glücksmomente genießen: man sieht es ihnen an. Ein schönes Gefühl ist das, kurz und kostbar.

Gemeinschaft und Unterstützung: Swimming Through

Um das Gefühl der Gemeinschaft und der gegenseitigen Unterstützung geht es auch in dem sehenswerten Dokumentarfilm „Swimming Through“, den die US-amerikanische Filmemacherin Samantha Sanders (Green River Films) für das Magazin The New Yorker gedreht hat. Sanders begleitet darin drei Frauen beim Freiwasserschwimmen im Lake Michigan in Chicago. Für Jennifer Hoffmann, Deirdre Hamill-Squiers und Helen Wagner wird das tägliche Schwimmen bei jedem Wettter (!), zu einem lebenswichtigen Ritual während der Isolation der Corona-Pandemie. „Swimming Through“ ist ein bewegendes, exzellent gefilmtes Meisterwerk. Der Film dauert 15 Minuten und kann mit deutschen Untertiteln (Einstellungen) abgespielt werden. Es lohnt sich!

Wasserglück

„Im Element Wasser entsteht diese ideale Verbindung, die sich oft im Tempo des Alltags nicht so leicht einstellt. Ganz und gar verbunden zu sein, mit dem Ort und dem Moment.“

So schreibt Kristine Bilkau am Ende von „Wasserzeiten“. Ein schmales Buch, das lesenden Schwimmerinnen und Schwimmern die Wartezeit bis zum Beginn der Freibadsaison etwas erträglicher machen kann.

NK | CK

PS: Zu Weihnachten wünschen wir uns, dass alle Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden die zentrale Bedeutung der öffentlichen Schwimmbäder für ein Gemeinwesen erkennen und entsprechend handeln. Und natürlich bedanken wir uns bei allen Rettungsschwimmer*innen und und Badermeister*innen für ihren Einsatz!

Buchinformation

Kristine Bilkau
Wasserzeiten. Über das Schwimmen
Arche Literatur Verlag, 2023
ISBN: 978-3-7160-2819-3

#SupportYourLocalBookstore

Schöne Postkarte Nr. 130 · Winterbad der Schwäne · © Schöne Postkarten, Tübingen

Winterbad der Schwäne am Tübinger Stauwehr · © Schöne Postkarten Nr. 130

Print Friendly, PDF & Email

1 Kommentar

  1. Was für ein Geschenk: Dieser Film mit den furchtlosen Schwimmerinnen. Ich habe mir erlaubt, den Link für den Film einigen meiner Freundinnen zu schicken und habe schon begeisterte Rückmeldungen bekommen.
    Vielen Dank!!
    Und bei dieser Gelegenheit:
    Frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr – und immer wieder gute Ideen für den wöchentlichen Newsletter.
    Beste Grüße
    Inge Simon