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Von Kopftuchmädchen und Sarazenen

Kopftuchmädchen im Einsatz. via www.burks.de

Kopftuchmädchen beim Steineklopfen. via www.burks.de

Kopftuchmädchen 1
Unsere Tochter Emma muss vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, als sie meine Frau und mich um die Weihnachtszeit herum das erste Mal mit einem Auftritt als Gottesmutter Maria überraschte. Emma spielte ganz offensichtlich die Weihnachtsgeschichte nach, sehr emanzipiert und ohne Josef, trug lange Tücher über ihrer Latzhose und dazu – natürlich – ein Kopftuch, das nur noch das kleine ernste Kindergesicht frei ließ.

Kopftuchmädchen 2
Meine Oma Elisabeth, Jahrgang 1905, war das, was man eine typische Schwäbische Hausfrau nennt: sehr sparsam, enorm schaffig (schwäbisch für fleißig), bescheiden und immer mit beiden Beinen fest auf der schwäbischen Scholle. Sie war außerdem eine tolle Gaigelspielerin, trug fast immer ihren Kittelschurz und häufig ein Kopftuch, und das nicht nur in der Kirche.

Kopftuchmädchen 3
Vor ständig neuen Kopftuchmädchen fürchtet sich der Ex-Bundesbanker Thilo Sarazin und beklagt gleichzeitig die Gebährunfreudigkeit deutscher Akademikerinnen. So dass manche seiner Fans an den Stammtischen schon tausende von Kopftuchmädchen durch die deutschen Straßen ziehen sehen, welche Integration auch immer verweigernd.

Integratonsverweigerer Horst. Quelle: www.taz.de via www. sueddeutsche.de

Integratonsverweigerer Horst. Quelle: www.taz.de via www. sueddeutsche.de

Ein Thema, das natürlich auch den scheinheiligen Kopftuchverweigerer Seehofer tief bewegt, weshalb er, kurz vor dem CSU-Parteitag nach rechts schielend, ein Einwanderungsverbot für Türken und Araber forderte. Nach ein paar Tagen hat er es dann relativiert. Vielleicht hat ihm jemand gesagt, dass wohlhabende Türken und Araber eine nicht ganz unwichtige Zielgruppe für Luxusautomobile aus München und Ingolstadt sind.

Franz Beckenbauer, auch ein Integrationsverweigerer?
Apropos, ist eigentlich Horst Seehofer ein Integrationsverweigerer, weil er, wie meine Oma, kein Hochdeutsch, sondern Dialekt spricht – und dabei auch noch krampfhaft bemüht ist, Tonfall und Stimmlage von Franz-Josef Strauß zu imitieren, was ziemlich lächerlich klingt.

Im Deutschlandfunk fragte sich Arno Orzessek neulich in einem lesens- bzw. hörenswerten Beitrag, ob es eigentlich auch Integrationsverweigerung ist, wenn Halil Altintop für die türkische Nationalelf kickt, oder wenn sich Franz Beckenbauer steuergünstig hinter die Grenze ins lauschige Kitzbühel verzieht? Den ganzen Beitrag können Sie hier nachlesen oder nachhören.

Kübra Yücel, Bloggerin, Muslimin, Studentin. Quelle: http://ein-fremdwoerterbuch.blogspot.com/

Kübra Yücel, Bloggerin, Muslimin, Studentin. Quelle: http://ein-fremdwoerterbuch.blogspot.com/

Nachgefragt
„Das echte Gespräch bedeutet, aus dem Ich herauszutreten und an die Tür zum Du klopfen.“ Das stammt nicht von mir, sondern von Albert Camus. Es wäre auch ein schönes Motto für diese zum Teil hysterisch geführte Debatte. Nachdem ich in der SZ auf die Bloggerin Kübra Yücel aufmerksam wurde, habe ich Frau Yücel angeschrieben, ein paar Fragen gestellt und ein paar interessante Antworten bekommen:

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie das Wort Integrationsverweigerer hören?
Das Wort wurde in den Debatten der letzten Wochen kreiert und suggeriert, es gäbe eine Gruppe von Menschen, die alle Möglichkeiten und Chancen der Welt hätten, aber diese Angebote einfach nicht warhnehmen und sich auf Teufel komm raus nicht integrieren wollen – ja vielleicht sogar aus böser, böser Absicht. All dies schwingt in diesem Wort mit, das ist die Konnotation. Das Wort baut auf unhaltbaren Prämissen auf. Deshalb weigere ich mich, dieses Wort zu verwenden. Wir können und müssen über Integrationsprobleme, wir müssen Missstände benennen – aber nicht so. Nicht polemisierend, nicht pauschalisierend. Sondern ganz einfach: lösungsorientiert und ehrlich.

Kopftuchmädchen: Was empfinden Sie, wenn Sie so was hören oder lesen?
Am Anfang werde ich mich vermutlich etwas über diesen Begriff geärgert haben. Aber Wörter sind Wörter. Jeder kann einem Wort die Bedeutung geben, die er/sie möchte. Deshalb spiele ich mit dem Wort und überlasse die Bedeutungshoheit darüber nicht anderen. Das macht Spaß.

