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„Ich habe keine Freunde.“

Zugabe vom 21.10.2010 für Stefan:

Hallo Stefan,
ich freue mich immer über Kommentare hier und bin auch kein Kulturpessimist, obwohl mir neulich jemand bei einer Präsentation mit freudigem Lächeln verkündete, dass in Zukunft der persönliche Kontakt von Mensch zu Mensch dank der neuen Mediennutzung (Twitter, Facebook, Apps) zunehmend überflüssig wird. Auch eine Meinung, oder?

Zum Thema Twitter/Facebook hier noch eine nette Illustration von Kiersten Essenpreis, die ich auf TheNextWeb gesehen habe:

Twitter-vs-Facebook

Gezwitscher : Gesichtsbuch 1:0 · Quelle: www.youfail.com · via www.thenextweb.com/

Jetzt weiter mit dem Orginal-Post

Il joue bien, Derrick
Also gut, ich bin weder in Facebook, noch in Xing, noch in sonst einem sozialen Netz. Freunde habe ich trotzdem, nicht viele, aber wer hat schon viele? Der Satz „Ich habe keine Freunde“ stammt übrigens nicht von der Anti-Facebook-Liga, sondern vom legendären Horst Tappert, von dem Opa Michel immer sagte: „Il joue bien, Derrick.“

Lizenz zum Freunde drucken
Nun wollen uns diese sozialen Netzwerke glauben machen, dass es ohne nicht geht, dass man ohne keine Freunde hat, ja, dass es fraglich ist, ob man ohne überhaupt existent ist. Grade lese ich auf jetzt.de, dass es mittlerweile eine Firma gibt, die mit den tausenden von Freunden, die manche Leute zu haben scheinen, Geld verdienen will. Einfach indem diese cleveren Geschäftsleute alle Freunde auf ein Poster drucken, dass man sich dann übers Bett, ins Klo oder sonst wohin hängen kann.


Ist diese hypnotisierende Musikuntermalung nicht schräg?

Was steckt dahinter?
Vor ein paar Wochen hat sich der Medienwissenschaftler Norbert Bolz in einem lesenswerten Aufsatz in der SZJeder ist seines Clickes Schmied – mit den sozialen Netzwerken beschäftigt. Bolz vertritt u.a. die These, dass der schwerste Angriff auf die Privatsphäre nicht von den Regierungen und Unternehmen ausgeht, sondern von den sozialen Netzwerken. Der Autor fragt sich auch, was hinter diesem permanenten Preisgeben von Daten und Informationen in sog. Profilen steckt. Zitat:

„Was steckt dahinter? Offensichtlich das, was der amerikanische Philosoph John Dewey einmal den Wunsch, wichtig zu sein, genannt hat. Das Profil ist die öffentliche Ausstellung der Identität. Wir opfern Privatheit für Aufmerksamkeit.“

Das kennen wir ja alle. Aber meine Güte, wenn ich mir vorstelle, wie wir uns  in den 80ern über die Volkszählung aufgeregt haben. Gegen Google, Facebook und Co. war das der reinste Kinderfasching.

Aristoteles und die Freundschaft (ergänzt 12.10.2010)
Der griechische Philosoph Aristoteles kennt übrigens drei Arten der Freundschaft unter Gleichen, wie ich neulich gelernt habe. 1. Die Freundschaft um des Nutzens willen. 2. Die Freundschaft um der Lust willen. 3. Die Freundschaft um des Guten (um der Tugend) willen. Die ersten beiden sind für ihn eigentlich egoistisch, zufällig und meist nur von kurzer Dauer. Nur die Freundschaft um des Guten, um der Tugend willen zählt, weil sie die Freundschaft um des Freundes willen ist. Wie hätte Aristoteles wohl die Facebook-Freundschaften charakterisiert?

Madeleine entschleunigt
Wenn Ihnen das Tempo auf dem globalen Daten-Highway mal wieder zu hektisch wird, und Sie ob der verlorenen Zeit in Sorge geraten, empfehle ich eine Tasse Tee, eine Madeleine und ein wenig Proust.

Madeleine_Minerve_2010

Die letzte Madeleine liegt hinterm Preisschild. Librairie Paroli à Minerve.

