„Unsere Produkte sind uns so egal wie unsere Kunden, Hauptsache bei Google stehen wir ganz oben.“
Zugegeben, das klingt jetzt ein bisschen überspitzt, aber manchmal fällt mir sofort dieser Satz ein, wenn ich höre, wie enorm wichtig vielen Unternehmen die Google-Platzierung ist.
Diesen Google-Suchmaschinen-Hype machen sich jetzt auch Betrüger zu nutze, die ihren Kunden viel versprechen und wenig halten. Thorsten Riedl hat in der Süddeutschen dazu gestern einen lesenswerten Artikel geschrieben:
Wissen Sie, was ich am Zeitunglesen so schätze? Nein, nicht das schöne große Format, denn das treibt einen bei der Lektüre im Bett zum Wahnsinn. Ich schätze es vielmehr, dass ich mit Dingen konfrontiert werde, von denen ich keine Ahnung hatte, Dinge, die mich überraschen und die mir, ja auch das gehört dazu, manchmal auf den Wecker gehen. So ist das halt mit Überraschungen.
Genau hier liegt das Problem der großen Suchmaschinen und sozialen Netzwerke, denn deren Algorithmen bieten uns, in Verbindung mit unserem Such- und Surfverhalten, immer weniger Überraschungen. Zu diesem Schluß kommt jedenfalls der amerikanische Autor Eli Pariser in seinem Buch „Filter-Bubble“, das Dirk von Gehlen gestern in einem sehr lesenswerten Artikel in der SZ besprochen hat.
Wenn zwei Menschen, so Eli Pariser, dasselbe Wort googeln, dann erhalten sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dasselbe Suchergebnis, sondern je eines, das sich nach ihrem bisherigen Such- und Surfverhalten richtet, ausgewählt (oder sollte man besser zensiert sagen?) von den Filter-Algorithmen der gerade benutzten Suchmaschine. Die Folge: statt überraschender Ergebnisse von jenseits des Tellerrandes, gibt es den Einheitsbrei, dessen Grundgeschmack wir schon kennen. Wollen wir das?
Eli Pariser auf der TED-Konferenz zum Thema Filter-Bubble:
Google-Doodle zum Geburtstag von Les Paul. Quelle: www.google.de
Werbung mit aktuellem Bezug, ich erzähle Ihnen da nichts Neues, wirkt vor allem deshalb, weil sie auf ein erhöhtes Aufmerksamkeitsniveau setzt. Die Ereignisse, auf die man Bezug nimmt, können da ganz unterschiedlich sein.
Ein Doodle für Les Paul
Wahre Meister auf diesem Gebiet sind die Leute bei Google, die für die sog. Doodles zuständig sind. Also das Bild oben auf der Suchseite. Heute haben sich die Kreativen dort mal wieder selbst übertroffen. Les Paul, der die Entwicklung der E-Gitarre (z. B. Gibson Les Paul) maßgeblich mitbestimmt hat, wäre heute 96 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat Google ein klingendes Doodle (siehe Screenshot oben) produziert. Probieren Sie’s aus, gehen Sie auf Google und zupfen Sie eine Runde.
Hier noch ein Video über Les Paul, dessen Erfindungen u.a. von Eric Clapton, Howlin Wolf gespielt wurden.
Gibt es eine Werbung mit aktuellem Bezug, die Sie besonders gut fanden?
Zwischen Werbern und PR-Menschen besteht seit fast ewigen Zeiten eine bisweilen lächerliche Rivalität. Obwohl beide Berufsgruppen im selben Kommunikationsboot sitzen, halten sich die PR-Menschen für die einzig seriösen Kommunikationsdienstleister.
„Wir sind Journalisten und machen, bitteschön, keine Werbung.“ Wie oft hat man das schon gehört. Sei’s drum: Der Theologe Karl Rahner soll gegenüber Menschen, die er für unbelehrbar hielt, mal gesagt haben: „Dann bleiben Sie bei Ihrer Meinung, die reicht Ihnen.“
Als echte Werber, die wir den lieben langen Tag schwarze Rollis tragen, schnelle Autos aus Zuffenhausen fahren und uns nur von Häppchen und Champagner ernähren, heben wir jetzt schnell unser Glas auf diesen seriösen PR-Coup!
Kann ein sterbendes Eichhörnchen wichtiger sein, als ein sterbendes Kind in Afrika? Ja, sagt Mark Zuckerberg, der von seiner Idee beseelte Facebook-Chef. Wie wichtig etwas für Facebook-, Google- oder Amazon-Nutzer ist, das entscheiden die Filter-Algorithmen für uns, und zwar in Abhängigkeit von unserem Nutzerverhalten.
Keine Frage, dass die Welt für die Menschen, die sich fast nur über sog. soziale Netzwerke auf dem Laufenden halten, ziemlich beschränkt wird. Konrad Lischka hat auf Spiegel Online einen lesenswerten Artikel zu einer unguten Entwicklung geschrieben.
Meinungsvielfalt ist eine wunderbare, bisweilen ziemlich anstrengende Sache. Was aber, wenn ich gar keine anderen Meinungen mehr zugemutet bekomme, sondern nur noch Videos von zermatschten Eichhörnchen?
