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Postkarte als kulturhistorisches Dokument

Postkarte von 1974: Paignton Harbour, Devon, England

Postkarte von 1974: Paignton Harbour, Devon, England

Postkarte aus England

Liebe Oma,

wie geht’s Dir? Mir geht es sauschlecht, das englische Essen bekommt mir nicht mehr. Wenn ich am Samstag, 10.8. wieder in Hechingen bin, brauche erst einmal wieder Hörnle und Apfelmus. Auch gibt’s hier nur Weißbrot.

Viele Grüße

Dein Norbert

Als ich diese Postkarte von einem Sprachaufenthalt in Devon im Südwesten Englands an meine Oma schrieb, war Deutschland gerade Fußballweltmeister geworden, Richard Nixon stand dank Watergate kurz vor dem Rücktritt, und ich war in meine Mitschülerin K. verliebt, die ebenfalls in Devon ihre Englischkenntnisse verbessern wollte. Und: das englische Essen war für einen 13-jährigen aus dem Hohenzollerischen eine Herausforderung. Gut, dass die Oma gleich eine Pfanne Hörnle mit Apfelmus auf dem Tisch hatte, als ich heimkam.

Fast fünfzig Jahre ist das jetzt her, und die Postkarte wirkt, als wäre sie eben erst angekommen. Erstaunlich, nicht wahr? Ob man im Jahr 2072 noch auf irgendwelche WhatsApp-Nachrichten wird zugreifen können? Wohl kaum! Und eine WhatsApp an der Kühlschranktür? Geht auch nicht. Die Postkarte ist der Alleskönner, ein soziales Medium ohne Mindesthaltbarkeitsdatum. Es gibt sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und sie lebt munter weiter.

Postkarten aus Rottenburg

Dass die Postkarte auch ein kulturhistorisches Dokument ist, kann man derzeit in einer Ausstellung in der Zehntscheuer in Rottenburg am Neckar sehen. „Post aus Rottenburg“ heißt die Schau, die aus dem Stadtarchiv Rottenburg und der privaten Sammlung Eitelmann bestückt wurde. Die Exponate zeigen Rottenburg, das im Krieg nur relativ geringe Schäden davongetragen hat, in vielen Facetten. Die Austellung ist von Mittwoch bis Samstag jeweils von 15 bis 18 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Alle Infos findet man auf der Website der Zehntscheuer.

Postkarten aus Tübingen

Die Postkarte gehört übrigens zu den Nutznießern der Corona-Pandemie. Während weniger Briefe per Post befördert wurden, haben deutlich mehr Menschen mal wieder eine Postkarte geschrieben. Ob man Schöne Postkarten in 100 Jahren auch einmal in einer Ausstellung sehen wird. Warum nicht!

NK | CK

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