Januar 2013
Juni 2013 · via netzwelt.de
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Doug Rickard’s ”A New American Picture.“ Screenshot Kraas & Lachmann. Source: http://www.dougrickard.com/photographs/a-new-american-picture/
Der US-amerikanische Künstler Doug Rickard hat aus abertausenden von Google-Street-View Aufnahmen in den USA eine Fotoserie destilliert, die so faszinierend wie trist ist. Rickard zeigt, wie er es nennt, die ”forgotten cities“ und die unübersehbaren Folgen der Banken-/Wirtschaftskrise für die von sämtlichen konjunkturellen Aufschwüngen abgehängten Städte und deren Bewohner. Nebenbei erbringt er noch den Beweis, dass jede Medaille zwei Seiten hat – selbst Google Street View.
zur Homepage von Doug Rickard
zur Fotoserie ”A New American Picture“
Sinan Afşin Şenol hat ein schönes Foto eines ebenso schönen Beckett-Graffiti getwittert. Beckett selbst hätte es wahrscheinlich nicht so gefallen, da dieser unglaublich kluge und sensible Schriftsteller extrem bescheiden war und auch so gelebt hat.
André Bernold hat zum 100. Geburtstag von Beckett ein lesens- und sehenswertes Buch über Beckett geschrieben, das einem den Menschen Beckett ziemlich nahe bringt.
André Bernold: Becketts Freundschaft. Aus dem Französischen von Ulrich Krafft, mit Fotografien von John Minihan. 112 Seiten, Halbleinen, fadengeheftet. ISBN 978-3-937834-10-8. Erschienen bei Berenberg.
Noch 6 Tage bis Heiligabend. Eine gute Zeit, aufzuräumen und auszumisten, nachdem sich die größte Jahresendhektik jetzt etwas gelegt hat.
3 Tage vor dem Weltuntergang haben wir endlich auch ein neues Foto an der Wand. Eine Hommage an den großen englischen Fotografen Martin Parr, der vor allem seine Landsleute in einer ganz besonderen Art und Weise portraitiert. Alex Rühle hat Anfang des Jahres in der SZ ein lesenswertes Portrait über Parr geschrieben. Kann man hier noch nachlesen.

Die Boote fahren nicht mehr aus. / The boats don't go out anymore. (Howth 2011) Homage to Martin Parr. Foto: Norbert Kraas
American Tintype from Matt Morris Films on Vimeo.
Tintype ist ein fotografisches Direktpositiv-Verfahren, das technisch korrekt Ferrotypie heißt. Erfunden wurde das Verfahren, das auch als Blechfotografie bekannt ist, von Hamilton L. Smith. Ferrotypien werden direkt belichtet. Das Trägermaterial des Unikat-Abzugs ist ein lackiertes Eisenblech, auf dem die belichtete Kollodiumschicht sitzt.
Harry Taylor, den wir dort oben in dem kurzen Dokumentarfilm sehen, ist ein amerikanischer Fotokünstler, der mit dieser wunderbar veralteten Technik ungewöhnlich eindrucksvolle Porträts schafft, die man auf seiner Website bestaunen kann. Zum Niederknien schön! Schauen Sie mal:

„Aufbau der Old Lady 2“ © 2011 Ava Smitmans, Tübingen Mischtechnik auf Hartfaser, 68 x 86 cm. Quelle: www.atelier-ava-smitmans.de
Die Boote fahren nicht mehr aus 1/3
Die Old Lady hat angelegt! Es passiert nicht oft, dass in Tübingens Altstadt Schiffe vor Anker gehen, ich meine richtige Schiffe. Normalerweise haben wir es hier mit einer Handvoll Tret- und Ruderbooten zu tun, die von mutigen Landratten auf einem trägen Neckar bewegt werden.
Ein guter Grund also, sich die aktuelle Ausstellung von Ava Smitmans in der Galerie Künstlerbund und im Café Hanseatica anzuschauen. Zu sehen sind noch bis zum 28. April Bilder, Raum- und Klanginstallationen, die allesamt mit einem ausgedienten Stückgutfrachter zu tun haben, das mit dem schönen Namen Old Lady wieder in Hamburg einlief und ursprünglich auf den Namen Bleichen getauft wurde. Die in Tübingen geborene Künstlerin, die lange in Hamburg gelebt hat, zeigt uns dieses ausrangierte Schiff und das maritime Drumherum in kräftigen Farben und handfesten Installationen, die den Glanz einer besseren Zeit ahnen, gleichzeitig die melancholische Schönheit des Niedergangs aufscheinen lassen.
„Mir wichtige Kleinigkeiten hebe ich gerne hervor, scheinbar unbedeutende Orte, die wenig oder ungern wahrgenommen werden, nehme ich gerne zum Thema. Diese Orte dienen für mich als Anlass, Linien und Flächen, Farben und Formen miteinander sprechen zu lassen und so auch seelische Zustände auszudrücken“, schreibt Ava Smitmans auf ihrer Website.
Wer sich auf ihre Bilder und Installationen einlässt, bekommt eine Ahnung vom Seelenzustand eines Bootes, das nicht mehr ausfahren darf. Also, nehmen Sie sich Zeit und legen Sie an beim Künstlerbund Tübingen. Die Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr und Samstag von 11 bis 14 Uhr. Am 28. April findet um 12 Uhr die Schiffverabschiedung (Finissage) statt.
Die Boote fahren nicht mehr aus 2/3
Dieser lakonische Satz kam mir während des Besuchs der Ausstellung in den Kopf. „Die Boote fahren nicht mehr aus. Bericht eines irischen Fischers“ ist der Titel der deutschen Übersetzung des Buches „The Islandman“ von Tomás O’Crohan. O’Crohan (1857-1937) lebte auf Great Blasket Island vor der irischen Westküste und beschreibt den Alltag der 150 Inselbewohner ungeschönt mit allen Höhen, Tiefen und Untiefen. Annemarie und Heinrich Böll (erinnert sich noch jemand an diesen großen und zutiefst menschlichen Schriftsteller?) lassen uns in ihrer guten Übersetzung teilhaben am Glück und Unglück der Fischer und ihren Familien, an ihren Festen, an ihrem Hunger, an ihrer Freude, wenn ein Schiff vor der Küste kenterte, und Wind und Wellen brauchbares Strandgut anspülten. Es ist eine Welt, die längst untergegangen ist, die es so nicht mehr gibt, und in der die Boote schon lange nicht mehr ausfahren. Wenn Sie die Ausstellung gesehen haben und demnächst ans Meer, gar nach Irland fahren, packen Sie das Buch ein.
Die Boote fahren nicht mehr aus 3/3
Those were the days. Source: http://rb3photography.com/
via http://thingsorganizedneatly.tumblr.com/
Da werde ich am Montagmorgen richtig nostalgisch.
*Die männliche Form schließt auf diesem Blog die weibliche ein.
„Ohne die Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag.“ (Goethe)

