Der lange Zug bestand aus niedrigen Güterwagen der Deutschen Reichsbahn. Als er bremste, raunten die benommenen, apathischen Menschen einander zu: »Wir halten an«.
Das Land namens Auschwitz
So beginnt einer der beeindruckendsten und erschütterndsten Berichte eines Überlebenden des Holocaust. „Kaltes Krematorium. Bericht aus dem Land namens Auschwitz“ heißt das Buch, dessen 250 Seiten nach der Lektüre noch lange nachhallen. József Debreczeni (1905 – 1978) war ein ungarischer Journalist und Schriftsteller, stammte aus einer jüdischen Familie und lebte die meiste Zeit seines Lebens in Jugoslawien. Als Jude wurde Debreczeni Ende April 1944 nach Auschwitz deportiert. Bis zu seiner Befreiung musste er das Grauen des Holocaust in verschiedenen Lagern erleiden. Das letzte dieser Lager war das »Kalte Krematorium«, wie man die Krankenbaracke des Zwangsarbeiterlagers Dörnhau in der Nähe von Auschwitz nannte.
Besonders das Putzen wäre wichtig. Der Jauchebach zwischen den Pritschen steht bereits in Kniehöhe. Die ohnehin primitiven Sicherheitsmaßnahmen gegen das Fleckfieber werden nicht mehr eingehalten.
Das Buch ist 1950 erstmals erschienen und wurde 70 Jahre nach seiner Wiederentdeckung erstmals ins Deutsche übersetzt. Eine Sensation! Die Times nannte »Kaltes Krematorium« einen literarischen Diamanten, scharfkantig und kristallklar. Das trifft es sehr gut. Debreczeni war von Beruf Journalist, das spürt man von der ersten Seite dieses Buches an. Seinem genauen Blick entgeht auch in größter Gefahr nichts, sein Erinnerungsvermögen ist bestechend. Mit gnadenloser Präzision konfrontiert er uns Seite um Seite mit dem unmenschlichen, schon beim Lesen kaum aushaltbaren Innenleben dieses Landes namens Auschwitz. Dabei setzt Debreczeni auch auf das Stilmittel der Ironie und schreckt bisweilen vor beißendem Spott nicht zurück.
Humanisten und Schwerverbrecher
Es gibt viele bewegende Berichte von Holocaust-Überlebenden, darunter Weltliteratur von Überlebenden wie Ruth Klüger, Primo Levi, Elie Wiesel oder Imre Kertész. »Kaltes Krematorium« ist dabei einzigartig in seinem ganz besonderen journalistischen Stil. Debreczeni beschreibt die organisatorischen Verästelungen des Systems Konzentrationslager, das die Deutschen mit deutscher Gründlichkeit aufgebaut haben, bis ins Detail.
Die Adelszweige der Ärzte und Pfleger sind nur zwei des unendlich wuchernden Hierarchiegeflechts. Ein dritter, dicht belaubter Zweig, ist der der Ältesten, Leichenkapos, Revierkapos, Wirtschaftskapos, und Schreiber, angeführt von dem Lagerältesten mit dem seltsamen Namen Muky Grosz.
Seine Beschreibungen sind nüchtern und präzise. Wir lesen unter anderem erschütternde Schilderungen der hygienischen Bedingungen in den Krankenlagern, wo sich die Kranken zwischen den Sterbenden fast stapeln und auf den Böden undefinierbare Flüssigkeiten stehen. Dass dieses System von Menschen geplant und erschaffen wurde, ist bis heute kaum zu fassen. Und auch Debreczeni wundert sich über die Deutschen:
Ein seltsames Volk, das der Welt nicht nur Robert Koch, sondern auch Ilse Koch geschenkt hat, die Hexe von Buchenwald, die perverseste Massenmörderin aller Zeiten, nicht nur Keppler, sondern auch Himmler. Die Besessenen der Erkenntnins und die Totengräber der Zivilisation. Abwechselnd Humanisten und Schwerverbrecher. Napoleons Soldaten trugen den Marschallstab in der Tasche, Hitlers Kleinbürger tragen das Kastriermesser bei sich.
»Kaltes Krematorium« ist ein anstrengendes Buch, eine Zumutung für seine Leserinnen und Leser, wie könnte es anders sein. Eine Zumutung, der wir uns stellen müssen, grade jetzt mit den aktuellen politischen Entwicklungen. Dies betont auch die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke in ihrem klugen Nachwort:
»Kaltes Krematorium« und die Erfahrung von Auschwitz bleibt einzigartig. Sie muss verstehen und begreifen, wer in der Gegenwart sich orientieren will. Das ist nicht leicht. Das ist unerträglich und muss ertragen werden.
Es wäre wünschenswert, dass dieses Buch zumindest in Auszügen und in Begleitung kluger Lehrerinnen und Lehrer auch an Schulen gelesen wird.
NK | CK
PS: Am 27. Januar ist Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.
Buchinformation
József Debreczeni
Kaltes Krematorium. Bericht aus dem Land namens Auschwitz
Übertragung aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Nachwort von Carolin Emcke
S. Fischer Verlag, 2024
Interview mit Carolin Emcke im Deutschlandfunk
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