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Auf Wolfspfaden mit Adam Weymouth

Wie aus dem Wolf ein Hund wie hier auf dem Foto wurde ist ungeklärt

Wie und wann aus dem Wolf ein Hund wie dieser auf dem Foto wurde ist ungeklärt

Slavc (2010 – 2022)

„Der Wolf hat sich im Winter auf den Weg gemacht.“

Auch der britische Autor und Journalist Adam Weymouth macht sich im Winter auf den Weg. Er will den Spuren des Wolfs Slavc folgen, der im Winter 2011 mit Alter von 19 Monaten sein Geburtsrevier im Süden Sloweniens verlässt, um nach einer Wanderung von mehr als 1000 Kilometern durch Slowenien, Österreich und Italien in den Lessinischen Bergen in Italien mit einer Wölfin ein neues Rudel zu gründen.

Weymouth ist fasziniert von Wölfen, ihrer Kraft, ihrer Klugheit, ihrer Resilienz und ihrer Anmut.

„Der Wolf geht den flachen Taleinschnitt hinab, in lockerem Gang, seine Fußgelenke haben Spiel und flattern geradezu. Würde man ein Glas Wasser zwischen seine Schulterblätter stellen, kein einziger Tropfen würde verschüttet.“

Trotz aller Faszination für die Gattung Wolf ist Adam Weymouth aber kein naiver Träumer. Er nähert sich diesem Raubtier von verschiedenen Seiten. Weymouth liest, recherchiert, wandert und spricht mit allen möglichen Menschen, die er auf seinem Weg trifft. Er hört wissenschaftlichen Wildbiologen ebenso genau zu wie Bauern und Hirten, die immer wieder Wolfsrisse zu beklagen haben, und für die der Wolf eine einzige Bedrohung darstellt.

Schon nach wenigen Seiten dieses spannenden Buches wird klar, wie schwierig, belastet und häufig vergiftet das Verhältnis von Mensch und Wolf war und ist. Mit schlichtem Schwarzweißdenken kommt man hier nicht weiter, mit empathischem Zuhören und differenziertem Denken schon.

„Wölfe sind Spitzenprädatoren – die geradezu ikonische Verkörperung der Wildnis. Und an keiner einzigen Stelle in Europa wurden sie wiederangesiedelt. Ihre Rückkehr ist ganz allein ihr Werk.“

„Wölfe können größere Distanzen zurücklegen als alle anderen Landtiere dieses Planeten.“

„Wölfe können größere Distanzen zurücklegen als alle anderen Landtiere dieses Planeten.“

Unermüdliche Dauerläufer

Slavc, ausgesprochen Slauts, ist einer dieser Wölfe, der sich ganz alleine und aus eigenem Antrieb auf eine sehr gefährliche Wanderung mit höchst ungewissem Ausgang macht. Dessen Weg läuft Weymouth nach, und er tut dies mit Hilfe von GPS-Daten, die das Halsband gesendet hat, das slowenische Wissenschaftler dem jungen Slavc angelegt haben.

„Ich habe alle 635 Standorte, die Slavc während seiner viermonatigen Wanderung übermittel hat, als Wegpunkte auf meinem Handy gespeichert.“

So weit die Vorbereitung. Schnell wird Weymouth klar, dass er Slavc nicht exakt auf seiner Linie folgen kann, denn Slavc hält sich an keine Straßen, Wege oder gar ausgeschilderten Wanderwege. Steile Hänge oder praktisch undurchdringliches Gestrüpp sind für Wölfe kein Hindernis, ihre Ausdauer scheint grenzenlos.

„Sie können stundenlang mit acht Kilometern pro Stunde gehen, ohne ihren Rhythmus zu verändern oder ins Schwitzen zu geraten, und oftmals legen sie dabei weite Strecken zurück.“

Immer wieder legt Weymouth auf seiner Wanderung Pausen ein, übernachtet bei Bauern und Hirten, die ihn freundlich bewirten und ihm dann ihr Leid über den Wolf klagen, den sie Biest oder Bestie nennen. Der Wolf, auch das lernen wir in diesem Buch, wird schnell zum Sündenbock, der das Leben der kleinen Bauern und Hirten gefährdet, sei es in Slowenien, in Österreich oder in den lessinischen Bergen Italiens. Es ist aufschlussreich zu lesen, dass der Wolf von verängstigten Bauern genauso schnell zum Sündenbock gemacht wird wie die Migranten von populistischen italienischen Politikern in den lessinischen Bergen.

Sorgen, Ängste, Faszination

„Wolfspfade. Eine Spurensuche im Herzen Europas“ ist eine anregende und spannende Lesereise, bei der es links und rechts des Weges sehr viel zu lernen gibt: über die Geschichte des Wolfs; über die brutalen Methoden, mit denen die Menschen versucht haben, ihn auszurotten; über die Ängste und Sorgen der Kleinbauern; über den Zustand unserer Umwelt und die Gefährdung der Artenvielfalt und des Klimas.

„Was bedeutet Umweltschutz heutzutage, da so vieles in Wanken gerät. Wir werden nicht in alte Zeiten zurückkehren, zu denen es noch Wölfe gab. Wir bewegen uns auf etwas Neues zu, das noch nicht abzusehen ist. Wir stehen kurz vor einer Katastrophe, und das ist kein Zustand, in dem wir verharren können.“

Und wenn die Lektüre dieses Buches noch etwas zeigt, dann dies: Ist es nicht faszinierend, wie wir uns als Leserin, als Leser mal eben auf eine Wanderung von mehr als 1000 Kilometern begeben können und dabei Menschen kennenlernen dürfen, die wir sonst nie im Leben getroffen hätten? Das schafft nur ein Buch!

Adam Weymouth hat übrigens Slavc während seiner Wanderung nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Dem Buch tut das keinen Abbruch!

NK | CK

PS: Slowenien, so habe ich gelernt, ist übrigens ein Land mit einer faszinierenden, traumhaft schönen und sehr waldreichen Natur. Auf der Website des Esslinger Naturfotografen Harald Löffler, der oft in Slowenien mit der Kamera unterwegs ist, kann man sich einen ersten Eindruck verschaffen. Hier ein paar Fotos.

Buchinformation

Adam Weymouth
Wolfspfade. Eine Spurensuche im Herzen Europas
aus dem Englischen von Felix Mayer
btb Verlag, München, 2026
ISBN: 978-3-442-76340-5

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