Mit ‘soziale Netzwerke’ getaggte Artikel

Redlining, Weblining, Circle of Trust

Freitag, 17. Februar 2012

Badstrasse trifft Schlossallee
Mal angenommen, Sie wohnen in der Badstrasse (Monopoly, Sie wissen schon) und betreiben dort ein kleines Restaurant. Ihre Gäste sind Leute aus dem Viertel: Arbeiter, kleine Angestellte, Studenten, Künstler. Ihr Geschäft brummt und Sie überlegen sich, sagen wir, in eine neue Gastroküche zu investieren. Aber weil Sie nicht im Geld schwimmen, brauchen Sie einen Kredit. Den beantragen Sie bei der Bank, von der Sie in der Werbung gehört haben, dass sie sich besonders für die Kleinunternehmer einsetzt. Nun hat diese Bank aber Ihren Sitz nicht in der Badstrasse, sondern in der schicken Schlossallee: Glasfront, viel Chrom, gedämpfte Atmosphäre, Sie kennen das. Als der Kundenberater hört, wo Ihr Geschäft liegt, zieht er fast unmerklich die Augenbrauen nach oben und innerlich eine rote Linie.

Redlining Report. Cover. Source: www.encyclopedia.chicagohistory.org

Redlining Report 1974

Redlining
Redlining nennt man das in den USA, wenn eine Bank den Bewohnern bestimmter Viertel keine Kredite oder Hypotheken vergibt. Dabei zog oder zieht die Bank auf einer Karte rote Linien um Gebiete, in denen man besser nicht investiert. Zurückverfolgen lässt sich diese Art von Diskrimierung, die bis heute anhält, lt. Wikipedia bis in in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Ich bin überzeugt, dass dies kein rein amerikanisches Phänomen ist.

Weblining
Nach dem Redlining gibt nun das sogenannte Weblining. Da werden keine roten Linien in echte Landkarten gemalt, sondern virtuelle Linien gezogen. „So beschreibt der Begriff ‘Weblining’ nun die Praxis, Menschen aufgrund ihrer digitalen Existenzen abzulehnen.“ Dies schreibt Lori Andrews, Direktorin des Institute for Science, Law and Technology am Chicago-Kent College of Law, in einem sehr lesenswerten Artikel über die Folgen der gigantischen Datensammlungen von Facebook, Googel und Konsorten in der SZ vom 10.2.2012. Zum Artikel bitte hier klicken.

Circle of Trust
Gut möglich also, dass mit einem ständig größer werdenden Online-Freundeskreis der Circle of Trust immer kleiner wird.

Datenschutz mag keine Like-Buttons

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Ich weiß, es ist kurz vor Weihnachten, und Milliarden Facebook-Friends werden sich in ein paar Tagen mit feuchten Augen vor ihren Facebook-Krippen versammeln und den Finger nicht mehr vom Like-Button nehmen. Und genau dazu gibt es ein paar interessante Informationen:

Vladimir Simovic, Programmierer und Autor div. Bücher über WordPress, bringt in seinem lesenswerten Blog dankenswerterweise ein paar aktuelle Informationen zum Stand der Datenschutzproblematik bei den sog. Like-Buttons von Facebook und Konsorten. Simovic zitiert u.a. den Düsseldorfer Kreis zum Datenschutz in Sozialen Netzwerken mit folgenden Worten:

„Das direkte Einbinden von Social Plugins, beispielsweise von Facebook, Google+ oder Twitter, in Websites deutscher Anbieter, [...] ist ohne hinreichende Information der Internetnutzerinnen und -nutzer und ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, die Datenübertragung zu unterbinden, unzulässig.“ (Quelle: via www.perun.net)

Also, wen’s interessiert, hier ein paar Links zum Thema:
http://www.perun.net/2011/12/10/buttons-von-facebook-co-sind-datenschutzwidrig/

http://www.perun.net/2011/12/15/facebook-twitter-google-statische-buttons-im-eigenbau/

http://www.dr-bahr.com/news/duesseldorfer-kreis-like-button-von-facebook-co-datenschutzwidrig.html

Aphorismus des Tages (des Jahres?)

