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„Das geheime Frankreich“ – unser unbekannter Nachbar

In aller Frühe märchenhaft schön, der Gardon, der aus den Cevennen kommt und in die Rhone mündet

In aller Frühe märchenhaft schön, der Gardon, der aus den Cevennen kommt und in die Rhone mündet

Vor ein paar Jahren haben wir mit der Familie in der Nähe des Pont du Gard in Frankreich Urlaub gemacht. Unsere kleine Ferienwohnung befand sich in Collias am Gardon, der, wenn er ausreichend Wasser führt, aus der 1000-Seelen-Gemeinde ein Mekka des Kanu-Sports macht. Ansonsten ist nicht allzu viel los in dem kleinen Ort, 40 Kilometer westlich von Avignon: ein Café, ein Laden, eine Boulangerie, ein Winzer, ein Kanu-Verleih und ein kleines Resto am Fluss. Alles in allem einer dieser lässig charmanten, in der Nebensaison leicht verschlafenen Orte im Süden Frankreichs, in denen es sich trefflich urlauben lässt. Wir haben uns wohl gefühlt dort, aber dieses Wohlgefühl wurde eines Abends in ungeahnte Höhen katapultiert. Das kam so:

Unscheinbarer Hinweis, große Küche: in Frankreich kein Widerspruch

Unscheinbarer Hinweis, große Küche: in Frankreich kein Widerspruch

Kulinarisches Hochamt im Bistro

Irgendwann beim morgendlichen Croissants-Holen fragte mich die Bäckerin, ob wir denn schon mal in dem Bistro in der Nähe des Kanuverleihs zum Essen gewesen wären. Ich verneinte höflich und dachte gleich an die kulinarischen Abgründe, die sich in Deutschland bisweilen an solchen Standorten auftun. Das sollten wir aber unbedingt tun, insistierte die freundliche Dame. Nun, wer wäre ich schwäbisches Kleinstadtei, einer charmanten Französin zu widersprechen?

So kehrten wir also dort ein, und was soll ich sagen? Wir genossen ein kleines kulinarisches Hochamt mit Blick auf den malerischen Gardon. Der Wirt, ein Elsässer, servierte uns eine Foie Gras, die uns trotz schlechten Gewissens zum Dahinschmelzen brachte. Dazu gab es einen köstlichen Gewürztraminer aus dem Elsaß von einer Weinkarte, die Restaurants in Großstädten zur Ehre gereicht hätte.

Leben, um zu essen

„Das Essen spielt in Frankreich die Rolle einer Religion – samt allen möglichen Orden, Sekten und Fanatikern.“

Das schreibt der Journalist und Buchautor Nils Minkmar in seinem Buch „Das geheime Frankreich: Geschichten aus einem freien Land“, das 2017 bei S. Fischer erschienen ist. Der Satz steht zu Beginn des dritten Kapitels, in dem sich der Autor mit der Rolle des Essens bei unseren Nachbarn beschäftigt. Dessen Stellenwert ist, wir ahnen es, westlich des Rheins ein anderer, quer durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch.

„Irgendwohin essen gehen zu können, dort wirklich willkommen zu sein – das ist in Frankreich nun mal konstitutiver Bestandteil der Menschenwürde.“

Minkmar (Jahrgang 1966, Mutter Französin, Vater Deutscher) legt mit seinem Buch keinen Reiseführer mit Geheimtipps vor. Statt dessen nimmt er uns mit auf eine lehrreiche und unterhaltsame Reise durch ein Frankreich hinter der Fassade. Dabei schaut der erfolgreiche Journalist (u.a. FAZ, SPIEGEL, jetzt Süddeutsche) und promovierte Historiker auf ein Land, das wir Deutschen eigentlich viel besser kennen sollten.

Frankreich: Verbündeter und Handelspartner

Nicht nur, weil Frankreich einer unserer wichtigsten politischen Verbündeten ist, auch wenn das viele deutsche Politiker:innen heute nicht mehr so sehen. Deutschland ist für Frankreich auch der wichtigste Handelspartner weltweit, so die deutsch-französische Industrie- und Handelskammer. Und „Frankreich ist Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner in Europa und weltweit Nummer vier nach China, den Niederlanden und den USA.“ Neben dem Handel verbindet unsere beiden Länder auch eine lange, oft schmerzhafte Geschichte. So fiel der Großvater meiner französischen Schwiegermutter in der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg, während der Großvater meiner Mutter auf der deutschen Seite gegen den sogenannten Erbfeind kämpfte und traumatisiert aus dem Krieg zurückkam.

