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Zur Einheit in die „stumpfe Ecke“

1976 waren 47 Prozent aller PKW auf den Straßen Ostdeutschlands Trabant. Gebaut wurde das Auto bis 1991.

1976 waren 47 Prozent aller PKW auf den Straßen Ostdeutschlands Trabants, auch Trabbis genannt. Gebaut wurde das Auto bis 1991.

„Kohlen-Kalle, Willy, Conny, Kurt und der Heizer vom Kino UT verbringen die ersten Stunden des Tages in der alten Oberschöneweider Kneipe »Stumpfe Ecke« – Und manchmal bleiben sie auch länger.“

Mit diesem Vorspann lädt der preisgekrönte Reporter Alexander Osang seine Leser zu einer Reise durch den ostdeutschen Alltag nach 1989 ein. Osang, 1962 in Ost-Berlin geboren, hat in Leipzig in Journalistik studiert und nach der Wende zunächst für die Berliner Zeitung gearbeitet. Drei Mal erhielt er den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis für seine Reportagen. Später erschienen seine Berichte unter anderem im Spiegel. In Osangs Buch „Die stumpfe Ecke: Alltag in Deutschland – 25 Porträts und ein Interview“ geben uns 25 Reportagen, die zwischen Dezember 1992 und Dezember 1993 erstmals veröffentlicht wurden, tiefe Einblicke in das Leben der Menschen Ostdeutschlands kurz nach der Wiedereinigung.

Ausgangspunkt ist, wie gesagt, die Kneipe Stumpfe Ecke. Osang schreibt hier über eine legendäre Institution im ehemaligen Berliner Industriebezirk Oberschöneweide, wo die AEG 1890 ihr erstes Werk eröffnete. Nach 1945 war Oberschöneweide der wichtigste Industriestandort Ost-Berlins mit den Kabelwerken Oberspree KWO, dem Transformatorenwerk Oberspree TRO und dem Werk für Fernsehelektronik WF. In der Wilheminenhofstraße war die Kneipe Stumpfe Ecke die erste Anlaufstation für die Arbeiter nach ihren Schichten. Getrunken wurde hier schon in aller Herrgottsfrühe, nach der Nachtschicht. Das ist alles passé:

Um sechs duscht die Nachtschicht des Kabelwerks, um sechs leiert Jörg Wietrychowski die grauen Rollos seiner Kneipe hoch. Früher, als im KWO noch fast sechstausend Leute gearbeitet haben, drängte sich um diese Zeit schon eine geduschte Menschentraube vor der Tür. Heute steht da niemand anders als die dunkle Nacht. Viertel sieben kommen die ersten. Drei Hände voll abgekämpfter Nachtschichtler und zwei, drei Leute, die nicht mehr schlafen können.

Zuhören, reden lassen

Neun Seiten umfasst die erste Reportage dieses lesenswerten Buches, und auf diesen neun Seiten habe ich ständig das Gefühl gehabt, am Tresen dieser Kneipe zu stehen, vor mir ein kaltes Bier, neben mir Menschen, für die Helmut Kohls Schlagwort von den blühenden Landschaften wie blanker Hohn in den Ohren geklungen haben muss. Diesen Menschen widmet Osang seine Zeit, er hört ihnen genau zu, lässt sie reden und gibt ihnen die Chance, für ein Mal ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Wie Osang das macht, ist große Klasse und hat mich, als ich das Buch vor ein paar Jahren zum ersten Mal gelesen habe, begeistert und bedrückt zugleich. message, die Internationale Fachzeitschrift für Journalismus hat über Osangs Buch geschrieben:

Die Texte zeigen bedrückende, mit stiller Sympathie und Sensibilität aufgenommene Lebensbilder. Osang besticht durch seine journalistische Kultur der Genauigkeit, er erweist sich als exzellenter Beobachter und verantwortungsbewusster Treuhänder der menschlichen Würde der von ihm Porträtierten. Osang wechselt zwischen Nähe und Distanz und versucht, was er an Kisch so bewundert: Im Einzelnen das Wesentliche zu erkennen. Das gelingt ihm.

Dem kann ich nichts hinzufügen, außer den Rat, dieses Buch gerade jetzt zu lesen, wo wir 30 Jahre Deutsche Einheit feiern. Diese Lektüre ist aus meiner Sicht lohnender als jede Talkshow zu diesem Thema, von denen es jetzt wahrscheinlich wieder etliche mit den immer gleichen Gästen geben wird. Die Leute aus der Stumpfen Ecke treten dort leider nicht auf.

Lesenswert fand ich übrigens auch das Interview am Ende des Buchs, das der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge mit Alexander Osang über dessen Arbeit geführt hat. Da gibt der Reporter unter anderem Einblick in seine Arbeitsweise und seine Vorbilder aus der Literatur.

NK | CK

Buchinformation

Alexander Osang
Die stumpfe Ecke. Alltag in Deutschland – 25 Porträts und ein Interview
3. erweiterte Auflage, März 2002, 208 Seiten
Christoph Links Verlag
ISBN: 978-3-86153-259-0
nur noch antiquarisch oder als E-Book beim Verlag erhältlich  

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