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Großmeister der kleinen Form: Peter Bichsel

Mit dem Verschwinden der Kneipen verschwindet ein wichtiger Erzählort

Mit dem Sterben der Kneipen, stirbt ein Stück Kultur und ein Ort des Erzählens

Es gab in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, in der Nähe des Marktplatzes eine Gaststätte, die von einer älteren Dame betrieben wurde. Für uns Schüler, die wir heute allesamt auch schon ältere Semester sind, war das drahtige Fräulein Fecker mit den kurzgeschnittenen grauen Haaren jedenfalls eine ältere Dame, vor der wir Respekt hatten.

Gast der Königin

Es gab in dieser immer etwas dunklen Kneipe einen großen Kachelofen, in dem man seine Brezel aufwärmen durfte, neben dem Kachelofen war der Stammtisch, an dem wir Jungen nie zu sitzen gewagt hätten, und es gab im „Fecker“, wie man die Kneipe nannte, Andechser Doppelbock. Dieses Starkbier aus dem gleichnamigen Kloster mit gefährlichen 7,1 Volumenprozent Alkohol gab es allerdings nur, wenn man dem Fräulein Fecker glaubhaft vermitteln konnte, am besten mit Schülerausweis, das man über 16 war und damit Bier trinken durfte. Ja, das resolute energische Fräulein Fecker herrschte streng, aber gerecht über ihr Reich,

„und wer sie kannte oder gar von ihr gekannt wurde, war stolz darauf.“

Dieses Zitat stammt von Peter Bichsel, dem schweizerischen Autor, der im letzten Jahr im Alter von 89 Jahren in Solothurn gestorben ist. Man findet den Halbsatz in der Kolumne „Meine Besuche in Königshäusern“. In diesem Text erzählt Bichsel, der Großmeister der kleinen Form, wie stolz er als Kind war, dass er den Busfahrer kannte, mit dem er zu Schule fuhr, und wie stolz, dass der Busfahrer ihn, den kleinen Peter kannte. Ähnlich ging es ihm auch mit einer alten Wirtin im Tessin, bei der sich die Gäste freuten, wenn sie einen kannte und einem wohlgesonnen war, denn

„sie war eine Wirtschaft, und das war ein guter Teil ihres Charmes, in der der Gast nicht König war. Sie war die Königin. Sie hatte die Macht. Sie verteilte die Sympathien. Und wenn man sie besuchte, dann besuchte man die Königin, und man sonnte sich in dem erhebenden Gefühl, Gast der Königin sein zu dürfen.“

Beim Lesen dieser Zeilen ist mir sofort das „Fecker“ in unserer Kleinstadt wieder eingefallen, und wie stolz wir waren, wenn das Fräulein Fecker uns Jungspunde beim Eintreten in den Schankraum gegrüßt hat.

Heute kommt Johnson nicht

Insgesamt 38 Kolumnen aus den Jahren 2005 bis 2008 versammelt der Band „Heute kommt Johnson nicht“, den ich neulich auf dem Tübinger Flohmarkt entdeckt habe. Ein  echter Glücksfund und ein großes Lesevergnügen. Dem bescheidenen Sprachkünstler Bichsel gelingt es, in nur wenigen Zeilen in einer klaren, schnörkellos schönen Sprache von einem erlebten kleinen Ereignis oder einer Erinnerung auf das Allgemeine zu kommen.

Peter Bichsel, den sein Landsmann Max Frisch schon zu Anfang seiner Karriere einen echten Poeten nannte, macht sich in seinen Kolumnen kluge, meist melancholisch grundierte Gedanken, zum Beispiel über die Schönheit der Wörter in Kreuzworträtseln, über Hymnen gröhlende Fußballfans, über das Warten, über die Hektik unserer Zeit, über Ameisen und Elefanten, über Kneipen und über Stiere, die auch nur Menschen sind.

Das alles geschieht in einem unverstellten Erzählton, so dass man meint, man säße neben Bichsel in einer seiner geliebten Beizen bei einem „Halben Roten“. Seine feinen, kurzen Erzählungen sind Einladungen, uns näher und unvoreingenommen mit unserem Gegenüber zu beschäftigen, uns einzufühlen. Im gewöhnlichen Alltag gewöhnlicher Leute, die Bichsel immer mit Zuneigung zeichnet, werden wir an unsere eigene(n) Geschichte(n) erinnert. Tröstlich und anregend zugleich ist das.

Vom Stier, der auch nur ein Mensch war

So heißt eine besonders schöne Geschichte, in der der kleine Peter auf einem Bauernhof aushilft, was ihm große Freude macht und ihn mit Stolz erfüllt. Weniger Freude macht ihm allerdings eines Tages der Auftrag des Knechts, einen Stier am Strick zu einem anderen Bauern zu führen. Ja, der Zehnjährige hat schreckliche Angst vor dem gewaltigen Tier, das allerdings schnell und zum Erstaunen des ganzen Hofes, ein großes Zutrauen zu dem kleinen Jungen fasst.

„Ich schaute ihn nicht an, ich ging nur nebem ihm her, der Strick bliebt locker. Ich fürchtete, daß ich stolpern könnte auf dem Weg, und ich sprach die ganze Zeit nicht eigentlich zu ihm, sondern leise wie man betet, vor mich hin: »Bitte mach mir nichts, mach mir nichts, tu mir nichts an, bitte, bitte (…)«“

Aber fortan will der beeindruckende Simmentaler Stier nur noch vom kleinen Peter am Strick geführt werden. Immer wieder wird er zu den Bauern gerufen.

„Der Peter muß kommen, es ist etwas mit dem Stier.“

Wie die Geschichte weiter geht? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Bichsel schafft es mit traumwandlerischer Leichtigkeit von der einzelnen Erinnerung auf das große Ganze zu kommen. Am Ende ist es ein Nachdenken über die menschliche Angst und Macht, und warum die Menschen, die Angst haben, ausgerechnet jenen nachlaufen, die Angst verbreiten.

„Ich glaube, man kann das eigene Leben nur erzählend bestehen, sich selbst erzählend.“

Peter Bichsel hat diesen Satz in einem hörenswerten Feature im Deutschlandfunk wenige Jahre vor seinem Tod gesagt. Es ist ein großes Glück für uns Leserinnen und Leser, dass dieser wunderbare Autor in seinen Erzählungen weiterlebt.

NK | CK

Buchinformation

Peter Bichsel
Heute kommt Johnson nicht
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 2008
ISBN 978-3-51842026-3

1 Kommentar

  1. Schöne Beschreibung von dr Feckre!
    Mama war die einzige von der ganzen Familie, die nie dort war, aber ihre Verabschiedung vom Irdischen feierten wir dort. So konnte die auch noch die einzigartige Atmosphäre „schnuppern“, auch wenn da Pe die Königin war.

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