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Anpassen, auswandern, aussterben: Klimawandel trifft alle

Auch viele Stare kehren früher wieder aus ihren Winterquartieren zu uns zurück

Auch viele Stare kommen mittlerweile früher aus ihren Winterquartieren zu uns zurück

„Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen“

„In Sachen Klimawandel ist die Kluft zwischen unserem Wissen und unserer Bereitschaft und Fähigkeit zu handeln eklatant“

Das geht nicht nur uns Normalbürgern so, die wir uns gerne mal fragen, ob es überhaupt was bringt, wenn wir als einzelne Verbraucher weniger Fleisch essen oder das Auto öfter stehen lassen? Auch Wissenschaftler wie der amerikanische Naturschutzbiologe und Wissenschaftsautor Thor Hanson, kennen die Widersprüchlichkeit des eigenen Handeln in Bezug auf den Klimaschutz.

Hanson bekennt dies freimütig gleich zu Beginn seines Buches „Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen“. Darin zeigt uns der Biologe, dass die Auswirkungen des Klimawandels buchstäblich überall mess- und sichtbar sind. Der Klimawandel hat längst Einfluss auf das Leben unzähliger Tiere und Pflanzen genommen und tut dies weiter, mit großer Geschwindigkeit und teils dramatischen Folgen. Höchste Zeit also, dass auch wir unser Verhalten anpassen.

“Migrate, adapt or die“ sind die drei Optionen, die Pflanzen und Tiere, ob im Wasser oder an Land, haben, wenn es darum geht, sich den Folgen des Klimawandels zu stellen. Aus allen drei Reaktionsmöglichkeiten – Migration, Adaption, Aussterben – präsentiert uns der Autor beeindruckende Beispiele, die er entweder selbst beobachtet hat, oder die ihm Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den verschiedenen Bereichen schildern.

„Wir erleben gerade die größte Artenwanderung seit der letzten Eiszeit.“

Sagt zum Beispiel Gretta Pecl, eine australische Wissenschaftlerin, die Hanson vom Lebenszyklus und den Veränderungen von Tintenfischen, Oktopussen und Sepien berichtet. Bereits dreißigtausend klimabedingte Verschiebungen von Verbreitungsgebieten sind erforscht. Das ist aber, so die Australierin nur die Spitze des Eisbergs. Pecl und andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass nach vorsichtiger Schätzung bereits ein Viertel allen Lebens auf der Erde auf dem Weg der Migration ist. Das kann nicht ohne Folgen bleiben.

„Vom Ackerbau über die Forstwirtschaft bis zur Fischerei, überall werden durch den Wegfall einheimischer oder das Hinzukommen neuer Arten alte Traditionen über den Haufen geworfen, und die Menschen wüssten gerne wie es weitergeht.“

Bären und ihre Liebe zu Beeren

Als ein Beispiel für die Anpassung des Verhaltens einer Art führt Hanson das Fressverhalten von Grizzlybären auf der Kodiakinsel in Alaska auf. Diese Braunbären sind bekanntermaßen Allesfresser, und sie lieben Lachs, von dem sie häufig nur die nahrhaften Bauchteile fressen, während sie den Rest zur Weiterverwertung durch andere Tiere und Pflanzen liegen lassen.

Ein schlagartig verändertes Fressverhalten stellte die Forscher jedoch eines Tages vor ein Rätsel. Die Bären ließen die Lachse links liegen und verschwanden bergaufwärts im Wald. Warum? Die veränderten klimatischen Bedingungen hatten die Holunderbeeren früher zum Reifen gebracht, und Holunderbeeren sind, so die Forscher, den Bären noch lieber als frische Lachse, auch weil diese Beeren exakt die richtige Menge an Proteinen liefern, die die Bären brauchen um optimal Fett für den Winter anzusetzen. Forscher sprechen bei diesem Verhalten von Plastizität, Anpassung von Organismen an neue Umweltgegebenheiten. Diese Anpassung wiederum bringt eine ganze Kaskade von Konsequenzen für das restliche Ökosystem auf den Kodikas mit sich, denn die sonst üblichen Reste der Lachse fehlen den anderen tierischen und pflanzlichen Verwertern.

