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Hast du uns endlich gefunden – ein Buch von Edgar Selge

„Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.“ Franz Kafka

„Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.“ Franz Kafka

Hast du uns endlich gefunden

Wenn man Glück hat, stößt man im Laufe seines Lebens auf ein paar dieser Bücher, die, so scheint es beim Lesen, für einen selbst geschrieben wurden. Für mich war der Roman Hast du uns endlich gefunden von Edgar Selge eine solche Entdeckung. Wenngleich ich vielleicht nicht von einem Saal sprechen würde, den ich beim Lesen betreten habe. Eher waren es dunkle Kammern, deren Beleuchtung turbulente Gefühle verursachte.

Ein Dauerbeobachter seit Kindheitstagen

Damit kein falscher Eindruck entsteht, sei sogleich gesagt, dass dieses erste Werk von Edgar Selge nicht nur dunkle Seiten des Lebens beleuchtet, sondern auch ein sehr unterhaltsamer, sprachlich auf höchstem Niveau geschriebener Roman ist. Es ist zwar ein Debütroman, aber was sagt das schon aus, wenn jemand so aus dem Vollen schöpfen kann? Selge hat Musik und Literatur studiert, bevor er auf eine Schauspielschule ging. Jahrzehntelang hat er sich als Schauspieler mit literarischen Texten auseinandergesetzt. Er ist ein reflektierter Dauerbeobachter, ein Dauererzähler seiner Eindrücke:

Wie vielen Menschen habe ich davon schon erzählt. Immer wieder neu, immer wieder anders. Mein ganzes Leben geht das schon so.

Es handelt sich um einen Episodenroman, der das Gesellschaftsbild einer Familie um das Jahr 1960 beschreibt. Das Lebensgefühl der Familie von Edgar Selge hat dabei auch etwas Allgemeingültiges:

Der Krieg ist verloren, der Nationalstolz im Eimer, die Nachkriegszeit haben sie überstanden, mit Ach und Krach, aber die Kultur ist übrig geblieben.

Kultur gibt Halt und verbindet

Die Kultur, das sind vor allem die Musik und auch die Literatur. Wie sehr die Kunst uns Menschen befähigt, Halt zu finden und Verbindendes entstehen zu lassen, auch darum geht es in diesem Buch. Selge wählt den Einstieg für seinen Roman wie in einer Kurzgeschichte:

Ich geh mal üben, sagt mein Vater.

Und schon sind wir drin im Leben der Familie Selge, dem Leben zwischen zwei Hauskonzerten. Der zu Beginn etwa neunjährige Edgar lebt mit seinen Eltern und seinen drei Brüdern (ein vierter Bruder ist bereits gestorben) in gutbürgerlichen Verhältnissen in Herford. Der Vater, Jurist, ist Gefängnisdirektor einer Jugendstrafanstalt, aber eigentlich spielt er lieber Klavier und gibt Kammerkonzerte. Für die akademischen Freunde, aber auch für die Jugendsträflinge. Wie diese Konzerte im Hause Selge vorbereitet werden und wie sie ablaufen, beschreibt der junge Edgar unglaublich witzig: Die Sträflinge müssen ihre Stühle mitbringen, für sie gibt es Leberwurstbrote mit Apfelsaft. Für die späteren Gäste am Abend, die Akademikerpaare, die sich vorsichtig wie Störche bewegen, wird das Wohnzimmer komplett umgeräumt. Wir folgen Edgar als Leser bereitwillig überall hin, das phantasievolle Kind hat unablässig viele interessante Assoziationen, da werden ganze innere Reisen während eines Konzerts begangen. Dazu trägt ganz wesentlich die gewählte Zeitform, das Präsens, bei. Der Leser hat das Gefühl, direkt am Geschehen teilzunehmen.

Besondere Erzählperspektive

Dass der Roman trotz der Perspektive eines Kindes diese erzählerisch-analytische Tiefe erreicht, verdankt er dem Umstand, dass es eigentlich der heute über 70jährige Selge ist, der sich an das Kind, das immer noch in ihm steckt, erinnert:

Wer bin ich damals? Ich gucke Löcher in die Luft. Ich führe Selbstgespräche. Ich bin derselbe Träumer.

In jedem von uns steckt das Kind, das er einmal war.

In jedem von uns steckt das Kind, das er einmal war.