Was bedeutet für Sie gelungene Integration?
Oh, ein weites Feld. Ich habe da mal etwas zu geschrieben: http://www.m100potsdam.org/M100/Jugendmedienworkshop/2009/bewerbungstexte/rede4.php

Wo und bei welchen Gelegenheiten bemerken Sie an sich typische Prägungen der türkischen oder der deutsche Kultur?

Ich bin gerade in einer Phase, wo ich Themen nicht an mir als Person diskutieren will. Deshalb hoffe ich, dass es okay ist, wenn ich diese Frage nicht beantworte.

Sie schreiben auf Ihrem Blog, dass Sie Nationalität als Denkkonzept nicht besonders mögen. Haben Sie kein Bedürfnis (mehr) irgendwo „dazu gehören zu wollen“?
Ja, ich lehne Nationalität als Denkkonzept ab. Wir alle haben multiple Identitäten, die sich an unseren Interessen und Vorlieben festmachen. Nationalität ist eine von außen zugeschriebene Identität, eine fremdbestimmte Identität. Deshalb, aber auch aus vielerlei anderen Gründen, halte ich Nationalkategorien für überholt. Daraus folgerte ich für mich, dass ich weder deutsch noch türkisch sein möchte. Allerdings wandeln sich meine Gedanken auch, ich befinde mich immer in einem Denkprozess. Zuletzt kam ich in einem Gespräch mit einem Freund zu dem Ergebnis, dass ich das Ganze auch umdrehen kann. Statt den Einfluss der verschiedenen Nationen vollkommen abzulehnen, zu negieren und mich davon vollkommen loszulösen, kann ich auch sagen: Ich bin ein bisschen deutsch, ein bisschen türkisch, ein bisschen englisch und ein bisschen xy… Denn die Länder, in denen wir leben, die Kulturen, mit denen wir uns umgeben, prägen uns. Ich kann versuchen, mich von diesen Einflüssen loszusagen oder mich damit abfinden und daraus profitieren.

Gibt es eigentlich die Doppelte Staatsbürgerschaft in Bezug auf die Türkei und Deutschland?
Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft, weil ich vor 2000 einen deutschen Pass erhalten habe. Heute ist das nicht mehr möglich. Weil ich davon nicht betroffen bin, habe ich mich leider bislang nicht mit der rechtlichen Situation auseinandergesetzt. Wohl aber mit der psychologischen Folgen, die dies bei jungen Menschen verursacht, die sich plötzlich zwischen zwei Ländern entscheiden müssen: Das eine Land kennen sie aus dem Urlaub und haben ein dementsprechend romantisiertes Bild davon. Das andere Land kennen sie gut, sie sprechen die Sprache und haben dort ihren Lebensmittelpunkt. Allerdings erfahren sie Ausgrenzung, sind teilweise perspektivlos. Diese Entscheidung ist deshalb keine rationale, sondern leider viel zu häufig eine rein emotionale. Das hat Folgen.

Wenn Sie türkische, deutsche oder auch britische Werbung bzw. Werbespots anschauen, welche Unterschiede sehen Sie da? Deutsche Werbung gilt ja eher als trocken, englische als sehr witzig.
Oh, da haben Sie mich. Ich schaue leider (oder zum Glück?) kein Fernsehen, bekomme dementsprechend kaum Werbung mit. Ab und an aber machen einige Werbespots im Internet die Runde. Dann frage ich mich – als Werbebranchen-Laie – wohin wandert all die gute Werbung und warum sieht man sie nie im Fernsehen? Diese Frage hat mich schon immer brennend interessiert. Jetzt, wo ich der Frage wunderbar ausgewichen bin, kann ich ja mal zwei Links geben, von zwei tollen Werbungen. Hier die Werbung von der Firma „Berlitz“ http://www.youtube.com/watch?v=VSdxqIBfEAw und die Under Construction-Seite dieser türkischen Werbe-Firma: http://www.manajans-jwt.com/

Welches Buch lesen Sie gerade?
Ganz viele auf einmal und parallel. Also derzeit „Das Elexier der Glückseligkeit“ von Al Ghazali, „White Like Me“ von Tim Wise, „Muslime zwischen Tradition und Moderne“, „One Country“ von Ali Abunimah und endlich auch „Kampf der Kulturen“ von Huntington. Die liegen als Stapel neben meinem Bett. Neben dem Kuran. 🙂

Vielen Dank Kübra Yücel!

Was bleibt mir noch für heute? Die Hoffnung, dass diese ohne Zweifel wichtige Debatte zum Thema Integration und die damit verbundenen Schwierigkeiten endlich vernünftige Züge annimmt. Mit polemischen, fragwürdigen und teils beleidigenden Zuspitzungen geht es jedenfalls nicht.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Norbert Kraas

P.S. Entbehrt es nicht einer ironischen Note, dass der Familienname Sarrazin ursprünglich einen Volksstamm im Nordwesten der arabischen Halbinsel bezeichnete? Später, so lesen wir in Wikipedia, wurde der Begriff Sarazenen für alle muslimischen Völker verwendet, die ab dem 7. Jahrhundert in den Mittelmeerraum eindrangen. Als mögliche Wurzel wird unter anderem das arabische Wort „sariq” (Plural „sariqin“), auf Deutsch Plünderer genannt. Tja.

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