Laubbläser in der Forschung

Wie schnell sich veränderte Klimabedingungen auf die körperlichen Eigenschaften von Lebewesen auswirken können, schildert der begeisternde Autor am Beispiel von Anolis sriptus. Das ist eine Eidechsenart, die auf den Turks- und Caicoinseln in der Karibik vorkommt, und mit der hat sich der Forscher Colin Donihue im Jahr 2017 beschäftigt, und zwar kurz nachdem dort zwei gewaltige Hurrikane gewütet hatten. Donihue wollte herausfinden, wie die kleinen Eidechsen die Stürme überlebt hatten, die mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 280 km/h über die Inseln gefegt waren.

Was der Forscher rausfand, war außergewöhnlich: Die Eidechsen, die überlebt hatten, besaßen größere Haftpolster an den Zehen und hatten längere Vorder- aber kürzere Hinterbeine. Aber warum konnten gerade diese Eidechsen die gewaltigen Stürme überleben? Um diese Frage zu klären, musste ein Laubbläser in die Karibik geschafft werden. Damit simulierten die Forscher für die kleinen Eidechsen einen Wirbelsturm. Und siehe da: Eidechsen mit größeren Haftpolstern und längeren Vorderbeinen konnten sich deutlich länger als ihre Artgenossen an einer Stange im künstlichen Sturm halten.

In nachfolgenden Feldforschungen stellte das Team fest, dass in Regionen mit vielen Hurrikanen signifikant mehr Eidechsen mit veränderten körperlichen Merkmalen vorkommen. Extremwetter, verursacht durch den Klimawandel, so die Forscher, wirkt sich in diesem Fall schnell und unmittelbar auf die natürliche Adaption und Selektion aus. Evolution im Zeitraffer gewissermaßen.

Hier der Film zum Laubbläserexperiment, bei dem keine Tiere verletzt wurden:

Von Eidechsen lernen

„Wir haben gesehen, wie in der Natur die Reaktionen von Einzelorganismen über das Schicksal ganzer Populationen, Arten und Ökösysteme entscheiden können. Das trifft auch auf die menschliche Gesellschaft zu.“

Vor allem der letzte Satz sollte uns hellhörig machen. Kommt darin doch zum Ausdruck, dass auch menschliche Migrationsbewegungen aufgrund von Dürren, Flutkatastrophen oder auch Kriegen erwartbar sind, schließlich sind wir auch nur eine Art unter vielen. Schon jetzt prophezeien Wissenschaftler bewaffnete Auseinandersetzungen um die Ressource Trinkwasser.

Trotz der interessanten, teils kuriosen Beispiele von Adaptionen in der Natur an den Klimawandel ist es Hanson ernst, wenn er uns auffordert, von den Tieren und den Pflanzen zu lernen, wenn es darum geht, mit dem Klimawandel umzugehen. Zum Beispiel, in dem wir unsere eigene Lebensweise anpassen, um dem Klima möglichst wenig zu schaden.

„Wenn Eidechsen in nur einer Generation stärkere Haftpolster an ihren Füßen entwickeln können, dann sollten wir uns doch auch durchringen können, auf unnötige Flugreisen zu verzichten oder das Licht auszuschalten, wenn wir einen Raum verlassen.“

Thor Hanson: Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen. Faszinierende Antworten der Natur auf die KlimakriseDoch Hanson ist kein simpler Mahner mit moralischem Zeigefinger, der Mann ist ein begeisterter, neugieriger Wissenschaftler, der auf unsere menschliche Vernunft und unseren einzigartigen Verstand setzt. Beides zusammen, so seine Hoffnung, sollte es uns ermöglichen, dass wir als Weltgemeinschaft, aber auch als Individuen unsere Lebensweise so adaptieren, dass es uns gelingt, die weitere Erderwärmung abzubremsen und irgendwann aufzuhalten.

„Es wird eine nervenaufreibende und faszinierende Reise – für uns und alle anderen Spezies auf der Welt. Ich hoffe sehr, dass wir es schaffen.“

Fazit: Ein lesenswertes, anregendes Buch eines Wissenschaftlers, der über die Gabe verfügt, kurzweilig schreiben können.

NK | CK

Buchinformation

Thor Hanson
Von schrumpfenden Tintenfischen und windfesten Eidechsen. Faszinierende Antworten der Natur auf die Klimakrise
Aus dem Englischen von Andrea Kunstmann
Kösel-Verlag, München, 2022
ISBN: 978-3-466-37289-8

Homepage von Thor Hanson

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