Für diesen Kunstgriff ist der Autor in mancher Rezension kritisiert worden. (Dabei weist der Autor selbst auf Proust, seinen Ideengeber, hin. Hallo, liebe Großkritiker?!) Der Roman sei nicht konsequent aus Sicht eines Kindes geschrieben worden, es sei nicht die Sprache eines Kindes. Natürlich sind es nicht die Sprache und die Erkenntnisse eines Kindes, das sind Erkenntnisprozesse eines Lebens, das macht den Roman ja erst so interessant! Und um diese Erzählperspektive – der 70jährige erinnert sich an das Kind, das er war (aber mit seinem Verständnis von heute) – nachvollziehen zu können, ist es auch notwendig, den älteren Selge gelegentlich auftauchen zu lassen. Das geschieht nicht nur, wenn der Autor sein derzeitiges Erleben während der Pandemie einfließen lässt, es geschieht auch zwischendurch, wenn er den Prozess des Schreibens – des Erinnerns – analysiert:

Je genauer ich bin, desto fremder werde ich mir.

Auch autobiographisches Schreiben kann nur Annäherung sein. Keine Familie ist so, wie sie zu sein scheint. Hinter dem bürgerlichen Lack offenbaren sich tägliche Scharmützel.

Wir kämpfen hier täglich hart um ein Zusammenleben, in dem Fröhlichkeit und gute Laune oberstes Gebot sind.

Eltern prägen

Der Leser lernt alle Familienmitglieder nach und nach kennen, am ausführlichsten den dominanten Vater, der ebenfalls Edgar heißt. Wie prägend der vielseitig begabte, aber auch so cholerische Vater für das ganze Leben war, beschreibt der Autor so:

In jedem Menschen begegnest du mir zuerst, Papa.

Und wie sehr er sich mit der Person seines Vaters versucht hat, auseinanderzusetzen und ihm gerecht zu werden, beschreibt er mit den Worten:

Auch in dir muss ich erst meinen Vater vernichten.

Trotz der Tiefe der Selbstreflexion begeht der Autor nicht den Fehler, zu rationalisieren. Wieder ist es diese besondere Erzählperspektive, die beides erlaubt: während der ältere Autor sich der sehr schmerzhaften Analyse der vielschichtigen Vater-Sohn-Beziehung nähert, bricht es aus dem jugendlichen Edgar heraus:

Ich möchte dich einmal auf den Unterschied zwischen dir und deinem Vater aufmerksam machen, dich einmal mit der Nase in den Scheißhaufen deiner Ohrfeigen und Prügel stupsen.

Das sind Sätze, die mehr wert sind als so manche Therapiestunde. Man kann diesen Roman auf ganz vielseitige Weise lesen. Vielleicht macht auch das große Romane aus. Die Musik, die eine bedeutende Rolle im Leben der Selges spielt, war mir persönlich nicht so wichtig, auch wenn Selge mir diese durch manche Beschreibung näher gebracht hat. Meine Mutter, zum Beispiel, fand sich in dem für diese Zeit und Generation typischen Mann-Frau-Verhältnis wieder. Leser M. aus unserem Literaturzirkel interessierte vor allem die familiäre Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich, insbesondere mit den Juden.

Scham überwinden

Für mich sind es zum einen die Leistung, eine tiefempfundene Scham, glaubhaft und nachvollziehbar nahezubringen, die dieses Leseerlebnis so nachhallend macht. Dieses Ringen der Gefühle um die einen seit Kindheitstagen quälenden Fragen:

Mensch, Edgar, sag, was los ist!

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefundenZum anderen ist es dieses unglaubliche Sprachvermögen von Selge. Phantasievolle Metaphern und Rhythmuswechsel erzeugen Spannung, Tempo und eine besondere Dichte. Manche Sätze sind von einer solchen sprachlichen Kraft, dass man minutenlang bei ihnen verweilt, so etwa, wenn Edgar dem Brüllen der Löwen eines nahe gelegenen Zirkus lauscht, das ihn an die Ausbrüche mancher Sträflinge denken lässt:

Dann ahne ich was von der Wildnis in uns allen.

Lesen Sie ihn, lest ihn, diesen großartigen Roman!

CK | NK

Buchinformation

Edgar Selge
Hast du uns endlich gefunden
Gebunden, 304 Seiten
Rowohlt Buchverlag, 2021
ISBN: 978-3-498-00122-3

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1 Kommentar

  1. Das Buch kenne ich schon. Kann ich mir dann diese Rezension sparen?
    Zum Glück habe ich es nicht getan! Es war reiner Genuss zu lesen, wie hier die verschiedenen Aspekte des Buchs gewürdigt und anschaulich gemacht wurden.
    Vielen Dank!!
    Mich hat vor allem fasziniert, wie Selge trotz aller qualvollen Erfahrungen mit seinem Vater diesem
    noch immer Liebe nachträgt. Das hat Größe.

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