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Klimaschutz? Geschenkt!

In unserem Wohngebiet sieht man diese Worte „zu verschenken“ – meist handgeschrieben auf einem Karton – recht oft auf dem Bürgersteig. Daneben liegen allerlei Gegenstände: Spielsachen, Haushaltsgegenstände, CD’s, alte Drucker, auch mal ein Möbelstück und vor allem: Bücher.

Ausmisten befreit – in jeder Hinsicht

Als Flohmarktliebhaberin werde ich von diesen Schildern magisch angezogen: unverhoffte Schätze sind die besten! Aber ich kenne selbst auch die befreiende Wirkung, wenn ich Dinge, die nicht mehr gebraucht oder geschätzt werden, auf die Straße stelle. Bei ein paar zu groß gewordenen Wohnzimmer-Pflanzen hatte ich anfangs ein schlechtes Gewissen. Aber auch die gingen weg, wie fast alles andere auch. Birgit Medele hat in ihrem empfehlenswerten Buch Leben statt Kleben (edition Lichtland 2012) viel Intelligentes und Praktisches über den Prozess des Loslassens geschrieben:

„… die bloße Anwesenheit unnötiger Gegenstände erschöpft. Sie machen uns nervös, weil wir ihren endlosen Bedürfnissen nie zu genügen scheinen.“

Als „Clutter“ (engl: Durcheinander, Wirrwarr) bezeichnet Medele dabei alles, „was wir nie benutzen und nicht wirklich mögen.“ Das können Notizen auf einem Papier sein, Erinnerungsstücke, alte Gewohnheiten und vor allem Gegenstände – erworbene, geschenkte oder geerbte. Der Ratgeber liest sich deshalb so interessant, weil Medele sich nicht darauf beschränkt, praktische Tipps zum Ausmisten zu geben. Vielmehr deckt sie in einem sehr unterhaltsamen, verständlichen Ton auf, welche psychologischen und philosophischen Konzepte hinter den verschiedenen Aufbewahrungsargumenten stehen. Nicht selten drückt sich nämlich im Aufbewahren eine Lebenshaltung aus. Wer schon mal einen Haushalt aufgelöst hat, weiß aus Erfahrung, dass man beim Aufräumen und Sich-Trennen von Dingen Wesentliches wie „Loslassen, Verantwortung, Vergänglichkeit, Wachstum, Neubeginn“ durchlebt.

Ein Traumsommer? Oder doch eher ein Alptraumsommer?

Ein Traumsommer? Oder doch eher ein Alptraumsommer?

Klimaschutz? Geschenkt!

Neulich machten mein Mann und ich allerdings einen traurigen Fund. Neben einer Holztruhe (Schatz!), die jemand loshaben wollte, lagen auch noch ein paar Bücher in einem Karton. Eins davon fiel mir gleich ins Auge, weil es noch in der Originalverpackung vom Verlag eingeschweißt war: „Der Klima-Knigge“ von Rainer Grießhammer. Das Buch ist vor gut 11 Jahren im Jahr 2007 (Booklett Verlag) erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich. Mit Sicherheit gibt es neuere und gute Ratgeber dazu, wie man Energie sparen, Kosten senken und dabei nebenbei auch noch das Klima schützen kann, keine Frage. Aber ich wollte diesem 11 Jahre lang nicht mal ausgepackten Buch seine Würde zurückgeben und habe es deshalb mitgenommen und gelesen. Abgesehen von ein paar Zahlenwerten, die eben den Stand von vor 11 Jahren wiedergeben, ist es nicht nur hochaktuell, sondern auf deprimierende Weise glaubwürdig, denn vieles hat sich seitdem bewahrheitet.