Ein kleiner Vorgeschmack:

„Und mit einem Mal war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jenes kleinen Stücks einer Madeleine, das mir am Sonntagmorgen in Combray (weil ich an diesem Tag vor dem Hochamt nicht aus dem Hause ging), sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Leonie anbot, nachdem sie es in ihrem schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte. Der Anblick jener Madeleine hatte mir nichts gesagt, bevor ich davon gekostet hatte; vielleicht kam das daher, daß ich dieses Gebäck, ohne davon zu essen, oft in den Auslagen der Bäcker gesehen hatte und daß dadurch sein Bild sich von jenen Tagen in Combray losgelöst und mit anderen, späteren verbunden hatte; vielleicht auch daher, daß von jenen so lange aus dem Gedächtnis entschwundenen Erinnerungen nichts mehr da war, alles sich in nichts aufgelöst hatte; die Formen […] waren vergangen, oder sie hatten, in tiefen Schlummer versenkt, jenen Auftrieb verloren, durch den sie ins Bewußtsein hätten emporsteigen können. Doch wenn von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr existiert, nach dem Tod der Menschen und dem Untergang der Dinge, dann verharren als einzige, zarter, aber dauerhafter, substanzloser, beständiger und treuer der Geruch und der Geschmack, um sich wie Seelen noch lange zu erinnern, um zu warten, zu hoffen, um über den Trümmern alles übrigen auf ihrem beinahe unfaßbaren Tröpfchen, ohne nachzugeben, das unermeßliche Gebäude der Erinnerung zu tragen.

Und so ist denn, sobald ich den Geschmack jenes Madeleine-Stücks wiedererkannt hatte, das meine Tante mir, in Lindenblütentee getaucht, zu geben pflegte (obgleich ich noch immer nicht wußte und auch erst späterhin würde ergründen können, weshalb diese Erinnerung mich so glücklich machte), das graue Haus mit seiner Straßenfront, an der ihr Zimmer sich befand, wie ein Stück Theaterdekoration zu dem kleinen Pavillon an der Gartenseite hinzugetreten, der für meine Eltern nach hintenheraus angebaut worden war (also zu jenem begrenzten Ausschnitt, den ich bislang allein vor mir gesehen hatte), und mit dem Haus die Stadt, vom Morgen bis zum Abend und bei jeder Witterung, der Platz, auf den man mich vor dem Mittagessen schickte, die Straßen, in denen ich Einkäufe machte, die Wege, die wir gingen, wenn schönes Wetter war. Und wie in jenem Spiel, bei dem die Japaner in eine mit Wasser gefüllte Porzellanschale kleine Papierstückchen werfen, die sich zunächst nicht voneinander unterscheiden, dann aber, sobald sie sich vollgesogen haben, auseinandergehen, Umriß gewinnen, Farbe annehmen und deutliche Einzelheiten aufweisen, zu Blumen, Häusern, echten, erkennbaren Personen werden, ebenso stiegen jetzt alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das, was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg aus meiner Tasse Tee.“

zitiert aus Marcrel Proust: Unterwegs zu Swann. Combray S. 66ff., zitiert nach der Frankfurter Ausgabe, herausgegeben von Luzius Keller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. Quelle: http://homepage.boku.ac.at/duerr/Zitate%20aus%20Marcel%20Proust.htm#M1
Zum Weiterlesen wird die Frankurter Ausgabe von Suhrkamp empfohlen

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2 Kommentare

  1. Warum so negativ? Ist es denn nicht gerade die Aufgabe des Werbers, dafür zu sorgen, dass seine Kunden wichtig sind? Möchte man als Unternehmer denn nicht eine gewisse Wichtigkeit haben, für seine Kunden, für den Markt? Einfach mal bei Xing anmelden und schauen, was da los ist und wie sich das anfühlt. Niemand muss (wenigstens bei Xing) persönliches oder gar privates veröffentlichen. Und bei Xing heißen die Kontakte auch Kontakte und nicht Freunde.
    Der Film ist gut, hat wenig mit sozialen Netzwerken und viel mit der spannenden Gründung eines erfolgreichen Unternehmens durch Studenten zu tun. Ein Low-Budget-Film, der viel mit Dialog und wenig mit Aktion und Effekt arbeitet.

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