Wie ticken die Franzosen?

Wer sich also jetzt während der Ferienzeit näher mit unseren Nachbarn beschäftigen möchte, vielleicht sogar als Vorbereitung auf einen Frankreich-Urlaub, dem sei „Das geheime Frankreich“ empfohlen. Das Buch macht nicht nur Lust auf gutes Essen, sondern erklärt auch manche auf uns befremdlich wirkende Eigenheit der Franzosen. Abgesehen davon, dass die Lektüre selbst ein stilistischer Genuss ist. Und Nils Minkmar lässt keinen Zweifel daran, wie wichtig ihm, der beide Pässe besitzt, das deutsch-französische Verhältnis ist.

„Erst zusammen mit Frankreich wird Deutschland eine wahrnehmbare Größe, in Europa und in der Welt. Nur diese beiden Länder zusammen ergeben eine interessante Einheit, erzählen in ihrer singulären historischen Partnerschaft eine weltweit inspirierende Geschichte.“

Wie enttäuschend muss es für ihn gewesen sein, dass Angela Merkel nach ihrer anfänglichen Sympathiebekundungen für Emmanuel Macron dem jungen Präsidenten ein ums andere Mal eine Abfuhr erteilt hat. Und dass der mit so viel politischem Talent ausgestattete Präsident letztendlich so wenige seiner Ideen für Europa in seiner bisherigen Amtszeit hat umsetzen können.

Fünf geheime Kammern

Minkmar versammelt seine oft persönlichen Frankreich-Geschichten in fünf Kapiteln, in denen er jeweils einen Ort als Ausgangspunkt für seine mäandrierenden Überlegungen nimmt: ein Museum in Bordeaux, den Elysée-Palast, ein Gasthaus, das Pariser Krankenhaus Hôtel de Dieu, die Wohnung von Bernard Henry Lévy. Wir wollen nur ein paar der Themen aufführen, die der Autor in seinem Buch behandelt: Da geht es um Regeln, die die Franzosen ebenso lieben wie anarchisch lustvoll brechen. Er beleuchtet den Präsidentenpalast, der seine Bewohner verändert – leider nicht zum Besten. Minkmar denkt über französische Höflichkeit und Diskretion nach, „die konstitutiv ist, für das, was die Franzosen ausmacht“. Es geht um die Rolle der (intellektuellen) Frau in Frankeich, und nicht zuletzt beschäftigt ihn die schwierige Haltung Frankreichs zu seiner unzureichend aufgearbeiteten Geschichte, die verbunden ist mit dem

„Wunsch nach einer Geschichte, in der Frankreich insgesamt auf der Seite der Guten steht, ein Agent von Fortschritt und Aufklärung in der Geschichte, tragende Kraft des Bürgertums ist.“

Nils Minkmar, Das geheime Frankreich – Geschichten aus einem freien LandLiberté

Minkmars lesenswertes Buch endet mit sehr persönlichen Worten über einen französischen Großcousin, einen Mathematiklehrer, der Motorrad fährt, Krimis und anderes schreibt und dessen „ihm gemäße Daseinsform die Leichtigkeit ist“. Ein Mann, der in der Welt des Südens seine Nische kultiviert und dennoch das große Ganze im Blick behält. Bei aller kritischen Bewunderung, die der Autor in seinem Buch für Intellektuelle vom Kaliber eines Bernard Henry Lévy zum Ausdruck bringt, verkörpert dieser sympathische freiheitsliebende Großcousin für ihn

„das Beste an diesem Land und eben das, was Deutsche dort studieren, üben und lernen können: dass es die Heimat der Freiheit ist.“

À bientôt !

NK / CK

Buchinformation

Nils Minkmar
Das geheime Frankreich – Geschichten aus einem freien Land
S. Fischer Verlag, 2017, 208 Seiten

Jeden Sonntag gibt es übrigens von Nils Minkmar „Geschichten und Gedanken zur Gegenwart“ auf seinem Blog.