Dienstag, 06. Dezember 2011

Zitat des Tages: sechsdreinuller. Quelle: http://twitter.com/#!/sechsdreinuller/status/143716561914572802

Quelle: sechsdreinuller. via http://twitter.com/#!/sechsdreinuller/status/143716561914572802


via sechsdreinuller
Hätte man nicht besser formulieren können. Chapeau!

Capital: Elite meidet Facebook & Co.

Mittwoch, 16. November 2011

Das Institut für Demoskopie Allensbach hat im „Capital-Elite-Panel“ 519 Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung zu sozialen Netzwerken befragt. Ergebnis: 72 Prozent nutzen weder Xing, LinkedIn noch Facebook. Nur 28 Prozent sind in einem der großen sozialen Netzwerke aktiv. Nachzulesen ist das alles in „Capital“ (12/2011). Zur Originalpressemeldung des G+J-Verlags geht’s hier.

Wer sich mit dem Begriffspaar Elite und Masse näher auseinandersetzen will, dem sei der spanische Philosoph und Schriftsteller Ortega y Gasset (1883 – 1955) mit seinem Buch „Der Aufstand der Massen“ empfohlen. Im „Buch der 1000 Bücher“ steht dazu u.a.:

„Dem ordinären Massenmenschen, »der die Unverfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzutreten und es überall durchzusetzen«, stellt Ortega den Asketen gegenüber, der innerhalb der Masse die Elite bildet. Während diese viel von sich fordert, fordert der sich der Masse als zugehörig definierende Mensch von sich gar nichts: Er ist und sieht sich als »Durchschnittsmensch«.“ Die zunehmende Mediokrität durch Vermassung zerstöre, so Ortega, die ursprünglich aristokratische Natur der menschlichen Gesellschaft.“ (Quelle/Copyright: Das Buch der 1000 Bücher, Harenberg Verlag, via Amazon.de)

Inwiefern leistet das Internet, und dort vor allem die sozialen Netzwerke, einer gesellschaftlichen Mittelmäßigkeit Vorschub? Was hätte Ortega wohl dazu gesagt?

Exzellenter Artikel: „Digitale Ideologie“

Donnerstag, 08. September 2011

Andrian Kreye hat in der SZ vom 3.9.2011 einen äußerst lesenswerten Leitartikel zum Thema „Digitale Ideologie“ geschrieben. Darin erklärt er u.a. den sog. Lanier Effect, nach dem jeder einzelne von uns im Internet in eine vermarktbare Einheit verwandelt wird.
via Der Feuilletonist

Dieser Artikel sei vor allem jenen Digital Natives empfohlen, die immer noch der Meinung sind, der Unternehmenszweck der Sozialen Netzwerk-Firmen bestünde einzig und allein darin, den armen Usern zu einem harmonischen Sozialleben mit möglichst vielen Freunden zu helfen.

Hier geht’s zum Artikel.

Der Büroklammer-Gefällt-mir-Button

Montag, 29. August 2011
Stilleben mit einer Büroklammer. Foto: Kraas & Lachmann.

Stilleben mit eineinhalb Büroklammern. Foto: Kraas & Lachmann.

Kennen Sie das? Immer wenn Sie was ausdrucken wollen, ist kein Papier mehr in der Kiste, und immer wenn Sie ‘ne Büroklammer brauchen, ist keine in Reichweite. Mir passiert das ständig.

Woran das liegt, hat mir gerade mein Kollege Jörn ganz freundlich und völlig ohne Ironie erklärt. Er meint, ich hätte ja schließlich nirgendwo den Büroklammer-Gefällt-mir-Button gedrückt. Na dann.