„Sommerzeit ist Waldbrandzeit“

So formulierte es einer der Meteorologen im ZDF vor kurzem lapidar: als ob Waldbrände das Normalste der Welt im Sommer wären. Unangemessen empfinden wir schon lange, dass uns dieser seit April währende Sommer im Fernsehen immer als „schönes“ Wetter verkauft wird, als würde die ganze Bevölkerung tagein, tagaus nur irgendwelchen Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Erst seit zwei Wochen etwa wird immerhin auf die Probleme der Landwirtschaft aufmerksam gemacht, allerdings kommt meist der Zusatz, man müsse sich in Zukunft an die geänderten Wetterverhältnisse wohl gewöhnen, und die Landwirte sollten sich an den Klimawandel anpassen. Das war’s schon – kein Nachdenken, nicht mal ein Innehalten. Nur ein paar wenige Male wurde der Zusammenhang mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel hergestellt.

Klimawandel, Dürre, Waldbrände. Kein Zusammenhang!?

Klimawandel, Dürre, Waldbrände. Kein Zusammenhang!?

Und bevor wir jetzt alle mit der Moralkeule auf die konventionell arbeitenden Landwirte einschlagen, könnten wir mal einen Moment drüber nachdenken, ob wir den Landwirten ihren Produktionsdruck nicht nehmen könnten, indem wir bereit wären, endlich mehr Geld für gute Lebensmittel zu bezahlen? In keiner vergleichbaren Industrienation sind die Lebensmittelpreise nämlich so niedrig wie in Deutschland (Wirtschaftswoche, Mai 2016). Und viele hätten’s gerne noch billiger, aber bitte trotzdem Bio und Fairtrade. Mahlzeit!

Who makes this planet great again?

Aber was der einzelne in unserer konsumorientierten Gesellschaft tun oder unterlassen könnte, um diesem immer konkreter werdenden Horrorszenario von Klimakatastrophe auf diesem Planeten Einhalt zu gebieten, wird nicht gesagt. Es verhält sich leider noch immer so, wie es Rainer Grießhammer in seinem „Klima-Knigge“ vor 11 Jahren bereits feststellte: Klimaschutz spielt einfach keine Rolle. Und weil man Angst hat, Zuschauer mit Sendungen, die ein schlechtes Gewissen vermitteln könnten, zu vergraulen (und sich das natürlich auf die Einschaltquote und die damit verbundenen Werbeeinnahmen niederschlagen könnte), unterlassen dies auch die öffentlich-rechtlichen Sender weitestgehend.

Vor solchen – unangenehmen – Denkanstößen fürchtet sich Grießhammer nicht. Hier ein Beispiel:

„Wenn Sie bei der Flugreise nach San Francisco im Duty Free Shop auf die Plastiktüte verzichten, dann ist das noch nicht einmal der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein: Denn der Treibhauseffekt für Ihren Flug von Frankfurt nach San Francisco und zurück ist mit 7,1 Tonnen CO2-Äquivalenten etwa so groß wie der von 500 000 Plastiktüten.“

„Wer wir waren“

„Wer wir waren“ lautet der Titel eines 2016 posthum im Fischer-Verlag erschienenen Fragments des viel zu früh verstorbenen Autors Roger Willemsen. Willemsen wollte aus der Zukunft unsere gegenwärtige Gesellschaft betrachten. Zu diesem Buch ist Willemsen leider nicht mehr gekommen, aber ein paar überaus bedeutsame Gedanken sind eben in diesem Fragment zu lesen. Wir haben es hier im Blog bereits einmal erwähnt, aber man kann und sollte es jedes Jahr wenigstens einmal wieder lesen. Heute beschränken wir uns auf folgendes Zitat:

„Wir waren jene , die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Buchinformationen

Rainer Grießhammer
Der Klima-Knigge: Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen
Booklett. Brodersen & Company GmbH, Berlin, 2007
ISBN: 3940153028
nur noch antiquarisch erhältlich

Roger Willemsen
Wer wir waren: Zukunftsrede
Hg. Insa Wilke
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2016
ISBN: 978-3-10-397285-6

Birgit Medele
Leben statt kleben!
Lichtland Verlag, Freyung, 2012
ISBN: 978-3-942509-05-3
nur noch als E-Book oder antiquarisch erhältlich

C.K. / N.K.

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