2024 wurden in Deutschland lt. Bundesverband Paket- und Expresslogistik pro Tag 14 Millionen Pakete zugestellt. Rund 135.000 Personen arbeiten hier als Zusteller in einer wachsenden Branche. Internet-Shopping ist bequem und schnell. Wie’s dem lokalen Einzelhandel dabei geht? Geschenkt! Wie’s der Paketbote findet, am Samstagabend um 19.00 Uhr noch von Haustür zu Haustür zu hetzen? Auch geschenkt!
19 Jobs in 20 Jahren
„Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die von Herzen gerne Pakete ausliefern. Wenn es sie gibt, sind sie eine seltene Spezies. Ich und die Kuriere, die ich kenne, gehörten jedenfalls nicht dazu.“
(Hu Anyan)
Der größte Markt überhaupt für Paketdienste ist China. E-Commerce ist dort ein gigantisches Geschäft, Internet-Shopping für viele buchstäblich eine Sucht. Schnell muss es gehen, und billig soll es sein. Dies gilt nicht nur die Waren, sondern vor allem auch für die Zustellung. Wer in China als Zusteller im Niedriglohnsektor in den Megacities arbeitet, führt ein Leben, dass auf die Minute durchgetaktet ist und jede Faser des Körpers beansprucht.
Wie so ein Leben als Paketkurier aussieht, das beschreibt der 1979 geborene Hu Anyan in seinem Buch „Ich fahr Pakete aus in Peking“. 2020 hat Anyan erstmals auf seinem chinesischen Blog über seine Erfahrung als Zusteller berichtet. 2023 wurde aus seinen Berichten ein Buch, das innerhalb kurzer Zeit zum Bestseller wurde. 2025 ist das Buch auf Deutsch erschienen, übersetzt von Monika Li.
In 19 verschiedenen Jobs hat Hu Anyan in den 20 Jahren nach seinem High-School-Abschluss gearbeitet: immer im Niedriglohnsektor, fast immer in den großen chinesischen Metropolen. Seinen 19 Jobs widmet Anyan fünf Kapitel. Das zentrale Kapitel hat dem Buch seinen Namen gegeben: „Ich fahr Pakete aus in Peking“.
Pinkeln = 1 Yuan (0,12 Euro)
Minutiös, nüchtern, anschaulich schildert Anyan seine Arbeit als Paketfahrer in der chinesischen Hauptstadt. Jede Minute seines Tages rechnet er in Geld um und berechnet, wie er es anstellen muss, damit er auf sein Wunschgehalt von 270 Yuan (33,50 Euro) pro Tag kommt. 11 Stunden beträgt seine Arbeitszeit, darin enthalten eine Stunde Lastwagen entladen und eine Stunde mit dem E-Trike von Wohngegend zu Wohngegend rasen. Bleiben 9 Stunden für die reine Zustellung. 9 Stunden, in denen er auf jeweils 30 Yuan (3,72 Euro) kommen muss.
„Das waren 0,5 Yuan pro Minute. Wenn man es andersherum sieht, ist das der Preis für meine Zeit. Für jede erfolgreiche Lieferung habe ich 2 Yuan bekommen. Um keine Verluste zu machen, musste ich alle vier Minuten ein Paket liefern.“
Anyan rechnet aber nicht nur seine Arbeitszeit in Geld um.
„Wenn eine Minute 0,5 Yuan wert war, dann kostete Pinkeln einen Yuan, aber nur, wenn die Toiletten kostenlos waren.“
Der Körper wird für den Paketboten zur Ressource, die maximal ausgebeutet werden muss, um in einem gnadenlosen kapitalistischen System ohne Grundlohn über die Runden zu kommen.
Das dies nicht ohne Verluste vor sich geht, wird schnell klar. Menschen wie Hu Anyan arbeiten ständig am Anschlag, jede Krankheit wird zur Bedrohung, nicht nur der Gesundheit, sondern der Existenz. Keine Arbeit, kein Geld, so einfach ist die Rechnung. Eine Grippe ist da nicht Teil des Plans.
Rastlos, anstrengend
Als Leser spürt man schon bei der Lektüre von Anyans Schilderungen nach kurzer Zeit ein Gefühl der Gehetztheit und Erschöpfung – und schämt sich dafür. Anyans Sprache ist nüchtern, abgeklärt, exakt, bisweilen drastisch, jedoch niemals anklagend oder verbittert. Selbst dann, wenn er sich bisweilen über illoyale Kollegen oder betrügerische Arbeitgeber auslässt.
Das Buch folgt keiner chronologischen Struktur, wie man es vielleicht erwarten könnten, also von Job eins bis Job 19. Statt dessen springt Anyan vor und zurück und unterstreicht mit diesem Aufbau das rastlose, anstrengende Leben als Niederlöhner, für den jeder Tag ein Kampf ist. Besonders eindrücklich ist das Buch immer wieder dann, wenn sich Anyan auf die kleinen Momente seiner Arbeit, seines Lebens konzentiert. Sei es der unfähige Chef, der ihn beschäftigt, Zoff mit neidischen Kollegen, unzufriedene Kunden, die ein Paket nicht annehmen wollen, oder eine Infektion, deren Behandlung er sich kaum leisten kann. Aber trotz aller Anstrengung bringt Anyan noch die Kraft für Verständnis für sein Gegenüber auf, auch für unzufriedene Kunden:
„Viele Leute ließen sich zwar fast täglich etwas liefern, hatten aber keinen blassen Schimmer, wie die Arbeit eines Kuriers aussah. Für mich basierten die meisten Missverständnisse auf einem mangelnden Verständnis dafür, wie wir für unsere Arbeit bezahlt wurden.“
Schreiben als Freiheit
Gegen Ende des Buches schildert Anyan, wie er im Jahr 2020 während der Corona-Pandemie zum Schreiben kam, ohne jedoch seinen Broterwerb aufzugeben. Denn das konnte er sich schon aus finanziellen Gründen nicht leisten. Dabei empfindet er es
„als Glück, nicht vom Schreiben leben zu können. Denn das erlaubt mir, es als persönlich bedeutsamer, außergewöhnlicher und reiner zu empfinden. Auch wenn ich nicht viel schreibe, ist das Schreiben ein Teil meines Lebens, der Teil der Freiheit.“
Nun kann man sagen, Peking ist weit weg, und in Deutschland geht es den Menschen im Niedriglohnsektor mit Sicherheit besser als in China. Aber ist es nicht so, dass es auch bei uns immer mehr Menschen gibt, die im Niedriglohnsektor arbeiten müssen und dabei nicht selten zwei Jobs oder gar drei haben? Jobs, die kaum Raum mehr zum Leben lassen, von Freiheit und Selbstverwirklichung ganz zu schweigen. Dass die Arbeit das Leben dominiert und einem manchmal kaum Luft zum Atmen lässt, ist wohl vermutlich für sehr viele Menschen eine unumstößliche Tatsache.
„Ich fahr Pakete aus in Peking“ ist keine Anklageschrift und auch kein autofiktionales Lamento. Das Buch ist auch keine Wohlfühllektüre für mal eben zwischendurch. Wer sich aber ganz unvoreingenommen mit dem Paketkurier Hu Anyan auf Tour macht, der wird angestrengt, aber um etliche Einsichten bereichert aus diesem Buch aussteigen.
NK | CK
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