Welche Folgen die Digitalisierung und die sog. Sozialen Netzwerke sonst noch haben (können), dazu gibt’s heute ein Interview in der Süddeutschen mit der US-Soziologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology.

Zum Interview hier klicken.
Mehr von Sherry Turkle im Reklamekasper hier.

„Ich habe keine Freunde.“

Freitag, 08. Oktober 2010

Zugabe vom 21.10.2010 für Stefan:

Hallo Stefan,
ich freue mich immer über Kommentare hier und bin auch kein Kulturpessimist, obwohl mir neulich jemand bei einer Präsentation mit freudigem Lächeln verkündete, dass in Zukunft der persönliche Kontakt von Mensch zu Mensch dank der neuen Mediennutzung (Twitter, Facebook, Apps) zunehmend überflüssig wird. Auch eine Meinung, oder?

Zum Thema Twitter/Facebook hier noch eine nette Illustration von Kiersten Essenpreis, die ich auf TheNextWeb gesehen habe:

Twitter-vs-Facebook

Gezwitscher : Gesichtsbuch 1:0 · Quelle: www.youfail.com · via www.thenextweb.com/

Jetzt weiter mit dem Orginal-Post

Il joue bien, Derrick
Also gut, ich bin weder in Facebook, noch in Xing, noch in sonst einem sozialen Netz. Freunde habe ich trotzdem, nicht viele, aber wer hat schon viele? Der Satz „Ich habe keine Freunde“ stammt übrigens nicht von der Anti-Facebook-Liga, sondern vom legendären Horst Tappert, von dem Opa Michel immer sagte: „Il joue bien, Derrick.“

Lizenz zum Freunde drucken
Nun wollen uns diese sozialen Netzwerke glauben machen, dass es ohne nicht geht, dass man ohne keine Freunde hat, ja, dass es fraglich ist, ob man ohne überhaupt existent ist. Grade lese ich auf jetzt.de, dass es mittlerweile eine Firma gibt, die mit den tausenden von Freunden, die manche Leute zu haben scheinen, Geld verdienen will. Einfach indem diese cleveren Geschäftsleute alle Freunde auf ein Poster drucken, dass man sich dann übers Bett, ins Klo oder sonst wohin hängen kann.


Ist diese hypnotisierende Musikuntermalung nicht schräg?

Was steckt dahinter?
Vor ein paar Wochen hat sich der Medienwissenschaftler Norbert Bolz in einem lesenswerten Aufsatz in der SZJeder ist seines Clickes Schmied – mit den sozialen Netzwerken beschäftigt. Bolz vertritt u.a. die These, dass der schwerste Angriff auf die Privatsphäre nicht von den Regierungen und Unternehmen ausgeht, sondern von den sozialen Netzwerken. Der Autor fragt sich auch, was hinter diesem permanenten Preisgeben von Daten und Informationen in sog. Profilen steckt. Zitat:

„Was steckt dahinter? Offensichtlich das, was der amerikanische Philosoph John Dewey einmal den Wunsch, wichtig zu sein, genannt hat. Das Profil ist die öffentliche Ausstellung der Identität. Wir opfern Privatheit für Aufmerksamkeit.“

Das kennen wir ja alle. Aber meine Güte, wenn ich mir vorstelle, wie wir uns  in den 80ern über die Volkszählung aufgeregt haben. Gegen Google, Facebook und Co. war das der reinste Kinderfasching.

Aristoteles und die Freundschaft (ergänzt 12.10.2010)
Der griechische Philosoph Aristoteles kennt übrigens drei Arten der Freundschaft unter Gleichen, wie ich neulich gelernt habe. 1. Die Freundschaft um des Nutzens willen. 2. Die Freundschaft um der Lust willen. 3. Die Freundschaft um des Guten (um der Tugend) willen. Die ersten beiden sind für ihn eigentlich egoistisch, zufällig und meist nur von kurzer Dauer. Nur die Freundschaft um des Guten, um der Tugend willen zählt, weil sie die Freundschaft um des Freundes willen ist. Wie hätte Aristoteles wohl die Facebook-Freundschaften charakterisiert?

