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Von Pflanzen, Tieren und einer Wiese

Kein schwarzes Schaf, sondern ein ausgelassener Bouvier auf einer Wiese in den Cotswolds

Kein schwarzes Schaf, sondern ein ausgelassener Bouvier auf einer Wiese in den Cotswolds

Das Glück liegt in der Wiese

„Le Bonheur est dans le pré“, so heißt es in einem Gedicht des Franzosen Paul Fort: das Glück liegt in der Wiese. Das mag sein, möchte man erwidern, allerdings: wo gibt es denn noch richtige Wiesen? „97 Prozent der traditionellen Wiesen sind verschwunden“, schreibt der englische Historiker, Autor und Farmer John Lewis-Stempel in seinem Buch „Meadowland. The Private Life of an English Field“, das 2014 erschien und von Lesern und Kritikern gleichermaßen gelobt wurde.

Mir wurde das Buch von unserer Leserin Frau F. aus Dietzenbach empfohlen, die unserem Blog seit Jahren gewogen ist. Und was soll ich sagen? Ich habe gerade die englische Fassung von „Meadowland“, das seit 2017 bei Dumont in der deutschen Fassung „Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren“ zu haben ist, beendet, und mich hat das Buch sehr angesprochen. Auch wenn ich, was ich gerne zugebe, immer wieder die Wiesenpflanzen nachschlagen musste, die der Autor sehr anschaulich beschreibt.

800 Jahre alte Hecken

Dem 52jährigen Lewis-Stempel gelingt es, ein lebendiges Portrait einer Wiese zu zeichnen. Diese ist Teil des Bauernhofs in Herefordshire an der Grenze zu Wales, auf dem seine Familie seit rund 700 Jahren lebt. In 12 Monatskapiteln nimmt uns der belesene Farmer an die Hand und zeigt uns, wie viel Leben, wie viel Schönheit, aber auch wie viel Drama ein paar Hektar traditionelle Wiese zu bieten haben. Lewis-Stempel verknüpft gekonnt exakte Naturbeobachtungen mit gleichermaßen lehrreichen wie unterhaltsamen historischen oder literarischen Abschweifungen. Wenn er etwa vom Leben erzählt, das in einer 800 (!) Jahre alten Hecke am Wiesenrand herrscht, meint man, es fast summen und vibrieren zu hören und möchte sich beim Lesen zwischendurch kratzen. Es könnte ja sein, dass ein Käfer aus dem Buch rauskrabbelt.

Mädesüß und Aspirin

Ich habe viel gelernt bei der Lektüre dieses Buches, zum Beispiel, dass der Deutsche Felix Hoffmann im Jahr 1897 eine synthetische Version von Acetylsalicylsäure geschaffen hat, die wir heute als Aspirin kennen. Der Name Aspirin leitet sich von Spiraea ulmaria ab, dem Mädesüß, einer Pflanze, die bis zu 2 Meter hoch werden kann und auf nährstoffreichen, feuchten Wiesen zu Hause ist. Auf Englisch heißt die Pflanze Meadowsweet und wurde in vergangenen Jahrhunderten zur Aromatisierung von Honigwein verwendet. Bei Lewis-Stempel lesen wir, dass Mädesüß schon im Bronzezeitalter bekannt war und dort als heiliges Kraut galt, dessen Genuss kein Kopfweh verursacht – wegen des salicylathaltigen Blütenkopfes. Dieses Wissen war wohl der Ausgangspunkt für Hoffmanns wissenschaftliche Arbeit und damit die Grundlage für den Weltruf des Unternehmens Bayer. Einen Ruf, den der aktuelle Bayer-Vorstandsvorsitzende gerade mit der Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto sehenden Auges an die Wand fährt. Aber das nur am Rande.

Als Zugabe schenkt uns der Autor noch ein reichhaltiges Literatur- und Musikverzeichnis rund um das Thema Wiese. Die Kritikerin von der Frankfurter Rundschau schrieb, man müsse Lewis-Stempel schon alleine dafür umarmen. Wie recht sie hat.

Information zum Buch

John-Lewis Stempel
Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren
Dumont Verlag, 2017
ISBN 978-3-8321-9863-3
erscheint als Taschenbuch im Juni 2019

Infos zur englischen Ausgabe gibt’s hier.

Wir wünschen schöne Stunden – beim Lesen und auf der Wiese

N.K. / C.K.

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1 Kommentar

  1. Lieber Herr Kraas, liebe Frau Kern,
    das Thema haben Sie wunderbar verarbeitet und dargestellt. Hier sei noch kurz angemerkt, dass gerade letzte Woche ein Film über die Wiese im Kino angelaufen ist: „Die Wiese, ein Paradies nebenan“, lehrreich und sehenswert.
    Herzlichen Dank und viele Grüße nach Tübingen,
    R. F.

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