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2 Kommentare

  1. Georges Hartmann 2. August 2021 um 10:56

    In den ersten „richtigen“ Urlaub starteten meine Eltern und ich mitsamt der Schwester meiner Mutter und deren Familie. 6 Personen drängten sich im schwarz lackierten Peugeot 404 meines Patenonkels. Das Ziel der Reise war ein Fischerdorf in der Bretagne im Département Morbihan. Die Elternpaare unterhielten sich oft auf französisch und wechselten hie nd da in den lothringischen Dialekt, also ins Deutsche. Weil die Fahrt mit zwei Kindern und der Hitze nur mit größerer Anstrengung an einem Tag zu bewältigen war, wurde eine Übernachtung eingeplant, für die mein Onkel aus Kostengründen ein „Relais Routier“ ansteuerte, in welchem überwiegend Fernfahrer für eine oder zwei Nächte ein Quartier bezogen. Wir bekamen zwei Bretterverschläge als Schlafstätten zugewiesen, das Abendessen war im Preis inbegriffen. Dazu wurde zunächst ein riesiger Topf Suppe gereicht, der von Tisch zu Tisch weitergereicht wurde, was von den Erwachsenen mit versteinerten Gesichtern und uns zwei Kindern eher belustigte, weil wir nicht wirklich auf Suppe spezialisiert waren und allenthalben meinen Onkel neugierig machte, für den Eintöpfe das höchste in der Angelegenheit „Esskultur“ bedeuteten. Also wurden die Teller der Erwachsenen ungebremst randvoll geschöpft, während sich der Onkel bereits einen vollen Löffel in den Mund schob, dann uns alle mit einem zum Erbarmen bringenden Gesichtsausdruck ansah und uns allen empfahl den Inhalt der Teller umgehend wieder im Topf verschwinden zu lassen, wobei wir zwei Kinder einen möglichst unauffälligen Sichtschutz zu übernehmen hatten. Die Bedienung wunderte sich allenthalben über vier feuchte Teller, fragte ganz vorsichtig ob es geschmeckt habe, was recht „neutral“ beantwortet wurde. Immerhin wurde das darauffolgende Hauptgericht nebst einem dazu servierten Fruchtjoghurt zwar ohne sichtliche Begeisterung, aber immerhin ohne weitere Kommentare aufgegessen.

    Das war so um 1962, als die Deutschen noch oft als „Boches“ beschimpft wurden, was sich im Lauf der Jahre jedoch gottlob in Luft auflöste und der Deutsche als Devisenbringer eher geschätzt als abgelehnt wurde. Insoweit kann ich heute mit gutem Gewissen sagen, dass die heutigen Fernfahrer eher auf „Routers “ mit Wohlfühlcharakter und kräftigen, oft reichhaltigen als auch schmackhaften Mahlzeiten rechnen können. Wer jemals die Schlösser der Loire bereisen sollte und dabei auch das Städtchen Doué la Fontaine streift, dem sei das Routier „Chez Paul“ empfohlen.

    „Essen wie Gott in Frankreich“ ist ein immer wieder zitierter Slogan, womit der „Allmächtige“ bereits zu verstehen gibt, dass es weder im Himmel, noch auf der Erde vergleichbare Gaumenfreuden gibt, was immerhin verstörend wirkt, weil er sich doch eigentlich völlig neutral verhalten und dieses Land nicht auch noch mit „Leben, wie Gott in Frankreich“ neuerlich über den grünen Klee loben sollte, als wäre „ihm“ alles andere total misslungen und grübelte er noch darüber nach, warum es nach der Sintflut nicht sonderlich besser wurde und das Geschehen auf der Welt eher noch schlimmer wurde als zuvor und nicht somit die sogenannten Gaumenfreuden ein Schlag ins Gesicht all derer sind, die infolge Hunger sterben. Ich erinnere auch daran, dass wir „Erdmenschen“ am 29.07.2021 bereits alle Ressourcen verbraucht haben, die binnen eines Jahres auf natürliche Weise erneuert werden können ….

    Der empfohlene Buchtitel ist notiert, möglicherweise ist dieser in der Leihbücherei im Ort verfügbar … und Frankreich natürlich immer wieder eine Reise wert ist.

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