Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke (*4. Dezember 1875; † 29. Dezember 1926)
Rilke schriebt dieses Gedicht im Jahr 1902. Im Herbst desselben Jahres zog Rilke nach Paris, seine Frau Clara Westhoff blieb zurück in Berlin. Rilke plante, eine Monographie über Auguste Rodin zu schreiben.
Am 4. Dezember 2025 jährt sich der Geburtstag von Rilke zum 150sten Mal. Nutzen wir den Rest dieses Rilke-Jahres zur Rilke-Lektüre. In diesen aufgeheizten Zeiten hilft uns das, im Strom schlechter Nachrichten nicht gänzlich unterzugehen.
NK | CK
PS: Im Rahmen des Tübinger Bücherfestes 2025 stellt Manfred Koch seine viel gelobte Rilke-Biographie vor. Sonntag, den 28.September 2025, 16.00 Uhr, Westspitze, Eisenbahnstr. 1, Tübingen. Infos und Tickets.
