Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.
Schau, ich will nichts, als deine Hände halten
und still und gut und voller Frieden sein.
Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
An ihren morgenroten Molen sterben
die ersten Wellen der Unendlichkeit.
Rainer Maria Rilke
Am Ende zehn Zeilen
„Nie gab Rilke etwas aus der Hand, was nicht ganz vollendet war“, schreibt Stefan Zweig in seinen lesenswerten Erinnerungen „Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers“ (Fischer Taschenbuch, ISBN: 978-3-596-21152-4).
Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium bei Montreux) selbst hätte das vermutlich nicht so gesehen. Er war sehr streng mit sich. In seinem Großstadtroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ schreibt der Dichter sinngemäß, man könne froh sein, am Ende eines Lebens vielleicht zehn Zeilen geschrieben zu haben, die gut sind. Im Falle Rilkes scheint uns das allerdings maßlos tiefgestapelt.
Dieser viel zu früh Verstorbene hat so viele schöne Zeilen geschrieben! Ist das nicht wunderbar in diesem Liebesgedicht, wenn die Nacht durch des Vorhangs Falten vergessnen Sonnenschein aus dem Haar der Geliebten holt? Und in den letzten beiden Zeilen die melancholische Erkenntnis, dass eben nichts von ewiger Dauer ist?
Also: wer zwischendurch mal Pause braucht vom absurden Polittheater (und diese Pause brauchen wir alle!), gönne sich ab und an ein paar Zeilen Lyrik, gerne von Rilke, aber nicht nur. Zur weiteren Beschäftigung mit Rilke empfehlen wir als Einstieg das schmale Buch „Rainer Maria Rilke. 100 Seiten“ von Clemens J. Setz, erschienen bei Reclam, ISBN 978-3-15-020786-4)
NK | CK
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