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Freitagsfoto: Notausschalter für Zungenbrecher?

Wo ist der Notausschalter für alberne Marketingideen? Foto: Kraas & Lachmann

Liebe Ingenieurinnen und Ingenieure,
eigentlich sollte heute hier ein Beitrag zum Thema Typographie und Schriftengestaltung stehen, aber der muss warten. Wir dürfen nämlich gerade einem mittelschweren Marketing-GAU beiwohnen.

Folgendes ist passiert: Die angestellten Marketinggurus bei Siemens Healthcare (davor Siemens Medizintechnik) in Erlangen haben sich mit ein paar externen Marketinggurus zusammengetan, viel nachgedacht, viel Tee, Kaffee und weiß der Himmel, was noch, konsumiert. Und dann kam ein Heureka-Moment: es wurde beschlossen, dass alle Ingenieurinnen und Ingenieure bei Siemens Healthcare nicht mehr Ingenieure heißen sollen, sondern: Healthineers.

Gebrochene Ingenieursherzen
„Siemens bricht die Zungen seiner Ingenieure“, schrieb die Süddeutsche. Gebrochene Zungen wären ja noch nicht so schlimm, gebrochene Ingenieursherzen aber schon. Siemens blamiere seine Ingenieure, habe ich sinngemäß auf einer englischen Website gelesen. Der Konzern hat dem Image des Ingenieurs und der Marke Siemens durch diese absurde Idee geschadet. Eingeführt wurden Name und  Konzept bei einer Art Open-Air-Konzert mit bunten Zombies, die auf einer Bühne rumhüpfen durften. Zum Video bitte hier lang.

Deutsche Ingenieurskunst
Deutsche Ingenieure (und natürlich Ingenieurinnen) genießen seit Jahrzehnten weltweit einen fast mythischen Ruf. Dieser hat zwar durch die Dieselaffäre von VW und einiger anderer Automobilhersteller ein paar deftige Kratzer bekommen, aber nicht wirklich dramatisch gelitten, so mein Eindruck. Wer technische Produkte „Made in Germany“ kauft, sei es eine Werkzeug-Schleifmaschine, einen Highend-Scanner oder eben ein MRT-Gerät von Siemens, der verlässt sich darauf, dass er das Beste bekommt, was in Sachen Ingenieurskunst auf der Welt zu haben ist. So jemand möchte nicht mit albernen Marketingideen belästigt werden.

Neulich waren wir bei unserem Freund T. zur Erstkommunion seines Sohnes eingeladen. T. ist mit einer liebenswerten Französin verheiratet. Es war ein lebhaftes Fest, wie man es erwarten kann, wenn unsere französischen Nachbarn über den Rhein zum Feiern kommen. Dabei kam ich mit einem französischen Ingenieur aus der Franche-Comté ins Gespräch. Raten Sie mal, wo der Mann unter anderem studiert hat, und wovon er geschwärmt hat. Richtig, er hat einen Teil seines Ingenieurstudiums in Deutschland absolviert („un must, non?“) und er hat von Siemens mit ebenso viel Respekt gesprochen wie von Deutscher Ingenieurskunst („encore et toujours impressionant“) im Allgemeinen. Was wohl mein französischer Tischnachbar zum Healthineer sagen würde?

Schönes Wochenende!

Norbert Kraas

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