Am 19. Januar 2011 kam beim Stuttgarter Filmwinter die searchSonata 181 von Johannes Auer als Performance zur Uraufführung. Ein Projekt mit durchaus dadaesken Zügen, an dem ein Mann wie Kurt Schwitters seine helle Freude gehabt hätte. Die Searchsonata 181 ist der dritte und letzte Teil der “Such”-Trilogie, bei der algorithmisch generierte Texte aufgeführt werden. Verwendet werden dabei Worte, die in Echtzeit in Suchmaschinen eingegeben werden. Die Suchworte werden algorithmisch in der searchSonata 181 zu Lauten verarbeitet. Künstliche Poesie wird, so der Urheber des Projekts in Anlehnung an Max Bense, zu natürlicher Poesie.
„Suchmaschineneingaben sind die Sehnsuchtsworte der Menschen im Netz, um an Begehrtes zu gelangen. Strukturell entsprechen diesen die Passwörter beim Computer. Passwörter sind sozusagen die Sehnsuchtsworte der Maschine, mit denen diese um Access nachfragt.“
Das lese ich auf der Seite von searchSonata 181, und das klingt so schön, daß selbst hartgesottene Google-Kritiker feuchte Augen kriegen müssen. Wenn Sie also zwischendurch mal Lust haben, unserem bisweilen absurden Alltagstreiben, etwas poetisch Absurdes entgegenzusetzen, dann gehen Sie auf die Website, geben ihren Suchbegriff ein, oder aktivieren die zufällige Suche über das System und warten ein paar Sekunden, bis eine Stimme aus dem Nichts zu Ihnen spricht. Hier geht’s los.
Was lernen wir aus solchen Projekten für unseren Job?
Offen bleiben, neugierig sein, auch mal Dinge ausprobieren, ohne Geländer denken (wie Hannah Arendt sagte), und, bitte schön, nicht immer danach schielen, was der Wettbewerb macht.
Und jetzt sehen Sie noch Regina Spindler bei ihrer Interpretation der via searchSonata 181 generierten Laute. Viel Spaß.
Erster Platz. Quelle: http://kunden.ausderhoelle.de
„Cogito ergo sum.“ Schön und gut, aber wo stehen wir bei Google?
Ich denke, also bin ich. So hat es der französische Philosoph und Mathematiker René Descartes im 17. Jahrhundert in seinen „Prinzipien der Philosophie“ formuliert. Das ist lange her. Heute gelten andere Gesetze. Wenn ich mir die schier unglaubliche Bedeutung der Internet-Suchmaschine Google anschaue, dann müsste die Definition von „Sein“ lauten: „Ich existiere vielleicht (!), wenn ich gegoogelt werde, und ich existiere sicher, wenn ich bei Google ganz oben stehe.“
Bedenkenswert: Die Macht einer Suchmaschine
Eine Kombination von geheimen Suchalgorithmen Suchalgorhythmen (Danke Stefan!), über die on- und offline so leidenschaftlich spekuliert wird wie über den Heiligen Gral, hat mehr und mehr Einfluss auf unser persönliches und wirtschaftliches Handeln. Dass man Gäste, die man zum Essen einlädt, vorher gründlich googelt, soll in den USA längst die Regel sein. Und es soll Unternehmer geben, die jeden Morgen als Erstes den Namen ihrer Firma googeln. Die Stimmung schwankt dann je nach Pagerank. Bedenklich, oder? Vor allem dann, wenn man weiß, dass Google bevorzugt bereits bekannte Seiten bzw. solche, auf die oft verwiesen wird, weit oben platziert. Etwas wirklich Unbekanntes, Neues, Bahnbrechendes bleibt da unter Umständen mangels Verweisen im Dickicht der geheimen Algorithmen Algorhythmen auf der Strecke. Toll.
Die beste Seite. Quelle: http://kunden.ausderhoelle.de
Sehenswert: Die besten Webseiten 2010
Vor ein paar Tagen wurden die Webby Awards 2010 vergeben. Von einer Jury werden alljährlich die besten Leistungen im Bereich Webdesign prämiert. Es geht um interaktives Design, Kreativität, Nutzerfreundlichkeit und Funktionalität. Von Pageranking habe ich da jetzt mal nichts gelesen. Dafür gibt es in jeder Kategorie auch einen Publikumspreis, über den die Internet-Nutzer abgestimmt haben. Es lohnt sich, da mal reinzuschauen. Mich haben besonders die Seiten von HBO, einem amerikanischen TV-Sender, und vom Literatur- und Kulturmagazin New Yorker beeindruckt. Die Liste mit allen Gewinnern gibt’s hier.
HBO-Website. Quelle: http://www.webbyawards.com
Ist Google HAL?
Wissen Sie, woran mich diese Sache mit der Macht von Google erinnert? An den Film „2001: A Space Odyssey“. Stanley Kubrick hat sich da schon vor mehr als 40 Jahren seine Gedanken gemacht. Beeindruckend ist besonders der Dialog zwischen dem Bordcomputer HAL und dem Astronauten Dave, den HAL nicht mehr ins Raumschiff lässt. Schauen Sie mal: