Archiv für die Kategorie ‘Wirtschaftskrise’

Einkäufer, Obama und Bob

Donnerstag, 06. Mai 2010

Mal angenommen, Sie haben einen Termin beim Frisör, der schneidet und stylt, dass es eine Wonne ist, Sie sind richtig zufrieden und fühlen sich hinterher rundum wohl. Käme es Ihnen da in den Sinn, an der Kasse noch schnell einen Nachlass von sagen wir mal 10 % zu verlangen? Mit der Begründung, dass ein Haarschnitt in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, schließlich umgerechnet nur 2 Euro kostet, inklusive Nackenmassage, Ohren waschen und was weiß ich nicht alles. Absurd, oder? In der Industrie aber gar nicht so selten. Meist wird dort allerdings das Nachverhandeln bereits vereinbarter Preise mit dem Suchen nach Haaren in der Suppe gezielt vorbereitet.

Mir sparet, koscht es, was es wolle: Einkaufen auf Schwäbisch
Rückblick: Vor gut einem Jahr ging es der Automobilindustrie (und zwar nicht nur Opel) richtig bescheiden. Das Jammern war groß und zeigte Wirkung. Die Abwrackprämie, deren langfristige Wirkung noch nicht absehbar ist, wurde ins Leben gerufen, um einen Industriezweig zu stützen, der nicht nur immer wieder Autos komplett am Markt vorbei entwickelt, sondern sich auch durch ein Einkaufsverhalten auszeichnet, das mit dem Bild der ausgequetschen Zitrone wahrscheinlich nur unzureichend beschrieben ist. Interessant, wenn nicht sogar zynisch in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass ausgerechnet Dieter Zetsche letztes Jahr gefordert hat, die Politik müsse auch die Automobilzulieferer unterstützen, weil sonst die Hersteller in Schwierigkeiten kämen. Und das, nachdem man vorher z. B. die vielen kleinen mittelständischen Zulieferer bis auf die Knochen ausgezogen hat. Geht’s eigentlich noch?

Wolfgang Pittrich, Chefredakteur der fertigung, hat zum Thema Einkauf einen Branchenreport geschrieben und ein interessantes Interview mit Martin Fahrner von der ubf Unternehmensberatung aus Tübingen geführt. Fahrner vertritt unter anderem die These, dass die Automobilisten zunehmend in die technologische Defensive geraten, weil der Wertschöpfungsanteil von deren Zulieferern (2002 lag er bei ca. 65 Prozent) ständig steigt. Der Einkäufer steht also vor der Situation, dass er einerseits den Zulieferer und dessen großes technisches Know-how braucht, andererseits ihm aber zeigen will, wo der Barthel den Moscht holt. Da geht’s dann dem Einkäufer wie unserem fünfjährigen Sohn Henry, der einerseits mit mir schon gerne im Garten kicken will, andererseits aber bitte nur nach seinen Regeln. Keine einfache Situation. Den ganzen Artikel zum Thema Einkauf können Sie hier lesen oder runterladen: Branchenreport Einkauf (fertigung 3-4/2010)

Die Marke in Verkaufsverhandlungen
Was für globale Marken gilt, trifft auch für einen mittelständischen Hersteller von technischen Gütern zu. Marken erfüllen für den Verbraucher und den Einkäufer eine Reihe wichtiger Funktionen. Dazu zählt unter anderem die Differenzierungsfunktion, die die Marke vom Wettbewerb abhebt und als einzigartig positioniert. Erreicht wird diese Alleinstellung entweder über das Produkt selbst, oder, wenn es viele ähnliche Produkte gibt, über die Kommunikation.
Darüber hinaus können starke Marken helfen, bessere Preise zu erzielen, die Kunden stärker zu binden und den Absatz zu erhöhen. Mit einer starken Marke im Rücken tut sich der Verkäufer mit Sicherheit leichter in Verkaufsverhandlungen. Nicht umsonst investieren Unternehmen wie adidas oder Apple überdurchschnittlich viel im Bereich Marketing und Kommunikation.