Deckenausschnitt der Sixtinischen Kapelle in Rom. Quelle: www.vatican.va/various/cappelle/sistina_vr/index.html
Manchmal hat das Internet ja auch was für sich. Zum Beispiel am Wochenanfang, wenn die Dinge noch nicht so richtig rund laufen, zur Erbauung mit einem Mausklick in die Sixtinische Kapelle. Ich bin beeindruckt – von der Kapelle und dieser wahrlich „begnadeten“ Kunst, aber auch davon, was der Vatikan da multimedial auf die Beine gestellt hat. Danke für den Tipp, Jörn.
Goethe schreibt in seiner „Italienischen Reise“:
Rom, den 2. Dezember 1786.
Das schöne, warme, ruhige Wetter, das nur manchmal von einigen Regentagen unterbrochen wird, ist mir zu Ende Novembers ganz was Neues. Wir gebrauchen die gute Zeit in freier Luft, die böse im Zimmer, überall findet sich etwas zum Freuen, Lernen und Tun. Am 28. November kehrten wir zur Sixtinischen Kapelle zurück, ließen die Galerie aufschließen, wo man den Plafond näher sehen kann; man drängt sich zwar, da sie sehr eng ist, mit einiger Beschwerlichkeit und mit anscheinender Gefahr an den eisernen Stäbenweg, deswegen auch die Schwindligen zurückbleiben: alles wird aber durch den Anblick des größten Meisterstücks ersetzt. Und ich bin in dem Augenblicke so für Michelangelo eingenommen, daß mir nicht einmal die Natur auf ihn schmeckt, da ich sie doch nicht mit so großen Augen wie er sehen kann. Wäre nur ein Mittel, sich solche Bilder in der Seele recht zu fixieren! Wenigstens was ich von Kupfern und Zeichnungen nach ihm erobern kann, bring’ ich mit.
Quelle: http://www.textlog.de/7126.html. aus: Goethe: Italienische Reise. Von Hanser gibt es eine schöne Ausgabe: ISBN 978-3-446-17323-1.
Film voll
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als man seine vollen Filme noch ins Fotofachgeschäft (ja, so hieß das) gebracht hat und mit angespannter Vorfreude den Tag herbeisehnte, an dem man seine Abzüge oder Dias abholen durfte? Ich erinnere mich noch gut daran, und auch an etliche Momente bitterer Enttäuschung, wenn gerade das eine tolle Foto dann doch nicht so toll war.
Sakralraum Dunkelkammer
Ich weiß auch noch genau, wie das war, als wir das erste Mal bei meinem Freund Stephan unsere Filme selbst entwickelt und mit Herzklopfen und großen Augen die teuren Fotopapiere durch diverse Bäder gezogen haben. Das hatte etwas Sakrales, so ehrfürchtig haben wir das Papier, auf dem ganz langsam ein Bild erschien, mit der Zange angefasst. Der stechende Geruch der Entwicklungs- und Fixierbäder war unser Dunkelkammer-Parfum.
Wenn Filme weinen könnten
Und jetzt? Vor ein paar Tagen hat KODAK Insolvenz angemeldet, eine große Marke steht kurz vor dem Untergang. Beim Blick in unseren Kühlschrank heute morgen haben mich ein paar vergessene Filmrollen zwischen Schokolade und Kühlkissen ganz vorwurfsvoll angeschaut. Ich bin sicher, wenn Filme weinen könnten, wäre unser Küchenboden heute ein Tränenmeer; und irgendwie fühle ich mich ein bißchen wie ein Verräter, weil ich das HIPSTA-Bild da oben gemacht hab.
Zum Weiterlesen
„Jahrhundert der Wunder“ heißt ein schöner Text, den der Fotograf und Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler zum Niedergang von KODAK geschrieben hat. Nachzulesen in der Neuen Zürcher: bitte hier klicken.
Die SZ erinnert in ihrem Bilderblog an die KODAK-Jahre, darunter auch ein paar sehenswerte Anzeigenmotive. Zum Blog bitte hier klicken.
Wie geht’s Ihnen, wenn eine Marke, mit der man so viel verbindet, den Bach runtergeht?