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Freitagsfoto: Holzofenbrot und Weißwein

„Was macht es eigentlich mit dem Gehirn der Menschen, wenn ihr Dasein zunehmend virtuell stattfindet?“, fragt sich Sibylle Berg in ihrer aktuellen, sehr lesenswerten Kolumne auf Spiegel-online. Mark Zuckerberg wird uns diese Frage nicht beantworten, weil es ihm wahrscheinlich ziemlich egal ist, dass das Leben von immer mehr Menschen nur noch im Netz abläuft. Berg klagt, wie ich finde, zurecht, dass es „immer weniger gibt, das real stattfindet, das ein anderes Gefühl herstellt, außer Gereiztheit“.

Wir sind immer woanders

Irgendwie scheinen viele von uns immer mehr woanders zu sein, aber nie da, wo sie sich real gerade befinden. Morgens zum Beispiel, wenn ich mit unserem Hund am Waldrand spaziere, begegnen mir die ersten Jogger*innen oder Walker*innen mit ernstem Blick, sauber verstöpselt und verkabelt – und weit weg vom Schrei des Bussards über ihnen oder dem wütenden Krächzen der Rabenkrähen Saatkrähen (Danke, Rickmer!) ein paar Meter neben ihnen auf dem frisch gepflügten Acker. Und wie sollten diese in anderen Welten Herumgeisternden auch auf meinen Morgengruß reagieren können, wo sie ihn doch gar nicht hören? Wieder ein kleines Stück weniger Begegnung und ein wenig mehr Vereinsamung, auch für mich. Aber genug lamentiert jetzt, kommen wir zu etwas Schönem:

Von derlei Dingen hängt unser Leben ab

Im Blog Kaffeehaussitzer bin ich auf eine bemerkenswerte Textstelle aus Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray (Insel Taschenbuch, ISBN 978-3-458-36219-7) gestoßen. Ich habe den Roman noch nicht gelesen, er liegt seit vorgestern im Stapel auf meinem Nachttisch. Oscar Wilde schreibt:

„Du magst wähnen, du ständest sicher da und seist stark. Aber ein zufälliger Farbton in einem Zimmer oder ein Morgenhimmel, ein besonderer Duft, den du einst geliebt hast und der tiefe Erinnerungen mit sich führt, eine Zeile eines vergessenen Gedichts, die dir wieder einfällt, ein paar Takte aus einem Musikstück, das du nicht mehr gespielt hast, ich sage dir, Dorian, von derlei Dingen hängt unser Leben ab.“

Was uns anrührt

Was für ein Satz! Natürlich wissen wir alle, dass es nicht immer eine Klaviersonate von Mozart oder eine vergessene Gedichtzeile von Rilke sein müssen, die uns anrühren. Es darf gerne auch der Duft von frisch gebackenem Holzofenbrot sein oder der erste Schluck Weißwein an einem sonnigen Frühlingstag, wenn es für das T-Shirt noch zu kalt und für die Winterjacke schon zu warm ist. Ob von solchen Dingen unser Leben abhängt? Vielleicht nicht im wörtlichen Sinn, aber sind es nicht solche Momente, die das Leben um so vieles lebenswerter machen?

Santé und Frohe Ostern!

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