Yes, we can: Obama hat seinen Wahlkampfslogan gut einkauft
Zahllose Unternehmen werben mittlerweile auf meist peinliche Art mit dem Slogan „Yes, we can“, der allgemein dem amerikanischen Präsidenten Barrack Obama bzw. dessen Wahlkampfteam zugeschrieben wird. Stimmt aber nicht. Der Slogan stammt, so stand es vor einer Weile in der Süddeutschen, von Keith Chapman, der damit der britischen BBC eine Menge Geld eingespielt hat. Keith Chapman ist der Schöpfer von Bob der Baumeister (auch das eine sehr starke Marke!), der zahlreiche Eltern wahrscheinlich noch im Schlaf verfolgt. „Yes, we can“, singen Bobs Freunde immer dann, wenn Bob sie fragt: „Can we fix it?“

Wie verkauft man eigentlich Ramsch?
Wo wir gerade beim Verkaufen sind. Wollen Sie mal sehen, wie Verkäufer aussehen, denen es gelungen ist, absolute Ramschprodukte für richtig gutes Geld zu verkaufen? Dann schauen Sie sich die Goldmann-Sachs-Anhörungen vor dem US-Kongress an. Da bleibt mir die Spucke weg. (Quelle: Andrian Kreye)

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Was Marken so vertragen, oder auch nicht

Donnerstag, 11. Februar 2010

Die in manchen Branchen spürbare Erholung sollte nicht dazu führen, manche in der Krise erkannten Probleme wieder schnell unter den Teppich zu kehren. Ein bisher nicht sonderlich beachteter Aspekt sind Kultur- und Kommunikationsentwicklungen der letzten Jahrzehnte. Leider nur allzu kurz war von wiederkehrenden, „alten“ Werten wie Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit die Rede: im Zwischenmenschlichen, in der Politik und natürlich auch in Marketing, Werbung und PR.

Das Thema Ehrlichkeit bewegt auch Marketingleute
Yvette Schwerdt von der Absatzwirtschaft fragt in ihrem lesenswerten Schwerdt-Blog, wieviel Ehrlichkeit das Marketing verträgt, z. B., ob ein Unternehmen auch zu Makeln stehen sollte.

Ich meine, eine Marke und wir Verbraucher/Kunden halten wesentlich mehr Ehrlichkeit und Authentizität aus, als die meisten Marketingexperten in Agenturen und Unternehmen behaupten. Ich möchte sogar behaupten, dass viele Verbraucher (und das sind wir ja alle, egal ob wir eine Maschine, eine Betriebseinrichtung oder ein paar Jeans kaufen) genug haben von zum Teil aalglatten, völlig abgehobenen oder banalen Werbebotschaften à la Mario Barth.

Mir jedenfalls geht dieses ständige „Wir sind die Allergrößten und haben, wenn nicht das Rad, doch mindestens das Rädle erfunden“ auf den Wecker. Es langweilt, weil es jeder behaupten kann, und glaubhaft ist es längst nicht mehr. Manchmal erstaunt es mich viel mehr, wie viel Blödsinn, Missmanagement und dergleichen eine Marke überhaupt aushält, wie man im aktuellen brand eins „Hart im Nehmen. Die Marke“ lesen kann.

Kann ein Patriarch eine Marke vor den Baum fahren?
Mich würde interessieren, wie sehr die Marken VW und Porsche unter den Testosteronausbrüchen von ein paar größenwahnsinnigen Aufsichtsräten und Vorständen gelitten haben. Denn das dürfte den Imagewerten nicht zuträglich gewesen sein, oder wie haben Sie das erlebt?

Mein Käfer, der erste SUV: mit 34 PS und klasse Werbung
Mein erstes Auto war ein VW Käfer, 34 PS, Baujahr Ende der 60er Jahre. Und der stand für mich und meinen Vater für Qualität und Zuverlässigkeit. Und das waren keine leeren Worthülsen, sondern bedeutete konkret: man kam damit überall hin und hoch, ohne Allrad und 400 PS, und zwar bei jeder Wetterlage.
Ja, mein Käfer war vielleicht der erste SUV (Sport Utility Vehicle, was für ein bescheuertes Wortungetüm). Wir sind damit zu fünft den Arlberg hoch und wieder runter, und, wenn’s mal ganz heftig verschneit war, hat man zwei Leute auf die Heckstoßstange gestellt und hätte jeden Schneepflug überholen können. A propos Schneepflug:

Wie kommt eigentlich der Schneepflugfahrer zum Schneepflug?
Damals in den Sechzigern hat man in Wolfsburg nicht nur gute Autos gebaut, sondern in der Werbung auch noch richtig gute Geschichten erzählt, und zwar ohne ständig von PS, Zylindern und so was zu schwafeln. Helmut Schmitz, damals VW-Werbeleiter in den USA, hat seinerzeit etliche legendäre Anzeigen und Werbefilme mit DDB entwickelt. Meines Erachtens kann man beim Betrachten solcher Werbeklassiker mehr lernen als in Marketingseminaren vieler Hochschulen. Schauen Sie mal!

