Stilleben mit eineinhalb Büroklammern. Foto: Kraas & Lachmann.
Kennen Sie das? Immer wenn Sie was ausdrucken wollen, ist kein Papier mehr in der Kiste, und immer wenn Sie ‘ne Büroklammer brauchen, ist keine in Reichweite. Mir passiert das ständig.
Woran das liegt, hat mir gerade mein Kollege Jörn ganz freundlich und völlig ohne Ironie erklärt. Er meint, ich hätte ja schließlich nirgendwo den Büroklammer-Gefällt-mir-Button gedrückt. Na dann.
Welche Folgen die Digitalisierung und die sog. Sozialen Netzwerke sonst noch haben (können), dazu gibt’s heute ein Interview in der Süddeutschen mit der US-Soziologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology.
„Facebook und Twitter haben eine Generation von Selbst-Besessenen geschaffen, die nur zu kurzen Momenten der Aufmerksamkeit fähig sind und wie Kleinkinder ständig Rückmeldung einfordern.“
Posten bis der Arzt kommt. So könnte man den netten Blogbeitrag von Harald Taglinger auf Heise überrschreiben. Den Originalbeitrag lesen Sie hier. (via Perlentaucher, Quelle: Heise.de)
Die Folgen der sich laufend verkürzenden Aufmerksamkeitsspanne und dieser zunehmenden Infantilisierung unserer Gesellschaft schlagen sich auch in der Werbekommunikation nieder.
Also bitte: Bloß keine langen, intelligenten Texte mehr und auf keinen Fall anspruchsvolle Stilmittel in Wort und Bild.
Die neue Website unseres Kunden Wunschmann GmbH ist diese Woche Website der Woche bei der bekannten Fachzeitschrift für die Metallbearbeitung maschine+werkzeug.
Website der Woche: Wunschmann. Screenshot: www.maschinewerkzeug.de
„Unsere Produkte sind uns so egal wie unsere Kunden, Hauptsache bei Google stehen wir ganz oben.“
Zugegeben, das klingt jetzt ein bisschen überspitzt, aber manchmal fällt mir sofort dieser Satz ein, wenn ich höre, wie enorm wichtig vielen Unternehmen die Google-Platzierung ist.
Diesen Google-Suchmaschinen-Hype machen sich jetzt auch Betrüger zu nutze, die ihren Kunden viel versprechen und wenig halten. Thorsten Riedl hat in der Süddeutschen dazu gestern einen lesenswerten Artikel geschrieben:
Wissen Sie, was ich am Zeitunglesen so schätze? Nein, nicht das schöne große Format, denn das treibt einen bei der Lektüre im Bett zum Wahnsinn. Ich schätze es vielmehr, dass ich mit Dingen konfrontiert werde, von denen ich keine Ahnung hatte, Dinge, die mich überraschen und die mir, ja auch das gehört dazu, manchmal auf den Wecker gehen. So ist das halt mit Überraschungen.
Genau hier liegt das Problem der großen Suchmaschinen und sozialen Netzwerke, denn deren Algorithmen bieten uns, in Verbindung mit unserem Such- und Surfverhalten, immer weniger Überraschungen. Zu diesem Schluß kommt jedenfalls der amerikanische Autor Eli Pariser in seinem Buch „Filter-Bubble“, das Dirk von Gehlen gestern in einem sehr lesenswerten Artikel in der SZ besprochen hat.
Wenn zwei Menschen, so Eli Pariser, dasselbe Wort googeln, dann erhalten sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dasselbe Suchergebnis, sondern je eines, das sich nach ihrem bisherigen Such- und Surfverhalten richtet, ausgewählt (oder sollte man besser zensiert sagen?) von den Filter-Algorithmen der gerade benutzten Suchmaschine. Die Folge: statt überraschender Ergebnisse von jenseits des Tellerrandes, gibt es den Einheitsbrei, dessen Grundgeschmack wir schon kennen. Wollen wir das?
Eli Pariser auf der TED-Konferenz zum Thema Filter-Bubble:
Heute wird Amnesty International 50. Dazu gibt es eine grafisch gut gemachte Website, einen Film, ein 50-Jahre-Logo, jede Menge Informationen zum Thema Menschenrechte und natürlich auch darüber, wo und wie diese mit Füßen getreten werden.
Ich hatte hier im Blog ja schon verschiedentlich zum Thema Archive und Bibliotheken gepostet. Nun beschert uns der Perlentaucher einen lesenswerten Essay von Philipp Baar mit dem schönen Titel „Hätte Freud E-Mails geschrieben…“
Realität wird im Archiv entworfen
Ausgangspunkt von Baars Essay ist ein Buch von Jacques Derrida, in dem dieser sich Gedanken darüber macht, wie sich die Psychoanalyse entwickelt hätte, wenn Freud E-Mails geschrieben hätte. Philipp Baar zitiert Derrida u.a. mit dem Satz „Denn im Archiv wird die Realität nicht nur aufgezeichnet, sie wird dort entworfen.” Innerhalb des Essays finden sich auch einige Links zum Weiterlesen.
Illustration displaying the markings of various shells of ammunition, date and origin unknown. Quelle: www.forgottenbookmarks.com
Dieses Foto stammt aus dem Blog Forgotten Bookmarks. Der Blog wird von einem Antiquariat betrieben; gezeigt werden alle möglichen Dinge (z. B. Lesezeichen), die die Leute in Büchern vergessen. Auf dem Foto ist ein Deutsch-Englisch-Lexikon zu sehen, in dem jemand einen Zettel mit Abbildungen von Patronen vergessen hat.
„Je mehr wir ein ständig vernetztes Leben führen, umso mehr behandeln wir andere Menschen als Objekte, die man verwaltet und zu einem Rhythmus zwingt, den die Technik diktiert.“
(Sherry Turkle im Interview mit brand eins, April 2011)
Die amerikanische Professorin Sherry Turkle, 63, arbeitet seit 1978 am legendären MIT (Massachusetts Insitute of Technology). Ihr Spezialgebiet ist unsere computerisierte Gesellschaft und deren Veränderungen im Zuge der Digitalisierung. In der April-Ausgabe von brand eins hat Sherry Turkle ein Interview zum Thema Vernetzung gegeben, dass uns zu denken geben sollte.