Madeleine entschleunigt
Wenn Ihnen das Tempo auf dem globalen Daten-Highway mal wieder zu hektisch wird, und Sie ob der verlorenen Zeit in Sorge geraten, empfehle ich eine Tasse Tee, eine Madeleine und ein wenig Proust.

Madeleine_Minerve_2010

Die letzte Madeleine liegt hinterm Preisschild. Librairie Paroli à Minerve.

Ein kleiner Vorgeschmack:

„Und mit einem Mal war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jenes kleinen Stücks einer Madeleine, das mir am Sonntagmorgen in Combray (weil ich an diesem Tag vor dem Hochamt nicht aus dem Hause ging), sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Leonie anbot, nachdem sie es in ihrem schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte. Der Anblick jener Madeleine hatte mir nichts gesagt, bevor ich davon gekostet hatte; vielleicht kam das daher, daß ich dieses Gebäck, ohne davon zu essen, oft in den Auslagen der Bäcker gesehen hatte und daß dadurch sein Bild sich von jenen Tagen in Combray losgelöst und mit anderen, späteren verbunden hatte; vielleicht auch daher, daß von jenen so lange aus dem Gedächtnis entschwundenen Erinnerungen nichts mehr da war, alles sich in nichts aufgelöst hatte; die Formen [...] waren vergangen, oder sie hatten, in tiefen Schlummer versenkt, jenen Auftrieb verloren, durch den sie ins Bewußtsein hätten emporsteigen können. Doch wenn von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr existiert, nach dem Tod der Menschen und dem Untergang der Dinge, dann verharren als einzige, zarter, aber dauerhafter, substanzloser, beständiger und treuer der Geruch und der Geschmack, um sich wie Seelen noch lange zu erinnern, um zu warten, zu hoffen, um über den Trümmern alles übrigen auf ihrem beinahe unfaßbaren Tröpfchen, ohne nachzugeben, das unermeßliche Gebäude der Erinnerung zu tragen.

Und so ist denn, sobald ich den Geschmack jenes Madeleine-Stücks wiedererkannt hatte, das meine Tante mir, in Lindenblütentee getaucht, zu geben pflegte (obgleich ich noch immer nicht wußte und auch erst späterhin würde ergründen können, weshalb diese Erinnerung mich so glücklich machte), das graue Haus mit seiner Straßenfront, an der ihr Zimmer sich befand, wie ein Stück Theaterdekoration zu dem kleinen Pavillon an der Gartenseite hinzugetreten, der für meine Eltern nach hintenheraus angebaut worden war (also zu jenem begrenzten Ausschnitt, den ich bislang allein vor mir gesehen hatte), und mit dem Haus die Stadt, vom Morgen bis zum Abend und bei jeder Witterung, der Platz, auf den man mich vor dem Mittagessen schickte, die Straßen, in denen ich Einkäufe machte, die Wege, die wir gingen, wenn schönes Wetter war. Und wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner in eine mit Wasser gefüllte Porzellanschale kleine Papierstückchen werfen, die sich zunächst nicht voneinander unterscheiden, dann aber, sobald sie sich vollgesogen haben, auseinandergehen, Umriß gewinnen, Farbe annehmen und deutliche Einzelheiten aufweisen, zu Blumen, Häusern, echten, erkennbaren Personen werden, ebenso stiegen jetzt alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg aus meiner Tasse Tee.“

zitiert aus Marcrel Proust: Unterwegs zu Swann. Combray S. 66ff., zitiert nach der Frankfurter Ausgabe, herausgegeben von Luzius Keller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. Quelle: http://homepage.boku.ac.at/duerr/Zitate%20aus%20Marcel%20Proust.htm#M1
Zum Weiterlesen wird die Frankurter Ausgabe von Suhrkamp empfohlen