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Meine Quelle, mein Erbe, mein Discounter

Montag, 20. Juli 2009

Madeleine Schickedanz, Quelle-Erbin, klagt, und das auf sehr hohem Niveau, und zwar in der „Bild”, so lese ich gerade in der „Süddeutschen“. Sie lebe von 600 Euro im Monat, müsse beim Discounter einkaufen und beim Italiener um die Ecke essen gehen; vom ererbten Vermögen seien „nur” noch 27 Millionen übrig. Im Tagesgeld wäre das z. Zt. je nach Bank (Isländische Banken mal ausgenommen) ein zu versteuerndes Einkommen von ca. 400.000,00 Euro, pro Jahr. Ja und damit würde Frau Schickedanz, Steuern mal abgezogen, immerhin zu den 0,001 Prozent der reichsten Personen der Welt gehören. So rechnet es der „Wie-reich-bin-ich-Rechner“ (Hinweis von Blütenleser) von CARE auf seiner Homepage aus. Wenn Sie, wie ich, auch nicht auf der alljährlichen Forbes-Liste der Reichsten der Welt stehen, dann klicken Sie doch mal dort rein. Viel Vergnügen!
P. S. Manche werden sich noch dran erinnern, dass Friedrich Karl Flick auch an chronischer Verarmungsangst litt.
Und noch was: Die Tübinger Lyrikern Eva Christina Zeller sagte neulich in Schwäbischen Tagblatt, der Blick auf das eigene Leben vom Ende aus, sei ein heilsamer, der sie wieder ins Lot bringe. Das klingt vernünftig.

Was Sie immer schon wissen wollten. Quelle: CARE

Wie reich sind Sie

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Sichere Landung, keine ruhige Reise

Freitag, 17. Juli 2009

„Gott verspricht eine sichere Landung, aber keine ruhige Reise”, so lautet – interessanterweise – ein Sprichwort aus Großbritannien. Und von dort kommt ja bekanntlich die „Atheistenkampagne“. Der Atheistenbus bewegt ja zur Zeit nicht nur die Tübinger Gemüter, und das zumeist mit einer typisch deutschen, also leicht verbissenen Ernsthaftigkeit – und zwar auf allen Seiten! Mir scheint, die Engländer gehen da mit etwas mehr und typisch britischem Humor zur Sache. Das würde uns auch mal gut anstehen. Und dann darf man ja auch mal über zwei Dinge ganz locker nachdenken. Erstens: Ist es nicht interessant, dass die Atheistenkampagne gerade dort ins Leben gerufen wurde, wo noch vor kurzer Zeit (und jetzt wohl schon wieder) der ungezügelte “Anything-goes-Raubtier-Kapitalismus” regierte, nämlich in der Londoner City? Dort, wo es in Sachen Kohle, Konsum und Kommerz kein Halten, keine Maßstäbe und keine Werte mehr zu geben schien, und Geschäftsessen unter Bankern schon mal mit mehreren tausend Pfund zu Buche geschlagen haben. Anything goes eben. Und zweitens hat der Philosoph Robert Spaemann in seinem Buch „Das unsterbliche Gerücht“ sinngemäß geschrieben, dass die Atheisten dringend auf Gott angewiesen sind, denn sonst gäbe es ja nichts, woran sie nicht glauben könnten. Auch ein interessanter Gedanke. Wie auch immer: Bitten wir also um Gelassenheit und Humor – wen auch immer.

Ergänzung vom 31. Juli 2009
Karl Poralla, von mir sehr geschätzter Künstler und emeritierter Professor der Mikrobiologie, hat mir vor ein paar Tagen ein Blatt mit einem Gadamer-Zitat („Horizonte berühren sich, Standpunkte nie.”) gemailt, das zu diesem Beitrag sehr gut passt.

Standpunkte und Horizonte

Standpunkte und Horizonte

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Krise, Kirche, Krugman und Loudon

Dienstag, 07. Juli 2009

Heute wird Benedikt XVI seine aktuelle Sozialenzyklika “Caritas in Veritate” (Liebe in Wahrheit) veröffentlichen. In diesem päpstlichen Lehrbrief wird es um soziale Gerechtigkeit, aber auch um Themen der Finanz- und Wirtschaftskrise gehen. Die Veröffentlichung kommt gerade recht zum Berlusconi-Gipfel in L’Aquila, denn Ethik und Moral (bekanntermaßen Steckenpferde des Cavaliere) werden auch thematisiert. Einer der sich schon viele Jahre zu diesen Themen (also Ethik, Moral, Liebe, Geld, menschliche Höhen und ebensolche Abgründe) in brillanter und immer hörenswerter Weise äußert, ist der von mir hochgeschätzte Singer-Songwriter Loudon Wainright III. Und Loudon hat jetzt einen Song über Paul Krugman geschrieben, der den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten hat und zu den schärfsten (und auch eitelsten), aber sehr lesenswerten Kommentatoren der aktuellen Krise gehört. Den Hinweis auf diesen Song verdanken wir: Perlentaucher und Crooked Timber. Viel Vergügen!

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